Suzanne Collins: Die Tribute von Panem

Eine Rezension von Rob Randall

In diesen Tagen ist gerade der dritte Teil Flammender Zorn der Trilogie Die Tribute von Panem von Suzanne Collins erschienen. Und schon im Vorfeld der Veröffentlichung erreichte der Roman beeindruckende Zahlen bei den Vorbestellungen. Wenn ein dystopischer Jugendroman auch jenseits der eigentlichen Zielgruppe eine solche öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, ist das Grund genug, einmal genauer hinzusehen und die Frage zu stellen, warum die Reihe, welche mit dem 2008 erschienenen Roman Tödliche Spiele (The Hunger Games) beginnt, so erfolgreich ist.

Inhalt

Die Halbwaise Katniss lebt mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Prim im 12. Distrikt eines zeitlich kaum zu verortenden Staates auf dem Boden der ehemaligen U.S.A. Die kleine Familie vegetiert wie die meisten anderen aufgrund der an imperialistische Methoden gemahnenden Ausbeutung durch die Zentrale des Reiches – dem Kapitol – am Rande des Existenzminimums und müsste mit Sicherheit hungern, wenn Katniss sich nicht verbotenerweise als ausgezeichnete Jägerin hervortun würde. Als bei den jährlich vom Kapitol als Zeichen der Vorherrschaft auf Kosten der 12 Distrikte veranstalteten Hungerspielen das Los auf ihre kleine Schwester Prim fällt, beschließt Katniss an ihrer Stelle gegen die 23 anderen Tribute zu kämpfen – auch wenn ihre Chancen, die letzte Überlebende dieses medialen Großereignisses zu sein, gering sind. Denn zum einen hat bisher nur ein einziger Tribut des recht armen 12. Distriktes jemals die Spiele überlebt und zum anderen scheint dieser aufgrund seiner notorischen Trinkerei keine große Hilfe als “Manager” zu sein. Nachdem die Teams um Katniss und Peeta – dem zweiten Tribut aus Distrikt 12 – das Image der beiden angemessen aufgebaut haben, so dass auch während der laufenden Spiele Hilfe von Sponsoren zu erwarten ist, werden die 24 Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren in der künstlichen Landschaft des Kampfareals ausgesetzt. Und schon wenige Sekunden nach dem Beginn der Spiele scheiden blutig die ersten Opfer aus dem Kampf ums Überleben aus – und Katniss ist nicht wohl bei dem Gedanken, Peeta womöglich töten zu müssen – vor allem, weil dieser in einem Interview gestanden hat, in sie seit Jahren verliebt zu sein… oder ist das Taktik?

Belletristisches Erzählen

Eines ist an Die Tribute von Panem besonders auffällig: Während sich in anderen dystopischen Jugendromanen wie Paolo Bacigalupis Ship Breaker und John Christophers Die Wächter eine (wenn auch insgesamt schwache) Wirkungsabsicht erkennen lässt, ist dieses bei Collins nicht mehr der Fall. Insofern wird hier das dystopische Genre – wenn man nicht die Hungerspiele als eine Warnung vor einer zukünftigen Entwicklung der Medienlandschaft oder als Parabel auf die ökonomische Einrichtung unserer heutigen Welt sehen will – seiner eigentlichen Funktion beraubt. Collins erzählt folglich eine interessante, den Leser immer wieder fesselnde Geschichte, die in einer dystopischen Gesellschaft angesiedelt ist, mit dem Ziel der reinen Unterhaltung. Das muss auch bei Jugendliteratur nicht so sein und man könnte dieses genrefremde belletristische Erzählen möglicherweise auch verurteilen – wenn die Geschichte um die sympathische Katniss nicht so verdammt spannend wäre…

