E.M.Forster: Die Maschine bleibt stehen

1909 veröffentlichte der britische Schriftsteller Edward Morgan Forster eine Erzählung, die  – obwohl sie im englischen Orginal nur 12300 Wörter umfasst – zu den wichtigsten Werken des Science Fiction gehört. The Machine stops wurde noch 1965 zu einer der besten Erzählungen aus diesem Genre gewählt und von Ben Bova 1973 in den zweiten Band seiner Anthologie Science Fiction Hall of Fame aufgenommen. Und obwohl beinahe vier weitere Jahrzehnte verstrichen sind, hat man den Eindruck, das Werk würde beständig an Bedeutung und Aktualität gewinnen.

Der Inhalt in Kürze

Im Zentrum der Handlung stehen die Wissenschaftlerin Vashti und ihr Sohn Kuno, welche wie der Rest der Menscheit in unterirdischen Städten leben. Da die Menschen ihre kleinen Wohnzellen nicht mehr verlassen und Kontakt nur über „Bildtelefon“ halten, sehen sich die beiden, die gleich nach der Geburt durch den von einer Maschine geleiteten Staat voneinander getrennt wurden, so gut wie nie. Nur knapp gelingt es Vashti aufgrund ihrer Ängste der Aufforderung Kunos, ihn zu besuchen, nachzukommen. Nach einer stark belastenden Reise mit einem Luftschiff trifft sie Kuno kurz im ehemaligen England. Dieser erzählt ihr daraufhin, dass er verurteilt worden sei, die unterirdische Stadt endgültig zu verlassen und  für immer an die Oberfläche zu gehen – was nach einhelliger Meinung seinen Tod bedeuten würde, da die Atmosphäre giftig ist. Vashti, welche den Grund für die Strafe erfahren will, erschauert angesichts der Abenteuer ihres Sohnes, dem es nach langer Planung gelungen ist, für kurze Zeit an die Oberfläche zu gelangen – was jedoch ein Vergehen gegen die Maschine darstellt. Verständnislos wendet sie sich von ihm ab.

Als Vashti Jahre später erneut einen „Anruf“ vom für tot gehaltenen Kuno erhält, glaubt sie dessen Warnungen, dass die Maschine bald versagen würde, nicht. Doch langsam beginnen in den nächsten Monaten Fehlfunktionen darauf hinzuweisen, dass die Welt, in der Vashti lebt, einem Ende engegensieht. Die Abhängigkeit der Menschen von der nun teilweise schon mit religösen Zeremonien bedachten Maschine und der Systeme, die in ihrem Ablauf nicht mehr verstanden werden, ist so groß, dass der Ausfall der Luftversorgung allen verzweifelten Anpassungsversuchen an die zunehmend widrigen Lebensbedingungen ein Ende bereitet. Nachdem Vashti in Dunkelheit ihre Zelle verlassen muss, erstickt sie mit Kuno, der zu ihr gekommen ist, wie alle anderen Bewohner der unterirdischen Städte in den Tunneln. Zuvor offenbart ihr Kuno jedoch, dass die Annahme, dass keine Menschen mehr auf der Oberfläche leben würden, falsch sei – er habe sie bei seinem Ausbruchsversuch an die Oberfläche mit eigenen Augen gesehen – die Menschheit existiere weiter.

Der Mensch als Monade

Vieles von dem, was Forster uns hier präsentiert, kommt irgendwie in Ansätzen bekannt vor. Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, die Schwierigkeiten haben, unter Menschen zu gehen, die ihre Kontakte nur noch computervermittelt pflegen  können (bei Forster gilt dieses sogar für die Mutter-Kind-Beziehung), die sich der realen Welt entfremdet haben und diese fast nur  medial präsentiert aus zweiter Hand kennen. Man braucht nicht unbedingt auf die Probleme der japanischen Gesellschaft mit den hunderttausenden von Hikikomori zu verweisen, die im elterlichen Haus lebend eine besonders extreme Form des modernen Cocooning betreiben, wie es in Jonathan Harris Film Hikikomori eindringlich dargestellt wird. Auch in unserer Gesellschaft kann man eine zunehmende Zahl Betroffener ausmachen, die unter Internetsucht, Sozialphobie oder sozialer Vereinsamung leiden – wodurch die reale Welt auf den Kosmos ihrer Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnung schrumpft. Forster war  hier mit der Vision von menschlichen Monaden seiner Zeit um gut 100 Jahre voraus – vielleicht war sie nie aktueller als heute.

Da die Menschen ihrer Umwelt weitgehend entfremdet sind, versuchen sie, die Leere, die sich aus der Abwesenheit von anderen Menschen ergibt, damit zu füllen, dass sie über elektronische Textnachrichten und Bildtelefonie miteinander kommunizieren. Als das System sie  nicht mehr miteinander verbinden kann und endlich einmal Stille im Raum einkehrt, bricht Vashti angesichts der Einsamkeit beinahe in Panik aus. Damit antizipiert Forster nicht nur erschreckenden Ergebnisse psychologischer Test mit Studenten, die nicht mehr auf ihre sozialen Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ zurückgreifen konnten, sondern en passent auch gleich die grundlegenden technischen Entwicklungen, auf denen diese basieren. Auch hier zeigt sich The Machine stops auf der Höhe der Zeit.

Der Gott der Technik

In the dawn of the world our weakly must be exposed on Mount Taygetus, in its twilight our strong will suffer euthanasia, that the Machine may progress, that the Machine may progress, that the Machine may progress eternally.

In Forsters Erzählung überlassen sich die Menschen aufgrund ihrer Bequemlichkeit vertrauensvoll Der Maschine und beginnen zum Schluss sogar, diese mit religiösen Attributen zu versehen. Andersdenkende, Nicht-Angepasste werden beseitigt. Damit stellt sich der Autor nicht nur der Technikgläubigkeit seiner Zeit entgegen, sondern widerspricht energisch auch den klassischen utopischen Erwartungen, dass aufgrund des Industrialisierungsprozesses und der damit einhergehenden Vergrößerung der Produktionsmittel ein Paradies geschaffen werden könne, das den Menschen von der  ihn sich selbst entfremdenden Arbeit befreien könne, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen ideal gestaltet würden. Der in utopischen Entwürfen so häufig geäußerte Ansicht, dass dann der Mensch sich endlich intellektuell und künstlerisch entfaltet könnte, begegnet Forster mit der Vision von Millionen nur noch aus zweiter Hand lebender Menschen, die verzweifelt in ihren wabenähnlichen Zimmern nach Ideen suchen, aber nicht mehr in der Lage sind, den Aufbau eines Geräts zu verstehen, geschweige denn, den drohenden Untergang ihrer Gesellschaft zu verhindern, als das Reparatursystem streikt.

Fazit

Für mich war die hochaktuelle Erzählung The Machine stops aus den Anfängen des dystopischen Genres wirklich ein Erlebnis. Ich kann nur jedem Interessierten ans Herz legen, sie zu lesen. Im Internet ist übrigens Forsters Werk im englischen Orginal kostenlos zu lesen.

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