Ulrich C. Schreiber: Die Flucht der Ameisen

Der Duisburger Professor für Allgemeine Geologie Ulrich C. Schreiber veröffentlichte 2006 sein literarisches Erstlingswerk Die Flucht der Ameisen, das werbewirksam mit dem Untertitel Eine geokalyptische Vision versehen  und dem unbekannten Genre des Geo-Trillers zugeordnet wurde. Tatsächlich nimmt die Katastrophe vor der Haustür – denn der Roman spielt am deutschen Rhein – apokalyptische Dimensionen an: Ein durch den den Professor für Geologie Gerhand Böhm vorausgeahnter Vulkanausbruch verheert nicht nur durch pyroklastische Ströme die Umgebung, sondern „verstopft“ durch den ununterbrochenen Ausfluss von Lava den  schönen Rhein. Und wenn Professor Böhm nicht gerade durchs Unterholz kraucht und/oder versucht die nach und nach abgluckernden Städte zu retten,  begibt er sich auf die Spur des sagenhaften Nibelungenschatzes des Hagen von Tronje und seiner eigenen Gene.

Als erstes ist dem Roman anzumerken, dass er von einem Autor geschrieben wurde, der von der Materie, die er behandeln will, wirklich etwas versteht – in positivem wie in negativem Sinne: So lernt der interessierte Leser zwar auf den ersten 30 Seiten eine Menge über die geologische Beschaffenheit der Umgebung des Laacher Sees, aber die gerade noch zu einem Gespräch zwischen Gerhard Böhm und seiner Frau Katrin literarisierten wissenschaftlichen Erläuterungen sowie die an eine Vorlesung gemahnenden Ausführungen des Erzählers ermüden doch stark: Der Aufschluss, den Gerhard jetzt suchte, lag genau unterhalb der Abfolge von Trass, Schwemmfächer und Mittelterasse in den wenig spektakulären Sand- und Tonsteinen des Grundgebirges.

Wie so häufig bei Erstlingswerken wird man den Eindruck nicht los, dassich hinter dern im Mittelpunkt der Handlung stehenden Figuren des Professors der Geologie Böhm und seiner Frau Katrin der Autor bzw. Professor der Geologie Schreiber und  seine Frau Katrin verbergen – nicht zuletzt auch deshalb, weil Professor Böhm die gleiche sensationelle Entdeckung macht wie Professor Schreiber es einst tat: Zwischen tektonischen Störungen und Ameisenhügeln gibt es nicht nur einen statistischen, sondern auch einen kausalen Zusammenhang. Wenn die übrigen Figuren in einem solch stark perspektivierten Roman dann weitgehend als Stichwortgeber des belehrend und mit seinen Vorahnungen meistens richtig liegenden Protagonisten auftreten, dann beschleicht den Rezipienten zu recht ein ungutes Gefühl.

Die zu Beginnn recht zähe Handlung kommt erst wirklich ins Fließen, als der Rhein endlich steht. Schreiber liefert nicht nur pointierte Beschreibungen der katastrophalen Auswirkungen eines – zugegeben: nicht sehr wahrscheinlichen – Vulkanausbruches in einer dicht besiedelten deutschen Landschaft, sondern rückt auch einige interessante Aspekte ins Blickfeld, die man erst nicht erwartet hätte. So bedroht der langsam aufgestaute Rhein nicht nur die Menschen und ihr Hab und Gut, sondern auch die oberhalb des Lavadammes gelegenen Atomkraftwerke. Tasächlich liefert Schreiber sogar das groteske Bild eines durch den eigenen Auftrieb dahindümpelden Atomkraftwerkes, geht aber überraschenderweise auf die strahlenden Folgen einer solchen Katastrophe nicht weiter ein, was zeigt, dass zwar das apokalyptische Bedrohungsszenario eines atomaren Unglückes zwecks Belehrung und Spannungssteigerung aufgebaut werden soll, dieses aber wie andere angedeutete  Gefahren letztlich zum Blindmotiv verkommt. Das erscheint glücklich, aber wenig überzeugend.

[Warnung: Spoiler]

Leider versucht der Autor zudem die Handlung abwechslungsreicher zu gestalten, indem einen obskuren Nebenstrang entwirft, in dem der Protagonist nicht nur in amouröse Schwierigkeiten zu geraten droht, als er eine ehemalige Freundin wiedertrifft, sondern auch der Vermutung nachspürt, dass es sich bei dem in ihrem Besitz befindlichen Ring um einen Teil des Nibelungenschatzes – womöglich sogar DEN Ring der Nibelungen handelt.  Diese Nebenhandlung wirkt wie ein Fremdkörper, zumal Böhm, nachdem seine Ex-Freundin bei dem von ihm initiierten Versuch, den Ring aus den untergegangenen Habseligkeiten zu bergen, ums Leben gekommen ist, mit überraschend unbewegter Geschwindigkeit in die Haupthandlung zurückfindet. Da erscheint der beschriebene Ehekrach mit Katrin, der spätestens dann vorprogrammiert ist, als Böhm gestehen muss, dass die während eines Seitensprunges entstandenen Töchter seiner Exfreundin seine eigenen sind, gelungener.

[Entwarnung]

Schreiber bietet in seinem sprachlich gelungenen Roman eine ganze Reihe von spannenden Situationen, die die Bezeichnung Thriller rechtfertigen, letztendlich aber den Leser doch nicht vollends zu fesseln vermögen. Inwiefern das gigantische Dammprojekt, das eine durch erneute Vulkanausbrüche hervorgerufene Flutwelle von besiedelten Gebieten abhalten soll, realistisch ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber eine gewagte Vision ist es – wie das ganze Szenario – mit Sicherheit.

Fazit

Ich konnte mich für Die Flucht der Ameisen von Ulrich C. Schreiber nicht begeistern, vielleicht mag dieses aber geologisch interessierteren Lesern gelingen. Da ich mich einst dafür entschieden habe, nur zwischen nicht empfehlenswerten und mittelmäßigen Romanen sowie Werken, die man unbedingt gelesen haben sollte, zu unterscheiden, kann ich leider nicht zwei von fünf Sternen vergeben, sondern nur sagen: Aus guten Gründen nicht. 

