Andreas Guha: Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg

Eine Rezension von Rob Randall

Wie so viele der Warnutopien des Jahres 1983 verarbeitet auch Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg die zeitgenössischen Ängste vor den Folgen des Nato-Doppelbeschlusses. Wenn auch hier die Sowjetunion wie in Gerhard Zwerenz Der Bunker aufgrund der nukleare Nachrüstung des Westens  zu einem nuklearen Schlag gegen die Bundesrepublik veranlasst wird, so erscheint das von Guha geschilderte Szenario, das ebenfalls nicht den gängigen Vorstellungen der Militärstrategen folgt (siehe hierzu: General Sir John HackettDer Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland) aber durchaus plausibel.

Die U.S.A. frisst ihre Kinder

Ausgangspunkt der Katastrophe, die im Jahre 1998 über die Bundesrepublik hereinbricht, ist ein amerikanischer Angriff auf die Insel Kuba, auf der sich wieder sowjetische Stellungen befinden. Diesem Angriff, der stellvertretend für viele andere mögliche Konflikte stehen kann, folgt die weltweite Eskalation verschiedener indirekter Stellvertreterkriege zu direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten. Angesichts der Bedrohung der politischen Führung der U.D.S.S.R., der vom Westen immer wieder ein präventiver „Enthauptungsschlag“ durch die für einen Erstschlag geeigneten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik angedroht worden ist, erfolgt ein begrenzter Atombombenangriff auf die B.R.D. ohne eine vorhergehend Invasion durch die Rote Armee. Bei dem nachfolgenden Vormarsch der Warschauer-Pakt-Truppen setzen beide Seiten nukleare Gefechtsfeldwaffen ein, die letztendlich Zentraleuropa – insebesondere aber Deutschland – in eine nukleare Wüste verwandeln.

Die Notstandsgesetze schießen los

Ein besonderer Stellenwert im Roman, der ausgiebig die Panik der deutschen Bevölkerung schildert, kommt den 1968 beschlossenen Notstandsgesetzen zu, die hier in fiktiven Erweiterungen der neunziger Jahre noch ein wenig verschärft worden sind. Aber auch in der orginalen Fassung hätten sie jene durchaus realistischen geschilderten Vorgänge, die Guhas Ich-Erzähler wütend zur Kenntnis nehmen muss, ermöglicht: Die Zensur der Presse bzw. der Medien insgesamt, Ausgangssperren, Sperrungen von Straßen zwecks Durchführung von militärischen Transporten ins wahrscheinliche Kampfgebiet an der deutsch-deutschen Grenze, Freischießen der Zugänge zu den Lagerstädten der Mittelstreckenraketen und Anklagen wegen Verrat und Defätismus. Deutlich wird, dass sich die Ängste der bundesdeutschen Bevölkerung spätestens Anfang der 80er Jahre im Vergleich mit denen der 50er und 60er Jahre deutlich verändert haben. Beherrschte damals die Furcht vor „dem Russen“ die öffentliche Meinung – und schien damit die Westbindung in der NATO notwendig –  so führt diese Allianz nun aufgrund des von den Autoren wohl als „imperialistisch“ verstandenen Vorgehens der U.S.A. zur endgültigen Katastrophe der Deutschen. Nahegelegt wird dabei immer, dass ein neutrales Deutschland besser dran gewesen wäre – obwohl mir die Vorstellung eines Westdeutschlands der 80er Jahre jenseits der Paktsysteme illusorisch und wenig realistisch erscheint.

Reflektionen über das Ende

Auffällig ist bei Guha wie bei Zwerenz der hohe Anteil von Reflektionen über die politischen Ursachen des Unterganges, die zum Schluss auch im Ethischen gesucht werden. Ermüdeten diese schon in Der Bunker den Leser deutlich, so kann man bei Guha erst nach dem Angriff der Sowjetunion auf die Bundesrepublik überhaupt von einer literarischen Handlung im eigentlichen Sinne sprechen. Meiner ersten Schätzung nach, machen die theoretischen Ausführungen des Protagonisten ca. 3 Viertel des 180 Seiten umfassenden Werkes aus, womit die eigentliche Geschichte der Hauptfigur, die hier zum Sprachrohr des Autors selbst degradiert wird, vor allem am Anfang zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Obwohl hierdurch der Eindruck der Hilflosigkeit des Einzelnen angesichts des nahenden Unheils verstärkt wird, lässt sich nicht mehr davon sprechen, dass die Lektüre des Tagebuches „Spaß“ im herkömmlichen Sinne machen würde. Guhas Ende ist weniger ein literarischer Text als eine politische Schrift, die mit ihrem geringen fiktiven Anteil die theoretischen Ausführungen des Autors untermauert – dieser Eindruck kann später auch weder durch die bedrückenden postapokalyptischen Szenen in Frankfurt und Wiesbaden noch durch die Erzählung vom persönlichen Untergang des Protagonisten und seiner Familie verwischt werden.

