Jules Verne: Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889

Die Menschen des 29. Jahrhunderts leben wie in einem Märchenland, ohne es zu merken oder sich groß darüber zu wundern […] lässt Jules Verne den Erzähler seiner 1889 erstmals erschienen Erzählung Ein Tag im Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889 konstatieren – nur um uns dann eine Welt vorzuführen, in der die technischen Möglichkeiten zwar geradezu phantastisch wirken, ihre Einrichtung selbst uns jedoch wenig wünschenswert erscheinen kann. Und so klingen, während wir den amerikanischen Multimilliardär und Zeitungsverleger Francis Benett einen Alltag lang begleiten dürfen, in der Selbstverständlichkeit, mit der hier von der Machtfülle des Protagonisten wie von den technischen Errungenschaften gesprochen wird, deutliche Warnungen an.

Über die ersten unglaublichen 30 Milliarden US-Dollar des Benett’schen Vermögens berichtet uns der auktoriale Erzähler genauso begeistert wie von der Einführung des Telefons als neues Vertriebsmedium, welches letztendlich den  Grundstein für  den überwältigenden Erfolg des Medienmoguls gelegt hat. Drei Kilometer messe jede der vier Fronten des Palastes jenes Schattenherrschers, zu dem Repräsentanten, Minister und Politiker aller Länder pilgerten, um seine Meinung oder Hilfe zu erfahren. Und die Bestürzung der Leser antizipierend wiegelt er ab: Schauerlich? Nein, warum? Er, der weltberühmte Francis Benett, fördert wissenschaftliche Projekte, er finanziert Künstler, er subventioniert die Erfinder. Dieser Mann, der die Medien als Personifikation der modernen vierten Gewalt  genauso kontrolliert wie er als Wirtschaftsmagnat mächtig ist,  ist in Vernes Vision also das Machtzentrum in Centropolis, der Hauptstadt der 72 Bundesstaaten umfassenden allmächtigen U.S.A., die selbst Großbritannien als Kolonie besitzen – und über deren  aller Schicksal nur Francis Benett allein entscheidet.

Wer über so viel Macht als Wirtschaftsboss und Einfluss als mächtiger Herausgeber verfügt, dass er praktisch alleine die politischen Geschicke der Welt gestaltet, der ist erfahrungsgemäß natürlich auch der beste Kritiker seiner ihm treu unter- bzw. ergebenen Künstler. Und diese leihen ihm selbstverständlich gerne aufmerksam ihr Ohr, wenn er duch jene Halle  des Earth Herald schreitet, in der 100 Literaten 100 Zuhörern über Telefon aus 100 Romanen vorlesen: Mr. John Last, ich bin sehr unzufrieden. Ihr Roman ist nicht erlebt. Sie rasen aufs Thema zu und erreichen das Ziel viel zu schnell! Wo bleibt da die Dokumentation? […] Machen Sie es wie ihr Kollege, den ich eben gelobt habe. Lassen Sie sich hypnotisieren…Was!?!… Das tun Sie bereits? Dann eben nicht gründlich genug!

Was wäre aber das Bild des erfolgreichen Herausgebers, Politikers und Wirtschaftführers  wenn  uns dieser selbst und der [die Vermutung liegt jetzt durchaus nahe: in seinen Diensten stehende] Erzähler nicht auch einen Einblick gewähren würden, welche Sorgen und Nöte den Menschen Benett plagen. Und wie persönlich, ja geradezu intim ist es, dass wir erleben dürfen, wie er sich nach der Gegenwart seiner Frau sehnt, von der er das erste Mal länger als zwei Tage getrennt ist, weil sie in Paris die neuesten Hüte der Saison ersteht. Und wie rührend er sich freut, als er erfährt, dass sie mithilfe der Untergrundbahn aus Frankeich in noch nicht einmal drei Stunden wieder im Palaste in Centropolis eintreffen wird.

Aber trotz des (teilweise ironisch wirkenden) Lobgesanges des Erzählers auf die auf 68 Jahre ausgeweitete durchschnittliche Lebenserwartung der Bürger, auf das elektronische Rechengerät, das Benett dazu dient, seine Tageseinkünfte in kürzester Zeit addieren können, und auf das praktische Bildtelefon, mit dem dieser mit seiner Frau über den Ozean hinweg kommuniziert, wird der Leser irgendwie den Eindruck nicht los, dass in einer Welt, in der nicht nur auf Befehl eines einzigen Mannes Wolken an den leuchtend blauen Himmel gezaubert werden sollen, sondern auch elektrische Entladungen von 100-km-Geschossen Armeen hinwegfegen und mit Viren und Bakterien beladene Projektile den Gegner durch Krankheiten vernichten können, irgendetwas nicht stimmen kann. Und darin liegt wohl auch die Botschaft dieser Warnutopie: Dass durch die verhängnisvollen Mechanismen der Ökonomie technische Neuerungen auch dazu führen könnten, dass an einem einzigen Punkt so viel Macht akkumuliert wird, dass auch das demokratische System nur noch eine Maske ist, hinter der ein (?) Autokrat kritikfrei sein Unwesen treiben kann.

Beispiele gab es genug.

Fazit

Es ist mir nicht gelungen, sämtliche bemerkenswerten technischen Voraussagen und  Inhalte der in meiner Ausgabe nur 25 Seiten umfassende Erzählung hier anzuführen (Deutschland existiert beispielsweise nicht mehr). Dazu ist das Tempo der höchst unterhaltsamen und über weite Strecken wirklich humorvoll geschriebenen Geschichte viel zu hoch. Wer eine halbe Stunde erübrigen kann, der sollte diese im Gewande einer positiven Utopie daherkommende Schreckensvision unbedingt einmal lesen – und wer zudem noch mehr wissen möchte, der kann auf André Fehrmanns umfangreicher Seite Collection Jules Verne viele weitere Informationen – vor allem hinsichtlich der technischen Visionen – zu dieser Erzählung finden.

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