James Graham Ballard: Der Sturm aus dem Nichts

Der Debütroman des berühmten britischen Science-Fiction-Schriftstellers James Graham Ballard aus dem Jahre 1961 ist der erste einer vierteiligen Reihe von Romanen, der sogenannten Zeit-Endet-Tetralogie, welche die Bedrohung bzw.  die mögliche Vernichtung der Menschheit durch Naturgewalten zum Thema hat (neben Der Sturm aus dem Nichts gehören hierzu die Romane Karneval der AlligatorenWelt in Flammen und Die Kristallwelt). In Ballards schriftstellerischem Werk lassen sich zudem noch eine ganze Reihe weiterer Dystopien finden, unter anderem die Romane Crash, Die Betoninsel und Hochhaus (bzw. Der Block), die ebenfalls konzeptionell zusammen gehören. Es war also einmal an der Zeit, sich mit dem Werk des 2009 im Alter von 69 Jahren verstorbenen Autoren auseinanderzusetzen.

Inhalt

Der Roman verfolgt in drei Handlungsträngen, welche am Ende in der Stadt London zu einem verwoben werden, die Versuche einer ganzen Zahl von Figuren, den rätselhaften weltweiten Sturm, der mit jeder Stunde an Kraft zunimmt, zu überleben:

Zuerst begegnet der Leser dem Wissenschaftler Donald Maitland, dem es aufgrund des starken Windes nicht mehr gelingt, seiner gescheiterten Ehe mit der recht reichen (und liderlichen) Susan per Flugzeug nach Kanada, wo er ein neues Leben beginnen will, zu entfliehen. Deshalb schließt er sich der Familie Symington an, die auf einem benachbarten Luftflottenstützpunkt Unterschlupf suchen will. Im Folgenden lernt der Leser Kapitän  Lanyon, den Kommandanten des vor Genua liegenden amerikanischen U-Bootes Terrapin, kennen, der den Auftrag erhalten hat, aus Nizza den schwerverwundeten General Van Damme zu retten. Nachdem er auf dem Weg bei der Rettung einiger italienischer Zivilisten aus einer eingestürzten Kirche geholfen hat, muss er feststellen, dass Van Damme bereits tot ist. Der Rücktransport der Leiche nach Genua gelingt jedoch trotz schwerer gepanzerter Fahrzeuge aufgrund des Windes nicht mehr. Zusammen mit Journalistin Patricia Olsen, die er  zuvor mit einigen anderen Amerikanern an der Straße aufgelesen hat, flüchtet er in einen naheliegenden Gebäudekomplex, in dem sich die beiden mehrere Tage aufhalten.

Unterdessen hat Symington seine Arbeit in der britischen Operationszentrale unter der Leitung seines Vorgesetzen Marshall aufgenommen. Entsetzt, aber nicht überrascht, müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur schon eine ganze Reihe asiatischer Hauptstädte zerstört sind, sondern dass nun auch die Gebäude der britischen Hauptstadt beginnen, unter der Kraft des Windes zusammenzufallen. Bei dem Versuch, Verschüttete aus den Ruinen eines Hotels und der darunterliegenden U-Bahn zu retten, entgehen Maitland und Marshall nur knapp dem Tode. Ersterer bemerkt wenig später im Anwesen Marshalls seltsame Kisten, deren Beschriftung ihn an den Multimilliardär Hardoon und dessen ehrgeizige Pläne zum Bau einer Bunkeranlage vor vielen Jahren erinnert. Nachdem Maitland in den Staatsdienst übernommen worden ist, wird er nach dem vergeblichen Versuch, seine Noch-Ehefrau zu retten, in der U-Bahn verschüttet.

Zu dieser Zeit gelingt es Lanyon und Patricia mit der Hilfe einiger italienischer Krimineller, deren Angehörigen Lanyon vor kurzem das Leben gerettet hat, die entgegen den Befehlen aus den Staaten immer noch vor Genua liegende Terrapin zu erreichen. Mit einigen weiteren amerikanischen Zivilisten an Bord läuft das Boot nach England aus. Dort gelingt es Marshall nicht, seine Untergebenen vor Kroll, dem brutalen Handlanger des Multimilliardärs Hardoon, zu schützen. Letzterer scheint skrupellos einen geheimnisvollen Plan zu verfolgen und vor den Toren der Stadt ein geheimnisvolles Bauwerk zu errichten.

Beurteilung

Normalerweise gehe ich nicht auf die Qualität der Übersetzung ein – auch, weil ich nur in den seltensten Fällen das Original zur Hand habe. Aber die von Gisela Stege vorgenommene Übertragung fällt an einigen Stellen doch unangenehm auf. So heißt es da zum Beispiel redundant: Er [der Wind] nimmt jeden Tag um fünf Meilen pro Stunde zu. Zudem findet man an einigen Stellen Ausdrücke, die woanders durchaus Sinn machen würden – aber nicht in diesem Zusammenhang: Doch mit Leuten wie Deborah und Marshall hatte die Menschheit eine berechtigte Chance. Über die doch recht umgangssprachliche Formulierung in längstens vierzehn Tagen kann man ja noch hinwegsehen, aber die Güte des Ausdrucks bleibt weiterhin recht zweifelhaft: Der Wind hat jetzt 175 Meilen in der Stunde erreicht, das bedeutet im Vergleich zu gestern eine Zunahme von fünf Meilen pro Stunde, wie täglich während der letzten drei Wochen. Schön ist etwas Anderes.

Ballard setzt in seinem gerade 150 Seiten umfassenden Roman ganz auf Action. Das macht er handwerklich auch ziemlich gut, wie ich finde – und angesichts der Kürze lässt sich das auch ohne Langeweile oder Überdruss lesen. Man darf allerdings keine Tiefe erwarten, weder in der Bedeutung der Handlung, noch bei der Anlage der Figuren. Dazu bleibt auch zu wenig Zeit. Die Handlung wirkt insgesamt wenig geschlossen und besitzt Ausschnittscharakter, obwohl sie mit dem Aufkommen der starken Winde einsetzt und gegen Ende auch mit deren Verschwinden – allerdings sehr abrupt – endet. Eine Erklärung, welche Ursachen für das rätselhafte Naturphänomen verantwortlich sind, wird zudem nicht gegeben – das legt der Titel aber auch schon nahe. Ballard scheint in seiner Tetralogie verschiedene Gedankenexperimente durchzuführen, die allesamt die Schutzlosigkeit des Menschen – so er denn nicht ausreichend gewappnet ist – gegenüber den Naturgewalten exemplarisch vorzuführen.

Wenig gefallen hat mir allerdings der höchst rätselhafte Handlungsstrang um den Multimilliardär Hardoon. Womöglich verfolgt Ballard die Absicht, eine Figur zu präsentieren, die den Zusammenbruch der Gesellschaft sowie das allgemeine Chaos in und nach der  Katastrophe zu ihren Gunsten nutzen will – aber beeindruckt hat mich dieser nicht.

Fazit

Ballards Katastrophenroman Der Wind aus dem Nichts ist zwar wenig tiefgründig oder künstlerisch wertvoll, dafür aber solide gemacht, weswegen er durchaus angenehm zu lesen ist. Bereut habe ich die Lektüre auf jeden Fall nicht – und sollten mir die anderen Romane der Tetralogie einmal zufällig begegnen, dann werde ich sie ebenfalls lesen – vielleicht hat diese ja jemand anderes übersetzt.

Nevil Shute: Das letzte Ufer

Wenn ich mich frage, welche Filme mich in meiner Kindheit und Jugend besonders beeindruckt haben, so fallen mir nicht besonders viele ein. Aber zwei Werke sind mit Sicherheit dabei: Zum einen die entsetzlich realistisch gedrehte Dokumentation This War Game (dt.: Kriegsspiel) der BBC  aus dem Jahr 1965 über die Folgen eines Nuklearkrieges in Großbritannien und zum anderen der für zwei Oscars nominierte Spielfilm On the Beach (dt.: Das letzte Ufer) von 1959. Letzterer beeindruckt auch durch seine Starbesetzung: Gregory Peck, Fred Astaire, Anthony Perkins und Ava Gardner (Im Jahr 2000 wurde übrigens ein Remake unter dem reißerischen Titel USS Charleston – Die letzte Hoffnung der Menschheit gedreht). Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diesen beiden Werken zuzuschreiben, dass ich auch im Literarischen eine Leidenschaft für das apokalyptische und postapokalyptische Genre entwickelt habe – zumal ich höchstens 12 war, als ich sie das erste Mal sah (Wie mir das in dem Alter gelungen ist, ist mir übrigens selbst unklar). Und da mit der fünfzigsten Rezension auf diesem Blog so etwas wie ein kleines Jubiläum ansteht, habe ich mich entschlossen, Nevil Shutes Roman Das letzte Ufer, der zwei Jahre vor der Verfilmung erschien, einmal zu lesen und auch zu rezensieren.

Inhalt:

Nach einem zwischen der U.D.S.S.R. und den U.S.A. sowie zwischen der U.D.S.S.R und China geführten mehrtägigen Atomkrieg, der von einem nuklearen Angriff Albaniens ausgelöst worden ist, hat die durch den Einsatz von Kobaltbomben freigesetzte Strahlung auf der Nordhalbkugel offensichtlich alles Leben vernichtet. Nur in Australien, Südamerika und dem südlichen Afrika haben auch nach gut zwei Jahren  die menschlichen Gesellschaften noch weitestgehend intakt überlebt. Allerdings zeichnen die Voraussagen der Wissenschaftler ein äußerst düsteres Bild der Zukunft: Schon in wenigen Monaten werden die äquatorialen Winde die strahlenden Partikel auch auf der südlichen Hemisphäre verteilt haben. Es ist also nur eine Frage von Monaten, bis auch dort die Menschheit aufhört zu existieren.

Die Handlung des Romans, in deren Mittelpunkt vier Figuren stehen, spielt überwiegend in Australien: Der verheiratete Kapitänleutnant Peter Holmes wird Dwight Towers, dem Kapitän eines der Zerstörung entgangenen amerikanischen Atom-U-Boots, der U.S.S. Scorpion, als Verbindungsoffizier zugeteilt. So lernt letzterer während eines Besuches auch Moira, die häufig alkoholisierte Freundin von Peter und Mary Holmes, kennen. Obwohl Towers und Moira Gefühle für einander haben, ist es Towers nicht möglich, seine vermutlich schon tote Frau zu ‘betrügen’, denn er hält sich mit dem Gedanken aufrecht, dass sowohl sie als auch seine zwei Kinder in den Staaten noch am Leben sind – obwohl er im Innersten weiß, dass dieses unmöglich ist. Nach einer ersten Probefahrt läuft die U.S.S. Scorpion zu einer Erkundungsfahrt in Richtung U.S.A. aus. Zum einen soll sie überprüfen, wie es sein kann, dass von einer Marinebasis immer noch Morsesignale – wenn diese auch sinnlos zu sein scheinen – gesendet werden können, und zum anderen sollen sie die sehr fragwürdige Theorie des Wissenschaftlers Jorgeson überprüfen, dass die Strahlung womöglich im Norden durch den Niederschlag geringer als bisher angenommen sein würde.

