Hiltrud Gnüg: Utopie und utopischer Roman

In ihrer 1999 beim Reclam Verlag in Stuttgart erschienenen Darstellung Utopie und utopischer Roman gelingt es Hiltrud Gnüg, die an der Universität Bonn unterrichtet hat, einen Überblick über die Geschichte  utopischer Staatsentwürfe und ihre Umsetzung in der Literatur anhand der wichtigsten Beispiele zu vermitteln. Mit Platons auch für die modernen Dystopien wichtigen Schrift Politeia einsetzend, betrachtet sie chronologisch voranschreitend Morus\‘ Utopia, Rabelais\‘ Gargantua und Pantagruel, Campanellas La Città del Sole sowie Bacons Nova Atlantis. Bei der Betrachtung des 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert sie sich auf die höchst interessanten Planteten-Utopien, in denen die Autoren in satirischer Weise Negativaspekte der eigenen Gesellschaft in den Weltraum verlegen. In diesem Zusammenhang behandelt sie auch den unvermeidlichen Roman  Travels into Several Remote Nations of the World von Jonathan Swift – was nicht so ganz überzeugen kann, auch wenn dieser ebenso wie die Vorgänger phantastische Elemente aufweist.

Über Johann Gottfried Schnabels Werk Die Insel Felsenburg schlägt sie den Bogen von den vorangehenden Robinsonaden zu den restlichen Utopien des 18. Jahrhunderts. Deutlich arbeitet sie dabei die Revolution heraus, die Louis-Sébastien Merciers Roman Rêve s\’il en fut jamais in seinem Übergang von der Raum zur Zeitutopie darstellt. Diese betrachtet sie dann auch eingehend nach einer kurzen Darstellung der wenigen deutschen Utopien des 18. und 19. Jahrhunderts. Richtigerweise greift sie hierfür auf die zentralen Werke von Edward Bellamy, Looking Backward, und William Morris, News from Nowhere, und sogar auf H.G. Wells The Sleeper awakes und The Time Machine zurück. Dabei weist sie darauf hin, dass schon hier vieles von dem angelegt ist, was später in den negativen Dystopien des 20. Jahrhunders seine Entfaltung finden sollte: Die Gefahr der Enthumanisierung des Menschen durch die technische Entwicklung unter utopischen Vorzeichen. Einer Betrachtung dieser schaltet sie – als Übergang nur auf den ersten Blick nicht ganz so gelungen – eine Darstellung der feministischen Utopien des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor, die sie überwiegend als Warnutopien zu charakterisieren vermag. So geling es Gnüg auch zu zeigen, welche Vorläufer die klassischen Dystopien, welche sie im Anschluss behandelt, haben. Neben den unvermeidlichen Werken von Evgeni Samjatin (Wir), George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Brave New World) ergänzt sie die Betrachtung überraschenderweise durch Alexander Tschajanows Agrarutopie Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie, das sie Samjatins Wir leider sehr kurz gegebüberstellt, und Karen Boyes Warnutopie Kallocain, die man in Übersichtsdarstellungen sonst leider eher seltener findet.

Einer für meine  Geschmack leider viel zu kurz geratenen Übersicht über die Warnuntopien der fünfziger und sechziger Jahre, die sich ausgerechnet hauptsächlich mit dem Werk von Arno Schmidt auseinandersetzt und andere, viel verbreitetere Werke außer acht lässt, fügt diese Neuausgabe der schon 1983 erstmals veröffentlichten Darstellung ein Kapitel über das dystopische Denken der 80er Jahre hinzu, das am wenigsten überzeugen kann. Der additive Charakter ist ihm deutlich anzumerken, zumal sich Gnüg hier nicht auf die epischen Werke, sondern auf Filme und Gedichte konzentriert  – auch wenn Romane am Rande Erwähnung finden, so dass sich das letzte Kapitel der Darstellung unangenehm deutlich von den vorhergehenden abhebt. Es ist mir nicht ganz einsichtig, warum hier dann ausgerechnet auch Christa Wolfs Kassandra ausgiebig Betrachtung findet, während wichtige Werke anderer deutscher Autorinnen und Autoren nicht einmal Erwähnung finden, dafür aber dann auf eine weitere fremdsprachige feministische Dystopie, Margaret Atwoods The Handmaid\’s Tale (Die Geschichte der Magd), ausführlich eingegangen wird. Trotz der wachsenden Bedeutung feministischer Dystopien seit den siebziger Jahren wird dieses Kapitel, finde ich, dem Gegenstand nicht gerecht. So findet die leicht zu eruierende Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der dystopischen Romane der 80er Jahre die atomare Bedrohung zum Gegenstand haben, nur in folgender Weise Erwähnung:  Neben Romanen (auf die vorher mit keinem Wort eingegangen wurde) entstanden auch zahlreiche Gedichte, die die Atomkatastrophe beschworen. Eine Konzentration auf die epischen Werke wäre hier meiner Ansicht nach sinnvoller gewesen.

Fazit

Wer sich über die Entwicklung des Genres der Utopie anhand der charakteristischen Merkmale der wichtigsten Vertreter informieren will, der kann Gnügs Monografie Utopie und utopischer Roman getrost erstehen, zumal sie für wenig Geld (6,10 Euro) zu haben ist. Wer dieses allerdings mit dem Hintergedanken tut, sich einen Überblich auch über die zweite Hälfte des 20 Jahrhunderts zu verschaffen, der sollte eher nach einem anderen Werk Ausschau halten.

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