Dieter König: Feuerblumen

Ich kann schon nicht anders: Ich gehe mit ganz speziellen Vorerwartungen an die Lektüre von gewissen Werken aus dem Heyne Verlag. Denn in den letzten Monaten habe ich eine ganze Reihe davon gelesen – dabei vornehmlich Romane, die in den 80er Jahren entstanden und veröffentlicht worden sind. Darunter waren so fragwürdige Bücher wie das Alterswerk Die weiße Pest von Frank Herbert, die nur sprachlich interessante post-apokalyptische Vision vom Untergang der Stadt Passau von Carl Amery, vor allem literarisch Gruseliges wie Frank Herberts 48und Werke, in denen Autoren ihre Paraphilien ausleben, wie in Coopers Regime der Frauen, die ich gar nicht renzensieren wollte. Und sie alle haben eines gemeinsam: So einfallsreich die Autoren auch sein mögen – literarisch sind die Werke einfach enttäuschend (Amerys vielleicht noch am wenigsten). Persönlich gefallen haben mir nur die Werke von James Graham Ballard (Der Sturm aus dem Nichts und Der Block), wobei auch diese vermutlich im stilistischen Vergleich mit heute erscheinenden durchschnittlichen Romanen nicht sehr gut weg kommen würden. Und nun das:

Wo die Halme endeten, wo ein Streifen unbewachsenen, unbelebten Landes begann, flirrte die undurchdringliche Grenze in der Luft, schnitt der Gruppe den Weg endgültig ab. In der Kopfhöhe, leise zitternd, brachte ein feiner nadeldicker Partikelstrahl die Luft zum Knistern und zum Aufleuchten. Die Partikel der radioaktiven Isotope einer verseuchten Welt, von den Magnetfeldern um den Plasmastrahl in harte Spiralbahnen gezwungen, hauchten ihr tödliches Nordlicht auf den sehr spärlichen Pflanzenwuchs des Todesstreifens. Stumm standen die Tagseher, stumm stand Freitag.

Was uns hier durch die Augen Pierre Freitags mit so vielen (un-)schmückenden Adjektiven von Dieter König in Feuerblumen vorgeführt wird, ist die feindliche Oberfläche unserer Welt, die vor tausend Jahren einen zerstörerischen Atomkrieg über sich ergehen lassen musste, und die der erleichterte Protagonist gerade eben, nach seiner verzweifelten Flucht aus dem unterirdischen Bunker, zusammen mit seinen neuen Kumpeln das erste Mal stumm betrachtet. Immerhin hat sich der damals 37-jährige Autor mit der stilistischen Gestaltung seines Erstlingswerk sichtlich Mühe gegeben, leider schießt er bei der Erschaffung einer ganz schlimm nuklear verseuchten Welt nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich über das Ziel hinaus:

Der erste (ich weise hier schon mal durch ein wohl vergessenes Adjektiv darauf hin: blaue) Zwerg bewegte sich, schwebte wie in Zeitlupe auf die ersten Wurzelfinger zu, tauchte zwischen ihnen unter, so als existiere er nur einen elektronischen Albtraum der Erlebnisebene. Keine Bewegung war hastig; alles geschah ruhig und lautlos. Noch war der erste Tagseher nicht ganz in den Fingern der Fleischfresser untergetaucht, das schwamm der zweite auch schon in das unterkühlte Seufzen und Locken […] Traumhaft langsam sanken die kurzen Körper, tauchten ihre großen, kahlen Schädel zwischen die seufzenden Wurzelfinger.

Auch wenn hier schon durch eine Andeutung auf die beliebteste Freizeitbeschäftigung der eingesperrten Bunkerbewohner – das Reisen in der Erlebnisebene – deutlich gemacht wird, dass der geistig etwas angeschlagene Protagonist das unterirdische Gefängnis gar nicht verlässt und somit alle Gestalten, die ihm auf der Oberfläche begegnen gar nicht gibt: das singende leuchtende Gras, die menschenfressenden Kröten, die blauen Schlümpfe [Verzeihung: Zwerge]die ihm vor der Entdeckung durch seine ehemaligen Herren genauso schützen wie die Atlanter, welche ihn in eine lebende radioaktive Pflanze verwandeln, damit er an vernichtenden Strahlung nicht elendig zugrunde geht – das alles wird auch 1983 schon nach einem ziemlich schlechten und verspäteten LSD-Trip geklungen haben.

So freigiebig der Roman mit bösen Adjektiven und skurrilen Einfällen auch ist, die weitergehende ziemlich schwache Handlung selbst baut letztendlich nur auf einer fixen Idee des pflanzlichen Protagonisten auf: Im Raumflughafen von Mariage arbeiten die Herrscher der Oberwelt an der Vernichtung der Menschheit, warum sonst sollten sie hunderttausende von Tonnen Material in den Orbit befördern? Heldenmütig setzt sich der plötzlich sehr souveräne Freitag zwecks Rettung der mutierten Wesen und der eingesperrten Menschheit der Gefahr aus, durchquert die feindlichen verseuchten Einöden einer verstrahlten Welt, erschlägt Mutanten, wird gefangen, entkommt der Strafarbeit in Radianta und der erneuten Gefangenschaft im Bunker und trotzt selbst der Liebe zu einer Mutantin – um zuletzt im Weltall in allem (also seiner fixen Idee) zu scheitern. Und das – wohlgemerkt – auf den letzten 70 der insgesamt 171 Seiten des Buches; und das trotz der weiterhin umfassenden, wenn auch abnehmenden Verwendung des epitheton ornans, hunderter sprachlicher Vergleiche und technischer Erklärungen.

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