Karel Čapek: Das Absolutum oder Die Gottesfabrik

Eine Zukunftsvision ganz eigener Art legte der tschechische Schriftsteller Karel Čapek im Jahre 1922 vor. In seinem Roman Das Absolutum oder die Gottesfabrik – unter diesem Titel erschien auch die deutsche Erstausgabe 1924 – schildert er die Gefahren der Umwandlung von Materie in Energie. Allerdings führt die praktische Anwendung der seit 1905 bekannten Theorie der Äquivalenz von Masse und Energie nicht zu einer nuklearen Katastrophe – dafür ist der Roman dann doch noch etwas zu früh -, sondern überraschenderweise zu einer religiösen bzw. einer gesellschaftlichen, an deren Ende die Umwälzung des ganzen Planeten steht.

Der Inhalt

Der Fabrikant Bondy wird durch eine Zeitungsannonce auf die Erfindung Ingenieurs Marek aufmerksam, welche nach dessen Aussagen in der Lage ist, Masse rückstandslos in Energie zu verwandeln. Der Geschäftsmann Bondy erkennt sofort, welche Verdienstmöglichkeiten sich ihm hier bieten, und beschließt, Mareks Maschine  – den Karburator – in großen Mengen produzieren zu lassen. Wider besseren Wissens ignoriert er dabei die Tatsache, dass durch das angewandte Verfahren der in der Materie ‘gefangene Geist’ Gottes – Das Absolutum – freigesetzt wird. So kommt es, wie es kommen muss: Überall dort, wo Karburatoren in Betrieb genommen werden, überfällt der religiöse Eifer die Menschen wie ein Fieber. Machen die ersten Äußerungsformen des Absolutums (Wunderwirken, Levitation, prophetische Visionen) noch einen einigermaßen harmlosen Eindruck, so wird bald deutlich, dass das sich wie Gas verbreitende Fluidum die menschliche Gesellschaft in ihren Grundfesten bedroht: Erleuchtete Fabrikanten verschenken ihre unter der schöpferischen Führung des Absolutums ohne Pause laufenden Fabriken an die betenden Arbeiter, der Handel bricht infolge mangelnden Interesses seitens der bekehrten Kaufleute und eines stetig wachsenden Überangebotes zusammen und religiöse Gruppen beginnen einander zu massakrieren. Zuletzt bricht ein Krieg von unglaublichen Ausmaßen aus, welcher das Angesicht des Planeten für immer verändert.

Beurteilung

Čapeks überraschende Zukunftsvision ist zwar nicht ganz ernst gemeint – aber völlig ohne Tiefgang ist sie nicht. In amüsanter Weise macht sich der Autor über die ideologischen Eiferer und Sektierer seiner Zeit lustig – und sie alle kriegen ihr Fett weg:  Die Katholiken, die Orthodoxen, die Protestanten, die Freimaurer, die Sozialisten, die Kommunisten und die MonarchistenDabei führt Čapek alle diese Erscheinungen auf den gleichen Urgrund zurück: den IdealismusDie Menschen entscheiden sich aber nicht für ihn, sondern er fällt sie gleichsam an – selbst auf einsamen Südseeinseln: „Sie sind ein anständiger Mensch, Kaptän, aber möglich, dass sie mich für eine prinzipielle nautische Frage auffressen würden. Ich glaube ihnen nicht mehr. „Sie haben Recht“, knurrte der Kapitän. „Wenn ich sie so anschaue, glaube ich, dass ich…“ „…ein wütender Antisemit bin, ich weiß es. Das macht nichts, ich habe mich taufen lassen. Aber wissen sie, Kapitän, was in diese schwarzen Wursteln gefahren ist? Gestern fischten sie ein japanisches atomisches Torpedo aus dem Meer. Sie haben es dort unter der Kokospalme aufgestellt und neigen sich jetzt davor. Sie haben jetzt ihren Gott. Sie müssen uns auffressen.“Aus dem Mangrovenwald klang Kriegsgeschrei. […] „Hören sie“, flüsterte Bondy, „können wir nicht zu ihrem Glauben übertreten?“ Insofern erscheint der Idealist jeglicher Couleur hier nicht nur als bedauernswertes Opfer, sondern ebenfalls als Objekt des Spottes. Man könnte beinahe Mitleid mit den Beteiligten des kleinen Religionskrieges haben, der sich zwischen den Anhängern eines wunderwirkenden Karussells und eines besessenen Flussbaggers entspinnt – wenn das Geschilderte nicht so grotesk und lustig wäre.

Die Sprache des Romans wirkt auf mich an einigen Stellen sehr ungewöhnlich und an anderen ziemlich altbacken. Vermutlich wurde für meine Ausgabe auf die Übersetzung aus dem Jahr 1924 zurückgegriffen. Die Auffälligkeiten verleihen dem Geschehen zwar etwas zeitlichen Colorit, schieben sich aber an einigen Stellen doch unangenehm in den Vordergrund, zumal auch häufig dialektale Abweichungen vom Gewohnten festgestellt werden können. Das schmälert aber den Unterhaltungswert des Romanes dankenswerter Weise noch nicht.

Fazit

Auf knapp 150 Seiten setzt Čapek in gelungener Weise die opferbereiten Überzeugungstäter aller Zeiten und aller Länder seinem feinen Spott ausUnd so grotesk die geschilderten Ereignisse auch sein mögen  – so unterhaltsam sind sie auch. Wer also in der kommenden Weihnachtszeit Gefahr laufen sollteeinem wie auch immer gearteten Idealismus oder der Langeweile anheim zu fallen, der nehme als Gegenmittel ruhig Das Absolutum oder Die Gottesfabrik zur Hand.

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