Fazit

Anton Guhas Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg kann kaum noch als literarisches Werk im engeren Sinne bezeichnet werden, da hier die eigentliche Handlung über weite Strecken vornehmlich dazu dient, Anlässe zu politischen und philosphischen Reflektionen zu schaffen – wobei die Auswirkungen eines Nuklearkrieges am Ende aber eindringlich und durchaus gelungen geschildert werden. Die Lektüre des Buches bietet sich damit nur jenen Interessierten an, die einen tiefergehenden Einblick in die Ängste und Argumentationsweisen der Friedensbewegung der achtziger Jahre bekommen möchten – alle andern sollten zu jenen Werken greifen, in denen das Geschehen eines Atomkrieges stärker als hier literarisiert wird.

Frans Pollux: Tage der Flut

Rezension des Romans „Tage der Flut“ von Frans Pullux

Johannes Rau warnte 2005 in der Süddeutschen Zeitung:

Eine Gesellschaft, die alle Lebensbeziehungen den Gesetzen des Marktes unterwirft, trägt Anzeichen von totalitärer Ideologie, die lebensgefährlich ist für den Staat.

Dass dem so tatsächlich sein könnte, zeigt der Niederländer Frans Pollux in seinem 2010 veröffentlichten und nun auch auf Deutsch erschienenen ungewöhnlichen Roman Tage der Flut (Het gelijk van Heisenberg).

Allerdings erschließt sich der totalitäre Charakter des Systems erst nach und nach Leser und Protagonisten – denn am Anfang der zwar einsträngig, aber ganz und gar nicht linear erzählten Dystopie steht nichts weniger als die scheinbare Apokalypse in Form einer rätselhaften Sintflut.

Es ist die geschickt angelegte Zeitstruktur des dabei gut lesbar bleibenden Debütromans, die diesen äußerst spannend macht, denn auf der Suche nach der Wahrheit stolpern Leser und Protagonist über 400 Seiten einer Katastrophe entgegen, die schon längst eingetreten ist. Aber warum und wie – und welche Rolle dabei dem Ich-Erzähler Syris zukommt – das sind die Fragen, die den Leser das Buch nicht aus der Hand legen und die Rezensenten so wenig über die Handlung sagen lassen. Pollux treibt mit Rückblenden und falschen Fährten ein gekonntes Spiel mit der Wahrheit – und der Unmöglichkeit, etwas über die Natur der Dinge selbst auszusagen. Tatsächlich rekurriert nicht nur der niederländische Orginaltitel, sondern auch der Protagonist mehrfach auf die Heisenberg’sche Unschärferelation. Über die Hauptfigur selbst lässt sich allerdings durchaus etwas Gesichertes sagen: Der rückgratlose Steuerfahnder Syris, der auch schon mal, wenn es verlangt wird, Unschuldige in die Folterkammern des Engagement schickt, welches die meisten Staaten der Welt abgelöst hat, ist ein riesen Arschloch – und das sieht er auch selbst so. Dementsprechend böse Dialoge und bittere Gedankengänge erwarten den Leser. Syris erscheint damit auch als logisches Produkt einer Welt, in dem das Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den privaten sowie gesellschaftlichen Bereich beherrscht und das Ethische dem Primat der Wirtschaftlichkeit völlig nachgeordnet ist. Immer wieder überkommt den Leser ein Schauer angesichts der Natur der zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. der kalten Leere, die sich zwischen dem Protagonisten und seiner Frau sowie ihm und seinen Arbeitskollegen auftut, obwohl auch hier alles sogar noch viel schlimmer ist, als es zu Beginn erscheint.

Tage der Flut zeigt deutlich, dass Elena Zeißler Recht hat, wenn sie behauptet, dass die genretypischen Merkmale der Dystopie im 21. Jahrhundert äußerst variabel werden – man könnte sogar behaupten, dass diese endgültig ins Schwimmen kommen. Dabei werden sie aber, wie man an vielen Beispielen zeigen kann, von Pollux virtuos gehandhabt: Nicht nur, dass der höchst durchschnittliche Protagonist sich kaum entscheiden kann, ob er sich gegen das totalitäre System stellen soll, nachdem er dessen Natur (weitestgehend) durchschaut hat, die Liebe, die üblicherweise als Katalysator den Protagonisten zum Widerstand treibt, erscheint hier außerdem völlig entwertet. Die Beziehung zur leiblichen Mutter, welche üblicherweise eine Brücke in die positiv bewertete Vergangenheit darstellt, wirkt wenig tragfähig angesichts der Tatsache, dass die Eltern schon vor langer Zeit ausgewandert sind – und das zu einem Zeitpunkt, als Syris noch nicht einmal volljährig gewesen ist. Das Ergebnis des Spiels mit den klassischen genrekonstituierenden Merkmalen ist ein beklemmendes Gefühl von emotionaler Kälte und Leere, die auch nicht so schnell verschwinden will, wenn man das Buch zu Seite gelegt hat.

Fazit

Mit Tage der Flut hat Frans Pollux ein beeindruckendes Erstlingswerk geschaffen, das nicht nur durch Spannung, Witz, Tiefe und Atmosphäre überzeugen kann, sondern auch die Merkmale des Genres gekonnt variiert. Da der Roman für mich die bisher interessanteste Entdeckung unter den diesjährigen Neuerscheinungen ist, meine Empfehlung: Unbedingt lesen!

