Vladimir Sorokin: Der Tag des Opritschniks

Die Erfahrungen Russlands mit der Demokratie sind kurz: Einige wenige Monate im Jahre 1917 von der Februarrevolution bis zur Oktoberrevolution sowie die Jahre seit der Auflösung der U.D.S.S.R unter JelzinPutin und Medwedew – wenn man das denn nach westlichem Verständnis Demokratie nennen kann. Die zahlreichen kritikwürdigen Punkte des – freundlich ausgedrückt – höchst paternalistisch wirkenden Systems und die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen spiegelt der russische Skandalautor Vladimir Sorokin in seinem interessanten dystopischen Roman Der Tag des Opritschniks in das Jahre 2027.

Russland wird zu diesem Zeitpunkt von seinem Monarchen, dem Gossudar, absolutistisch regiert. Wie ein solches Regiment überhaupt möglich geworden ist, erklärt sich aus der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Bevölkerung bzw. der Figuren. Das für sie in wirtschaftlicher und politischer Bedeutungslosigkeit versunkene demokratische Europa ist nicht nur nicht attraktiv – es wird als degeneriert und zunehmend afrikanisiert wahrgenommen. Von diesem Westen hat sich das überlegen glaubende Russland unter dem Gossudar, wie schon unter Iwan dem Schrecklichen und unter Stalin, abgeschottet, die Bevölkerung sogar freiwillig ihre Reisepässe verbrannt. Und immer wieder zeigt der russische Bär dem zahnlosen Europa seine Macht, indem er die Gas- und Erdöllieferungen gen Westen unterbricht. Der mit Nationalismus und Rassismus einhergehende heutige russische Isolationismus, den Sorokin hier kritisiert, macht bei ihm überraschenderweise gen Osten – zum kommunistischen China hin –  eine Ausnahme. Es ist die chinesische Kultur, die sich, getragen von der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung des Reiches der Mitte, zunehmend im Umgang, in der Sprache und am Inventar der Machteliten des Landes zeigt und so auch zu einer Umorientierung des Staates führt. Eine Voraussage, die sich angesichts des Bedeutungsgewinns Chinas in den letzten Jahren unter bestimmten Bedingungen durchaus erfüllen könnte.

So unspektakulär diese Annahmen Sorokins auch erst einmal scheinen – Der Tag des Opitschniks hebt sich deutlich von den klassischen Dystopien ab:

Erst ein Peitschenhieb, dann ein Schrei. Noch ein Hieb. Ein Stöhnen. Nach dem dritten Hieb ein Röcheln. Den Klingelton hat Pojarok in der geheimen Kanzlei mitgeschnitten, als sie einen Wojewoden aus Fernost folterten. Musik, die einen Toten aufweckt.

Erwartet der Leser eines antiutopischen Romans normalerweise als Protagonisten einen sich im Verlauf der Handlung gegen das System stellenden  Sympathieträger, so wird schon auf der ersten Seite dieser utopischen Satire deutlich, dass der Ich-Erzähler Danilowitsch Komjaga, ein ziemlich unkritischer Scherge des Gossudaren, diese in ihn gesetzten Erwartung nicht erfüllen wird. Er hat nicht nur seine diebische Freude an den im Dienst begangenen Gewaltexzessen, wenn er mit seinen Kameraden gleich vormittags einen in Ungnade Gefallenen auf seinem Anwesen hängt, sondern auch an der üblichen Gruppenvergewaltigung von dessen Ehefrau. Denn Komjaga ist ein Opritschnik. Waren die Opritschniki im 16. Jahrhundert die brutale Antwort Iwan des Schrecklichen auf die für ihn bedrohliche Macht des Grundadels, der Bojaren, so verfolgt diese verschworene Gemeinschaftim Jahre 2027 diejenigen, die des gerechten Herrschers Missgunst trifft – und führt ebenfalls wie das historische Vorbild Hundekopf und Besen als Zeichen der Macht. Und natürlich geht Komjaga auch an diesem Montagmorgen in die Messe, wie es schon immer Sitte des Landes gewesen ist. Sorokins psychologische Studie stellt somit insgesamt nicht nur die Frage nach dem Ursprung der im russischen Alltag häufig gegenwärtig scheinenden Gewalt – er kritisiert auch die damit verbundene Scheinheiligkeit.