Douglas R. Mason: Stadt unter Glas

Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, dass ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei, fragte Marcel Reich-Ranicki einmal – und entfaltete im Anschluss die Geschichte der deutschen Literaturkritik in Lauter Verrisse auf nicht weniger als 40 Seiten. So viel Raum bleibt hier nicht: Vielleicht kann Douglas R. Masons Roman Stadt unter Glas – der eine wirklich schlechte Dystopie ist – wenn er schon kein Vergnügen beim Lesen bereitet, wenn er uns unsere Gesellschaft aus keinem neuen Blickwinkel betrachten lässt und wenn er unseren inneren Horizont nicht erweitert,  wenigstens noch zeigen, was einen guten Vertreter des Genres ausmacht.

Traurig macht, dass der Roman durchaus hätte gelingen können: Mason verarbeitet in seinem Roman aus dem Jahre 1966 die seinerzeit grassierenden Spekulationen über das Nahen einer neuen Eiszeit: 7000 Jahre nach ihrem Anbruch leben die Menschen  immer noch nur in jenen Städten, welche von futuristisch anmutenden Glaskuppeln überspannt und durch ein hochentwickeltes Computersystem kontrolliert werden.

Reminiszenzen

Aber der Roman bietet wenig Eigenständiges: Aus dem Roman 1984 entnommene Bildschirme überwachen die Bürger im öffentlichen wie privaten Raum, verhindern jedoch zudem mögliche Gedankenverbrechen [Mason bedient sich dieses Terminus‘ nicht] durch zusätzliches Erfassen von physiologischen Daten. Ein an die Orwell’sche Gedankenpolizei erinnerndes Staatsorgan überwacht und verfolgt mögliche wie auch tatsächliche Dissidenten, denen Umerziehungskurse und Hinrichtung drohen. Weiter darf der Vergleich mit dem Prototyp des Genres nicht gehen: Mason macht sich auch nicht im Kleinsten die Mühe, eine irgendwie geartete Struktur der Gesellschaft zu zeichnen.

Unverbesserliche Protagonisten

In geradezu lehrreicher Weise unterscheiden sich die Protagonisten. Während bei Orwell mit Winston Smith ein gerade noch durchschnittlicher Mensch ins Zentrum einer Handlung gestellt wird, welche die persönliche Entwicklung der Hauptfigur bis zum Entschluss, Widerstand zu leisten, glaubhaft präsentiert, bleibt Masons Held Gaul Kalmar zur Gänze statisch. Sein außergewöhnliche Charakter, der zu dem Entschluss geführt hat (!) mit einer Gruppe Gleichgesinnter in die sich langsam ökologisch regenerierende Freiheit zu entfliehen, wird oberflächlich mit einer besonderen „Grenzfall“-Veranlagung legitimiert. Und da Gaul ein richtiger Held ist, hadert er auch nicht mit der geradezu unglaubwürdigen Kluft, die sich zwischem seiner Person und der gesellschaftlichen Verfassheit auftut, sondern wischt diese wie der sich immer affirmativ verhaltende auktoriale Erzähler einfach vom Tisch: Wie dem auch sei, das Gefühl, ein anderer und selbstbewusster Mensch zu sein, war der einwandfreie Beweis dafür, dass er innerhalb des Systems ein krasser Außenseiter war. Und damit ist die eindimensionale Persönlichkeit Gauls auch weitgehend umschrieben.

Widersprüche im System

So überraschend die bloße Existenz eines Menschen wie Gaul in einem solchen System anmutet, der Widerspruch, dass der so krasse Außenseiter keine Probleme hat, zahlreiche Verbündete zu finden, verblüfft noch mehr. Wenn Mason dann nach kurzer Zeit sogar einen angehenden Polizisten den Verschwörern hinzugesellt, kann man nur noch staunen. Völlig unglaubwürdig aber wird der ganze Entwurf, wenn man nach dem erfolgreich herbeigeführten Stromausfall, der das Verteidigungssystem außer Kraft setzten soll, Dialoge wie diesen lesen muss: „Was ist geschehen“ fragte eine weibliche Stimme aus der Dunkelheit. „Wir verlassen die Stadt! widerholte [sic!] Jane. „Kann ich mitkommen?“ „Jetzt?“ fragte Gaul. „ohne jede Frage? Ohne je wieder zurückkehren zu können?“ Kurzes Schweigen. Dann: „Ja“ „Gut, Sie sind dabei. Weiter!“ Spätestens angesichts der in der Dunkelheit hereinbrechenden Unruhen stellt sich die Frage, ob nicht eigentlich näher als eine Flucht ein völliger Umsturz des höchst instabil wirkenden Systems  läge. Mason jedoch stellt sich diese Frage nicht. Er will einen Abenteuerroman erzählen, mit  aufregender Flucht und gefährlichen Verfolgern und starken Männern und  verführerischen (und schwachen) Frauen, die gemeinsam in den Westen – Entschuldigung: die Wildnis – ziehen, um dort eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Brünstige Atmosphäre

Angesichts der technischen und personellen Unzulänglichkeiten des angeblich so perfekten Systems durchzieht die Stadt unter Glas trotz des  von Mason eingeführten Überwachungs- und Repressionsinstrumentariums auch nicht jene bedrohliche Atmosphäre, die man an anderen Dystopien zu schätzen gelernt hat. Dagegen spricht auch schon die Anlage des Helden selbst.  Aber auch nach der erfolgreichen Flucht der Gruppe will sich so recht keine Atmosphäre einstellen. Man muss kein ausgesprochener Freund von umfangreichen Landschaftsbeschreibungen sein, um deren Fehlen bei Mason negativ zu bemerken. Sein männlicher Protagonist hat nach dem ersten Schritt in die Freiheit überhaupt keine Augen für die Umgebung: Im hellen Tageslicht wirkte Goda Hurst nicht ganz so groß wie Jane. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das glatt zurückgekämmt war, graue Augen, eine kleine Nase und volle Lippen, die infolge der Anstrengung des Tragens ein wenig geöffnet waren. Aber auch Godas Reaktion kann nicht überzeugen: Sie war völlig still geworden, als sie erst einmal draußen war. Der echte Himmel beeindruckte sie und war so ganz anders, als sie ihn sich ausgemalt hatte. Die riesige Kuppel der Stadt schien ein Modell der Unendlichkeit zu sein. Und das war es dann auch schon. Dass die Damen kurze Zeit später damit beginnen, Puder aufzulegen, zeigt zwar, dass sie über ausgesprochene Instinkte verfügen, wirkt aber angesichts der Situation eher grotesk. Und das mit Sicherheit auch schon in den 60er Jahren.

