Andreas Guha: Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg

Wie so viele der Warnutopien des Jahres 1983 verarbeitet auch Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg die zeitgenössischen Ängste vor den Folgen des Nato-Doppelbeschlusses. Wenn auch hier die Sowjetunion wie in Gerhard Zwerenz Der Bunker aufgrund der nukleare Nachrüstung des Westens  zu einem nuklearen Schlag gegen die Bundesrepublik veranlasst wird, so erscheint das von Guha geschilderte Szenario, das ebenfalls nicht den gängigen Vorstellungen der Militärstrategen folgt (siehe hierzu: General Sir John HackettDer Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland) aber durchaus plausibel.

Die U.S.A. frisst ihre Kinder

Ausgangspunkt der Katastrophe, die im Jahre 1998 über die Bundesrepublik hereinbricht, ist ein amerikanischer Angriff auf die Insel Kuba, auf der sich wieder sowjetische Stellungen befinden. Diesem Angriff, der stellvertretend für viele andere mögliche Konflikte stehen kann, folgt die weltweite Eskalation verschiedener indirekter Stellvertreterkriege zu direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten. Angesichts der Bedrohung der politischen Führung der U.D.S.S.R., der vom Westen immer wieder ein präventiver „Enthauptungsschlag“ durch die für einen Erstschlag geeigneten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik angedroht worden ist, erfolgt ein begrenzter Atombombenangriff auf die B.R.D. ohne eine vorhergehend Invasion durch die Rote Armee. Bei dem nachfolgenden Vormarsch der Warschauer-Pakt-Truppen setzen beide Seiten nukleare Gefechtsfeldwaffen ein, die letztendlich Zentraleuropa – insebesondere aber Deutschland – in eine nukleare Wüste verwandeln.

Die Notstandsgesetze schießen los

Ein besonderer Stellenwert im Roman, der ausgiebig die Panik der deutschen Bevölkerung schildert, kommt den 1968 beschlossenen Notstandsgesetzen zu, die hier in fiktiven Erweiterungen der neunziger Jahre noch ein wenig verschärft worden sind. Aber auch in der orginalen Fassung hätten sie jene durchaus realistischen geschilderten Vorgänge, die Guhas Ich-Erzähler wütend zur Kenntnis nehmen muss, ermöglicht: Die Zensur der Presse bzw. der Medien insgesamt, Ausgangssperren, Sperrungen von Straßen zwecks Durchführung von militärischen Transporten ins wahrscheinliche Kampfgebiet an der deutsch-deutschen Grenze, Freischießen der Zugänge zu den Lagerstädten der Mittelstreckenraketen und Anklagen wegen Verrat und Defätismus. Deutlich wird, dass sich die Ängste der bundesdeutschen Bevölkerung spätestens Anfang der 80er Jahre im Vergleich mit denen der 50er und 60er Jahre deutlich verändert haben. Beherrschte damals die Furcht vor „dem Russen“ die öffentliche Meinung – und schien damit die Westbindung in der NATO notwendig –  so führt diese Allianz nun aufgrund des von den Autoren wohl als „imperialistisch“ verstandenen Vorgehens der U.S.A. zur endgültigen Katastrophe der Deutschen. Nahegelegt wird dabei immer, dass ein neutrales Deutschland besser dran gewesen wäre – obwohl mir die Vorstellung eines Westdeutschlands der 80er Jahre jenseits der Paktsysteme illusorisch und wenig realistisch erscheint.

Reflektionen über das Ende

Auffällig ist bei Guha wie bei Zwerenz der hohe Anteil von Reflektionen über die politischen Ursachen des Unterganges, die zum Schluss auch im Ethischen gesucht werden. Ermüdeten diese schon in Der Bunker den Leser deutlich, so kann man bei Guha erst nach dem Angriff der Sowjetunion auf die Bundesrepublik überhaupt von einer literarischen Handlung im eigentlichen Sinne sprechen. Meiner ersten Schätzung nach, machen die theoretischen Ausführungen des Protagonisten ca. 3 Viertel des 180 Seiten umfassenden Werkes aus, womit die eigentliche Geschichte der Hauptfigur, die hier zum Sprachrohr des Autors selbst degradiert wird, vor allem am Anfang zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Obwohl hierdurch der Eindruck der Hilflosigkeit des Einzelnen angesichts des nahenden Unheils verstärkt wird, lässt sich nicht mehr davon sprechen, dass die Lektüre des Tagebuches „Spaß“ im herkömmlichen Sinne machen würde. Guhas Ende ist weniger ein literarischer Text als eine politische Schrift, die mit ihrem geringen fiktiven Anteil die theoretischen Ausführungen des Autors untermauert – dieser Eindruck kann später auch weder durch die bedrückenden postapokalyptischen Szenen in Frankfurt und Wiesbaden noch durch die Erzählung vom persönlichen Untergang des Protagonisten und seiner Familie verwischt werden.

Fazit

Anton Guhas Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg kann kaum noch als literarisches Werk im engeren Sinne bezeichnet werden, da hier die eigentliche Handlung über weite Strecken vornehmlich dazu dient, Anlässe zu politischen und philosphischen Reflektionen zu schaffen – wobei die Auswirkungen eines Nuklearkrieges am Ende aber eindringlich und durchaus gelungen geschildert werden. Die Lektüre des Buches bietet sich damit nur jenen Interessierten an, die einen tiefergehenden Einblick in die Ängste und Argumentationsweisen der Friedensbewegung der achtziger Jahre bekommen möchten – alle andern sollten zu jenen Werken greifen, in denen das Geschehen eines Atomkrieges stärker als hier literarisiert wird.

Gerhard Zwerenz: Der Bunker

Der Bunker von Gerhard Zwerenz ist einer jener Warnutopien, die 1983 in der Bundesrepublik Deutschland zuhauf erschienen und eine literarische Auseinandersetzungen mit dem NATO-Doppelbeschluss und seinen potentiellen Folgen darstellen (andere Beispiele sind Udo Rabschs Julius oder der Schwarze SommerAnton Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg und Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn).

Der Zwerenz’sche Plot unterscheidet sich dabei auf eine charmante Art von dem der anderen Autoren: Von der Nato gewarnt begeben sich der deutsche Bundeskanzler und seine wenigen Auserwählten in den Regierungsbunker in der Eifel. Auf den Ich-Erzähler, ehemalige Regierungssprecher, Alkoholiker und nun wenig erfolgreichen Schriftsteller Seraphim Landauer fällt die Wahl des Regierungschefs deshalb, weil dieser in besonderer Weise geeignet erscheint, als eine moderne Form des Kriegsberichterstatters die Handlungen der Verantwortlichen zu beobachten und dokumentieren – denn vor dem Gericht der Geschichte wollen die Politiker gerne mit weißer Weste erscheinen. Was diese jedoch nicht wissen ist, dass Seraphim einer jener gedungenen Meuchelmörder ist, die gemäß eines Abkommens der östlichen und westlichen Mächte im Falle eines Atomkrieges jeweils die Mächtigen zur Verantwortung für ihre Taten ziehen sollen: Denn warum sollten diejenigen, die mit dem Leben von Milliarden Menschen gepokert haben, am Ende davonkommen – zumal sie so ein verstärktes Eigeninteresse daran haben dürften, dass es nicht zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommt.

Ein zweifelhaftes Szenario

So interessant (und phantasievoll) der Plot auch sein mag – das Zwerenz’sche Szenario, das zuletzt zur Vernichtung Mitteleuropas führt, ist wenig überzeugend – auch wenn es im Ansatz durchaus etwas für sich hat. Man erinnert sich: Aufgrund sowjetischen Überlegenheit im Bereich der Mittelstreckenraketen und einer Begrenzung der Interkontinentalraketen wurde im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland festgelegt. Dieses ermöglichte aus östlicher Sicht einen nuklearen Erstschlag auf das Kernland des Warschauer Paktes bei einer von 30 auf 9 Minuten reduzierten Reaktionszeit, was aller Berechnung nach auch dazu geführt hätte, dass die U.D.S.S.R. gegenüber der U.S.A. selbst mittels Interkontinentalraketen nicht „angemessen“ hätten Vergeltung üben können – und das ist auch die Grundannahme des Autors: Die nukleare Nachrüstung des Westens setze das durch die Mutal Assured Destruction geschaffene Gleichgewicht des Schreckens außer Kraft. Der arme Russe steht bei Zwerenz aufgrund des unverantwortlichen Verhaltens der westlichen (Macht-)politiker mit dem Rücken an der Wand. Es ist zwar nachvollziehbar, dass 1983 solche Befürchtungen geäußert wurden,  was dann aber folgt, entbehrt jeglicher Grundlage – denn entgegen allen Erwartungen überrennen die überlegenen Truppen des Warschauer Paktes nicht in einem konventionell geführten Überraschungsangriff, dem eine schrittweise Eskalation bis hin zum umfassenden nuklearen Schlagabtausch folgt, die Bundesrepublik, sondern es entwickelt sich aufgrund des Romanplots (der sich sonst angesichts der Kürze der Zeit gar nicht entfalten könnte)  ein 30-tägiges Geplänkel, in dem jeweils der Gegner erst die Inseln Helgoland und Hiddensee besetzt, welche dann vom eigenen Staat ausradiert werden – gleiches widerfährt übrigens auch den Hauptstädten Berlin und Bonn. Da erscheint das wenige Jahre zuvor von General John Hackett in Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland entworfene Geschehen realistischer.