Wenig später begleitet der Leser Komjaga nach Orenburg, wo er chinesischen Händlern unrechtmäßig ein zweites Mal den Zoll abzupressen sucht. Und nach seiner Rückkehr kann man verfolgen, wie er eine Schauspielerin um tausende von Goldrubel dafür erleichtert, dass eine Freundin aus einem Ermittlungsverfahren der Staatsorgane herausgehalten wird. Dabei springt zwar auch für ihn selber am Ende etwas heraus, doch die hier allgegenwärtige Korruption ist ein existentieller Bestandteil des durch den Gossudaren geschützten oligarchischen Systems, das sich in der Oprischnina manifestiert, und dient dessen Finanzierung. Deutlich wird, dass Sorokin in seinem Werk die aus Wirtschaft, Geheimdienst und Partei stammenden Oligarchen des postkommunistischen Russlands  nachzeichnet, die sich – von der Machtspitze scheinbar geduldet – im heutigen Russland bereichern können und dabei auch vor kriminellen Taten nicht zurückschrecken. Und Sorokin zeigt, wie sich der starke Mann ihrer bedient, wie er Gunst verteilt – und wieder nimmt. So wohnt der Leser am Ende des Tages nicht nur einer homosexuellen Orgie in der Privatsauna des Anführers der Opritschniki – dem Alten – bei, sondern auch einem gemeinschaftlichen Mord an einem die Opritschniki um Hilfe bittenden Familienmitglied des Gossudaren, das vor wenigen Stunden aufgrund von Verfehlungen gegen das Eigentum des Staates fallen gelassen worden ist. Denn der Staat bin ich – oder auf russisch: Die Kuh Russland wird von den Mächtigen immer tüchtig gemolken, denn sie ist ihr Eigentum.

So wie Solschenizyn 1962 Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch ausreichte, um die entsetzlichen Verbrechen des Gulagsystems in der stalinistischen U.D.S.S.R. bloßzulegen, so genügt Sorokin, der schon im Titel auf das beeindruckende Werk des Nobelpreisträgers anspielt, diese zeitliche Begrenzung für sein gelungenes Vorhaben, das heutige Russland zu in satirischer Übertreibung zu analysieren und vor der weiteren möglichen Entwicklungen zu warnen, ebenfalls. Dadurch gerät der Roman übrigens auch recht kurz, er umfasst gerade mal 220 Seiten.

Als wäre das alleine nicht schon skandalträchtig genug, kann es Sorokin es nicht lassen und gestaltet die homosexuelle Orgie, die ein wenig an die Ford’schen Vereinigungszeremonien aus Huxley Brave New World gemahnt, sprachgewaltig aus: Der Alte hat den ersten Schritt getan. Und wir alle rücken ihm, dem Kopf der Raupe, nach […] So folgen wir dem Alten Schritt um Schritt. Tritt um Tritt. Im Tausendfüßlerschritt… So setzt Sorokin zuletzt die brutalen Figuren in der sprachlich und bildlich geradezu grotesken Überzeichnung der Männerbünde zusammenhaltenden Bindungskräfte einem bitteren Spott aus. Und garantiert seinem Werk Aufmerksamkeit, Protest und Schlagzeilen. Geschickt.

Man kann Sorokin durchaus unterstellen, dass er in Der Tag des Opritschniks männliche Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien auslebt und sprachlich vom Derben und Schlichten manchmal ins Vulgäre abrutscht [siehe: Rezension Evelyn Fingers in Die Zeit] – aber dann muss man auch sagen: Dadurch wird der Wert des hier vorliegenden Romanes aber nicht geschmälert, zumal die Gewalt im Roman immer derart grotesk verfremdet präsentiert wird, dass sie nicht, wie in literarisch wenig wertvollen Werken, abstandslos rezipiert werden kann. Sicher bedient Sorokin unverhältnismäßig stark bekannte Klischees über Russland und den “Iwan” [siehe auch hierzu die Rezension Evelyn Fingers in Die Zeit] – aber auch diese überzeichnet er so stark, dass man sie nicht mehr für bare Münze nehmen, sondern nur über sie schmunzeln kann. Und schließlich steht im Zentrum des Romans auch die Frage nach der Volksseele – von der wir doch alle schon lange wissen, dass es sie nicht gibt, nicht geben kann – auch wenn der große Philosoph Nietzsche einst die Behauptung “Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder” in Zweifel zog, indem er humorvoll fragte: “Warum singt der Russe dann?”

Fazit

Der Tag des Opritschniks von Vladimir Sorokin ist ein durchaus unterhaltsamer – weil auch bewusst provozierender – Roman,  der seinen Wert nicht zuletzt aus bitterbösen Zuspitzungen gewinnt. Wer also Gefallen an teilweise beißendem Spott findet und sich durch den provozierenden und teilweise auch derben Inhalt nicht abgeschrecken lässt, der sollte den Roman einmal lesen.

Alfred Kubin: Die andere Seite

Im Rowohlt Verlag wurde dieses Jahr endlich eine Dystopie wieder neu aufgelegt, die bei ihrem erstmaligen Erscheinen 1909 Begeisterung bei vielen Künstlern und Intelektuellen auslöste und die auch heute noch zu den großen phantastischen Romanen der deutschen Literatur [Quelle: Kindlers Literaturlexikon] gehört: Alfred Kubins phantastischer Roman Die andere Seite, der nachhaltig Einfluss auf Gustav Meyrink, Hermann Kasack und Franz Kafka ausgeübt hat.

