Marcel René Klapschus: Der rote Ozean

In seinem im Februar 2011 erschienenen Roman Der rote Ozean nimmt sich der 1986 geborene Nachwuchsautor Marcel René Klapschus auf ungewöhnliche Weise eines wichtigen Themas an: Dem traditionsreichen Konflikt zwischen Abend- und Morgenland bzw. Christentum und Islam.

Ungewöhnlich ist dieser stark mit biblischen Anspielungen arbeitende Roman zum einen wegen des häufigen und unvermittelten Einbruchs phantastischer Elemente in die fiktive Welt des Jahre 2027 bis 2030. So erscheint nicht nur auf einem Jerusalemer Markt ein Riese, der kurz darauf durch eine Bombenexplosion getötet wird, sondern nach einem Atombombenabwurf auf Beirut auch dem Protagonisten Brian ein rätselhaftes Wesen in Gestalt eines kleinen Mädchens, das sich nach und nach als Engel der Hoffnung entpuppt. Es ist nicht nur die nach Aussagen des Autors in seinem Nachwort auf japanische Einflüsse zurückgehende Vermischung phantastischen und relistischen Erzählens, die den „Leser […] auf eine harte Probe stellt„, sondern vor allem das Fehlen eines erzähltechnischen Verfahrens, das dem Leser eine Akzeptanz des Präsentierten ermöglichen würde. Eines solchen bedienen sich aber auch die japanischen Autoren durchaus: So bereitet selbst Murakami1Q84 über 500 Seiten jenen grotesken Moment vor, in dem durch einen Riss das Phantastische Einzug in die uns bekannten Welt hält und zelebriert ihn in Aufbau und Erzählsituation. So fällt es dem Leser auch schwer, anzunehmen, was er mit dem zum Waisenkind gewordenen Brian nach dessen Rettung durch amerikanische Truppen in den U.S.A. erfahren muss: Dass Millionen Menschen durch die roten Fluten gestorben sind, dass der Ozeanspiegel immer weiter ansteigt, dass die Substanz jenes roten Wassers die gleiche wie die des durch den Bombenanschlag getöteten Riesen ist, dass der Riese Christus war, dass die neugebildete Christliche Föderation schon wenige Stunden nach der Nuklearexplosion in Beirut unter amerikanischer Führung der Islamischen Union den Krieg erklärt hat, dass deutsch-israelische Truppen in Syrien kämpfen, dass der Putsch eines Baptistenpredigers in den U.S.A. erfolgreich gewesen ist und dass die U.S.A., wie er sie kennt, nicht mehr existiert.

Als wäre dies nicht schon Anlass genug für die meisten Leser, das Buch zur Seite legen, reihen sich inhaltlich Fragwürdiges und logisch Widersprüchliches aneinander. So liegt der Protagonist, der nach und nach als Erlöserfigur  präsentiert wird, am 25. August schon „drei volle Tage“ nach dem Bombenanschlag auf seine Person vom 22. August im Militärkrankenhaus seiner Basis, macht sich aber am 26. August besorgt Gedanken darüber, dass die Islamische Union nach dem gescheiterten Attentatsversuch vor zwei Tagen nicht aufgeben werde. Ob er bei diesem Anschlag oder schon in Beirut oder irgendwann anders in Erfüllung seines Dienstes auch jenes Bein verloren hat, das gegen Ende des Romanes plötzlich von einer Prothese vertreten wird, erfährt der Leser nicht. Zu den beiden besprochenen Ungereimtheiten gesellen sich auf 220 Seiten leider noch zahlreiche andere, die Anja Helmers in ihrer Rezension von Der rote Ozean  schon ausführlich besprochen hat, so dass man hier davon absehen kann, noch einmal das Gleiche zu tun.

Obwohl der eigentlich auktorial erzählte Roman über weite Strecken aus der Perspektive des Protagonisten erzählt wird, gelingt es dem Leser nicht, einen Zugang zur Hauptfigur  zu finden. Der 16-jährige Brian Mallouf scheint in seiner Wahrnehmung ziemlich beschränkt, denn immerhin nimmt er angeblich noch nicht einmal wahr, dass er in den amerikanischen Medien (aus nicht nachvollziehbaren Gründen) zum Messias stilisiert wird. Auch die mehrfache Erscheinung eines übernatürlichen Wesens vermag ihn nicht zu erleuchten (man muss ihm aber zugute halten, dass hier die Engel reden, wie Engel eben reden:  kryptisch). Tatsächlich ist eine charakterliche Entwicklung der humorlosen Figur über den dreijährigen Handlungszeitraum, in welchem die Welt nach und nach in Schutt und Asche bzw. roten Fluten versinkt, kaum zu erkennen: Genauso passiv wie er am Anfang des Romanes erscheint, als ihn die rätselhafte Khayra auf einer Hochzeit in Beirut auffordert, wirkt er nahezu bis zum Ende des Romanes. Erst auf den letzten Seiten innerhalb der Arche entwickelt er so etwas wie Initiative – die allerdings ganz dem starken moralischen Impetus des Werkes entspricht. Wie der Leser ohne Hilfestellung die Prämissen des Romanes hinnehmen muss, stellt sich Brian also bereitwillig überall dorthin, wo ihn das Schicksal oder seine Vorgesetzten haben sehen wollen – nur seiner kosmische Aufgabe scheint sich (anfangs) nicht fügen zu wollen oder zu können. Zudem scheint er – abgesehen von einigen ritualisierten Gewissensbissen hinsichtlich des Todes eines Kameraden und eines irrtümlich erschossenen Familienvaters – auch ein ziemlich oberflächlichen Charakter zu sein. Schon aufgrund dieser Wesenszüge war es mir als Leser schlechthin nicht möglich, die Figur von Brian als angeblichen Retter der Welt innerhalb der Fiktion des Romanes, der in geradezu haarsträubender Weise endet, zu akzeptieren. In der Folge kann sich der Leser auch nicht an der ganzen Reihe spannender Momente erfreuen, mit denen Klapschus‘ Roman durchaus aufwartet, die aber leider allzu oft von wenig überzeugenden Dialogen bzw. den wenig tiefgängigen Feststellungen der Hauptfigur, die man kaum als Reflektionen bezeichnen kann, unterbrochen werden. Die Sprache des Romanes ist im Übrigen mit dem Adjektiv ‘schlicht’ treffend beschrieben – was hier aber keinen Mangel, sondern eine Eigenschaft bezeichnen soll.

Als besonders störend empfand ich persönlich die Vordergründigkeit der moralischen Botschaft des Romanes in Verbindung mit den zahlreichen biblischen bzw. christlichen Motiven, zumal der Plot selbst der Komplexität von kulturellen bzw. religiösen Konflikten, die hier in ihrer Ursache auf  ‘Vorurteile’ und ‘Rache’ reduziert erscheinen, nicht gerecht wird.

Fazit

Marcel René Klapschus’ zu vordergründiger Roman Der rote Ozean, der sich in oberflächlicher Weise eines interessanten und wichtigen Themas annimmt, bereitet trotz  spannender Momente aufgrund zahlreicher Schwächen wenig Lesespaß – selbst wenn man sich zwingen kann, die Prämissen des Plots zu akzeptieren.

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