James Graham Ballard: Der Sturm aus dem Nichts

Eine Rezension von Rob Randall

Der Debütroman des berühmten britischen Science-Fiction-Schriftstellers James Graham Ballard aus dem Jahre 1961 ist der erste einer vierteiligen Reihe von Romanen, der sogenannten Zeit-Endet-Tetralogie, welche die Bedrohung bzw.  die mögliche Vernichtung der Menschheit durch Naturgewalten zum Thema hat (neben Der Sturm aus dem Nichts gehören hierzu die Romane Karneval der AlligatorenWelt in Flammen und Die Kristallwelt). In Ballards schriftstellerischem Werk lassen sich zudem noch eine ganze Reihe weiterer Dystopien finden, unter anderem die Romane Crash, Die Betoninsel und Hochhaus (bzw. Der Block), die ebenfalls konzeptionell zusammen gehören. Es war also einmal an der Zeit, sich mit dem Werk des 2009 im Alter von 69 Jahren verstorbenen Autoren auseinanderzusetzen.

Inhalt

Der Roman verfolgt in drei Handlungsträngen, welche am Ende in der Stadt London zu einem verwoben werden, die Versuche einer ganzen Zahl von Figuren, den rätselhaften weltweiten Sturm, der mit jeder Stunde an Kraft zunimmt, zu überleben:

Zuerst begegnet der Leser dem Wissenschaftler Donald Maitland, dem es aufgrund des starken Windes nicht mehr gelingt, seiner gescheiterten Ehe mit der recht reichen (und liderlichen) Susan per Flugzeug nach Kanada, wo er ein neues Leben beginnen will, zu entfliehen. Deshalb schließt er sich der Familie Symington an, die auf einem benachbarten Luftflottenstützpunkt Unterschlupf suchen will. Im Folgenden lernt der Leser Kapitän  Lanyon, den Kommandanten des vor Genua liegenden amerikanischen U-Bootes Terrapin, kennen, der den Auftrag erhalten hat, aus Nizza den schwerverwundeten General Van Damme zu retten. Nachdem er auf dem Weg bei der Rettung einiger italienischer Zivilisten aus einer eingestürzten Kirche geholfen hat, muss er feststellen, dass Van Damme bereits tot ist. Der Rücktransport der Leiche nach Genua gelingt jedoch trotz schwerer gepanzerter Fahrzeuge aufgrund des Windes nicht mehr. Zusammen mit Journalistin Patricia Olsen, die er  zuvor mit einigen anderen Amerikanern an der Straße aufgelesen hat, flüchtet er in einen naheliegenden Gebäudekomplex, in dem sich die beiden mehrere Tage aufhalten.

Unterdessen hat Symington seine Arbeit in der britischen Operationszentrale unter der Leitung seines Vorgesetzen Marshall aufgenommen. Entsetzt, aber nicht überrascht, müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur schon eine ganze Reihe asiatischer Hauptstädte zerstört sind, sondern dass nun auch die Gebäude der britischen Hauptstadt beginnen, unter der Kraft des Windes zusammenzufallen. Bei dem Versuch, Verschüttete aus den Ruinen eines Hotels und der darunterliegenden U-Bahn zu retten, entgehen Maitland und Marshall nur knapp dem Tode. Ersterer bemerkt wenig später im Anwesen Marshalls seltsame Kisten, deren Beschriftung ihn an den Multimilliardär Hardoon und dessen ehrgeizige Pläne zum Bau einer Bunkeranlage vor vielen Jahren erinnert. Nachdem Maitland in den Staatsdienst übernommen worden ist, wird er nach dem vergeblichen Versuch, seine Noch-Ehefrau zu retten, in der U-Bahn verschüttet.

Zu dieser Zeit gelingt es Lanyon und Patricia mit der Hilfe einiger italienischer Krimineller, deren Angehörigen Lanyon vor kurzem das Leben gerettet hat, die entgegen den Befehlen aus den Staaten immer noch vor Genua liegende Terrapin zu erreichen. Mit einigen weiteren amerikanischen Zivilisten an Bord läuft das Boot nach England aus. Dort gelingt es Marshall nicht, seine Untergebenen vor Kroll, dem brutalen Handlanger des Multimilliardärs Hardoon, zu schützen. Letzterer scheint skrupellos einen geheimnisvollen Plan zu verfolgen und vor den Toren der Stadt ein geheimnisvolles Bauwerk zu errichten.

Beurteilung

Normalerweise gehe ich nicht auf die Qualität der Übersetzung ein – auch, weil ich nur in den seltensten Fällen das Original zur Hand habe. Aber die von Gisela Stege vorgenommene Übertragung fällt an einigen Stellen doch unangenehm auf. So heißt es da zum Beispiel redundant: Er [der Wind] nimmt jeden Tag um fünf Meilen pro Stunde zu. Zudem findet man an einigen Stellen Ausdrücke, die woanders durchaus Sinn machen würden – aber nicht in diesem Zusammenhang: Doch mit Leuten wie Deborah und Marshall hatte die Menschheit eine berechtigte Chance. Über die doch recht umgangssprachliche Formulierung in längstens vierzehn Tagen kann man ja noch hinwegsehen, aber die Güte des Ausdrucks bleibt weiterhin recht zweifelhaft: Der Wind hat jetzt 175 Meilen in der Stunde erreicht, das bedeutet im Vergleich zu gestern eine Zunahme von fünf Meilen pro Stunde, wie täglich während der letzten drei Wochen. Schön ist etwas Anderes.

Ballard setzt in seinem gerade 150 Seiten umfassenden Roman ganz auf Action. Das macht er handwerklich auch ziemlich gut, wie ich finde – und angesichts der Kürze lässt sich das auch ohne Langeweile oder Überdruss lesen. Man darf allerdings keine Tiefe erwarten, weder in der Bedeutung der Handlung, noch bei der Anlage der Figuren. Dazu bleibt auch zu wenig Zeit. Die Handlung wirkt insgesamt wenig geschlossen und besitzt Ausschnittscharakter, obwohl sie mit dem Aufkommen der starken Winde einsetzt und gegen Ende auch mit deren Verschwinden – allerdings sehr abrupt – endet. Eine Erklärung, welche Ursachen für das rätselhafte Naturphänomen verantwortlich sind, wird zudem nicht gegeben – das legt der Titel aber auch schon nahe. Ballard scheint in seiner Tetralogie verschiedene Gedankenexperimente durchzuführen, die allesamt die Schutzlosigkeit des Menschen – so er denn nicht ausreichend gewappnet ist – gegenüber den Naturgewalten exemplarisch vorzuführen.

Wenig gefallen hat mir allerdings der höchst rätselhafte Handlungsstrang um den Multimilliardär Hardoon. Womöglich verfolgt Ballard die Absicht, eine Figur zu präsentieren, die den Zusammenbruch der Gesellschaft sowie das allgemeine Chaos in und nach der  Katastrophe zu ihren Gunsten nutzen will – aber beeindruckt hat mich dieser nicht.

Fazit

Ballards Katastrophenroman Der Wind aus dem Nichts ist zwar wenig tiefgründig oder künstlerisch wertvoll, dafür aber solide gemacht, weswegen er durchaus angenehm zu lesen ist. Bereut habe ich die Lektüre auf jeden Fall nicht – und sollten mir die anderen Romane der Tetralogie einmal zufällig begegnen, dann werde ich sie ebenfalls lesen – vielleicht hat diese ja jemand anderes übersetzt.

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