Hiltrud Gnüg: Utopie und utopischer Roman

Eine Rezension von Rob Randall

In ihrer 1999 beim Reclam Verlag in Stuttgart erschienenen Darstellung Utopie und utopischer Roman gelingt es Hiltrud Gnüg, die an der Universität Bonn unterrichtet hat, einen Überblick über die Geschichte  utopischer Staatsentwürfe und ihre Umsetzung in der Literatur anhand der wichtigsten Beispiele zu vermitteln. Mit Platons auch für die modernen Dystopien wichtigen Schrift Politeia einsetzend, betrachtet sie chronologisch voranschreitend Morus\‘ Utopia, Rabelais\‘ Gargantua und Pantagruel, Campanellas La Città del Sole sowie Bacons Nova Atlantis. Bei der Betrachtung des 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert sie sich auf die höchst interessanten Planteten-Utopien, in denen die Autoren in satirischer Weise Negativaspekte der eigenen Gesellschaft in den Weltraum verlegen. In diesem Zusammenhang behandelt sie auch den unvermeidlichen Roman  Travels into Several Remote Nations of the World von Jonathan Swift – was nicht so ganz überzeugen kann, auch wenn dieser ebenso wie die Vorgänger phantastische Elemente aufweist.

Über Johann Gottfried Schnabels Werk Die Insel Felsenburg schlägt sie den Bogen von den vorangehenden Robinsonaden zu den restlichen Utopien des 18. Jahrhunderts. Deutlich arbeitet sie dabei die Revolution heraus, die Louis-Sébastien Merciers Roman Rêve s\’il en fut jamais in seinem Übergang von der Raum zur Zeitutopie darstellt. Diese betrachtet sie dann auch eingehend nach einer kurzen Darstellung der wenigen deutschen Utopien des 18. und 19. Jahrhunderts. Richtigerweise greift sie hierfür auf die zentralen Werke von Edward Bellamy, Looking Backward, und William Morris, News from Nowhere, und sogar auf H.G. Wells The Sleeper awakes und The Time Machine zurück. Dabei weist sie darauf hin, dass schon hier vieles von dem angelegt ist, was später in den negativen Dystopien des 20. Jahrhunders seine Entfaltung finden sollte: Die Gefahr der Enthumanisierung des Menschen durch die technische Entwicklung unter utopischen Vorzeichen. Einer Betrachtung dieser schaltet sie – als Übergang nur auf den ersten Blick nicht ganz so gelungen – eine Darstellung der feministischen Utopien des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor, die sie überwiegend als Warnutopien zu charakterisieren vermag. So geling es Gnüg auch zu zeigen, welche Vorläufer die klassischen Dystopien, welche sie im Anschluss behandelt, haben. Neben den unvermeidlichen Werken von Evgeni Samjatin (Wir), George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Brave New World) ergänzt sie die Betrachtung überraschenderweise durch Alexander Tschajanows Agrarutopie Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie, das sie Samjatins Wir leider sehr kurz gegebüberstellt, und Karen Boyes Warnutopie Kallocain, die man in Übersichtsdarstellungen sonst leider eher seltener findet.