Gerhard Zwerenz: Der Bunker

Eine Rezension von Rob Randall

Der Bunker von Gerhard Zwerenz ist einer jener Warnutopien, die 1983 in der Bundesrepublik Deutschland zuhauf erschienen und eine literarische Auseinandersetzungen mit dem NATO-Doppelbeschluss und seinen potentiellen Folgen darstellen (andere Beispiele sind Udo Rabschs Julius oder der Schwarze SommerAnton Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg und Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn).

Der Zwerenz’sche Plot unterscheidet sich dabei auf eine charmante Art von dem der anderen Autoren: Von der Nato gewarnt begeben sich der deutsche Bundeskanzler und seine wenigen Auserwählten in den Regierungsbunker in der Eifel. Auf den Ich-Erzähler, ehemalige Regierungssprecher, Alkoholiker und nun wenig erfolgreichen Schriftsteller Seraphim Landauer fällt die Wahl des Regierungschefs deshalb, weil dieser in besonderer Weise geeignet erscheint, als eine moderne Form des Kriegsberichterstatters die Handlungen der Verantwortlichen zu beobachten und dokumentieren – denn vor dem Gericht der Geschichte wollen die Politiker gerne mit weißer Weste erscheinen. Was diese jedoch nicht wissen ist, dass Seraphim einer jener gedungenen Meuchelmörder ist, die gemäß eines Abkommens der östlichen und westlichen Mächte im Falle eines Atomkrieges jeweils die Mächtigen zur Verantwortung für ihre Taten ziehen sollen: Denn warum sollten diejenigen, die mit dem Leben von Milliarden Menschen gepokert haben, am Ende davonkommen – zumal sie so ein verstärktes Eigeninteresse daran haben dürften, dass es nicht zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommt.

Ein zweifelhaftes Szenario

So interessant (und phantasievoll) der Plot auch sein mag – das Zwerenz’sche Szenario, das zuletzt zur Vernichtung Mitteleuropas führt, ist wenig überzeugend – auch wenn es im Ansatz durchaus etwas für sich hat. Man erinnert sich: Aufgrund sowjetischen Überlegenheit im Bereich der Mittelstreckenraketen und einer Begrenzung der Interkontinentalraketen wurde im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland festgelegt. Dieses ermöglichte aus östlicher Sicht einen nuklearen Erstschlag auf das Kernland des Warschauer Paktes bei einer von 30 auf 9 Minuten reduzierten Reaktionszeit, was aller Berechnung nach auch dazu geführt hätte, dass die U.D.S.S.R. gegenüber der U.S.A. selbst mittels Interkontinentalraketen nicht „angemessen“ hätten Vergeltung üben können – und das ist auch die Grundannahme des Autors: Die nukleare Nachrüstung des Westens setze das durch die Mutal Assured Destruction geschaffene Gleichgewicht des Schreckens außer Kraft. Der arme Russe steht bei Zwerenz aufgrund des unverantwortlichen Verhaltens der westlichen (Macht-)politiker mit dem Rücken an der Wand. Es ist zwar nachvollziehbar, dass 1983 solche Befürchtungen geäußert wurden,  was dann aber folgt, entbehrt jeglicher Grundlage – denn entgegen allen Erwartungen überrennen die überlegenen Truppen des Warschauer Paktes nicht in einem konventionell geführten Überraschungsangriff, dem eine schrittweise Eskalation bis hin zum umfassenden nuklearen Schlagabtausch folgt, die Bundesrepublik, sondern es entwickelt sich aufgrund des Romanplots (der sich sonst angesichts der Kürze der Zeit gar nicht entfalten könnte)  ein 30-tägiges Geplänkel, in dem jeweils der Gegner erst die Inseln Helgoland und Hiddensee besetzt, welche dann vom eigenen Staat ausradiert werden – gleiches widerfährt übrigens auch den Hauptstädten Berlin und Bonn. Da erscheint das wenige Jahre zuvor von General John Hackett in Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland entworfene Geschehen realistischer.

Die feigen Verbündeten

Der Ablauf des weiteren weltpolitischen und militärischen Geschehens spiegelt nicht nur die zeitgenössischen Ängste der deutschen Bevölkerung wider, sondern auch die Befürchtungen der bundesdeutschen Politiker: Denn zu recht konnte es daran Zweifel geben, ob die U.S.A. bereit sein würden, sich für die westeuropäischen Staaten zu opfern. Wäre es nicht verständlich, wenn sie nach einen auf Mitteleuropa begrenzten Nuklearkrieg die Verbündeten in Westeuropa preisgeben würden, um Angriffe auf das eigene Land zu verhindern – zumal das aufgegebene Territorium über lange Zeit unbewohnbar gewesen wäre? In Zwerenz’ Roman bewahrheiten sich die dunklen Ahnungen der Verantwortlichen, als sich die us-amerikanischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik zurückziehen – was nicht nur einen ersten Hinweis auch auf die politische Haltung des Autors, der nach der Wiedervereinigung einige Zeit lang über die offene Liste der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) Mitglied des Deutschen Bundestages war, zulässt, sondern auch einen Einblick in seine Einschätzung des Wertes der Allianz mit den U.S.A. gibt.

