John Christopher: Die Wächter

John Christopher: Die Wächter. Eine Rezension von Rob Randall

Hin und wieder begegnen einem Bücher, die einen nachhaltigen Einfluss auf das eigene Leben haben – sei es, weil sie das Interesse für etwas Neues wecken oder sei es, weil sie unerwartete Gedankenanstöße geben  – und so einen persönlichen bleibenden Wert bekommen. Der Jugendroman Die Wächter aus dem Jahre 1970 von John Christopher hat für mich eine solche Bedeutung: Er ist die erste Dystopie, die ich in meinem Leben gelesen habe. Im Dezember 1988. Vielleicht würde es diesen Blog gar nicht geben, wenn ich zu Weihnachten nicht dieses 1976 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Werk geschenkt bekommen hätte. 

John Christopher, der unter zahlreichen weiteren Pseudonymen (William Godfrey, Hilary Ford, Peter Graaf, Peter Nichols, Anthony Rye, Stanley Winchester) geschrieben hat und mit bürgerlichem Namen eigentlich Christopher Samuel Youd heißt, sollte mich aber auch noch in anderer Weise stark beeinflussen. Erst beim Erstellen meiner Liste dystopischer Romane bemerkte ich überrascht, dass von dem 1922 geborenen Engländer Youd auch die Romantrilogie The Tripods stammt, die 1984 und und 1985 von der BBC als Serie verfilmt wurde und unter dem Titel Die Dreibeinigen Herrscher schon damals Kultstatus in Deutschland erreichte. Wenn es also einen Autoren gibt, der für mein Interesse am dystopische Genre verantwortlich zu machen ist, so ist es Christopher Samuel Youd (auch wenn ich die deutsche Verfilmung des Romans von 1985 damals nicht zu Kenntnis genommen habe).

Die Handlung

Im Zentrum der personal erzählten Handlung steht der Jugendliche und Halbwaise Rob Randall, der im Jahre 2052 in der von den ländlichen Gebieten durch eine Demarkationslinie scheinbar hermetisch abgeschlossenen Conurba London – William Gibson hätte diese zusammengewachsenen Großstädte eher Sprawl genannt – lebt. Nachdem auch sein Vater angeblich bei einem Arbeitsunfall gestorben ist, treffen die Veränderungen Rob Randall hart: Er wird gezwungen, ein Internat zu besuchen, wo er neben dem miserablen Essen auch unter dem dort herrschenden autoritären Regime sowie den gewalttätigen Übergriffen der älteren Mitschüler zu leiden hat. Zu diesem Zeitpunkt entdeckt er anhand alter Briefe, die er von zuhause hat mitnehmen können, dass seine verstorbene Mutter eigentlich aus der Welt jenseits der Mauer stammt, aus dem ländlichen Gebieten, in die vorzudringen den Bewohnern der Conurba verboten ist. Da er im dicht bevölkerten und stark überwachten städtischen Gebiet keine Chance zum Untertauchen sieht, beschließt er, den noch vor ihm liegenden Jahren des Leidens im Internat durch eine Flucht über die Grenze zu entkommen. Nach kurzer Zeit als Landstreicher lernt er den gleichaltrigen Mike kennen, der ihn in einer Höhle im Wald versteckt und für ihn sorgt. Nachdem dessen Mutter Rob jedoch entdeckt hat, wird er unter falschem Namen in die auf einem Gutshof lebende Familie aufgenommen. Nach und nach erlernt Rob die Fähigkeiten, die wichtig sind, um in dieser ländlichen Welt, die einem seiner Romane aus dem späten 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint, unbemerkt leben zu können. Als sich Mike jedoch einer Widerstandsgruppe anzuschließen beginnt, die den bewaffneten Aufstand gegen das subtil die Bevölkerung diesseits und jenseits der Grenze manipulierende System plant, muss sich Rob nach dem genretypischen Gespräch mit dem erst nicht zu identifizierenden Vertreter des Systems entscheiden, auf welcher Seite er steht – und ob er einer der Wächter werden will.