Einer für meine  Geschmack leider viel zu kurz geratenen Übersicht über die Warnuntopien der fünfziger und sechziger Jahre, die sich ausgerechnet hauptsächlich mit dem Werk von Arno Schmidt auseinandersetzt und andere, viel verbreitetere Werke außer acht lässt, fügt diese Neuausgabe der schon 1983 erstmals veröffentlichten Darstellung ein Kapitel über das dystopische Denken der 80er Jahre hinzu, das am wenigsten überzeugen kann. Der additive Charakter ist ihm deutlich anzumerken, zumal sich Gnüg hier nicht auf die epischen Werke, sondern auf Filme und Gedichte konzentriert  – auch wenn Romane am Rande Erwähnung finden, so dass sich das letzte Kapitel der Darstellung unangenehm deutlich von den vorhergehenden abhebt. Es ist mir nicht ganz einsichtig, warum hier dann ausgerechnet auch Christa Wolfs Kassandra ausgiebig Betrachtung findet, während wichtige Werke anderer deutscher Autorinnen und Autoren nicht einmal Erwähnung finden, dafür aber dann auf eine weitere fremdsprachige feministische Dystopie, Margaret Atwoods The Handmaid\’s Tale (Die Geschichte der Magd), ausführlich eingegangen wird. Trotz der wachsenden Bedeutung feministischer Dystopien seit den siebziger Jahren wird dieses Kapitel, finde ich, dem Gegenstand nicht gerecht. So findet die leicht zu eruierende Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der dystopischen Romane der 80er Jahre die atomare Bedrohung zum Gegenstand haben, nur in folgender Weise Erwähnung:  Neben Romanen (auf die vorher mit keinem Wort eingegangen wurde) entstanden auch zahlreiche Gedichte, die die Atomkatastrophe beschworen. Eine Konzentration auf die epischen Werke wäre hier meiner Ansicht nach sinnvoller gewesen.

Fazit

Wer sich über die Entwicklung des Genres der Utopie anhand der charakteristischen Merkmale der wichtigsten Vertreter informieren will, der kann Gnügs Monografie Utopie und utopischer Roman getrost erstehen, zumal sie für wenig Geld (6,10 Euro) zu haben ist. Wer dieses allerdings mit dem Hintergedanken tut, sich einen Überblich auch über die zweite Hälfte des 20 Jahrhunderts zu verschaffen, der sollte eher nach einem anderen Werk Ausschau halten.

Dieter König: Feuerblumen

Eine Rezension von Rob Randall

Ich kann schon nicht anders: Ich gehe mit ganz speziellen Vorerwartungen an die Lektüre von gewissen Werken aus dem Heyne Verlag. Denn in den letzten Monaten habe ich eine ganze Reihe davon gelesen – dabei vornehmlich Romane, die in den 80er Jahren entstanden und veröffentlicht worden sind. Darunter waren so fragwürdige Bücher wie das Alterswerk Die weiße Pest von Frank Herbert, die nur sprachlich interessante post-apokalyptische Vision vom Untergang der Stadt Passau von Carl Amery, vor allem literarisch Gruseliges wie Frank Herberts 48und Werke, in denen Autoren ihre Paraphilien ausleben, wie in Coopers Regime der Frauen, die ich gar nicht renzensieren wollte. Und sie alle haben eines gemeinsam: So einfallsreich die Autoren auch sein mögen – literarisch sind die Werke einfach enttäuschend (Amerys vielleicht noch am wenigsten). Persönlich gefallen haben mir nur die Werke von James Graham Ballard (Der Sturm aus dem Nichts und Der Block), wobei auch diese vermutlich im stilistischen Vergleich mit heute erscheinenden durchschnittlichen Romanen nicht sehr gut weg kommen würden. Und nun das:

Wo die Halme endeten, wo ein Streifen unbewachsenen, unbelebten Landes begann, flirrte die undurchdringliche Grenze in der Luft, schnitt der Gruppe den Weg endgültig ab. In der Kopfhöhe, leise zitternd, brachte ein feiner nadeldicker Partikelstrahl die Luft zum Knistern und zum Aufleuchten. Die Partikel der radioaktiven Isotope einer verseuchten Welt, von den Magnetfeldern um den Plasmastrahl in harte Spiralbahnen gezwungen, hauchten ihr tödliches Nordlicht auf den sehr spärlichen Pflanzenwuchs des Todesstreifens. Stumm standen die Tagseher, stumm stand Freitag.