Kriegerprinzessin Katniss

Interessant fand ich, wie Collins die Erwartungshaltung ihrer Leserschaft antizipiert: So werden die Vorbereitungen zu den Spielen, während denen Katniss in verschiedenen Kostümen der Öffentlichkeit präsentiert wird, vor allem zu Beginn in aller Ausführlichkeit geschildert: Die Kleider, die Schuhe, das Makeup, die Diskussion der (auch harmlos erotisierenden) Wirkung auf das begeisterte Publikum, die Maniküre der Fingernägel, das Frisieren der Haare – kurz: Die Präsentation von Katniss als Prinzessin zeigt deutlich, dass wir es hier mit einem vornehmlich für die junge Damenwelt verfassten Roman zu tun haben, wobei meine männliche Schmerzgrenze dabei allerdings (noch) nicht überschritten worden ist, zumal diese Ausführungen gegen Ende immer kürzer werden und die darauffolgenden Schilderungen der durchaus blutigen Kämpfe in der Arena das Durchhalten belohnen. Denn die Handlung fesselt auch den erwachsenen (männlichen) Leser vor allem aufgrund des vom System gnadenlos inszenierten Kampfes aller gegen alle, den Katniss nur durch den Einsatz all ihrer Intelligenz und als Jägerin erworbenen Fähigkeiten überleben kann. Vor allem dieser Hauptabschnitt des Romans ähnelt damit den vielen Abenteuer- und Survival-Romanen, welche die Jugend- und Jungenliteratur des 20. Jahrhunderts so bestimmt haben – wenn auch der Rahmen des “Spiels” dem Ganzen einen neuen Anstrich verleiht. Deshalb dürften die Tribute von Panem auch eine so breite Leserschaft gefunden haben: Collins bedient gekonnt die traditionell männlichen wie modernen weiblichen Erwartungshaltungen (zu letzteren dürften auch schon die Kämpfe gehören), was sich vor allem bei der Inszenierung der unvermeidlichen Liebesgeschichte zeigt. So fluktuiert diese im Verlauf der Hungerspiele mehrfach (und bis zuletzt) zwischen romantischer Liebe und berechnender Inszenierung, was nicht nur den neugierigen Leser durch die Seiten vorwärtstreibt, sondern auch die emotionale Dimension der Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Katniss und Peeta bis zur Erträglichkeit abtönt. Nicht unbedeutend dürfte dabei auch der Faktor sein, dass Katniss bei der Inszenierung als Prinzessin, als Kriegerin und sogar als Teil einer Liebesgeschichte weitgehend passiv bleibt. Dort wo sie tatsächlich aktiv wird, geschieht dieses aus reiner Berechnung. Dieses schafft deutliche Distanz zu den Vorgängen und bietet Lesern, die dem Präsentierten eher kritisch gegenüberstehen, die Möglichkeit, sich weiterhin mit der Figur  Katniss zu identifizieren –  denn diese macht sich nicht selbst aus Neigung zur Prinzessin oder Kriegerin.

Collins gelingt es zudem, der Persönlichkeit der Ich-Erzählerin Tiefe und Plastizität zu verleihen. Katniss wirkt sympathisch und man identifiziert sich gerne mit ihr – wobei sie dem, was mit ihr geschieht, genauso neugierig und manchmal auch ratlos gegenübersteht wie der Leser. Es ist auch diese eingeschränkte Perspektive, die das Buch bis zuletzt so spannend macht. Sympathieträgerin ist die Figur von Beginn an für den jugendlichen Leser schon mit Sicherheit deshalb, weil Katniss als Tochter zwar bereitwillig für ihre Familie sorgt, dabei aber systematisch die Regeln des Systems bricht – zumal ihre Out-Law-Tätigkeit als Jägerin in dem vom Staat genretypisch tabuisierten Raum der Freien Natur sie ziemlich ‘cool’ wirken lässt.

Fazit

Suzanne Collins Roman Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele scheint mir gerade deshalb so erfolgreich zu sein, weil zum einen die Protagonistin in ihrer  Doppelnatur von eher femininer Fürsorge und traditionell eher männlichem Ausbruch sowie ihrer Inszenierung als Prinzessin und Kriegerin sympathisch emanzipiert wirkt – und zum anderen, weil die Handlung verschiedene Motive klassischer Jugendliteratur für Mädchen und Jungen gekonnt miteinander verknüpft. Und nicht zuletzt: weil der nicht sehr tiefgängige Roman einfach sehr gut erzählt ist.