[Spoilerwarnung]

Die Ergebnisse der Fahrt sind jedoch niederschmetternd: Die Strahlung ist nördlich eines gewissen Breitengrades mit Sicherheit tödlich – was einen Matrosen, der seine letzten Tage in der Heimat verbringen will, jedoch nicht davon abhält, sich aus dem U-Boot zu schleichen. Zudem findet man heraus, dass die Morsesignale von einem unglücklich auf den Tastschalter der Funkanlage gefallenen Fensterrahmen herrühren. Mit diesen Erkenntnissen, die allerdings für die wenigsten unerwartet kommen, kehrt das Boot nach Melbourne zurück.

Das letzte Drittel des Romans schildert in eindringlicher Weise das Leben der Figuren im Angesicht ihres kurz bevorstehenden Todes. Während Moira ihren Alkoholkonsum zugunsten einer Stenotypistinnenausbildung aufgegeben hat, planen Peter und Mary Holmes vor allen die Anlage ihres Gartens.  Dem Wissenschaftler John Osborne gelingt es, sich den Traum seines Lebens zu erfüllen und am Steuer eines Ferraris ein Autorennen zu gewinnen.  Nachdem auch in Melbourne die ersten Toten zu beklagen sind und die Figuren erste Krankheitssymptome an sich feststellen, nehmen sie sich alle mittels vom Staat verteilten Selbstmordpillen an den Orten ihrer Wahl das Leben. Nur Kapitän Towers steuert sein Schiff auf hohe See, um es dort mitsamt der noch verbliebenen Mannschaft und sich selbst zu  versenken.

Ein trostloses Szenario

Das letzte Ufer ist einer der wenigen Romane, in denen ein Nuklearkrieg und seine Folgen tatsächlich das Ende der gesamten Menschheit herbeiführen. Legen die heutigen Erkenntnisse auch nahe, dass dem vermutlich nicht so sein würde, so entsprechen Shutes Annahmen durchaus dem wissenschaftlichen Stand der 50er Jahre. So berichtet DIE ZEIT in einem Artikel aus dem Jahr 1953 beispielsweise, dass die Kernphysiker […] sich darin einig [glauben], daß einige hundert Kobaltbomben ausreichen würden, um das organische Leben auf der Welt allmählich auszulöschen [Quelle: DIE ZEIT]. Vermutlich wäre dem übrigens immer noch so, wenn die Produktion dieser Waffenart tatsächlich in einem solchen Ausmaße verfolgt worden wäre.

Weniger realistisch erscheint mir hingegen, dass Albanien (!) für die Eskalation des Kalten Krieges verantwortlich ist – vermutlich wollte Shute damit auf die Gefahren der Verbreitung von spaltbarem Material bzw. Atomwaffen aufmerksam machen, verloren doch die U.S.A. in dieser Zeit ihr waffentechnisches Monopol mit England, Frankreich und der U.D.S.S.R. teilen. Zudem zeigt Shute auch, dass die Großmächte in ihrer situativen Beurteilung durchaus Irrtümern unterliegen könnten, sodass der Einsatz von Atombomben gegeneinander erfolgt, ohne dass dieses notwendig gewesen wäre. Nichtsdestotrotz ist das Szenario wenig einleuchtend – allerdings gehört es auch nur zum wenig bedeutsamen Hintergrund der eigentlichen Handlung.

Mir ist vom Film vor allen Dingen die Fahrt der U.S.S. Scorpion in Erinnerung geblieben. So war ich etwas überrascht, als ich feststellen musste, dass diese im Roman nur einen sehr kleinen Teil der Handlung ausmacht. Der Roman konzentriert sich vor allem auf die Schilderung des gesellschaftlichen und privaten Lebens unter dem Vorzeichen eines bald bevorstehenden Endes. Zeichnen die üblichen Katastrophen- und Endzeitromane ein Szenario, in dem schon wenige Stunden nach Beginn der Katastrophe die Gesellschaft lautstark unter Plünderungen, Vergewaltigungen, Raub und Mord zusammenbricht, so zeigt uns Shute die Bevölkerung Australiens als äußerst diszipliniert. Auch wenn der Alltag aufgrund von Treibstoffmangel und verminderter Produktion einigen Einschränkungen unterliegt, gehen doch fast alle Menschen bis zur Feststellung von Krankheitssymptomen ihrer Arbeit nach (von einigen Saufgelagen der Matrosen und Moira kurz nach dem Bekanntwerden des bevorstehenden Endes einmal abgesehen). Das Unfassbare des eigenen Endes wird dabei von den meisten bis zuletzt verdrängt und die verbleibende Zeit entweder der Pflichterfüllung oder dem Ausleben von Träumen gewidmet (und dem verantwortungsvollen Leertrinken der kostbaren Weinvorräte in den Clubs). Es ist diese eindringlich geschriebene Schilderung eines geradezu stille Sterbens der uns bekannten Welt, welche den Roman so lesenswert macht, auch wenn ich glaube, dass die Menschen ihrem Ende nicht so stoisch entgegengehen werden.

Leider haben mich die Liebeleien ohne Zukunft zwischen Kapitän Towers und Moira streckenweise gelangweilt, zumal die Schlussszene des Romans – Moira sitzt in ihrem Auto an der Küste, blickt auf das neblige Meer hinaus und nimmt sich zu jenem Zeitpunkt das Leben, an dem Towers sein Schiff versenkt – doch sehr an die bekannten vermeintlich romantischen Sujets von Groschenromanen erinnert. Ebenfalls zu deutlich in den Bereich des Kitsches geraten mir die Motive manchmal, wenn Shute den Umgang mit dem bevorstehenden Ende thematisiert, auch wenn hier aus dem nützlichen lutherischen Apfelbäumchen eine tropische Zierpflanze wird:

Während du weg warst, war ich in Wilsons Gärtnerei. Dort gibt es entzückende Gummibäume, und sie kosten nur zehn Schilling sechs Pence das Stück. Glaubst du, wir könnten im Herbst einen pflanzen?” “Sie sind ziemlich empfindlich”, antwortete er. “Das beste wäre, zwei nahe nebeneinander einzusetzen;  wenn dann der eine eingeht, hast du immer noch den anderen. Wenn sie beide überleben, nimmt man den zweiten in zwei Jahren heraus.”

Shute gelingt es in unterschiedlichem Maße, den Figuren Tiefe und Glaubwürdigkeit zu verleihen: Während die männlichen Protagonisten durchaus nachvollziehbar agieren und denken, so möchte man über die eindimensionale Zeichnung der immer den bekannten Frauenbildern entsprechenden weiblichen Figuren manchmal laut aufstöhnen: So wird zum einen Moira durch ihre Zuneigung zu Towers aus ihrer deutlich negativ konnotierten Rolle der femme fatale ‘erlöst’ – woraufhin sie seine Socken stopft sowie seine Knöpfe annäht – und zum anderen scheinen die intellektuellen Fähigkeiten von Mary schon sehr stark unter der Strahlung gelitten zu haben, als ihr Peter Erkältungstabletten als Mittel gegen die Ansteckung mit der Strahlenkrankheit unterjubelt (und an dieser Stelle deutet auch wirklich alles darauf hin, dass wir es hier nicht mit Verdrängung, sondern mit Dummheit zu tun haben – zumal Mary nicht genau weiß, ob Seattle weit von Melbourne entfernt ist).

Fazit

Shutes Roman Das letzte Ufer orientiert sich in enttäuschender Weise genauso an den konventionellen Figurenbildern seiner Zeit wie er es wagt, populäre Motive zu verwenden, die vor allem im Bereich des Kitsches wiederzufinden sind. Dennoch schildert er in durchaus beeindruckender und zumeist spannender Weise einen für das Genre des Endzeitromans sehr ungewöhnlich ruhigen Untergang der Menschheit. Leider reicht das meiner Ansicht nach aber nicht aus, um ihn dem ‘normalen’ Leser zu empfehlen – wer sich aber für das Genre insgesamt interessiert und schon einige stärker auf lautstarke Effekte setzende Weltuntergangsromane gelesen hat, kann Das letzte Ufer ruhig mal zur Hand nehmen.

Peter Schwindt: Schwarzfall

Ziemlich Zappenduster: Ein Rezensent sieht schwarz

Eigentlich war ich sehr gespannt auf den dieses Jahr (2010) erschienenen Roman Schwarzfall von Peter Schwindt. Das erste Mal war ich auf der Leipziger Buchmesse auf Autor und Werk aufmerksam geworden, hatte der Plot doch eigentlich alles, was man braucht, um einen interessanten Thriller zu stricken:

Ebenso wie in dem sehr viel längeren Roman Rattentanz von Michael Tietz bricht die Katastrophe unvermutet als Stromausfall über die Menschen herein. Allerdings ist bei Schwindt kein Computervirus dafür verantwortlich, dass die Stromnetze zusammenbrechen, sondern ein drückend heißer Sommer, in dessen Folge die Pegelstände der Flüsse derart absinken, dass die Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden müssen. Insofern stehen den Einwohnern von Frankfurt – und nur dort spielt der Roman – einige dunkle Wochen bevor. Anhand dreier Handlungsstränge (von denen einer recht wenig zum Geschehen beiträgt), in deren Zentrum jeweils die Hauptfiguren stehen, erlebt der Leser, wie die öffentliche Ordnung innerhalb weniger Stunden zusammenbricht und es in der Stadt schnell zu Plünderungen kommt. Schwindt führt diese Erzählstränge am Ende, als es zum Showdown zwischen dem Proleten Patrick und dem kleinbürgerlichen Hellmann kommt, zusammen. Der Leser erlebt zuvor, wie Patrick seine Freundin Jessie verfolgt, die ihn mit dem gemeinsamen Sohn Marvin verlassen hat, und dabei einen Unfall erleidet, der ihn beinahe das Leben kostet, sowie den sich stets nur mühsam unter Kontrolle haltenden Gewaltmenschen und Lehrer Hellmann, der im Augenblick des Zusammenbruchs beginnt, in seiner gepflegten Vorstadtsiedlung eine Ordnung nach seinen Vorstellungen zu errichten, eine Ordnung, die Menschen wie Patrick und Jessie nicht nur ausschließt, sondern auch dem Untergang preiszugeben bereit ist. Diese sind jedoch nicht willig, sich widerstandslos damit abzufinden, zumal Patrick mit Hellmann noch eine Rechnung zu begleichen hat.

Die Handlung

Wie schon oben angedeutet, der Plot des Romans wirkt durchaus überzeugend. Und ebenso wie in Tietz’ Roman bricht die Ordnung mit einer Geschwindigkeit zusammen, die den Leser geradezu schwindlig macht. Mich zumindest. Aber immerhin liegt es im Bereich des Möglichen, dass die Auflösung derart schnell vonstatten geht. Aber dass Hellmann am Morgen nach dem Stromausfall für mehrere tausend Euro, die er dem Vater einer seiner Schülerinnen abgepresst hat, Generatoren anschafft und noch am gleichen Nachmittag beginnt, eine bewaffnete Bürgerwehr aufzustellen, welche die Lebensmittel eines in der Nähe gelegenen Supermarktes bewachen bzw. für die  Siedlung konfiszieren soll, erscheint mir doch etwas abwegig.

