Haruki Murakami: 1Q84

Um kaum einen Roman rauschte es in den letzten Monaten so lautstark im Blätterwald wie um Haruki Murakamis sogenanntes ‘magnum opus’ 1Q84. Doch nicht nur der Medienrummel, der um diesen 1020-Seiten Wälzer veranstaltet wurde, lenkte meine Aufmerksamkeit auf ihn – neugierig machten mich auch die Anspielung auf George Orwells Meisterwerk 1984 im Titel und die Andeutungen in zahlreichen Onlinerezensionen, dass der Roman eine dystopische Welt zeichne. Sollte der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete japanische Schriftsteller tatsächlich den ersten (und den zweiten) Teil einer herausragende Dystopie verfasst haben?

Auch wenn der dritte Teil erst im Herbst diesen Jahres erscheint muss man wohl jetzt schon leider sagen: Dem ist nicht so: Zum einen ist die Welt des Romans im klassischen Sinne nicht dystopisch – auch wenn die Fitnesstrainerin und Auftragsmörderin Aomame sowie der Mathematiklehrer und angehende Schriftsteller Tengo 1984 in eine (doch recht umständlich erklärte) Parallelwelt des gleichen Jahres – zur Differenzierung von Aomame 1Q84 genannt – versetzt werden, in der plötzlich zwei Monde am Himmel stehen und die Amerikaner mit der Sowjetunion eine gemeinsame Raumstation planen und die phantastischen Little People als doch recht aufdringlich dargelegte Entsprechung zum Big Brother den Protagonisten sowie den ihnen nahestehenden Menschen das Leben schwer bzw. unmöglich machen. Im Zentrum steht vielmehr die romantische Liebe der beiden Außenseiter zueinander, die sich seit ihrer Kindheit zwar nicht mehr gesehen haben, wohl aber immer noch von einander träumen. Und das ziemlich schmutzig. Insofern hat 1Q84 mit dem berühmten Roman von Orwell wirklich wenig zu tun – und der Titel legt eine Verbindung nahe, die der Leser vergeblich sucht.

Mit den zweifelhaften erotischen Träumen Tengos ist auch schon ein besonders auffälliger Aspekt dieses Stücks japanischer Literatur berührt worden: Noch bevor Aomame den ersten der hier überraschend zahlreichen Frauenschläger im Dienste einer alten reichen Dame ins Jenseits befördert und bevor Tengo sich an die Verbesserunges des rätselhaften Romanmanuskriptes für einen Wettbewerb macht, präsentiert uns Murakami von Seite 56 bis Seite 59 die erste lesbische Liebesszene zweier Schulmädchen. Tatsächlich scheint es, als würde der Autor häufiger ‘auf Teufel komm raus’ die Phantasien seiner asiatischen Leserschaft befriedigen wollen. Sicher: One-Night-Stands müssen nicht unbedingt etwas mit Romantik zu tun haben, aber muss die Hauptfigur ihren halbgreisen Liebhaber, über dessen flaumigen Schädel sie zuvor obskurerweise minutenlang sehnsüchtig  phantasiert hat, derart verunsichern: „Ruhe jetzt! […] Ich bin hier, um Sex zu haben. Nicht um zu duschen. Kapiert? Zuerst machen wir es. Und zwar gründlich. Schweiß oder so was spielt keine Rolle. Wir sind hier doch nicht im Mädchenpensionat„?

Äußerlich erscheint der manchmal stark selbstreflexive Roman kunstvoll gebaut. Die beiden Teile des Romanes schildern in jeweils 24 Kapiteln, von denen immer 12 aus der Perspektive einer der beiden Hauptfiguren erzählt werden, wie sich die beiden Leben von Aomame und Tengo in der Auseinandersetzung mit einer geheimnisvollen Sekte einander langsam wieder annähern. Nur an einer auktorial erzählten Stelle bricht Murakami mit seinem System: Als in der Welt Aomames das erste Mal unbeobachtet das Phantastische in Form der Little People aus dem von Tengo bearbeiteten Roman Die Puppe aus Luft durch einen explodierenden Hund in die ansonsten realistisch erzählte Welt kriecht. Das klingt nicht nur am Anfang rätselhaft und grotesk, das bleibt es auch bis zum Schluss – und ich will nur hoffen, dass es Murakami wenigstens im dritten Teil gelingt, einige der merkwürdigen postmodernen Handlungsstränge, die hier mit ihm durchgegangen sind und die sich mir auch nicht allegorisch erschließen, wieder einzufangen.

Vielleicht resultiert mein Unverständnis des Werkes ja auch aus der Tatsache, dass 1Q84 der erste Roman Murakamis ist, den ich lese – aber nach über 1000 Seiten wäre ich einem  Verständnis der rätselhaften Vorgänge gern ein wenig näher gekommen (vielleicht geht das Liebhabern von Akte X oder Filmen von David Lynch anders). So sehr auch in anderen Rezensionen immer wieder auf den einfachen  bzw. gewöhnungsbedürftigen sprachlichen Stil des japanischen Autors eingangen wird, ich habe an diesem nichts zu bemängeln – da stören mich schon eher die zahlreichen inhaltlichen Redundanzen, die nicht alleine auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass hier ein zweiteiliges Werk vorliegt: Ich habe leider nicht mitgezählt, wie oft während der häufigen Massageorgien erklärt wird, dass Aomame ein minutiöses Gedächtnis hinsichtlich der kleinsten körperlichen Eigenschaften besitzt oder sich den Aufbau aller Muskeln des menschlichen Körpers eingeprägt hat.

Dass mir diese inhaltlichen Wiederholungen überhaupt auffallen konnten, liegt aber nur daran, dass ich den Roman – vielleicht auch gerade wegen seiner Rätselhaftigkeit und der aus der gelungenen Anlage des Romans resultierenden Spannung  – nicht aus der Hand legen konnte und ihn innerhalb von 48 Stunden einfach lesen musste. Und das passiert mir mit solchen Wälzern wirklich nicht sehr oft. Und das obwohl Murakami geradezu ausufernd den persönlichen Lebensweg seiner Figuren entwirft und seitenlang Ereignisse aus ihrer Kindheit schildert, um deren charakterlichen Entwicklung glaubhaft zu machen – es kam einfach keine Langeweile auf, zumal die Schilderungen immer wieder für die Handlung des Romans von Bedeutung werden.

Fazit

Murakamis 1Q84 ist ein äußerst spannend zu lesender Roman mit kleinen Schwächen, der als postmoderner Stilmix aus Kriminalroman, Thriller, Fantasy, Science Fiction und Liebesgeschichte den Leser trotz zahlreicher anbiedernd wirkender erotischer Szenen unbefriedigt mit einer Reihe von Fragen zurücklässt, die hoffentlich endlich im dritten Teil beantwortet werden.

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