Peter Schwindt: Schwarzfall

Ziemlich Zappenduster: Ein Rezensent sieht schwarz

Eigentlich war ich sehr gespannt auf den dieses Jahr (2010) erschienenen Roman Schwarzfall von Peter Schwindt. Das erste Mal war ich auf der Leipziger Buchmesse auf Autor und Werk aufmerksam geworden, hatte der Plot doch eigentlich alles, was man braucht, um einen interessanten Thriller zu stricken:

Ebenso wie in dem sehr viel längeren Roman Rattentanz von Michael Tietz bricht die Katastrophe unvermutet als Stromausfall über die Menschen herein. Allerdings ist bei Schwindt kein Computervirus dafür verantwortlich, dass die Stromnetze zusammenbrechen, sondern ein drückend heißer Sommer, in dessen Folge die Pegelstände der Flüsse derart absinken, dass die Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden müssen. Insofern stehen den Einwohnern von Frankfurt – und nur dort spielt der Roman – einige dunkle Wochen bevor. Anhand dreier Handlungsstränge (von denen einer recht wenig zum Geschehen beiträgt), in deren Zentrum jeweils die Hauptfiguren stehen, erlebt der Leser, wie die öffentliche Ordnung innerhalb weniger Stunden zusammenbricht und es in der Stadt schnell zu Plünderungen kommt. Schwindt führt diese Erzählstränge am Ende, als es zum Showdown zwischen dem Proleten Patrick und dem kleinbürgerlichen Hellmann kommt, zusammen. Der Leser erlebt zuvor, wie Patrick seine Freundin Jessie verfolgt, die ihn mit dem gemeinsamen Sohn Marvin verlassen hat, und dabei einen Unfall erleidet, der ihn beinahe das Leben kostet, sowie den sich stets nur mühsam unter Kontrolle haltenden Gewaltmenschen und Lehrer Hellmann, der im Augenblick des Zusammenbruchs beginnt, in seiner gepflegten Vorstadtsiedlung eine Ordnung nach seinen Vorstellungen zu errichten, eine Ordnung, die Menschen wie Patrick und Jessie nicht nur ausschließt, sondern auch dem Untergang preiszugeben bereit ist. Diese sind jedoch nicht willig, sich widerstandslos damit abzufinden, zumal Patrick mit Hellmann noch eine Rechnung zu begleichen hat.

Die Handlung

Wie schon oben angedeutet, der Plot des Romans wirkt durchaus überzeugend. Und ebenso wie in Tietz’ Roman bricht die Ordnung mit einer Geschwindigkeit zusammen, die den Leser geradezu schwindlig macht. Mich zumindest. Aber immerhin liegt es im Bereich des Möglichen, dass die Auflösung derart schnell vonstatten geht. Aber dass Hellmann am Morgen nach dem Stromausfall für mehrere tausend Euro, die er dem Vater einer seiner Schülerinnen abgepresst hat, Generatoren anschafft und noch am gleichen Nachmittag beginnt, eine bewaffnete Bürgerwehr aufzustellen, welche die Lebensmittel eines in der Nähe gelegenen Supermarktes bewachen bzw. für die  Siedlung konfiszieren soll, erscheint mir doch etwas abwegig.

Die Erzähltechnik

Die Figuren werden von Schwindt grundsätzlich in einer bestimmten Weise eingeführt:

Katharina seufzte. […] Als sie sie [die Bananenschale] in den Mülleimer warf, sah sie ihr Gesicht im angelaufenen Spiegel, der über dem Waschbecken neben der Tür des Stationszimmers hing. Sie war jetzt 49 Jahre alt und hatte noch immer nicht das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Sie hatte keine guten Freunde, aber stattdessen einen Beruf, der sie ausfüllte. Kinder konnte sie mittlerweise abschreiben…

Typen wie ihn hasste er wie die Pest. Faselten immer von Respekt, hatten aber keine Achtung vor Menschen, die etwas im Leben leisteten. Harald Hellmann war nichts zugeflogen, alles  im Leben hatte er sich erarbeiten müssen. Und darauf war er stolz…

Ist ja schon gut Marvin”, sagte sie und hob ihn aus dem Sitz. “Alles in Ordnung“, sie musste ihm unbedingt ein anderes T-Shirt anziehen […] Aber für Kinder wie Marvin bedeutete es [das Wetter] eine Tortur, der Jessie als Mutter hilflos gegenüber stand […] Jessie bekam nicht viel, 154 Euro Kindergeld plus die obligatorischen 345 Euro Stütze. Sie hatte zwar eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, aber…

Nachdem man die Figuren also bei irgendeiner Tätigkeit erlebt hat, meistens zeitdeckend erzählt, folgen zeitdehnende Passagen, in denen ihr Werdegang, ihr Leben bzw. ihr Charakter kurz skizziert werden. In einigen Fällen werden diese Darstellungen allerdings auch mehrere Seiten lang – wie im Fall von Hellmann. Ich empfinde diese Erzähltechnik als äußerst monoton, zumal sie literarisch wenig anspruchsvoll – und ansprechend – ist. Auch wenn diese Passagen personal erzählt wirken sollen, scheinen sie durch die Informationsdichte stark auktorial gefärbt. Es gibt durchaus liebevollere Verfahren, die das Leben der Figuren nicht derart steckbriefartig zum Zeitpunkt ihrer Einführung abhandeln, allerdings erfordern diese auch eine kompliziertere Konzeption des Romans.