Die Erzähltechnik

Die Figuren werden von Schwindt grundsätzlich in einer bestimmten Weise eingeführt:

Katharina seufzte. […] Als sie sie [die Bananenschale] in den Mülleimer warf, sah sie ihr Gesicht im angelaufenen Spiegel, der über dem Waschbecken neben der Tür des Stationszimmers hing. Sie war jetzt 49 Jahre alt und hatte noch immer nicht das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Sie hatte keine guten Freunde, aber stattdessen einen Beruf, der sie ausfüllte. Kinder konnte sie mittlerweise abschreiben…

Typen wie ihn hasste er wie die Pest. Faselten immer von Respekt, hatten aber keine Achtung vor Menschen, die etwas im Leben leisteten. Harald Hellmann war nichts zugeflogen, alles  im Leben hatte er sich erarbeiten müssen. Und darauf war er stolz…

Ist ja schon gut Marvin”, sagte sie und hob ihn aus dem Sitz. “Alles in Ordnung“, sie musste ihm unbedingt ein anderes T-Shirt anziehen […] Aber für Kinder wie Marvin bedeutete es [das Wetter] eine Tortur, der Jessie als Mutter hilflos gegenüber stand […] Jessie bekam nicht viel, 154 Euro Kindergeld plus die obligatorischen 345 Euro Stütze. Sie hatte zwar eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, aber…

Nachdem man die Figuren also bei irgendeiner Tätigkeit erlebt hat, meistens zeitdeckend erzählt, folgen zeitdehnende Passagen, in denen ihr Werdegang, ihr Leben bzw. ihr Charakter kurz skizziert werden. In einigen Fällen werden diese Darstellungen allerdings auch mehrere Seiten lang – wie im Fall von Hellmann. Ich empfinde diese Erzähltechnik als äußerst monoton, zumal sie literarisch wenig anspruchsvoll – und ansprechend – ist. Auch wenn diese Passagen personal erzählt wirken sollen, scheinen sie durch die Informationsdichte stark auktorial gefärbt. Es gibt durchaus liebevollere Verfahren, die das Leben der Figuren nicht derart steckbriefartig zum Zeitpunkt ihrer Einführung abhandeln, allerdings erfordern diese auch eine kompliziertere Konzeption des Romans.

Die Figuren

So sehr sich Schwindt auch bemüht, den Figuren Tiefe zu verleihen, was am ehesten noch bei der Ärztin Katharina gelingt (deren Geschichte für die zentrale Handlung des Romans aber nur illustrativen Charakter besitzt) –  die Figuren überzeugen nicht. Dazu sind sie auch viel zu stereotyp angelegt. Das gilt sowohl für den immer gewaltbereiten, seiner Freundin Prügel androhenden, am Kleinkind zerrenden, Computer spielenden, in einem Wohnsilo lebenden egoistischen Messerstecher und Proleten Patrick als auch für den autoritären, in seinem Einfamilienhaus in der Vorstadt Waffen sammelnden, in Konfliktsituationen Gewalt anwendenden, an der ‘Gefangenschaft’ seiner lieblosen Ehe leidenden Vater zweier Söhne: den Studienrat Hellmann. Da erscheint der vorurteilsbeladene Blick, mit dem die beiden Widersacher einander betrachten, gar nicht so falsch zu sein, entspricht der jeweils andere doch tatsächlich den bekannten Klischees aus Film und Fernsehen (und nun auch Literatur). Die Veränderung, die Patrick durchmacht, nachdem er dem Tod nur knapp entkommen zu sein meint, lässt ihn später noch ein wenig Tiefe gewinnen, auch wenn mir das alles ein wenig zu schnell geht, umfasst die gesamte Handlungszeit des Romans doch nur 7 Tage.

Die Sprache

Der sprachliche Stil des Romans ist weitgehend schlicht, schmucklos – und manchmal nur vulgär: Die beiden waren zwar minderbemittelte Idioten, aber sie gehörten nicht zu dem asozialen Pack, das sich hier immer breiter machte. Erst letztens hatte er das versoffene Arschloch aus dem dritten Stock erwischt, wie er seinen Hund auf der Kellertreppe eine fette Kackwurst abseilen ließ, weil er zu faul war, mit seinem Köter Gassi zu gehen. Das mag ja den doch ziemlich einfach gestrickten Figuren vielleicht noch gut stehen und insgesamt so etwas wie Glaubwürdigkeit erwecken, wo der Autor sich aber sprachlicher Bilder bedient, wirken diese auf mich nicht nur genauso abstoßend wie die oben als Beispiel angeführte Passage – was ja durchaus gewollt sein könnte – sondern auch misslungen: Bevor Jessie etwas sagen konnte, übergab sich ihr Sohn wie eine Katze, die ihre verschluckten Haare hochwürgte heißt es da gleich zu Beginn über den Sohn und 30 Seiten später: Marvin roch wie eine alte Frau, die nicht mehr wusste, wie man sich den Hintern abwischte, gefolgt von Manchmal konnte er zwar nerven wie eine Hämorrhoide am Hintern, aber meistens jammerte er nur, wenn wirklich etwas im Busch war auf der nächsten Seite. Ich möchte jedenfalls bei einem solchen sprachlichen Rahmen (Hintern, Hämorrhoide, Sicherheitspippi) gar nicht mehr wissen, was bildlich im Busch los sein könnte, wenn sich mal jemand tatsächlich in einen solchen schlägt.

Fazit

Ich finde, dass Schwindt seine Möglichkeiten leider nicht genutzt hat. Der gute Eindruck, den die eigentlich interessante und Spannung versprechende Handlung von Schwarzfall macht, wird durch die wenig liebevolle Gestaltung und Präsentation der Figuren sowie einen sprachlichen Stil, der mir persönlich missfällt, so stark getrübt, dass ich den Roman nun wirklich nicht zur Lektüre empfehlen kann. Ich würde ihn sogar nicht einmal mehr als mittelmäßig bezeichnen. Viele Rezensenten haben sich an meinen Kritikpunkten aber nicht gestoßen: Wohlwollendere Rezensionen als meine finden sich auf Hallo-Buch und Buchbegegnungen. Wer wissen will, was man an dem Roman noch gut finden kann, der lese dort nach oder kaufe sich den 282-seitigen Roman aus dem Piper Verlag für 8,95 Euro – obwohl ich wirklich nicht glaube, dass der Roman einer von jenen ist, die positiv in Erinnerung bleiben werden.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut

Das Jahr der Flut ist das erste Werk, das ich von der berühmten kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood gelesen habe. Nach Der Report der Magd und Oryx und Crake ist der 2009 erschienene Roman ihre dritte Anti-Utopie. Und ich hätte wohl mit dem letztgenannten beginnen sollen, denn Das Jahr der Flut ist, wenn auch nicht eine direkte Fortsetzung, so doch zumindest eine Parallelgeschichte aus dem Oryx-und-Crake-Universum, die am Ende zudem den Schluss des ersten Romanes weiterführt. Der Roman lässt sich zwar auch lesen und verstehen, ohne den Vorläufer gelesen zu haben, allerdings muss man dann wohl auf die Freude verzichten, schon bekannte Figuren und Situationen – diesmal überwiegend aus der Perspektive zweier junger Frauen erzählt – wiederzuerkennen.

Schon zu Beginn des Romanes ist es geschehen: Die Protagonistin Toby sitzt als möglicherweise letzte Überlebende nach der Flut in einem Gebäudekomplex fest und beobachtet, wie draußen in der weitläufigen Anlage gentechnisch veränderte hochintelligente Schweine hinterhältig ihre Gemüsebeete vernichten und Löwämmer (Kreuzungen von Löwen und Lämmern) Jagd auf Beute machen. Auch die Situation der zweiten Hauptfigur,  aus deren Sicht der Roman erzählt wird, der jungen Ren, ist nicht ideal. Sie sitzt ebenfalls fest, nur ist es bei ihr der Isoliertrakt eines Bordells – immerhin hat dieser sie aber vor den plötzlich überall um sich greifenden Pendemie, der Flut, gerettet, welcher die überwiegende Zahl aller Menschen zum Opfer gefallen ist. Rätselhaft bleibt mir aber die Zeitrechnung, die Atwood im Roman verwendet. So findet der Ausbruch der Seuche im Jahre 25 statt. Von welchem Ereignis hier gezählt wird, erschließt sich aus dem Roman nicht, möglicherweise rechnen die Protagonisten vom Auftreten von Adam 1, dem charismatischen Anführer und Propheten der Gottesgärtner, an.

In zahlreichen Rückblenden erzählen die beiden einsamen Figuren uns ihre Lebensgeschichte. Toby, wie sie von der Sekte der Gärtner vor ihrem gewalttätigen Boss gerettet und versteckt wurde, und Ren, wie ihre Mutter mit ihr aus den Hochsicherheitswohnbereichen eines Konzerns geflüchtet ist, um dann jahrelang bei den Gottesgärtnern zu leben. Detailreich und außerordentlich breit lässt Atwood die beiden Erzählinstanzen das Wesen der Sekte und ihren alltäglichen Überlebenskampf schildern. Denn die Sekte der Gottesgärtner versucht in einer weitgehend von skrupellosen Konzernen kontrollierten und dem allmächtigen Sicherheitsunternehmen CorpSeCorp unterworfenen Konsumwelt ein gottgefälliges Dasein im Einklang mit der Natur zu führen. So töten sie keine Tiere, essen kein Fleisch, pflanzen alle Nahrungsmittel auf den Dächern besetzter Häuser selbst an und bereiten sich auf die Flut vor, indem sie den Mitgliedern Überlebensstrategien in einer post-katastrophalen Umwelt vermitteln und geheime Vorratslager, sogenannte Ararats, anlegen. Dabei unterbrechen beständig Predigten des Anführers und Liedtexte der Gottesgärtner den Erzählstrom, welche die teilweise äußerst skuril anmutenden Glaubensinhalte der Sekte entfalten. Leider bleibt beim Schmunzeln über diese Texte ein bitterer Beigeschmack: Denn von Ironie ist hier keine Spur. Und wenn man sich die Webseite zum Buch genauer betrachtet – dort stehen nicht nur die vertonten Texte zum Herunterladen bereit, sondern es wird auch die ihnen zugrundeliegende Literatur benannt – dann kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die 70jährige Autorin sie irgendwie doch ernst meint.

