Brian Keene: Auferstehung

Eine Rezension von Rob Randall

Bisher habe nie ein Problem damit gehabt, einen Roman zuende zu lesen. Aber das diesen Monat neu erschienen Werk Auferstehung von Brian Keene [Aussage des Verlages: Brian Keene ist der neue Richard Laymon!] hat mir wirklich alles, aber auch alles abverlangt:

Ein Experiment mit einem Teilchenbeschleuniger hat ein unsichtbares Portal geöffnet, durch das Dämonen in unsere Welt eindringen können. Nach dem Tode eines Lebewesens nehmen sie  seinen Körper und seine Erinnerungen in Besitz. Es kommt wie es kommen musste: Schon nach kurzer Zeit tummeln sich mehr hungrige Zombies in den Straßen der amerikanischen Großstädte als lebende Menschen. Allerdings sind die lange ausgesperrten Dämonen nicht gerade wählerisch, was ihre neuen Körper betrifft. Dankbar nehmen sie sich auch Goldfischen (die daraufhin zu genitalfixierten Killern mutieren), Elchen (Rache ist Blutwurst!), Tauben (Autobesitzer wissen es schon: Die Masse machts!), Löwen (Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sich im Zoo vor den Drogendealern verstecken zu wollen?) und so weiter und so weiter an. Kurz: Keene präsentiert eine untote Zombie-Menangerie. Die teilweise grotesken Szenen könnten vielleicht noch gefallen, wenn der Autor nur ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen Humor zeigen würde. Vielleicht sollen die Äußerungen der cleveren Zombies lustig sein: Hat dir noch niemand gesagt, dass es gefährlich ist, Anhalter mitzunehmen?!?.

Die einzigen Beschreibungen, für die sich der Autor bei den rasanten Fahrten seiner unzähligen Protagonisten Zeit nimmt, sind die äußerst unappetitlichen: Detailliert werden die Formen von Eingeweiden oder Farben von vergammelnden Wunden entfaltet. Ausführlich wird geschildert, wie untote Babys in ihrem Kinderwagen exekutiert oder schon bei ihrer Flucht aus dem verwesenden Mutterleib vom eigenen Vater erschossen werden [Zitate erspare ich mir hier jetzt mal].

Überraschend fand ich auch die hohe Zahl der Figuren für einen Roman, der  ca. 400 Seiten umfasst – zugegeben: ein Großteil wird gleich wieder entsorgt, deshalb beschränke ich mich hier mal auf die zentralen, die allerdings schon aussagekräftig genug sind: Da wäre zum einen Jim, der in seinem Bunker von seinem Sohn, der bei seiner neu verheirateten Mutter lebt, einen Anruf enthält und sich daraufhin auf eine gefährliche Reise machen muss, der sich bald ein wenig zimperlicher Priester namens Martin anschließt, weil er meint, Gott hätte ihn dazu berufen. Ein anderer ist Baker, der am Experiment des Teilchenbeschleunigers mitgearbeitet hat, und der dem Angiff eines hungrigen Zierfisches nur  knapp entkommen ist. Er begegnet Wurm, einem geistig zurückgebliebenen Jungen, an dem er tiefsinnig seine Schuld abarbeiten will. Da wäre die drogenabhängige Frankie, die immerhin bei Troll eine unterirdische Entziehungskur macht, diesen aber nachher gegen den Bunten John tauschen muss, weil ersterer einer Horde Ratten zum Opfer fällt. Leider ist letzterer ein geistig verwirrter Obdachloser.  Außerdem ist da noch Skip, der in einer der marodierdenden Militäreinheiten dient, die sich sofort verselbstständigt haben, nachdem der Präsident vor laufenden Kameras seinem Pressesprecher in den Arm gebissen hatte. Und da in solchen Situationen der Mensch des Menschen Wolf ist, schrecken die verbliebenen hohen Militärs (die ja immer die Bösen sind) auch nicht vor der systematischen Versklavung der männlichen und systematischer Vergewaltigung der  weiblichen Zivilbevölkerung zurück. Aber Skip ist ein Guter und hat Skrupel und geht  deshalb nicht in den “Fleischwagen”. Diese verschiedenen Handlungsstränge laufen also nach und nach aufeinander zu, wobei Verluste – vor allem, weil die Zombies so verdammt schlau sind – nicht ausbleiben. Nicht nur manchmal ist das ein wenig deprimierend (und anstrengend). Kaum hat man sich die Namen der neuen Figuren eingeprägt, zack! Schon greifen hinterhältig Eichhörnchen an und dezimieren die fliehende Gruppe gnadenlos.