Inhalt

Der aus Salzburg stammende Ich-Erzähler berichtet, wie er eines Tages von einem Boten seines ehemaligen Schulfreundes Claus Patera Besuch erhält. Dieser eröffnet ihm, dass sein Herr in China zu unermesslichen Reichtümern gelangt sei und in den letzten Jahren einen nach außen abgeschotteten Staat aufgebaut habe: Das TraumreichPatera lade ihn ein, in diesem bzw. dessen Hauptstadt Perle zu leben, jedoch müsse er absolutes Stillschweigen über das Traumreich bewahren. Die anfänglichen Zweifel des Protagonisten am Wahrheitsgehalt der Einladung werden durch ein überaus großzügiges Reisegeld zerstreut – so macht er sich, nachdem er seinen Haushalt in Österreich aufgelöst hat, mit seiner Frau auf den Weg nach Samarkand, wo ihn die Diener Pateras erwarten. Dort teilt man ihm und seiner Frau mit, dass das Traumland nur zwei Tagesreisen entfernt liege – da beide jedoch beinahe die ganze Reise über schlafen, vermögen sie nicht zu sagen, ob dieses tatsächlich zutrifft.

Mussten sie in Samakand schon eine genaue Kontrolle über sich ergehen lassen, weil in Pateras Traumreich keine neuwertigen Gegenstände erlaubt sind, so wirkt die Stadt auf die beiden äußerst merkwürdig: Das Land selbst wird von einer äußert hohen Mauer umgeben, die Hauptstadt besteht aus in ganz Europa erworbenen und nach Perle verbrachten Gebäuden, die Einwohner tragen nur Kleidung aus den vergangenen Jahrhunderten, zudem scheint Geld recht wenig zu bedeuten, verliert es doch derjenige, der dieses in Übermaßen anhäuft, gleich wieder, wohingegen dem, der plötzlich keines mehr besitzt, die Existenz durch glückliche Zufälle bewahrt wird. Sämtliche Versuche des Protagonisten, der kurz nach seiner Ankunft auf geradezu rätselhafte Weise eine Wohnung und eine Anstellung als Illustrator bei einer Zeitung erhalten hat, eine Audienz bei seinem einstigen Schulfreund und jetzigen Alleinherrscher über das Traumland zu bekommen, schlagen – anscheinend aufgrund einer unglaublichen Bürokratie – jahrelang fehl.

Das Unbehagen des Ich-Erzählers und seiner Frau aufgrund der rätselhaften Vorkommnisse steigert sich im Laufe der Jahre aber noch: Zu rätselhaft sind die zahlreichen Vorkommnisse, für die es keine natürliche Erklärung zu geben scheint: Haushaltshilfen, die jeden Tag eine andere Person zu sein scheinen, ein rätselhafter Kult um eine Turmuhr und seltsame Geräusche aus einem Brunnen im Hofe eines Nachbarhauses sind nur wenige unerklärliche “Erscheinungen”, unter denen die beiden zu leiden haben. Der sich verschlechternde Gesundheitszustand der beiden führt im weiteren Verlauf dann tatsächlich sogar zum Tode der Ehefrau.

Vereinsamt, verzweifelt und verbittert, beginnt der Ich-Erzähler langsam zu ahnen, in was für einem Staat er sich befindet: In einen Land, in dem ein diktatorisch regierender “Gottkaiser” mittels übersinnlicher Kräfte nicht nur bis in die kleinsten Dinge des Alltages hinein die Menschen überwacht, sondern zudem in der Lage ist, deren Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und zu manipulieren – bis der amerikanische Büchsenfleischfabrikant und Milliardär Herkules Bell den Kampf gegen den Autokraten und sein System aufnimmt…

Über die Schwelle der Moderne

Die andere Seite ist ein Roman, dem man seine 100 Jahre, die er auf dem Buckel hat, durchaus anmerkt. Nicht nur, weil sich überall (nur teilweise ironische) Anklänge an die Vorlieben der vorletzten Jahrhundertwende und satirische Anspielungen auf Probleme in der österreichisch-ungarischen K.-und-K.-Monarchie finden lassen, sondern auch in der in der Anlage der Dystopie selbst. Dennoch scheint er wegweisend:

Kubin entwirft zwar ganz nach dem bekannten klassischen Schema einen fernen isolierten Ort, dessen Lage nicht genau lokalisiert werden kann, gestaltet diesen dann aber gänzlich irreal und in hohem Grade grotesk als Traumland aus (Sigmund Freud hatte schon 1900 seine Traumdeutung veröffentlicht), wodurch dieser den Charakter einer Parallelwelt annimmt. In dieser spiegelt der Autor auch kritisch die Erscheinungen seiner Zeit. Ebenso wie die greise K.-und-K.-Monarchie Österreichs stützt sich der scheinbar unerreichbare Alleinherrscher Patera sichtbar alleine auf Militär und Bürokratie. Und der zeitgenössische österreichische Leser wird in der scheinbaren Verwaltung des Traumlandes (die Akten wurden aus Europa als Requisiten angekauft) ebenso unschwer wie in Kafkas Romanen die unglaublich lästige und bis ans Groteske grenzende Bürokratie seiner Donaumonarchie wiedererkannt haben: “Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie bei sich?” So kurz angebunden wie draußen war man hier nicht, im Gegenteil, die Auskünfte schäumten: “Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie außer Ihrem Geburts-, Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16 machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und den Besitz von Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich.” Und darüber kann, wie auch über vieles Anderes in Perle, sogar noch der heutige Leser verbittert schmunzeln.