Was uns hier durch die Augen Pierre Freitags mit so vielen (un-)schmückenden Adjektiven von Dieter König in Feuerblumen vorgeführt wird, ist die feindliche Oberfläche unserer Welt, die vor tausend Jahren einen zerstörerischen Atomkrieg über sich ergehen lassen musste, und die der erleichterte Protagonist gerade eben, nach seiner verzweifelten Flucht aus dem unterirdischen Bunker, zusammen mit seinen neuen Kumpeln das erste Mal stumm betrachtet. Immerhin hat sich der damals 37-jährige Autor mit der stilistischen Gestaltung seines Erstlingswerk sichtlich Mühe gegeben, leider schießt er bei der Erschaffung einer ganz schlimm nuklear verseuchten Welt nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich über das Ziel hinaus:

Der erste (ich weise hier schon mal durch ein wohl vergessenes Adjektiv darauf hin: blaue) Zwerg bewegte sich, schwebte wie in Zeitlupe auf die ersten Wurzelfinger zu, tauchte zwischen ihnen unter, so als existiere er nur einen elektronischen Albtraum der Erlebnisebene. Keine Bewegung war hastig; alles geschah ruhig und lautlos. Noch war der erste Tagseher nicht ganz in den Fingern der Fleischfresser untergetaucht, das schwamm der zweite auch schon in das unterkühlte Seufzen und Locken […] Traumhaft langsam sanken die kurzen Körper, tauchten ihre großen, kahlen Schädel zwischen die seufzenden Wurzelfinger.

Auch wenn hier schon durch eine Andeutung auf die beliebteste Freizeitbeschäftigung der eingesperrten Bunkerbewohner – das Reisen in der Erlebnisebene – deutlich gemacht wird, dass der geistig etwas angeschlagene Protagonist das unterirdische Gefängnis gar nicht verlässt und somit alle Gestalten, die ihm auf der Oberfläche begegnen gar nicht gibt: das singende leuchtende Gras, die menschenfressenden Kröten, die blauen Schlümpfe [Verzeihung: Zwerge]die ihm vor der Entdeckung durch seine ehemaligen Herren genauso schützen wie die Atlanter, welche ihn in eine lebende radioaktive Pflanze verwandeln, damit er an vernichtenden Strahlung nicht elendig zugrunde geht – das alles wird auch 1983 schon nach einem ziemlich schlechten und verspäteten LSD-Trip geklungen haben.

So freigiebig der Roman mit bösen Adjektiven und skurrilen Einfällen auch ist, die weitergehende ziemlich schwache Handlung selbst baut letztendlich nur auf einer fixen Idee des pflanzlichen Protagonisten auf: Im Raumflughafen von Mariage arbeiten die Herrscher der Oberwelt an der Vernichtung der Menschheit, warum sonst sollten sie hunderttausende von Tonnen Material in den Orbit befördern? Heldenmütig setzt sich der plötzlich sehr souveräne Freitag zwecks Rettung der mutierten Wesen und der eingesperrten Menschheit der Gefahr aus, durchquert die feindlichen verseuchten Einöden einer verstrahlten Welt, erschlägt Mutanten, wird gefangen, entkommt der Strafarbeit in Radianta und der erneuten Gefangenschaft im Bunker und trotzt selbst der Liebe zu einer Mutantin – um zuletzt im Weltall in allem (also seiner fixen Idee) zu scheitern. Und das – wohlgemerkt – auf den letzten 70 der insgesamt 171 Seiten des Buches; und das trotz der weiterhin umfassenden, wenn auch abnehmenden Verwendung des epitheton ornans, hunderter sprachlicher Vergleiche und technischer Erklärungen.

John Christopher: Die Wächter

John Christopher: Die Wächter. Eine Rezension von Rob Randall

Hin und wieder begegnen einem Bücher, die einen nachhaltigen Einfluss auf das eigene Leben haben – sei es, weil sie das Interesse für etwas Neues wecken oder sei es, weil sie unerwartete Gedankenanstöße geben  – und so einen persönlichen bleibenden Wert bekommen. Der Jugendroman Die Wächter aus dem Jahre 1970 von John Christopher hat für mich eine solche Bedeutung: Er ist die erste Dystopie, die ich in meinem Leben gelesen habe. Im Dezember 1988. Vielleicht würde es diesen Blog gar nicht geben, wenn ich zu Weihnachten nicht dieses 1976 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Werk geschenkt bekommen hätte. 