Fazit

Im Gegensatz zum witzigen Tagebuch der Apokalypse hat mir Auferstehung ganz und gar nicht gefallen – aber ich konnte auch ernst gemeinten Zombiefilmen bisher nie etwas abgewinnen. Wer aber gerne Horrorfilme guckt, in denen Nahaufnahmen von madenverseuchten klaffenden Wunden und explodierenden Schädeln das cineastische Highlight darstellen, der kann sich ja auch mal an Keenes literarischen Ekzessen in Auferstehung probieren. Ich habe drei Kreuze gemacht, als ich endlich durch war – zumal das Ende… naja.

Robert Merle: Malevil oder Die Bombe ist gefallen

Eine Rezension von Rob Randall

Geradezu außergewöhnlich: Im Roman Malevil fallen die Bomben  – und trotzdem ist das Buch keine Warnung vor einem Atomkrieg. Sein Autor Robert Merle schildert das Leben in einer Welt nach der Zerstörung – und will dennoch nicht die Folgen eines nuklearen Schlagabtausches beschreiben. Die überlebenden Protagonisten müssen zahlreiche Abenteuer bestehen – und doch ist das Werk keine oberflächliche Robinsonade, sondern vielmehr ein beeindruckendes Gedankenexperiment.

Der Inhalt

Der Roman Malevil oder Die Bombe ist gefallen ist der Bericht des Landwirtes und Pferdehändlers Emmanuel Comte über den Tag X, den er mit einigen seiner Jugendfreunde im Weinkeller seiner kleinen Burg Malevil überlebt hat – und die schwere Zeit danach. Der Ich-Erzähler setzt bei seiner Erzählung aber nicht  mit der näheren Vorgeschichte des Dritten Weltkrieges ein, sondern schildert auf den ersten 100 Seiten seine Jugend und seinen Werdegang bis zu dem Zeitpunkt, da er die Burg, welche schon immer Treffpunkt für ihn und seine Freunde gewesen ist, erwerben und renovieren kann. Obwohl die Wälder um Malevil weitgehend verbrannt sind und die nächsten Ortschaften völlig zerstört scheinen, hat die Gruppe Glück im Unglück, denn sie entkommt nicht nur dem Hitzetod, sondern befindet sich auch in einer Region die von einer Lithium-Bombe getroffen worden ist, so dass der Fallout keine Gefahr für darstellt. Diese erwächst ihnen eher in den anderen Überlebenden, die sich des Eigentums bemächtigen wollen, über das die neuen Herren von Malevil in Form der Burg und ihres Viehs noch verfügen und das sie in urkommunistischer Manier neben Frauen auf der Burg gemeinsam teilen: Zum Beispiel in dem dem falschen Priester Fulbert, der sich des Nachbarortes La Roque bemächtigt hat und der nun trickreich versucht, auch Malevil unter seine Knute zu bringen – und der sich auch umherziehender Banden von Plünderern bedient, um an sein Ziel zu gelangen.

Ein postapokalyptischer Roman als psychologische Studie

Schon Nevile Shute hat in seinem Roman Das letzte Ufer gezeigt, dass ein Roman, der das Thema eines Atomkriegs gelungen behandelt, nicht unbedingt mit  einer genauen Beschreibung der Vorgeschichte des Krieges und Bildern vom Vorgang der Zerstörung selbst aufwarten muss. Und so beschränkt sich Merle auch in Malevil auf das Notwendigste: Es wird plötzlich über Stunden sehr heiß im alten Weinkeller der Burg und den ratlosen Überlebenden bietet sich  später beim Blick vom Bergfried ein trostloses Bild: Die nahegelegenen Ortschaften scheinen zerstört, die Wälder sind verbrannt, kein lebendes Wesen ist zu sehen und langsam legt sich eine bedrückende Ascheschicht über das Land, das erst nach Monaten wieder die Sonne erblicken wird. Schon die Tatsache, dass keine gefährliche Strahlung gemessen werden kann, zeigt: Es geht Merle nicht um die Folgen eines Atomkrieges selbst. Der Roman, in dem die Frage, wie es zum Krieg (war es überhaupt ein solcher?) gekommen ist, nirgendwo beantwortet wird, stellt keine Warnung dar. Die Katastrophe hätte  auch eine andere ganz andere sein können. Ihre Aufgabe ist es schlechthin, tabula rasa mit einer Welt zu machen, die durch ihre starken Traditionen, gesellschaftlichen Konventionen und Institutionen Formen alternativen Zusammenlebens verhindert.