Der dreiteilige Roman (der 1. Teil berichtet über die Einladung, der 2. Teil über das Leben in Perle) schildert zuletzt in allen Einzelheiten den Untergang des geheimnisvollen Traumreiches. So großartig die Bilder und die metaphernreiche Darstellung – ebenso wie in den vorhergehenden Teilen – hier auch ausfallen mögen, nach gut 30 Seiten hätte es genug sein können. Das ist aber auch die einzige Länge im Werk, die ich bemerkt habe. Der heutige Leser wird vielleicht zudem – mir ist es zumindest streckenweise so gegangen – eines vermissen: Eine mehr oder minder „konventionelle“ Handlung,  d.h. eine, deren Forgang durch die Handlungen des Protagonisten maßgeblich beeinflusst wird. Denn der Ich-Erzähler erscheint in hohem Maße fremdbestimmt und kann – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – nur das Geschehen um ihn herum genau schildern, teilweise auch gut analysieren, nicht jedoch nachhaltig beeinflussen. Das kann der Roman aber aufgrund der Natur des von Patera gesteuerten Traumreichs dem Leser gar nicht bieten.

In einem Epilog führt der nach 3 Jahren ins ‘normale’ Europa zurückgekehrte Ich-Erzähler dann noch einmal aus, was ihm an seinen Erfahrungen bedeutsam erscheint und welche psychischen Folgen sein Aufenthalt im Traumland für gehabt hat. Deutlich macht Kubin hier, dass sich in den beiden Widersachern Bell und Patera Todessehnsucht und Lebenstrieb widerspiegeln, die beiden Grundkräfte des Daseins [Quelle: Kindlers Literaturlexikon], wobei aber auch klar wird, dass beide nicht von einander zu trennen sind, verwandelt sich doch Patera im vorletzten Kapitel sogar in den Amerikaner Bell. Ebenso rätselhaft wie das Traumreich selbst bleibt also die nicht bis ins Letzte schlüssig zu deutende Aussage des einzigen Romans von Alfred Kubin.

Fazit

Wer kafkaeske und groteske (Schauer-)Romane mag, der sollte Kubins phantastischen Roman Die andere Seite unbedingt lesen. Aber auch denjenigen, die dem feinen Witz und der teilweise nur angedeuteten Ironie der Literatur der frühen Moderne etwas abgewinnen können, kann ich diese in sympathischer Weise gealterte Anti-Utopie nur empfehlen.

Robie Macauley: Dunkel kommt die Zukunft

1979 veröffentlichte der amerikanische Journalist und Autor Robie Macauley die sprachlich anspruchsvolle Dystopie Dunkel kommt die Zukunft, in welcher er die U.S.A. an einem rassistisch motivierten Bürgerkrieg zerbrechen lässt und den Leser zugleich in die nach dem Dritten Weltkrieg entvölkerten Einöden Nordamerikas entführt. Dass der Autor damit ein nicht nur schwieriges, sondern seinerzeit auch äußerst aktuelles Thema aufgriff, wird daran erkennbar, dass kaum ein Jahr später tagelange Rassenunruhen in Miami ausbrachen.