John Christopher, der unter zahlreichen weiteren Pseudonymen (William Godfrey, Hilary Ford, Peter Graaf, Peter Nichols, Anthony Rye, Stanley Winchester) geschrieben hat und mit bürgerlichem Namen eigentlich Christopher Samuel Youd heißt, sollte mich aber auch noch in anderer Weise stark beeinflussen. Erst beim Erstellen meiner Liste dystopischer Romane bemerkte ich überrascht, dass von dem 1922 geborenen Engländer Youd auch die Romantrilogie The Tripods stammt, die 1984 und und 1985 von der BBC als Serie verfilmt wurde und unter dem Titel Die Dreibeinigen Herrscher schon damals Kultstatus in Deutschland erreichte. Wenn es also einen Autoren gibt, der für mein Interesse am dystopische Genre verantwortlich zu machen ist, so ist es Christopher Samuel Youd (auch wenn ich die deutsche Verfilmung des Romans von 1985 damals nicht zu Kenntnis genommen habe).

Die Handlung

Im Zentrum der personal erzählten Handlung steht der Jugendliche und Halbwaise Rob Randall, der im Jahre 2052 in der von den ländlichen Gebieten durch eine Demarkationslinie scheinbar hermetisch abgeschlossenen Conurba London – William Gibson hätte diese zusammengewachsenen Großstädte eher Sprawl genannt – lebt. Nachdem auch sein Vater angeblich bei einem Arbeitsunfall gestorben ist, treffen die Veränderungen Rob Randall hart: Er wird gezwungen, ein Internat zu besuchen, wo er neben dem miserablen Essen auch unter dem dort herrschenden autoritären Regime sowie den gewalttätigen Übergriffen der älteren Mitschüler zu leiden hat. Zu diesem Zeitpunkt entdeckt er anhand alter Briefe, die er von zuhause hat mitnehmen können, dass seine verstorbene Mutter eigentlich aus der Welt jenseits der Mauer stammt, aus dem ländlichen Gebieten, in die vorzudringen den Bewohnern der Conurba verboten ist. Da er im dicht bevölkerten und stark überwachten städtischen Gebiet keine Chance zum Untertauchen sieht, beschließt er, den noch vor ihm liegenden Jahren des Leidens im Internat durch eine Flucht über die Grenze zu entkommen. Nach kurzer Zeit als Landstreicher lernt er den gleichaltrigen Mike kennen, der ihn in einer Höhle im Wald versteckt und für ihn sorgt. Nachdem dessen Mutter Rob jedoch entdeckt hat, wird er unter falschem Namen in die auf einem Gutshof lebende Familie aufgenommen. Nach und nach erlernt Rob die Fähigkeiten, die wichtig sind, um in dieser ländlichen Welt, die einem seiner Romane aus dem späten 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint, unbemerkt leben zu können. Als sich Mike jedoch einer Widerstandsgruppe anzuschließen beginnt, die den bewaffneten Aufstand gegen das subtil die Bevölkerung diesseits und jenseits der Grenze manipulierende System plant, muss sich Rob nach dem genretypischen Gespräch mit dem erst nicht zu identifizierenden Vertreter des Systems entscheiden, auf welcher Seite er steht – und ob er einer der Wächter werden will.

