Douglas R. Mason: Stadt unter Glas

Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, dass ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei, fragte Marcel Reich-Ranicki einmal – und entfaltete im Anschluss die Geschichte der deutschen Literaturkritik in Lauter Verrisse auf nicht weniger als 40 Seiten. So viel Raum bleibt hier nicht: Vielleicht kann Douglas R. Masons Roman Stadt unter Glas – der eine wirklich schlechte Dystopie ist – wenn er schon kein Vergnügen beim Lesen bereitet, wenn er uns unsere Gesellschaft aus keinem neuen Blickwinkel betrachten lässt und wenn er unseren inneren Horizont nicht erweitert,  wenigstens noch zeigen, was einen guten Vertreter des Genres ausmacht.

Traurig macht, dass der Roman durchaus hätte gelingen können: Mason verarbeitet in seinem Roman aus dem Jahre 1966 die seinerzeit grassierenden Spekulationen über das Nahen einer neuen Eiszeit: 7000 Jahre nach ihrem Anbruch leben die Menschen  immer noch nur in jenen Städten, welche von futuristisch anmutenden Glaskuppeln überspannt und durch ein hochentwickeltes Computersystem kontrolliert werden.

Reminiszenzen

Aber der Roman bietet wenig Eigenständiges: Aus dem Roman 1984 entnommene Bildschirme überwachen die Bürger im öffentlichen wie privaten Raum, verhindern jedoch zudem mögliche Gedankenverbrechen [Mason bedient sich dieses Terminus‘ nicht] durch zusätzliches Erfassen von physiologischen Daten. Ein an die Orwell’sche Gedankenpolizei erinnerndes Staatsorgan überwacht und verfolgt mögliche wie auch tatsächliche Dissidenten, denen Umerziehungskurse und Hinrichtung drohen. Weiter darf der Vergleich mit dem Prototyp des Genres nicht gehen: Mason macht sich auch nicht im Kleinsten die Mühe, eine irgendwie geartete Struktur der Gesellschaft zu zeichnen.

Unverbesserliche Protagonisten

In geradezu lehrreicher Weise unterscheiden sich die Protagonisten. Während bei Orwell mit Winston Smith ein gerade noch durchschnittlicher Mensch ins Zentrum einer Handlung gestellt wird, welche die persönliche Entwicklung der Hauptfigur bis zum Entschluss, Widerstand zu leisten, glaubhaft präsentiert, bleibt Masons Held Gaul Kalmar zur Gänze statisch. Sein außergewöhnliche Charakter, der zu dem Entschluss geführt hat (!) mit einer Gruppe Gleichgesinnter in die sich langsam ökologisch regenerierende Freiheit zu entfliehen, wird oberflächlich mit einer besonderen „Grenzfall“-Veranlagung legitimiert. Und da Gaul ein richtiger Held ist, hadert er auch nicht mit der geradezu unglaubwürdigen Kluft, die sich zwischem seiner Person und der gesellschaftlichen Verfassheit auftut, sondern wischt diese wie der sich immer affirmativ verhaltende auktoriale Erzähler einfach vom Tisch: Wie dem auch sei, das Gefühl, ein anderer und selbstbewusster Mensch zu sein, war der einwandfreie Beweis dafür, dass er innerhalb des Systems ein krasser Außenseiter war. Und damit ist die eindimensionale Persönlichkeit Gauls auch weitgehend umschrieben.

Widersprüche im System

So überraschend die bloße Existenz eines Menschen wie Gaul in einem solchen System anmutet, der Widerspruch, dass der so krasse Außenseiter keine Probleme hat, zahlreiche Verbündete zu finden, verblüfft noch mehr. Wenn Mason dann nach kurzer Zeit sogar einen angehenden Polizisten den Verschwörern hinzugesellt, kann man nur noch staunen. Völlig unglaubwürdig aber wird der ganze Entwurf, wenn man nach dem erfolgreich herbeigeführten Stromausfall, der das Verteidigungssystem außer Kraft setzten soll, Dialoge wie diesen lesen muss: „Was ist geschehen“ fragte eine weibliche Stimme aus der Dunkelheit. „Wir verlassen die Stadt! widerholte [sic!] Jane. „Kann ich mitkommen?“ „Jetzt?“ fragte Gaul. „ohne jede Frage? Ohne je wieder zurückkehren zu können?“ Kurzes Schweigen. Dann: „Ja“ „Gut, Sie sind dabei. Weiter!“ Spätestens angesichts der in der Dunkelheit hereinbrechenden Unruhen stellt sich die Frage, ob nicht eigentlich näher als eine Flucht ein völliger Umsturz des höchst instabil wirkenden Systems  läge. Mason jedoch stellt sich diese Frage nicht. Er will einen Abenteuerroman erzählen, mit  aufregender Flucht und gefährlichen Verfolgern und starken Männern und  verführerischen (und schwachen) Frauen, die gemeinsam in den Westen – Entschuldigung: die Wildnis – ziehen, um dort eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Brünstige Atmosphäre