Schon nach wenigen Seiten Lektüre wird deutlich, dass der deutsche Titel Dunkel kommt die Zukunft nicht wie der englische geeignet ist, das interessante kompositorische Prinzip des zwei Zeitebenen umfassenden Romans zu transportieren: Während die eine Ebene anhand von Tagebucheinträgen den Ausbruch der ethischen Unruhen in den U.S.A. und die damit einhergehende Destabilisierung der weltpolitischen Lage aus der Perspektive eines afroamerikanischen Studenten und Freiheitskämpfers beschreibt, erzählt die zweite Ebene die Geschichte des weißen Heilers Kinkaid in der zeitlich nicht genau zu verortenden postapokalyptischen U.S.A. Das Rätselhafte dabei ist, dass sowohl der weiße als auch der schwarze Protagonist vom jeweils anderen visionäre Träume haben und so die Handlungsstränge vom Autor mehrfach gekonnt ineinander übergeblendet werden. Nach dem ersten Drittel des Romans endet der des schwarzen Ich-Erzählers aus dem Jahre 1983 jedoch mit der Niederlage der schwarzen Milizen und dem Verstecken der Tagebuchaufzeichnungen in Chicago. Im weiteren Verlauf wird nun überwiegend personal die Geschichte Kinkaids erzählt, der sich alleine auf einer beschwerlichen Reise durch die gefährlichen Landschaften befindet, deren Ziel der rätselhafte Ort Haven ist, von dem der Protagonist von einem anderen sterbenden Reisenden einst erfahren hat. Was genau sich der nachdenkliche Kinkaid davon erwartet, wird bis zuletzt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit deutlich – wahrscheinlich ist es jedoch die Hoffnung, dass irgendwo noch Menschen und Fähigkeiten existieren, mit denen man eine neue Zukunft aufbauen kann, die es späteren Generationen ermöglicht, wieder auf dem zivilisatorischen Niveau der rätselhaften Vorfahren vor 100 oder 200 Jahren zu leben. Die Erlebnisse Kinkaids scheinen darauf hinzudeuten, dass die schwarze Bevölkerung der U.S.A. gänzlich ausgelöscht worden ist, denn er kennt diese nur als gefährliche Gestalten aus uralten Legenden und begegnet selbst keinem Schwarzen. Über sein Ende wird – soviel kann man hier ruhig schon verraten – der Leser vom sich zuletzt als auktorialer zu erkennen gebenden Erzähler im Unklaren gelassen: Er beschreibt die Möglichkeit, dass Kinkaid in den Ruinen von Chicago geheimnisvolle Tagebuchaufzeichnungen findet, die ihm endlich eine seiner drängendsten Fragen beantworten: Wieso die rätselhafte Zivilisation der Vorfahren untergegangen ist. Somit endet der Roman mit den gleichen Worten, mit denen er beginnt – mit der Flaschenpost aus der Vergangenheit, die ihm die Geschichte seiner Gegenwart enthüllt: Ein Tag voller düsterer Vorzeichen, ein Tag, an dem es dir plötzlich kalt über den Rücken läuft, ein Tag voll lautlosem Donner, der dich betäubt, der Tag, an dem Cäsars Denkmal im Forum geheimnisvoll zu bluten beginnt…

Schon am ersten Satz des Romans wird deutlich, was diesen von den vielen anderen des Post-Doomsday-Genres unterscheidet: Er ist sprachlich äußerst gelungen und eindrucksvoll gestaltet (Was wohl nicht zuletzt auch an der guten Übersetzung durch Thomas Ziegler liegt). Das betrifft sowohl die zahlreichen bedrückenden Landschaftsbeschreibungen, die mich in ihrer Eindringlichkeit an jene aus McCarthys Die Straße erinnern, als auch die Gedanken und Reflexionen Kinkaids. Zudem weisen alle Figuren – selbst die weniger wichtigen – Tiefe und Plastizität auf. Kaum eine von ihnen erscheint stereotyp, vielmehr sind ihre Handlungen aus ihrer Lage heraus jeweils differenziert nachvollziehbar. So erhält Kinkaid auf der ersten Station seiner Reise Hilfe und Unterkunft von den durchaus freundlichen Bewohnern einer kleinen Siedlung, welche aber gleichzeitig mit barbarischen Mitteln eine wohl durch Strahlung intellektuell und körperlich degenerierte Bevölkerungsgruppe unterdrücken: Ein Mann lernt die Gespräche seiner Herren zu verstehen. Ein Mann schnitzt sich einen Bogen  und einige Pfeile, um Wild zu jagen. Insgeheim arbeitet er eine lange Zeit daran, einen Baumstamm auszuhöhlen und sich ein Kanu zu bauen. Er fischt in den Sümpfen. Dann konstruiert er sich einen Vorratsschrank für den Fisch, den er trocknet, für das Fleisch, das er räuchert, und für das Gemüse, das er sammelt, um seine Familie im Winter zu ernähren. Dann hängt man ihn an das Ende eines Seiles. Insofern beobachtet Kinkaide hier schon das, was er später möglicherweise auch aus den Tagebuchaufzeichnungen herauslesen wird: Die Diskriminierung und Vernichtung einer schwächeren Bevölkerungsgruppe durch eine vermeintlich stärkere – wobei hier letztlich ebenfalls die gemeinsame Siedlung in Flammen aufgeht.

Dieses Motiv erscheint sogar noch ein drittes Mal in einem (ein wenig gegen das Kompositionsprinzip zu verstoßen scheinenden) Handlungsstrang um die aus Haven stammende Glyn Havendochter, der ebenfalls personal erzählt wird. Die Tochter des Anführers des von Kinkaid so hoffnungsvoll gesuchten Ortes Haven wird mit anderen Siedlern aus der Umgebung von berittenen Sklavenfängern verschleppt, um in deren weit entfernten Siedlung verkauft zu werden. Richtet sich also die Unterdrückung im ersten Handlungsstrang gegen die ehemaligen Sklaven in den U.S.A. und im zweiten gegen die missgestalteten Strahlungsopfer, so werden im dritten nicht nur die auf ein primitives Niveau zurückgefallenen Weißen ihrer Freiheit beraubt, sondern auch die gebildeten Weißen, wenn sie denn zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Somit entwirft Robie Macauley mit Dunkel kommt die Zukunft nicht nur eine düstere und pessimistische Zukunftsvision, sondern analysiert zugleich die Ursachen, die zur Unterdrückung der Schwarzen in den U.S.A. führen – und das Ergebnis könnte lauten: Sie sind nicht Opfer von Repressalien und Benachteiligung, weil sie schwarz sind, sondern weil sie die Schwächeren sind. Und diese Repressionen gehören – wenn auch unentschuldbar – zur menschlichen Natur.

