Nevil Shute: Das letzte Ufer

Wenn ich mich frage, welche Filme mich in meiner Kindheit und Jugend besonders beeindruckt haben, so fallen mir nicht besonders viele ein. Aber zwei Werke sind mit Sicherheit dabei: Zum einen die entsetzlich realistisch gedrehte Dokumentation This War Game (dt.: Kriegsspiel) der BBC  aus dem Jahr 1965 über die Folgen eines Nuklearkrieges in Großbritannien und zum anderen der für zwei Oscars nominierte Spielfilm On the Beach (dt.: Das letzte Ufer) von 1959. Letzterer beeindruckt auch durch seine Starbesetzung: Gregory Peck, Fred Astaire, Anthony Perkins und Ava Gardner (Im Jahr 2000 wurde übrigens ein Remake unter dem reißerischen Titel USS Charleston – Die letzte Hoffnung der Menschheit gedreht). Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diesen beiden Werken zuzuschreiben, dass ich auch im Literarischen eine Leidenschaft für das apokalyptische und postapokalyptische Genre entwickelt habe – zumal ich höchstens 12 war, als ich sie das erste Mal sah (Wie mir das in dem Alter gelungen ist, ist mir übrigens selbst unklar). Und da mit der fünfzigsten Rezension auf diesem Blog so etwas wie ein kleines Jubiläum ansteht, habe ich mich entschlossen, Nevil Shutes Roman Das letzte Ufer, der zwei Jahre vor der Verfilmung erschien, einmal zu lesen und auch zu rezensieren.

Inhalt:

Nach einem zwischen der U.D.S.S.R. und den U.S.A. sowie zwischen der U.D.S.S.R und China geführten mehrtägigen Atomkrieg, der von einem nuklearen Angriff Albaniens ausgelöst worden ist, hat die durch den Einsatz von Kobaltbomben freigesetzte Strahlung auf der Nordhalbkugel offensichtlich alles Leben vernichtet. Nur in Australien, Südamerika und dem südlichen Afrika haben auch nach gut zwei Jahren  die menschlichen Gesellschaften noch weitestgehend intakt überlebt. Allerdings zeichnen die Voraussagen der Wissenschaftler ein äußerst düsteres Bild der Zukunft: Schon in wenigen Monaten werden die äquatorialen Winde die strahlenden Partikel auch auf der südlichen Hemisphäre verteilt haben. Es ist also nur eine Frage von Monaten, bis auch dort die Menschheit aufhört zu existieren.

Die Handlung des Romans, in deren Mittelpunkt vier Figuren stehen, spielt überwiegend in Australien: Der verheiratete Kapitänleutnant Peter Holmes wird Dwight Towers, dem Kapitän eines der Zerstörung entgangenen amerikanischen Atom-U-Boots, der U.S.S. Scorpion, als Verbindungsoffizier zugeteilt. So lernt letzterer während eines Besuches auch Moira, die häufig alkoholisierte Freundin von Peter und Mary Holmes, kennen. Obwohl Towers und Moira Gefühle für einander haben, ist es Towers nicht möglich, seine vermutlich schon tote Frau zu ‘betrügen’, denn er hält sich mit dem Gedanken aufrecht, dass sowohl sie als auch seine zwei Kinder in den Staaten noch am Leben sind – obwohl er im Innersten weiß, dass dieses unmöglich ist. Nach einer ersten Probefahrt läuft die U.S.S. Scorpion zu einer Erkundungsfahrt in Richtung U.S.A. aus. Zum einen soll sie überprüfen, wie es sein kann, dass von einer Marinebasis immer noch Morsesignale – wenn diese auch sinnlos zu sein scheinen – gesendet werden können, und zum anderen sollen sie die sehr fragwürdige Theorie des Wissenschaftlers Jorgeson überprüfen, dass die Strahlung womöglich im Norden durch den Niederschlag geringer als bisher angenommen sein würde.

