Jules Verne: Paris im 20. Jahrhundert

Eine Rezension von Rob Randall

Seine Entdeckung 1989 war nicht nur für die große Fangemeinde Jules Vernes eine Sensation: Das Manuskript des unveröffentlichten – weil vom Verlag Hechette einst abgelehnten – und lange verloren geglaubten Romanes Paris im 20. Jahrhundert aus dem Jahre 1863. Über 100 Jahre hatten die mit der typischen Handschrift Vernes gefüllten Seiten in einem alten Tresor, zu dem niemand einen Schlüssel mehr besaß und von dem die Familienlegende behauptete, er sei leer, gelegen.

Doch es ist nicht nur die Geschichte des Werkes selbst, die neugierig macht, sondern auch der Zeitpunkt seines Entstehens: Sollte Verne, der von vielen – nicht ganz zutreffend – als Vater der Science Fiction betrachtet wird, neben der 1889 erschienenen gelungenen dystopischen Erzählung Ein Tag im Leben eines  amerikanischen Journalisten im Jahre 2889 etwa auch noch einen ausgesprochen frühen und zudem noch guten dystopischen Roman geschrieben haben, dessen prophetischer Wert von Vernes einstigem Verleger, der daran so einiges zu bemängeln hatte, einfach nicht erkannt worden war?

Der Visionär

Der um seinen neuen Stern am Literaturhimmel besorgte Verleger Pierre-Jules Hetzel führt unter seinen Argumenten gegen Vernes zweiten Roman auch an, dass kein Leser den Prophezeiungen Glauben schenken würde [Quelle: Nachwort von Elisabeth Edel]. Tatsächlich scheinen die technischen Voraussagen für das zukünftige Jahr 1961 aus der Perspektive von 1863 äußerst gewagt: Windkraftanlagen vor den Pariser Stadttoren erwirtschaften die Energie, die in unterirdischen Leitungen als Gasdruck in jedes Haus geleitet wird und zudem die mehrfach Paris umspannende Hochbahn antreiben. Auf breiten Straßen umfahren tausende durch Explosionsmotor angetriebene Gas-Cabs die riesigen Plätze und Hochhäuser der Hauptstadt, die mit einem breiten Kanal und enormen Hafen an die Weltmeere angeschlossen worden ist. Elektrisches Licht beleuchtet Räume und ein Telegraphennetz, das Bilder übermittel kann, verbindet alle Städte der Welt. Das klingt, wenn man Druckluft durch Elektrizität und Gas durch Benzin ersetzt, doch schon recht nach unseren modernen Großstädten – und vielleicht noch mehr, wenn uns in nicht mehr allzu ferner Zukunft endgültig das Öl ausgehen sollte.

Der Kritiker

Aber waren es wirklich die technischen Visionen Vernes, an denen sich Hetzel stieß? Möglicherweise stellten eher die gesellschaftlichen Prognosen den Grund für die Ablehnung dar, denn der Entwurf Vernes erscheint äußerst trostlos. So technisch fortgeschritten die Gesellschaft der französischen Monarchie auch ist, so fixiert ist sie auch auf die Naturwissenschaften und den schnöden Mammon, den man mit der praktischer Anwendung ihrer Erkenntnisse erwirtschaften kann. Während die wichtigen Eisenbahnen verstaatlicht worden sind, wurden die Schulen privatisiert und in Aktiengesellschaften umgewandelt – und aus diesen gehen nur noch Ingineure, Physiker, Chemiker oder Biologen hervor, denn für Literatur, die nirgendwo mehr erhältlich ist, interessiert sich kein Mensch mehr. Während auf der einen Seite die Wohlhabenden immer weiter Gewinn erwirtschaften, stehen auf der anderen Seite die Werktätigen, die zwischen der Verrichtung stupider und entfremdend mechanisch wirkender Tätigkeiten in kleinen Wohnungen dahinvegetieren und im Falle von Arbeitslosigkeit in Armenhäusern dahinkümmern oder sogar des Hungers sterben.