Reminiszenzen

Die Welt, in der Rob und Mike leben, erscheint auf den ersten Blick nicht totalitär. Sowohl die in der Conurba lebenden Arbeiter als auch die in den ländlichen Gebieten wohnenden Gutsherren sind mit ihrer Situation in der überwiegenden Zahl zufrieden – auf den jeweils anderen blicken sie mit Abscheu herab. Die Kontrolle, die die Regierung ausübt, ergibt sich aus der Bereitschaft der Bevölkerung, sich mit den gebotenen Ablenkungen zufrieden zu geben. Insofern erinnert der Charakter der dystopischen Gesellschaft weniger an Orwells 1984 als vielmehr an Fahrenheit 451 – bzw. Chestertons Der Napoleon von Notting Hill. Tatsächlich ist es ein Exemplar des letztgenannten Romanes, das Rob gleich zu Beginn der Handlungen im Aufruhr nach den Spielen – der übrigens ein wenig an die Ausschreitungen heutiger Fußballfans erinnert – verloren geht. Denn Rob ist einer der wenigen Menschen, die überhaupt noch lesen. Auch das erinnert ein wenig an die bekannten großen Romane des Genres – allerdings verzichten die Menschen bei Youd freiwillig auf Bücher und geben sich lieber den vom System instrumentalisierten Vergnügungen hin. Gerade diese Anlage lässt den Roman auch heute noch – nachdem die meisten prätotalitären bzw. totalitären Systeme ins Straucheln gekommen sind – aktuell erscheinen.

Youd arbeitet in diesem Jugendroman gekonnt mit den typischen Motiven des Genres. So stellen die Artefakte der Vergangenheit in Form der mütterlichen Briefe eine Brücke zu einer mutmaßlich besseren Welt der Vergangenheit dar, die hier aber noch in der Gegenwart hinter der Grenze der Conurba zu existieren scheint. Diese Annahme erweist sich letzten Endes aber als trügerisch – auch dieser Teil der Welt ist der Kontrolle der Wächter unterworfen, vielleicht sogar stärker als der der Conurba. Das ist neu. Auch die für Dystopien typisch mit symbolischer Bedeutung aufgeladene Dichotomie von Natur und urbanisierter Welt greift Youd auf. Der Wunsch nach Freiheit – und damit die Rückwendung des Protagonisten in eine vergangene Welt – manifestiert sich auch in der Höhle, in welcher Rob eine zeitlang lebt. Schon die Tatsache, dass er hier von Mikes Mutter so leicht gefunden wird und dass diese seit ihrer Kindheit von dem Versteck weiß, lässt nichts Gutes von der ländlichen Welt, die die Conurba umgibt, erwarten.

Aber noch an ein anderes großartiges Werk erinnert der Roman: In Die Wächter wird die Kontrolle und Wiedereingliederung des rebellischen Individuums auf eine ähnliche Weise bewerkstelligt, wie in Youds Reihe Die Dreibeinigen Herrscher. Und auch hier wird uns eine Welt präsentiert, in der die Zeit zu einem Stillstand gekommen zu sein scheint – denn klassische dystopische Gesellschaften sind gleichsam versteinerte Staaten, in denen jede Veränderung als eine Bedrohung des status quo und damit als Angriff auf das System wahrgenommen werden muss. Die ‘Wächter’, die diesem entgegen wirken sollen, erinnern schon durch ihren Titel an die ‘Wächter’ aus Platons Werk Politeia – das bekanntermaßen den ersten utopischen Staatsentwurf der Philosophiegeschichte darstellt – und geradezu der Innbegriff eines die persönlichen Freiheiten negierenden Systems ist. Und das in einem Jugendbuch!

Der Jugendroman

Der spannende Roman bedient in mehrfacher Weise gekonnt die Erwartungen der jugendlichen Leserschaft. Rob darf aus seinem Leben ausbrechen, ohne mit seinen Eltern zu brechen – vielmehr wandelt er sogar in deren Fußstapfen. Dem Abenteuer des Ausbruchs schließt sich eine Episode an, die Merkmale des bei Jungen im 20. Jahrhundert so beliebten Survival-Romans trägt. Von den Fertigkeiten, die Rob später erwirbt, Reiten und Bogenschießen, träumt bestimmt eine ganze Reihe Kinder. Zudem sind die Menschen, die Rob gerne hat, nicht wirklich böse – sie sind integriert und eigentlich doch ganz nette Menschen. Rob braucht deshalb auch nicht mit ihnen persönlich zu brechen, sondern muss sich ‘nur’ gegen den von ihnen vertretenen Lebensentwurf entscheiden. Und welcher Jugendliche tut das innerlich nicht?

Fazit

Die Wächter ist ein äußerst genrebewusster spannender Jugendroman, der die Freiheit des Individuums einer angepassten Existenz gegenüberstellt und den jungen Leser dazu auffordert, sich die Frage zu stellen, wie er selbst leben will. Ich habe das Buch geliebt.

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