In den neu geschaffenen und (nicht zur Gänze) leeren Raum stellt Merle seine äußerst differenziert beschrieben Charaktere: Da ist die manchmal recht biestige kleine Menou, die schon Emmanuel Comtes Onkel den Haushalt geführt hat, und die beständig vergeblich („Lammido infrin vadammomal!„) versucht, ihren geistig zurückgebliebenen Sohn Momo zu waschen. Das soll ohne längere Treibjagden aber erst der taubstummen Catie gelingen, die als vorerst einzige junge Frau auf Momo genausoviel Eindruck macht wie auf Colin, Thomas, Meysonnier und Emmanuel – die anderen männlichen Bewohner Malevils – welche deshalb auch zugunsten der Gemeinschaft beschließen, dass  ebensowenig wie auf Malevil auch auf das Mädchen kein Einzelner „Eigentumsansprüche“ erheben soll. En detail beschreibt Merle die ablaufenden gruppendynamischen Prozesse, was aufgrund der Tatsache, dass die Figuren alle „Unikate“ sind, äußert unterhaltsam gerät, zumal sich der Autor eines feinen Humors bedient.

Als alternativen Gesellschaftsentwurf zur Gemeinschaft in Malevil entwickelt Merle die Siedlung La Roque. Während auf der Burg – trotz der unangefochtenen Position Emmanuel Comtes – basisdemokatische Entscheidungen getroffen werden regiert hier ein Autokrat, der die religiöse Vorstellungen der  Bewohner für seine ausschließlich egoistischen Pläne nutzt und der in dem kleinen Dörfchen eine Atmosphäre aus Angst und Terror etabliert. Merle analysiert innerhalb dieses Rahmens gelungen die Charaktertypen, die hinter den verschiedenen Formen von Kollaboration, Anpassung und Widerstand stehen.

Aber nicht nur der für Malevil immer gefährlicher werdende Konflikt mit Fulbert bzw. La Roque, der in einem Angriff auf die Burg seinen Höhepunkt findet, führt zu einer ganzen Reihe spannender Ereignisse, die trotz der detaillierten Beschreibungen keine Langeweile aufkommen lassen: So machen sich vor Hunger sterbende Gruppen über die Felder Malevils her und Plünderer erbeuten kostbare Pferde. Meiner Ansicht nach ist es Merle damit gut gelungen, ein Gleichgewicht zwischen spannender Abenteuergeschichte im Stile der postapokalyptischen Robinsonade und anspruchsvoller Analyse zu schaffen.

Der 650 Seiten umfassende Roman beeindruckt dabei nicht nur durch die Tiefe der Darstellung,  seine Spannung, die zahlreichen glaubwürdigen Charaktere, seinen feinen Humor (und beeindruckenden Stil), sondern auch durch eine erzähltechnische Rafinesse: Hin und wieder wird der nicht sehr selbstkritische Bericht der Ich-Erzählers Emmanuel Comtes durch Anmerkungen und Korrekturen des Nebenerzählers Thomas unterbrochen, wodurch dem Eindruck, man  habe es hier mit dem gelungenen Versuch einer hagiografische Selbstdarstellung  der Hauptfigur zu tun, entgegengewirkt wird.

Hintergründe

Die Ursachen dafür, dass Merles eigentliches Thema nicht der drohende Dritte Weltkreg ist, dürfte in der allgemeinen Stimmung der frühen Siebziger Jahre zu suchen sein: Denn 1973 fand das Thema des Atomkrieges wenig Anklang in der literarischen Öffentlichkeit. Seit der Kubakrise konnte man das Verhältnis zwischen den ideologischen Lagern des Kalten Krieges durchaus als relativ entspannt bezeichnen. Und nachdem im Jahr zuvor  die U.S.A. und die U.D.S.S.R. mit der Unterzeichnung der SALT-I-Verträge den nukearen Rüstungswettlauf schon stark verlangsamt hatten, traten  die Großmächte 1973 mit dem ABM-Vertrag nochmals auf die Bremse. Allerdings endete mit dem Rückkehr der letzten amerikanischen Soldaten aus Vietnam auch ein Krieg, der mehrere Jahre lang das Interesse auch der kritischen Öffentlichkeit gebunden und von der drohenden Mutal Assured Destruction abgelenkt  hatte. Und in diesem Jahr, das so gar nicht günstig für die Neuerscheinung eines Roman über das Leben nach einem Atomkrieg war, gewann Merle  mit Malevil den Campbell Award für den besten Science-Fiction-Roman – auch weil er sich eigentlich auf etwas ganz Anderes konzentriert hat.