Bunkergroteske 

Besonders bedrückend erscheint, dass die politisch Mächtigen innerhalb des Bunkers zunehmend die Kontrolle über das Land verlieren – ist mit dem Verteidigungsminister schon seit der Übernahme der militärischen Kommandostrukturen durch die Nato eigentlich ein überflüssiger Esser im Bunker, so gibt es für die ehemaligen Herren der Republik angesichts des über das Land hereinbrechenden Chaos und den immer häufiger unbesetzt bleibenden Dienstellen außerhalb nur wenig sinnvolle Tätigkeitsbereiche. Da erscheint es beinahe wie Resignation, dass Zwerenz den Kanzler wenige Stunden vor dem endgültigen Schlag der Supermächte die Renten in jenem Land, das nur Spielball der Supermächte ist, um großzügige 20 Prozent anheben lässt.

Brutale egoistische Schweine

Was Zwerenz dem Leser da boshaft als Führungselite der Bundesrepublik und Abgesandte der westlichen Allianz im feuchten Halbdunkel ihres Rattenlochs präsentiert, ist eine Ansammlung von Egoisten, Schurken, Macht- und Gewaltmenschen, Alkoholikern und Idioten. Sei es, dass der dekadent wirkende Bundespräsident darauf besteht, dass ein Hubschrauberpilot mutig sein Leben aufs Spiel setzt, um den x-ten Präsidentenhund vor der Gefahr des nuklearen Feuers zu bewahren, oder dass der Bundeskanzler, der zunehmend wie Adolf Hitler im April 45 beginnt Selbstgespräche zu führen, plant, am Ende alle Bewohner umzubringen und sich selbst mit einer handvoll Getreuer nach Afrika abzusetzen – um gar nicht davon zu reden, dass der amerikanische Botschafter und ehemalige Strumpfhosenfabrikant zu besoffen ist, um zwischen ‘Ja’ und ‘Nein’ unterscheiden zu können. Auch wenn man sich angesichts der Figuren manchmal des Lachens nicht enthalten kann, verblüfft es heute doch immer noch, wieviel seines klassischen Ressentimentes der sozialistische Autor hier gegenüber dem kapitalistischen Gegner und der verbündeten Sozialdemokratie durchblicken lässt. Ob es dessen pazifistischer Gesamthaltung oder der bloßen Ablehnung  westlichen Militärs zuzuschreiben ist, dass nach wenigen Tagen die Wacheinheiten des Bunkers auf Befehl des Kanzlers, der übrigens eine Mischung aus Helmuth Schmidt, Helmuth Kohl und Franz Joseph Strauß ist, zu Übungs- und Vergewaltigungszwecken Jagd auf Zivilisten in den umliegenden Dörfern machen, ist allerdings nicht feststellbar.

Über den Wert des Handwerkes

Ebenso zweifelhaft wie die Gestaltung von Szenario und Figuren ist die literarische Qualität des Werkes. Dass der der Autor, der gut 100 Romane – davon eine Reihe deftig pornografischer unter den Pseudonym Gert Amsterdam – verfasst hat, schreiben kann, merkt man. Allerdings entgeht dem Leser auch nicht, dass Zwerenz der Intelligenz seiner eigenen Leserschaft nicht zu trauen scheint. Denn als wären die theoretisch teilweise redundanten und immer wieder ermüdenden theoretischen Ausführungen, die Zwerenz seinen Figuren in den Mund legt, nicht schon nervig genug, fühlt sich der Autor auch noch bemüßigt, jede Anspielung auf andere Werke bzw. historische Situationen explizit zu erläutern. Selbst die literarische Machart des Romanes erklärt der Autor, der sich hier hinter dem Ich-Erzähler versteckt, über mehrere Seiten. Sollte das ein Versuch postmoderner Selbstreflektivität gewesen sein, so ist dieser heftig misslungen. Angesichts dessen wirkt es fast, als hätte der handwerklich nicht ungeschickte Zwerenz den Versuch unternommen, ein politisches Pamphlet hinter der Camouflage eines beinahe zum Rudiment reduzierten (und recht böswilligen) Handlungsgerüstes zu verstecken.

Fazit

Zwerenz’ Roman Der Bunker ist nicht nur von zweifelhafter literarischer Qualität, sondern verlangt auch dem Leser, der von der politischen Haltung des Autors absehen kann, aufgrund langatmiger theoretischer Erwägungen und politischen Ausführungen, der Figuren, die letzendlich nichts anderes bestätigen als das, was Zwerenz schon weiß und der dumme Leser endlich begreifen soll, eine ganze Menge ab – selbst wenn der Grundplot interessant und die groteske Darstellung der Situation innerhalb des Bunkers teilweise durchaus gelungen ist.