Lieblose Hetzjagd

Die sich anschließende Flucht macht den wenig anspruchsvollen Rest des Werkes aus. Und natürlich werden die Abtrünnigen von den Marionetten des Systems verfolgt. Dabei kommt in rasender Schnelle zu diversen heiklen Situationen, die die Geschichte aber insgesamt nicht spannender machen – weil sie lustlos heruntergeschrieben erscheint. Dabei überraschen nicht nur die für ihr Alter überraschend gut erhalten geblieben Ruinen der Vorfahren, sondern auch die „intelligenten“ neuen Bewohner der Oberfläche: Haarsträubenderweise haben sich die Menschen anscheindend wieder zum homo habilis zurückentwickelt. Zwar gerät der Held in diesem Abschnitt hin und wieder in Bedrängnis, das ändert jedoch nichts daran, dass die Flüchtlinge die Situation mit überraschender Ruhe meistern. So wird während eines an Jule Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde gemahnenden Aufstieges aus einer unterirdischen Anlage erst einmal munter gespachtelt. Später werden die Mahlzeiten übrigens wieder von den glücklichen Damen der Gruppe zubereitet, denn das natürliche Rollenverhalten – so wie Mason es versteht – stellt sich sofort wieder ein.

Fazit

Mason wollte nicht nur eine Dystopie schreiben, er wollte dazu einen postapokalyptischen Abenteuerroman verfassen. Das Ergebnis ist an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Die Lektüre macht wirklich keinen Spaß, auch wenn das Werk den mit Abstand blödesten Namen einer Hauptfigur aufweist, der mir bisher begegnet ist und für die GenderForschung hinsichtlich des hier präsentierten Rollenverständnisses interessant sein könnte. Wer das Ganze unverständlicherweise tatsächlich noch mal auf LSD mit blauen Schlümpfen erleben möchte, der greife zu Feuerblumen von Dieter König. Aber auch davon rate ich ab.

Gottfried Meinhold: Sein und Bleiben

1983: Ein DDR-Schriftsteller verspricht vor Publikum in Prag ein Buch über die Folgen des drohenden Atomkrieges zu verfassen. So wirklichkeitsnah wie möglich soll es sein, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse widerspiegeln und den Schrecken wahrhaftig im ganze Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung zeigen – jenseits jener Abenteuergeschichten und Robinsonaden, die das Genre zwar beherrschen, aber das Thema selbst nur trivialisieren. So, als gäbe es tatsächlich ein Danach. Jahre seines Lebens soll Burk dieses Vorhaben kosten, seine Lebensfreude, seine psychische und körperliche Gesundheit – und beinahe seine Ehe. Denn geradezu manisch verfolgt der Protagonist das politische Geschehen der folgenden Monate und Jahre als dunkle Vorzeichen eines drohenden Unterganges. Zwar leidet er selbst unter der Fixierung auf sein Werk, das zwei mal nicht gelingen will, weil es nicht gelingen kann – die Kraft, sein Scheitern einzugestehen, bringt er jedoch nicht auf. Erst als er beschließt sein Scheitern zum Mittelpunkt einer Erzählung über das Leben mit der Furcht zu machen, beginnt er langsam zu genesen – obwohl es längst zu spät sein könnte.

Sicher: Das 1989 in der DDR erschienene Buch Sein und Bleiben von Gottfried Meinhold ist keine Dystopie. Auch ein Katastrophenroman oder ein Endzeitszenario ist das Werk nicht.  Es ist viel mehr: Sein und Bleiben ist ein Roman über das Schreiben von postapokalyptischer Literatur im Angesicht der nuklearen Bedrohung, über die Denkbarkeit des Undenkbaren und die Möglichkeiten seiner literarischen Beschreibung.  Dieses aus Sicht der DDR-Ideologen defätistische Werk thematisiert zudem die spätestens seit Beginn der 80er Jahre auch  in der DDR zunehmend wahrgenommene – allerdings in der Öffentlichkeit durch Zensur ausgeblendete –  Umweltzerstörung.  Dabei ist der Text des emeritierten Professors aus Jena kein optimistische Werk, das vom Glauben an den Fortschritt  zeugt, sondern eines voller Sorge, voller Furcht und Angst im Schatten des beschleunigten Rüstungswettlaufes, des NATO-Doppelbeschlusses und der Stationierung von Pershing 2 und SS-20 Raketen diesseits und jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Ein verdienstvolles Zeugnis aus der letzten und kältesten Phase des Kalten Krieges, das zuletzt dennoch aufgrund von Glasnost und Perestroika mit der vagen Hoffnung auf Davonkommen, wenigstens vor einem plötzlichen Ende, schließt.