Fazit

Sowohl derjenige, der schon eine ganze Reihe Werke aus dem Genre gelesen hat, als auch der, der postapokalyptischen Geschichten eigentlich nichts abgewinnen kann, sollte Merles Malevil lesen: Weil es ein literarisch guter, spannender, zuweilen witziger und insgesamt höchst unterhaltsamer Roman jenseits der Stereotypen des Genres ist.

Stephen King: Menschenjagd

Eine Rezension von Rob Randall

1982 veröffentlichte Stephen King (unter dem Pseudonym Richard Bachmann) einen doch recht spannenden, aber insgesamt wenig überzeugenden Roman, der eine dystopische Gesellschaft in den U.S.A. des Jahres 2025 schildert. Menschenjagd wurde zwar 1987 unter dem Titel Running Man mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle verfilmt, doch blieb dabei von der ursprünglichen Handlung des Werkes, das King selbst als seinen besten Bachmann-Roman bezeichnet [Quelle: Stephen-King-Wiki], kaum etwas erhalten.

Die sozialen Unterschiede der amerikanischen Gesellschaft haben sich verstärkt und die Regierung ist nahezu hinter der allmächtigen Fernsehindustrie verschwunden. Dementsprechend ist per Gesetz auch in Co-Op-City für jeden Haushalt ein TV-Gerät vorgeschrieben – der Dauerbetrieb der Geräte aber noch nicht Pflicht. Eine Gesetzeslage hierzu ist vorerst gescheitert. Die ärmeren Schichten werden konsequent von Bildung ferngehalten, müssen dafür aber unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen arbeiten. Die Verschmutzung der Umwelt – vor allem die der Luft – hat in starkem Maße zugenommen, über diese werden jedoch keine Studien veröffentlicht. Die wohlhabenderen und besser informierten Schichten können sich vor dem Schlimmsten schützen, während Lungenerkrankungen unter den Armen erschreckende Ausmaße annehmen.

Ben Richards, der arbeitslose Protagonist des Romanes, ist aufgrund der Lungentzündung seiner kleinen Tochter gezwungen, sich an die Fernsehgesellschaft, die insgesamt höchst unethische Formate produziert, zu verkaufen. Nachdem seine Eignung festgestellt worden ist, wird er für eine Sendung, die eine moderne Form der Gladiatorenspiele darstellt, ausgewählt: Menschenjagd. Sollte Richards auf einer Flucht durch die U.S.A. vor professionellen Kopfgeldjägern und einer hasserfüllten Bevölkerung 30 Tage überleben, wird ihm 1 Billion Dollar ausgezahlt. Der Protagonist spekuliert allerdings eher auf die 100 Dollar, die für jede Stunde des Spiels an seine Hinterbliebenen ausgezahlt werden,  denn bisher hat noch niemand gewonnen.

Der Roman kommt nur schleppend in Gang. Zu Beginn werden ausgiebig die langwierigen Tests geschildert, die Richards durchlaufen muss. Sie haben mich nach einer Weile doch ermüdet – auch wenn King dankenwerter Weise versucht, den individuellen und aufsässigen Charakter seines Protagonisten deutlicher zu zeichnen. Das gelingt aber nur hier: Die restlichen Figuren bleiben entweder derart stereotyp, dass man manchmal ärgerlich werden möchte, oder werden in billig wirkender Manier zu eiskalten Vertretern bzw. stumpfen Nutznießern des gesellschaftlichen Systems degradiert. Da besitzen selbst die Nebenfiguren in Suzanne Collins Jugendroman Die Tribute von Panem, der ein ähnliches Thema behandelt, viel mehr Tiefe.