Die feigen Verbündeten

Der Ablauf des weiteren weltpolitischen und militärischen Geschehens spiegelt nicht nur die zeitgenössischen Ängste der deutschen Bevölkerung wider, sondern auch die Befürchtungen der bundesdeutschen Politiker: Denn zu recht konnte es daran Zweifel geben, ob die U.S.A. bereit sein würden, sich für die westeuropäischen Staaten zu opfern. Wäre es nicht verständlich, wenn sie nach einen auf Mitteleuropa begrenzten Nuklearkrieg die Verbündeten in Westeuropa preisgeben würden, um Angriffe auf das eigene Land zu verhindern – zumal das aufgegebene Territorium über lange Zeit unbewohnbar gewesen wäre? In Zwerenz’ Roman bewahrheiten sich die dunklen Ahnungen der Verantwortlichen, als sich die us-amerikanischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik zurückziehen – was nicht nur einen ersten Hinweis auch auf die politische Haltung des Autors, der nach der Wiedervereinigung einige Zeit lang über die offene Liste der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) Mitglied des Deutschen Bundestages war, zulässt, sondern auch einen Einblick in seine Einschätzung des Wertes der Allianz mit den U.S.A. gibt.

Bunkergroteske 

Besonders bedrückend erscheint, dass die politisch Mächtigen innerhalb des Bunkers zunehmend die Kontrolle über das Land verlieren – ist mit dem Verteidigungsminister schon seit der Übernahme der militärischen Kommandostrukturen durch die Nato eigentlich ein überflüssiger Esser im Bunker, so gibt es für die ehemaligen Herren der Republik angesichts des über das Land hereinbrechenden Chaos und den immer häufiger unbesetzt bleibenden Dienstellen außerhalb nur wenig sinnvolle Tätigkeitsbereiche. Da erscheint es beinahe wie Resignation, dass Zwerenz den Kanzler wenige Stunden vor dem endgültigen Schlag der Supermächte die Renten in jenem Land, das nur Spielball der Supermächte ist, um großzügige 20 Prozent anheben lässt.

Brutale egoistische Schweine

Was Zwerenz dem Leser da boshaft als Führungselite der Bundesrepublik und Abgesandte der westlichen Allianz im feuchten Halbdunkel ihres Rattenlochs präsentiert, ist eine Ansammlung von Egoisten, Schurken, Macht- und Gewaltmenschen, Alkoholikern und Idioten. Sei es, dass der dekadent wirkende Bundespräsident darauf besteht, dass ein Hubschrauberpilot mutig sein Leben aufs Spiel setzt, um den x-ten Präsidentenhund vor der Gefahr des nuklearen Feuers zu bewahren, oder dass der Bundeskanzler, der zunehmend wie Adolf Hitler im April 45 beginnt Selbstgespräche zu führen, plant, am Ende alle Bewohner umzubringen und sich selbst mit einer handvoll Getreuer nach Afrika abzusetzen – um gar nicht davon zu reden, dass der amerikanische Botschafter und ehemalige Strumpfhosenfabrikant zu besoffen ist, um zwischen ‘Ja’ und ‘Nein’ unterscheiden zu können. Auch wenn man sich angesichts der Figuren manchmal des Lachens nicht enthalten kann, verblüfft es heute doch immer noch, wieviel seines klassischen Ressentimentes der sozialistische Autor hier gegenüber dem kapitalistischen Gegner und der verbündeten Sozialdemokratie durchblicken lässt. Ob es dessen pazifistischer Gesamthaltung oder der bloßen Ablehnung  westlichen Militärs zuzuschreiben ist, dass nach wenigen Tagen die Wacheinheiten des Bunkers auf Befehl des Kanzlers, der übrigens eine Mischung aus Helmuth Schmidt, Helmuth Kohl und Franz Joseph Strauß ist, zu Übungs- und Vergewaltigungszwecken Jagd auf Zivilisten in den umliegenden Dörfern machen, ist allerdings nicht feststellbar.

Über den Wert des Handwerkes

Ebenso zweifelhaft wie die Gestaltung von Szenario und Figuren ist die literarische Qualität des Werkes. Dass der der Autor, der gut 100 Romane – davon eine Reihe deftig pornografischer unter den Pseudonym Gert Amsterdam – verfasst hat, schreiben kann, merkt man. Allerdings entgeht dem Leser auch nicht, dass Zwerenz der Intelligenz seiner eigenen Leserschaft nicht zu trauen scheint. Denn als wären die theoretisch teilweise redundanten und immer wieder ermüdenden theoretischen Ausführungen, die Zwerenz seinen Figuren in den Mund legt, nicht schon nervig genug, fühlt sich der Autor auch noch bemüßigt, jede Anspielung auf andere Werke bzw. historische Situationen explizit zu erläutern. Selbst die literarische Machart des Romanes erklärt der Autor, der sich hier hinter dem Ich-Erzähler versteckt, über mehrere Seiten. Sollte das ein Versuch postmoderner Selbstreflektivität gewesen sein, so ist dieser heftig misslungen. Angesichts dessen wirkt es fast, als hätte der handwerklich nicht ungeschickte Zwerenz den Versuch unternommen, ein politisches Pamphlet hinter der Camouflage eines beinahe zum Rudiment reduzierten (und recht böswilligen) Handlungsgerüstes zu verstecken.

Fazit

Zwerenz’ Roman Der Bunker ist nicht nur von zweifelhafter literarischer Qualität, sondern verlangt auch dem Leser, der von der politischen Haltung des Autors absehen kann, aufgrund langatmiger theoretischer Erwägungen und politischen Ausführungen, der Figuren, die letzendlich nichts anderes bestätigen als das, was Zwerenz schon weiß und der dumme Leser endlich begreifen soll, eine ganze Menge ab – selbst wenn der Grundplot interessant und die groteske Darstellung der Situation innerhalb des Bunkers teilweise durchaus gelungen ist.

Aldous Huxley: Brave New Word

Neben der düsteren Anti-Utopie 1984 von George Orwell stellt Aldous Huxleys verstörende Zukunftsvision Schöne Neue Welt (Brave New World) aus dem Jahre 1932 einen der paradigmatischen Texte des dystopischen Genres dar. Dabei unterscheiden sich – obwohl Huxley einen allmächtigen versteinerten totalitären Staat wie Orwell schildert – die beiden entworfenen Welten deutlich.  Während sich Orwells Werk vor allem mit der Bedrohung durch utopische Staats- und Gesellschaftstheorien auseinandersetzt, kritisiert Huxleys – neben allzu überzogenen positiven Erwartungen an die Wissenschaft – von ihm ausgemachte gefährliche gesellschaftliche Tendenzen. Obwohl beide Werke einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, ist doch festzustellen, dass die Orwell’sche Warnung während des Kalten Krieges in der westlichen Öffentlichkeit in viel stärkerem Maße Beachtung gefunden hat als die Huxleys. Dieses änderte sich erst mit dem weitestgehenden Zusammenbruch der auf utopischen Ideologien fußenden Diktaturen Anfang der 90er Jahre. Seitdem hat die Schöne Neue Welt gegenüber seinem Konkurrenten zunehmend an Aktualität gewonnen – auch wenn jene in 1984 geschilderte Gefahr einer drohenden Totalüberwachung bzw. eines gläsernen Menschen nach der Ansicht Vieler nicht abgewendet zu sein scheint.