Reminiszenzen

Die Welt, in der Rob und Mike leben, erscheint auf den ersten Blick nicht totalitär. Sowohl die in der Conurba lebenden Arbeiter als auch die in den ländlichen Gebieten wohnenden Gutsherren sind mit ihrer Situation in der überwiegenden Zahl zufrieden – auf den jeweils anderen blicken sie mit Abscheu herab. Die Kontrolle, die die Regierung ausübt, ergibt sich aus der Bereitschaft der Bevölkerung, sich mit den gebotenen Ablenkungen zufrieden zu geben. Insofern erinnert der Charakter der dystopischen Gesellschaft weniger an Orwells 1984 als vielmehr an Fahrenheit 451 – bzw. Chestertons Der Napoleon von Notting Hill. Tatsächlich ist es ein Exemplar des letztgenannten Romanes, das Rob gleich zu Beginn der Handlungen im Aufruhr nach den Spielen – der übrigens ein wenig an die Ausschreitungen heutiger Fußballfans erinnert – verloren geht. Denn Rob ist einer der wenigen Menschen, die überhaupt noch lesen. Auch das erinnert ein wenig an die bekannten großen Romane des Genres – allerdings verzichten die Menschen bei Youd freiwillig auf Bücher und geben sich lieber den vom System instrumentalisierten Vergnügungen hin. Gerade diese Anlage lässt den Roman auch heute noch – nachdem die meisten prätotalitären bzw. totalitären Systeme ins Straucheln gekommen sind – aktuell erscheinen.

Youd arbeitet in diesem Jugendroman gekonnt mit den typischen Motiven des Genres. So stellen die Artefakte der Vergangenheit in Form der mütterlichen Briefe eine Brücke zu einer mutmaßlich besseren Welt der Vergangenheit dar, die hier aber noch in der Gegenwart hinter der Grenze der Conurba zu existieren scheint. Diese Annahme erweist sich letzten Endes aber als trügerisch – auch dieser Teil der Welt ist der Kontrolle der Wächter unterworfen, vielleicht sogar stärker als der der Conurba. Das ist neu. Auch die für Dystopien typisch mit symbolischer Bedeutung aufgeladene Dichotomie von Natur und urbanisierter Welt greift Youd auf. Der Wunsch nach Freiheit – und damit die Rückwendung des Protagonisten in eine vergangene Welt – manifestiert sich auch in der Höhle, in welcher Rob eine zeitlang lebt. Schon die Tatsache, dass er hier von Mikes Mutter so leicht gefunden wird und dass diese seit ihrer Kindheit von dem Versteck weiß, lässt nichts Gutes von der ländlichen Welt, die die Conurba umgibt, erwarten.

Aber noch an ein anderes großartiges Werk erinnert der Roman: In Die Wächter wird die Kontrolle und Wiedereingliederung des rebellischen Individuums auf eine ähnliche Weise bewerkstelligt, wie in Youds Reihe Die Dreibeinigen Herrscher. Und auch hier wird uns eine Welt präsentiert, in der die Zeit zu einem Stillstand gekommen zu sein scheint – denn klassische dystopische Gesellschaften sind gleichsam versteinerte Staaten, in denen jede Veränderung als eine Bedrohung des status quo und damit als Angriff auf das System wahrgenommen werden muss. Die ‘Wächter’, die diesem entgegen wirken sollen, erinnern schon durch ihren Titel an die ‘Wächter’ aus Platons Werk Politeia – das bekanntermaßen den ersten utopischen Staatsentwurf der Philosophiegeschichte darstellt – und geradezu der Innbegriff eines die persönlichen Freiheiten negierenden Systems ist. Und das in einem Jugendbuch!

Der Jugendroman

Der spannende Roman bedient in mehrfacher Weise gekonnt die Erwartungen der jugendlichen Leserschaft. Rob darf aus seinem Leben ausbrechen, ohne mit seinen Eltern zu brechen – vielmehr wandelt er sogar in deren Fußstapfen. Dem Abenteuer des Ausbruchs schließt sich eine Episode an, die Merkmale des bei Jungen im 20. Jahrhundert so beliebten Survival-Romans trägt. Von den Fertigkeiten, die Rob später erwirbt, Reiten und Bogenschießen, träumt bestimmt eine ganze Reihe Kinder. Zudem sind die Menschen, die Rob gerne hat, nicht wirklich böse – sie sind integriert und eigentlich doch ganz nette Menschen. Rob braucht deshalb auch nicht mit ihnen persönlich zu brechen, sondern muss sich ‘nur’ gegen den von ihnen vertretenen Lebensentwurf entscheiden. Und welcher Jugendliche tut das innerlich nicht?