So gelungen die sprachliche Gestaltung und so anspruchsvoll das Thema selbst ist, hat man manchmal an einigen Stellen doch den Eindruck, dass ein bisschen mehr Handlung nicht geschadet hätte. Der Roman weist zwar keine wirklichen Längen auf, aber ab und zu wünscht man sich – trotz zahlreicher gefährlicher Situationen für die Protagonisten – irgendwie doch, dass der Erzähler ein bisschen ‘voran’ machen würde.

Was mir aber ein Rätsel bleiben wird, ist die Auswahl  des Knaur Verlags für das deutschen Cover, welches einen gigantischen Vogel über einer dicht bewaldeten Landschaft zeigt, der einen Menschen in seinen riesigen Klauen trägt. Da die Darstellung mit dem Plot des Romans nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat, habe ich eingangs auch auf das amerikanische Cover zurückgegriffen, das nicht wie das deutsche einen falschen Eindruck vom Inhalt erweckt.

Fazit

Ein Urteil über Dunkel kommt die Zukunft zu fällen ist wirklich nicht leicht. Robie Macauley hat hier einen anspruchsvollen und sprachlich wirklich guten Roman verfasst, der aber an zahlreichen Stellen – vor allen für Leser, die schnelle actionreiche Geschichten bevorzugen – zu wenig Handlung bietet. Wer aber auf letzteres verzichten und zugleich von den Ruinen unserer Großstädte nicht genug bekommen kann, der sollte den Roman ruhig einmal lesen.

Jeff Carlson: Nano

Auch wenn Richard Feynmans Rede There’s Plenty of Room at the Bottom, auf die häufig als Gründungsschrift der Nanotechnologie referiert wird, aus dem Jahr 1958 datiert, so sind deren Aussagen nicht weniger gültig: Die Miniaturisierung der Technik ist noch längst nicht an ein Ende gekommen. Und wie 1957 schon Ernst Jünger in seiner visionären Erzählung Gläserne Bienen deutlich machte, bergen bis ins Mikroskopische verkleinerte Maschinen – heute würde man sie in ihrer kleinsten Form Nanobots oder Naniten nennen – durchaus Gefahren. War es bei Jünger allerdings noch der mögliche (kriminelle) Einsatz von Kleinstrobotern, der die Phantasie beschäftigte, so warnte der Nanotechnologe Eric Drexler in seinem Buch Engines of Creation (1985) aufgrund der möglichen Entwicklung von sich selbst vervielfältigenden Maschinen vor der Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung und Aufzehrung der Welt. So weit wie Drexler, der in einem Grey Goo (Grauer Schleim) genannten Gedankenexperiment zu zeigen versuchte, dass innerhalb von 48 Stunden Nanobots unsere Welt vollständig vernichten könnten, geht der 2007 erschienene Roman Nano von Jeff Carlson aber nicht. Er gehört zu einer bisher dreiteiligen Reihe, die in einer von Nanobots “nur” verseuchten, für Menschen größtenteils unbewohnbar gewordenen Welt spielt: Nano (Plague Year, 2007), Plasma (Plague War, 2008) und Infekt (Plague Zone, 2009).

Inhalt

Nano ist zwar ein nach bekannten Mustern gestrickter Thriller,  dafür ist er aber solide gemacht. Wie so oft konzentriert sich die Handlung nicht alleine auf eine Hauptfigur, sondern wird personal aus der Perspektive zweier Figuren – in diesem Falle Cam und Ruth – erzählt. Dabei stehen die beiden Protagonisten zu Beginn in keinem ersichtlichen Zusammenhang – wenn man einmal davon absieht, dass der junge ehemalige Skilehrer Cam in mehreren tausend Metern Höhe mit anderen Flüchtlingen um sein Überleben kämpft, während die Wissenschaftlerin Ruth in der Endevour die Erde umkreist und versucht, mithilfe der Nanotechnologie ein Mittel gegen die tödlichen Nanobots zu finden, welche alle Menschen, so sie sich denn nicht in die Bergregionen der Erde retten konnten, grausam getötet haben.

Der sich teilweise schon kannibalistisch ernährenden Gemeinschaft um Cam eröffnet sich zu Beginn des Romans die verlockende Möglichkeit, zu einer anderen Gruppe zu stoßen, die (eigentlich nicht weit entfernt) unter besseren Bedingungen auf einem anderen Berggipfel Kaliforniens lebt. Hierzu muss sie aber innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums die dazwischenliegenden Täler durchqueren, was sich angesichts gruppeninterner Konflikte, hungriger Insekten und tödlichen Nanobots als kaum zu bewältigende Herausforderung erweist.

