Stanislaw Lem: Rückkehr von den Sternen (Transit)

Nicht alle Romane, die menschliche Gesellschaften der Zukunft mit äußerst zweifelhaften Zügen schildern, sind Dystopien. Zu ihnen gehört auch Stanislaw Lems Roman Rückkehr von der Sternen, der auch unter dem Titel Transit erschien. Das 1961 veröffentlichte Werk weist allerdings eine ganze Reihe anti-utopischer Elemente auf, die durchaus interessant sind.

Die Handlung in Kürze

Als der Weltraumpilot Greg Hall nach einer zehnjährigen Weltraumreise auf die Erde zurückkehrt, sind dort über 120 Jahre vergangen (Zum wissenschaftlichen Hintergund einer solchen Zeitreise lese man bei Einstein nach). Nicht nur, dass alle Freunde und Bekannten des Protagonisten schon verstorben sind, die Gesellschaft hat sich auch in einer Weise verändert, die eine Eingewöhnung kaum möglich macht: Denn der utopische Traum einer friedlichen Welt ist durch ein Betrisierung genanntes Verfahren Wirklichkeit geworden, da mit dessen weltweiter Einführung alle Aggressionen sowie gewalttätigen Konflikte gänzlich verschwunden sind. Da nimmt es auch nicht wunder, dass sich der äußerst muskulöse und beinahe 2 Meter große Astronaut, der gerne mal einen Boxkampf mit seinen ebenfalls zurückkehrten Freunden bestreitet, unter seinen ihm viel zu weich erscheinenden neuen Zeitgenossen äußerst deplaziert fühlt.

Irrwege durchs Paradies

Gregs Desorientierung wird schon zu Beginn überdeutlich. Lem wagt es gleich bei der Ankunft der Hauptfigur auf der Erde, den Leser in diesem konsequent personal erzählten Roman auf eine knapp 40-seitige Odyssee durch einen architektonisch zwar äußerst eindrucksvollen, aber auch sehr verwirrend erscheinenden Raumflughafen zu schicken. Dabei wirken die umfangreichen Beschreibungen aber nicht langatmig – denn sowohl Gregs Staunen als auch seine rührende Hilflosigkeit greifen auf den Leser über. Gleiches wiederholt sich bei verschiedenen Spaziergängen durch die Stadt, die in ihrer phantastisch wirkenden Anlage und ihren beeindruckenden Gebäuden vom Lems Einfallsreichtum zeugen. Wie in zahlreichen anti-utopischen Romanen bildet hier die Architektur die soziale Schichtung des Gemeinwesens ab. Während allerdings in Wells Romanen Wenn der Schläfer erwacht und Von kommenden Tagen ein ‘Oben’ und ‘Unten’ existiert, ist dieses in Rückkehr von den Sternen nicht der Fall: Künstliche Himmel ebnen die erkennbaren Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen der Stadt ein, womit der Anschein von Egalität erweckt wird. Diese fehlenden vertikalen Orientierungspunkte erschweren es Gregs deutlich und mehrfach, seinen Weg durch das Labyrinth der Stadt zu finden, was auf Gregs Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft der Zukunft zurechtzufinden insgesamt verweist.