James Graham Ballard: Der Block

Eine Rezension von Rob Randall

Vielen Gesellschaften, die in postapokalyptischen Romanen beschrieben werden, liegt die gleiche Annahme zugrunde: Unter dem durch die kulturelle Evolution ausgebildeten zivilisatorischen Mantel auf unseren Schultern steckt immer noch der von der biologischen Evolution geschaffene und mit rituellen Zeichen versehene Primitive. Aber es bedarf nicht unbedingt eines Endzeitszenarios, um die Frage nach der wahren Natur des Menschen zu stellen. Schon in William Goldings Roman Herr der Fliegen trägt die Katastrophe in Form eines Atomkrieges zur Entwicklung einer dystopischen Gesellschaft unter Kindern und jugendlichen auf einer isolierten und eigentlich idyllischen Insel wenig bei. James Graham Ballard, den man zu den großen Autoren des New Wave der Science Fiction zählen muss, legt in seinem Roman High-Rise (Der Block) dank eines doch recht skurril anmutenden Szenarios den wahren Kern des Menschen bloß, ohne sich einer Apokalypse bedienen zu müssen – und wie bei Golding bricht bei ihm zwangsläufig gleich einem Atavismus die primitive Gewalt aus den bürgerlichen Figuren ins Heute.

Inhalt

Dr. Robert Laing, die Hauptfigur des in London spielenden Romans, bewohnt seit kurzem mit 2000 anderen Vertretern der britischen Mittelschicht ein modernes 40-stöckiges Hochhaus. Das Gebäude beeindruckt die stolzen Besitzer der neuen Eigentumswohnungen vor allem durch seine weitgehende Autarkie. So finden sich in dem Gebäude eigene Schulen für die Kinder, Schwimmbäder, Supermärkte und – ganz oben auf dem Dach – einem Spielplatz für die Kinder. Allerdings bilden sich in der Wohnstruktur des Gebäudes auch die sozialen Unterschiede ab. In den obersten Stockwerken logiert der Architekt des Gebäudes zusammen mit Juwelieren und Bankdirektoren nebst deren Haustieren, während in den unteren Etagen die Angestellten mit ihren Familien wohnen.

Doch schon kurz nachdem das Gebäude vollständig bezogen worden ist, beginnen die Menschen sich zu verändern. Durch Tatsache, dass sie das Hochhaus nur noch verlassen müssen, um ihrer Arbeit nachzukommen, brechen sie nach und nach alle Kontakte nach außen ab. Zudem kommt es zunehmend zu sozialen Spannungen, die sich allerdings zu Beginn noch in relativ harmlosen Neckereien und Streitereien zeigen. Nachdem allerdings ein Hund während eines Stromausfalles im Schwimmbassin ertränkt worden ist, eskaliert die Situation: Schnell bilden sich an Stämme oder Clans erinnernde und sich gegenseitig bekriegende Bündnisse zwischen den einzelnen Etagen, welche später immer weiter zerfallen. Als Konsequenz versinkt das Wohnhaus immer weiter im Chaos und die Bewohner fallen auf eine archaische Zivilisationsstufe zurück, die ihre Zahl nach und nach dezimiert.

Beurteilung

Wie auch bei vielen anderen Romanen Ballards steht in dem 1975 erschienen Werk die Frage nach dem Verhalten des Menschen in einer Extremsituation – hier durch die außergewöhnliche Wohnsituation bedingt – im Zentrum. Dabei schwingen durchaus auch Bedenken an den in den Sechziger und Siebziger Jahren immer beliebter werdenden und weitgehend autark geplanten Wohnsiedlungen in den Großstädten mit (- als Beispiel sei hier das Ihme-Zentrum in Hannover genannt). In Ballards Werk bedarf es nur eine kurzweiligen Ausfalles des Stroms bzw. des Lichts – das hier durchaus als Symbol aufgefasst werden kann – um den modernen Menschen in seinem Handeln endlich zu entgrenzen. Den eigentlichen Grund hierfür sieht Ballard aber in der Bevölkerungsdichte, wie der Titel des ersten Kapitels Kritische Masse deutlich macht. Infolge dessen brechen sich primitive Verhaltensweisen Bahn, die man immer wieder in einer dem Menschen sich selbst entfremdenden Umwelt beobachten kann: Kennzeichnung des Revieres durch symbolische Zeichen, ritualisierte Kriegszüge in das Gebiet der konkurrierenden Gruppe, Herausbildung von Stammesstrukturen um besonders starke bzw. reiche Führer. Also alles das, was man in den amerikanischen und englischen Großstädten schon früh unter Jugendlichen beobachten konnte. All das präsentiert uns Ballard auf kleinstem Raum.