Weitestgehend gelungen erscheint mir die von Atwood gezeichnete dystopische Gesellschaft vor der Katastrophe. Mit jeder gelesenen Seite zog sie mich mehr in den Bann. Dabei spielt der Roman weniger in den High-Tech-Festung der Konzerne als in den kurz vor der Verelendung stehenden Viertel, in denen Jugendgangs eine ernstzunehmde Gefahr darstellen, ehemalige Pain-Baller (Das Spiel ist eine staatliche Strafe, die ein bisschen an Running Man erinnert) als brutale Filialchefs von Fastfoodläden GeheimBurger verkaufen, für deren rätselhafte Fleischeinlage alles herhalten muss, was zum falschen Zeitpunkt im Viertel in den verkommenen Hinterhöfen herumstreunt oder herumliegt. Und über dieser düsteren, an die Atmosphäre vieler Cyberpunkromane gemahnenden Szenerie schwebt immer die Bedrohung durch die skrupellosen Handlanger der CorpsSeCorp, die jederzeit dafür sorgen können, dass Menschen, die den Interessen der Konzerne im Wege stehen, erst verschwinden und dann zu Öl oder Burger verarbeitet werden. Einen Abstrich muss man dabei allerdings bei der Figurengestaltung machen. Während die einzeln vorgestellten Gärtner noch individuelle Züge aufweisen, arbeitet Atwood sonst mit stereotypenhaften Charakteren. Irgendwie wird man – auch durch den Lebenslauf der beiden Hauptfiguren – den Eindruck nicht los, dass alle Frauen bereit sind, sich auch für nicht lebensnotwendige Dinge zu prostituieren, Atwood nennt das Tauschen, und alle Männer  (von den Gärtnern einmal abgesehen) weitgehend triebgesteuerte Gewaltverbrecher oder potentielle Massenmörder sind. Das schmälert den guten Eindruck, den die entworfene Gesellschaft sonst auf mich macht.

Fazit

Das Jahr der Flut von Margaret Atwood ist ein unterhaltsamer Roman mit interessanten und skurilen Einfällen, die stellenweise leider durchaus ernst gemeint sind. Wirklich begeistern wird er so vermutlich nur militante Umweltschützer und vegane Ökokrieger. Er ist kein Meisterwerk, aber hat mich neugierig auf den berühmten Vorläufer Oryx und Crake gemacht, den ich in nächster Zukunft einmal lesen werde.

Willam Golding: Herr der Fliegen

Der 1954 erschiene Roman Herr der Fliegen des Nobelpreisträgers William Golding ist eine der wenigen Dystopien*, denen es gelungen ist, einen sehr hohen, allgemeinen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Nicht wenig trug zur Kanonisierung des Werkes dabei die Tatsache bei, dass es schell zu Schullektüre avancierte. Zusätzlich machten zwei Verfilmungen den Roman auch dem nicht lesenden Publikum bekannt: Eine in Schwarz-Weiß aus dem Jahre 1963 von Peter Brook und eine weitere aus dem Jahre 1990 vom Harry Hook.

Obwohl die Handlung des nicht sehr umfangreichen Romans – in meiner Ausgabe umfasst dieser nur 163 Seiten – schnell erzählt ist, hat sie es in sich: Während eines nicht näher beschriebenen Atomkrieges wird ein Flugzeug, welches mehrere Gruppen von englischen Jugendlichen transportiert, schwer beschädigt und stürzt auf einer kleinen unbewohnten Insel im Pazifik ab. Da kein Erwachsener überlebt hat, wählen die Kinder aus ihrer Mitte Ralph, der sich damit gegen den impulsiven und später auch gewalttätigen Jack durchsetzen kann, zu ihrem Anführer. Im Verlaufe des Romans wird mehr und mehr deutlich, dass es den von der Außenwelt abgeschnittenen Kindern nicht gelingt, in ihrem Umgang miteinander die zivilisatorischen Regeln beizubehalten. Nachdem die ersten gemeinsamen Planungen in ihrer Durchführung misslingen, gelingt es Ralph, der dem Hüten des Rettung versprechenden Feuers vor der Jagd den Vorrang gibt, auch nicht mehr, gegen Jack und seine Jäger die Geschlossenheit der Gruppe zu behaupten – das paradiesisch anmutende tropische Eiland wird zum Ort eines grausamen und verbittert geführten Konfliktes unter den Heranwachsenden, die mehr und mehr in die primitive Barbarei unserer Vorfahren zurückfallen.

Die brutale Realität der Robinsonade

Während in Jules Vernes Roman Zwei Jahre Ferien die auf einer einsamen Insel gestrandeten Jugendlichen das Paradies doch genießen können und die Herausforderung gemeinsam meistern, deuten die stets sprachlich beindruckenden Beschreibungen der Insel schon zu Beginn daraufhin, dass sie zu einem Ort der Gewalt werden wird: Dann sprang er zurück auf die Terrasse und zog das  Hemd aus; um ihn herum lagen Kokosnüsse wie Hirnschalen, und die grünen Schatten der Palmen und des Waldes glitten über seine Haut. Dabei geht diese nicht nur, aber vor allem von Jack aus, der als erster in seinem Drang zu jagen, seinen steinzeitlichen Instinkten zu gehorchen beginnt:

Das Schweigen des Waldes drückte mehr als die Hitze, und um diese Tageszeit hörte man nicht einmal das Summen der Insekten. Nur als Jack einen bunten Vogel von seinem primitiven Reisignest aufscheuchte, wurde die Stille aufgerissen vom vielfältigen Echo eines schrillen Schreis, der aus dem Abgrund der Jahrhunderte heraufzukommen schien. Jack fuhr bei diesem Schrei zurück und hielt erschrocken die Luft an; und während eines Augenblicks war er weniger ein Jäger als ein verfolgtes Wesen, das affengleich im Gewirr der Bäume kauerte.

Die Gewalt der Jäger und deren Begeisterung für fließendes Blut richtet sich zu Beginn zwar nur auf die Wildschweine, doch schon im rituellen, archaischen Nachspielen der Jagdszenen im Verband zeigt sich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Hatz einem Menschen gelten wird:

Jack schrie. ‘Einen Kreis machen!’ Der Kreis schloss und dehnte sich, Robert ahmte das erschreckende Quieken nach, dann schrie er wirklich vor Schmerz. ‘Au!’ Aufhören! Ihr tut mir ja weh!’ Ein Speergriff traf ihn in den Rücken, als er zwischen ihnen umher stolperte. ‘Haltet ihn!’

Dementsprechend ist das eigentliche Thema des Romans die Bereitschaft zur und Lust an der Gewalt, welche als evolutionäres Erbe in uns nur auf eine Gelegenheit warten, die durch die Sozialisation errichteten Schranken durchbrechen zu dürfen. Und immer wieder sind es einfache Bilder, an denen Golding das Thema entfaltet und die inneren Vorgänge gekonnt – und wie ich finde, wenig aufdringlich – aufzuzeigt:

Der Stein, jenes Zeichen finsterer Urzeit, schlug fünf Meter rechts von Henry auf und fiel ins Wasser. Roger sammelte eine Handvoll Steine auf und begann zu werfen. Doch da war ein Raum um Henry, etwa sechs Meter im Durchmesser, in den er nicht zu werfen wagte. Unsichtbar aber gebieterisch war hier das Tabu von früher. Das hockende Kind umgab der Schutz der Eltern und der Schule und der Polizei und des Gesetzes. Rogers Arm war durch eine Zivilisation gehemmt, die nichts von ihm wusste und in Trümmern lag.

Dabei findet Gewalt in der übrigen Welt genauso statt wie auf der Insel – wenn auch in vermeintlich zivilisierterer Form: Der Detonation von Nuklearwaffen und dem Luftkampf zweier Flugzeuge über der Insel. Insofern analysiert der Roman tiefgehend und exemplarisch anhand der Gruppe von Jugendlichen und ihrer zunehmenden Disziplinlosigkeit, Verwilderung und Gewalttätigkeit all jene Momente in der Geschichte der Menschheit, in denen das Böse sein hässliches Angesicht zeigt – in diesem Roman eindrucksvoll symbolisiert durch den aufgespießten und fliegenumschwirrten Schweinekopf: Dem Herr der Fliegen und Baal der Kinder – und stellt die wichtige Frage nach dessen Ursprung.

Dabei gelingt es Golding, das kindliche Verhalten überaus realistisch sowie den schleichenden Zerfall der zivilisatorischen Hüllen anhand der zunehmenden äußeren und inneren Verwahrlosung der Kinder so glaubwürdig zu zeichnen, dass man gar nicht umhin kann, den Roman als ein Meisterwerk zu bezeichnen, dessen beständig zunehmende Spannung bis zum Ende immer stärker den Leser in seinen Bann zieht.

Fazit

Der Roman Herr der Fliegen wird seinem Ruf und Bekanntheitsgrad wirklich gerecht. So sehr wie ich die stilistischen Fähigkeiten Goldings genossen habe, so sehr hat mich die spannende Handlung in ihren Bann gezogen. Zur Lektüre kann ich ihn nur wärmstens empfehlen! Interessant ist im Übrigen auch der Vergleich mit Grants Romanreihe Gone, in welcher die isolierende Insel durch eine phantastische Variante und die analytische Zielsetzung des Werkes durch spannende Unterhaltung ersetzt werden.

*Zur Einordnung des Romanes in das Genre siehe z.B.: Rainer Poppe, William Golding. Herr der Fliegen, Hollfeld, 2005, S.6: „Goldings Roman wird dem Genre der modernen Anti-Utopie (Dystopie) zugerechnet“; Andreas Heyer, Sozialutopien der Neuzeit. Bibliografisches Handbuch Berlin, 2009, S. 451: „In Goldings dystopischen Roman überlebt eine Gruppe Jugendlicher einen Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel“;  Richard Saage, Widersprüche und Synthesen des 20. Jahrhunderts, Münster, 2004, S. 314: „Das Szenario erinnert an zwei Möglichkeiten des Utopiediskurses, deren konstruktive Stoßrichtung Golding aber dystopisch umbiegt.“

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika

Die U.S.A. auf Abwegen

In seinem Roman Verschwörung gegen Amerika lässt Philip Roth seine gleichnamige Hauptfigur resümieren: Im Rückblick betrachtet, war das schonungslose Unvorhergesehene das, was wir Kinder in der Schule als „Geschichte“ lernten, harmlose Geschichte, wo alles Unerwartete zu seiner Zeit als unvermeidlich verzeichnet wird. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht. Und damit legen Autor und Protagonist den Finger auf eine offene Wunde der historischen Wissenschaftwelche sich üblicherweise verbietet, den unsicheren Pfad des Was-wäre-gewesen-wenn zu beschreiten und Geschichte zu einer trügerischen Erzählung macht, die ganz und gar von dem Gesetz der Notwendigkeit diktiert zu sein scheint: Es gibt keinen anderen Weg, als jenen, den der Verlauf der Ereignisse tatsächlich genommen hat.

