Jeff Carlson: Nano

Auch wenn Richard Feynmans Rede There’s Plenty of Room at the Bottom, auf die häufig als Gründungsschrift der Nanotechnologie referiert wird, aus dem Jahr 1958 datiert, so sind deren Aussagen nicht weniger gültig: Die Miniaturisierung der Technik ist noch längst nicht an ein Ende gekommen. Und wie 1957 schon Ernst Jünger in seiner visionären Erzählung Gläserne Bienen deutlich machte, bergen bis ins Mikroskopische verkleinerte Maschinen – heute würde man sie in ihrer kleinsten Form Nanobots oder Naniten nennen – durchaus Gefahren. War es bei Jünger allerdings noch der mögliche (kriminelle) Einsatz von Kleinstrobotern, der die Phantasie beschäftigte, so warnte der Nanotechnologe Eric Drexler in seinem Buch Engines of Creation (1985) aufgrund der möglichen Entwicklung von sich selbst vervielfältigenden Maschinen vor der Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung und Aufzehrung der Welt. So weit wie Drexler, der in einem Grey Goo (Grauer Schleim) genannten Gedankenexperiment zu zeigen versuchte, dass innerhalb von 48 Stunden Nanobots unsere Welt vollständig vernichten könnten, geht der 2007 erschienene Roman Nano von Jeff Carlson aber nicht. Er gehört zu einer bisher dreiteiligen Reihe, die in einer von Nanobots “nur” verseuchten, für Menschen größtenteils unbewohnbar gewordenen Welt spielt: Nano (Plague Year, 2007), Plasma (Plague War, 2008) und Infekt (Plague Zone, 2009).

Inhalt

Nano ist zwar ein nach bekannten Mustern gestrickter Thriller,  dafür ist er aber solide gemacht. Wie so oft konzentriert sich die Handlung nicht alleine auf eine Hauptfigur, sondern wird personal aus der Perspektive zweier Figuren – in diesem Falle Cam und Ruth – erzählt. Dabei stehen die beiden Protagonisten zu Beginn in keinem ersichtlichen Zusammenhang – wenn man einmal davon absieht, dass der junge ehemalige Skilehrer Cam in mehreren tausend Metern Höhe mit anderen Flüchtlingen um sein Überleben kämpft, während die Wissenschaftlerin Ruth in der Endevour die Erde umkreist und versucht, mithilfe der Nanotechnologie ein Mittel gegen die tödlichen Nanobots zu finden, welche alle Menschen, so sie sich denn nicht in die Bergregionen der Erde retten konnten, grausam getötet haben.

Der sich teilweise schon kannibalistisch ernährenden Gemeinschaft um Cam eröffnet sich zu Beginn des Romans die verlockende Möglichkeit, zu einer anderen Gruppe zu stoßen, die (eigentlich nicht weit entfernt) unter besseren Bedingungen auf einem anderen Berggipfel Kaliforniens lebt. Hierzu muss sie aber innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums die dazwischenliegenden Täler durchqueren, was sich angesichts gruppeninterner Konflikte, hungriger Insekten und tödlichen Nanobots als kaum zu bewältigende Herausforderung erweist.

Ruth muss nach ihrer Rückkehr auf die Erde entsetzt feststellen, dass die provisorische Regierung der U.S.A. ihre bisherigen und auch zukünftigen Forschungsergebnisse nicht nutzen will, um die ganze Menschheit zu retten. Nicht nur, dass diese neue Nanobots als Massenvernichtungswaffen gegen “abtrünnige” US-Bürger einsetzt, sie will zudem auch ausschließlich ihre loyalen Anhänger mit einem möglichen Gegenmittel ausstatten – die Millionen anderen Überlebenden sollen einem langsamen Siechtum in ihren Enklaven überlassen werden. Noch ist die Rettung aber nicht gefunden. Ein Funkspruch aus Kalifornien macht aber Hoffnung: Ein an der Entwicklung der tödlichen Seuche beteiligter Wissenschaftler bietet für seine Aufnahme in das noch von der Regierung verwaltete Gebiet sein Wissen an. Ruth und eine ganze Reihe anderer Verschwörer sehen sich vor die Herausforderung gestellt, die Informationen des Mannes an sich und vor der Regierung in Sicherheit zu bringen.

Beurteilung

Die von Carlson geschilderte Katastrophe scheint im Bereich des Möglichen zu liegen und die geschilderten Lebensbedingungen der wenigen Überlebenden in den kalten Bergregionen wirken durchaus realistisch. Der einzige Schwachpunkt scheint mir hier das unrealistische Verhalten der überlebenden Tierwelt zu sein, aber vielleicht hat sich der Autor ja von dem Film Die Mörderameisen inspirieren lassen. Und wenn sich Ameisen schon so verhalten – warum nicht auch Mördermücken. Nun gut.

Carlson hat sich Mühe gegeben: Cam leidet an Gewissensbissen aufgrund der im Existenzkampf begangenen Morde und Ruth an einer unerwiderten Liebe. Vor allem Cam zeigt Schwächen und wirkt nicht wie der stereotype Held. Insofern gewinnen die Figuren wenigstens in Ansätzen zwischen den zahlreichen actiongeladenen Sequenzen Tiefe.  Und die Handlung macht dem Genre Thriller wirklich alle Ehre. Nicht nur, dass die Mitglieder der Gruppe um Cam sich zu massakrieren beginnen und zeitgleich in einer tödlichen Umwelt ums Überleben kämpfen müssen, Ruth hat es auch noch mit einer skrupellosen Regierung zu tun, deren Handeln wie ihr eigenes durchaus Verschwörungscharakter besitzt. Und natürlich kommt es auch hier zu zahllosen Schießereien: Nano ist also eine Mischung aus Verschwörungs-, Öko-, und Katastrophenthriller,  die durchaus zu fesseln vermag, wenn man diesen Genres zugeneigt ist, und kann innerhalb der durch die Gattung gezogenen Grenzen durchaus als gelungen bezeichnet werden.

Nachdem ich dieses Jahr gut zwei Dutzend Thriller gelesen habe, muss ich feststellen, dass sich bei mir langsam Ermüdungserscheinungen einstellen, weil das konventionelle Erzählen innerhalb der Genregrenzen – und sei es auch so handwerklich sauber gemacht wie in Nano – mich zu langweilen beginnt. Dazu tragen sowohl die einander immer ähnlichen Erzählmuster (siehe: Peter Schwindt: SchwarzfallKarl Olsberg: Schwarzer RegenKyle Mills: Global Warning) als auch die stereotypen Motive bei: Die gute Wissenschaftlerin oder der gute Wissenschaftler, die bzw. der eine rätselhafte Seuche besiegen will, sowie die böse unmoralische Regierung respektive deren Organe (siehe: Lori Andrews: EpidemieKyle Mills: Global Warning) und das uneinsichtige, allein durch Machtinteresse motivierte Verhalten der US-Regierung (siehe: Frank Herbert: Die weiße PestEric L. Harry: Gegenschlag). Das kann man aber Jeff Carlson nicht anlasten,  er bedient mit Nano die genrespezifischen Leseerwartungen des Publikums in kalkulierter Weise. Und weil er keine Experimente wagt, wird er dieses vermutlich auch mit dem Nachfolger Plasma auch nicht enttäuschen.

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