[Spoilerwarnung]

Die Ergebnisse der Fahrt sind jedoch niederschmetternd: Die Strahlung ist nördlich eines gewissen Breitengrades mit Sicherheit tödlich – was einen Matrosen, der seine letzten Tage in der Heimat verbringen will, jedoch nicht davon abhält, sich aus dem U-Boot zu schleichen. Zudem findet man heraus, dass die Morsesignale von einem unglücklich auf den Tastschalter der Funkanlage gefallenen Fensterrahmen herrühren. Mit diesen Erkenntnissen, die allerdings für die wenigsten unerwartet kommen, kehrt das Boot nach Melbourne zurück.

Das letzte Drittel des Romans schildert in eindringlicher Weise das Leben der Figuren im Angesicht ihres kurz bevorstehenden Todes. Während Moira ihren Alkoholkonsum zugunsten einer Stenotypistinnenausbildung aufgegeben hat, planen Peter und Mary Holmes vor allen die Anlage ihres Gartens.  Dem Wissenschaftler John Osborne gelingt es, sich den Traum seines Lebens zu erfüllen und am Steuer eines Ferraris ein Autorennen zu gewinnen.  Nachdem auch in Melbourne die ersten Toten zu beklagen sind und die Figuren erste Krankheitssymptome an sich feststellen, nehmen sie sich alle mittels vom Staat verteilten Selbstmordpillen an den Orten ihrer Wahl das Leben. Nur Kapitän Towers steuert sein Schiff auf hohe See, um es dort mitsamt der noch verbliebenen Mannschaft und sich selbst zu  versenken.

Ein trostloses Szenario

Das letzte Ufer ist einer der wenigen Romane, in denen ein Nuklearkrieg und seine Folgen tatsächlich das Ende der gesamten Menschheit herbeiführen. Legen die heutigen Erkenntnisse auch nahe, dass dem vermutlich nicht so sein würde, so entsprechen Shutes Annahmen durchaus dem wissenschaftlichen Stand der 50er Jahre. So berichtet DIE ZEIT in einem Artikel aus dem Jahr 1953 beispielsweise, dass die Kernphysiker […] sich darin einig [glauben], daß einige hundert Kobaltbomben ausreichen würden, um das organische Leben auf der Welt allmählich auszulöschen [Quelle: DIE ZEIT]. Vermutlich wäre dem übrigens immer noch so, wenn die Produktion dieser Waffenart tatsächlich in einem solchen Ausmaße verfolgt worden wäre.

Weniger realistisch erscheint mir hingegen, dass Albanien (!) für die Eskalation des Kalten Krieges verantwortlich ist – vermutlich wollte Shute damit auf die Gefahren der Verbreitung von spaltbarem Material bzw. Atomwaffen aufmerksam machen, verloren doch die U.S.A. in dieser Zeit ihr waffentechnisches Monopol mit England, Frankreich und der U.D.S.S.R. teilen. Zudem zeigt Shute auch, dass die Großmächte in ihrer situativen Beurteilung durchaus Irrtümern unterliegen könnten, sodass der Einsatz von Atombomben gegeneinander erfolgt, ohne dass dieses notwendig gewesen wäre. Nichtsdestotrotz ist das Szenario wenig einleuchtend – allerdings gehört es auch nur zum wenig bedeutsamen Hintergrund der eigentlichen Handlung.

Mir ist vom Film vor allen Dingen die Fahrt der U.S.S. Scorpion in Erinnerung geblieben. So war ich etwas überrascht, als ich feststellen musste, dass diese im Roman nur einen sehr kleinen Teil der Handlung ausmacht. Der Roman konzentriert sich vor allem auf die Schilderung des gesellschaftlichen und privaten Lebens unter dem Vorzeichen eines bald bevorstehenden Endes. Zeichnen die üblichen Katastrophen- und Endzeitromane ein Szenario, in dem schon wenige Stunden nach Beginn der Katastrophe die Gesellschaft lautstark unter Plünderungen, Vergewaltigungen, Raub und Mord zusammenbricht, so zeigt uns Shute die Bevölkerung Australiens als äußerst diszipliniert. Auch wenn der Alltag aufgrund von Treibstoffmangel und verminderter Produktion einigen Einschränkungen unterliegt, gehen doch fast alle Menschen bis zur Feststellung von Krankheitssymptomen ihrer Arbeit nach (von einigen Saufgelagen der Matrosen und Moira kurz nach dem Bekanntwerden des bevorstehenden Endes einmal abgesehen). Das Unfassbare des eigenen Endes wird dabei von den meisten bis zuletzt verdrängt und die verbleibende Zeit entweder der Pflichterfüllung oder dem Ausleben von Träumen gewidmet (und dem verantwortungsvollen Leertrinken der kostbaren Weinvorräte in den Clubs). Es ist diese eindringlich geschriebene Schilderung eines geradezu stille Sterbens der uns bekannten Welt, welche den Roman so lesenswert macht, auch wenn ich glaube, dass die Menschen ihrem Ende nicht so stoisch entgegengehen werden.