Die Unerträglichkeit des Kreiselns

Wie so oft in der neuen Innerlichkeit der Literatur der siebziger und achtziger Jahre verschwimmen im Werk die Grenzen zwischen der Figur des Ich-Erzählers und der Person des Autors. So thematisiert der Roman in der vorliegenden Form nicht nur die Ablehnung eines ersten Entwurfes durch den Verlag, sondern autopoetisch die Genese des Entschlusses Sein und Bleiben zu verfassen. Durch ein solches Verfahren muss die Literarisierung von Denkprozessen des Autors nicht unbedingt scheitern – aber das Werk läuft Gefahr zum Forum von Befindlichkeiten zu verkommen. Die Sensibilität, mit der Meinhold zudem seine Figuren ausstattet, selbst wenn man die manische Besessenheit des Protagonisten berücksichtigt, ist nur schwer erträglich. Ein starkes Gewitter könnte, so hat man manchmal das Gefühl, wie bei Werther in Strömen Tränen fließen lassen.  Die manische Fixierung Burks auf den Untergang der Menscheit macht dieses insgesamt nicht glaubwürdiger und lässt den Roman  zudem unter Zurücknahme der äußeren Handlung zu einer kreiselnden Reflexionsbewegung werden, die zwar viele Facetten des Themas ‘Selbstvernichtung des Menschen’ zu beleuchten vermag, allerdings auch mit ermüdenden Redundanzen aufwartet.

Berechtigte wie unberechtigte Kritik

Man muss Karsten Kruschel zustimmen, wenn er in seiner Besprechung von Sein und Bleiben festhält, dass das von Burk geschaffene Werk als Buch im Buch […] zu den packendsten Stellen des Romans [gehört]. Eine hoffnungslose Untergangsvision, die den Fehler von Nevil ShuteOn the Beach, das allgemeine Sterben mit traditionellen Mittel zu ästhetisieren zwar nicht wiederholt, trotzdem aber auf bekannte Muster abenteuerlichen Erzählens setzt. Zudem entströmt ihr in der Schilderung des  vielfachen Siechtums von Bäumen, höheren Lebewesen, dem Zusammenbruch der ökologischen Kreisläufe und er herannahenden Strahlung eine Hoffnungslosigkeit, die den geschockten Leser passiv seinem Untergang entgegen sehen lässt.  Meinhold verdeutlicht so gekonnt die Unmöglichkeit eines angemessenen literarischen Sprechens vom Untergang. Die Alternative, die der Protagonist wählt, indem er fiktive Augenzeugen- und Leidensberichte der zukünftigen Opfer collagenhaft zusammenstellt, degradiert den Autor zum Medium jener Stimmen, die zu ihm sprechen, und stellt somit keinen Ausweg aus dem literarischen Dilemma dar. Dass Meinhold ausgerechnet den Roman Malevil von Robert Merle als Anlass nimmt, Burk nach Alternativen des Erzählens suchen zu lassen, erscheint ungerecht. Merle will weniger das Leben nach einem Atomkrieg schilden, denn gruppendynamische Prozesse untersuchen. Malevil ist eine psychologische Fallstudie, aber kein Abenteuerroman, der die Nachgeschichte des Unterganges als Sujet missbraucht und so den Atomkrieg bagatellisiert – wenn man Burk auch Recht geben kann, dass es derer viel zu viele gibt (Beispiele hierfür sind z.B: Macauleys Dunkel kommt die Zukunft oder Hans Wörners Wir fanden Menschen).

Fazit

Mir sagt der Roman Sein und Bleiben wenig zu. So anspruchsvoll und ehrenhaft die Aufgabe ist, derer sich Gottfried Meinhold angenommen hat, vielleicht wäre die Form des Essays oder der Autobiografie (?) sinnvoller gewesen. Wer den 278-Seiten-Roman lesen möchte, sollte genügend reflexive Kondition und Empathie für die Figuren mitbringen. Mir mangelte daran jedoch.

Jules Verne: Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889

Die Menschen des 29. Jahrhunderts leben wie in einem Märchenland, ohne es zu merken oder sich groß darüber zu wundern […] lässt Jules Verne den Erzähler seiner 1889 erstmals erschienen Erzählung Ein Tag im Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahre 2889 konstatieren – nur um uns dann eine Welt vorzuführen, in der die technischen Möglichkeiten zwar geradezu phantastisch wirken, ihre Einrichtung selbst uns jedoch wenig wünschenswert erscheinen kann. Und so klingen, während wir den amerikanischen Multimilliardär und Zeitungsverleger Francis Benett einen Alltag lang begleiten dürfen, in der Selbstverständlichkeit, mit der hier von der Machtfülle des Protagonisten wie von den technischen Errungenschaften gesprochen wird, deutliche Warnungen an.

Über die ersten unglaublichen 30 Milliarden US-Dollar des Benett’schen Vermögens berichtet uns der auktoriale Erzähler genauso begeistert wie von der Einführung des Telefons als neues Vertriebsmedium, welches letztendlich den  Grundstein für  den überwältigenden Erfolg des Medienmoguls gelegt hat. Drei Kilometer messe jede der vier Fronten des Palastes jenes Schattenherrschers, zu dem Repräsentanten, Minister und Politiker aller Länder pilgerten, um seine Meinung oder Hilfe zu erfahren. Und die Bestürzung der Leser antizipierend wiegelt er ab: Schauerlich? Nein, warum? Er, der weltberühmte Francis Benett, fördert wissenschaftliche Projekte, er finanziert Künstler, er subventioniert die Erfinder. Dieser Mann, der die Medien als Personifikation der modernen vierten Gewalt  genauso kontrolliert wie er als Wirtschaftsmagnat mächtig ist,  ist in Vernes Vision also das Machtzentrum in Centropolis, der Hauptstadt der 72 Bundesstaaten umfassenden allmächtigen U.S.A., die selbst Großbritannien als Kolonie besitzen – und über deren  aller Schicksal nur Francis Benett allein entscheidet.

Wer über so viel Macht als Wirtschaftsboss und Einfluss als mächtiger Herausgeber verfügt, dass er praktisch alleine die politischen Geschicke der Welt gestaltet, der ist erfahrungsgemäß natürlich auch der beste Kritiker seiner ihm treu unter- bzw. ergebenen Künstler. Und diese leihen ihm selbstverständlich gerne aufmerksam ihr Ohr, wenn er duch jene Halle  des Earth Herald schreitet, in der 100 Literaten 100 Zuhörern über Telefon aus 100 Romanen vorlesen: Mr. John Last, ich bin sehr unzufrieden. Ihr Roman ist nicht erlebt. Sie rasen aufs Thema zu und erreichen das Ziel viel zu schnell! Wo bleibt da die Dokumentation? […] Machen Sie es wie ihr Kollege, den ich eben gelobt habe. Lassen Sie sich hypnotisieren…Was!?!… Das tun Sie bereits? Dann eben nicht gründlich genug!

