Stanislaw Lem: Der futurologische Kongress

Wenn man wohlwollend ist, kann es positiv formulieren: In der literarischen Schatzkiste der sogenannten Groß- und Altmeister der Science Fiction findet sich hin und wieder unter dem Tand tatsächlich ein Juwel – sprich: ein Autor, dessen Cognomen nicht nur einer ersten Lektüre, sondern auch einer genaueren Prüfung standhält. Der polnische Autor Stanislaw Lem ist einer davon. Man kann wohl 30 Jahre lang lesend verbringen und trotzdem an den wirklichen Perlen des Genres vorbei gehen – mir ist dieses zumindest passiert: Bis mir endlich der Der futurologische Kongress aus dem Jahre 1971 in die Hände fiel.

Auf den ersten Blick könnten die berühmten skurilen Einfälle Lems wie Firlefanzerei wirken – wenn sich nicht die Unglaubwürdigkeit des Ich-Erzählers Ijon Tichy (Es war ein ausgezeichnetes Hilton! In solchen Dingen hat mein Urteil besonderes Gewicht. Ich bin nämlich der geborende Schwelger), seines Zeichens Raumpilot und als Außenseiter Gast des 8. futurologischen Kongresses in Costaricana, so gut zum zentralen Thema des Romanes – der Frage, was denn die Wahrheit nun wert und Wirklichkeit nun eigentlich sei – fügen würde. Und es sind nicht wie gewöhnlich nur die charakterlichen Züge, die den Protagonisten, der nur knapp dem aufkommenden Chaos in der Bananenrepublik und dem sich um das Hotel entwickelnden Bürgerkriegsgeschehen entkommt, dem Leser so sympathisch machen – es ist vor allem dessen ruhige Ahnungslosigkeit angesichts eines für den Leser doch verräterischen Serviceangebotes des Hotels (Pellerine in Tarnfarben, Kletterseil sowie Überlebensrationen unter dem Bett), das doch schon deutlich darauf schließen lässt dass  Ijon bald neuen Herausforderungen gegenüber stehen wird – Trotz der zugegeben standardisiert wirkenden Versicherung der Direktion, dass sein Zimmer mit Bestimmtheit bombenfrei sei (was es tatsächlich auch ist). Man muss dem wohl durch seine zahlreichen anderen Abenteuer (diese kann man übrigens in den Sterntagebüchern nachlesen) abgehärteten Ijon Tichy für seine bemerkenswert ruhige Schilderung der haarstäubenden Ereignisse einfach Repekt zollen – auch wenn seine Erzählung bei manchem Leser damit den Anschein erwecken könnte, eine hartherzig erzählte Groteske zu sein: Ein Mensch, der unter konzentrierten Beschuss vor deinen Füßen zusammensackt, ist nichtsdestoweniger kein erfreulicher Anblick, selbst dann nicht, wenn es sich um ein simples Missverständnis handelt, das den Austausch diplomatischer Entschuldigungen nach sich zieht.

Geradezu menschlich aber wieder ist, dass der anfangs noch stoische Held der Erzählung nach und nach seine Selbstsicherheit verliert, als er erkennen muss, dass er nach dem Abwurf der mit psychoaktiven Substanzen geladenen Bemben durch die Regierungseinheiten auch im Schutze der Kanalisation nicht mehr sicher sein kann, ob ihn seine Wahrnehmungen nicht trügen. Denn dem Leser ergeht es spätestens nach der dritten phantasierten Befreiungsaktion nicht anders – und auch er  achtet mit Ijon darauf, ob sich nicht bestimmte Traummotive wiederholen und diese so die nur vermeintliche Realität entlarven könnten. Hier ist aber für Protagonisten wie Leser wenig Hoffnung: Weil beide, der aus medizinischen Gründen eingefrorene und in der Zukunft erwachende Held und der ratlose Leser seiner hier zur Tagebuchform wechselnden Erzählung, feststellen müssen, dass ihnen nicht nur die zeitgenössische Sprache ein Verständnis der Welt der Zukunft nahezu unmöglich macht, sondern auch, dass die von Ijon wahrgenommene und dem neugierigen Leser genau beschriebene Welt selbst trügerisch zu sein scheint – denn eine Welt, in der jeder der 60 Milliarden Menschen sofort den Nobelpreis bekommen und einen echten Matisse an die Wand seines luxuriösen Palastes hängen kann, erscheint doch in jedem Sinne, auch wortwörtlich, utopisch. Möglicherweise haben von der Psychemie entwickelten Maskone – die Hapunkter – damit etwas zu tun.

Fazit

Selten habe ich eine derart amüsante Erzählung wie Der futurologische Kongress gelesen. Zugegeben: Manchmal drohen einige der skurilen Einfälle Lems, die wie ein Trommelfeuer auf den verblüfften Leser niedergehen, ins Lächerliche zu kippen – wäre da nicht immer wieder ein nächster Satz, welcher diesen Eindruck Lügen straft. Dass es Lem zudem gelingt, mögliche Gefahren der Manipulation von Gefühlen und Wahrnehmung durch eigene und fremde Hand derart unterhaltsam zu thematisieren, ist wirklich bemerkenswert. Gut, dass es noch eine ganze Reihe spannender Erzählungen Ijon Tichys gibt.

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