Jules Verne: Paris im 20. Jahrhundert

Eine Rezension von Rob Randall

Seine Entdeckung 1989 war nicht nur für die große Fangemeinde Jules Vernes eine Sensation: Das Manuskript des unveröffentlichten – weil vom Verlag Hechette einst abgelehnten – und lange verloren geglaubten Romanes Paris im 20. Jahrhundert aus dem Jahre 1863. Über 100 Jahre hatten die mit der typischen Handschrift Vernes gefüllten Seiten in einem alten Tresor, zu dem niemand einen Schlüssel mehr besaß und von dem die Familienlegende behauptete, er sei leer, gelegen.

Doch es ist nicht nur die Geschichte des Werkes selbst, die neugierig macht, sondern auch der Zeitpunkt seines Entstehens: Sollte Verne, der von vielen – nicht ganz zutreffend – als Vater der Science Fiction betrachtet wird, neben der 1889 erschienenen gelungenen dystopischen Erzählung Ein Tag im Leben eines  amerikanischen Journalisten im Jahre 2889 etwa auch noch einen ausgesprochen frühen und zudem noch guten dystopischen Roman geschrieben haben, dessen prophetischer Wert von Vernes einstigem Verleger, der daran so einiges zu bemängeln hatte, einfach nicht erkannt worden war?

Der Visionär

Der um seinen neuen Stern am Literaturhimmel besorgte Verleger Pierre-Jules Hetzel führt unter seinen Argumenten gegen Vernes zweiten Roman auch an, dass kein Leser den Prophezeiungen Glauben schenken würde [Quelle: Nachwort von Elisabeth Edel]. Tatsächlich scheinen die technischen Voraussagen für das zukünftige Jahr 1961 aus der Perspektive von 1863 äußerst gewagt: Windkraftanlagen vor den Pariser Stadttoren erwirtschaften die Energie, die in unterirdischen Leitungen als Gasdruck in jedes Haus geleitet wird und zudem die mehrfach Paris umspannende Hochbahn antreiben. Auf breiten Straßen umfahren tausende durch Explosionsmotor angetriebene Gas-Cabs die riesigen Plätze und Hochhäuser der Hauptstadt, die mit einem breiten Kanal und enormen Hafen an die Weltmeere angeschlossen worden ist. Elektrisches Licht beleuchtet Räume und ein Telegraphennetz, das Bilder übermittel kann, verbindet alle Städte der Welt. Das klingt, wenn man Druckluft durch Elektrizität und Gas durch Benzin ersetzt, doch schon recht nach unseren modernen Großstädten – und vielleicht noch mehr, wenn uns in nicht mehr allzu ferner Zukunft endgültig das Öl ausgehen sollte.

Der Kritiker

Aber waren es wirklich die technischen Visionen Vernes, an denen sich Hetzel stieß? Möglicherweise stellten eher die gesellschaftlichen Prognosen den Grund für die Ablehnung dar, denn der Entwurf Vernes erscheint äußerst trostlos. So technisch fortgeschritten die Gesellschaft der französischen Monarchie auch ist, so fixiert ist sie auch auf die Naturwissenschaften und den schnöden Mammon, den man mit der praktischer Anwendung ihrer Erkenntnisse erwirtschaften kann. Während die wichtigen Eisenbahnen verstaatlicht worden sind, wurden die Schulen privatisiert und in Aktiengesellschaften umgewandelt – und aus diesen gehen nur noch Ingineure, Physiker, Chemiker oder Biologen hervor, denn für Literatur, die nirgendwo mehr erhältlich ist, interessiert sich kein Mensch mehr. Während auf der einen Seite die Wohlhabenden immer weiter Gewinn erwirtschaften, stehen auf der anderen Seite die Werktätigen, die zwischen der Verrichtung stupider und entfremdend mechanisch wirkender Tätigkeiten in kleinen Wohnungen dahinvegetieren und im Falle von Arbeitslosigkeit in Armenhäusern dahinkümmern oder sogar des Hungers sterben.