Was wäre aber das Bild des erfolgreichen Herausgebers, Politikers und Wirtschaftführers  wenn  uns dieser selbst und der [die Vermutung liegt jetzt durchaus nahe: in seinen Diensten stehende] Erzähler nicht auch einen Einblick gewähren würden, welche Sorgen und Nöte den Menschen Benett plagen. Und wie persönlich, ja geradezu intim ist es, dass wir erleben dürfen, wie er sich nach der Gegenwart seiner Frau sehnt, von der er das erste Mal länger als zwei Tage getrennt ist, weil sie in Paris die neuesten Hüte der Saison ersteht. Und wie rührend er sich freut, als er erfährt, dass sie mithilfe der Untergrundbahn aus Frankeich in noch nicht einmal drei Stunden wieder im Palaste in Centropolis eintreffen wird.

Aber trotz des (teilweise ironisch wirkenden) Lobgesanges des Erzählers auf die auf 68 Jahre ausgeweitete durchschnittliche Lebenserwartung der Bürger, auf das elektronische Rechengerät, das Benett dazu dient, seine Tageseinkünfte in kürzester Zeit addieren können, und auf das praktische Bildtelefon, mit dem dieser mit seiner Frau über den Ozean hinweg kommuniziert, wird der Leser irgendwie den Eindruck nicht los, dass in einer Welt, in der nicht nur auf Befehl eines einzigen Mannes Wolken an den leuchtend blauen Himmel gezaubert werden sollen, sondern auch elektrische Entladungen von 100-km-Geschossen Armeen hinwegfegen und mit Viren und Bakterien beladene Projektile den Gegner durch Krankheiten vernichten können, irgendetwas nicht stimmen kann. Und darin liegt wohl auch die Botschaft dieser Warnutopie: Dass durch die verhängnisvollen Mechanismen der Ökonomie technische Neuerungen auch dazu führen könnten, dass an einem einzigen Punkt so viel Macht akkumuliert wird, dass auch das demokratische System nur noch eine Maske ist, hinter der ein (?) Autokrat kritikfrei sein Unwesen treiben kann.

Beispiele gab es genug.

Fazit

Es ist mir nicht gelungen, sämtliche bemerkenswerten technischen Voraussagen und  Inhalte der in meiner Ausgabe nur 25 Seiten umfassende Erzählung hier anzuführen (Deutschland existiert beispielsweise nicht mehr). Dazu ist das Tempo der höchst unterhaltsamen und über weite Strecken wirklich humorvoll geschriebenen Geschichte viel zu hoch. Wer eine halbe Stunde erübrigen kann, der sollte diese im Gewande einer positiven Utopie daherkommende Schreckensvision unbedingt einmal lesen – und wer zudem noch mehr wissen möchte, der kann auf André Fehrmanns umfangreicher Seite Collection Jules Verne viele weitere Informationen – vor allem hinsichtlich der technischen Visionen – zu dieser Erzählung finden.

J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse 1

Der Einstieg in ein neues Genre will sorgfältig geplant sein. Und so hatte ich mich für meine eine erste Annäherung an die Zombieapokalypse für das insgesamt gut rezensierte  Tagebuch der Apokalypse von J. L. Bourne aus dem Jahr 2009 entschieden. Und als mir dieses nun gestern zufällig begegnete, habe ich es kurzentschlossen mit nach Hause genommen und  es „angelesen“. Das ist mir aber tüchtig misslungen – ich habe das Tagebuch des namenlosen Erzählers in einem Rutsch gelesen. Wie kam das?

Der Roman setzt mit dem 1. Januar und dem Vorsatz eines us-amerikanischen Marinefliegers, ein Tagebuch zu führen, ein. Und diesen Vorsatz für das neue Jahr muss man einfach als wirklich sehr guten Einfall bezeichnen, denn  sonst besäßen wird diese Aufzeichnungen über die sich von China ausbreitende Seuche und ihre entsetzlichen Folgen für die U.S.A. gar nicht. Obwohl der Ich-Erzähler insgesamt nicht gerade hochintelligent wirkt – was sich übrigens auch am sprachlichen Stil des Werkes zeigt – beweist er jedoch eine überraschende Menge Instinkt, als er nach den ersten Meldungen über rätselhafte Krankheitsfälle in den Vereinigten Staaten beginnt, sich mit dem Nötigsten einzudecken und sein Haus in eine kleine Festung zu verwandeln: Bei einem schnellen Spaziergang ums Grundstück habe ich gesehen, dass die Steinmauer nicht mal annähernd hoch genug ist. Jeder sportliche Kerl könnte sie überspringen. Ich habe ein paar Flaschen […] zerschlagen und die Scherben mit Hilfe von Zementbinder auf die Mauer geklebt. Das macht die Kletterei zumindest schwieriger. Bei der Arbeit hatte ich über Kopfhörer Radio gehört. Jetzt, wo ich mehr weiß als vorher, erkenne ich nur eins: Die Lage verschlimmert sich…

Als dann deutlich wird, dass die vom Virus Befallenen sich in Untote oder besser: Zombies verwandeln, und die Lage innerhalb weniger Tage außer Kontrolle gerät, scheint wenigstens der Protagonist gut vorbereitet. Doch die Armeen von Untoten, die sein Haus und das seines Nachbarn John belagern, lassen sich nicht lange aufhalten, so dass die beiden sich angesichts der Ankündigung der Regierung, die Großstädte mit Kernwaffen  auszulöschen, zur gemeinsamen Flucht durch ein Land entschließen, das von Zombies, die auf jedes noch so kleinste Lebenszeichen reagieren, bevölkert ist. So müssen sich die beiden nicht nur häufig den Weg freischießen, sondern auch für genügend Nachschub an Munition, Waffen  und Verbandszeug aus dem Wal-Mart sorgen, was nicht wenig an einschlägige Computerspiele erinnert. Nebenbei lernt der Leser nicht nur eine Menge über Survival-Taktiken und erfolgreiche Mann-gegen-Mann-Strategien im Häuserkampf, sondern auch über Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenstände der US-Streitkräfte.

