George Orwell: 1984 – Teil II

Der dreiteilige Aufbau, nach dem Orwell seinen Roman auch explizit strukturiert hat, ist für die klassischen dystopischen Romane typisch geworden.

Der erste Abschnitt, der den Roman eröffnende, enthält eine Exposition, in welcher der Protagonist die genauen Merkmale der dystopischen Welt beschreibt. Wir erleben Smith in seinem beruflichen und mehr oder minder privaten Alltag. Während der Leser anhand des letzteren von der desolaten wirtschaftlichen Situation und der für totalitäre Gesellschaften typischen Durchdringung der privaten Bereiche mit der staatlichen Ideologie erfährt, bietet erster einen Einblick in die Herrschaftsmechanismen des Staates. Dadurch, dass der Protagonist selbst mit der Manipulation der Geschichte beauftragt ist und zudem über Bekanntschaften verfügt, welche die Sprache im Sinne des Systems umgestalten, bietet sich gleichsam ein Blick hinter die Kulissen. Deutlich wird auch schon, dass Smith durchaus auf dem Weg zum Gedankenverbrecher ist. Sowohl seine charakterlichen Anlagen als auch seine berufliche Position prädestinieren ihn hierfür geradezu. Durch seine Ausflüge in die Welt der Proles wird zudem ein bedeutender Bereich der dystopischen Gesellschaft ausgeleuchtet, der sonst nicht in Blickfeld geraten würde. Da diese unterste Gesellschaftsschicht 85% der Gesamtbevölkerung ausmacht, erscheint er umso wichtiger.

Der zweite Teil des Romans wird von der Liebesgeschichte zwischen Julia und Smith dominiert. Indem die beiden Hauptfiguren aber sich auf den anderen  einlassen, entscheiden sie sich, den ideologischen Vorgaben und staatlichen Gesetzen nicht mehr Folge zu leisten. Damit beziehen sie gegen das im ersten Teil geschilderte System Position, wenn auch nur im privaten Bereich. Der Versuch, dieses in einem organisierten Rahmen auf den politischen Bereich auszuweiten, endet mit der Verhaftung der beiden. Somit steht im Zentrum des  zweiten Teiles der klassischen Dystopie eine politische Neupositionierung gegenüber dem System, das am Anfang, wenn überhaupt, nur in Ansätzen kritisch betrachtet worden ist, und zudem der Entschluss des Helden, gegen die totalitäre Herrschaft aufzubegehren.

Im dritten Teil eines klassischen dystopischen Romans bricht nach einer Auseinandersetzung mit dem System üblicherweise die Katastrophe über den renitenten Helden herein. Diese kann aber durchaus unterschiedlichen Charakter haben. Einerseits ist es möglich, dass der Widerstand des Helden durch Manipulation ‘gebrochen’ und er in die Gesellschaft wieder eingegliedert wird. Auch der Große Bruder verfährt so, als er Smith nach Folter und Gehirnwäsche wieder in die Freiheit entlässt. Andererseits kann auch die völlige physische Vernichtung des Protagonisten erfolgen. Orwell deutet eine solche zumindest in der den Roman schließenden Vision Smiths an. Typisch für die klassische Dystopie ist auch ein die motivationalen und funktionalen Hintergründe erhellendes Gespräch zwischen dem Abweichler und einem exponierten Vertreter des Systems geworden, wie es in 1984 im Gespräch zwischen O’Brian und Smith der Fall ist. Inwieweit dabei tatsächlich der Protagonist über die ihm bisher verborgenen Mechanismen von einem Wissenden aufgeklärt wird, unterscheidet sich allerdings von Roman zu Roman stark. In einigen Fällen schrumpft die Unterhaltung auf einen belehrenden Monolog zusammen.

Diese an 1984 aufzeigbare Handlungsstruktur lässt sich durchaus als genretypische Anlage betrachten. Schon Samjatin verwendet sie in seinem Roman Wir und auch dort ist es die Liebe zu einer Frau, die als Katalysator der Neupostionierung des Helden gegenüber den herrschenden Verhältnissen dient. Auch in der russischen Dystopie wird die Entscheidung des Helden, die alles umfassenden Gesetze des Staates zu brechen,  letzten Endes in einen organisierten Widerstand überführt, der zum ‘Endkampf’ zwischen dem einen absoluten Kontrollanspruch erhebenden Staat und einem seine Freiheiten wahrnehmen wollenden Individuum gipfelt. Nicht immer muss dabei jedoch die Vernichtung des Widerstandes in psychischer oder physischer Form am Ende stehen. Häufig lassen Autoren dem Leser durchaus größere Interpretationsspielräume als Orwell, der uns nur darüber im Unklaren lässt, ob sein Held einst hingerichtet werden wird. In Bradburys Fahrenheit 451 bleibt zumindest die Hoffnung, dass der Widerstand weiter existieren und der Staat sein Ziel nicht erreichen wird. Samjatin selbst lässt diese Frage offen. Die ausbrechende Revolte kann durchaus zum Erfolg führen – aber möglicherweise auch nicht. Welche der möglichen Wege hier eingeschlagen wird, hängt letztendendes mit der Frage zusammen, wie die Wirkungsabsicht des Romanes ist: Soll er zum Widerstand ermutigen oder soll er eine Warnung sein, es gar nicht so weit kommen zu lassen?

Wie Elena Zeißler in ihrer Untersuchung Dunkle Welten zeigt, brechen Autoren seit 1990 diese grundsätzlich einsträngig erzählte dreischrittige Handlunsgstruktur zunehmend auf. Dieses hänge nach ihrer Ansicht auch mit dem Zerfall der totalitären Diktaturen in den Osteuropa zusammen, der eine Weiterentwicklung des Charakters der literarischen dystopischen Gesellschaft notwendig mache. Dadurch verliert 1984 als paradigmatischer Text des Genres aber nicht an Bedeutung. Denn auch noch im (genre-)bewussten Abweichen vom literarischen Vorbild bleibt der Bezug auf Orwell immer deutlich.

Fortsetzung folgt…

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