Ruth muss nach ihrer Rückkehr auf die Erde entsetzt feststellen, dass die provisorische Regierung der U.S.A. ihre bisherigen und auch zukünftigen Forschungsergebnisse nicht nutzen will, um die ganze Menschheit zu retten. Nicht nur, dass diese neue Nanobots als Massenvernichtungswaffen gegen “abtrünnige” US-Bürger einsetzt, sie will zudem auch ausschließlich ihre loyalen Anhänger mit einem möglichen Gegenmittel ausstatten – die Millionen anderen Überlebenden sollen einem langsamen Siechtum in ihren Enklaven überlassen werden. Noch ist die Rettung aber nicht gefunden. Ein Funkspruch aus Kalifornien macht aber Hoffnung: Ein an der Entwicklung der tödlichen Seuche beteiligter Wissenschaftler bietet für seine Aufnahme in das noch von der Regierung verwaltete Gebiet sein Wissen an. Ruth und eine ganze Reihe anderer Verschwörer sehen sich vor die Herausforderung gestellt, die Informationen des Mannes an sich und vor der Regierung in Sicherheit zu bringen.

Beurteilung

Die von Carlson geschilderte Katastrophe scheint im Bereich des Möglichen zu liegen und die geschilderten Lebensbedingungen der wenigen Überlebenden in den kalten Bergregionen wirken durchaus realistisch. Der einzige Schwachpunkt scheint mir hier das unrealistische Verhalten der überlebenden Tierwelt zu sein, aber vielleicht hat sich der Autor ja von dem Film Die Mörderameisen inspirieren lassen. Und wenn sich Ameisen schon so verhalten – warum nicht auch Mördermücken. Nun gut.

Carlson hat sich Mühe gegeben: Cam leidet an Gewissensbissen aufgrund der im Existenzkampf begangenen Morde und Ruth an einer unerwiderten Liebe. Vor allem Cam zeigt Schwächen und wirkt nicht wie der stereotype Held. Insofern gewinnen die Figuren wenigstens in Ansätzen zwischen den zahlreichen actiongeladenen Sequenzen Tiefe.  Und die Handlung macht dem Genre Thriller wirklich alle Ehre. Nicht nur, dass die Mitglieder der Gruppe um Cam sich zu massakrieren beginnen und zeitgleich in einer tödlichen Umwelt ums Überleben kämpfen müssen, Ruth hat es auch noch mit einer skrupellosen Regierung zu tun, deren Handeln wie ihr eigenes durchaus Verschwörungscharakter besitzt. Und natürlich kommt es auch hier zu zahllosen Schießereien: Nano ist also eine Mischung aus Verschwörungs-, Öko-, und Katastrophenthriller,  die durchaus zu fesseln vermag, wenn man diesen Genres zugeneigt ist, und kann innerhalb der durch die Gattung gezogenen Grenzen durchaus als gelungen bezeichnet werden.

Nachdem ich dieses Jahr gut zwei Dutzend Thriller gelesen habe, muss ich feststellen, dass sich bei mir langsam Ermüdungserscheinungen einstellen, weil das konventionelle Erzählen innerhalb der Genregrenzen – und sei es auch so handwerklich sauber gemacht wie in Nano – mich zu langweilen beginnt. Dazu tragen sowohl die einander immer ähnlichen Erzählmuster (siehe: Peter Schwindt: SchwarzfallKarl Olsberg: Schwarzer RegenKyle Mills: Global Warning) als auch die stereotypen Motive bei: Die gute Wissenschaftlerin oder der gute Wissenschaftler, die bzw. der eine rätselhafte Seuche besiegen will, sowie die böse unmoralische Regierung respektive deren Organe (siehe: Lori Andrews: EpidemieKyle Mills: Global Warning) und das uneinsichtige, allein durch Machtinteresse motivierte Verhalten der US-Regierung (siehe: Frank Herbert: Die weiße PestEric L. Harry: Gegenschlag). Das kann man aber Jeff Carlson nicht anlasten,  er bedient mit Nano die genrespezifischen Leseerwartungen des Publikums in kalkulierter Weise. Und weil er keine Experimente wagt, wird er dieses vermutlich auch mit dem Nachfolger Plasma auch nicht enttäuschen.

Karel Čapek: Das Absolutum oder Die Gottesfabrik

Eine Zukunftsvision ganz eigener Art legte der tschechische Schriftsteller Karel Čapek im Jahre 1922 vor. In seinem Roman Das Absolutum oder die Gottesfabrik – unter diesem Titel erschien auch die deutsche Erstausgabe 1924 – schildert er die Gefahren der Umwandlung von Materie in Energie. Allerdings führt die praktische Anwendung der seit 1905 bekannten Theorie der Äquivalenz von Masse und Energie nicht zu einer nuklearen Katastrophe – dafür ist der Roman dann doch noch etwas zu früh -, sondern überraschenderweise zu einer religiösen bzw. einer gesellschaftlichen, an deren Ende die Umwälzung des ganzen Planeten steht.