Kontroll- und Sanktionsmittel des StaatesGefangen im Paradies

Ein Gramm versuchen ist besser als fluchen

An den auf Bestellung des Staates in der Retorte gezeugten Bewohnern des Weltstaates werden schon im Reagenzglas zu genau bestimmten Zeiten diverse chemische Eingriffe in der Keimbahn vorgenommen, womit sichergestellt wird, dass diese den Ansprüchen der Herrschenden ideal genügen. Dabei bestimmt das nach seinem Erfinder bezeichnete Bokanovskyverfahren nicht nur die physische Erscheinung der zukünftigen Arbeiter, sondern auch deren intelektuellen Fähigkeiten, denn innerhalb des in 5 streng voneinander abgegrenzten Kasten aufgebauten (und somit auch an jenes aus Platons Politeia erinnernde) Gemeinwesens müssen nicht alle Menschen über besondere Geistesgaben verfügen – ganz im Gegenteil: Die halbdebilen Epsilon– und  Deltagruppen, welche die wenig anspruchsvollen Arbeiten verrichten, bilden den größten Teil der Bevölkerung. Während die Betas noch nicht einmal in der Lage sind, eigenständige Gedanken zu entwickeln, kann dieses in Ausnahmefällen wenigstens einzelnen Alpha-Plus gelingen, wobei die der Entkorkung genannten Geburt folgende Aufnormung (Konditionierung) das aber so gut wie unmöglich macht. Denn hierbei werden sämtliche relevanten charakterlichen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Einstellungen im Sinne des Systems genormt: vom Klassenbewusstsein über die Abneigung gegen andere Kasten sowie gegen die Natur bis hin zum sehnsüchtigen Verlangen nach Soma – jener Glücksdroge, die neben dem wenig anspruchsvollen Unterhaltungsangebot in Form von Sport und Medien immer dann konsumiert wird, wenn das Individuum – das als solches kaum noch zu erkennen ist – droht, unglücklich zu sein. Während bei Orwell zwecks Kontrolle eine technische und geheimdienstliche Totalüberwachung erfolgen muss, verhindert die vom Huxley’schen Staat vorgenommene Determinierung des Menschen und weitergehende Propaganda eine Abgrenzung des Einzelnen von der Gemeinschaft, der somit immer nur in der Gruppe glücklich ist,   – wodurch eine Abweichung von der Norm nahezu unmöglich ist bzw. leicht erkannt werden kann. Sollte das vom Kollektiv beobachtete Verhalten nicht den gewünschten Vorgaben entsprechen, droht die Versetzung an unangenehme Orte und – im schlimmsten Falle – die Verbannung aus der Gemeinschaft auf bestimmte Inselgruppen. Letztendlich verhindert so das den Menschen vom System beständig gewährte Glück, welches sie bei der Erfüllung ihrer Wünsche nach Bequemlichkeit, Spaß und Sex empfinden, dass sich der Einzelne bewusst wird, dass er nur jenen Bahnen und Gedanken folgt, die ihm von den Planern des Weltausichtsrates bei seiner Aufzucht mitgegeben worden sind – obwohl bei der Masse der Bevölkerung noch nicht einmal hierfür die intellektuellen Fähigkeiten vorhanden sind. Insofern erscheint das Staatsmotto Stabilität, Frieden und Freiheit insofern richtig, als dass das herrschende System sich zwar verewigt hat und es keine Konflikte irgendwelcher Art mehr gibt – die Freiheit aber ist nur eine scheinbare, denn nicht nur von der Norm abweichende Verhaltenweisen werden schon vor der Geburt weitgehend verhindert, sondern auch Wissenschaft und Kunst einer Zensur unterzogen.

Wilde, Egoisten, Überflieger: Helden die keine sind

Die schon im gleichen Jahr wie die Orginalausgabe – wenn auch zuerst unter anderen Titeln (Welt – wohin? bzw. Wackere neue Welt) erscheinende deutsche Übersetzung verlegt die Handlung mithilfe der Personen- und Ortsnamen aus Großbritannien nach Deutschland. Während in Samjatins Wir und Orwells 1984 nur ein Außenseiter in Konflikt mit dem System gerät, sind es bei Huxley im Jahre 632 nach Ford (2540 n. Chr.)  spielende Roman gleich drei. Der in einer Brutstation arbeitende und in seine Kollegin Lenina Crowe verliebte Bernhard Marx, der aus einem von der Außenwelt gänzlich abgeschlossenen Reservat (Motiv der Barriere) stammende unter primitivsten Verhältnissen aufgewachsene  John sowie der hochbegabte Michael Helmholtz, welcher zu Beginn nur mit Bernhard, später aber auch mit John befreundet ist. Keiner der drei Protagonisten vermag dem Leser als Identifikationsfigur zu dienen, zumal der Roman auktorial und aus verschiedensten Perspektiven erzählt wird, wodurch es Huxley übrigens gelingt, den Staat panoramaartig zu schildern. Während am Anfang Bernhard in seiner unglücklichen Liebe zu der wie alle anderen Menschen promiskuitiv lebenden Lenina und seiner Ablehnung der geltenden Normen noch als Sympathieträger gelten kann, offenbart er sich nach seiner Entdeckung Johns, aus dessen Person er gesellschaftliche Anerkennung zu schlagen hofft, als selbstsüchtiger Angeber und Feigling. Zeitweise bricht er sogar mit seinem Freund Michael, welcher nie so stark in den Mittelpunkt der Handlung rückt, dass er tatsächlich die Funktion einer Hauptfigur gewinnen könnte. John, dessen Mutter vor seiner Geburt im Reservat gestrandet ist und dem Zeit seines Lebens nur eine alte Gesamtausgabe der Werke Shakespeares (Motiv des Artefaktes) als Lektüre zu Verfügung  gestanden hat, ist zwar derjenige, der in der Anlage seines ‘edlen’ Charakters am deutlichsten den Leser gewinnen kann, allerdings wirken seine vornehmlich auf die Lektüre des Klassikers zurückgehenden Äußerungen in vielen Fällen geradezu grotesk.

Es ist hochinteressant, dass der von der Literaturwissenschaft als genrekonstituierendes Merkmal der Anti-Utopie favorisierte aus der totalitären Gesellschaft stammende Außenseiter, der beschließt, Widerstand zu üben und so in Konflikt mit dem System gerät, schon bei Huxley nicht ideal nachgewiesen werden kann; denn Bernhard fasst nicht den Beschluss, sich gegen die Ordnung zu stellen – es ist John, welcher aber überhaupt nicht Teil des Kollektivs ist, der zuletzt in einem Wutanfall die Somatabletten der Delta-Minus-Arbeiter aus dem Fenster wirft. Bernhard kann sich – im Unterschied zu Michael – aufgrund mangelnden Mutes gar nicht dazu durchringen, mit seinem Freund zusammen offen Position zu beziehen. Besonders gelungen, weil deprimierend, erscheint hier zudem, dass die Sicherheitskräfte des Staates die drei Helden vor dem aufgebrachten Pöbel retten müssen, bevor sie sie festnehmen und zum Enthüllungsgespräch mit dem (sehr verständnisvollen) Aufsichtsratsvorsitzenden Mustapha Mond bringen. Tatsächlich stellen die drei – zumal der Aufstand wenig geplant ist – keine übermäßige Gefahr für die Stabilität des totalitären Staates dar, welcher sich auf das Wesen seiner glücklichen Bürger verlassen kann. Der Leser kann so durchaus mit John mitfühlen, wenn er ironisch seinen veralteten Klassiker zitiert: Oh schöne neue Welt, die solche Bürger trägt! (William Shakespeare: Der Sturm).

Brave New World als Gesellschafts- und Wissenschaftkritik

Huxleys Roman kann nicht so einfach als Wissenschaftskritik verstanden werden. Zwar haben Forschungen Ergebnisse mit sich gebracht, die nach den Ausführungen Mustapha Monds in Folge eines verheerenden Krieges verwendet worden sind, um den Grundstein zum totalitären System des Weltstaates unter Aufsicht des Weltvorstandes zu legen, doch offenbart die von ihm eingestandene Zensur von Wissenschaft und Technik, dass bestimmte Forschungen aufgrund ihres Potentiales, Veränderungen herbeizuführen, eine Gefahr der versteinerten geschlossenen Gesellschaft darstellen – und somit geeignet sind, das System zu zerstören. Huxley kritisiert vielmehr als die Wissenschaft selbst gewisse zeitgenössische Erwartunghaltungen gegenüber bestimmten Bereichen bzw. Grenzbereichen derselben wie den Behaviorismus, den Taylorismus und Fordismus – die gemeinsam haben, den Menschen weitestgehend als Maschine zu betrachten oder ihn unter ökonomischen Gesichtspunkten zu entmenschlichen – und das ist auch das zentrale Thema des Romans:

“Warum haben die Schlote diese balkonartigen Dinger rundherum?, erkundigte sich Lenina. “Phosphorgewinnung”, erklärte Henry im Telegrammstil. “Auf dem Weg durch den Schornstein werden die Gase vier verschiedenen Verfahren unterzogen. Bei Leichenverbrennungen ging früher Phosphorpentoxyd dem Umlauf verloren. Heute werden mehr als 98% davon wiedergewonnen. Über anderthalb Kilogramm von jeder erwachsenen Leiche. Also nahezu 600 Tonnen Phosphor jährlich in Deutschland.