Während viele Zombiefilme in Gewaltexessen schwelgen, ist dieses bei Bourne nicht der Fall. Auch dank der wenig ausgeprägten sprachlichen Fähigkeiten des Ich-Erzählers bleibt es insgesamt bei kurzen Beschreibungen: Sein Gehirn sah aus wie ein blauer Blumenkohl. Dann geht es munter zur nächsten Herausforderung. Spätestens nach 3 Wochen berichtet der Tagebuchschreiber, der die Untoten immer weniger als ehemalige Mitmenschen sehen kann, dann nur noch sachlich und nüchtern: Ich erschoss die Dinger und ging John beim Beladen zur Hand. Dabei weiß der Leser natürlich schon längst, dass nur Kopfschüsse die wandelnden Untoten auf dem Flugplatzgelände niedergestreckt haben können. So kommt es trotz wiederkehrenden Kampfszenen nicht zu redundanten Beschreibungen oder inhaltlicher Monotonie – gerade weil der Autor nicht das blutriefende Massaker in den Mittelpunkte stellt. Dagegen spricht auch die Anlage als Tagebuch, eine seitenlange Beschreibung würde hier eher unglaubwürdig wirken.

Zum Eindruck, dass es sich bei dem abgedruckten Dokument um das persönliche Protokoll einer abenteuerlichen Odysee durch das postapokalyptische Amerika handelt, tragen auch die in handschriftlicher Form reproduzierten Einträge, Unterstreichungen und nicht zuletzt sogar die deutlichen Ringe von Kaffeetassen bei. Dabei wird auch (nicht ohne humoristischen Unterton) deutlich, welche Prioritäten der immer souveränder agierende Protagonist setzt. Über die medizinische Versorgung durch eine von ihm in heldenhaften Einsatz Gerettete berichtet er beispielsweise: Sie [die Frau] öffnete sie [die Wunde] abrupt, reinigte sie gründlich und nähte mit schmerzhaften Stichen. Ich habe nicht gemeutert. Ich nahm einfach ein paar kräftige Schlucke Captain Morgan aus Captains Bakers Besitz, um den Schmerz zu lindern. Mit der wachsenden Zahl von Überlebenden wächst so auch die Verantwortung, die der Held als erfahrener Soldat und  doch recht tougher Überlebensexperte zu tragen hat. Damit verändert auch er sich glaubwürdig. Am Ende des Roman sieht er sich jedoch einer neuen Bedrohung gegenüber, die seine Kräfte durchaus übersteigen und das Leben aller seiner Freunde kosten könnte. Ein toller Showdown bahnt sich an.

Fazit

Der einfache Stil, die immer präsente Spannung und die durchaus lustigen Momente machen das Buch wirklich zu einem Pageturner, wobei hier sicher auch mitspielt, dass die Handlung sich nicht durch besonderen Tiefgang auszeichnet. Das Ende ist – nicht zuletzt auch, weil es als Cliffhanger auf eine Fortsetzung angelegt ist – derart spannend, dass ich sofort nach dem Sequel Tagebuch der Apokalypse 2 gesucht habe. Dieses erscheint aber leider erst am 13. Juni 2011. Schade.

Valerij Brjusov: Die Republik des Südkreuzes. Ein Artikel aus der Sondernummer des Nordeuropäischen Abendboten

Die erste Dystopie des 20. Jahrhunderts

Der russische Schriftsteller Valerij Brjusov, der vornehmlich für seine Gedichte und als Führer der Bewegung der russischen Symbolisten bekannt ist, veröffentliche 1905 eine nur 30 Seiten umfassende und – nicht nur mit Blick auf den Titel – ganz eigentümliche Dystopie: Die Republik des Südkreuzes. Ein Artikel aus der Sondernummer des Nordeuropäischen Abendboten. Und wer schon einmal symbolistische Texte gelesen hat, der weiß: Die Dechiffrierung der Aussage wird nicht ganz leicht.

Wie der Titel schon nahelegt, geriert sich der Text in dem für Brjussows typischen sachlichen und neutralen Stil als Zeitungsartikel, der anstrebt, den Leser über jene verheerende Katastrophe aufzuklären, welche die Republik des Südkreuzes in Form einer Seuche getroffen hat. Und obwohl der Erzähler die Republik des Südkreuzes als bekannt voraussetzt, erläutert er zu Beginn nicht nur noch einmal die Entstehungsgeschichte sondern auch den Aufbau dieses scheinbar so idealen kommunistisch wirkenden Staates: Die Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der Arbeiter war nicht nur mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgetattet, sondern sogar luxuriös […] Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine geringe. Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um den Gottesdienst aller Religionen kümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller Wünsche ganz sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten jedoch keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik gedient hatten…erhielten eine reiche lebenslängliche Pension. Zudem wählen die Arbeiter eine Volksvertretung, die über die Gesetze, nicht aber über die Verfassung des Staates entscheidet.

