Willam Golding: Herr der Fliegen

Der 1954 erschiene Roman Herr der Fliegen des Nobelpreisträgers William Golding ist eine der wenigen Dystopien*, denen es gelungen ist, einen sehr hohen, allgemeinen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Nicht wenig trug zur Kanonisierung des Werkes dabei die Tatsache bei, dass es schell zu Schullektüre avancierte. Zusätzlich machten zwei Verfilmungen den Roman auch dem nicht lesenden Publikum bekannt: Eine in Schwarz-Weiß aus dem Jahre 1963 von Peter Brook und eine weitere aus dem Jahre 1990 vom Harry Hook.

Obwohl die Handlung des nicht sehr umfangreichen Romans – in meiner Ausgabe umfasst dieser nur 163 Seiten – schnell erzählt ist, hat sie es in sich: Während eines nicht näher beschriebenen Atomkrieges wird ein Flugzeug, welches mehrere Gruppen von englischen Jugendlichen transportiert, schwer beschädigt und stürzt auf einer kleinen unbewohnten Insel im Pazifik ab. Da kein Erwachsener überlebt hat, wählen die Kinder aus ihrer Mitte Ralph, der sich damit gegen den impulsiven und später auch gewalttätigen Jack durchsetzen kann, zu ihrem Anführer. Im Verlaufe des Romans wird mehr und mehr deutlich, dass es den von der Außenwelt abgeschnittenen Kindern nicht gelingt, in ihrem Umgang miteinander die zivilisatorischen Regeln beizubehalten. Nachdem die ersten gemeinsamen Planungen in ihrer Durchführung misslingen, gelingt es Ralph, der dem Hüten des Rettung versprechenden Feuers vor der Jagd den Vorrang gibt, auch nicht mehr, gegen Jack und seine Jäger die Geschlossenheit der Gruppe zu behaupten – das paradiesisch anmutende tropische Eiland wird zum Ort eines grausamen und verbittert geführten Konfliktes unter den Heranwachsenden, die mehr und mehr in die primitive Barbarei unserer Vorfahren zurückfallen.

Die brutale Realität der Robinsonade

Während in Jules Vernes Roman Zwei Jahre Ferien die auf einer einsamen Insel gestrandeten Jugendlichen das Paradies doch genießen können und die Herausforderung gemeinsam meistern, deuten die stets sprachlich beindruckenden Beschreibungen der Insel schon zu Beginn daraufhin, dass sie zu einem Ort der Gewalt werden wird: Dann sprang er zurück auf die Terrasse und zog das  Hemd aus; um ihn herum lagen Kokosnüsse wie Hirnschalen, und die grünen Schatten der Palmen und des Waldes glitten über seine Haut. Dabei geht diese nicht nur, aber vor allem von Jack aus, der als erster in seinem Drang zu jagen, seinen steinzeitlichen Instinkten zu gehorchen beginnt:

Das Schweigen des Waldes drückte mehr als die Hitze, und um diese Tageszeit hörte man nicht einmal das Summen der Insekten. Nur als Jack einen bunten Vogel von seinem primitiven Reisignest aufscheuchte, wurde die Stille aufgerissen vom vielfältigen Echo eines schrillen Schreis, der aus dem Abgrund der Jahrhunderte heraufzukommen schien. Jack fuhr bei diesem Schrei zurück und hielt erschrocken die Luft an; und während eines Augenblicks war er weniger ein Jäger als ein verfolgtes Wesen, das affengleich im Gewirr der Bäume kauerte.

Die Gewalt der Jäger und deren Begeisterung für fließendes Blut richtet sich zu Beginn zwar nur auf die Wildschweine, doch schon im rituellen, archaischen Nachspielen der Jagdszenen im Verband zeigt sich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Hatz einem Menschen gelten wird:

Jack schrie. ‘Einen Kreis machen!’ Der Kreis schloss und dehnte sich, Robert ahmte das erschreckende Quieken nach, dann schrie er wirklich vor Schmerz. ‘Au!’ Aufhören! Ihr tut mir ja weh!’ Ein Speergriff traf ihn in den Rücken, als er zwischen ihnen umher stolperte. ‘Haltet ihn!’

