Valerij Brjusov: Die Republik des Südkreuzes. Ein Artikel aus der Sondernummer des Nordeuropäischen Abendboten

Die erste Dystopie des 20. Jahrhunderts

Der russische Schriftsteller Valerij Brjusov, der vornehmlich für seine Gedichte und als Führer der Bewegung der russischen Symbolisten bekannt ist, veröffentliche 1905 eine nur 30 Seiten umfassende und – nicht nur mit Blick auf den Titel – ganz eigentümliche Dystopie: Die Republik des Südkreuzes. Ein Artikel aus der Sondernummer des Nordeuropäischen Abendboten. Und wer schon einmal symbolistische Texte gelesen hat, der weiß: Die Dechiffrierung der Aussage wird nicht ganz leicht.

Wie der Titel schon nahelegt, geriert sich der Text in dem für Brjussows typischen sachlichen und neutralen Stil als Zeitungsartikel, der anstrebt, den Leser über jene verheerende Katastrophe aufzuklären, welche die Republik des Südkreuzes in Form einer Seuche getroffen hat. Und obwohl der Erzähler die Republik des Südkreuzes als bekannt voraussetzt, erläutert er zu Beginn nicht nur noch einmal die Entstehungsgeschichte sondern auch den Aufbau dieses scheinbar so idealen kommunistisch wirkenden Staates: Die Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der Arbeiter war nicht nur mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgetattet, sondern sogar luxuriös […] Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine geringe. Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um den Gottesdienst aller Religionen kümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller Wünsche ganz sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten jedoch keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik gedient hatten…erhielten eine reiche lebenslängliche Pension. Zudem wählen die Arbeiter eine Volksvertretung, die über die Gesetze, nicht aber über die Verfassung des Staates entscheidet.

In seiner Anlage als Raum- und Zeitutopie weist sich der frühe Text des Genres gleichsam als  ein ungewöhnlicher Zwitter aus. Nicht nur die für das utopische Genre untypische Verortung des  Staates am höchst ungemütlichen Südpol weist darauf hin, dass wir es hier nicht mit einer idealen Republik zu tun haben. Die  zusätzliche Einführung einer zeitlichen Dimension in der Tradition Merciers durch die retrospektive Anlage von Die Republik des Südkreuzes stellt verstärkt jene mahnenden und warnenden Momente  des Werkes aus, die in der reinen Präsentation eines nur alternativ gedachten zeitgenössischen Gesellschaftsentwurfes verloren gehen könnten. Der Auffassung, dass diese Anlage vornehmlich dazu dient, das utopische Gedankenexperiment als Traum zu kennzeichnen, kann ich mich nicht anschließen, da Hinweise hierfür über die schon genannten hinaus fehlen –  zumal hier die meiner Ansicht nach doch deutliche Referenzen des Textes auf die Forderungen der linksradikalen Revolutionäre des Jahres 1905 feststellbar sind [Für die Interpretation als Traum siehe: Kindlers Literaturlexikon]

Denn der von allen anderen Ländern geografisch isolierte Staat weist deutliche totalitäre Merkmale auf: Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert […] Alle erhielten die gleiche Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war unverkäuflich und immer zehn Jahre von der gleichen Art. Nach einer bestimmten Stunde, die ein Signal vom Rathause her ankündigte, war es nicht gestattet, aus dem Hause zu gehen. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. Zudem dürfen die als verdiente Rentiers in der exemplarisch beschriebenen Hauptstadt der Republik Sternenstadt lebenden Einwohner das Land bei Verlust der Pension nicht verlassen. Hinter der kommunistischen Fassade regieren die Fabrikdirektoren in Fom eines Rates, der in der Eiswüste Milliardengewinne erwirtschaftet. Brussjov entwirft ein polares totalitäres Gefängnis unter einer Diktatur, von deren Wohltätigkeit die in ihren Bedürfnissen zufrieden gestellte Bevölkerung jedoch so überzeugt ist, dass die Setzer sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Das erinnert weniger an die  Herrschaftsmittel des Großen Bruders aus Orwells 1984 denn an die meiner Ansicht nach viel pessimistischere Vision Huxleys in Brave New World, aus der es kein Entkommen gibtallerdings wird hier auch angedeutet, dass durchaus kritische Meinungen existieren.

Wie in Huxleys Brave New World scheitert die Republik des Südkreuzes nicht – jedoch bricht über letztere eine Katastrophe in Form einer höchst eigenartigen, nach ihren Symptomen benannten Krankheit herein, gegen welche es kein Mittel gibt: mania contradicens. Die an der rätselhaften Seuche Erkrankten treten  zu sich selbst und ihren Handlungen in Widerspruch. So spielen Geiger entsetzlich schief, Schaffner zahlen Geld aus, Ärzte verschreiben tödliche Mittel und Ammen schneiden Kleinkindern die Kehle durch. Im ausbrechenden Chaos wird vom Rat Horace Divile in die Hauptstadt entsandt, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Anhand seiner Telegramme  und der Berichte der später eintreffenden Aufräumkommandos rekonstruiert der Erzähler akribisch die letzen Tage in der Sternenstadt, an deren Ende der Sturm der  erkrankten Bevölkerung auf das Rathaus gestanden haben muss.

So witzig die höchst skurrile Krankheit, die Brjusov da entworfen hat, auch zuerst wirken mag – ihre Folgen werden in äußerst eindringlicher Form geschildert. In der Dunkelheit der Sternenstadt türmen sich die Leichen von Männern, Frauen und Kindern. In der nach Ausfall der Elektrizität hereingebrochenen Dunkelheit liegen Vergewaltigte, Verhungerte, Ermordete und Wahnsinnige. Der Autor, der womöglich auch noch den Blutsonntag von St. Petersburg (9. Januar 1905) und vielleicht auch die vom Zaren Nikolaus II. oktroyierte scheinkonstitutionelle Verfassung (Max Weber) vor Augen hat, scherzt nicht. In dem nicht austilgbaren Widerspruch zwischen der anarchischen und auch irrational individualistischen Wesenszüge des Menschen und der zwangsläufig totalitären Verfassung des ideal gedachten Staates liegt nach dem Symbolisten Brjusov das Verderben, dem auch der schon im Ansatz gescheiterte – weil von den alten Kräften immer noch beherrschte – Staat der Arbeiter anheimfallen  könnte. Und gegen dieses chaotische Element des Menschen können zuletzt auch nicht einmal mehr die Bajonette der Staatsgewalten helfen – selbst wenn es bei ihm  der Republik des Südkreuzes zuletzt wieder gelingt, die Geisterstadt am Pol in Besitz zu nehmen. Und das vielleicht immer wieder.

Fazit

Wie viele symbolistische Texte sperrt sich Die Republik des Südkreuzes gegen eine einfache Auslegung, indem hier durch textinterne Referenzen (und meiner Meinung nach auch außertextuelle Bezüge) Mehrdeutigkeiten erzeugt werden. So anspruchslos der doch recht kurze Text daherkommen mag – er hat es in sich. Obwohl er in seiner Anlage interessant und in seiner Gestaltung durchaus kurzweilig ist – unbedingt gelesen haben muss man ihn aber mit Sicherheit nicht.

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