In seiner Anlage als Raum- und Zeitutopie weist sich der frühe Text des Genres gleichsam als  ein ungewöhnlicher Zwitter aus. Nicht nur die für das utopische Genre untypische Verortung des  Staates am höchst ungemütlichen Südpol weist darauf hin, dass wir es hier nicht mit einer idealen Republik zu tun haben. Die  zusätzliche Einführung einer zeitlichen Dimension in der Tradition Merciers durch die retrospektive Anlage von Die Republik des Südkreuzes stellt verstärkt jene mahnenden und warnenden Momente  des Werkes aus, die in der reinen Präsentation eines nur alternativ gedachten zeitgenössischen Gesellschaftsentwurfes verloren gehen könnten. Der Auffassung, dass diese Anlage vornehmlich dazu dient, das utopische Gedankenexperiment als Traum zu kennzeichnen, kann ich mich nicht anschließen, da Hinweise hierfür über die schon genannten hinaus fehlen –  zumal hier die meiner Ansicht nach doch deutliche Referenzen des Textes auf die Forderungen der linksradikalen Revolutionäre des Jahres 1905 feststellbar sind [Für die Interpretation als Traum siehe: Kindlers Literaturlexikon]

Denn der von allen anderen Ländern geografisch isolierte Staat weist deutliche totalitäre Merkmale auf: Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert […] Alle erhielten die gleiche Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war unverkäuflich und immer zehn Jahre von der gleichen Art. Nach einer bestimmten Stunde, die ein Signal vom Rathause her ankündigte, war es nicht gestattet, aus dem Hause zu gehen. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. Zudem dürfen die als verdiente Rentiers in der exemplarisch beschriebenen Hauptstadt der Republik Sternenstadt lebenden Einwohner das Land bei Verlust der Pension nicht verlassen. Hinter der kommunistischen Fassade regieren die Fabrikdirektoren in Fom eines Rates, der in der Eiswüste Milliardengewinne erwirtschaftet. Brussjov entwirft ein polares totalitäres Gefängnis unter einer Diktatur, von deren Wohltätigkeit die in ihren Bedürfnissen zufrieden gestellte Bevölkerung jedoch so überzeugt ist, dass die Setzer sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Das erinnert weniger an die  Herrschaftsmittel des Großen Bruders aus Orwells 1984 denn an die meiner Ansicht nach viel pessimistischere Vision Huxleys in Brave New World, aus der es kein Entkommen gibtallerdings wird hier auch angedeutet, dass durchaus kritische Meinungen existieren.

Wie in Huxleys Brave New World scheitert die Republik des Südkreuzes nicht – jedoch bricht über letztere eine Katastrophe in Form einer höchst eigenartigen, nach ihren Symptomen benannten Krankheit herein, gegen welche es kein Mittel gibt: mania contradicens. Die an der rätselhaften Seuche Erkrankten treten  zu sich selbst und ihren Handlungen in Widerspruch. So spielen Geiger entsetzlich schief, Schaffner zahlen Geld aus, Ärzte verschreiben tödliche Mittel und Ammen schneiden Kleinkindern die Kehle durch. Im ausbrechenden Chaos wird vom Rat Horace Divile in die Hauptstadt entsandt, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Anhand seiner Telegramme  und der Berichte der später eintreffenden Aufräumkommandos rekonstruiert der Erzähler akribisch die letzen Tage in der Sternenstadt, an deren Ende der Sturm der  erkrankten Bevölkerung auf das Rathaus gestanden haben muss.

So witzig die höchst skurrile Krankheit, die Brjusov da entworfen hat, auch zuerst wirken mag – ihre Folgen werden in äußerst eindringlicher Form geschildert. In der Dunkelheit der Sternenstadt türmen sich die Leichen von Männern, Frauen und Kindern. In der nach Ausfall der Elektrizität hereingebrochenen Dunkelheit liegen Vergewaltigte, Verhungerte, Ermordete und Wahnsinnige. Der Autor, der womöglich auch noch den Blutsonntag von St. Petersburg (9. Januar 1905) und vielleicht auch die vom Zaren Nikolaus II. oktroyierte scheinkonstitutionelle Verfassung (Max Weber) vor Augen hat, scherzt nicht. In dem nicht austilgbaren Widerspruch zwischen der anarchischen und auch irrational individualistischen Wesenszüge des Menschen und der zwangsläufig totalitären Verfassung des ideal gedachten Staates liegt nach dem Symbolisten Brjusov das Verderben, dem auch der schon im Ansatz gescheiterte – weil von den alten Kräften immer noch beherrschte – Staat der Arbeiter anheimfallen  könnte. Und gegen dieses chaotische Element des Menschen können zuletzt auch nicht einmal mehr die Bajonette der Staatsgewalten helfen – selbst wenn es bei ihm  der Republik des Südkreuzes zuletzt wieder gelingt, die Geisterstadt am Pol in Besitz zu nehmen. Und das vielleicht immer wieder.

Fazit

Wie viele symbolistische Texte sperrt sich Die Republik des Südkreuzes gegen eine einfache Auslegung, indem hier durch textinterne Referenzen (und meiner Meinung nach auch außertextuelle Bezüge) Mehrdeutigkeiten erzeugt werden. So anspruchslos der doch recht kurze Text daherkommen mag – er hat es in sich. Obwohl er in seiner Anlage interessant und in seiner Gestaltung durchaus kurzweilig ist – unbedingt gelesen haben muss man ihn aber mit Sicherheit nicht.

E.M.Forster: Die Maschine bleibt stehen

1909 veröffentlichte der britische Schriftsteller Edward Morgan Forster eine Erzählung, die  – obwohl sie im englischen Orginal nur 12300 Wörter umfasst – zu den wichtigsten Werken des Science Fiction gehört. The Machine stops wurde noch 1965 zu einer der besten Erzählungen aus diesem Genre gewählt und von Ben Bova 1973 in den zweiten Band seiner Anthologie Science Fiction Hall of Fame aufgenommen. Und obwohl beinahe vier weitere Jahrzehnte verstrichen sind, hat man den Eindruck, das Werk würde beständig an Bedeutung und Aktualität gewinnen.