Zur Glaubwürdigkeit des Textes trägt dabei die teilweise sehr deutliche Ratlosigkeit der Figuren gegenüber den eigenen und den fremden Handlungen bei. Mit dem Leser zusammen müssen sie entdecken, dass die Zivilisation sich wie ein Mantel ablegen lässt. Und genauso wie sie am Anfang staunt der Leser über die skurrilen und grotesken Merkwürdigkeiten, mit denen sich die Bewohner des Blocks in ihrer Situation einrichten: Durchbrüche in die Nachbarwohnungen, Ofenrohre durch Fahrstuhldecken, Grenzkontrollen im Treppenhaus… Immer wieder kann man nicht anders als zu schmunzeln und amüsiert den Kopf zu schütteln – aber genauso wie die Figuren fügen wir uns schnell den neuen Gegebenheiten… wirklich überraschend schnell…

Fazit

Ballards Roman Der Block ist ein  teilweise wirklich skurriler, aber immer unterhaltsamer Roman, der uns am Ende sogar aufzeigen will, welche Überlebensstrategie in einer primitiven Umwelt die angemessenste ist. Wenn ihr wissen wollt, welche das ist, solltet ihr Der Block selbst lesen – denn auch wenn es sich hier nicht um ein literarisch herausragendes Werk handelt, Spaß macht das Buch auf jeden Fall.

Stephen Baxter: Die letzte Flut

Was sagen Klappentexte eigentlich aus? Eine Kontrolle anhand Stephen Baxters „Die Flut“. Eine Rezension von Rob Randall

Eine der für mich spannenden Neuerscheinungen dieses Monats war der Katastrophenroman Die letze Flut von Stephen Baxter. Nicht nur, dass der Titel des 750 Seiten umfassenden Werkes vielversprechend verhängnisvoll klingt, auch der Klappentext ließ einiges erwarten:

Die nahe Zukunft: Der Meeresspiegel steigt rasant an. Städte werden überflutet, Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Was ist die Ursache für diese verheerende Flut? Der Klimawandel? Als die Wissenschaftlerin Thandie Jones eine sensationelle Entdeckung macht, beginnt ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit. Denn die Flut bedroht das Überleben der ganzen menschlichen Zivilisation.

Die nahe Zukunft

Obwohl diese drei Wörter den Sachverhalt nicht direkt falsch beschreiben, sind sie doch trügerisch. Zum einen verschleiern sie in ihrer Kürze und Unverbindlichkeit die epischen Dimensionen des Romans – denn die Handlung umfasst den Zeitraum vom Juli 2016 bis zum Mai 2052 – und zum anderen schweigen sie sich bewusst über den Ort des mehrere Generationen umfassenden Geschehens aus. Diesen zu benennen fällt tatsächlich nicht so leicht. Das geht der Protagonistin am Anfang (und am Ende) des Romans übrigens ähnlich: Befindet sich Lily doch zu Beginn in der Hand religiöser Fanatiker irgendwo in Spanien und braucht nach ihrer Befreiung durch die Männer des Milliardärs Nathan Lammockson einige Zeit, um die Folgen der fünfjährigen Geiselhaft zu verarbeiten. Damit sorgt Baxter gleich am Anfang nicht nur für Spannung: Ihm gelingt es so geschickt, den zeitlichen Abstand von 5 Jahren zwischen dem Leser und der fiktionalen Welt zu schließen, indem ersterer mit Lily das erschreckende Novum des Szenarios entdecken lässt:

Der Meeresspiegel steigt rasant an. Städte werden überflutet, Millionen von Menschen sind auf der Flucht