Fazit

Die Wächter ist ein äußerst genrebewusster spannender Jugendroman, der die Freiheit des Individuums einer angepassten Existenz gegenüberstellt und den jungen Leser dazu auffordert, sich die Frage zu stellen, wie er selbst leben will. Ich habe das Buch geliebt.

Iva Procházková: Wir treffen uns wenn alle weg sind

Eine Rezension von Rob Randall

Wir treffen uns, wenn alle weg sind… es war der ungewöhnliche Titel des Buches, der mich auf den Roman von Iva Procházková aus dem Jahr 2007 aufmerksam werden ließ – denn der Name der tschechischen Autorin, die schon eine ganze Reihe deutscher Buchpreise mit ihren Jugendromanen einheimsen konnte, sagte mir leider wenig. Und auch das vorliegende Werk, das die Geschichte der Überlebenden einer Seuche erzählt, war, wie ich dem Klappentext entnehmen konnte, mehrfach prämiert worden: Zum einen 2009 mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis der Stadt Braunschweig und zum anderen mit dem Evangelischen Buchpreis 2008. Das erschien mir doch ein wenig ungewöhnlich.

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Hans Hellmuth Kirst: Keiner kommt davon. Bericht von den letzten Tagen Europas

Eine Rezension von Rob Randall

Romane, die die Katastrophe eines Atomkrieges auf dem Boden der Bundesrepublik schildern und tatsächlich einen  gewissen Erfolg  verbuchen  konnten, sind selten. Mir sind bisher nur gut ein Dutzend begegnet. Einen davon veröffentlichte 1957 der Autor der bekannten Romantrilogie 08/15 –  und wurde von der zeitgenössischen Presse dafür geradezu in Stücke gerissen. Ein „Machwerk“ oder „Schmarren“ hätte der „Defätist“ Hans Hellmuth Kirst da verfasst [zur Übersicht über die Rezeption des Romans siehe: Andy Hahnemann: Keiner kommt davon. Der Dritte Weltkrieg in der Literatur der 50er Jahre].

Wenn zwei sich streiten geht der Dritte drauf

Wurde die Welt nach biblischen Aussagen in sieben Tagen geschaffen bzw. sechs – denn am Sonntage pflegt man ja zu ruhen – so prophezeit Kirst in seinem Roman die Zerstörung Europas in der gleichen Zeit. Allerdings schweigen die Waffen entgegen aller Forderungen am letzten Tage nicht. Am ersten und zweiten Tage greifen von Polen aus Unruhen auf die CSSR und die DDR über. Die Ereignisse in der DDR erinnern dabei sehr an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 – allerdings eskaliert die Lage in Berlin und an der Zonengrenze in der literarischen Version schnell: In Berlin wie Thüringen schießt die Volksarmee auf demonstrierende bzw. marschierende Aufständische. Während dabei im ersten Fall auch wehrlose Westdeutsche getötet werden, schießen national gesinnte Bundesgrenzschutzeinheiten im zweiten Fall in den Osten zurück. Den Verantwortlichen gelingt es in der Folge nicht mehr, die Situation unter Kontrolle zu bringen, so dass der massive Einmarsch sowjetischer Truppen in die Bundesrepublik gemäß der NATO-Doktrin der Massive Retaliation mit dem Einsatz taktischer und strategischer Nuklearwaffen bentwortet wird. Bei Kirst schlägt die NATO entgegen den eigentlichen Planung jedoch nur begrenzt zurück: Das Territorium der U.d.S.S.R. wird vorerst verschont. Was Kirst damit der U.S.A. und der U.d.S.S.R. unterstellen will ist deutlich – und wohl auch die eigentliche Aussage des Romans: Die selbstsüchtigen Weltmächte werden versuchen, ihre ideologischen Differenzen auf dem Schlachtfeld des armen Europa begrenzt auszutragen – und insbesondere Deutschland wird dabei zu nuklearen Wüste werden. Kein Wunder, dass der Roman vor allem auf Seiten der Gegner der Wiederbewaffnung Deutschlands punkten konnte, wie Andy Hahnemann feststellt, und dass er darüber hinaus in der Öffentlichkeit weitgehend abgelehnt wurde, zumal er  relativ früh eine sich in der Literatur der 50er Jahre erst langsam durchsetzende pessimistische (und wohl auch realistische) Schilderung der Folgen des Atomkrieges verfolgt [siehe hierzu auch: Das Atomkrieg-Szenario in der Literatur].