Für niemanden kann eine solche stupide, beschränkte und auf den Kommerz fixierte Gesellschaft dystopischer sein als für den unglücklichen Künstler, der in eine solche Welt hinein geboren wird. Und so stellt Verne auch den  begnadeten Literaten Michel Dufrénoy in das Zentrum der Handlung, der sich nach seinem von der Menge verachteten sowie verlachten Abschluss erst vergeblich als Bediener einer Rechenmaschine und Vorleser von Rechnungsberichten verdingen muss, um später ebenfalls als Angestellter in einer der Schreibfabriken der Theatergesellschaft genauso zu scheitern wie bei dem letzten verzweifelten Versuch, seinen ersten Gedichtband zu veröffentlichen. Auf dem winterlichen Friedhof von Montmatre lässt Verne den Überflüssigen zuletzt bewusstlos zwischen den verfallenen und eingeebneten Gräbern von Banville, Saint-Victor und Gautier niedersinken. Ob sich dahinter nicht eine Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. im Zuge der Industrialisierung  und somit auch an  dem an Bedeutung gewinnenden Finanzbürgertum genauso versteckt wie eine Auseinandersetzung mit der damit zusammenhängenden Frage nach den zukünftigen Produktionsbedingungen von Künstlern angesichts der immer stärker an Bedeutung gewinnenden Wissenschaften? Noch 1904 äußert vielgereiste  deutsche Ingineur und Schriftsteller Max Eyth zum Verhältnis von Technik und Poesie:

Die Welt […] fängt an zu erkennen, daß in einer schönen Lokomotive, in einem elektrisch bewegten Webstuhl, in einer Maschine, die Kraft in Licht verwandelt, mehr Geist steckt als in der zierlichsten Phrase, die Cicero gedrechselt, in den rollenden Hexameter, den Vergil jemals gefeilt hat.

[Max Eyth, Poesie und Technik, in: Zeitschrift des Vereins deutscher Ingineure 48, S.1129-1139, S. 1132.]

Während in den Anti-Utopien spätestens seit Samjatins WIR der zentrale  Konflikt im Antagonismus von individueller Freiheit und dem Versprechen eines gesamtgesellschaftlichen Glücks zu finden ist,  so liegt er bei Verne in jenem Abgrund, der sich zwischen dem Recht auf persönliche Entfaltung und einer entgrenzten kapitalistischen Gesellschaft auftut, die  letzten Endes alle Bereiche jenseits der wirtschaftlich verwertbaren  negiert und die Naturwissenschaften – vor allem als Zulieferer von Ideen – absolut setzt. Das stellt nicht nur eine Kritik an zeitgenössischen gesellschaftlichen Tendenzen dar, sondern ist ein Angriff auf die naive Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts insgesamt – glaubte man doch angesichts der rasanten Weiterenwicklung von Wissenschaft und Technik zunehmend eine utopische Zukunft in greifbarer Nähe.

Der Literat

So sehr der Text durch den Entwurf einer dystopischen kapitalistischen Gesellschaft sowie durch die in ihm geäußerten technischen Visionen beeindruckt, so bescheiden nimmt sich daneben seine literarische Qualität als Roman aus. Zugegeben: Auch in vielen anderen anti-utopischen Werken erscheint die jeweilige Figur des gesellschaftlichen Außenseiters dünn gezeichnet, reduziert sich die eigentliche Handlung oft auf ein Minimum – allerdings führt uns da der Autor auch nicht über diversen Seiten die vermeintlichen (und zu seinem Unglück: falschen) Lieblingsautoren   des Verlegers Hetzel vor. Auch die sich anbahnende unglückliche Liebesgeschichte des Protagonisten zur Tochter seines ehemaligen – und nun angesichts Studentenmagels arbeitslosen – Professors vermag nicht überzeugen, obwohl sich auch schon hier, zumindest schon in Ansätzen, die Sprengkraft andeutet, die der Eros in den klassischen Dystopien später entfalten wird.

Fazit

Jules Vernes dystopischer Roman Paris im XX. Jahrhundert ist ein durchaus interessanter Vorläufer der klassischen Anti-Utopien und man wird dessen Lektüre sicher nicht bereuen – allerdings bleibt er literarisch weit hinter anderen Beispielen des Genres zurück.

[Ich danke im Übrigen Andreas Fehrmann, dem Betreiber der Seite Andreas Fehrmann’s Collection Jules Verne, für das großzügig überlassene Exemplar der  im Fischer-Verlag erschienen Taschenbuchausgabe des zur Zeit in deutscher Sprache nur schwer erhältlichen Romans].