Studien von heute beweisen: Immer häufiger werden die Menschen von Naturkatastrophen getroffen, die man als Folgen der klimatischen Veränderungen interpretieren kann. Als Beispiel dieser Tage ließen sich die  Überflutungen in Australien anführen [Quelle: Spiegel], wenn nicht die immer häufigeren Sturmfluten und immer stärkeren Regenfälle in Bangladesch viel problematischer wären [Quelle: Dierke]. Das Thema des Romans wirkt also auf den ersten Blick höchst aktuell und so scheint es wenigstens nachvollziehbar, wenn ein engagierter Autor in aller Breite  Überschwemmung auf Überschwemmung auf Überschwemmung auf Überschwemmung und die Flucht zu Fuß und die Flucht im Hubschrauber und die Flucht im Boot bis zur totalen Ermüdung des Lesers beschreibt. Nicht dass die von Baxter geschilderten Ereignisse nicht beeindruckend wären,  – sie ähneln sich nur zu stark. Und das jedes Mal, wenn wieder eine Hauptstadt in dem 750-Seiten-Roman versinkt.

Was ist die Ursache für diese verheerende Flut? Der Klimawandel?

Baxters Text scheint auf den ersten Blick engagiert und aktuell – er ist es aber nicht. Denn die Thematisierung der schleichenden ökologischen Veränderungen bereitet  durchaus literarische Probleme. Der momentane Anstieg des Meeresspiegels beträgt heute gerade mal 3,2 mm im Jahr [Quelle: CSIRO Marine and Atmospheric Research]. Damit lässt kein Thriller machen. Aus diesem Grund sucht Baxter leider die Zuflucht in einem Szenario, das entgegen der eigenen Zielsetzung doch höchst unrealistisch wirkt. Ein exponentiell zunehmender Anstieg der Ozeane, der letzten Endes zu einem Meeresspegiel von mehr als 8000 Meter über Normal-Null liegt. Das erinnert ein wenig an das Gedankenexperiment Der Sturm aus dem Nichts von James Graham Ballard – auch dort verdoppelt die Naturgewalt innerhalb eines gewissen Zeitraumes ihr Potential. Allerdings kommt der Roman von Baxter nicht als Experiment daher – dafür spricht schon die Inanspruchnahme moderner Erkenntnisse über im Erdmantel eingeschlossene Wassermassen, die hier das Ende der Menschheit herbeizuführen drohen. Zuletzt bemüht der Autor sogar durch den Mund einer seiner Figuren die von Lynn Margulis und James Lovelock formulierte Gaia-Hypothese, womit der Roman dem Bereich des New-Age am Ende bedrohlich nahe kommt.

Als die Wissenschaftlerin Thandie Jones eine sensationelle Entdeckung macht, beginnt ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit.

Der an die ungeschriebenen Gesetze des Klappentext glaubende Leser könnte eigentlich vermuten, dass Wissenschaftlerin Thandie Jones eine wichtige Figur – eigentlich sogar die Hauptfigur – wäre. Sie ist es aber nicht. Zwar entdeckt diese jene oben genannte Ursache für den Anstieg der Meere und versucht die restlichen auffallend stereotyp und geradezu bösartig borniert gezeichneten “konventionellen” Klimaforscher [Anmerkung: Die Gegner der Gaia-Hypothese?] vergeblich von ihrer Theorie zu überzeugen, aber ansonsten konzentriert sich die multiperspektivisch personal erzählte Handlung eigentlich auf die eingangs erwähnte Pilotin und Ex-Geisel Lily. (Auch wenn hier und da – gerade so, wie man es braucht – andere Figuren als Reflektorfiguren herhalten müssen.) Wir erfahren ein wenig über Lilys vor dem Untergang Londons fliehende Familie, wir entdecken mit ihr und Thandie in den Tiefen des Atlantiks die entsetzliche Wahrheit und wir erleben sie beim häufigen (teilweise geradezu grotesk unglaubwürdig wirkenden) Wiedersehen mit den anderen Geiseln. Bezeichnender Weise stürzt sich Lily – wie übrigens die anderen Figuren auch – zu Ungunsten der vom Autor generell völlig vernachlässigten Handlung  – immer mal wieder in Lebensgefahr und liefert damit beeindruckende Beschreibungen von – genau: Überschwemmungen. In den meisten Fällen verfügt sie dabei übrigens über einen Hubschrauber, weil sich so die zerstörerische Kraft der Naturgewalt im Panorama besser beschreiben lässt.