Und da dieser Verlauf letztendlich von Menschen bestimmt wird, bieten sich Ereignisse um wichtige historische Persönlichkeiten besonders an, um den Zug der Geschichte auf ein anderes Gleis fahren zu lassen. In Roths 2004 erschienenem Roman ist die US-Präsidentenwahl von 1940 die Weiche, welche den jungen Protagonisten Philip Roth und seine amerikanisch-jüdische Familie auf eine historische Alternativstrecke schicktan deren Ende einer jener Bahnhöfe stehen kann, die zum Inbegriff der Schrecken des 20. Jahrhunderts geworden sind: Der auch für seine antisemitischen Äußerungen bekannte und sich in der isolationistischen Bewegung America first comittee engagierende Testpilot und Atlantiküberquerer Charles Lindbergh (siehe Bild) gewinnt die Abstimmung gegen den amtierenden Präsidenten Franklin Delano Roosevelt – die U.S.A. unterstützen in Folge dessen auf ihrem isolationistischen Kurs das Commonwealth in seinem Kampf gegen Nazi-Deutschland nicht, sondern erkennen die Vorherrschaft Japans und Deutschlands in Europa und in Asien an und beginnen Maßnahmen einzuleiten, die sich gegen die jüdische Bevölkerung zu richten scheinen.

Mein Vater behauptete, Land und Leute seien die erste Stufe von Lindberghs Plan, jüdische Kinder von ihren Eltern zu trennen und die Solidarität der jüdischen Familie zu untergraben, und Tante Evelyn deutete nicht allzu zartfühlend an, die größte Befürchtung eines Juden vom Typ ihres Schwagers sei die, dass seine Kinder dem Schicksal entgehen könnten, so engstirnig und verängstigt durchs Leben zu laufen wie er selbst.

Der Ich-Erzähler berichtet darüber, wie angesichts der politischen Entwicklungen unter den amerikanischen Juden nicht nur Empörung ausbricht, sondern sich nach und nach eine panikartige Stimmung breitmacht, die durch die militärischen Entwicklungen in Europa und der zunehmenden außenpolitischen Annäherung der U.S.A. an die Achsenmächte nur noch verstärkt wird. Auf der anderen Seite registriert er auch eine zunehmende Zahl von Juden, welche die Politik Lindberghs zu unterstützen beginnen. Die Auseinandersetzungen über die Person Lindberghs und seine Politik dringen hierbei bis in den familiären Bereich vor: Während der Vater des Erzählers übersensibel beständig jede mögliche antisemitische Beleidigung seitens der Umwelt registriert und Lindbergh geheime Pläne gegen die jüdische Bevölkerung unterstellt, engagiert sich sein älterer Bruder für die Regierung. Seine Tante Evelyn will sogar den Sprecher dieser  jüdischen Unterstützergruppe ehelichen (was sie später auch tatsächlich tut). Eine besondere Belastungsprobe stellt für die Familie zudem die Rückkehr des verstümmelten Cousins Alvin aus Kanada dar, welcher als Kriegsfreiwilliger die U.S.A. verlassen hatte, um gegen Hitler zu kämpfen, und nun verbittert nicht mehr in die Gesellschaft zurückfindet. Er führt den Gegnern Lindberghs die Folgen eines möglichen militärischen Engagements der Vereinigten Staaten konkret vor Augen. Der kindliche Ich-Erzähler versucht dabei beständig, die komplizierten Vorgänge um sich herum zu verstehen, wobei ihn häufig Irritation und Ratlosigkeit überkommen, zumal er selbst nicht weiß, welche Position er selbst vertreten sollte. Aber an den Herausforderungen – vor allem an seinem Einsatz für den kriegsversehrten Cousin  – beginnt er (wenigstens teilweise) zu wachsen

Die Zeichung des Amerikas der 30er und 40er Jahre wirkt auf mich sehr plastisch und in sich glaubhaft. Der Grund hierfür dürfte nicht nur in den schreiberischen Fähigkeiten Roths zu suchen sein, sondern auch in der Tatsache, dass der Autor abgesehen von der kontrafaktischen politischen Lage das Newark seiner Kindheit schildert, wo man durchaus Erfahrungen mit dem Antisemitismus machen konnte [Quelle: Interview Roths in der ZEIT]. Inwiefern die Stärke des von Roth beschriebenen Antisemitismus den Tatsachen entspricht, konnte ich aber leider nicht feststellen. Betrachtet man die historisch verbürgte Stimmung in den U.S.A. am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, so ist festzustellen, dass die meisten US-Bürger nicht nur eine isolationistische Haltung vertraten, sondern ein Drittel sogar jede materielle oder finanzielle Unterstützung kriegführender Mächte ablehnte. Erst der mit dem deutschen Überfall auf Polen einsetzende Meinungsumschwung führte spätestens nach der Niederlage Frankreichs, Dänemarks, Norwegens und Belgiens dazu, dass Hitler als eine Gefahr für die ganze Welt betrachtet wurde – woraufhin die unter Antisemitismusverdacht stehende isolationistische Bewegung an Boden verlor [Quelle: Macrohistory and World Report]. Da aber auch die Haltung Roosevelts die Stimmung in den U.S.A. maßgeblich bestimmte, scheint das von Roth entworfene Szenarion zumindest zu Beginn durchaus im Bereich des Möglichen zu liegen.

Vielfach ist vermutet worden, der Roman sei eine direkte Auseinandersetzung mit der Regierung BushRoth hat jedoch mehrfach eine solche Lesart seines Romanes glaubhaft geleugnet. Der Plan zum Roman entstamme der Zeit der Präsidentschaft Clintons [Quelle: Wikipedia]. Insofern ist der Roman ‘nur’ als ein gedankliches Experiment und nicht als eine Parabel auf das Amerika nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu lesen. Tatsächlich deutet darauf im Roman auch nichts hin.

Roth gelingt es, den Leser lange Zeit im Unklaren darüber zu lassen, ob die von der Regierung Lindbergh ergriffenen Maßnahmen tatsächlich eine antisemitische Zielsetzung verfolgen. Erst im letzten Drittel werfen die sich zuspitzenden Ereignisse Licht auf die Pläne der Exekutive (obwohl auch dieses im Anschluss leider sofort wieder relativiert wird). Hierdurch wird der Leser durchaus gefesselt, auch wenn der Erzählerstandpunkt, der Jahrzehnte in der Zukunft liegt, deutlich macht, dass der Protagonist mit dem Leben davon gekommen ist.

So gut mir die ersten zwei Drittel des Romanes gefallen haben, so wenig können mich die letzten 150 Seiten überzeugen. Die Lösung des Problems ergibt sich nicht aus dem Gang der Handlung, sondern (so ist zumindest sehr stark zu vermuten) aufgrund eines Zufalles. Und selbst wenn dieses nicht so sein sollte, erscheint die Alternativerklärung in einer haarsträubenden Weise konstruiert. Auch wenn diese Tatsache der persönlichen Auffassung des Autors über historische Abläufe geschuldet sein mag, literarisch überzeugen tut das nicht. Ebenso unbefriedigend und unmotiviert erscheint mir, dass sich die U.S.A. – wenn auch verspätet – am Ende wieder in das  Fahrwasser der uns vertrauten Geschichte manövrieren lassen. Der Bruch zur vorhergehenden, über knapp 300 Seiten aufgebauten Handlung ist einfach zu stark. Die im Anschluss gerade noch so abgehandelten persönlichen Erlebnisse des Protagonisten, der sich im Übrigen doch leider recht wenig weiterentwickelt, erscheinen da beinahe wie ein Anhang (dankbarerweise hat der Schriftsteller übrigens auch einen solchen dem Roman beigefügt, so dass der Leser die Lebensläufe der historischen Figuren und Texte von Charles Lindbergh im Vergleich zu Rate ziehen kann).

Fazit

Verschwörung gegen Amerika ist ein zumindest zu Beginn starker Roman, der leider im letzten Drittel so stark nachlässt, dass man ihn nicht mehr wirklich empfehlen kann. Und das ist wirklich schade.

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

Wider den Gesundheitsfaschismus

Was gab es nicht für eine Aufregung, als 2008 die verschiedenen Rauchverbote in der Bundesrepublik in Kraft traten. Es lag in der Natur der Sache, dass sich beinahe jeder Bürger des Landes gezwungen sah, Position zu beziehen. Während sich der nicht aktiv rauchende Bevölkerungsteil – ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht – auf den zweiten Absatz des Artikels 2 des Grundgesetzes berief, in welchem es bekanntermaßen heißt: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, pochten die Gegner des Rauchverbotes, die ihre Mitmenschen weiterhin uneingeschränkt an ihrem Vergnügen teilhaben lassen wollten, auf den ersten Absatz des selben Artikels, der mit dem so schönen Satz  Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, beginnt – aber dann ausgerechnet weiter ausführt: soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. In dieser Diskussion, so sah es zumindest aus, ging es also um die Abwägung zweier Persönlichkeitsrechte und die Frage, welches von diesen höher zu bewerten sei. Wie man sich auch immer zu der Frage der Rauchverbote positioniert und die verschiedenen Lösungen der einzelnen Bundesländer bewertet haben mag, vermutlich wird einem dabei in der Hitze des Gefechtes entgangen sein, dass die Bundesregierung mit der Einführung des Rauchverbotes nur verbindlichen Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation folgte, welche sehr genau festlegen, in welchem Rahmen das Laster des Rauchens zu bekämpfen sei.

Wo ist denn da das Problem, könnte man fragen? Und was hat das mit der 2009 erschienen Novelle Corpus Delicti. Ein Prozess von Juli Zeh zu tun? Eine ganze Menge, möchte ich meinen. Denn wie die WHO bei der Planung ihrer Kampagnen, geht auch der totalitäre Staat in Zehs Text von einer höchst problematischen Definition von Gesundheit aus. Damit geht Zeh der Frage nach, was es bedeutet, wenn diese als ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankeit und Gebrechen aufgefasst wird [Quelle: Verfassung der Weltgesundheitsorganisation]. Wer besitzt bei der WHO aber nun eigentlich die Definitionshoheit darüber, was Gesundheit und damit das zu erreichende Ideal ist? Und wer legt den Weg fest, auf dem dieses zu erreichen ist? Wer gibt hunderten von Regierungen Empfehlungen an die Hand und wer gibt das Leitbild vor, auf das Millionen von Medizinern mehr oder weniger intensiv blicken? Kritikern zufolge  gibt es hier nur eine Antwort: Eine kleine, überwiegend weiße Schicht bürgerlicher Herkunft mit guter Schulbildung und Haftpflichtversicherung, die das Ideal ihres  (langweiligen und auf Sicherheit bedachten) Lebensstiles zu absolutieren beginnt.

Zudem lassen sich seit einiger Zeit, wenn man Petr Skrabanek folgen will, in der Medizin Entwicklungen ausmachen, die nachdenklich stimmen. In seinem Buch The Death of Humane Medicine and the Rise of Coercive (1994) [Quelle: Review von Danny Frederick] spricht dieser davon, dass Gesundheit zunehmend nicht nur als persönliches Gut, sondern – nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen – als staatliche Aufgabe betrachtet würde, d.h. man könne die Ausformung einer staatlichen Ideologie (Healthism) beobachten. Zudem fänden sich immer mehr Anhänger des sogenannten Lifestylism, der Überzeugung, dass Krankheiten vor allem auf einen falschen Lebensstil zurückzuführen seienKombiniert man diese beiden Strömungen miteinander, so erhält man ein doch recht stabiles Grundgerüst für die Konstruktion eines totalitären Staates, der seinen Bewohnern zum Wohle der Gesundheit bis in alle Einzelheit vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben.  Und genau in einem solchen Staat lebt die Hauptfigur von Juli Zehs Roman Corpus Delicti. Und diesem Gesundheitsfaschismus fällt sie zum Opfer, wie es sich für die Hauptfigur einer Dystopie nach klassischem Muster gehört.