Der Inhalt in Kürze

Im Zentrum der Handlung stehen die Wissenschaftlerin Vashti und ihr Sohn Kuno, welche wie der Rest der Menscheit in unterirdischen Städten leben. Da die Menschen ihre kleinen Wohnzellen nicht mehr verlassen und Kontakt nur über „Bildtelefon“ halten, sehen sich die beiden, die gleich nach der Geburt durch den von einer Maschine geleiteten Staat voneinander getrennt wurden, so gut wie nie. Nur knapp gelingt es Vashti aufgrund ihrer Ängste der Aufforderung Kunos, ihn zu besuchen, nachzukommen. Nach einer stark belastenden Reise mit einem Luftschiff trifft sie Kuno kurz im ehemaligen England. Dieser erzählt ihr daraufhin, dass er verurteilt worden sei, die unterirdische Stadt endgültig zu verlassen und  für immer an die Oberfläche zu gehen – was nach einhelliger Meinung seinen Tod bedeuten würde, da die Atmosphäre giftig ist. Vashti, welche den Grund für die Strafe erfahren will, erschauert angesichts der Abenteuer ihres Sohnes, dem es nach langer Planung gelungen ist, für kurze Zeit an die Oberfläche zu gelangen – was jedoch ein Vergehen gegen die Maschine darstellt. Verständnislos wendet sie sich von ihm ab.

Als Vashti Jahre später erneut einen „Anruf“ vom für tot gehaltenen Kuno erhält, glaubt sie dessen Warnungen, dass die Maschine bald versagen würde, nicht. Doch langsam beginnen in den nächsten Monaten Fehlfunktionen darauf hinzuweisen, dass die Welt, in der Vashti lebt, einem Ende engegensieht. Die Abhängigkeit der Menschen von der nun teilweise schon mit religösen Zeremonien bedachten Maschine und der Systeme, die in ihrem Ablauf nicht mehr verstanden werden, ist so groß, dass der Ausfall der Luftversorgung allen verzweifelten Anpassungsversuchen an die zunehmend widrigen Lebensbedingungen ein Ende bereitet. Nachdem Vashti in Dunkelheit ihre Zelle verlassen muss, erstickt sie mit Kuno, der zu ihr gekommen ist, wie alle anderen Bewohner der unterirdischen Städte in den Tunneln. Zuvor offenbart ihr Kuno jedoch, dass die Annahme, dass keine Menschen mehr auf der Oberfläche leben würden, falsch sei – er habe sie bei seinem Ausbruchsversuch an die Oberfläche mit eigenen Augen gesehen – die Menschheit existiere weiter.

Der Mensch als Monade

Vieles von dem, was Forster uns hier präsentiert, kommt irgendwie in Ansätzen bekannt vor. Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, die Schwierigkeiten haben, unter Menschen zu gehen, die ihre Kontakte nur noch computervermittelt pflegen  können (bei Forster gilt dieses sogar für die Mutter-Kind-Beziehung), die sich der realen Welt entfremdet haben und diese fast nur  medial präsentiert aus zweiter Hand kennen. Man braucht nicht unbedingt auf die Probleme der japanischen Gesellschaft mit den hunderttausenden von Hikikomori zu verweisen, die im elterlichen Haus lebend eine besonders extreme Form des modernen Cocooning betreiben, wie es in Jonathan Harris Film Hikikomori eindringlich dargestellt wird. Auch in unserer Gesellschaft kann man eine zunehmende Zahl Betroffener ausmachen, die unter Internetsucht, Sozialphobie oder sozialer Vereinsamung leiden – wodurch die reale Welt auf den Kosmos ihrer Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnung schrumpft. Forster war  hier mit der Vision von menschlichen Monaden seiner Zeit um gut 100 Jahre voraus – vielleicht war sie nie aktueller als heute.

Da die Menschen ihrer Umwelt weitgehend entfremdet sind, versuchen sie, die Leere, die sich aus der Abwesenheit von anderen Menschen ergibt, damit zu füllen, dass sie über elektronische Textnachrichten und Bildtelefonie miteinander kommunizieren. Als das System sie  nicht mehr miteinander verbinden kann und endlich einmal Stille im Raum einkehrt, bricht Vashti angesichts der Einsamkeit beinahe in Panik aus. Damit antizipiert Forster nicht nur erschreckenden Ergebnisse psychologischer Test mit Studenten, die nicht mehr auf ihre sozialen Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ zurückgreifen konnten, sondern en passent auch gleich die grundlegenden technischen Entwicklungen, auf denen diese basieren. Auch hier zeigt sich The Machine stops auf der Höhe der Zeit.

Der Gott der Technik

In the dawn of the world our weakly must be exposed on Mount Taygetus, in its twilight our strong will suffer euthanasia, that the Machine may progress, that the Machine may progress, that the Machine may progress eternally.

In Forsters Erzählung überlassen sich die Menschen aufgrund ihrer Bequemlichkeit vertrauensvoll Der Maschine und beginnen zum Schluss sogar, diese mit religiösen Attributen zu versehen. Andersdenkende, Nicht-Angepasste werden beseitigt. Damit stellt sich der Autor nicht nur der Technikgläubigkeit seiner Zeit entgegen, sondern widerspricht energisch auch den klassischen utopischen Erwartungen, dass aufgrund des Industrialisierungsprozesses und der damit einhergehenden Vergrößerung der Produktionsmittel ein Paradies geschaffen werden könne, das den Menschen von der  ihn sich selbst entfremdenden Arbeit befreien könne, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen ideal gestaltet würden. Der in utopischen Entwürfen so häufig geäußerte Ansicht, dass dann der Mensch sich endlich intellektuell und künstlerisch entfaltet könnte, begegnet Forster mit der Vision von Millionen nur noch aus zweiter Hand lebender Menschen, die verzweifelt in ihren wabenähnlichen Zimmern nach Ideen suchen, aber nicht mehr in der Lage sind, den Aufbau eines Geräts zu verstehen, geschweige denn, den drohenden Untergang ihrer Gesellschaft zu verhindern, als das Reparatursystem streikt.

Fazit

Für mich war die hochaktuelle Erzählung The Machine stops aus den Anfängen des dystopischen Genres wirklich ein Erlebnis. Ich kann nur jedem Interessierten ans Herz legen, sie zu lesen. Im Internet ist übrigens Forsters Werk im englischen Orginal kostenlos zu lesen.