Spannend ist tatsächlich die Verfolgungsjagd geworden, die allerdings doch Schwächen aufweist. Natürlich begegnet Richards sofort einem Netzwerk von Menschen, die sich gegen das System stellen. Die Idee, dass seine schwarzen Helfer aus ihren drogenverseuchten Ghettos heraus weiße Schulkinder überfallen, um an die begehrten Bibliotheksausweise zu kommen, welche ihnen aufgrund fehlenden Einkommens verboten sind, nur um sich in Verkleidung über die Folgen der Luftverschmutzung und die Struktur der Gesellschaft zu informieren, wirkt geradezu grotesk – und das ist vermutlich nicht gewollt, denn der Roman wirkt ansonsten völlig anspruchslos.

Spätestens als sich der zunehmend aggressiver und souveräner auftretende Richards in immer auswegloserer Situation an Bord eines Flugzeuges begibt, ist das Ende vorhersehbar. Da Stephen King aber seine klassischen Dramen gelesen hat, kommt es vorher noch einmal zu retadierenden Entwicklungen, die die Integrität des Sympathieträgers wenig glaubhaft auf die Probe stellen. Und der Autor wäre nicht er selbst, würde er den Roman nicht zu einem blutigen Finale bringen, bei dem der eine oder andere auf seine Gedärme tritt oder mit ihren Schlaufen in den weggeschossenen Visagen der umherliegenden Leichen hängenbleibt.

King ist sich wohl bewusst, dass Genreliebhaber eine intertextuelle Anspielung auf klassische Dystopien goutieren würden – leider gerät sein Vergleich der Raketensilos mit den aus H. G. Wells Roman Die Zeitmaschine bekannten Eingängen zum Reich der Morlocks völlig schief. Aber der Autor liebt es ja bekanntlicher Weise mit sprachlichen und inhaltlichen Kanonen auf Spatzen zu schießen – ansonsten würde der unangenehme Chef der Fernsehanstalt Richards auch nicht mit einem Abschuss seines Flugzeuges durch Atomraketen (!) drohen.

Fazit

Menschenjagd von Stephen King ist ein literarisch insgesamt äußerst enttäuschender Roman, dessen Handlung streckenweise aber durchaus fesseln kann. Interessanter als der Roman selbst erscheint die Tatsache, dass die Verfilmung Running Man durch die starken Änderungen der Handlung dem Werk eine ganze Menge kritisches Protential genommen hat, denn auch wenn das den Roman selbst nicht mehr als Ganzes rettet: Die Kritik an den Funktionsweisen des Mediums Fernsehen sowie am detailliert beschriebenen Umgang mit ihm durch eine zunehmend abstumpfende Bevölkerung wirkt durchaus gelungen.

H. G. Wells: Die Zeitmaschine

Eine Rezension von Rob Randall

Was ist 150 Seiten lang, 116 Jahre alt und wurde von Anatole France als die erste Anti-Utopie bezeichnet? Richtig: H. G. Wells berühmter Science-Fiction-Roman Die Zeitmaschine, in welchem erstmals in einer Zeitutopie das Motiv des Schlafes (manchmal auch des Traumes) durch ein technisches Konstrukt, welches die visionäre Schau der Zukunft ermöglicht, ersetzt wird.

Wells lässt den Roman in einer privaten Londoner Herrenrunde mit einem kurzen (pseudo-wissenschaftlichen) Referat des Zeitreisenden über die drei Dimensionen des Raumes und die vierte Dimension der Zeit beginnen.  Das mag zwar dem heutigen Leser wie eine Zumutung erscheinen [Rezension des Romanes auf Carpe Librum], zeugt jedoch vielmehr vom Bewusstsein des Autors, mit seinem Novum einen für das Genre revolutionären und  für den zeitgenössischen Leser höchst ungewöhnlichen Schritt zu tun. Dass der hierbei anwesende Ich-Erzähler  den Namen des von ihm nicht unkritisch betrachteten Protagonisten explizit verschweigt, findet seinen Grund weniger im Anstand eines englischen Gentlemans gegenüber einem Bekannten als in Wells‘ Versuch, die insgesamt wenig glaubwürdigen Erlebnisse des Zeitreisenden zunächst in einem Bericht durch Hörensagen, der in der Tradition der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts möglichst authentisch gestaltet wird, aufzuheben und zudem den Erzähler selbst in seiner  deutlich spürbaren distanzierten Haltung vertrauenswürdig erscheinen zu lassen. Einen ähnlichen Zweck verfolgen letztendlich auch die kritischen Bemerkungen der restlichen Anwesenden, in denen Wells mögliche Reaktionen seiner zeitgenössischen Lesers auf das technische Novum antizipiert und mit denen er ihnen eine Rezeption des Textes erleichtern will. Obwohl Die Zeitmaschine Wells’ erster Roman ist, lässt sich also feststellen, dass er (zumindest in diesem Bereich) äußerst sorgsam – und meiner Ansicht nach auch gelungen – konstruiert wurde.