Der Inhalt

Aber was ist normal? Einerseits alles, was der Fall ist, das Gegebene, Alltägliche. Andererseits aber bedeutet ‘normal’ etwas Normatives, also das Gewünschte. Auf diese Weise wird Normalität zu einem zweischneidigen Schwert. Man kann Menschen am Gegebenen messen und zu dem Ergebnis kommen, er sei normal, gesund und gut. Oder man erhebt das Gewünschte zum Maßstab und stellt fest, dass der Betreffende gescheitert sei. Ganz nach Belieben.

Die Protagonistin Mia Holl lebt in einem Staat, in dem die Gesundheit zum höchsten Gut erklärt worden ist. Und die Anstrengungen waren erfolgreich: Infektionskrankheiten gibt es nicht und die Umweltverschmutzung ist kein Thema mehr. Zudem ist die körperliche Verfassung der Einwohner hervorragend. Der Grund dafür: Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Tee und alle anderen schädlichen Genussmittel sind nicht nur verboten, die Menschen konsumieren sie tatsächlich nicht mehr. Dafür sorgt ein ausgefeilter Kontroll- und Überwachungsapparat, der immer dann aktiv wird, wenn jemand entweder seine vorgeschriebenen Bewegungseinheiten nicht absolviert oder seine Bluttests nicht abgegeben hat. Ein implantierter RFID-Chip ermöglicht dabei jederzeit die Identifikation und Kontrolle des Individuums. Tatsächlich scheint der Staat nicht nur unfehlbar zu sein, wie er für sich selbst in Anspruch nimmt, sondern beinahe auch allwissend. Deshalb findet sich die Biologin Mia Holl, die nach dem Selbstmord ihres wegen Mordes angeklagten Bruders im Gefängnis unter depressiven Verstimmungen leidet, auch schon zu Beginn des Romans vor den Schranken eines Gerichtes wieder. Obwohl ihr Bruder durch Indizienbeweise überführt erscheint, zweifelt Mia an seiner Täterschaft. Das alleine macht sie schon zum Gegner der staatlichen Ideologie, die keine Kritik duldet. Immer deutlicher entwickelt sich der Journalist und Mitbegründer der Methode Kramer zu ihrem Gegenspieler, der sie von der Schuld ihres Bruders überzeugen versucht. Doch Mias Anwalt gelingt in einem weiteren Verfahren das für die Bewohner des Staates Unglaubliche: Er beweist die Unschuld ihres Bruder, womit die Fehlbarkeit des Staates offenbar wird. Das bringt aber den staatlichen Repräsentanten Kramer in Zugzwang, will er nicht zulassen, dass  sich die Grundlage des von ihm mitgestalteten Gemeinwesens in Nichts auflöst.

Beurteilung

Es liegt in ihrem Interesse, jede Form von Krankheit zu vermeiden. In dem Punkt decken sich ihre Interessen mit jenen der METHODE, und auf diese Übereinstimmung stützt sich unser gesamtes System. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Wohl, die in solchen Fällen keinen Raum für Privatangelegenheiten lässt.

Juli Zeh liefert mit ihrer auktorial erzählten Novelle eine eindrucksvolle Analyse der Argumentationsstrukturen des Healthism, dessen Stimme in letzter Zeit nicht nur bei uns immer häufiger und immer lauter zu vernehmen ist. Insofern bezieht Zeh damit, wie sie es auch mit ihrer Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass getan hat, zu hochaktuellen Entwicklungen Position. Zeh zeigt, wie die eigentlich gut gemeinten Ziele der Weltverbesserer in ihrer Extrapolation zu einem utopischen Staat führen, welcher sich im Umgang mit seinen Gegnern letztendlich aber als totalitärer Unrechtsstaat offenbart.

Der Text selbst ist aus einem 2007 uraufgeführten Theaterstück hervorgegangen – und das merkt man ihm noch deutlich an: In positiver Hinsicht, weil die  stark verdichteten Dialoge die eigentliche Stärke der Novelle sind und in negativer Hinsicht, weil die recht sparsamen erzählerischen Sequenzen zwar nicht immer, aber doch häufig, wie ein wenig ansprechender Rahmen wirken, welcher letztenendes nur der Präsentation der Figurenrede dient: „Moritz zog sich den Mundschutz, der ihm um den Hals baumelte, als Stirnband ins Haar und nahm die Angel wieder auf. „In meinen Träumen sehe ich eine Stadt zum Leben, zitierte er. Wo die Eulen in geborstenen Dachstühlen wohnen. Wo laute Musik, Rauchskulpturen und das satte Klicken der Billardkugeln aus den oberen Stockwerken maroder Industrieanlagen dringen […] „Kindisch und grauenvoll, sagte Mia. „Der Dichter gehört eingesperrt“. „Schon geschehen“, sagte Moritz, „acht Monate wegen Volksverhetzung“.

In den Äußerungen der Figuren lassen sich machmal Perlen von Sätzen finden. Einige von ihnen bestechen nur durch ihren Wahrheitsgehalt, wie zum Beispiel der Gedanke Mias, als sie sich einem erneuten Vorwurf seitens ihres Gegenspielers ausgesetzt sieht: Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines jeden Menschen Millionen von Einzelinformationen enthält, aus denen sich jedes beliebige Profil zusammensetzen lässt. Andere hingegen wirken zudem geradezu sentenzhaft und gehören in das persönliche Zitatenbuch: Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Und obwohl sich Zeh sich hier eines wenig amüsanten Themas angenommen hat, kann der Leser an vielen Stellen gar nicht anders als zu schmunzeln.

Fazit

Bei der Lektüre der Novelle Corpus delicti kann man sich nicht nur köstlich amüsieren, sondern auch den beeindruckenden sprachlichen Stil der Autorin genießen, was aber überwiegend leider ‘nur’ in den Dialogen und (inneren) Monologen der Figuren möglich ist. Trotzdem kann ich jedem nur raten, den 264 Seiten langen Text  aus dem btb-Verlag einmal zu lesen. Das behandelte Thema ist hochaktuell. Ich bin jedenfalls schon auf das Theaterstück, das ab Juni 2011 im Braunschweiger Staatstheater auf dem Programm stehtgespannt – die von mir bemängelten Teile der Erzählung werden dort ja fehlen. Aber jetzt zünde ich mir zum Kaffee erst mal eine an.

[Eine gute Übersicht zur Geschichte des ‚Gesundheitsfaschismus‘ bietet der umfangreiche Artikel Schlechte Angewohnheit, sie leben noch! des Novo Magazins]

Anthony Burgess: A Clockwork Orange

Ich vermute, dass die meisten von euch den Film Clockwork Orange von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1972 kennen dürften. Einfach horrorshow meine Droogs! Und ich vermute weiterhin, dass es der Mehrzahl von euch so gegangen sein dürfte wie mir: Am 1962 von Anthony Burgess veröffentlichten Roman aus dem Jahr bin ich bisher vorbeigegangen. Nun hat euer treuer Rezensent dieses Werk einmal mutig in seine Rucke genommen und siehe da, es war ein Fehler zu denken, dass es im Vergleich mit dem phantastischen Streifen des unglaublichen Kubrick, Bog hab ihn selig, meine Freunde, den Kürzeren ziehen müsste. Deshalb folgt nun ein bisschen nicht so spannendes Quorietsch über den Inhalt. Dann aber werde ich, euer treuer Freund und Rezensent,  euch sagen, was dieses Wetsch vom Film unterscheidet und warum ihr es einmal lesen solltet, obwohl ihr euch vor der flimmernden Globovisionskiste nach einem rabottvollen Tag schon verdientermaßen damit habt berieseln lassen.

Auch für die Uhmnis, die den Film schon kennen: Der Inhalt

1. Teil: In einer gar nicht so fernen erscheinenden Zukunft (des Jahres 1962) vertreiben sich 15-jährige Alex und seine Kumpels Dim, Pete und Georgi ihren Abend damit, erst in der Korova-Bar Milch mit synthetischen Drogen zu nehmen und dann auf den Straßen ihrer englischen Heimatstadt einen Obdachlosen zu verprügeln,  einen älteren  Mann zusammenzuschlagen, sich ein blutiges Handgemenge mit einer andern Gang zu liefern und nach dem Diebstahl eines Autos vor den Toren der Stadt die Frau eines Schriftstellers zu vergewaltigen. Auch der nächste Tag ist ereignisreich: Erst wird der Ich-Erzähler von seinem Bewährungshelfer besucht, welcher vermutet, dass sein Schützling an den Verbrechen des Vorabends beteiligt gewesen ist, und ihn deshalb vor weiteren Straftaten warnt, dann lockt der Musikliebhaber Alex zwei minderjährige Mädchen in sein Zimmer in der elterlichen Wohnung und vergewaltigt sie. Am Abend kommt es aufgrund seines Führungsstiles zu Spannungen innerhalb der Gang. Auch wenn Alex später meint, durch das bewährte Mittel der Gewalt die von ihm präferierte Hackordnung wieder hergestellt zu haben, ist dem nicht so. Seine Droogs sinnen auf Rache und tricksen ihn aus. Nachdem Alex in ein Haus eingestiegen ist und dort einen Totschlag an einer älteren Frau begangen hat, schlagen sie ihn nieder, damit er der Polizei, die schon im Anrücken ist, in die Hände fällt. Aufgrund seines umfangreichen Vorstrafenregisters wird der Ich-Erzähler inhaftiert und zu 14 Jahren Haft verurteilt.

2. Teil: Im Gefängnis beginnt Alex die Bibel zu lesen und hilf dem Gefängnispfarrer.  Obwohl es nach außen hin wirkt, als habe er eine moralische Läuterung erfahren, ist dem nicht so. Vielmehr begeistert er sich an den Gewalt- und Sexzenen der Heiligen Schrift. Nach einer zweijährigen Haft versucht er Teilnehmer an einem neuartigen Programm der Regierung für gewalttätige Straftäter zu werden, um schneller aus dem Gefängnis entlassen werden zu können. Alex gelingt dieses tatsächlich. Nach einer zweiwöchigen Gehirnwäsche, während der ihm äußerst gewalttätige Bilder- und Videosequenzen zu klassischer Musik vorgeführt werden, ist der Protagonist nicht mehr in der Lage selbst Gewalt auszuüben und wird deshalb als geheilt entlassen.