Nervige Figuren aus der Schublade

Im Zentrum der Handlung des allwissend und teilweise unangenehm auktorial erzählten Romans stehen ein gutes Dutzend höchst stereotyper Figuren, von denen die meisten nur zwei Dinge gemeinsam haben: Zum einen sind sie Deutsche und zum anderen lassen sie am Ende des Romans – der Titel des pessimistischen Werkes lässt es schon vermuten – in den Kriegshandlungen ihr Leben. Da wäre beispielsweise der bis zu seiner Exekution durch ein ostdeutsches Erschießungskommando immer unglaubwürdig souverän wirkende „Diplomat“ Michael Reimers, dem es trotz der ihm selbst auferlegten Missionen nicht gelingt, das Schlimmste zu verhindern und der nach seinem patriotischen aber unrealistischen Versuch, Deutschland noch während der Kampfhandlungen durch die Bildung einer gesamtdeutschen Regierung zu neutralisieren, vorwurfsvoll mit dem entlastenden Wort Europa auf den Lippen stirbt. Da wäre zum anderen der berechnende Wirtschaftsboss Wolf Beck, der zwar immer nur an seine  Profit denkt, aber sein Gewinnstreben durchaus immer mit der Sorge um seine Freunde veinbaren kann. Diese gilt sowohl  Michael Reimers als auch dem bedeutendem Erfinder Henry Engel, der in seiner süddeutschen Privatfestung nicht nur den Krieg, sondern auch die Vertreter verschiedenster Geheimdienste auszusperren versucht. Man könnte allerdings vermuten, dass Wolf Beck mit letzterem durchaus noch eine Rechnung offen hat, denn diesem schickt er  undankbarerweise sowohl seine im Amourösen schon etwas verbraucht wirkende Geliebte und zukünftige Ehefrau Ruth als auch seine zukünftige Exfrau Conctance, die er bereitwillig an Michael Reiners abzutreten bereit ist – nachdem er mit IHM die Bedingungen des Scheidungsvertrages ausgehandelt hat. Jim Melzig hat in sein Rezension von Kirsts Keiner kommt davon Becks Exfrau Constance zur Kandidatin für die nervtötendste weibliche Romanzicke der Science Fiction Literatur gekürt – und ich vermute, wenn RTL oder PRO7 einen solchen Wettbewerb einmal ausloben würden, hätte Constance aufgrund ihrer Oberflächlichkeit, ihrer Dummheit, ihrer Unselbstständigkeit und der Tatsache, dass sie sich jedem männlichen Wesen in ihrer Umgebung (Beck, Reiners und Engel) begehrlich zu machen versucht – kurz: all dem, was nach Kirsts Vermutungen wohl einer idealen Frau der 50er Jahre gut steht – , die besten Chancen zu gewinnen:

„Gewaltige Summen werden in Kasernen, Fahrzeuge, Gewehre, Kanonen, Bomben und Schlachtschiffe verwandelt – nicht etwa in Schulen, Straßen, Parks, Theater, Kunsthallen und Krankenhäuser. Die Welt wäre ein großer Garten, hätten wir diese verfluchten Armeen nicht.“

„Die Rosen in deinem Garten blühen herrlich, Henry!“

„Welch ein Irrenhaus! rief Henry. „Millionen Menschen holen sie aus Fabriken, Bauernhöfen, Büros, Gewächshäusern und Werkstätten – und stecken sie in Uniform. Bei den Sowjets, bei denen kaum einer zwei Anzüge im Schrank oder den Magen regelmäßig voll hat; bei den Amerikanern, die den Hunger der ganzen Welt stillen könnten, wenn sie wollten. Aber was tun sie? Sie lauern sich gegenseitig auf!“

„Ich höre dir gern zu, wenn du so redest“, sagte Constance mit entwaffnendem Lächeln. „Du siehst dann fast aus wie ein Kind.“

Betrachtet man die Aussagen Henry Engels genauer und nimmt nicht nur die Initiative Michael Reiners zu Rettung Deutschlands hinzu, sondern auch die Eskalation an der Zonengrenze, so ergibt sich unter Berücksichtigung des historischen Horizontes eine höchst fragwürdige Aussage mit politischer Sprengkraft. Grund für die Eskalation der Ereignisse ist bei Kirst nämlich die Teilung der deutschen Nation – und diese hätte unter der Annahme der Stalinnote vom 10. März 1953 längst beseitigt sein können. Kein Wunder, dass der Roman weitgehen abgelehnt wurde, da er die von Konrad Adenauer und der breiten Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung Gott-sei-Dank nie in Zweifel gezogene Westintegration in Frage stellt – selbst wenn sich Kirst alias Reiners gegen den antizipierten Vorwurf des Nationalismus mit dem Sterbewort Europa! zu immunisieren versucht.

Trivialbericht mit zweifelhafter Aussage

Es ist allerdings nicht die fragwürdige Aussage, sondern die Anlage des Romans, welche diesem etwas geradezu Groteskes verleiht. Auf der einen Seite berichtet der immer wieder an die Gefühle der Europäer und Deutschen appellierende auktoriale Erzähler minutiös und detailliert über die politischen Ereignisse, wobei Kirst Telegramme, Radiomeldungen und Depeschen unter Angabe der genauen Uhrzeit in den Text einmontiert, und auf der anderen Seite schildert er uns die höchst belanglosen amourösen Abenteuer und Verstrickungen der Figuren wie Reiners, Beck, Ruth und Constance . Nur manchmal lädt  Kirst diese politisch auf: So wie die Liebesgeschichte der westdeutschen Maria und dem ostdeutschen Michael, die als deutsch-deutsche Königskinder zueinander nicht kommen können – und nachher im atomaren Feuer über Nürnberg untergehen, Sekunden bevor sie sich wieder in die Arme schließen können, womit sich das Scheitern von Reiners Initative gleichnishaft wiederholt.

Fazit

Dass der nukleare Weltuntergang mit den Motiven eines Trivialromans der 50er Jahre gekoppelt wird, ist schade, aber aufgrund der Erwartungshaltung der  zeitgenössischen Leserschaft nachvollziehbar –  Nevile Shute sollte mit dieser Strategie sein zwei Jahre später erscheinendes Werk Das letzte Ufer sogar bis nach Hollywood bringen.  Problematisch scheint mir vielmehr die sich gerade aus einer solchen Verquickung ergebende und in ihrem Appell an die Gefühle des Lesers geradezu aufdringlich präsentierte zweifelhafte politische Aussage des Romans zu sein. Auch wenn der Roman sich besser lesen lässt als das kaum literarisierte Werk  Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland von General Sir John Hackett, ziehe ich letzteres Kirsts Machwerk vor. Denn dieses arbeitet nicht  mit solch billigen Mitteln.