So wenig wie Thandie also im Zentrum der Handlung steht, so wenig lässt sich das, was Lily erlebt, eigentlich als von ihr beeinflussbar ansehen. Der spannende Wettlauf, den uns der Klappentext verspricht, ist ein quälend oft entfaltetes Fortlaufen vor den unaufhaltsam ansteigenden Wassermassen, der keine Spannung jenseits des eigentlich kurzen, hier aber in seiner ritualisierten Wiederkehr bis an die Grenze des Erträglichen gedehnten Unterganges zulässt. Jenseits diesem gelingt es Baxter insgesamt nicht, eine Handlung zu schaffen, die in der Lage wäre, die zahlreichen und insgesamt mehrere Jahrzehnte Erzählzeit umspannenden Kapitel sinnvoll zu verklammern – und so verlegt er sich auf Tricks: Hin und wieder entführt uns die Odyssee der Figuren an exotische Orte: Die Anden, Tibet, Mexiko und Nepal. Einige Figuren begegnen zudem dem Leser immer wieder und teilweise kommt es unter diesen zu Familiendramen, die dem Niveau heutiger Nachmittagtalkshows in nichts nachstehen: So gelingt es Lily beispielsweise [ACHTUNG: Jetzt wird’s kompliziert!] die der Vergewaltigung durch einen saudischen Prinzen entsprungenen und später entführten Tochter (Grace) einer sich in der Suche nach ihrer Tochter aufopfernden Exgeisel (Helen) an Bord eines Raumschiffes zu bugsieren, weil diese nach der Zwangsheirat mit dem Sohn des auf Fortbestand seines Erbgutes bedachten einstigen Retters Lammockson, auch dessen Gene in sich trägt – womit der seinen Vater hassende Sohn Lammocksons natürlich zurückbleibt, was aber auch nur halb so schlimm ist, denn dieser wollte Grace gar nicht so richtig. Da wäre mir fragmentarisches Erzählen dann tatsächlich lieber gewesen.

Denn die Flut bedroht das Überleben der ganzen menschlichen Zivilisation

Den Inhalt des Romans Die letzte Flut empfand ich – entgegen der sprachlichen Gestaltung übrigens – als völlig unbefriedigend. Der letzte Satz des so neugierig machenden Klappentextes hätte eigentlich zur Gänze ausgereicht, um den Inhalt von Die letzte Flut in angemessener Weise zu beschreiben. Vielleicht hätte man diesen auch einfach mehrfach hintereinander abdrucken sollen. Und das immer wieder.

Boom dystopischer Jugendliteratur

Zum Boom dystopischer Jugendliteratur

Im Jahr 2010 sind im englischsprachigen Raum eine ganze Reihe überaus erfolgreicher Jugendromane erschienen, die darauf hindeuten, dass sich das Genre wachsender Beliebtheit unter Kindern und Jugendlichen erfreut, so dass Maggie Normile sogar hofft, diese Art der Jugendliteratur würde those blood suckers [Anmerkung: Edward und Co.] off the shelves of bookstores everywhere knocken. Ob der Trend tatsächlich tatsächlich so etwas erwarten lässt, kann ich nicht beurteilen – aber ihr hier nachlesen:

Mit Phänomen beschäftigt sich allgemein der Artikel Dystopia: The new Trend in Young Adult Literatur von Maggie Normile.

Anhand einiger Beispiele untersucht der Artikel Fresh Hell von Laura Miller recht tiefgehend Unterschiede zwischen bzw. Gemeinsamkeiten von dystopischen Romanen für Erwachsene und dystopischen Romanen für Jugendliche.

Im Artikel Beth Revis discusses Dystopias werden kurz die positiven Aspekte dystopischer Jugendliteratur diskutiert.