3. Teil: Nach Hause zurückgekehrt, stellt Alex fest, dass seine Eltern, die sich nie für ihn wirklich interessiert haben, sein Zimmer vermietet haben. Obdachlos umherziehend wird er von dem Obdachlosen, den er selbst zwei Jahre zuvor verprügelt hat, und dessen Kumpanen zusammengeschlagen. Wenig später fällt er Georgi und Dim in die Hände, die nun zwar Polizisten sind, sich aber davon nicht hindern lassen, ihrem ehemaligen Anführer eine Lektion zu erteilen. Außerhalb der Stadt zurückgelassen flüchtet sich Alex ausgerechnet in das Haus jenes Schriftstellers, dessen Frau er dereinst vergewaltigt hat. Dieser erkennt ihn jedoch nicht als Täter. Er versucht vielmehr aus politischen Intentionen heraus Alex zu helfen und als Opfer der neuartigen Therapie zu inszenieren. Nachdem er aber herausfindet, dass Alex der Vergewaltiger seiner Frau ist, sorgt er durch das Abspielen klassischer Musik, die Alex seit seiner Gehirnwäsche ebenso wie Gewalt nicht mehr ertragen kann, dafür, dass Alex durch einen Sprung aus dem Fenster versucht sich das Leben zu nehmen. Aufgrund der hierdurch ausgelösten Diskussion über die neue Therapieform wird Alex einer Dekonditionierung unterzogen und erhält das Angebot, in den Staatsdienst einzutreten.

Im nichtverfilmten Schlusskapitel begeht Alex nach dem bekannten Besuch in der Korova-Bar zwar wieder Verbrechen, beschränkt sich aber darauf Anweisungen zu erteilen. Gewalt übt er selbst nicht mehr aus. Zuletzt verlässt er die Gang und träumt von einer Frau und Kindern.

Ins Detail nun: Warum auf ein solches Werk noch seine kostbare Zeit verwenden

Im Gegensatz zum Film endet der Roman – wenn auch sehr überraschenden und  scheinbar recht unmotiviert – möglicherweise positiv.  Dieses wird zumindest von einigen behauptet. Alex begeht keine Gewaltexesse mehr und er scheint  ihnen zu entwachsen. Damit ändert sich auch die Aussage dieser Dystopie. Es wird nicht ein Gewaltverbrecher von einem skrupellosen Politiker in den Staatsdienst übernommen, sondern der Mensch Alex entwirft sich freiwillig nach den ihn bekannten Rollenmustern neu. Fraglich bleibt dabei aber, ob man dieses als einen Akt der Freiheit interpretieren kann, denn es gibt durch die häufigen Anspielungen auf sein fortschreitendes Alter – Alex ist jetzt Anfang 20 – deutliche Hinweise darauf, dass es sich hier um eine natürliche Entwicklung handelt. Je nachdem, wie man die Frage nach der Determination des Menschen beantwortet, fällt auch die Interpretation des Gesamtwerkes aus. Die Frage nach der Freiheit des Menschen ist aber das zentrale Thema des Romanes: Nicht nur, dass Alex aufgrund seiner sozialen Herkunft, und des lieblosen Umganges seiner Eltern mit ihm manchmal auch als Opfer erscheint, worin auch die Ursachen für sein gewalttätiges Verhalten gesehen werden können, die Konditionierung, der er unterworfen wird, beraubt ihn der freien Wahl zwischen ‘Gut’ und ‘Böse’. Wenn aber er am Ende tatsächlich nur aus Altersgründen den Weg ins bürgerliche Dasein einschlägt und ‘das Gute’ wählt, dann wirkt er auf mich nicht wirklich frei in seiner Entscheidungsfindung, zumal die letzten Sätze nicht nach einer wirklichen Läuterung klingen: Ihr aber, o meine Brüder, gedenket manchmal eures kleinen Alex, wie er einst gewesen. Amen. Und all so Zeug.

Üblicherweise wird der Titel des Romanes Uhrwerk Orange (auf dessen Ursprung gehe ich hier jetzt nicht näher ein) als Ausdruck dafür gewertet, dass der Mensch nicht wie eine Maschine funktioniert. Dieser Auffassung bin ich aber nicht. Dass Alex am Ende selbst erwartet, dass sein noch zu zeugender Sohn zur rechten Zeit in gleichem Maße Gewalt wie er selbst ausüben wird, während er selbst – beinahe mit Glockenschlag – scheinbar unmotiviert beschließt, ein bürgerliches Leben zu führen, gibt dem Titel Uhrwerk Orange meiner Ansicht nach eine ganz andere Bedeutung.

Kubrick hat die von Burgess entworfene Kunstsprache mit  am Russischen orientierten Wörtern nur in Ansätzen übernommen. Im Roman werden diese nicht nur häufiger verwendet, dort wird auch vom Ich-Erzähler Alex die gesamte Handlung in diesem Slang  wiedergegeben, – während im Film nur streckenweise die Stimme aus dem Off die Geschehnisse kommentiert:

Drei Dewotschkas saßen zusammen an der Theke, aber wir Maltschicks waren zu viert, und meistens spielten wir einer für alle und alle für einen. Auch bei diesen Girls waren die Plattis voll im Trend, und sie hatten Perücken auf den Gullivers, lila, grün und orange, von denen sicherlich keine weniger als drei, vier Wochenlöhne gekostet hatte, wie solche Schnallen sie verdienen, und dazu passend das Make-Up, mit Regenbogen um die Glassis und die Flappe dick ausgemalt.

Dadurch erhält der Roman eine eigentümliche Atmosphäre, die zwar auch dem Film nicht fremd ist, aber sich doch von dessen deutlich unterscheidet.

In dieser Form stellt die Sprache des Romans durchaus eine Herausforderung für den Leser dar. Wenn diese aber gemeistert wird, wächst mit der zunehmenden Vertrautheit auch die Nähe zum Ich-Erzähler. Denn Alex lässt uns in seinem Slang an seinen innersten Gedanken teilhaben, zumal der Leser auch immer wieder direkt, beinahe als Vertrauensperson, angesprochen wird. Die schwache Wirkung, die der Film in dieser Hinsicht erzielt, kann in keiner Weise mit der des Romanes verglichen werden.

Dass diese Nähe trotz der Verbrechen des Protagonisten überhaupt hergestellt werde kann, liegt in der spezifischen Präsentation der zahlreichen Gewalttaten. Während Kubrick versucht deren Wirkung auf den Zuschauer durch filmische Verfremdungseffekte wie Zeitlupe, Zeitraffer und Kamaraperspektive abzuschwächen, so gelingt Burgess dieses sprachlich durch die Verwendung von Wörtern, hinter denen die Brutalität bildlich kaum zu fassen ist. So kann sich der Leser unter dem Kroffi, das aus dem Gulliver strömt, nur schwerlich einen blutenden Kopf vorstellen, zumal die Beschreibungen, die Alex dem Leser gibt, nie einer gewissen humoristischen Komponente entbehren, die das Geschehen einerseits der Wirklichkeit entheben und andererseits die Aufmerksamkeit auf den Erzähler und seine Erzählweise selbst lenken. Zudem bedient sich Alex überwiegend eines sehr elaborierten und gehobenen Stiles, dem man von einer solchen Figur eigentlich kaum erwarten würde. Es ist die Kombination dieser sprachlichen Merkmale, die den Roman zu einer einzigartigen Leseerfahrung machen.

Fazit

Um es am Ende kurz zu manche, meine Brüder und Leser, euer treuer Rezensent rät euch, bezeiten eure Glassis in das Buch zu stecken, denn sein hoher Genuss wird auch nicht gemindert, so man den Film schon kennen sollte. Und obwohl der Roman schon 40 schwere Jahre auf seinem Buckel trägt und als Klassiker Verehrung zu genießen verdient, scheint er selbst nicht alt geworden. Also Lesen mal. Und all son Zeug.

George Orwell: 1984 – Teil II

Der dreiteilige Aufbau, nach dem Orwell seinen Roman auch explizit strukturiert hat, ist für die klassischen dystopischen Romane typisch geworden.

Der erste Abschnitt, der den Roman eröffnende, enthält eine Exposition, in welcher der Protagonist die genauen Merkmale der dystopischen Welt beschreibt. Wir erleben Smith in seinem beruflichen und mehr oder minder privaten Alltag. Während der Leser anhand des letzteren von der desolaten wirtschaftlichen Situation und der für totalitäre Gesellschaften typischen Durchdringung der privaten Bereiche mit der staatlichen Ideologie erfährt, bietet erster einen Einblick in die Herrschaftsmechanismen des Staates. Dadurch, dass der Protagonist selbst mit der Manipulation der Geschichte beauftragt ist und zudem über Bekanntschaften verfügt, welche die Sprache im Sinne des Systems umgestalten, bietet sich gleichsam ein Blick hinter die Kulissen. Deutlich wird auch schon, dass Smith durchaus auf dem Weg zum Gedankenverbrecher ist. Sowohl seine charakterlichen Anlagen als auch seine berufliche Position prädestinieren ihn hierfür geradezu. Durch seine Ausflüge in die Welt der Proles wird zudem ein bedeutender Bereich der dystopischen Gesellschaft ausgeleuchtet, der sonst nicht in Blickfeld geraten würde. Da diese unterste Gesellschaftsschicht 85% der Gesamtbevölkerung ausmacht, erscheint er umso wichtiger.

Der zweite Teil des Romans wird von der Liebesgeschichte zwischen Julia und Smith dominiert. Indem die beiden Hauptfiguren aber sich auf den anderen  einlassen, entscheiden sie sich, den ideologischen Vorgaben und staatlichen Gesetzen nicht mehr Folge zu leisten. Damit beziehen sie gegen das im ersten Teil geschilderte System Position, wenn auch nur im privaten Bereich. Der Versuch, dieses in einem organisierten Rahmen auf den politischen Bereich auszuweiten, endet mit der Verhaftung der beiden. Somit steht im Zentrum des  zweiten Teiles der klassischen Dystopie eine politische Neupositionierung gegenüber dem System, das am Anfang, wenn überhaupt, nur in Ansätzen kritisch betrachtet worden ist, und zudem der Entschluss des Helden, gegen die totalitäre Herrschaft aufzubegehren.

Im dritten Teil eines klassischen dystopischen Romans bricht nach einer Auseinandersetzung mit dem System üblicherweise die Katastrophe über den renitenten Helden herein. Diese kann aber durchaus unterschiedlichen Charakter haben. Einerseits ist es möglich, dass der Widerstand des Helden durch Manipulation ‘gebrochen’ und er in die Gesellschaft wieder eingegliedert wird. Auch der Große Bruder verfährt so, als er Smith nach Folter und Gehirnwäsche wieder in die Freiheit entlässt. Andererseits kann auch die völlige physische Vernichtung des Protagonisten erfolgen. Orwell deutet eine solche zumindest in der den Roman schließenden Vision Smiths an. Typisch für die klassische Dystopie ist auch ein die motivationalen und funktionalen Hintergründe erhellendes Gespräch zwischen dem Abweichler und einem exponierten Vertreter des Systems geworden, wie es in 1984 im Gespräch zwischen O’Brian und Smith der Fall ist. Inwieweit dabei tatsächlich der Protagonist über die ihm bisher verborgenen Mechanismen von einem Wissenden aufgeklärt wird, unterscheidet sich allerdings von Roman zu Roman stark. In einigen Fällen schrumpft die Unterhaltung auf einen belehrenden Monolog zusammen.