Ulrich C. Schreiber: Die Flucht der Ameisen

Eine Rezension von Rob Randall

Der Duisburger Professor für Allgemeine Geologie Ulrich C. Schreiber veröffentlichte 2006 sein literarisches Erstlingswerk Die Flucht der Ameisen, das werbewirksam mit dem Untertitel Eine geokalyptische Vision versehen  und dem unbekannten Genre des Geo-Trillers zugeordnet wurde. Tatsächlich nimmt die Katastrophe vor der Haustür – denn der Roman spielt am deutschen Rhein – apokalyptische Dimensionen an: Ein durch den den Professor für Geologie Gerhand Böhm vorausgeahnter Vulkanausbruch verheert nicht nur durch pyroklastische Ströme die Umgebung, sondern „verstopft“ durch den ununterbrochenen Ausfluss von Lava den  schönen Rhein. Und wenn Professor Böhm nicht gerade durchs Unterholz kraucht und/oder versucht die nach und nach abgluckernden Städte zu retten,  begibt er sich auf die Spur des sagenhaften Nibelungenschatzes des Hagen von Tronje und seiner eigenen Gene.

Als erstes ist dem Roman anzumerken, dass er von einem Autor geschrieben wurde, der von der Materie, die er behandeln will, wirklich etwas versteht – in positivem wie in negativem Sinne: So lernt der interessierte Leser zwar auf den ersten 30 Seiten eine Menge über die geologische Beschaffenheit der Umgebung des Laacher Sees, aber die gerade noch zu einem Gespräch zwischen Gerhard Böhm und seiner Frau Katrin literarisierten wissenschaftlichen Erläuterungen sowie die an eine Vorlesung gemahnenden Ausführungen des Erzählers ermüden doch stark: Der Aufschluss, den Gerhard jetzt suchte, lag genau unterhalb der Abfolge von Trass, Schwemmfächer und Mittelterasse in den wenig spektakulären Sand- und Tonsteinen des Grundgebirges.

Wie so häufig bei Erstlingswerken wird man den Eindruck nicht los, dassich hinter dern im Mittelpunkt der Handlung stehenden Figuren des Professors der Geologie Böhm und seiner Frau Katrin der Autor bzw. Professor der Geologie Schreiber und  seine Frau Katrin verbergen – nicht zuletzt auch deshalb, weil Professor Böhm die gleiche sensationelle Entdeckung macht wie Professor Schreiber es einst tat: Zwischen tektonischen Störungen und Ameisenhügeln gibt es nicht nur einen statistischen, sondern auch einen kausalen Zusammenhang. Wenn die übrigen Figuren in einem solch stark perspektivierten Roman dann weitgehend als Stichwortgeber des belehrend und mit seinen Vorahnungen meistens richtig liegenden Protagonisten auftreten, dann beschleicht den Rezipienten zu recht ein ungutes Gefühl.

Die zu Beginnn recht zähe Handlung kommt erst wirklich ins Fließen, als der Rhein endlich steht. Schreiber liefert nicht nur pointierte Beschreibungen der katastrophalen Auswirkungen eines – zugegeben: nicht sehr wahrscheinlichen – Vulkanausbruches in einer dicht besiedelten deutschen Landschaft, sondern rückt auch einige interessante Aspekte ins Blickfeld, die man erst nicht erwartet hätte. So bedroht der langsam aufgestaute Rhein nicht nur die Menschen und ihr Hab und Gut, sondern auch die oberhalb des Lavadammes gelegenen Atomkraftwerke. Tasächlich liefert Schreiber sogar das groteske Bild eines durch den eigenen Auftrieb dahindümpelden Atomkraftwerkes, geht aber überraschenderweise auf die strahlenden Folgen einer solchen Katastrophe nicht weiter ein, was zeigt, dass zwar das apokalyptische Bedrohungsszenario eines atomaren Unglückes zwecks Belehrung und Spannungssteigerung aufgebaut werden soll, dieses aber wie andere angedeutete  Gefahren letztlich zum Blindmotiv verkommt. Das erscheint glücklich, aber wenig überzeugend.

[Warnung: Spoiler]

Leider versucht der Autor zudem die Handlung abwechslungsreicher zu gestalten, indem einen obskuren Nebenstrang entwirft, in dem der Protagonist nicht nur in amouröse Schwierigkeiten zu geraten droht, als er eine ehemalige Freundin wiedertrifft, sondern auch der Vermutung nachspürt, dass es sich bei dem in ihrem Besitz befindlichen Ring um einen Teil des Nibelungenschatzes – womöglich sogar DEN Ring der Nibelungen handelt.  Diese Nebenhandlung wirkt wie ein Fremdkörper, zumal Böhm, nachdem seine Ex-Freundin bei dem von ihm initiierten Versuch, den Ring aus den untergegangenen Habseligkeiten zu bergen, ums Leben gekommen ist, mit überraschend unbewegter Geschwindigkeit in die Haupthandlung zurückfindet. Da erscheint der beschriebene Ehekrach mit Katrin, der spätestens dann vorprogrammiert ist, als Böhm gestehen muss, dass die während eines Seitensprunges entstandenen Töchter seiner Exfreundin seine eigenen sind, gelungener.