Angesichts der technischen und personellen Unzulänglichkeiten des angeblich so perfekten Systems durchzieht die Stadt unter Glas trotz des  von Mason eingeführten Überwachungs- und Repressionsinstrumentariums auch nicht jene bedrohliche Atmosphäre, die man an anderen Dystopien zu schätzen gelernt hat. Dagegen spricht auch schon die Anlage des Helden selbst.  Aber auch nach der erfolgreichen Flucht der Gruppe will sich so recht keine Atmosphäre einstellen. Man muss kein ausgesprochener Freund von umfangreichen Landschaftsbeschreibungen sein, um deren Fehlen bei Mason negativ zu bemerken. Sein männlicher Protagonist hat nach dem ersten Schritt in die Freiheit überhaupt keine Augen für die Umgebung: Im hellen Tageslicht wirkte Goda Hurst nicht ganz so groß wie Jane. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das glatt zurückgekämmt war, graue Augen, eine kleine Nase und volle Lippen, die infolge der Anstrengung des Tragens ein wenig geöffnet waren. Aber auch Godas Reaktion kann nicht überzeugen: Sie war völlig still geworden, als sie erst einmal draußen war. Der echte Himmel beeindruckte sie und war so ganz anders, als sie ihn sich ausgemalt hatte. Die riesige Kuppel der Stadt schien ein Modell der Unendlichkeit zu sein. Und das war es dann auch schon. Dass die Damen kurze Zeit später damit beginnen, Puder aufzulegen, zeigt zwar, dass sie über ausgesprochene Instinkte verfügen, wirkt aber angesichts der Situation eher grotesk. Und das mit Sicherheit auch schon in den 60er Jahren.

Lieblose Hetzjagd

Die sich anschließende Flucht macht den wenig anspruchsvollen Rest des Werkes aus. Und natürlich werden die Abtrünnigen von den Marionetten des Systems verfolgt. Dabei kommt in rasender Schnelle zu diversen heiklen Situationen, die die Geschichte aber insgesamt nicht spannender machen – weil sie lustlos heruntergeschrieben erscheint. Dabei überraschen nicht nur die für ihr Alter überraschend gut erhalten geblieben Ruinen der Vorfahren, sondern auch die „intelligenten“ neuen Bewohner der Oberfläche: Haarsträubenderweise haben sich die Menschen anscheindend wieder zum homo habilis zurückentwickelt. Zwar gerät der Held in diesem Abschnitt hin und wieder in Bedrängnis, das ändert jedoch nichts daran, dass die Flüchtlinge die Situation mit überraschender Ruhe meistern. So wird während eines an Jule Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde gemahnenden Aufstieges aus einer unterirdischen Anlage erst einmal munter gespachtelt. Später werden die Mahlzeiten übrigens wieder von den glücklichen Damen der Gruppe zubereitet, denn das natürliche Rollenverhalten – so wie Mason es versteht – stellt sich sofort wieder ein.

Fazit

Mason wollte nicht nur eine Dystopie schreiben, er wollte dazu einen postapokalyptischen Abenteuerroman verfassen. Das Ergebnis ist an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Die Lektüre macht wirklich keinen Spaß, auch wenn das Werk den mit Abstand blödesten Namen einer Hauptfigur aufweist, der mir bisher begegnet ist und für die GenderForschung hinsichtlich des hier präsentierten Rollenverständnisses interessant sein könnte. Wer das Ganze unverständlicherweise tatsächlich noch mal auf LSD mit blauen Schlümpfen erleben möchte, der greife zu Feuerblumen von Dieter König. Aber auch davon rate ich ab.

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