J. M. Coetzee: Warten auf die Barbaren

Eine Rezension von Rob Randall

Den Südafrikanern ist die Auseinandersetzung mit den Werken ihres Autors Coetzee nie leicht gefallen, denn in seinen Romanen setzt sich der Autor immer wieder kritisch mit den Problemen der ehemaligen Kolonie am Kap auseinander. Wie in seinem Roman Schande (1999), der den späteren Literaturnobelpreisträger (2003) auch dem letzten literarisch Interessierten bekannt machte, steht im Zentrum der Anti-Utopie Warten auf die Barbaren als Ausdruck des Umganges mit dem Anderen auch die Apartheit. Diese in der Hochphase der Rassentrennung verfasste Dystopie gehört zu den Frühwerken Coetzees und wurde noch im Erscheinungsjahr 1980 ins Deutsche übersetzt.

Inhalt

Der Besuch des Geheimdienstmitarbeiters Oberst Joll und seiner Folterknechte in einer namenlosen Stadt im Grenzgebiet eines nicht näher bestimmten Reiches durchkreuzt die Absicht des höchsten Beamten des Ortes, im Roman nur der Magistrat genannt, in diesem Außenposten des Landes ein ruhiges Leben zu verbringen. Er muss zwar nicht miterleben, aber doch zumindest erfahren, wie ein vermutlich unschuldiger Mann unter dem Verdacht, an der Vorbereitung eines Angriffs der Barbaren beteiligt zu sein, zu Tode gequält wird. Die nächsten gefangenen Barbaren, die der Protagonist nur für Nomaden hält,  werden ebenfalls gefoltert und müssen wie Tiere eine zeitlang im Kasernenhof vor sich hin vegetieren, bevor die Überlebenden wieder nach Hause entlassen werden. Dabei bleibt eine durch Oberst Jolls Grausamkeiten erblindete und teilweise verkrüppelte junge Frau zurück, derer sich der Magistrat annimmt. Indem er für ihr Wohlergehen sorgt, versucht er sich der Schuldgefühle zu entledigen, die ihn seit den den schrecklichen Vorgängen in seiner Stadt bedrücken.  Als ihm dieses jedoch nicht gelingt, beschließt er, das Mädchen unter einem Vorwand wieder zu seinem Volk zu bringen. Bei seiner Rückkehr von der beschwerlichen Reise wird er jedoch von Oberst Joll verhaftet und später selbst gemartert: Man wirft ihm Kollaboration mit den Barbaren vor. In der Zelle muss er sich einerseits mit der Schuld auseinander setzten, die er im Dienste des menschenverachtenden Staates auf sich geladen hat, und andererseits seine Position gegenüber dem System neu definieren.

Eine Annäherung an einen rätselhaften Roman

Was Coetzees Text von den meisten anderen Vertretern des Genres unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Handlung weder zeitlich noch örtlich zu verorten ist. Die fehlende Extrapolation macht die Welt des Romans somit zu einer Art Paralleluniversum, in dem die rassistische Welt Coetzees gespiegelt werden kann. Der Verzicht auf eine räumliche, zeitliche, uchronische Legitimation sowie das Fehlen einer der im Roman vorliegenden Gesellschaft vorausgehenden Katastrophe versetzt den Leser schnell in eine Rezeptionshaltung, die im Text selbst ein Gleichnishaftes zu sehen versucht. Hierzu trägt unter anderem auch die Namenlosigkeit der Hauptfigur und die von vielen Rezensenten zurecht bemerkte kafkaeske Atmosphäre bei. Tatsächlich lässt sich der Roman als Parabel auf das Verhältnis von Schwarzen und Weißen in Südafrika lesen, aber nur, weil der biografische Bezug es nahelegt – im Zentrum des Romanes steht die Frage nach dem Umgang mit dem Anderen – dem Barbaren – zu allen Zeiten schlechthin.

Jemand versetzt mir einen Stoß, und ich fange an, in einem Bogen einen Fußbreit über dem Boden hin- und herzuschweben wie eine große alte Motte, deren Flügel zusammengeklammert sind, brüllend, schreiend. „Er ruft seine Barbarenfreunde“, bemerkt einer. „Das ist die Sprache der Barbaren.“ Gelächter.