Aldous Huxley: Brave New Word

Eine Rezension von Rob Randall

Neben der düsteren Anti-Utopie 1984 von George Orwell stellt Aldous Huxleys verstörende Zukunftsvision Schöne Neue Welt (Brave New World) aus dem Jahre 1932 einen der paradigmatischen Texte des dystopischen Genres dar. Dabei unterscheiden sich – obwohl Huxley einen allmächtigen versteinerten totalitären Staat wie Orwell schildert – die beiden entworfenen Welten deutlich.  Während sich Orwells Werk vor allem mit der Bedrohung durch utopische Staats- und Gesellschaftstheorien auseinandersetzt, kritisiert Huxleys – neben allzu überzogenen positiven Erwartungen an die Wissenschaft – von ihm ausgemachte gefährliche gesellschaftliche Tendenzen. Obwohl beide Werke einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, ist doch festzustellen, dass die Orwell’sche Warnung während des Kalten Krieges in der westlichen Öffentlichkeit in viel stärkerem Maße Beachtung gefunden hat als die Huxleys. Dieses änderte sich erst mit dem weitestgehenden Zusammenbruch der auf utopischen Ideologien fußenden Diktaturen Anfang der 90er Jahre. Seitdem hat die Schöne Neue Welt gegenüber seinem Konkurrenten zunehmend an Aktualität gewonnen – auch wenn jene in 1984 geschilderte Gefahr einer drohenden Totalüberwachung bzw. eines gläsernen Menschen nach der Ansicht Vieler nicht abgewendet zu sein scheint.

Kontroll- und Sanktionsmittel des StaatesGefangen im Paradies

Ein Gramm versuchen ist besser als fluchen

An den auf Bestellung des Staates in der Retorte gezeugten Bewohnern des Weltstaates werden schon im Reagenzglas zu genau bestimmten Zeiten diverse chemische Eingriffe in der Keimbahn vorgenommen, womit sichergestellt wird, dass diese den Ansprüchen der Herrschenden ideal genügen. Dabei bestimmt das nach seinem Erfinder bezeichnete Bokanovskyverfahren nicht nur die physische Erscheinung der zukünftigen Arbeiter, sondern auch deren intelektuellen Fähigkeiten, denn innerhalb des in 5 streng voneinander abgegrenzten Kasten aufgebauten (und somit auch an jenes aus Platons Politeia erinnernde) Gemeinwesens müssen nicht alle Menschen über besondere Geistesgaben verfügen – ganz im Gegenteil: Die halbdebilen Epsilon– und  Deltagruppen, welche die wenig anspruchsvollen Arbeiten verrichten, bilden den größten Teil der Bevölkerung. Während die Betas noch nicht einmal in der Lage sind, eigenständige Gedanken zu entwickeln, kann dieses in Ausnahmefällen wenigstens einzelnen Alpha-Plus gelingen, wobei die der Entkorkung genannten Geburt folgende Aufnormung (Konditionierung) das aber so gut wie unmöglich macht. Denn hierbei werden sämtliche relevanten charakterlichen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Einstellungen im Sinne des Systems genormt: vom Klassenbewusstsein über die Abneigung gegen andere Kasten sowie gegen die Natur bis hin zum sehnsüchtigen Verlangen nach Soma – jener Glücksdroge, die neben dem wenig anspruchsvollen Unterhaltungsangebot in Form von Sport und Medien immer dann konsumiert wird, wenn das Individuum – das als solches kaum noch zu erkennen ist – droht, unglücklich zu sein. Während bei Orwell zwecks Kontrolle eine technische und geheimdienstliche Totalüberwachung erfolgen muss, verhindert die vom Huxley’schen Staat vorgenommene Determinierung des Menschen und weitergehende Propaganda eine Abgrenzung des Einzelnen von der Gemeinschaft, der somit immer nur in der Gruppe glücklich ist,   – wodurch eine Abweichung von der Norm nahezu unmöglich ist bzw. leicht erkannt werden kann. Sollte das vom Kollektiv beobachtete Verhalten nicht den gewünschten Vorgaben entsprechen, droht die Versetzung an unangenehme Orte und – im schlimmsten Falle – die Verbannung aus der Gemeinschaft auf bestimmte Inselgruppen. Letztendlich verhindert so das den Menschen vom System beständig gewährte Glück, welches sie bei der Erfüllung ihrer Wünsche nach Bequemlichkeit, Spaß und Sex empfinden, dass sich der Einzelne bewusst wird, dass er nur jenen Bahnen und Gedanken folgt, die ihm von den Planern des Weltausichtsrates bei seiner Aufzucht mitgegeben worden sind – obwohl bei der Masse der Bevölkerung noch nicht einmal hierfür die intellektuellen Fähigkeiten vorhanden sind. Insofern erscheint das Staatsmotto Stabilität, Frieden und Freiheit insofern richtig, als dass das herrschende System sich zwar verewigt hat und es keine Konflikte irgendwelcher Art mehr gibt – die Freiheit aber ist nur eine scheinbare, denn nicht nur von der Norm abweichende Verhaltenweisen werden schon vor der Geburt weitgehend verhindert, sondern auch Wissenschaft und Kunst einer Zensur unterzogen.

