Margaret Atwood: Das Jahr der Flut

Das Jahr der Flut ist das erste Werk, das ich von der berühmten kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood gelesen habe. Nach Der Report der Magd und Oryx und Crake ist der 2009 erschienene Roman ihre dritte Anti-Utopie. Und ich hätte wohl mit dem letztgenannten beginnen sollen, denn Das Jahr der Flut ist, wenn auch nicht eine direkte Fortsetzung, so doch zumindest eine Parallelgeschichte aus dem Oryx-und-Crake-Universum, die am Ende zudem den Schluss des ersten Romanes weiterführt. Der Roman lässt sich zwar auch lesen und verstehen, ohne den Vorläufer gelesen zu haben, allerdings muss man dann wohl auf die Freude verzichten, schon bekannte Figuren und Situationen – diesmal überwiegend aus der Perspektive zweier junger Frauen erzählt – wiederzuerkennen.

Schon zu Beginn des Romanes ist es geschehen: Die Protagonistin Toby sitzt als möglicherweise letzte Überlebende nach der Flut in einem Gebäudekomplex fest und beobachtet, wie draußen in der weitläufigen Anlage gentechnisch veränderte hochintelligente Schweine hinterhältig ihre Gemüsebeete vernichten und Löwämmer (Kreuzungen von Löwen und Lämmern) Jagd auf Beute machen. Auch die Situation der zweiten Hauptfigur,  aus deren Sicht der Roman erzählt wird, der jungen Ren, ist nicht ideal. Sie sitzt ebenfalls fest, nur ist es bei ihr der Isoliertrakt eines Bordells – immerhin hat dieser sie aber vor den plötzlich überall um sich greifenden Pendemie, der Flut, gerettet, welcher die überwiegende Zahl aller Menschen zum Opfer gefallen ist. Rätselhaft bleibt mir aber die Zeitrechnung, die Atwood im Roman verwendet. So findet der Ausbruch der Seuche im Jahre 25 statt. Von welchem Ereignis hier gezählt wird, erschließt sich aus dem Roman nicht, möglicherweise rechnen die Protagonisten vom Auftreten von Adam 1, dem charismatischen Anführer und Propheten der Gottesgärtner, an.

In zahlreichen Rückblenden erzählen die beiden einsamen Figuren uns ihre Lebensgeschichte. Toby, wie sie von der Sekte der Gärtner vor ihrem gewalttätigen Boss gerettet und versteckt wurde, und Ren, wie ihre Mutter mit ihr aus den Hochsicherheitswohnbereichen eines Konzerns geflüchtet ist, um dann jahrelang bei den Gottesgärtnern zu leben. Detailreich und außerordentlich breit lässt Atwood die beiden Erzählinstanzen das Wesen der Sekte und ihren alltäglichen Überlebenskampf schildern. Denn die Sekte der Gottesgärtner versucht in einer weitgehend von skrupellosen Konzernen kontrollierten und dem allmächtigen Sicherheitsunternehmen CorpSeCorp unterworfenen Konsumwelt ein gottgefälliges Dasein im Einklang mit der Natur zu führen. So töten sie keine Tiere, essen kein Fleisch, pflanzen alle Nahrungsmittel auf den Dächern besetzter Häuser selbst an und bereiten sich auf die Flut vor, indem sie den Mitgliedern Überlebensstrategien in einer post-katastrophalen Umwelt vermitteln und geheime Vorratslager, sogenannte Ararats, anlegen. Dabei unterbrechen beständig Predigten des Anführers und Liedtexte der Gottesgärtner den Erzählstrom, welche die teilweise äußerst skuril anmutenden Glaubensinhalte der Sekte entfalten. Leider bleibt beim Schmunzeln über diese Texte ein bitterer Beigeschmack: Denn von Ironie ist hier keine Spur. Und wenn man sich die Webseite zum Buch genauer betrachtet – dort stehen nicht nur die vertonten Texte zum Herunterladen bereit, sondern es wird auch die ihnen zugrundeliegende Literatur benannt – dann kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die 70jährige Autorin sie irgendwie doch ernst meint.

Weitestgehend gelungen erscheint mir die von Atwood gezeichnete dystopische Gesellschaft vor der Katastrophe. Mit jeder gelesenen Seite zog sie mich mehr in den Bann. Dabei spielt der Roman weniger in den High-Tech-Festung der Konzerne als in den kurz vor der Verelendung stehenden Viertel, in denen Jugendgangs eine ernstzunehmde Gefahr darstellen, ehemalige Pain-Baller (Das Spiel ist eine staatliche Strafe, die ein bisschen an Running Man erinnert) als brutale Filialchefs von Fastfoodläden GeheimBurger verkaufen, für deren rätselhafte Fleischeinlage alles herhalten muss, was zum falschen Zeitpunkt im Viertel in den verkommenen Hinterhöfen herumstreunt oder herumliegt. Und über dieser düsteren, an die Atmosphäre vieler Cyberpunkromane gemahnenden Szenerie schwebt immer die Bedrohung durch die skrupellosen Handlanger der CorpsSeCorp, die jederzeit dafür sorgen können, dass Menschen, die den Interessen der Konzerne im Wege stehen, erst verschwinden und dann zu Öl oder Burger verarbeitet werden. Einen Abstrich muss man dabei allerdings bei der Figurengestaltung machen. Während die einzeln vorgestellten Gärtner noch individuelle Züge aufweisen, arbeitet Atwood sonst mit stereotypenhaften Charakteren. Irgendwie wird man – auch durch den Lebenslauf der beiden Hauptfiguren – den Eindruck nicht los, dass alle Frauen bereit sind, sich auch für nicht lebensnotwendige Dinge zu prostituieren, Atwood nennt das Tauschen, und alle Männer  (von den Gärtnern einmal abgesehen) weitgehend triebgesteuerte Gewaltverbrecher oder potentielle Massenmörder sind. Das schmälert den guten Eindruck, den die entworfene Gesellschaft sonst auf mich macht.

Fazit

Das Jahr der Flut von Margaret Atwood ist ein unterhaltsamer Roman mit interessanten und skurilen Einfällen, die stellenweise leider durchaus ernst gemeint sind. Wirklich begeistern wird er so vermutlich nur militante Umweltschützer und vegane Ökokrieger. Er ist kein Meisterwerk, aber hat mich neugierig auf den berühmten Vorläufer Oryx und Crake gemacht, den ich in nächster Zukunft einmal lesen werde.

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