Gerhard Zwerenz: Der Bunker

Der Bunker von Gerhard Zwerenz ist einer jener Warnutopien, die 1983 in der Bundesrepublik Deutschland zuhauf erschienen und eine literarische Auseinandersetzungen mit dem NATO-Doppelbeschluss und seinen potentiellen Folgen darstellen (andere Beispiele sind Udo Rabschs Julius oder der Schwarze SommerAnton Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg und Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn).

Der Zwerenz’sche Plot unterscheidet sich dabei auf eine charmante Art von dem der anderen Autoren: Von der Nato gewarnt begeben sich der deutsche Bundeskanzler und seine wenigen Auserwählten in den Regierungsbunker in der Eifel. Auf den Ich-Erzähler, ehemalige Regierungssprecher, Alkoholiker und nun wenig erfolgreichen Schriftsteller Seraphim Landauer fällt die Wahl des Regierungschefs deshalb, weil dieser in besonderer Weise geeignet erscheint, als eine moderne Form des Kriegsberichterstatters die Handlungen der Verantwortlichen zu beobachten und dokumentieren – denn vor dem Gericht der Geschichte wollen die Politiker gerne mit weißer Weste erscheinen. Was diese jedoch nicht wissen ist, dass Seraphim einer jener gedungenen Meuchelmörder ist, die gemäß eines Abkommens der östlichen und westlichen Mächte im Falle eines Atomkrieges jeweils die Mächtigen zur Verantwortung für ihre Taten ziehen sollen: Denn warum sollten diejenigen, die mit dem Leben von Milliarden Menschen gepokert haben, am Ende davonkommen – zumal sie so ein verstärktes Eigeninteresse daran haben dürften, dass es nicht zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommt.

Ein zweifelhaftes Szenario

So interessant (und phantasievoll) der Plot auch sein mag – das Zwerenz’sche Szenario, das zuletzt zur Vernichtung Mitteleuropas führt, ist wenig überzeugend – auch wenn es im Ansatz durchaus etwas für sich hat. Man erinnert sich: Aufgrund sowjetischen Überlegenheit im Bereich der Mittelstreckenraketen und einer Begrenzung der Interkontinentalraketen wurde im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland festgelegt. Dieses ermöglichte aus östlicher Sicht einen nuklearen Erstschlag auf das Kernland des Warschauer Paktes bei einer von 30 auf 9 Minuten reduzierten Reaktionszeit, was aller Berechnung nach auch dazu geführt hätte, dass die U.D.S.S.R. gegenüber der U.S.A. selbst mittels Interkontinentalraketen nicht „angemessen“ hätten Vergeltung üben können – und das ist auch die Grundannahme des Autors: Die nukleare Nachrüstung des Westens setze das durch die Mutal Assured Destruction geschaffene Gleichgewicht des Schreckens außer Kraft. Der arme Russe steht bei Zwerenz aufgrund des unverantwortlichen Verhaltens der westlichen (Macht-)politiker mit dem Rücken an der Wand. Es ist zwar nachvollziehbar, dass 1983 solche Befürchtungen geäußert wurden,  was dann aber folgt, entbehrt jeglicher Grundlage – denn entgegen allen Erwartungen überrennen die überlegenen Truppen des Warschauer Paktes nicht in einem konventionell geführten Überraschungsangriff, dem eine schrittweise Eskalation bis hin zum umfassenden nuklearen Schlagabtausch folgt, die Bundesrepublik, sondern es entwickelt sich aufgrund des Romanplots (der sich sonst angesichts der Kürze der Zeit gar nicht entfalten könnte)  ein 30-tägiges Geplänkel, in dem jeweils der Gegner erst die Inseln Helgoland und Hiddensee besetzt, welche dann vom eigenen Staat ausradiert werden – gleiches widerfährt übrigens auch den Hauptstädten Berlin und Bonn. Da erscheint das wenige Jahre zuvor von General John Hackett in Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland entworfene Geschehen realistischer.

Die feigen Verbündeten

Der Ablauf des weiteren weltpolitischen und militärischen Geschehens spiegelt nicht nur die zeitgenössischen Ängste der deutschen Bevölkerung wider, sondern auch die Befürchtungen der bundesdeutschen Politiker: Denn zu recht konnte es daran Zweifel geben, ob die U.S.A. bereit sein würden, sich für die westeuropäischen Staaten zu opfern. Wäre es nicht verständlich, wenn sie nach einen auf Mitteleuropa begrenzten Nuklearkrieg die Verbündeten in Westeuropa preisgeben würden, um Angriffe auf das eigene Land zu verhindern – zumal das aufgegebene Territorium über lange Zeit unbewohnbar gewesen wäre? In Zwerenz’ Roman bewahrheiten sich die dunklen Ahnungen der Verantwortlichen, als sich die us-amerikanischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik zurückziehen – was nicht nur einen ersten Hinweis auch auf die politische Haltung des Autors, der nach der Wiedervereinigung einige Zeit lang über die offene Liste der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) Mitglied des Deutschen Bundestages war, zulässt, sondern auch einen Einblick in seine Einschätzung des Wertes der Allianz mit den U.S.A. gibt.

