Marcel Theroux: Weit im Norden

In seinem postapokalyptischer Roman Weit im Norden, der diesen Monat bei Heyne erschienen ist, erzählt Marcel Theroux nicht nur von der deprimierend dunklen Zeit nach einer Klimakatastrophe, sondern hinterfragt auch die Chancen des Menschen auf einen besseren Neuanfang.

Schon auf den ersten Seiten des Romanes begegnet der Leser neben einem, zugegeben, recht eigenwilligen Setting bedrückenden Bildern: Als letzte Überlebende amerikanischer Aussteiger reitet Constable Makepeace Hatfield durch die verschneiten Straßen der sibirischen Stadt Evangeline. In zahlreichen Rückblenden erzählt die Ich-Erzählerin, wie der Versuch ihrer Eltern, schon vor dem Ende der alten eine neue Welt in den menschenleeren Weiten Russlands aufzubauen, an den Wirren der Zeit und dem Wesen des Menschen gescheitert ist. Nur kurz wird die an Körper und Seele verletzte Protagonistin durch einen anderen Menschen von ihrer Einsamkeit erlöst, bevor sie sich in ihrer Verzweiflung an das letzte Stückchen Hoffnung klammert und sich auf die Suche nach einer vermeintlich besseren Welt macht – obwohl sie in ihrem Innersten weiß, dass diese längst mit der Katastrophe untergegangen ist. So findet sie in den Weiten Asiens am Rande des Highways auch nicht die ersehnte Stadt, sondern ein Arbeitslager, Sklavenarbeit, eine tote Zone und zuletzt die deprimierende Bestätigung ihrer Auffassung, dass ihre Eltern mit ihren Ansichten über das Wesen des Menschen grundsätzlich falsch lagen.

Obwohl Weit im Norden zusammen mit Cormac McCarthys The Road einer der wenigen postapokalyptischen Romane der letzten Jahre ist, die von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurden, können diese nicht gut miteinander verglichen werden. Zwar beziehen beide Werke einen Großteil ihrer bedrückende Atmosphäre aus dem gnadenlosen Umgang der Menschen miteinander, doch wo Die Straße die Handlung mit Bildern einer entsetzlich entstellten Umwelt untermalt und in der bedingungslosen Liebe eines Vaters zu seinem Sohn konterkariert, verlässt sich Theroux vornehmlich auf die Wirkung seiner traumatisierten einsamen Hauptfigur und ihre düsteren Gedankengänge. Das kann nur gelingen, wenn diese vielschichtig angelegt ist. Dementsprechend interessant hat Theroux seine Protagonistin, deren Geschichte der Leser nach und nach erfährt, auch gestaltet. Sie macht die Geschichte erst lesenswert. In der Schilderung ihrer Erlebnisse, die aufgrund der vom Verlag überraschend gewählten Schriftgröße  beeindruckende 420 anstatt realistische 200 Seiten umfasst, reiht die Erzählerin dementsprechend die wichtigsten und prägendsten Ereignisse eines 6-jährigen Kampfes um einen Lebenssinn als Kette spannender und bedrückender Momente in einer auseinander gebrochenen Welt aneinander.

Aber nicht nur die Hauptfigur hat Theroux vielschichtig angelegt, auch die anderen Figuren sind alles andere als Stereotypen – jenseits der bekannten literarischen Schwarz-Weiß-Malerei versuchen die Figuren ihr wahres Wesen zu verschleiern, das in seinem Innersten nicht auf gut und böse vom Autor reduziert wird – zumal hier der Mensch im Kampf ums Überleben zu nahezu allem bereit zu sein scheint. Insofern ist der Roman  nicht nur die Geschichte einer Suche nach einem besseren Leben, sondern auch nach der Natur des Menschen, die sich in Extremsituationen offenbart.

Dabei überrascht auch immer wieder angenehm die Handlung, die zahlreiche Wendungen nimmt. Jenseits des bekannten Handlungsmusters der Quest  kommt keine Langeweile auf. Gelungen erscheint dabei Theroux’ Umgang mit den bekannten Motiven des Genres. Zwar begegnen dem Leser Sklaven- bzw. Arbeitslager wie in Robbie Macauleys Dunkel kommt die Zukunft, doch erscheinen diese durch die Augen der Protagonisten nicht als Inbegriff des Schreckens, sondern als eine Form möglichen Überlebens – und davon führt der Autor eine ganze Reihe vor. Auch die Variation des – nennen wir es nach Metro 2033 einmal so –  „Stalker“-Motivs ist nicht uninteressant, welches hier vor allem dazu dient, den geringen Wert menschlichen Lebens in einer Welt, in der nur noch das eigene Überleben zählt, zu demonstrieren. Dass dabei die Beschreibung einer zur „Zone“ erklärten rätselhaften Stadt nicht zu den Beeindruckendsten gehört, ist zu verschmerzen.

Fazit

Weit im Norden ist ein durchaus spannender Roman, der sich jenseits seines postapokalyptischen Abenteuers in interessanter Weise mit der wichtigen Frage, ob das Wesen des Menschen überhaupt eine bessere Welt möglich macht, auf mehreren Ebenen auseinandersetzt. Mit Sicherheit zählt Theroux’ Werk auch aufgrund seiner mehrdimensionalen Figurengestaltung und den manchmal wirklich überraschenden Wendungen, welche die Handlung nimmt, zu den besseren Romanen des Genres.

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