Die Figuren

So sehr sich Schwindt auch bemüht, den Figuren Tiefe zu verleihen, was am ehesten noch bei der Ärztin Katharina gelingt (deren Geschichte für die zentrale Handlung des Romans aber nur illustrativen Charakter besitzt) –  die Figuren überzeugen nicht. Dazu sind sie auch viel zu stereotyp angelegt. Das gilt sowohl für den immer gewaltbereiten, seiner Freundin Prügel androhenden, am Kleinkind zerrenden, Computer spielenden, in einem Wohnsilo lebenden egoistischen Messerstecher und Proleten Patrick als auch für den autoritären, in seinem Einfamilienhaus in der Vorstadt Waffen sammelnden, in Konfliktsituationen Gewalt anwendenden, an der ‘Gefangenschaft’ seiner lieblosen Ehe leidenden Vater zweier Söhne: den Studienrat Hellmann. Da erscheint der vorurteilsbeladene Blick, mit dem die beiden Widersacher einander betrachten, gar nicht so falsch zu sein, entspricht der jeweils andere doch tatsächlich den bekannten Klischees aus Film und Fernsehen (und nun auch Literatur). Die Veränderung, die Patrick durchmacht, nachdem er dem Tod nur knapp entkommen zu sein meint, lässt ihn später noch ein wenig Tiefe gewinnen, auch wenn mir das alles ein wenig zu schnell geht, umfasst die gesamte Handlungszeit des Romans doch nur 7 Tage.

Die Sprache

Der sprachliche Stil des Romans ist weitgehend schlicht, schmucklos – und manchmal nur vulgär: Die beiden waren zwar minderbemittelte Idioten, aber sie gehörten nicht zu dem asozialen Pack, das sich hier immer breiter machte. Erst letztens hatte er das versoffene Arschloch aus dem dritten Stock erwischt, wie er seinen Hund auf der Kellertreppe eine fette Kackwurst abseilen ließ, weil er zu faul war, mit seinem Köter Gassi zu gehen. Das mag ja den doch ziemlich einfach gestrickten Figuren vielleicht noch gut stehen und insgesamt so etwas wie Glaubwürdigkeit erwecken, wo der Autor sich aber sprachlicher Bilder bedient, wirken diese auf mich nicht nur genauso abstoßend wie die oben als Beispiel angeführte Passage – was ja durchaus gewollt sein könnte – sondern auch misslungen: Bevor Jessie etwas sagen konnte, übergab sich ihr Sohn wie eine Katze, die ihre verschluckten Haare hochwürgte heißt es da gleich zu Beginn über den Sohn und 30 Seiten später: Marvin roch wie eine alte Frau, die nicht mehr wusste, wie man sich den Hintern abwischte, gefolgt von Manchmal konnte er zwar nerven wie eine Hämorrhoide am Hintern, aber meistens jammerte er nur, wenn wirklich etwas im Busch war auf der nächsten Seite. Ich möchte jedenfalls bei einem solchen sprachlichen Rahmen (Hintern, Hämorrhoide, Sicherheitspippi) gar nicht mehr wissen, was bildlich im Busch los sein könnte, wenn sich mal jemand tatsächlich in einen solchen schlägt.

Fazit

Ich finde, dass Schwindt seine Möglichkeiten leider nicht genutzt hat. Der gute Eindruck, den die eigentlich interessante und Spannung versprechende Handlung von Schwarzfall macht, wird durch die wenig liebevolle Gestaltung und Präsentation der Figuren sowie einen sprachlichen Stil, der mir persönlich missfällt, so stark getrübt, dass ich den Roman nun wirklich nicht zur Lektüre empfehlen kann. Ich würde ihn sogar nicht einmal mehr als mittelmäßig bezeichnen. Viele Rezensenten haben sich an meinen Kritikpunkten aber nicht gestoßen: Wohlwollendere Rezensionen als meine finden sich auf Hallo-Buch und Buchbegegnungen. Wer wissen will, was man an dem Roman noch gut finden kann, der lese dort nach oder kaufe sich den 282-seitigen Roman aus dem Piper Verlag für 8,95 Euro – obwohl ich wirklich nicht glaube, dass der Roman einer von jenen ist, die positiv in Erinnerung bleiben werden.

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