Egalitär ist das Paradies der Zukunft, in welchem das Leben selbst nichts mehr kostet und die Arbeiten im Produktions- und Dienstleistungssektor weitgehend von Robotern übernommen werden, aber auch noch auf eine andere Weise:  Denn mit der Betrisierung sind nicht nur alle Aggressionen verschwunden, sondern auch Konkurenzdenken und Neugier – und damit auch die Bedeutung der damit verbundenen Werte für die Gesellschaft, in welcher es so kein nennenswertes ‘Oben’ und kein ‘Unten’ mehr geben kann. Und ebenso wie der Abenteurer Greg nicht seine Wege durch die Stadt findet, so unmöglich erscheint es ihm, eine sinnvolle Position innerhalb der Gesellschaft einzunehmen, die seine Expedition für einen Irrweg einer primitiven Vergangenheit hält.  Die durch die Betrisierung ermöglichte weitgehende Gleicheit aller Menschen ist dabei, ebenso wie die Negierung eines ‘Oben’ und ‘Unten’ durch die Architektur, nur eine scheinbare.  Genauso wie sie innerhalb einer Generation reversibel erscheint, gibt es priviligierte Menschen, die verbotener Weise über Mittel verfügen, welche die Wirkung der Betrisierung aufheben. Leider führt Lem die Folgen der Betrisierung nicht weiter aus – insgesamt geraten die mit diesem Eingriff verbundenen gesellschaftlich Auswirkungen, über die nur kurz referiert wird, zu wenig ins Blickfeld. Es ist auch schade, dass Lem die Probleme einer Welt, in der die angebliche Gleichheit aller Menschen so teuer erkauft ist und in welcher zum Töten fähige Roboter als zweite „Gesellschaft“ neben der menschlichen existieren und angesichts ihrer Verschrottung um ihr Leben flehen, nicht in größerer Tiefe thematisiert.

Gefühlvoller Neandertaler (männl., 2m, 127 Jahre) sucht verzweifelt Weibchen

Der für unsere heutigen Begriffe doch recht sanfte und einfühlsame Protagonist, der von seinen Mitmenschen aber als potentiell gefährlicher „Primitiver“ wahrgenommen wird, beginnt sich angesichts seiner Andersartigkeit selbst langsam wie ein Neanderthaler zu fühlen und sucht sein Heil letztendlich in einem Rückzug – diesem gehen aber noch einige erotische Abenteuer voraus. Nachdem sein erstes amouröses Erlebnis, in das Greg aufgrund seiner Unwissenheit hineinstolpert, geradezu deprimierend endet, da die Dame Angst vor ihm bekommt, wird das zweite wenigstens durch das oben genannte Mittel, welches die Wirkung der Betrisierung aufhebt, ermöglicht. Nach diesen Fehlschlägen beschließt Greg die Stadt zu verlassen und mit weniger Menschen in einer Villa an der Küste zu leben. Dort verliebt er sich allerdings in die junge Eri, da sie ihn unbewusst an die Frauen aus seiner Zeit erinnert. Auch Eri reagiert zunächst furchtsam – und Greg zwingt sie aus Unwissenheit und Unverständnis heraus dazu, mit ihm zu kommen. Lem widmet dem Auf und Ab dieser Liebesgeschichte eine ganze Anzahl von Seiten. Auch wenn sie nicht wie in so vielen Romanen Selbstzweck ist, beginnt sie doch nach einiger Weile zu ermüden. Die ansonsten glaubhafte Figure Gregs erscheint hier wenig überzeugend – denn selbst wenn Greg angesichts seiner (noch gar nicht so lange andauernden) Isolation niedergeschlagen ist und an der Sinnhaftigkeit seines bisherigen (und künftigen) Daseins zweifelt, wirken seine Handlungen in ihrer emotionalen Spontanität doch deutlich überzogen. Lem gibt diese Schwächen übrigens selbst zu, denn über Rückkehr von den Sternen äußert er: Mich stört die Sentimentalität dieses Buches; die Helden sind Muskelprotze, und die Heldin ist von Pappe. [Lem.pl: Rückkehr von den Sternen]. In gewissem Sinne muss man dem Autor hier recht geben, allerdings entspricht die Hauptfigur Gott sei Dank nicht dem Stereotyp eines muskelbepackten Helden.

Fazit

Stanislaw Lems Roman Rückkehr von den Sternen ist gerade aufgrund seiner Konzentration auf die emotionale Situation des Helden und deren Widerspiegelung auf verschiedenen Ebenen ein Werk, das beeindruckt. Allerdings blendet Lem in seiner Fokussierung nicht nur interessante Aspekte aus, womit das Werk recht eindimensional wirkt, sondern schlägt hinsichtlich der Gefühlslage des Protagonisten – vor allem gegen Ende des Romans – tüchtig über die Stränge.

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