Andreas Guha: Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg

Wie so viele der Warnutopien des Jahres 1983 verarbeitet auch Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg die zeitgenössischen Ängste vor den Folgen des Nato-Doppelbeschlusses. Wenn auch hier die Sowjetunion wie in Gerhard Zwerenz Der Bunker aufgrund der nukleare Nachrüstung des Westens  zu einem nuklearen Schlag gegen die Bundesrepublik veranlasst wird, so erscheint das von Guha geschilderte Szenario, das ebenfalls nicht den gängigen Vorstellungen der Militärstrategen folgt (siehe hierzu: General Sir John HackettDer Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland) aber durchaus plausibel.

Die U.S.A. frisst ihre Kinder

Ausgangspunkt der Katastrophe, die im Jahre 1998 über die Bundesrepublik hereinbricht, ist ein amerikanischer Angriff auf die Insel Kuba, auf der sich wieder sowjetische Stellungen befinden. Diesem Angriff, der stellvertretend für viele andere mögliche Konflikte stehen kann, folgt die weltweite Eskalation verschiedener indirekter Stellvertreterkriege zu direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten. Angesichts der Bedrohung der politischen Führung der U.D.S.S.R., der vom Westen immer wieder ein präventiver „Enthauptungsschlag“ durch die für einen Erstschlag geeigneten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik angedroht worden ist, erfolgt ein begrenzter Atombombenangriff auf die B.R.D. ohne eine vorhergehend Invasion durch die Rote Armee. Bei dem nachfolgenden Vormarsch der Warschauer-Pakt-Truppen setzen beide Seiten nukleare Gefechtsfeldwaffen ein, die letztendlich Zentraleuropa – insebesondere aber Deutschland – in eine nukleare Wüste verwandeln.

Die Notstandsgesetze schießen los

Ein besonderer Stellenwert im Roman, der ausgiebig die Panik der deutschen Bevölkerung schildert, kommt den 1968 beschlossenen Notstandsgesetzen zu, die hier in fiktiven Erweiterungen der neunziger Jahre noch ein wenig verschärft worden sind. Aber auch in der orginalen Fassung hätten sie jene durchaus realistischen geschilderten Vorgänge, die Guhas Ich-Erzähler wütend zur Kenntnis nehmen muss, ermöglicht: Die Zensur der Presse bzw. der Medien insgesamt, Ausgangssperren, Sperrungen von Straßen zwecks Durchführung von militärischen Transporten ins wahrscheinliche Kampfgebiet an der deutsch-deutschen Grenze, Freischießen der Zugänge zu den Lagerstädten der Mittelstreckenraketen und Anklagen wegen Verrat und Defätismus. Deutlich wird, dass sich die Ängste der bundesdeutschen Bevölkerung spätestens Anfang der 80er Jahre im Vergleich mit denen der 50er und 60er Jahre deutlich verändert haben. Beherrschte damals die Furcht vor „dem Russen“ die öffentliche Meinung – und schien damit die Westbindung in der NATO notwendig –  so führt diese Allianz nun aufgrund des von den Autoren wohl als „imperialistisch“ verstandenen Vorgehens der U.S.A. zur endgültigen Katastrophe der Deutschen. Nahegelegt wird dabei immer, dass ein neutrales Deutschland besser dran gewesen wäre – obwohl mir die Vorstellung eines Westdeutschlands der 80er Jahre jenseits der Paktsysteme illusorisch und wenig realistisch erscheint.

Reflektionen über das Ende

Auffällig ist bei Guha wie bei Zwerenz der hohe Anteil von Reflektionen über die politischen Ursachen des Unterganges, die zum Schluss auch im Ethischen gesucht werden. Ermüdeten diese schon in Der Bunker den Leser deutlich, so kann man bei Guha erst nach dem Angriff der Sowjetunion auf die Bundesrepublik überhaupt von einer literarischen Handlung im eigentlichen Sinne sprechen. Meiner ersten Schätzung nach, machen die theoretischen Ausführungen des Protagonisten ca. 3 Viertel des 180 Seiten umfassenden Werkes aus, womit die eigentliche Geschichte der Hauptfigur, die hier zum Sprachrohr des Autors selbst degradiert wird, vor allem am Anfang zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Obwohl hierdurch der Eindruck der Hilflosigkeit des Einzelnen angesichts des nahenden Unheils verstärkt wird, lässt sich nicht mehr davon sprechen, dass die Lektüre des Tagebuches „Spaß“ im herkömmlichen Sinne machen würde. Guhas Ende ist weniger ein literarischer Text als eine politische Schrift, die mit ihrem geringen fiktiven Anteil die theoretischen Ausführungen des Autors untermauert – dieser Eindruck kann später auch weder durch die bedrückenden postapokalyptischen Szenen in Frankfurt und Wiesbaden noch durch die Erzählung vom persönlichen Untergang des Protagonisten und seiner Familie verwischt werden.

Fazit

Anton Guhas Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg kann kaum noch als literarisches Werk im engeren Sinne bezeichnet werden, da hier die eigentliche Handlung über weite Strecken vornehmlich dazu dient, Anlässe zu politischen und philosphischen Reflektionen zu schaffen – wobei die Auswirkungen eines Nuklearkrieges am Ende aber eindringlich und durchaus gelungen geschildert werden. Die Lektüre des Buches bietet sich damit nur jenen Interessierten an, die einen tiefergehenden Einblick in die Ängste und Argumentationsweisen der Friedensbewegung der achtziger Jahre bekommen möchten – alle andern sollten zu jenen Werken greifen, in denen das Geschehen eines Atomkrieges stärker als hier literarisiert wird.

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