Die Handlung: utopische Langeweile oder spannendes Abenteuer?

Was der Zeitreisende berichtet, erscheint seinen Zuhörern unfassbar: Er sei ohne Zwischenstopp [in den Verfilmungen wird diese Reise mit kurzen Zwischenaufenthalten viel besser gestaltet] ins Jahr 802 701 gereist, wo er zuerst gemeint habe, eine Art Garten Eden gefunden zu haben, in welchem die Eloi, die er als Nachfahren der Menschen identifiziert, ohne Sorgen oder Not und rätselhafterweise auch von allen alltäglichen Pflichten befreit, ein unbeschwertes Leben führten. Sowohl die sprachliche Barriere als auch das erschreckend niedrige Intellektuelle Niveau der Eloi verhindern nun jene für das utopische Genre typische Gesamtschau der Gesellschaft und ihrer historischen Ursprünge, die eine spannende Handlung immer nicht aufkommen lassen will [aus diesem Grunde haben einige Literaturwissenschaftler übrigens auch Utopien Romancharakter abgesprochen]. Wells geht hier nun einen ganz eigenen, viel spannenderen Weg: Als wäre das Verschwinden der Zeitmaschine selbst nicht schon rätselhaft genug, beginnen  den Protagonisten zahlreiche weitere Fragen zu quälen: Warum haben die Eloi so entsetzliche Angst vor der Dunkelheit? Welche Bedeutung haben die seltsamen Schlote und brunnenartigen Gebäude, die sich überall in der von fremdartigen Pflanzen beherrschten Landschaft finden? Und woher stammt die Kleidung der Eloi, wenn sie diese selber nicht produzieren? Symbolhaft manifestieren sich diese Rätsel dabei überzeugend in der Figur der Sphinx, welche über dem Piedestal thront, in das die Maschine des Zeitreisenden offenbar verschwunden ist. Das ist spannend und literarisch gelungen.

Zudem wird bei Wells im Unterschied zu den klassischen Utopien die zentrale Aufgabe, eine glaubhafte Geschichte der vorgefundenen Gesellschaft zu konstruieren, von der sonst allgegenwärtigen Führer- und Lehrerfigur auf  den Protagonisten selbst verlagert. Genretypisch räumt Wells diesen Schilderungen bzw. Überlegungen viel Raum ein, wobei die ersten Erklärungsversuche des Zeitreisenden aber fehlgehen müssen, da er die Lösung(en) für zahlreichen Rätsel noch nicht gefunden hat: Im Untergrund lebt eine zweite, von den Eloi völlig verschiedene Art, die ebenfalls als direkter Nachfolger der Menschen identifiziert wird: Die Morlocks, welche sich kannibalistisch von den Eloi ernähren und diese mit dem jeweils Lebensnotwendigen versorgen wie der Landwirt sein Schlachtvieh. Damit “kippt” – für den zeitgenössischen Leser zwar nicht gänzlich unerwartet, aber dennoch höchst ungewöhnlich – der eutopische Gesellschaftsentwurf in einen dystopischen.

Im weiteren Verlauf der Handlung sieht sich der Protagonist zahlreichen gefährlichen Situationen gegenüber, die in ihrer Anlage zwar deutlich nicht mit den Abenteuern moderner Romane konkurrieren können, aber immer noch den Leser zu fesseln vermögen – ein wenig zumindest. Sie bilden meiner Ansicht nach aber die größte Schwäche des Werkes, da zum einen der Zeitreisende den Morlocks körperlich weit überlegen ist und zum anderen Wells anscheinend beständig versucht, im  Bruch eines zentralen Tabus den kannibalistischen Morlocks eine zweifelhafte erotische Komponente zu verleihen, was angesichts der pelzigen affenartigen Gegner aber nicht überzeugen kann: Ich wurde dadurch geweckt, dass eine weiche Hand über mein Gesicht strich; Kleine weiche Hände krochen mir über den Rock den Rücken hinauf und berührten schon meinen Hals. [Zu dieser Lesart siehe auch den interessanten Artikel von Robert Adams: Das Rätsel der Sphinx, oder: „Ist Herr Ödipus in den Garten hinausgegangen?“].