[Entwarnung]

Schreiber bietet in seinem sprachlich gelungenen Roman eine ganze Reihe von spannenden Situationen, die die Bezeichnung Thriller rechtfertigen, letztendlich aber den Leser doch nicht vollends zu fesseln vermögen. Inwiefern das gigantische Dammprojekt, das eine durch erneute Vulkanausbrüche hervorgerufene Flutwelle von besiedelten Gebieten abhalten soll, realistisch ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber eine gewagte Vision ist es – wie das ganze Szenario – mit Sicherheit.

Fazit

Ich konnte mich für Die Flucht der Ameisen von Ulrich C. Schreiber nicht begeistern, vielleicht mag dieses aber geologisch interessierteren Lesern gelingen. Da ich mich einst dafür entschieden habe, nur zwischen nicht empfehlenswerten und mittelmäßigen Romanen sowie Werken, die man unbedingt gelesen haben sollte, zu unterscheiden, kann ich leider nicht zwei von fünf Sternen vergeben, sondern nur sagen: Aus guten Gründen nicht. 

Douglas R. Mason: Stadt unter Glas

Eine Rezension von Rob Randall

Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, dass ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei, fragte Marcel Reich-Ranicki einmal – und entfaltete im Anschluss die Geschichte der deutschen Literaturkritik in Lauter Verrisse auf nicht weniger als 40 Seiten. So viel Raum bleibt hier nicht: Vielleicht kann Douglas R. Masons Roman Stadt unter Glas – der eine wirklich schlechte Dystopie ist – wenn er schon kein Vergnügen beim Lesen bereitet, wenn er uns unsere Gesellschaft aus keinem neuen Blickwinkel betrachten lässt und wenn er unseren inneren Horizont nicht erweitert,  wenigstens noch zeigen, was einen guten Vertreter des Genres ausmacht.

Traurig macht, dass der Roman durchaus hätte gelingen können: Mason verarbeitet in seinem Roman aus dem Jahre 1966 die seinerzeit grassierenden Spekulationen über das Nahen einer neuen Eiszeit: 7000 Jahre nach ihrem Anbruch leben die Menschen  immer noch nur in jenen Städten, welche von futuristisch anmutenden Glaskuppeln überspannt und durch ein hochentwickeltes Computersystem kontrolliert werden.

Reminiszenzen

Aber der Roman bietet wenig Eigenständiges: Aus dem Roman 1984 entnommene Bildschirme überwachen die Bürger im öffentlichen wie privaten Raum, verhindern jedoch zudem mögliche Gedankenverbrechen [Mason bedient sich dieses Terminus‘ nicht] durch zusätzliches Erfassen von physiologischen Daten. Ein an die Orwell’sche Gedankenpolizei erinnerndes Staatsorgan überwacht und verfolgt mögliche wie auch tatsächliche Dissidenten, denen Umerziehungskurse und Hinrichtung drohen. Weiter darf der Vergleich mit dem Prototyp des Genres nicht gehen: Mason macht sich auch nicht im Kleinsten die Mühe, eine irgendwie geartete Struktur der Gesellschaft zu zeichnen.

Unverbesserliche Protagonisten

In geradezu lehrreicher Weise unterscheiden sich die Protagonisten. Während bei Orwell mit Winston Smith ein gerade noch durchschnittlicher Mensch ins Zentrum einer Handlung gestellt wird, welche die persönliche Entwicklung der Hauptfigur bis zum Entschluss, Widerstand zu leisten, glaubhaft präsentiert, bleibt Masons Held Gaul Kalmar zur Gänze statisch. Sein außergewöhnliche Charakter, der zu dem Entschluss geführt hat (!) mit einer Gruppe Gleichgesinnter in die sich langsam ökologisch regenerierende Freiheit zu entfliehen, wird oberflächlich mit einer besonderen „Grenzfall“-Veranlagung legitimiert. Und da Gaul ein richtiger Held ist, hadert er auch nicht mit der geradezu unglaubwürdigen Kluft, die sich zwischem seiner Person und der gesellschaftlichen Verfassheit auftut, sondern wischt diese wie der sich immer affirmativ verhaltende auktoriale Erzähler einfach vom Tisch: Wie dem auch sei, das Gefühl, ein anderer und selbstbewusster Mensch zu sein, war der einwandfreie Beweis dafür, dass er innerhalb des Systems ein krasser Außenseiter war. Und damit ist die eindimensionale Persönlichkeit Gauls auch weitgehend umschrieben.