Frank G. Slaughter: Das Pestschiff

Superarzt Grant unter Primitiven: Stephen Slaughters „Das Pestschiff“. Eine Rezension von Rob Randall

 Ich muss gleich zu Beginn eingestehen: Ich habe den Roman Das Pestschiff von Frank G. Slaughter nur zur Hand genommen, weil er irgendwie in meiner WuB (Wand ungelesener Bücher) gelandet ist. Mir sagte der Name des amerikanische Autors überhaupt nichts – und das, obwohl der ehemalige Arzt 56 Romane geschrieben und davon offensichtlich über 60 Millionen Exemplare verkauft hat. Dann musste ich jedoch auch erfahren, dass von diesen gut 5 Dutzend Romanen, die der Mann sich im Schweiße seines Angesichts abgerungen hat, schon heute kein einziger mehr im deutschsprachigen Raum lieferbar ist – genauso wenig, wie sich im Internet eine deutsche Rezension zu dem 1976 erschienenen Roman Das Pestschiff finden lässt. Worüber ließ das jetzt Aussagen zu? Über die Qualität des Romans? Über das Niveau deutscher Verlage bzw. deutscher Leser? Oder über mich, der ich den Mann nicht kannte?

Ein ganze Menge Inhalt

Ganz im Stile des nach dem Kriege auch in Deutschland so erfolgreichen Arztromans steht im Zentrum der Handlung der erfahrene Immunologe und Nobelpreisträger Dr. Grant Reed, welcher von der verführerisch schönen Lael, der Assistentin seines Bruders Guy, in die peruanische Hafenstadt Chimbote gerufen wird, weil dieser aufgrund einer unbekannten Krankheit auf dem Lazarettschiff Mary mit dem Tode ringt. In weniger als 24 Stunden verdichten sich die Vermutungen des immer souveränen Grant Reed zu einem Gesamtbild: Sein Bruder hatte eine Beziehung mit Lael.

Nach und nach erfährt der Protagonist die doch recht geheimnisvoll anmutenden Fakten: Bei einer archäologischen Grabung haben Guy und Lael ein antikes Massengrab angebohrt und dadurch – so die Vermutung des nie irrenden Grants – einen uralten Erreger freigesetzt. Tatsächlich bestätigen weitere Krankheits- und Todesfälle im Grabungsteam seine Befürchtungen: Ein 5000 Jahre alter Killer grassiert in den Armenvierteln von Chimbote. Und weil Grant aufgrund seiner in Afrika gewonnenen Erfahrungen über eine Art prophetischer Weitsicht verfügt, weiß er selbstverständlich auch, auf welchen Wegen der Erreger sich in die nahegelegenen Städte ausbreiten wird – was dann auch geschieht, weil die Behörden natürlich – aber auch das hat Grant antizipiert – aus ökonomischen Gründen viel zu spät seine äußerst sinnvollen und unbestreitbar richtigen Forderungen nach der Isolation des betroffenen Gebietes erfüllen. Allerdings breitet sich die eigentlich immer noch lokal begrenzte Seuche schneller als gedacht zur Pandemie aus, weil eine von Guy in die Staaten geschickte Probe kontaminiert gewesen ist. Grant weiß: Das könnte das Ende sein, wenn nicht schnell ein Gegenmittel gefunden wird.

Dem abgebrühten Super-Arzt Grant gelingt es zwar trotz seiner unerschütterlichen Ruhe nicht, seinen Bruder zu retten, allerdings lässt er den Toten noch tüchtig zur Ader, um die Besatzung des Schiffes und die behandelnden Ärzte, die neben Grant beinhahe wie Statisten wirken, eine Zeit lang zu immunisieren, bis ein wirkliches Gegenmittel gefunden ist. Dabei verkomplizieren drei Dinge allerdings zunehmend das Geschehen: Zum einen arbeiten die in den Slums von Chibote gegen Grant agitierenden Medizinmänner diesem entgegen – so dass das Schiff den Hafen letztendlich vor dem aufgebrachten Pöbel fliehend verlassen muss – und zum anderen fällt er mit der heißen Assistentin seines noch gar nicht so lange kalten Bruders während eines Sturms buchstäblich in die Koje. Wirklich hindern kann das Grant auf dem Weg zu seinem zweiten Nobelpreis natürlich ebensowenig wie die zu meutern beginnenden Indios auf dem Schiff oder die überraschende Ankunft seiner Noch-Ehefrau (dem ‘Luder’), denn deus-ex-machina liegt plötzlich die Rettung der Welt auf der Hand – pardon: in Grants Hand.