Wilde, Egoisten, Überflieger: Helden die keine sind

Die schon im gleichen Jahr wie die Orginalausgabe – wenn auch zuerst unter anderen Titeln (Welt – wohin? bzw. Wackere neue Welt) erscheinende deutsche Übersetzung verlegt die Handlung mithilfe der Personen- und Ortsnamen aus Großbritannien nach Deutschland. Während in Samjatins Wir und Orwells 1984 nur ein Außenseiter in Konflikt mit dem System gerät, sind es bei Huxley im Jahre 632 nach Ford (2540 n. Chr.)  spielende Roman gleich drei. Der in einer Brutstation arbeitende und in seine Kollegin Lenina Crowe verliebte Bernhard Marx, der aus einem von der Außenwelt gänzlich abgeschlossenen Reservat (Motiv der Barriere) stammende unter primitivsten Verhältnissen aufgewachsene  John sowie der hochbegabte Michael Helmholtz, welcher zu Beginn nur mit Bernhard, später aber auch mit John befreundet ist. Keiner der drei Protagonisten vermag dem Leser als Identifikationsfigur zu dienen, zumal der Roman auktorial und aus verschiedensten Perspektiven erzählt wird, wodurch es Huxley übrigens gelingt, den Staat panoramaartig zu schildern. Während am Anfang Bernhard in seiner unglücklichen Liebe zu der wie alle anderen Menschen promiskuitiv lebenden Lenina und seiner Ablehnung der geltenden Normen noch als Sympathieträger gelten kann, offenbart er sich nach seiner Entdeckung Johns, aus dessen Person er gesellschaftliche Anerkennung zu schlagen hofft, als selbstsüchtiger Angeber und Feigling. Zeitweise bricht er sogar mit seinem Freund Michael, welcher nie so stark in den Mittelpunkt der Handlung rückt, dass er tatsächlich die Funktion einer Hauptfigur gewinnen könnte. John, dessen Mutter vor seiner Geburt im Reservat gestrandet ist und dem Zeit seines Lebens nur eine alte Gesamtausgabe der Werke Shakespeares (Motiv des Artefaktes) als Lektüre zu Verfügung  gestanden hat, ist zwar derjenige, der in der Anlage seines ‘edlen’ Charakters am deutlichsten den Leser gewinnen kann, allerdings wirken seine vornehmlich auf die Lektüre des Klassikers zurückgehenden Äußerungen in vielen Fällen geradezu grotesk.

Es ist hochinteressant, dass der von der Literaturwissenschaft als genrekonstituierendes Merkmal der Anti-Utopie favorisierte aus der totalitären Gesellschaft stammende Außenseiter, der beschließt, Widerstand zu üben und so in Konflikt mit dem System gerät, schon bei Huxley nicht ideal nachgewiesen werden kann; denn Bernhard fasst nicht den Beschluss, sich gegen die Ordnung zu stellen – es ist John, welcher aber überhaupt nicht Teil des Kollektivs ist, der zuletzt in einem Wutanfall die Somatabletten der Delta-Minus-Arbeiter aus dem Fenster wirft. Bernhard kann sich – im Unterschied zu Michael – aufgrund mangelnden Mutes gar nicht dazu durchringen, mit seinem Freund zusammen offen Position zu beziehen. Besonders gelungen, weil deprimierend, erscheint hier zudem, dass die Sicherheitskräfte des Staates die drei Helden vor dem aufgebrachten Pöbel retten müssen, bevor sie sie festnehmen und zum Enthüllungsgespräch mit dem (sehr verständnisvollen) Aufsichtsratsvorsitzenden Mustapha Mond bringen. Tatsächlich stellen die drei – zumal der Aufstand wenig geplant ist – keine übermäßige Gefahr für die Stabilität des totalitären Staates dar, welcher sich auf das Wesen seiner glücklichen Bürger verlassen kann. Der Leser kann so durchaus mit John mitfühlen, wenn er ironisch seinen veralteten Klassiker zitiert: Oh schöne neue Welt, die solche Bürger trägt! (William Shakespeare: Der Sturm).

Brave New World als Gesellschafts- und Wissenschaftkritik

Huxleys Roman kann nicht so einfach als Wissenschaftskritik verstanden werden. Zwar haben Forschungen Ergebnisse mit sich gebracht, die nach den Ausführungen Mustapha Monds in Folge eines verheerenden Krieges verwendet worden sind, um den Grundstein zum totalitären System des Weltstaates unter Aufsicht des Weltvorstandes zu legen, doch offenbart die von ihm eingestandene Zensur von Wissenschaft und Technik, dass bestimmte Forschungen aufgrund ihres Potentiales, Veränderungen herbeizuführen, eine Gefahr der versteinerten geschlossenen Gesellschaft darstellen – und somit geeignet sind, das System zu zerstören. Huxley kritisiert vielmehr als die Wissenschaft selbst gewisse zeitgenössische Erwartunghaltungen gegenüber bestimmten Bereichen bzw. Grenzbereichen derselben wie den Behaviorismus, den Taylorismus und Fordismus – die gemeinsam haben, den Menschen weitestgehend als Maschine zu betrachten oder ihn unter ökonomischen Gesichtspunkten zu entmenschlichen – und das ist auch das zentrale Thema des Romans:

“Warum haben die Schlote diese balkonartigen Dinger rundherum?, erkundigte sich Lenina. “Phosphorgewinnung”, erklärte Henry im Telegrammstil. “Auf dem Weg durch den Schornstein werden die Gase vier verschiedenen Verfahren unterzogen. Bei Leichenverbrennungen ging früher Phosphorpentoxyd dem Umlauf verloren. Heute werden mehr als 98% davon wiedergewonnen. Über anderthalb Kilogramm von jeder erwachsenen Leiche. Also nahezu 600 Tonnen Phosphor jährlich in Deutschland.