Widersprüche im System

So überraschend die bloße Existenz eines Menschen wie Gaul in einem solchen System anmutet, der Widerspruch, dass der so krasse Außenseiter keine Probleme hat, zahlreiche Verbündete zu finden, verblüfft noch mehr. Wenn Mason dann nach kurzer Zeit sogar einen angehenden Polizisten den Verschwörern hinzugesellt, kann man nur noch staunen. Völlig unglaubwürdig aber wird der ganze Entwurf, wenn man nach dem erfolgreich herbeigeführten Stromausfall, der das Verteidigungssystem außer Kraft setzten soll, Dialoge wie diesen lesen muss: „Was ist geschehen“ fragte eine weibliche Stimme aus der Dunkelheit. „Wir verlassen die Stadt! widerholte [sic!] Jane. „Kann ich mitkommen?“ „Jetzt?“ fragte Gaul. „ohne jede Frage? Ohne je wieder zurückkehren zu können?“ Kurzes Schweigen. Dann: „Ja“ „Gut, Sie sind dabei. Weiter!“ Spätestens angesichts der in der Dunkelheit hereinbrechenden Unruhen stellt sich die Frage, ob nicht eigentlich näher als eine Flucht ein völliger Umsturz des höchst instabil wirkenden Systems  läge. Mason jedoch stellt sich diese Frage nicht. Er will einen Abenteuerroman erzählen, mit  aufregender Flucht und gefährlichen Verfolgern und starken Männern und  verführerischen (und schwachen) Frauen, die gemeinsam in den Westen – Entschuldigung: die Wildnis – ziehen, um dort eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Brünstige Atmosphäre

Angesichts der technischen und personellen Unzulänglichkeiten des angeblich so perfekten Systems durchzieht die Stadt unter Glas trotz des  von Mason eingeführten Überwachungs- und Repressionsinstrumentariums auch nicht jene bedrohliche Atmosphäre, die man an anderen Dystopien zu schätzen gelernt hat. Dagegen spricht auch schon die Anlage des Helden selbst.  Aber auch nach der erfolgreichen Flucht der Gruppe will sich so recht keine Atmosphäre einstellen. Man muss kein ausgesprochener Freund von umfangreichen Landschaftsbeschreibungen sein, um deren Fehlen bei Mason negativ zu bemerken. Sein männlicher Protagonist hat nach dem ersten Schritt in die Freiheit überhaupt keine Augen für die Umgebung: Im hellen Tageslicht wirkte Goda Hurst nicht ganz so groß wie Jane. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das glatt zurückgekämmt war, graue Augen, eine kleine Nase und volle Lippen, die infolge der Anstrengung des Tragens ein wenig geöffnet waren. Aber auch Godas Reaktion kann nicht überzeugen: Sie war völlig still geworden, als sie erst einmal draußen war. Der echte Himmel beeindruckte sie und war so ganz anders, als sie ihn sich ausgemalt hatte. Die riesige Kuppel der Stadt schien ein Modell der Unendlichkeit zu sein. Und das war es dann auch schon. Dass die Damen kurze Zeit später damit beginnen, Puder aufzulegen, zeigt zwar, dass sie über ausgesprochene Instinkte verfügen, wirkt aber angesichts der Situation eher grotesk. Und das mit Sicherheit auch schon in den 60er Jahren.

Lieblose Hetzjagd

Die sich anschließende Flucht macht den wenig anspruchsvollen Rest des Werkes aus. Und natürlich werden die Abtrünnigen von den Marionetten des Systems verfolgt. Dabei kommt in rasender Schnelle zu diversen heiklen Situationen, die die Geschichte aber insgesamt nicht spannender machen – weil sie lustlos heruntergeschrieben erscheint. Dabei überraschen nicht nur die für ihr Alter überraschend gut erhalten geblieben Ruinen der Vorfahren, sondern auch die „intelligenten“ neuen Bewohner der Oberfläche: Haarsträubenderweise haben sich die Menschen anscheindend wieder zum homo habilis zurückentwickelt. Zwar gerät der Held in diesem Abschnitt hin und wieder in Bedrängnis, das ändert jedoch nichts daran, dass die Flüchtlinge die Situation mit überraschender Ruhe meistern. So wird während eines an Jule Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde gemahnenden Aufstieges aus einer unterirdischen Anlage erst einmal munter gespachtelt. Später werden die Mahlzeiten übrigens wieder von den glücklichen Damen der Gruppe zubereitet, denn das natürliche Rollenverhalten – so wie Mason es versteht – stellt sich sofort wieder ein.