Super-Grant

Slaughter hat in den überwiegend personal erzählten Roman, wie man sieht, eine ganze Menge hineingepackt, um die Handlung zu verkomplizieren – nur leider keine mitreißende Beschreibung der Epidemie geliefert, obwohl das durchaus drin gewesen wäre. Denn er konzentriert sich ganz auf die Bemühungen des Super-Arztes Grant. So erlebt der eben nicht mitfiebernde Leser die Pandemie und ihre Auswirkungen auch nicht, sondern muss sich durch die sehr ausführlichen und manchmal ermüdend ins Detail gehenden medizinischen und wissenschaftlichen Beschreibungen Grants (deren Plausibilität ich nicht beurteilen kann) während dessen Arbeit auf dem im Pazifik dahin dümpelnden Schiff kämpfen. Slaughter gestaltet seinen Helden dabei mit einer Kaltschnäuzigkeit und prophetischen Weitsicht aus, die ihn bald nicht mehr als Sympathieträger wirken lassen. Der Autor scheut sich auch nicht, das gänzlich Unwahrscheinliche so abrupt einzuführen, dass man als Leser weniger über die Gefährlichkeit der Seuche als über die zunehmende Arroganz der Figur Grant staunt, beispielsweise als er erfährt, was im Hochsicherheitslabor (heißes Labor) in den U.S.A. geschehen ist:

“Gestern habe ich einen Funkspruch an Marshall losgelassen und ihn dasselbe gefragt. Heute früh hat er durchgegeben, daß sie auf der Stelle treten und sich rein gar nichts tut – mit Ausnahme der Tatsache, daß zwei Mitarbeiter des ‘heißen Labors’ erkrankt sind, vermutlich am Yungay-Fieber. “Das ‘heiße Labor’ bietet den überhaupt höchsten Schutz für Menschen und Mikroorganismen”, sagte Grant deprimiert. “Das bestätigt nur die Auffassung, zu der ich schon auf unserem technisch nicht feudalen Schiff gekommen bin: Wir haben es mit einem Erreger zu tun, der alle von Menschenhand errichteten Schranken überwinden kann.”

Und das, wohl gemerkt, obwohl es vorher keinen einzigen Hinweis für ein solches Verhalten des durch die Luft übertragbaren Erregers gegeben hat – aber das wäre alles ja nur halb so schlimm, wenn Slaughter einen arroganten unsympathischen Helden hätte gestalten wollen. Aber die mehrfache Präsentation der unbedarften Indios und der diese aus niederen Beweggründen gegen die ‘vernünftigen’ weißen Ärzte und ihre überlegene Wissenschaft aufhetzenden Heiler durch den amerikanischen Mediziner Slaughter spricht dafür, dass hier sprachlich anspruchslos auch ein berufsständisches und kulturelles Selbstbild transportiert wird, welches ich in einem Roman von 1900, aber nicht mehr in einem von 1976 erwartet hätte.

Fazit

Gott sei Dank hat Slaughter davon abgesehen, den Roman auktorial  erzählen zu wollen, sonst wäre Das Pestschiff aufgrund der oben angeführten Gründe wahrscheinlich im literarischen Giftschrank gelandet. Das dürfte auch letztendlich die Ursache dafür sein, dass der Roman in Deutschland nicht mehr aufgelegt wird. Aber auch die fehlende Spannung, die langen dialogischen Abschnitte und medizinischen Ausführungen sowie die auf die Bemühungen Super-Grants beschränkte Präsentation der Seuche sollten einen davon Abstand nehmen lassen, das antiquarisch noch erhältliche Buch zu lesen, weil man man sich für das Thema Pandemie interessiert – selbst wenn man noch an die weißen Götter in Weiß glaubt.