Leider haben mich die Liebeleien ohne Zukunft zwischen Kapitän Towers und Moira streckenweise gelangweilt, zumal die Schlussszene des Romans – Moira sitzt in ihrem Auto an der Küste, blickt auf das neblige Meer hinaus und nimmt sich zu jenem Zeitpunkt das Leben, an dem Towers sein Schiff versenkt – doch sehr an die bekannten vermeintlich romantischen Sujets von Groschenromanen erinnert. Ebenfalls zu deutlich in den Bereich des Kitsches geraten mir die Motive manchmal, wenn Shute den Umgang mit dem bevorstehenden Ende thematisiert, auch wenn hier aus dem nützlichen lutherischen Apfelbäumchen eine tropische Zierpflanze wird:

Während du weg warst, war ich in Wilsons Gärtnerei. Dort gibt es entzückende Gummibäume, und sie kosten nur zehn Schilling sechs Pence das Stück. Glaubst du, wir könnten im Herbst einen pflanzen?” “Sie sind ziemlich empfindlich”, antwortete er. “Das beste wäre, zwei nahe nebeneinander einzusetzen;  wenn dann der eine eingeht, hast du immer noch den anderen. Wenn sie beide überleben, nimmt man den zweiten in zwei Jahren heraus.”

Shute gelingt es in unterschiedlichem Maße, den Figuren Tiefe und Glaubwürdigkeit zu verleihen: Während die männlichen Protagonisten durchaus nachvollziehbar agieren und denken, so möchte man über die eindimensionale Zeichnung der immer den bekannten Frauenbildern entsprechenden weiblichen Figuren manchmal laut aufstöhnen: So wird zum einen Moira durch ihre Zuneigung zu Towers aus ihrer deutlich negativ konnotierten Rolle der femme fatale ‘erlöst’ – woraufhin sie seine Socken stopft sowie seine Knöpfe annäht – und zum anderen scheinen die intellektuellen Fähigkeiten von Mary schon sehr stark unter der Strahlung gelitten zu haben, als ihr Peter Erkältungstabletten als Mittel gegen die Ansteckung mit der Strahlenkrankheit unterjubelt (und an dieser Stelle deutet auch wirklich alles darauf hin, dass wir es hier nicht mit Verdrängung, sondern mit Dummheit zu tun haben – zumal Mary nicht genau weiß, ob Seattle weit von Melbourne entfernt ist).

Fazit

Shutes Roman Das letzte Ufer orientiert sich in enttäuschender Weise genauso an den konventionellen Figurenbildern seiner Zeit wie er es wagt, populäre Motive zu verwenden, die vor allem im Bereich des Kitsches wiederzufinden sind. Dennoch schildert er in durchaus beeindruckender und zumeist spannender Weise einen für das Genre des Endzeitromans sehr ungewöhnlich ruhigen Untergang der Menschheit. Leider reicht das meiner Ansicht nach aber nicht aus, um ihn dem ‘normalen’ Leser zu empfehlen – wer sich aber für das Genre insgesamt interessiert und schon einige stärker auf lautstarke Effekte setzende Weltuntergangsromane gelesen hat, kann Das letzte Ufer ruhig mal zur Hand nehmen.

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