Der Inhalt

Der Fabrikant Bondy wird durch eine Zeitungsannonce auf die Erfindung Ingenieurs Marek aufmerksam, welche nach dessen Aussagen in der Lage ist, Masse rückstandslos in Energie zu verwandeln. Der Geschäftsmann Bondy erkennt sofort, welche Verdienstmöglichkeiten sich ihm hier bieten, und beschließt, Mareks Maschine  – den Karburator – in großen Mengen produzieren zu lassen. Wider besseren Wissens ignoriert er dabei die Tatsache, dass durch das angewandte Verfahren der in der Materie ‘gefangene Geist’ Gottes – Das Absolutum – freigesetzt wird. So kommt es, wie es kommen muss: Überall dort, wo Karburatoren in Betrieb genommen werden, überfällt der religiöse Eifer die Menschen wie ein Fieber. Machen die ersten Äußerungsformen des Absolutums (Wunderwirken, Levitation, prophetische Visionen) noch einen einigermaßen harmlosen Eindruck, so wird bald deutlich, dass das sich wie Gas verbreitende Fluidum die menschliche Gesellschaft in ihren Grundfesten bedroht: Erleuchtete Fabrikanten verschenken ihre unter der schöpferischen Führung des Absolutums ohne Pause laufenden Fabriken an die betenden Arbeiter, der Handel bricht infolge mangelnden Interesses seitens der bekehrten Kaufleute und eines stetig wachsenden Überangebotes zusammen und religiöse Gruppen beginnen einander zu massakrieren. Zuletzt bricht ein Krieg von unglaublichen Ausmaßen aus, welcher das Angesicht des Planeten für immer verändert.

Beurteilung

Čapeks überraschende Zukunftsvision ist zwar nicht ganz ernst gemeint – aber völlig ohne Tiefgang ist sie nicht. In amüsanter Weise macht sich der Autor über die ideologischen Eiferer und Sektierer seiner Zeit lustig – und sie alle kriegen ihr Fett weg:  Die Katholiken, die Orthodoxen, die Protestanten, die Freimaurer, die Sozialisten, die Kommunisten und die MonarchistenDabei führt Čapek alle diese Erscheinungen auf den gleichen Urgrund zurück: den IdealismusDie Menschen entscheiden sich aber nicht für ihn, sondern er fällt sie gleichsam an – selbst auf einsamen Südseeinseln: „Sie sind ein anständiger Mensch, Kaptän, aber möglich, dass sie mich für eine prinzipielle nautische Frage auffressen würden. Ich glaube ihnen nicht mehr. „Sie haben Recht“, knurrte der Kapitän. „Wenn ich sie so anschaue, glaube ich, dass ich…“ „…ein wütender Antisemit bin, ich weiß es. Das macht nichts, ich habe mich taufen lassen. Aber wissen sie, Kapitän, was in diese schwarzen Wursteln gefahren ist? Gestern fischten sie ein japanisches atomisches Torpedo aus dem Meer. Sie haben es dort unter der Kokospalme aufgestellt und neigen sich jetzt davor. Sie haben jetzt ihren Gott. Sie müssen uns auffressen.“Aus dem Mangrovenwald klang Kriegsgeschrei. […] „Hören sie“, flüsterte Bondy, „können wir nicht zu ihrem Glauben übertreten?“ Insofern erscheint der Idealist jeglicher Couleur hier nicht nur als bedauernswertes Opfer, sondern ebenfalls als Objekt des Spottes. Man könnte beinahe Mitleid mit den Beteiligten des kleinen Religionskrieges haben, der sich zwischen den Anhängern eines wunderwirkenden Karussells und eines besessenen Flussbaggers entspinnt – wenn das Geschilderte nicht so grotesk und lustig wäre.

Die Sprache des Romans wirkt auf mich an einigen Stellen sehr ungewöhnlich und an anderen ziemlich altbacken. Vermutlich wurde für meine Ausgabe auf die Übersetzung aus dem Jahr 1924 zurückgegriffen. Die Auffälligkeiten verleihen dem Geschehen zwar etwas zeitlichen Colorit, schieben sich aber an einigen Stellen doch unangenehm in den Vordergrund, zumal auch häufig dialektale Abweichungen vom Gewohnten festgestellt werden können. Das schmälert aber den Unterhaltungswert des Romanes dankenswerter Weise noch nicht.

Fazit

Auf knapp 150 Seiten setzt Čapek in gelungener Weise die opferbereiten Überzeugungstäter aller Zeiten und aller Länder seinem feinen Spott ausUnd so grotesk die geschilderten Ereignisse auch sein mögen  – so unterhaltsam sind sie auch. Wer also in der kommenden Weihnachtszeit Gefahr laufen sollteeinem wie auch immer gearteten Idealismus oder der Langeweile anheim zu fallen, der nehme als Gegenmittel ruhig Das Absolutum oder Die Gottesfabrik zur Hand.