Bunkergroteske 

Besonders bedrückend erscheint, dass die politisch Mächtigen innerhalb des Bunkers zunehmend die Kontrolle über das Land verlieren – ist mit dem Verteidigungsminister schon seit der Übernahme der militärischen Kommandostrukturen durch die Nato eigentlich ein überflüssiger Esser im Bunker, so gibt es für die ehemaligen Herren der Republik angesichts des über das Land hereinbrechenden Chaos und den immer häufiger unbesetzt bleibenden Dienstellen außerhalb nur wenig sinnvolle Tätigkeitsbereiche. Da erscheint es beinahe wie Resignation, dass Zwerenz den Kanzler wenige Stunden vor dem endgültigen Schlag der Supermächte die Renten in jenem Land, das nur Spielball der Supermächte ist, um großzügige 20 Prozent anheben lässt.

Brutale egoistische Schweine

Was Zwerenz dem Leser da boshaft als Führungselite der Bundesrepublik und Abgesandte der westlichen Allianz im feuchten Halbdunkel ihres Rattenlochs präsentiert, ist eine Ansammlung von Egoisten, Schurken, Macht- und Gewaltmenschen, Alkoholikern und Idioten. Sei es, dass der dekadent wirkende Bundespräsident darauf besteht, dass ein Hubschrauberpilot mutig sein Leben aufs Spiel setzt, um den x-ten Präsidentenhund vor der Gefahr des nuklearen Feuers zu bewahren, oder dass der Bundeskanzler, der zunehmend wie Adolf Hitler im April 45 beginnt Selbstgespräche zu führen, plant, am Ende alle Bewohner umzubringen und sich selbst mit einer handvoll Getreuer nach Afrika abzusetzen – um gar nicht davon zu reden, dass der amerikanische Botschafter und ehemalige Strumpfhosenfabrikant zu besoffen ist, um zwischen ‘Ja’ und ‘Nein’ unterscheiden zu können. Auch wenn man sich angesichts der Figuren manchmal des Lachens nicht enthalten kann, verblüfft es heute doch immer noch, wieviel seines klassischen Ressentimentes der sozialistische Autor hier gegenüber dem kapitalistischen Gegner und der verbündeten Sozialdemokratie durchblicken lässt. Ob es dessen pazifistischer Gesamthaltung oder der bloßen Ablehnung  westlichen Militärs zuzuschreiben ist, dass nach wenigen Tagen die Wacheinheiten des Bunkers auf Befehl des Kanzlers, der übrigens eine Mischung aus Helmuth Schmidt, Helmuth Kohl und Franz Joseph Strauß ist, zu Übungs- und Vergewaltigungszwecken Jagd auf Zivilisten in den umliegenden Dörfern machen, ist allerdings nicht feststellbar.

Über den Wert des Handwerkes

Ebenso zweifelhaft wie die Gestaltung von Szenario und Figuren ist die literarische Qualität des Werkes. Dass der der Autor, der gut 100 Romane – davon eine Reihe deftig pornografischer unter den Pseudonym Gert Amsterdam – verfasst hat, schreiben kann, merkt man. Allerdings entgeht dem Leser auch nicht, dass Zwerenz der Intelligenz seiner eigenen Leserschaft nicht zu trauen scheint. Denn als wären die theoretisch teilweise redundanten und immer wieder ermüdenden theoretischen Ausführungen, die Zwerenz seinen Figuren in den Mund legt, nicht schon nervig genug, fühlt sich der Autor auch noch bemüßigt, jede Anspielung auf andere Werke bzw. historische Situationen explizit zu erläutern. Selbst die literarische Machart des Romanes erklärt der Autor, der sich hier hinter dem Ich-Erzähler versteckt, über mehrere Seiten. Sollte das ein Versuch postmoderner Selbstreflektivität gewesen sein, so ist dieser heftig misslungen. Angesichts dessen wirkt es fast, als hätte der handwerklich nicht ungeschickte Zwerenz den Versuch unternommen, ein politisches Pamphlet hinter der Camouflage eines beinahe zum Rudiment reduzierten (und recht böswilligen) Handlungsgerüstes zu verstecken.

Fazit

Zwerenz’ Roman Der Bunker ist nicht nur von zweifelhafter literarischer Qualität, sondern verlangt auch dem Leser, der von der politischen Haltung des Autors absehen kann, aufgrund langatmiger theoretischer Erwägungen und politischen Ausführungen, der Figuren, die letzendlich nichts anderes bestätigen als das, was Zwerenz schon weiß und der dumme Leser endlich begreifen soll, eine ganze Menge ab – selbst wenn der Grundplot interessant und die groteske Darstellung der Situation innerhalb des Bunkers teilweise durchaus gelungen ist.

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