Fazit

Mason wollte nicht nur eine Dystopie schreiben, er wollte dazu einen postapokalyptischen Abenteuerroman verfassen. Das Ergebnis ist an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Die Lektüre macht wirklich keinen Spaß, auch wenn das Werk den mit Abstand blödesten Namen einer Hauptfigur aufweist, der mir bisher begegnet ist und für die GenderForschung hinsichtlich des hier präsentierten Rollenverständnisses interessant sein könnte. Wer das Ganze unverständlicherweise tatsächlich noch mal auf LSD mit blauen Schlümpfen erleben möchte, der greife zu Feuerblumen von Dieter König. Aber auch davon rate ich ab.

Gottfried Meinhold: Sein und Bleiben

Eine Rezension von Rob Randall

1983: Ein DDR-Schriftsteller verspricht vor Publikum in Prag ein Buch über die Folgen des drohenden Atomkrieges zu verfassen. So wirklichkeitsnah wie möglich soll es sein, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse widerspiegeln und den Schrecken wahrhaftig im ganze Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung zeigen – jenseits jener Abenteuergeschichten und Robinsonaden, die das Genre zwar beherrschen, aber das Thema selbst nur trivialisieren. So, als gäbe es tatsächlich ein Danach. Jahre seines Lebens soll Burk dieses Vorhaben kosten, seine Lebensfreude, seine psychische und körperliche Gesundheit – und beinahe seine Ehe. Denn geradezu manisch verfolgt der Protagonist das politische Geschehen der folgenden Monate und Jahre als dunkle Vorzeichen eines drohenden Unterganges. Zwar leidet er selbst unter der Fixierung auf sein Werk, das zwei mal nicht gelingen will, weil es nicht gelingen kann – die Kraft, sein Scheitern einzugestehen, bringt er jedoch nicht auf. Erst als er beschließt sein Scheitern zum Mittelpunkt einer Erzählung über das Leben mit der Furcht zu machen, beginnt er langsam zu genesen – obwohl es längst zu spät sein könnte.

Sicher: Das 1989 in der DDR erschienene Buch Sein und Bleiben von Gottfried Meinhold ist keine Dystopie. Auch ein Katastrophenroman oder ein Endzeitszenario ist das Werk nicht.  Es ist viel mehr: Sein und Bleiben ist ein Roman über das Schreiben von postapokalyptischer Literatur im Angesicht der nuklearen Bedrohung, über die Denkbarkeit des Undenkbaren und die Möglichkeiten seiner literarischen Beschreibung.  Dieses aus Sicht der DDR-Ideologen defätistische Werk thematisiert zudem die spätestens seit Beginn der 80er Jahre auch  in der DDR zunehmend wahrgenommene – allerdings in der Öffentlichkeit durch Zensur ausgeblendete –  Umweltzerstörung.  Dabei ist der Text des emeritierten Professors aus Jena kein optimistische Werk, das vom Glauben an den Fortschritt  zeugt, sondern eines voller Sorge, voller Furcht und Angst im Schatten des beschleunigten Rüstungswettlaufes, des NATO-Doppelbeschlusses und der Stationierung von Pershing 2 und SS-20 Raketen diesseits und jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Ein verdienstvolles Zeugnis aus der letzten und kältesten Phase des Kalten Krieges, das zuletzt dennoch aufgrund von Glasnost und Perestroika mit der vagen Hoffnung auf Davonkommen, wenigstens vor einem plötzlichen Ende, schließt.

Die Unerträglichkeit des Kreiselns

Wie so oft in der neuen Innerlichkeit der Literatur der siebziger und achtziger Jahre verschwimmen im Werk die Grenzen zwischen der Figur des Ich-Erzählers und der Person des Autors. So thematisiert der Roman in der vorliegenden Form nicht nur die Ablehnung eines ersten Entwurfes durch den Verlag, sondern autopoetisch die Genese des Entschlusses Sein und Bleiben zu verfassen. Durch ein solches Verfahren muss die Literarisierung von Denkprozessen des Autors nicht unbedingt scheitern – aber das Werk läuft Gefahr zum Forum von Befindlichkeiten zu verkommen. Die Sensibilität, mit der Meinhold zudem seine Figuren ausstattet, selbst wenn man die manische Besessenheit des Protagonisten berücksichtigt, ist nur schwer erträglich. Ein starkes Gewitter könnte, so hat man manchmal das Gefühl, wie bei Werther in Strömen Tränen fließen lassen.  Die manische Fixierung Burks auf den Untergang der Menscheit macht dieses insgesamt nicht glaubwürdiger und lässt den Roman  zudem unter Zurücknahme der äußeren Handlung zu einer kreiselnden Reflexionsbewegung werden, die zwar viele Facetten des Themas ‘Selbstvernichtung des Menschen’ zu beleuchten vermag, allerdings auch mit ermüdenden Redundanzen aufwartet.