Von Taylorismus und Fordismus spricht heute kein Mensch mehr – obwohl die Frage, inwieweit der Mensch unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet werden darf, immer noch aktuell ist. Während die sich an den Theorien des Behaviorismus orientierende und zugleich vor diesen warnende Aufnormung in gewisser Hinsicht veraltet erscheint, ist das bei der Vorstellung, dass Menschen schon vor ihrer Geburt am Reißbrett entworfen werden können, nicht der Fall. Auch wenn heute nicht mehr wie im fiktiven Bokanovskyverfahren der Embryo mit Alkohol traktiert wird, ist durch die Gentechnik die Utopie eines perfekt an seine Umwelt und seine Aufgabe angepassten Menschen durchaus näher gerückt, als es zu Huxleys Zeiten überhaupt vorstellbar war. Nicht weniger aktuell scheint da die Kritik, die Huxley übt, an einer Spaß- und Konsumgesellschaft, die außer hedonistischen Neigungen keine ethischen Werte mehr kennt und die den geringsten Weg des Widerstandes geht: Hätte ich doch nur mein Soma dabei.

Schmunzeln im Angesicht des Schreckens

So deprimierend diese Welt auch sein mag, die Huxley in Brave New World entwirft, der Leser kann an vielen Stellen nicht anders, als zu schmunzeln – und das liegt nicht an der mangelnden Qualität des Werkes, sondern an den Stilmitteln der Parodie und der Satire, deren sich Huxley in viel stärkerem Maße als Orwell bedient (In 1984 bildet die Newspeak den parodierenden Kern). So lässt der Autor seine Figuren während einer religiösen Vereinigungszeremonie, die das christliche Abendmal ersetzt, sprechen:

Ford, wir sind zwölf, o mach uns eins/ Wie Tropfen im Gemeinschaftsquell/ Lass laufen uns im Strom des Seins/ Schnell wie dein 12 PS-Modell!

Elena Zeißler hat sicher recht, wenn sie mit Hans-Ulrich Seeber behauptet, dass diese stilistischen Unterschiede darauf zurückzuführen sind, dass Huxley es sich noch erlauben kann, seinen Weltstaat in eine sehr weite Zukunft zu rücken und dem Erzähler eine entspannte, satirische Haltung einzuräumen, während Winstons Leiden, Sehnsucht und Schmerz […] eine eindringliche Atmosphäre der Bedrohung [kreiert] [Elena Zeißler: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert]. Die Atmosphäre von Brave New World ist eine andere als die von 1984. Die von den Figuren gebetsmühlenartig bei jedem möglichen Anlass von sich gegengebenen Aufnormungssequenzen, die ein sinnvolles Gespräch jenseits von Sport, Sex, Mode und Unterhaltung unmöglich machen, verfehlen nicht die Wirkung auf den Leser, der zusammen mit Bernhard und John einerseits deprimiert und andererseit wütend auf die Oberflächlichkeit und Borniertheit der Figuren ist, die hier entworfenen Menschen für ihren “Charakter” aber einfach nicht verantwortlich machen kann.

Fazit

Obwohl Huxleys Roman eine ganz andere Atmosphäre als der von Orwell evoziert – auch weil er mit ganz anderen Mitteln arbeitet –  gelingt es ihm wie diesem, den Leser in eine Welt der Zukunft mitzunehmen, die nachdenklich macht. Auch wenn die Huxley’sche in ihren satirischen und parodistischen Elementen zwar nicht ganz ernst zu nehmen ist, öffnet sie jedoch immer noch die Augen für gesellschaftliche Entwicklungen in der unsrigen. Gerade die Art, in der die Bürger des Ford’schen Weltstaates von den 12 kapitalistischen Machthabern manipuliert und entmenschlicht werden, macht diesen Roman zu einem wichtigen Klassiker des Genres, den man einfach gelesen haben muss!

Alden Bell: Nach dem Ende

Die meisten Käufer von Nach dem Ende dürften wohl bei der Lektüre eine ganze Reihe von ‘bösen’ Überraschungen erleben. Zwar wartet der Roman wie vom Verlag angedeutet mit einer postapokalyptischen Welt nach einer Umweltkatastrophe auf, allerdings durchstreifen schon sehr bald hungrige Gestalten die öde Landschaft, die einem nicht nur verdächtig langsam, sondern auch höchst bekannt vorkommen: Zombies! Eine ganze Welt voll!

Als wäre das nicht schon Grund genug für die meisten Leser sich erfreut die Hände zu reiben, wird auch schnell deutlich: Obwohl mit der 15-jährigen Temple eine jugendliche weibliche Protagonistin im Zentrum der Handlung steht, gehört der Roman, den der amerikanische Autor Aldon Bell 2010 unter dem schöneren Orginaltitel The Reaper are the Angels veröffentlicht hat, ganz und gar nicht zu jener Flut von Jugendbüchern und All-Agern, die spätestens seit Suzanne Collins‘ Die Tribute von Panem mit ihren erschreckenden Zukunftsvisionen den amerikanischen und deutschen Buchmarkt überschwemmen – denn die elterlose Temple findet im Unterschied zu den meisten anderen literarischen Akteurinnen weniger ihre Freude darin, sich schminken zu lassen und in attraktive junge Männer zu verlieben als vielmehr den Untoten beim Überlebenslampf in einer post-postapokalyptischen U.S.A. blutig den Garaus zu machen. Und obwohl die Heldin auch ihre weichen Seite hat, wenn sie sich um den geistig zurückgebliebenen Dussel kümmert, und spürbar an einem traumatischen Ereignis ihrer Vergangenheit leidet – sie steht ihren deutlich erkennbaren popkulturellen Vorbildern, der Kriegerprinzessin Xena und der Vampirjägerin Buffy, in Bezug auf Schlagkraft und Souveränität in nichts nach [siehe hierzu auch das Interview mit Aldon Bell auf Zombieinfo.com]. Sympathisch macht die zurückhaltend auktorial erzählte Geschichte neben des eigenwilligen Charakters der Protagonistin ihr unerwartetes Ende – womit sich der Roman von den meisten diesjährigen Erscheinungen im postapokalyptischen und dystopischen Genre merklich unterscheiden dürfte.

Spannend ist der Roman, der mehrfach eine gelungene Endzeitatmosphäre evoziert,  aus einer ganzen Reihe von Gründen. Überraschenderweise geht dabei die größte Bedrohung für die Heldin in dieser Welt, die Temple ja gar nicht anders kennt, nicht von den Untoten aus, sondern von den wenigen Überlebenden, die meinen, mit einem jungen hübschen Mädchen leichtes Spiel zu haben. Zu allem Unglück setzt sich dann auch noch bei ihrer Suche nach Dussels Verwandten ein von Rachedurst getriebener Jäger auf ihre Spur – und dieser lässt sich zwar zeitweise aufhalten, aber einfach nicht abschütteln:

Naja, sagt sie, bis jetzt bist du mir nur auf die Nerven gefallen. Und dafür kann ich dich wohl kaum abknallen.

Du hast wirklich Ehre im Leib, Kleine. du und ich, wir werden noch einigen Staub von der Erde aufwirbeln, bevor es ans Halsabschneiden geht.

Und damit wird auch schon der Aspekte des Romans berührt, durch den die Geschichte im Verlauf eine traurige Tiefe gewinnt und am Ende beinahe etwas Metaphysisches aufscheint: Denn obwohl die Protagonistin und ihr Antagonist sich persönlich ganz gut leiden können und auf eine irritierende Art in ihrer Einsamkeit einander ähnlich sind, können sie bei ihrem Spiel um Leben und Tod nicht aus ihrer Haut:

Wir spielen nur die Rollen, die für uns geschrieben wurden.

Ich weiß, bekennt sie.

Ja, ich sehe es. Du hast Sinn für solche Sachen, genau wie ich. Du verstehst, dass sie Welt eine Ordnung hat – feste Regeln, die für die Menschen und Götter gelten.

Dass die beiden damit Recht haben, auch wenn sie tatsächlich nicht alle Regeln des Schicksals kennen und über sämtliche Informationen verfügen, zeigt der Schluss – der gar nicht anders sein kann und darf als Bell ihn letztendlich gelungen – wenn auch ein bisschen konstruiert wirkend – angelegt hat.