Von Taylorismus und Fordismus spricht heute kein Mensch mehr – obwohl die Frage, inwieweit der Mensch unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet werden darf, immer noch aktuell ist. Während die sich an den Theorien des Behaviorismus orientierende und zugleich vor diesen warnende Aufnormung in gewisser Hinsicht veraltet erscheint, ist das bei der Vorstellung, dass Menschen schon vor ihrer Geburt am Reißbrett entworfen werden können, nicht der Fall. Auch wenn heute nicht mehr wie im fiktiven Bokanovskyverfahren der Embryo mit Alkohol traktiert wird, ist durch die Gentechnik die Utopie eines perfekt an seine Umwelt und seine Aufgabe angepassten Menschen durchaus näher gerückt, als es zu Huxleys Zeiten überhaupt vorstellbar war. Nicht weniger aktuell scheint da die Kritik, die Huxley übt, an einer Spaß- und Konsumgesellschaft, die außer hedonistischen Neigungen keine ethischen Werte mehr kennt und die den geringsten Weg des Widerstandes geht: Hätte ich doch nur mein Soma dabei.

Schmunzeln im Angesicht des Schreckens

So deprimierend diese Welt auch sein mag, die Huxley in Brave New World entwirft, der Leser kann an vielen Stellen nicht anders, als zu schmunzeln – und das liegt nicht an der mangelnden Qualität des Werkes, sondern an den Stilmitteln der Parodie und der Satire, deren sich Huxley in viel stärkerem Maße als Orwell bedient (In 1984 bildet die Newspeak den parodierenden Kern). So lässt der Autor seine Figuren während einer religiösen Vereinigungszeremonie, die das christliche Abendmal ersetzt, sprechen:

Ford, wir sind zwölf, o mach uns eins/ Wie Tropfen im Gemeinschaftsquell/ Lass laufen uns im Strom des Seins/ Schnell wie dein 12 PS-Modell!

Elena Zeißler hat sicher recht, wenn sie mit Hans-Ulrich Seeber behauptet, dass diese stilistischen Unterschiede darauf zurückzuführen sind, dass Huxley es sich noch erlauben kann, seinen Weltstaat in eine sehr weite Zukunft zu rücken und dem Erzähler eine entspannte, satirische Haltung einzuräumen, während Winstons Leiden, Sehnsucht und Schmerz […] eine eindringliche Atmosphäre der Bedrohung [kreiert] [Elena Zeißler: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert]. Die Atmosphäre von Brave New World ist eine andere als die von 1984. Die von den Figuren gebetsmühlenartig bei jedem möglichen Anlass von sich gegengebenen Aufnormungssequenzen, die ein sinnvolles Gespräch jenseits von Sport, Sex, Mode und Unterhaltung unmöglich machen, verfehlen nicht die Wirkung auf den Leser, der zusammen mit Bernhard und John einerseits deprimiert und andererseit wütend auf die Oberflächlichkeit und Borniertheit der Figuren ist, die hier entworfenen Menschen für ihren “Charakter” aber einfach nicht verantwortlich machen kann.

Fazit

Obwohl Huxleys Roman eine ganz andere Atmosphäre als der von Orwell evoziert – auch weil er mit ganz anderen Mitteln arbeitet –  gelingt es ihm wie diesem, den Leser in eine Welt der Zukunft mitzunehmen, die nachdenklich macht. Auch wenn die Huxley’sche in ihren satirischen und parodistischen Elementen zwar nicht ganz ernst zu nehmen ist, öffnet sie jedoch immer noch die Augen für gesellschaftliche Entwicklungen in der unsrigen. Gerade die Art, in der die Bürger des Ford’schen Weltstaates von den 12 kapitalistischen Machthabern manipuliert und entmenschlicht werden, macht diesen Roman zu einem wichtigen Klassiker des Genres, den man einfach gelesen haben muss!

Alden Bell: Nach dem Ende

Eine Rezension von Rob Randall

Die meisten Käufer von Nach dem Ende dürften wohl bei der Lektüre eine ganze Reihe von ‘bösen’ Überraschungen erleben. Zwar wartet der Roman wie vom Verlag angedeutet mit einer postapokalyptischen Welt nach einer Umweltkatastrophe auf, allerdings durchstreifen schon sehr bald hungrige Gestalten die öde Landschaft, die einem nicht nur verdächtig langsam, sondern auch höchst bekannt vorkommen: Zombies! Eine ganze Welt voll!