Berechtigte wie unberechtigte Kritik

Man muss Karsten Kruschel zustimmen, wenn er in seiner Besprechung von Sein und Bleiben festhält, dass das von Burk geschaffene Werk als Buch im Buch […] zu den packendsten Stellen des Romans [gehört]. Eine hoffnungslose Untergangsvision, die den Fehler von Nevil ShuteOn the Beach, das allgemeine Sterben mit traditionellen Mittel zu ästhetisieren zwar nicht wiederholt, trotzdem aber auf bekannte Muster abenteuerlichen Erzählens setzt. Zudem entströmt ihr in der Schilderung des  vielfachen Siechtums von Bäumen, höheren Lebewesen, dem Zusammenbruch der ökologischen Kreisläufe und er herannahenden Strahlung eine Hoffnungslosigkeit, die den geschockten Leser passiv seinem Untergang entgegen sehen lässt.  Meinhold verdeutlicht so gekonnt die Unmöglichkeit eines angemessenen literarischen Sprechens vom Untergang. Die Alternative, die der Protagonist wählt, indem er fiktive Augenzeugen- und Leidensberichte der zukünftigen Opfer collagenhaft zusammenstellt, degradiert den Autor zum Medium jener Stimmen, die zu ihm sprechen, und stellt somit keinen Ausweg aus dem literarischen Dilemma dar. Dass Meinhold ausgerechnet den Roman Malevil von Robert Merle als Anlass nimmt, Burk nach Alternativen des Erzählens suchen zu lassen, erscheint ungerecht. Merle will weniger das Leben nach einem Atomkrieg schilden, denn gruppendynamische Prozesse untersuchen. Malevil ist eine psychologische Fallstudie, aber kein Abenteuerroman, der die Nachgeschichte des Unterganges als Sujet missbraucht und so den Atomkrieg bagatellisiert – wenn man Burk auch Recht geben kann, dass es derer viel zu viele gibt (Beispiele hierfür sind z.B: Macauleys Dunkel kommt die Zukunft oder Hans Wörners Wir fanden Menschen).

Fazit

Mir sagt der Roman Sein und Bleiben wenig zu. So anspruchsvoll und ehrenhaft die Aufgabe ist, derer sich Gottfried Meinhold angenommen hat, vielleicht wäre die Form des Essays oder der Autobiografie (?) sinnvoller gewesen. Wer den 278-Seiten-Roman lesen möchte, sollte genügend reflexive Kondition und Empathie für die Figuren mitbringen. Mir mangelte daran jedoch.

Jules Verne: Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889

Eine Rezension von Rob Randall

Die Menschen des 29. Jahrhunderts leben wie in einem Märchenland, ohne es zu merken oder sich groß darüber zu wundern […] lässt Jules Verne den Erzähler seiner 1889 erstmals erschienen Erzählung Ein Tag im Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889 konstatieren – nur um uns dann eine Welt vorzuführen, in der die technischen Möglichkeiten zwar geradezu phantastisch wirken, ihre Einrichtung selbst uns jedoch wenig wünschenswert erscheinen kann. Und so klingen, während wir den amerikanischen Multimilliardär und Zeitungsverleger Francis Benett einen Alltag lang begleiten dürfen, in der Selbstverständlichkeit, mit der hier von der Machtfülle des Protagonisten wie von den technischen Errungenschaften gesprochen wird, deutliche Warnungen an.