Schade ist meiner Ansicht nach nicht, dass der Leser nichts über die Ursachen der Katastrophe(n) erfährt, sondern zum einen, dass Bell, der im bürgerlichen Leben übrigens den Namen Joshua Gaylord trägt und mit der Schriftstellerin Megan Abott verheiratet ist, den Roman nahezu vollständig im epischen Präsens verfasst hat, und zum anderen, dass er auf die Kennzeichnung der wörtlichen Rede wie auch der Gedanken verzichtet. In Kombination mit dem weitgehend zurückhaltenden auktorialen Erzählverhalten ergibt sich so zwar nicht nur der Eindruck eines personalen, sondern auch recht unmittelbaren Erzählens, aber störend wirkt dieses manchmal doch – zumal es wenig zur Spannungssteigerung selbst beizutragen scheint.

Fazit

Nach dem Ende ist ein spannender Roman, der aber nicht nur auf Action setzt und zudem in angenehmer Weise der Erwartungshaltung der meisten Leser zuwiderlaufen dürfte. Aus der Anlage der Handlung und der Figuren gelingt es Alden Bell, ihm mehr Tiefe zu geben als es für einen Roman, der das Überleben nach einer Zombieapokalypse behandelt, sonst üblich ist. Es gibt also genügend Gründe dafür, sich die 315 Seiten aus dem Heyne Verlag einmal vorzuknöpfen.

Stanislaw Lem: Rückkehr von den Sternen (Transit)

Nicht alle Romane, die menschliche Gesellschaften der Zukunft mit äußerst zweifelhaften Zügen schildern, sind Dystopien. Zu ihnen gehört auch Stanislaw Lems Roman Rückkehr von der Sternen, der auch unter dem Titel Transit erschien. Das 1961 veröffentlichte Werk weist allerdings eine ganze Reihe anti-utopischer Elemente auf, die durchaus interessant sind.

Die Handlung in Kürze

Als der Weltraumpilot Greg Hall nach einer zehnjährigen Weltraumreise auf die Erde zurückkehrt, sind dort über 120 Jahre vergangen (Zum wissenschaftlichen Hintergund einer solchen Zeitreise lese man bei Einstein nach). Nicht nur, dass alle Freunde und Bekannten des Protagonisten schon verstorben sind, die Gesellschaft hat sich auch in einer Weise verändert, die eine Eingewöhnung kaum möglich macht: Denn der utopische Traum einer friedlichen Welt ist durch ein Betrisierung genanntes Verfahren Wirklichkeit geworden, da mit dessen weltweiter Einführung alle Aggressionen sowie gewalttätigen Konflikte gänzlich verschwunden sind. Da nimmt es auch nicht wunder, dass sich der äußerst muskulöse und beinahe 2 Meter große Astronaut, der gerne mal einen Boxkampf mit seinen ebenfalls zurückkehrten Freunden bestreitet, unter seinen ihm viel zu weich erscheinenden neuen Zeitgenossen äußerst deplaziert fühlt.

Irrwege durchs Paradies

Gregs Desorientierung wird schon zu Beginn überdeutlich. Lem wagt es gleich bei der Ankunft der Hauptfigur auf der Erde, den Leser in diesem konsequent personal erzählten Roman auf eine knapp 40-seitige Odyssee durch einen architektonisch zwar äußerst eindrucksvollen, aber auch sehr verwirrend erscheinenden Raumflughafen zu schicken. Dabei wirken die umfangreichen Beschreibungen aber nicht langatmig – denn sowohl Gregs Staunen als auch seine rührende Hilflosigkeit greifen auf den Leser über. Gleiches wiederholt sich bei verschiedenen Spaziergängen durch die Stadt, die in ihrer phantastisch wirkenden Anlage und ihren beeindruckenden Gebäuden vom Lems Einfallsreichtum zeugen. Wie in zahlreichen anti-utopischen Romanen bildet hier die Architektur die soziale Schichtung des Gemeinwesens ab. Während allerdings in Wells Romanen Wenn der Schläfer erwacht und Von kommenden Tagen ein ‘Oben’ und ‘Unten’ existiert, ist dieses in Rückkehr von den Sternen nicht der Fall: Künstliche Himmel ebnen die erkennbaren Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen der Stadt ein, womit der Anschein von Egalität erweckt wird. Diese fehlenden vertikalen Orientierungspunkte erschweren es Gregs deutlich und mehrfach, seinen Weg durch das Labyrinth der Stadt zu finden, was auf Gregs Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft der Zukunft zurechtzufinden insgesamt verweist.

Egalitär ist das Paradies der Zukunft, in welchem das Leben selbst nichts mehr kostet und die Arbeiten im Produktions- und Dienstleistungssektor weitgehend von Robotern übernommen werden, aber auch noch auf eine andere Weise:  Denn mit der Betrisierung sind nicht nur alle Aggressionen verschwunden, sondern auch Konkurenzdenken und Neugier – und damit auch die Bedeutung der damit verbundenen Werte für die Gesellschaft, in welcher es so kein nennenswertes ‘Oben’ und kein ‘Unten’ mehr geben kann. Und ebenso wie der Abenteurer Greg nicht seine Wege durch die Stadt findet, so unmöglich erscheint es ihm, eine sinnvolle Position innerhalb der Gesellschaft einzunehmen, die seine Expedition für einen Irrweg einer primitiven Vergangenheit hält.  Die durch die Betrisierung ermöglichte weitgehende Gleicheit aller Menschen ist dabei, ebenso wie die Negierung eines ‘Oben’ und ‘Unten’ durch die Architektur, nur eine scheinbare.  Genauso wie sie innerhalb einer Generation reversibel erscheint, gibt es priviligierte Menschen, die verbotener Weise über Mittel verfügen, welche die Wirkung der Betrisierung aufheben. Leider führt Lem die Folgen der Betrisierung nicht weiter aus – insgesamt geraten die mit diesem Eingriff verbundenen gesellschaftlich Auswirkungen, über die nur kurz referiert wird, zu wenig ins Blickfeld. Es ist auch schade, dass Lem die Probleme einer Welt, in der die angebliche Gleichheit aller Menschen so teuer erkauft ist und in welcher zum Töten fähige Roboter als zweite „Gesellschaft“ neben der menschlichen existieren und angesichts ihrer Verschrottung um ihr Leben flehen, nicht in größerer Tiefe thematisiert.

Gefühlvoller Neandertaler (männl., 2m, 127 Jahre) sucht verzweifelt Weibchen

Der für unsere heutigen Begriffe doch recht sanfte und einfühlsame Protagonist, der von seinen Mitmenschen aber als potentiell gefährlicher „Primitiver“ wahrgenommen wird, beginnt sich angesichts seiner Andersartigkeit selbst langsam wie ein Neanderthaler zu fühlen und sucht sein Heil letztendlich in einem Rückzug – diesem gehen aber noch einige erotische Abenteuer voraus. Nachdem sein erstes amouröses Erlebnis, in das Greg aufgrund seiner Unwissenheit hineinstolpert, geradezu deprimierend endet, da die Dame Angst vor ihm bekommt, wird das zweite wenigstens durch das oben genannte Mittel, welches die Wirkung der Betrisierung aufhebt, ermöglicht. Nach diesen Fehlschlägen beschließt Greg die Stadt zu verlassen und mit weniger Menschen in einer Villa an der Küste zu leben. Dort verliebt er sich allerdings in die junge Eri, da sie ihn unbewusst an die Frauen aus seiner Zeit erinnert. Auch Eri reagiert zunächst furchtsam – und Greg zwingt sie aus Unwissenheit und Unverständnis heraus dazu, mit ihm zu kommen. Lem widmet dem Auf und Ab dieser Liebesgeschichte eine ganze Anzahl von Seiten. Auch wenn sie nicht wie in so vielen Romanen Selbstzweck ist, beginnt sie doch nach einiger Weile zu ermüden. Die ansonsten glaubhafte Figure Gregs erscheint hier wenig überzeugend – denn selbst wenn Greg angesichts seiner (noch gar nicht so lange andauernden) Isolation niedergeschlagen ist und an der Sinnhaftigkeit seines bisherigen (und künftigen) Daseins zweifelt, wirken seine Handlungen in ihrer emotionalen Spontanität doch deutlich überzogen. Lem gibt diese Schwächen übrigens selbst zu, denn über Rückkehr von den Sternen äußert er: Mich stört die Sentimentalität dieses Buches; die Helden sind Muskelprotze, und die Heldin ist von Pappe. [Lem.pl: Rückkehr von den Sternen]. In gewissem Sinne muss man dem Autor hier recht geben, allerdings entspricht die Hauptfigur Gott sei Dank nicht dem Stereotyp eines muskelbepackten Helden.