Der Gegenstand: Zeitkritik oder Utopie-Kritik?

Die theoretische Grundlage der vom Protagonisten (re-)konstruierten Menschheitsgeschichte bildet eine Version der darwinschen Evolutionstheorie, die Wells im Zuge seiner Rezeption der Lehren T. H. Huxleys kennen gelernt hat und die den vermeintlichen Verfall als eine Form des evolutionären Fortschritts auffasst. Damit wird auch jenen utopischen evolutionären Visionen eine Absage erteilt, welche Weiterentwicklung immer nur als “Höherentwicklung” zu denken vermögen [siehe hierzu: Stephan Meyer, Die anti-utopische Tradition, S. 303]. Es ist die für die Huxley’schen Lehren typische Ambivalenz des Begriffs “Fortschritt”, die es ermöglicht, die Evolution als Entartung zu sehen [Darko Suvin, die Poetik der SF, S. 282]. Dabei wird in der Zeitmaschine aber nicht nur eutopischen Lesarten evolutionärer Möglichkeiten eine Absage erteilt, sondern ebenfalls den positiven gesellschaftlichen Visionen:

Es schien mir, dass ich in die Verfallsperiode der Menschheit geraten war. Der blutrote Sonnenuntergang lenkte meine Gedanken auf den Untergang der Menschheit. Zum erstenmal begann mir ein sonderbares Resultat des sozialen Fortschritts zu dämmern, den wir zur Zeit anstreben. Doch wenn man es recht bedenkt, ist die Folgerung ganz logisch: Stärke entsteht aus der Not; Sicherheit bringt Schwäche mit sich. Die Arbeit an der Verbesserung der Lebensbedingungen – also der eigentliche Zivilisationsprozess, der das Leben immer sicherer gestaltet – war bis zu einenem Höhepunkt stetig weiter fortgeschritten… Und was ich hier vor mir sah, war das Ergebnis!

Wie später in den Romanen Wenn der Schläfer erwacht und Von kommenden Tagen bilden starke soziale Unterschiede, die sich in der Gestaltung des Raumes als (elitäre) Ober- und (proletarische) Unterwelt manifestierten, den Ausgangspunkt der Überlegungen Wells und gipfeln hier in einer evolutionären Auseinanderentwicklung, an deren Ende eine Umkehrung der “Ausbeutungs”- bzw. Herrschaftsverhältnisse steht, die stärker kaum sein kann. Damit schieben sich langsam die als “Dekandenz” begriffenen Züge aristokratischer und bürgerlicher Lebensweisen im England des 19. Jahrhunderts in den Vordergrund und werden so vom Sozialisten Wells (höchst unaufdringlich) zum Gegenstand seiner Gesellschaftskritik gemacht. Insofern ist auch für Die Zeitmaschine festzustellen, dass Zeit- und Utopiekritik selten voneinander zu trennen sind.

Nach der gelungen Flucht aus einer Falle der Morlocks lässt Wells den Protagonisten noch einmal weit in die Zukunft reisen und präsentiert hier am Ende des Romanes ein frühes Dying-Earth-Szenario, das – nicht nur meiner Ansicht nach – den beeindruckendsten (und Byrons Gedicht Darkness in nichts nachstehenden) Abschnitt des Werkes bildet:

Die Maschine war an einem leicht abfallenden Stand gelandet. Das Meer ersteckte sich nach Südwesten und sein heller Horizont hob sich scharf gegen den bleichen Himmel ab. Es gab weder Brandung noch Wellen, denn kein Windhauch regte sich. Nur eine leichte, ölige Dünung stieg und fiel wie ein ruhiger Atem und zeigte an, dass der ewige Ozean sich noch lebte und sich regte... Da erkannte ich, dass der Fels in Wirklichkeit ein riesiges krabbenartiges Ungeheuer war.

Aber nicht nur die schauerlichen Ergebnisse der Evolution erteilen allen utopischen Vorstellungen eine allerletzte Absage. Am stärksten wirkt die kosmologische Vision nach: Einen Augenblick darauf waren nur noch die blassen Sterne sichtbar. Alles sank in lichtlose Finsternis. Der Himmel war vollkommen schwarz.