Diese an 1984 aufzeigbare Handlungsstruktur lässt sich durchaus als genretypische Anlage betrachten. Schon Samjatin verwendet sie in seinem Roman Wir und auch dort ist es die Liebe zu einer Frau, die als Katalysator der Neupostionierung des Helden gegenüber den herrschenden Verhältnissen dient. Auch in der russischen Dystopie wird die Entscheidung des Helden, die alles umfassenden Gesetze des Staates zu brechen,  letzten Endes in einen organisierten Widerstand überführt, der zum ‘Endkampf’ zwischen dem einen absoluten Kontrollanspruch erhebenden Staat und einem seine Freiheiten wahrnehmen wollenden Individuum gipfelt. Nicht immer muss dabei jedoch die Vernichtung des Widerstandes in psychischer oder physischer Form am Ende stehen. Häufig lassen Autoren dem Leser durchaus größere Interpretationsspielräume als Orwell, der uns nur darüber im Unklaren lässt, ob sein Held einst hingerichtet werden wird. In Bradburys Fahrenheit 451 bleibt zumindest die Hoffnung, dass der Widerstand weiter existieren und der Staat sein Ziel nicht erreichen wird. Samjatin selbst lässt diese Frage offen. Die ausbrechende Revolte kann durchaus zum Erfolg führen – aber möglicherweise auch nicht. Welche der möglichen Wege hier eingeschlagen wird, hängt letztendendes mit der Frage zusammen, wie die Wirkungsabsicht des Romanes ist: Soll er zum Widerstand ermutigen oder soll er eine Warnung sein, es gar nicht so weit kommen zu lassen?

Wie Elena Zeißler in ihrer Untersuchung Dunkle Welten zeigt, brechen Autoren seit 1990 diese grundsätzlich einsträngig erzählte dreischrittige Handlunsgstruktur zunehmend auf. Dieses hänge nach ihrer Ansicht auch mit dem Zerfall der totalitären Diktaturen in den Osteuropa zusammen, der eine Weiterentwicklung des Charakters der literarischen dystopischen Gesellschaft notwendig mache. Dadurch verliert 1984 als paradigmatischer Text des Genres aber nicht an Bedeutung. Denn auch noch im (genre-)bewussten Abweichen vom literarischen Vorbild bleibt der Bezug auf Orwell immer deutlich.

Fortsetzung folgt…

J. M. Coetzee: Warten auf die Barbaren

Den Südafrikanern ist die Auseinandersetzung mit den Werken ihres Autors Coetzee nie leicht gefallen, denn in seinen Romanen setzt sich der Autor immer wieder kritisch mit den Problemen der ehemaligen Kolonie am Kap auseinander. Wie in seinem Roman Schande (1999), der den späteren Literaturnobelpreisträger (2003) auch dem letzten literarisch Interessierten bekannt machte, steht im Zentrum der Anti-Utopie Warten auf die Barbaren als Ausdruck des Umganges mit dem Anderen auch die Apartheit. Diese in der Hochphase der Rassentrennung verfasste Dystopie gehört zu den Frühwerken Coetzees und wurde noch im Erscheinungsjahr 1980 ins Deutsche übersetzt.

Inhalt

Der Besuch des Geheimdienstmitarbeiters Oberst Joll und seiner Folterknechte in einer namenlosen Stadt im Grenzgebiet eines nicht näher bestimmten Reiches durchkreuzt die Absicht des höchsten Beamten des Ortes, im Roman nur der Magistrat genannt, in diesem Außenposten des Landes ein ruhiges Leben zu verbringen. Er muss zwar nicht miterleben, aber doch zumindest erfahren, wie ein vermutlich unschuldiger Mann unter dem Verdacht, an der Vorbereitung eines Angriffs der Barbaren beteiligt zu sein, zu Tode gequält wird. Die nächsten gefangenen Barbaren, die der Protagonist nur für Nomaden hält,  werden ebenfalls gefoltert und müssen wie Tiere eine zeitlang im Kasernenhof vor sich hin vegetieren, bevor die Überlebenden wieder nach Hause entlassen werden. Dabei bleibt eine durch Oberst Jolls Grausamkeiten erblindete und teilweise verkrüppelte junge Frau zurück, derer sich der Magistrat annimmt. Indem er für ihr Wohlergehen sorgt, versucht er sich der Schuldgefühle zu entledigen, die ihn seit den den schrecklichen Vorgängen in seiner Stadt bedrücken.  Als ihm dieses jedoch nicht gelingt, beschließt er, das Mädchen unter einem Vorwand wieder zu seinem Volk zu bringen. Bei seiner Rückkehr von der beschwerlichen Reise wird er jedoch von Oberst Joll verhaftet und später selbst gemartert: Man wirft ihm Kollaboration mit den Barbaren vor. In der Zelle muss er sich einerseits mit der Schuld auseinander setzten, die er im Dienste des menschenverachtenden Staates auf sich geladen hat, und andererseits seine Position gegenüber dem System neu definieren.

Eine Annäherung an einen rätselhaften Roman

Was Coetzees Text von den meisten anderen Vertretern des Genres unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Handlung weder zeitlich noch örtlich zu verorten ist. Die fehlende Extrapolation macht die Welt des Romans somit zu einer Art Paralleluniversum, in dem die rassistische Welt Coetzees gespiegelt werden kann. Der Verzicht auf eine räumliche, zeitliche, uchronische Legitimation sowie das Fehlen einer der im Roman vorliegenden Gesellschaft vorausgehenden Katastrophe versetzt den Leser schnell in eine Rezeptionshaltung, die im Text selbst ein Gleichnishaftes zu sehen versucht. Hierzu trägt unter anderem auch die Namenlosigkeit der Hauptfigur und die von vielen Rezensenten zurecht bemerkte kafkaeske Atmosphäre bei. Tatsächlich lässt sich der Roman als Parabel auf das Verhältnis von Schwarzen und Weißen in Südafrika lesen, aber nur, weil der biografische Bezug es nahelegt – im Zentrum des Romanes steht die Frage nach dem Umgang mit dem Anderen – dem Barbaren – zu allen Zeiten schlechthin.

Jemand versetzt mir einen Stoß, und ich fange an, in einem Bogen einen Fußbreit über dem Boden hin- und herzuschweben wie eine große alte Motte, deren Flügel zusammengeklammert sind, brüllend, schreiend. „Er ruft seine Barbarenfreunde“, bemerkt einer. „Das ist die Sprache der Barbaren.“ Gelächter.

Auch wenn mir die Aussage des Textes lange verschlossen blieb, haben mich die Sprache und der Erzählstil von Anfang an in ihren Bann gezogen. Die Landschaftsbeschreibungen sind detailliert und nehmen den Leser in die Welt des Magistraten mit. Auch der Spannung, die zwischen den kurzen, oft resignativen Feststellungen des Magistraten und seiner genauen Schilderung der an den Körpern der Folteropfer auffindbaren Male entsteht, kann sich der Leser kaum entziehen. So wie der Magistrat innerlich einer Zerreißprobe unterworfen wird, indem er im Dienste eines Systems verbleibt, dessen unmenschliche Vorgehensweise er aus moralischen Gründen ablehnt, steht er schon von Beginn des Romanes an als Mittlerfigur zwischen den Barbaren und den Kolonisatoren. Dieses geht so weit, dass die ihn an einem Baum im Kasernenhof folternden Soldaten aufgrund seiner Schmerzensschreie höhnisch als Barbaren bezeichnen.

Die Barbaren schwärmen in der Nacht aus.

Sowohl in diesem Satz als auch in den hämischen Äußerungen der Soldaten wird Coetzees Aussage deutlich: Die Zuschreibung der Identität des ‘Barbars’ erfolgt durch die vermeintlich Zivilisierten. Dieser Vergewaltigung ihrer wirklichen für die Eindringlinge stets rätselhaften Identität können sich die ‘Barbaren’ aber im Roman immer erfolgreich entziehen. So erfüllt sich die Annahme, dass die Barbaren einen Angriff planen, nicht. Ebenso sind die ihnen unterstellten Überfälle nicht nachzuweisen. Die Panik der Kolonisten vor den Einheimischen gleicht streckenweise einer Massenhysterie, die jeglicher rationalen Grundlage entbehrt. Selbst die auf die vor einer Prügelorgie auf die Rücken der Gefangenen geschriebenen Buchstaben FEIND verschwinden unter den Schlägen wieder. Auch während des Vernichtungsfeldzuges der Armee in das Land des Feindes gelingt es den Soldaten nicht, den Feind zu stellen, denn er entzieht sich jedem Zugriff und lockt sie so immer weiter in ihren Untergang. Der diesen Vorgang reflektierende Magistrat bezweifelt sogar von Anfang an, dass die Einheimischen Nomaden feindliche Barbaren sind. Aber auch ihm gelingt es nicht, das Wesen der Einheimischen zu erkennen. Dementsprechend müssen seine Verhandlungen bei der Übergabe des Mädchens an ihr Volk ebenso fehlschlagen wie der Versuch, diese Frau, derer er sich angenommen hat, selbst zu verstehen.

Denn ich war nicht, wie ich es glauben wollte, der nachsichtige, lustbetonte Gegenpol zum kalten, starren Oberst. Ich war die Lüge, die sich das Reich erzählt, wenn die Zeiten ruhig sind, er die Wahrheit, die das Reich sagt, wenn raue Zeiten wehen. Zwei Seiten der Herrschaftsausübung, nicht mehr, nicht weniger.

Wenn ihm der Andere auch verschlossen bleibt – den Mechanismus des Umganges mit ihm legt der Magistrat bloß:  Denn in seinem Versuch, die Schuld gegenüber den Barbaren zu tilgen, im Waschen der Füße der Frau durch den Magistrat,  wird nur neue Schuld auf sich geladen. Der freundliche Umgang mit dem Mädchen zum Zwecke der Exkulpation ist nur ein erneuter Vereinnahmungsversuch durch eine fremde Kultur, eine erneute angestrebte Vergewaltigung ihres Wesen, das dem Kolonisator selbst aber für immer verborgen bleiben wird.

Fazit

Die faszinierende Dystopie Warten auf die Barbaren ist somit einerseits als Anklage der kolonialen und postkolonialen Gesellschaften aller Zeiten zu verstehen und andererseits als eine vielschichtige Analyse des Verhältnisses zwischen UNS und DEM ANDEREN schlechthin. In dieser Stellungnahme Coetzees schwingt für die indigenen Völker durchaus Hoffnung mit. Denn wie in dem gleichnahmigen Gedicht des griechischen Autors Konstantinos Kavavis aus dem Jahre 1898 werden die Barbaren am Ende des Romans wohl nicht wie erwartet ins Reich kommen – der Versuch, sie zu verstehen und durch eine erneute Zuschreibung von Identität zu vereinnahmen, schlägt auch im Letzten fehl.