Fazit

Stanislaw Lems Roman Rückkehr von den Sternen ist gerade aufgrund seiner Konzentration auf die emotionale Situation des Helden und deren Widerspiegelung auf verschiedenen Ebenen ein Werk, das beeindruckt. Allerdings blendet Lem in seiner Fokussierung nicht nur interessante Aspekte aus, womit das Werk recht eindimensional wirkt, sondern schlägt hinsichtlich der Gefühlslage des Protagonisten – vor allem gegen Ende des Romans – tüchtig über die Stränge.

Lee Harding: Warten aufs Ende der Welt

Wenn man über einen „erst“ 1983 erschienenen Roman so gar nichts in den Weiten des Internets zu finden vermag, so muss dass nicht unbedingt gleich ein schlechtes Zeichen sein. Lee Hardings postapokalyptisches Machwerk Warten aufs Ende der Welt ist allerdings zu Recht in Vergessenheit geraten.

Nach einem Dritten Weltkrieg bzw. Atomkrieg, der in Verlauf der Geschichte immer wieder als Ursache der gesellschaftlichen Veränderungen angedeutet wird, leben die meisten Menschen in verschmutzten Riesenstädten. Dort werden sie nicht nur durch die Medien, sondern auch durch Drogen im Trinkwasser ruhiggestellt bzw. sterilisiert. Hin und wieder gelingt es einigen wenigen jungen Menschen aus der Stadt in die ländliche Umgebung zu fliehen und die schrecklichen Entzugserscheinungen zu überleben. Auch Manfred und Katie, den Hauptfiguren des vermutlich in Australien spielenden Romans,  ist dieses jeweils gelungen – doch sind sie nicht in Sicherheit: Immer wieder erscheinen „Patrouillen“ und jagen erbarmungslos in der idyllischen und tropischen Landschaft die Flüchtlinge. Während Katie sich um die 18-jährigen Liz sorgt, welche verzweifelt auf die Rückkehr ihres Geliebten Colin aus dem unbekannten Norden wartet, kümmert sich der unter Amnesie und mittelalterlichen Geistererscheinungen leidende Manfred hauptsächlich um die Verbesserung seiner Fähigkeiten als Bogenschütze – eine Leidenschaft, die in den Augen seiner Mitmenschen immer mehr den Charakter einer Manie annimmt. Als nicht nur der geheimnisvolle Einsiedler Simon, sondern auch Manfred immer wieder den gleichen entsetzlichen Traum von der Zerstörung der Siedlung durch die Patrouille haben, stehen den erschreckten Bewohnern drei Wege offen: Das Warten, das Verstecken in den nahegelegenen Ruinen oder die Flucht in den nach Collins Worten wenig verheißungsvollen Norden.

Zum ersten lässt die Handlung des Romanes den Leser ratlos zurück: Warum einige Menschen in der Lage sind, sich dem Einfluss der so mächtigen Drogen zu widersetzen, wird nicht deutlich – in einer Rückblende erfährt man zumindest ein wenig über die Motivation Manfreds; warum dieser allerdings im Unterschied zu allen anderen als Kind in der Lage gewesen ist, die Manipulation bzw. die Gefahr, welche ihm in der Stadt drohte, zu erkennen, erschließt sich dem Leser nicht. In anderen Romanen wäre der Aufbruch der drei Gefährten ins Unbekannte vermutlich der Auftakt zu einem spannenden Abenteuer gewesen – hier bricht die (Vor-)Geschichte jedoch unvermutet ab. Spannung versucht der dreiteilige Roman vielmehr durch verschiedene wenig überzeugende Tricks – die wenig mit einer zusammenhängenden Handlung zu tun haben, zu generieren: Im ersten Teil flüchten die Protagonisten vor einer heranrückenden Patrouille, im zweiten erscheint Manfred ein geharnischtes Geisterheer (dann verschwindet es wieder) und im dritten muss eine Entscheidung hinsichtlich der prophezeiten Gefahr getroffen werden. Warum übrigens Manfred und Simon unter warnenden Visionen leiden und einen Blick in die Zukunft werfen dürfen, wird zwar durch eine obskure Theorie einer weiteren Figur erklärt, jedoch für den Leser wenig nachvollziehbar begründet.

Auf die Figurengestaltung wurde wenig Mühe verwendet, nur der Hauptfigur Manfred versucht der Autor etwas Tiefe zu verleihen – aber hier verlässt er sich weitgehend auf Obskuritäten: Manfred hat trotz seines Alters weiße Haare, kann sich nicht an seine Vergangenheit erinnern, sieht Gespenster, wirkt geisterhaft und ausgemergelt, beschäftigt sich mehr mit seinem Flitzebogen als mit allem anderen. Vielleicht soll dieses auch die Rätselhaftigkeit des ganzen Settings betonen, das trotz alter Bücher, Häuser, Ruinen und alten Konservendosen insgesamt wenig der postapokalyptischen Atmosphäre besitzt, die andere Romane des Genres wie Die Straße von Cormac McCarthy aufweisen – gelungen ist dieses nicht.

Sprachlich ist der 250-Seiten-Roman unauffällig, neben einigen gelungenen Vergleichen und Metaphern versteigt sich der Autor allerdings hin und wieder in gedrechselten Bildern, die einfach nur schief geraten: Manfreds Stimmung war entsprechend trübe. Er hatte den Eindruck, im Abseits zu stehen wie die kahlen, einsamen Bäume, und einem welken Blatt gleich war sein Mut auf den Grund der Seele gefallen.

Fazit

Es überrascht nicht, dass Lee Hardings Roman Warten aufs Ende der Welt in Vergessenheit geraten ist – mir fällt jedenfalls keine Begründung ein, warum man ihn lesen sollte.

Stanislaw Lem: Der futurologische Kongress

Wenn man wohlwollend ist, kann es positiv formulieren: In der literarischen Schatzkiste der sogenannten Groß- und Altmeister der Science Fiction findet sich hin und wieder unter dem Tand tatsächlich ein Juwel – sprich: ein Autor, dessen Cognomen nicht nur einer ersten Lektüre, sondern auch einer genaueren Prüfung standhält. Der polnische Autor Stanislaw Lem ist einer davon. Man kann wohl 30 Jahre lang lesend verbringen und trotzdem an den wirklichen Perlen des Genres vorbei gehen – mir ist dieses zumindest passiert: Bis mir endlich der Der futurologische Kongress aus dem Jahre 1971 in die Hände fiel.

Auf den ersten Blick könnten die berühmten skurilen Einfälle Lems wie Firlefanzerei wirken – wenn sich nicht die Unglaubwürdigkeit des Ich-Erzählers Ijon Tichy (Es war ein ausgezeichnetes Hilton! In solchen Dingen hat mein Urteil besonderes Gewicht. Ich bin nämlich der geborende Schwelger), seines Zeichens Raumpilot und als Außenseiter Gast des 8. futurologischen Kongresses in Costaricana, so gut zum zentralen Thema des Romanes – der Frage, was denn die Wahrheit nun wert und Wirklichkeit nun eigentlich sei – fügen würde. Und es sind nicht wie gewöhnlich nur die charakterlichen Züge, die den Protagonisten, der nur knapp dem aufkommenden Chaos in der Bananenrepublik und dem sich um das Hotel entwickelnden Bürgerkriegsgeschehen entkommt, dem Leser so sympathisch machen – es ist vor allem dessen ruhige Ahnungslosigkeit angesichts eines für den Leser doch verräterischen Serviceangebotes des Hotels (Pellerine in Tarnfarben, Kletterseil sowie Überlebensrationen unter dem Bett), das doch schon deutlich darauf schließen lässt dass  Ijon bald neuen Herausforderungen gegenüber stehen wird – Trotz der zugegeben standardisiert wirkenden Versicherung der Direktion, dass sein Zimmer mit Bestimmtheit bombenfrei sei (was es tatsächlich auch ist). Man muss dem wohl durch seine zahlreichen anderen Abenteuer (diese kann man übrigens in den Sterntagebüchern nachlesen) abgehärteten Ijon Tichy für seine bemerkenswert ruhige Schilderung der haarstäubenden Ereignisse einfach Repekt zollen – auch wenn seine Erzählung bei manchem Leser damit den Anschein erwecken könnte, eine hartherzig erzählte Groteske zu sein: Ein Mensch, der unter konzentrierten Beschuss vor deinen Füßen zusammensackt, ist nichtsdestoweniger kein erfreulicher Anblick, selbst dann nicht, wenn es sich um ein simples Missverständnis handelt, das den Austausch diplomatischer Entschuldigungen nach sich zieht.