Fazit

Trotz seines schmalen Umfanges ist Die Zeitmaschine von H. G. Wells ein äußerst vielschichtiges Werk, das auch heute immer noch zu beeindrucken vermag. Es lohnt sich durchaus, diesen wichtigen Vorläufer der Fortschrittskritik des 20. Jahrhunderts zu lesen, auch wenn man die Handlung selbst aus den Verfilmungen – in denen Morlocks und Eloi als Ergebnis eines Atomkrieges bzw. einer Naturkatastrophe erscheinen und die somit in der Tiefe weit hinter dem Roman zurückbleiben –  schon kennen sollte.

Maarten Keulemans: Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge

Eine Rezension von Rob Randall

Schon vor einigen Jahren stieß ich im Internet auf die englischsprachige Webseite Exit Mundi, die jenseits esoterischen Unsinns einen umfassenden Überblick über die verschiedensten Weltuntergangsszenarien gibt. Nun könnte man ja meinen, dass über so unangenehme Ereignisse wie die Auslöschung allen irdischen Lebens (oder auch nur des Homo sapiens sapiens) unbedingt in ernstem Tonfall und mit bedeutungsschwerem Stirnrunzeln gesprochen werden müsste – dem ist aber nicht so. Der holländische Autor Maarten Keulemans beweist, dass es auch anders geht: nämlich unheimlich witzig.

Systematisiert hat Keulemans die Apokalypsen schön übersichtlich nach Themenbereichen wie Dinge, die aus ihrem Körper kommen oder Dinge, die wir wirklich nicht tun sollten. Neben den zu erwartenden Klassikern aus Film und Fernsehen (überraschenden Asteroideneinschlägen, vernichtenden Atomkriegen und misanthropischen Aliens) führt der Autor auch zahlreiche wirklich überraschende Katastrophen an: So findet sich im Kapitel Hau ab! das fiese Superunkraut und in Brfffft! die gemeine Methanexplosion. Meine persönlichen Favoriten finden sich allerdings in Ächu! Ächu!: unsere pandemischen Freunde – die Viren.

Obwohl sich im Eifer des Gefechtes der Stil des Autors manchmal überschlägt [… Sie bluten, da direkt neben ihnen steht der ihnen zugewiesene Haushaltsroboter Nellie. In ihrem Roboterarm steckt das nigelnagelneue Küchenmesser, das sie dorthin haben montieren lassen…] – was der Autor übrigens auch selbst eingesteht [Okay, okay, jetzt ist es ein bisschen mit mir durchgegangen. Aber dennoch…] ist das Ganze auf schräge Weise höchst gelungen. An vielen Stellen kann man sich das Lachen einfach nicht verkneifen, zum Beispiel, wenn Keulemans zu erklären versucht, warum die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf Außerirdische nur in Form von Mikroben treffen werden, äußerst hoch ist: Wenn Sie ein Lebewesen suchen, das unterirdisch, in ätzender Säure oder einem Vulkanschlund wohnen kann, hilft Ihnen nun mal ein Zebra nicht sonderlich. Sie können Zebras in Vulkane werfen, bis sie schwarz werden, ein Vulkanzebra werden Sie nicht so schnell bekommen, auch dann nicht, wenn Sie das Zebra sich langsam dran gewöhnen lassen und es erst mal mit den Hufen am Vulkan fühlen darf…

Mit deutlichen Worten und auf höchst überzeugende  Weise räumt der Autor zudem (nicht ohne Häme) pseudowissenschaftliche Weltuntergangsszenarien wie die Vernichtung der Menschheit durch die Umkehrung der Pole oder durch den alle 3600 Jahre wiederkehrenden Besuch des Planeten X bzw. Nibiru/Niribu von der esoterischen Bühne. Den Eindruck, dass der Wissenschaftsjounalist Keulemans die jeweiligen Sachverhalte im Vorfeld sorgfältig recherchiert hat, hat man aber nicht nur in diesen Kapiteln, sondern die ganzen 278 Seiten über. An seinem Ende bietet das Buch zudem eine  höchst umfangreiche Liste der verwendeten wissenschaftlichen Literatur.

Fazit

Wer sich jenseits der in Endlosschleife auf den deutschen Nachrichtensendern abgespielten Reportagen über die möglichen Enden des Lebens, des Universums und des ganzen Restes informieren will, dem kann ich  nur raten, einmal in Keulemans Exit Mundi reinzulesen.