Für niemanden kann eine solche stupide, beschränkte und auf den Kommerz fixierte Gesellschaft dystopischer sein als für den unglücklichen Künstler, der in eine solche Welt hinein geboren wird. Und so stellt Verne auch den  begnadeten Literaten Michel Dufrénoy in das Zentrum der Handlung, der sich nach seinem von der Menge verachteten sowie verlachten Abschluss erst vergeblich als Bediener einer Rechenmaschine und Vorleser von Rechnungsberichten verdingen muss, um später ebenfalls als Angestellter in einer der Schreibfabriken der Theatergesellschaft genauso zu scheitern wie bei dem letzten verzweifelten Versuch, seinen ersten Gedichtband zu veröffentlichen. Auf dem winterlichen Friedhof von Montmatre lässt Verne den Überflüssigen zuletzt bewusstlos zwischen den verfallenen und eingeebneten Gräbern von Banville, Saint-Victor und Gautier niedersinken. Ob sich dahinter nicht eine Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. im Zuge der Industrialisierung  und somit auch an  dem an Bedeutung gewinnenden Finanzbürgertum genauso versteckt wie eine Auseinandersetzung mit der damit zusammenhängenden Frage nach den zukünftigen Produktionsbedingungen von Künstlern angesichts der immer stärker an Bedeutung gewinnenden Wissenschaften? Noch 1904 äußert vielgereiste  deutsche Ingineur und Schriftsteller Max Eyth zum Verhältnis von Technik und Poesie:

Die Welt […] fängt an zu erkennen, daß in einer schönen Lokomotive, in einem elektrisch bewegten Webstuhl, in einer Maschine, die Kraft in Licht verwandelt, mehr Geist steckt als in der zierlichsten Phrase, die Cicero gedrechselt, in den rollenden Hexameter, den Vergil jemals gefeilt hat.

[Max Eyth, Poesie und Technik, in: Zeitschrift des Vereins deutscher Ingineure 48, S.1129-1139, S. 1132.]

Während in den Anti-Utopien spätestens seit Samjatins WIR der zentrale  Konflikt im Antagonismus von individueller Freiheit und dem Versprechen eines gesamtgesellschaftlichen Glücks zu finden ist,  so liegt er bei Verne in jenem Abgrund, der sich zwischen dem Recht auf persönliche Entfaltung und einer entgrenzten kapitalistischen Gesellschaft auftut, die  letzten Endes alle Bereiche jenseits der wirtschaftlich verwertbaren  negiert und die Naturwissenschaften – vor allem als Zulieferer von Ideen – absolut setzt. Das stellt nicht nur eine Kritik an zeitgenössischen gesellschaftlichen Tendenzen dar, sondern ist ein Angriff auf die naive Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts insgesamt – glaubte man doch angesichts der rasanten Weiterenwicklung von Wissenschaft und Technik zunehmend eine utopische Zukunft in greifbarer Nähe.

Der Literat

So sehr der Text durch den Entwurf einer dystopischen kapitalistischen Gesellschaft sowie durch die in ihm geäußerten technischen Visionen beeindruckt, so bescheiden nimmt sich daneben seine literarische Qualität als Roman aus. Zugegeben: Auch in vielen anderen anti-utopischen Werken erscheint die jeweilige Figur des gesellschaftlichen Außenseiters dünn gezeichnet, reduziert sich die eigentliche Handlung oft auf ein Minimum – allerdings führt uns da der Autor auch nicht über diversen Seiten die vermeintlichen (und zu seinem Unglück: falschen) Lieblingsautoren   des Verlegers Hetzel vor. Auch die sich anbahnende unglückliche Liebesgeschichte des Protagonisten zur Tochter seines ehemaligen – und nun angesichts Studentenmagels arbeitslosen – Professors vermag nicht überzeugen, obwohl sich auch schon hier, zumindest schon in Ansätzen, die Sprengkraft andeutet, die der Eros in den klassischen Dystopien später entfalten wird.

Fazit

Jules Vernes dystopischer Roman Paris im XX. Jahrhundert ist ein durchaus interessanter Vorläufer der klassischen Anti-Utopien und man wird dessen Lektüre sicher nicht bereuen – allerdings bleibt er literarisch weit hinter anderen Beispielen des Genres zurück.

[Ich danke im Übrigen Andreas Fehrmann, dem Betreiber der Seite Andreas Fehrmann’s Collection Jules Verne, für das großzügig überlassene Exemplar der  im Fischer-Verlag erschienen Taschenbuchausgabe des zur Zeit in deutscher Sprache nur schwer erhältlichen Romans].

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