Geradezu menschlich aber wieder ist, dass der anfangs noch stoische Held der Erzählung nach und nach seine Selbstsicherheit verliert, als er erkennen muss, dass er nach dem Abwurf der mit psychoaktiven Substanzen geladenen Bemben durch die Regierungseinheiten auch im Schutze der Kanalisation nicht mehr sicher sein kann, ob ihn seine Wahrnehmungen nicht trügen. Denn dem Leser ergeht es spätestens nach der dritten phantasierten Befreiungsaktion nicht anders – und auch er  achtet mit Ijon darauf, ob sich nicht bestimmte Traummotive wiederholen und diese so die nur vermeintliche Realität entlarven könnten. Hier ist aber für Protagonisten wie Leser wenig Hoffnung: Weil beide, der aus medizinischen Gründen eingefrorene und in der Zukunft erwachende Held und der ratlose Leser seiner hier zur Tagebuchform wechselnden Erzählung, feststellen müssen, dass ihnen nicht nur die zeitgenössische Sprache ein Verständnis der Welt der Zukunft nahezu unmöglich macht, sondern auch, dass die von Ijon wahrgenommene und dem neugierigen Leser genau beschriebene Welt selbst trügerisch zu sein scheint – denn eine Welt, in der jeder der 60 Milliarden Menschen sofort den Nobelpreis bekommen und einen echten Matisse an die Wand seines luxuriösen Palastes hängen kann, erscheint doch in jedem Sinne, auch wortwörtlich, utopisch. Möglicherweise haben von der Psychemie entwickelten Maskone – die Hapunkter – damit etwas zu tun.

Fazit

Selten habe ich eine derart amüsante Erzählung wie Der futurologische Kongress gelesen. Zugegeben: Manchmal drohen einige der skurilen Einfälle Lems, die wie ein Trommelfeuer auf den verblüfften Leser niedergehen, ins Lächerliche zu kippen – wäre da nicht immer wieder ein nächster Satz, welcher diesen Eindruck Lügen straft. Dass es Lem zudem gelingt, mögliche Gefahren der Manipulation von Gefühlen und Wahrnehmung durch eigene und fremde Hand derart unterhaltsam zu thematisieren, ist wirklich bemerkenswert. Gut, dass es noch eine ganze Reihe spannender Erzählungen Ijon Tichys gibt.

Jean Paul: Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht

Mir bisher unbekannt war, dass Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jean Paul, schon 1801 eine kurze Erzählung verfasste, die in mehrfacher Hinsicht auch für die Science Fiction Literatur von Bedeutung gewesen ist. Denn in dem nur wenige hundert Zeilen langen Text findet nicht nur das Motiv des letzten Menschen zum ersten Mal Verwendung, sondern es wird hier auch erstmals in einem literarischen Text ein Dying-Earth-Szenario entworfen: So erscheinen dem Protagonisten und Ich-Erzähler wenige Stunden vor dem Jahrhundertwechsel drei Geister, die in ihrer boshaften und spöttischen Art dem Schriftsteller deutlich machen, dass auch er eines Tages nicht nur nicht mehr gelesen, sondern auch vergessen werden wird und schildern ihm zudem den Fortgang des Universums.

Der Text ist insgesamt nicht mehr ganz leicht zu konsumieren und man merkt ihm sein Alter deutlich an – allerdings birgt dieses auch einen gewissen Reiz, denn die Erscheinungen offenbaren dem Autoren (nur halbrichtig): Irgend einmal wird Sein und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen verhalten wie das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also geradesooft auf den Toiletten aufgeschlagen liegen als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich bloß um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten zu studieren an Ihm und mir. Auch wenn hier in einer nahezu grotesker Manier – die typisch für Jean Paul istKlamauk und Ernsthaftigkeit zu einer irritierenden stilistischen und inhaltlichen Mischung verbunden werden, gehören die Textsequenzen, welche die kosmologischen Entwicklungen beschreiben, neben denen aus Wells Zeitmaschine und Byrons Gedicht Darkness sicherlich zu den sprachlich schönsten Beschreibungen eines drohenden Endes, die mir bisher begegnet sind: Es gibt einmal einen letzten Menschen – er wird auf einem Berg unter dem Äquator stehen und herabschauen auf die Wasser, welche die weite Erde überziehen – festes Eis glänzet an den Polen herauf der Mond und die Sonne hängen ausgebreitet und tief und nur blutig über der kleinen Erde, wie zwei trübe feindliche Augen oder Kometen – das aufgetürmte Gewölke strömet eilig durch den Himmel und stürzet sich ins Meer und fährt wieder empor, und nur der Blitz schwebt mit glühenden Flügeln zwischen Himmel und Meer und scheidet sie – Schau auf zum Himmel, letzter Mensch! Auf deiner Erde ist schon alles vergangen – deine großen Ströme ruhen aufgelöset im Meere. – Die alten Menschen, in welchen die frühern Alten lebten, wie Versteinerungen in Ruinen, zergehen unter dem Meere – nur die Welle klinget noch, und alles schweigt, und das Geläute der Uhren, womit deine Brüder die Jahrhunderte wie einen Bienenschwarm verfolgten, regt sich nicht im Meeressand…

Wer sich also für das Motiv des letzten Menschen oder apokalyptische Szenarien interessiert, sollte nicht nur Cousin de Granvilles Roman Le Dernier Homme aus dem Jahre 1805 oder Mary W. Shelleys  Verney, der letzte Mensch von 1826 zur Hand nehmen, sondern ruhig auch 20 Minuten in die kleine, manchmal durchaus witzige, Erzählung von Jean Paul investieren.

Kostenlos lesen lässt sich Die Wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht übrigens auf Zeno.org.

Haruki Murakami: 1Q84

Um kaum einen Roman rauschte es in den letzten Monaten so lautstark im Blätterwald wie um Haruki Murakamis sogenanntes ‘magnum opus’ 1Q84. Doch nicht nur der Medienrummel, der um diesen 1020-Seiten Wälzer veranstaltet wurde, lenkte meine Aufmerksamkeit auf ihn – neugierig machten mich auch die Anspielung auf George Orwells Meisterwerk 1984 im Titel und die Andeutungen in zahlreichen Onlinerezensionen, dass der Roman eine dystopische Welt zeichne. Sollte der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete japanische Schriftsteller tatsächlich den ersten (und den zweiten) Teil einer herausragende Dystopie verfasst haben?

Auch wenn der dritte Teil erst im Herbst diesen Jahres erscheint muss man wohl jetzt schon leider sagen: Dem ist nicht so: Zum einen ist die Welt des Romans im klassischen Sinne nicht dystopisch – auch wenn die Fitnesstrainerin und Auftragsmörderin Aomame sowie der Mathematiklehrer und angehende Schriftsteller Tengo 1984 in eine (doch recht umständlich erklärte) Parallelwelt des gleichen Jahres – zur Differenzierung von Aomame 1Q84 genannt – versetzt werden, in der plötzlich zwei Monde am Himmel stehen und die Amerikaner mit der Sowjetunion eine gemeinsame Raumstation planen und die phantastischen Little People als doch recht aufdringlich dargelegte Entsprechung zum Big Brother den Protagonisten sowie den ihnen nahestehenden Menschen das Leben schwer bzw. unmöglich machen. Im Zentrum steht vielmehr die romantische Liebe der beiden Außenseiter zueinander, die sich seit ihrer Kindheit zwar nicht mehr gesehen haben, wohl aber immer noch von einander träumen. Und das ziemlich schmutzig. Insofern hat 1Q84 mit dem berühmten Roman von Orwell wirklich wenig zu tun – und der Titel legt eine Verbindung nahe, die der Leser vergeblich sucht.

Mit den zweifelhaften erotischen Träumen Tengos ist auch schon ein besonders auffälliger Aspekt dieses Stücks japanischer Literatur berührt worden: Noch bevor Aomame den ersten der hier überraschend zahlreichen Frauenschläger im Dienste einer alten reichen Dame ins Jenseits befördert und bevor Tengo sich an die Verbesserunges des rätselhaften Romanmanuskriptes für einen Wettbewerb macht, präsentiert uns Murakami von Seite 56 bis Seite 59 die erste lesbische Liebesszene zweier Schulmädchen. Tatsächlich scheint es, als würde der Autor häufiger ‘auf Teufel komm raus’ die Phantasien seiner asiatischen Leserschaft befriedigen wollen. Sicher: One-Night-Stands müssen nicht unbedingt etwas mit Romantik zu tun haben, aber muss die Hauptfigur ihren halbgreisen Liebhaber, über dessen flaumigen Schädel sie zuvor obskurerweise minutenlang sehnsüchtig  phantasiert hat, derart verunsichern: „Ruhe jetzt! […] Ich bin hier, um Sex zu haben. Nicht um zu duschen. Kapiert? Zuerst machen wir es. Und zwar gründlich. Schweiß oder so was spielt keine Rolle. Wir sind hier doch nicht im Mädchenpensionat„?