Über die ersten unglaublichen 30 Milliarden US-Dollar des Benett’schen Vermögens berichtet uns der auktoriale Erzähler genauso begeistert wie von der Einführung des Telefons als neues Vertriebsmedium, welches letztendlich den  Grundstein für  den überwältigenden Erfolg des Medienmoguls gelegt hat. Drei Kilometer messe jede der vier Fronten des Palastes jenes Schattenherrschers, zu dem Repräsentanten, Minister und Politiker aller Länder pilgerten, um seine Meinung oder Hilfe zu erfahren. Und die Bestürzung der Leser antizipierend wiegelt er ab: Schauerlich? Nein, warum? Er, der weltberühmte Francis Benett, fördert wissenschaftliche Projekte, er finanziert Künstler, er subventioniert die Erfinder. Dieser Mann, der die Medien als Personifikation der modernen vierten Gewalt  genauso kontrolliert wie er als Wirtschaftsmagnat mächtig ist,  ist in Vernes Vision also das Machtzentrum in Centropolis, der Hauptstadt der 72 Bundesstaaten umfassenden allmächtigen U.S.A., die selbst Großbritannien als Kolonie besitzen – und über deren  aller Schicksal nur Francis Benett allein entscheidet.

Wer über so viel Macht als Wirtschaftsboss und Einfluss als mächtiger Herausgeber verfügt, dass er praktisch alleine die politischen Geschicke der Welt gestaltet, der ist erfahrungsgemäß natürlich auch der beste Kritiker seiner ihm treu unter- bzw. ergebenen Künstler. Und diese leihen ihm selbstverständlich gerne aufmerksam ihr Ohr, wenn er duch jene Halle  des Earth Herald schreitet, in der 100 Literaten 100 Zuhörern über Telefon aus 100 Romanen vorlesen: Mr. John Last, ich bin sehr unzufrieden. Ihr Roman ist nicht erlebt. Sie rasen aufs Thema zu und erreichen das Ziel viel zu schnell! Wo bleibt da die Dokumentation? […] Machen Sie es wie ihr Kollege, den ich eben gelobt habe. Lassen Sie sich hypnotisieren…Was!?!… Das tun Sie bereits? Dann eben nicht gründlich genug!

Was wäre aber das Bild des erfolgreichen Herausgebers, Politikers und Wirtschaftführers  wenn  uns dieser selbst und der [die Vermutung liegt jetzt durchaus nahe: in seinen Diensten stehende] Erzähler nicht auch einen Einblick gewähren würden, welche Sorgen und Nöte den Menschen Benett plagen. Und wie persönlich, ja geradezu intim ist es, dass wir erleben dürfen, wie er sich nach der Gegenwart seiner Frau sehnt, von der er das erste Mal länger als zwei Tage getrennt ist, weil sie in Paris die neuesten Hüte der Saison ersteht. Und wie rührend er sich freut, als er erfährt, dass sie mithilfe der Untergrundbahn aus Frankeich in noch nicht einmal drei Stunden wieder im Palaste in Centropolis eintreffen wird.

Aber trotz des (teilweise ironisch wirkenden) Lobgesanges des Erzählers auf die auf 68 Jahre ausgeweitete durchschnittliche Lebenserwartung der Bürger, auf das elektronische Rechengerät, das Benett dazu dient, seine Tageseinkünfte in kürzester Zeit addieren können, und auf das praktische Bildtelefon, mit dem dieser mit seiner Frau über den Ozean hinweg kommuniziert, wird der Leser irgendwie den Eindruck nicht los, dass in einer Welt, in der nicht nur auf Befehl eines einzigen Mannes Wolken an den leuchtend blauen Himmel gezaubert werden sollen, sondern auch elektrische Entladungen von 100-km-Geschossen Armeen hinwegfegen und mit Viren und Bakterien beladene Projektile den Gegner durch Krankheiten vernichten können, irgendetwas nicht stimmen kann. Und darin liegt wohl auch die Botschaft dieser Warnutopie: Dass durch die verhängnisvollen Mechanismen der Ökonomie technische Neuerungen auch dazu führen könnten, dass an einem einzigen Punkt so viel Macht akkumuliert wird, dass auch das demokratische System nur noch eine Maske ist, hinter der ein (?) Autokrat kritikfrei sein Unwesen treiben kann.

Beispiele gab es genug.

Fazit

Es ist mir nicht gelungen, sämtliche bemerkenswerten technischen Voraussagen und  Inhalte der in meiner Ausgabe nur 25 Seiten umfassende Erzählung hier anzuführen (Deutschland existiert beispielsweise nicht mehr). Dazu ist das Tempo der höchst unterhaltsamen und über weite Strecken wirklich humorvoll geschriebenen Geschichte viel zu hoch. Wer eine halbe Stunde erübrigen kann, der sollte diese im Gewande einer positiven Utopie daherkommende Schreckensvision unbedingt einmal lesen – und wer zudem noch mehr wissen möchte, der kann auf André Fehrmanns umfangreicher Seite Collection Jules Verne viele weitere Informationen – vor allem hinsichtlich der technischen Visionen – zu dieser Erzählung finden.