Als wäre das nicht schon Grund genug für die meisten Leser sich erfreut die Hände zu reiben, wird auch schnell deutlich: Obwohl mit der 15-jährigen Temple eine jugendliche weibliche Protagonistin im Zentrum der Handlung steht, gehört der Roman, den der amerikanische Autor Aldon Bell 2010 unter dem schöneren Orginaltitel The Reaper are the Angels veröffentlicht hat, ganz und gar nicht zu jener Flut von Jugendbüchern und All-Agern, die spätestens seit Suzanne Collins‘ Die Tribute von Panem mit ihren erschreckenden Zukunftsvisionen den amerikanischen und deutschen Buchmarkt überschwemmen – denn die elterlose Temple findet im Unterschied zu den meisten anderen literarischen Akteurinnen weniger ihre Freude darin, sich schminken zu lassen und in attraktive junge Männer zu verlieben als vielmehr den Untoten beim Überlebenslampf in einer post-postapokalyptischen U.S.A. blutig den Garaus zu machen. Und obwohl die Heldin auch ihre weichen Seite hat, wenn sie sich um den geistig zurückgebliebenen Dussel kümmert, und spürbar an einem traumatischen Ereignis ihrer Vergangenheit leidet – sie steht ihren deutlich erkennbaren popkulturellen Vorbildern, der Kriegerprinzessin Xena und der Vampirjägerin Buffy, in Bezug auf Schlagkraft und Souveränität in nichts nach [siehe hierzu auch das Interview mit Aldon Bell auf Zombieinfo.com]. Sympathisch macht die zurückhaltend auktorial erzählte Geschichte neben des eigenwilligen Charakters der Protagonistin ihr unerwartetes Ende – womit sich der Roman von den meisten diesjährigen Erscheinungen im postapokalyptischen und dystopischen Genre merklich unterscheiden dürfte.

Spannend ist der Roman, der mehrfach eine gelungene Endzeitatmosphäre evoziert,  aus einer ganzen Reihe von Gründen. Überraschenderweise geht dabei die größte Bedrohung für die Heldin in dieser Welt, die Temple ja gar nicht anders kennt, nicht von den Untoten aus, sondern von den wenigen Überlebenden, die meinen, mit einem jungen hübschen Mädchen leichtes Spiel zu haben. Zu allem Unglück setzt sich dann auch noch bei ihrer Suche nach Dussels Verwandten ein von Rachedurst getriebener Jäger auf ihre Spur – und dieser lässt sich zwar zeitweise aufhalten, aber einfach nicht abschütteln:

Naja, sagt sie, bis jetzt bist du mir nur auf die Nerven gefallen. Und dafür kann ich dich wohl kaum abknallen.

Du hast wirklich Ehre im Leib, Kleine. du und ich, wir werden noch einigen Staub von der Erde aufwirbeln, bevor es ans Halsabschneiden geht.

Und damit wird auch schon der Aspekte des Romans berührt, durch den die Geschichte im Verlauf eine traurige Tiefe gewinnt und am Ende beinahe etwas Metaphysisches aufscheint: Denn obwohl die Protagonistin und ihr Antagonist sich persönlich ganz gut leiden können und auf eine irritierende Art in ihrer Einsamkeit einander ähnlich sind, können sie bei ihrem Spiel um Leben und Tod nicht aus ihrer Haut:

Wir spielen nur die Rollen, die für uns geschrieben wurden.

Ich weiß, bekennt sie.

Ja, ich sehe es. Du hast Sinn für solche Sachen, genau wie ich. Du verstehst, dass sie Welt eine Ordnung hat – feste Regeln, die für die Menschen und Götter gelten.

Dass die beiden damit Recht haben, auch wenn sie tatsächlich nicht alle Regeln des Schicksals kennen und über sämtliche Informationen verfügen, zeigt der Schluss – der gar nicht anders sein kann und darf als Bell ihn letztendlich gelungen – wenn auch ein bisschen konstruiert wirkend – angelegt hat.

Schade ist meiner Ansicht nach nicht, dass der Leser nichts über die Ursachen der Katastrophe(n) erfährt, sondern zum einen, dass Bell, der im bürgerlichen Leben übrigens den Namen Joshua Gaylord trägt und mit der Schriftstellerin Megan Abott verheiratet ist, den Roman nahezu vollständig im epischen Präsens verfasst hat, und zum anderen, dass er auf die Kennzeichnung der wörtlichen Rede wie auch der Gedanken verzichtet. In Kombination mit dem weitgehend zurückhaltenden auktorialen Erzählverhalten ergibt sich so zwar nicht nur der Eindruck eines personalen, sondern auch recht unmittelbaren Erzählens, aber störend wirkt dieses manchmal doch – zumal es wenig zur Spannungssteigerung selbst beizutragen scheint.

Fazit

Nach dem Ende ist ein spannender Roman, der aber nicht nur auf Action setzt und zudem in angenehmer Weise der Erwartungshaltung der meisten Leser zuwiderlaufen dürfte. Aus der Anlage der Handlung und der Figuren gelingt es Alden Bell, ihm mehr Tiefe zu geben als es für einen Roman, der das Überleben nach einer Zombieapokalypse behandelt, sonst üblich ist. Es gibt also genügend Gründe dafür, sich die 315 Seiten aus dem Heyne Verlag einmal vorzuknöpfen.