Dementsprechend ist das eigentliche Thema des Romans die Bereitschaft zur und Lust an der Gewalt, welche als evolutionäres Erbe in uns nur auf eine Gelegenheit warten, die durch die Sozialisation errichteten Schranken durchbrechen zu dürfen. Und immer wieder sind es einfache Bilder, an denen Golding das Thema entfaltet und die inneren Vorgänge gekonnt – und wie ich finde, wenig aufdringlich – aufzuzeigt:

Der Stein, jenes Zeichen finsterer Urzeit, schlug fünf Meter rechts von Henry auf und fiel ins Wasser. Roger sammelte eine Handvoll Steine auf und begann zu werfen. Doch da war ein Raum um Henry, etwa sechs Meter im Durchmesser, in den er nicht zu werfen wagte. Unsichtbar aber gebieterisch war hier das Tabu von früher. Das hockende Kind umgab der Schutz der Eltern und der Schule und der Polizei und des Gesetzes. Rogers Arm war durch eine Zivilisation gehemmt, die nichts von ihm wusste und in Trümmern lag.

Dabei findet Gewalt in der übrigen Welt genauso statt wie auf der Insel – wenn auch in vermeintlich zivilisierterer Form: Der Detonation von Nuklearwaffen und dem Luftkampf zweier Flugzeuge über der Insel. Insofern analysiert der Roman tiefgehend und exemplarisch anhand der Gruppe von Jugendlichen und ihrer zunehmenden Disziplinlosigkeit, Verwilderung und Gewalttätigkeit all jene Momente in der Geschichte der Menschheit, in denen das Böse sein hässliches Angesicht zeigt – in diesem Roman eindrucksvoll symbolisiert durch den aufgespießten und fliegenumschwirrten Schweinekopf: Dem Herr der Fliegen und Baal der Kinder – und stellt die wichtige Frage nach dessen Ursprung.

Dabei gelingt es Golding, das kindliche Verhalten überaus realistisch sowie den schleichenden Zerfall der zivilisatorischen Hüllen anhand der zunehmenden äußeren und inneren Verwahrlosung der Kinder so glaubwürdig zu zeichnen, dass man gar nicht umhin kann, den Roman als ein Meisterwerk zu bezeichnen, dessen beständig zunehmende Spannung bis zum Ende immer stärker den Leser in seinen Bann zieht.

Fazit

Der Roman Herr der Fliegen wird seinem Ruf und Bekanntheitsgrad wirklich gerecht. So sehr wie ich die stilistischen Fähigkeiten Goldings genossen habe, so sehr hat mich die spannende Handlung in ihren Bann gezogen. Zur Lektüre kann ich ihn nur wärmstens empfehlen! Interessant ist im Übrigen auch der Vergleich mit Grants Romanreihe Gone, in welcher die isolierende Insel durch eine phantastische Variante und die analytische Zielsetzung des Werkes durch spannende Unterhaltung ersetzt werden.

*Zur Einordnung des Romanes in das Genre siehe z.B.: Rainer Poppe, William Golding. Herr der Fliegen, Hollfeld, 2005, S.6: „Goldings Roman wird dem Genre der modernen Anti-Utopie (Dystopie) zugerechnet“; Andreas Heyer, Sozialutopien der Neuzeit. Bibliografisches Handbuch Berlin, 2009, S. 451: „In Goldings dystopischen Roman überlebt eine Gruppe Jugendlicher einen Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel“;  Richard Saage, Widersprüche und Synthesen des 20. Jahrhunderts, Münster, 2004, S. 314: „Das Szenario erinnert an zwei Möglichkeiten des Utopiediskurses, deren konstruktive Stoßrichtung Golding aber dystopisch umbiegt.“

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