Auch wenn mir die Aussage des Textes lange verschlossen blieb, haben mich die Sprache und der Erzählstil von Anfang an in ihren Bann gezogen. Die Landschaftsbeschreibungen sind detailliert und nehmen den Leser in die Welt des Magistraten mit. Auch der Spannung, die zwischen den kurzen, oft resignativen Feststellungen des Magistraten und seiner genauen Schilderung der an den Körpern der Folteropfer auffindbaren Male entsteht, kann sich der Leser kaum entziehen. So wie der Magistrat innerlich einer Zerreißprobe unterworfen wird, indem er im Dienste eines Systems verbleibt, dessen unmenschliche Vorgehensweise er aus moralischen Gründen ablehnt, steht er schon von Beginn des Romanes an als Mittlerfigur zwischen den Barbaren und den Kolonisatoren. Dieses geht so weit, dass die ihn an einem Baum im Kasernenhof folternden Soldaten aufgrund seiner Schmerzensschreie höhnisch als Barbaren bezeichnen.

Die Barbaren schwärmen in der Nacht aus.

Sowohl in diesem Satz als auch in den hämischen Äußerungen der Soldaten wird Coetzees Aussage deutlich: Die Zuschreibung der Identität des ‘Barbars’ erfolgt durch die vermeintlich Zivilisierten. Dieser Vergewaltigung ihrer wirklichen für die Eindringlinge stets rätselhaften Identität können sich die ‘Barbaren’ aber im Roman immer erfolgreich entziehen. So erfüllt sich die Annahme, dass die Barbaren einen Angriff planen, nicht. Ebenso sind die ihnen unterstellten Überfälle nicht nachzuweisen. Die Panik der Kolonisten vor den Einheimischen gleicht streckenweise einer Massenhysterie, die jeglicher rationalen Grundlage entbehrt. Selbst die auf die vor einer Prügelorgie auf die Rücken der Gefangenen geschriebenen Buchstaben FEIND verschwinden unter den Schlägen wieder. Auch während des Vernichtungsfeldzuges der Armee in das Land des Feindes gelingt es den Soldaten nicht, den Feind zu stellen, denn er entzieht sich jedem Zugriff und lockt sie so immer weiter in ihren Untergang. Der diesen Vorgang reflektierende Magistrat bezweifelt sogar von Anfang an, dass die Einheimischen Nomaden feindliche Barbaren sind. Aber auch ihm gelingt es nicht, das Wesen der Einheimischen zu erkennen. Dementsprechend müssen seine Verhandlungen bei der Übergabe des Mädchens an ihr Volk ebenso fehlschlagen wie der Versuch, diese Frau, derer er sich angenommen hat, selbst zu verstehen.

Denn ich war nicht, wie ich es glauben wollte, der nachsichtige, lustbetonte Gegenpol zum kalten, starren Oberst. Ich war die Lüge, die sich das Reich erzählt, wenn die Zeiten ruhig sind, er die Wahrheit, die das Reich sagt, wenn raue Zeiten wehen. Zwei Seiten der Herrschaftsausübung, nicht mehr, nicht weniger.

Wenn ihm der Andere auch verschlossen bleibt – den Mechanismus des Umganges mit ihm legt der Magistrat bloß:  Denn in seinem Versuch, die Schuld gegenüber den Barbaren zu tilgen, im Waschen der Füße der Frau durch den Magistrat,  wird nur neue Schuld auf sich geladen. Der freundliche Umgang mit dem Mädchen zum Zwecke der Exkulpation ist nur ein erneuter Vereinnahmungsversuch durch eine fremde Kultur, eine erneute angestrebte Vergewaltigung ihres Wesen, das dem Kolonisator selbst aber für immer verborgen bleiben wird.

Fazit

Die faszinierende Dystopie Warten auf die Barbaren ist somit einerseits als Anklage der kolonialen und postkolonialen Gesellschaften aller Zeiten zu verstehen und andererseits als eine vielschichtige Analyse des Verhältnisses zwischen UNS und DEM ANDEREN schlechthin. In dieser Stellungnahme Coetzees schwingt für die indigenen Völker durchaus Hoffnung mit. Denn wie in dem gleichnahmigen Gedicht des griechischen Autors Konstantinos Kavavis aus dem Jahre 1898 werden die Barbaren am Ende des Romans wohl nicht wie erwartet ins Reich kommen – der Versuch, sie zu verstehen und durch eine erneute Zuschreibung von Identität zu vereinnahmen, schlägt auch im Letzten fehl.

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