Äußerlich erscheint der manchmal stark selbstreflexive Roman kunstvoll gebaut. Die beiden Teile des Romanes schildern in jeweils 24 Kapiteln, von denen immer 12 aus der Perspektive einer der beiden Hauptfiguren erzählt werden, wie sich die beiden Leben von Aomame und Tengo in der Auseinandersetzung mit einer geheimnisvollen Sekte einander langsam wieder annähern. Nur an einer auktorial erzählten Stelle bricht Murakami mit seinem System: Als in der Welt Aomames das erste Mal unbeobachtet das Phantastische in Form der Little People aus dem von Tengo bearbeiteten Roman Die Puppe aus Luft durch einen explodierenden Hund in die ansonsten realistisch erzählte Welt kriecht. Das klingt nicht nur am Anfang rätselhaft und grotesk, das bleibt es auch bis zum Schluss – und ich will nur hoffen, dass es Murakami wenigstens im dritten Teil gelingt, einige der merkwürdigen postmodernen Handlungsstränge, die hier mit ihm durchgegangen sind und die sich mir auch nicht allegorisch erschließen, wieder einzufangen.

Vielleicht resultiert mein Unverständnis des Werkes ja auch aus der Tatsache, dass 1Q84 der erste Roman Murakamis ist, den ich lese – aber nach über 1000 Seiten wäre ich einem  Verständnis der rätselhaften Vorgänge gern ein wenig näher gekommen (vielleicht geht das Liebhabern von Akte X oder Filmen von David Lynch anders). So sehr auch in anderen Rezensionen immer wieder auf den einfachen  bzw. gewöhnungsbedürftigen sprachlichen Stil des japanischen Autors eingangen wird, ich habe an diesem nichts zu bemängeln – da stören mich schon eher die zahlreichen inhaltlichen Redundanzen, die nicht alleine auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass hier ein zweiteiliges Werk vorliegt: Ich habe leider nicht mitgezählt, wie oft während der häufigen Massageorgien erklärt wird, dass Aomame ein minutiöses Gedächtnis hinsichtlich der kleinsten körperlichen Eigenschaften besitzt oder sich den Aufbau aller Muskeln des menschlichen Körpers eingeprägt hat.

Dass mir diese inhaltlichen Wiederholungen überhaupt auffallen konnten, liegt aber nur daran, dass ich den Roman – vielleicht auch gerade wegen seiner Rätselhaftigkeit und der aus der gelungenen Anlage des Romans resultierenden Spannung  – nicht aus der Hand legen konnte und ihn innerhalb von 48 Stunden einfach lesen musste. Und das passiert mir mit solchen Wälzern wirklich nicht sehr oft. Und das obwohl Murakami geradezu ausufernd den persönlichen Lebensweg seiner Figuren entwirft und seitenlang Ereignisse aus ihrer Kindheit schildert, um deren charakterlichen Entwicklung glaubhaft zu machen – es kam einfach keine Langeweile auf, zumal die Schilderungen immer wieder für die Handlung des Romans von Bedeutung werden.

Fazit

Murakamis 1Q84 ist ein äußerst spannend zu lesender Roman mit kleinen Schwächen, der als postmoderner Stilmix aus Kriminalroman, Thriller, Fantasy, Science Fiction und Liebesgeschichte den Leser trotz zahlreicher anbiedernd wirkender erotischer Szenen unbefriedigt mit einer Reihe von Fragen zurücklässt, die hoffentlich endlich im dritten Teil beantwortet werden.

John Wyndham: Die Triffids

Wenn ein Tag, von dem man eigentlich weiß, es ist ein Mittwoch, sich von Anfang an so anhört wie ein Sonntag, ist irgend etwas faul. Und wenn Romane, in diesem Falle Die Triffids von John Wyndham, mit einem Satz wie diesem beginnen, dann steigen merklich die Erwartungen. Manchmal mögen sie im Verlaufe der weiteren Lektüre noch enttäuscht werden – aber nicht in diesem Falle, denn nicht umsonst gehört das 1951 erschienene Werk zu den Klassikern der Science-Fiction-Literatur.

Ein einzigartiges Schauspiel bietet sich den atemlosen Bewohnern unseres Planeten: Während die Erde auf ihrer Bahn einen Meteoritenschweif kreuzt, verglühen weltweit abertausende von Meteoriten spektakulär in der Atmosphäre. Und mit den frisch operierten Augen des Ich-Erzählers William Mason, welcher dem Verhängnis aus dem Kosmos nur aufgrund einer medizinischen Behandlung entgeht, blickt der Leser am Tag darauf in eine Welt, die für die meisten Menschen sehr finster geworden ist – denn alle Schaulustigen sind erblindet. Durch das Ausmaß der Katstrophe brechen augenblicklich sämtliche Strukturen der Gesellschaft zusammen – und die Sehenden werden zu einer begehrten Beute der Verzweifelten und Hungernden, die ihr Augenlicht verloren haben.

Als Gedankenspiel umreißt Wyndham glaubwürdig – wenn auch wenig tiefgehend – einige mögliche Gesellschaftsformen, die aus dem Chaos in Groß Britannien hervorgehen und auch wieder untergehen könnten. Und da diese alle mehr oder weniger miteinander um die wenigen Ressoucen und die Nicht-Erblindeten kämpfen müssen, kommt es zu zahlreichen spannenden Situationen, zumal der Hauptgegner nicht menschlich, sondern pflanzlich ist. Denn eine erst seit wenigen Jahren zur Ölgewinnung kultivierte und ziemlich rätselhafte Pflanzenart, die aufgrund ihres Aussehens und ihrer Fähigkeit zur Fortbewegung Triffid genannt wird, macht regelrecht Jagd auf die immer kleiner werdende Zahl der Überlebenden. Und letztere brauchen einige Zeit, um zu realisieren, dass nicht nur die Zivilisation aufgrund des Zusammenbruchs der Gesellschaft bedroht ist, sondern auch das Überleben der Menschheit durch den neuen Gegner insgesamt.

Auf den ersten Blick mögen beide Szenarien – und zudem ihr verhängnisvolles Zusammentreffen – als Idee für eine Romanhandlung wenig tragfähig erscheinen. Doch Wyndhams verschafft seinen kreativen Einfällen genügend Glaubwürdigkeit durch das Rätselraten der Protagonisten um die Herkunft der Triffids und die Ursache der Erblindungen. So vermuten einige der Figuren nicht nur, dass die gefährlichen Triffids aus Laboren hinter dem Eisernen Vorhang stammen, sondern auch, dass die Ursache der Erblindung im Einsatz einer im Zuge des Kalten Krieges entwickelten Satellitenwaffe ist. Insofern warnt Wyndhams apokalyptischer Roman sowohl vor der Hybris menschlichen Forscherdranges als auch geradezu prophetisch vor den Gefahren eines ungebremsten Rüstungswettlaufes zwischen NATO und Warschauer Pakt. Welche visionäre Weitsicht der Science-Fiction-Schriftsteller Wydnham dabei bewiesen hat, wird vor allem deutlich, wenn man berücksichtigt, dass der erste in die Erdumlaufbahn geschossene Satellit erst am 4. 10. 1957 – also 6 Jahre nach Erscheinen des Romans – durch sein kommunistischens Piepsen die amerikanische Bevölkerung begann in Panik zu versetzen.

So spannend der Roman auch ist und so gut mir der hervorragende sprachliche Stil des Autors gefallen hat, einige kleine Schwachstellen hat der Roman meiner Einschätzung  nach durchaus: Zum einen empfinde ich persönlich das Ende als ziemlich unbefriedigend und zum anderen bleibt mir der zu wenig Tiefe aufweisende Charakter des Protagonisten – obwohl letzterer als Ich-Erzähler die Ereignisse über 260 Seiten lang schildert  – seltsam fremd.

Fazit

Wyndhams Roman Die Triffids verdient es zu recht, als Klassiker der Science Fiction Literatur bezeichnet zu werden. Der spannende Roman, dem man sein Alter durchaus anmerkt,  ist unbedingt eine Lektüre wert!