Bastian Wierzioch: Doch Dunkel

Und immer wenn man mal wieder denkt, es gäbe nichts Neues in der Literatur mehr zu entdecken und alle Formen des Schreibens wären bekannt, dann kommt von irgendwo ein kleines Buch daher, das einen darüber belehrt, dass dem nicht so ist und man sich  tunlichst weiterhin auch jenseits der großen Verlagshäuser neugierig umsehen sollte.  In diesem speziellen Fall traf die Belehrung in Form des 2010 erschienen und nur 142 Seiten umfassenden Romans Doch Dunkel von Bastian Wierzioch aus dem Plöttner Verlag von Leipzig aus ein, der freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zu Verfügung stellte.

Zwei fiktive Welten

Die Handlung ist – was sollte einen das auch bei einem so kurzen Werk wundern – schnell erzählt: Im Jahre 2030 lebt der arbeitslose Bauingineur Felix Steiner in einer Stadt, die von zwei geheimnisvollen Rätseln in Angst und Schrecken versetzt wird. Zum einen treibt ein seine Opfer grausam zerstückelnder Massenmörder sein Unwesen und zum anderen verschwinden immer wieder spurlos Menschen. Und auch der Protagonist verschwindet – und erwacht in einer Parallelwelt des Jahres 2030, in welcher die nationalsozialistische Herrschaft nicht durch einen Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beendet worden ist. In dieser alternativen Realität angekommen versucht sich Steiner nach einem schmerzhaften Verhör durch die Staatsorgane trotz einer für ihn grauenvoll faschistischen Familie und stupider Bürokratenarbeit im Importamt irgendwie einzurichten. Aber es gelingt ihm nicht. Mit einer Gruppe Leidensgenossen ersinnt er deshalb eine Möglichkeit, wie es gelingen könnte, der totalitären Welt des kriegsgebeutelten Deutschen Reiches zu entkommen.

So ganz erschließt es sich dem Leser allerdings nicht, warum Wierzioch hier zwei Welten entwirft. Dient die Verlagerung der Handlung in die Zukunft oder in eine Parallelwelt üblicherweise dazu, den Raum für den dystopischen Gesellschaftsentwurf zu schaffen, so werden hier beide Verfahren gleichzeitig angewandt und zwei Welten entworfen. Dabei unterscheidet sich die phantastische Welt, aus der der Protagonist stammt, gar nicht so stark von der unsrigen – die Extrapolation beschränkt sich auf die stärkere Marktbeherrschung durch einzelne Großkonzerne sowie einzelne technische Entwicklungen wie z.B. Hochgeschwindigkeitsschwebebahnen oder private Gleiter. Immerhin bedient sich der Autor damit gleich zweier Verfahren utopischer Werke aus unterschiedlichen Phasen des Genres. Verlegte die klassische Utopie ihre Gesellschaften noch in der Zeit, wie Elena Zeißler festhält, so transferiert der Autor der postmodernen Dystopie aufgrund der Zweifelhaftigkeit kausaler Abläufe seinen Entwurf wieder innerhalb des Raumes, wozu letztendlich auch Parallelweltromane wie Doch Dunkel von Wierzioch gehören. Haben wir es bei diesem also mit einem bewusst als postmodernes Experiment gehaltenen dystopischen Roman zu tun?

Doch Dunkel als postmoderne experimentelle Dystopie?

Man wagt es heute kaum noch, die Begriffe Postmoderne oder postmodernistisch in den Mund zu nehmen – aber anders ließe sich das, was der Leipziger Jounalist und MDR-Moderator Wierzioch als Erstlingswerk da abgeliefert hat, schwerlich beschreiben. Und angesichts der Tatsache, dass man tatsächlich einige Seiten braucht, bis man sich an die Erzählweise gewöhnt hat, war es wohl sinnvoll, für interessierte Leser eine Anleitung voranzustellen, welche diese darauf hinweist, dass in der linken Spalte die sprachlichen Äußerungen der Figuren ständen und in der rechten die Gedanken Steiners. Das Ergebnis ist ein radikal personal erzählter Text im Form eines Gedankenstromes, wie man ihn spätestes seit Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler kennt, welcher hier aber auf zwei Spalten aufgebrochen wird. Und wer Leutnant Gustl schon einmal gelesen hat, wird wissen: Das liest sich nicht so leicht, denn die dem Leser Orientierungshilfen bietenden Kommentare des Erzählers fehlen und beständig muss der Rezipient darauf achten, welche Figurenrede eigentlich da gerade im Kopfe der Erzählinstanz widerhallt. Dazu kommen die Sprunghaftigkeit der Gedanken und die tendenzielle Gleichzeitigkeit des Geschehens, welche in der typischen Linearität von Texten gar nicht abgebildet werden kann – wenn man diese nicht aufbricht, so wie Wierzioch es getan hat. In einer Besinnung auf das Material des Zeichens selbst werden typografisch die Äußerungen Steiners in Kursivschrift von denen der anderen Figuren unterschieden, wobei medial vermittelte Figurenrede wie Telefongespräche oder Inhalte von Zeitungsartikeln noch einmal durch Majuskelschrift in den Gedanken des Protagonisten besonders vom Rest abgehoben werden. Das gelingt insgesamt – wie ich finde – ganz gut, zumal der Leser nichtvollständig  im vorwärtsreißenden stream of consciousness unterzugehen droht. Als Nebeneffekt betont diese Erzählweise die nicht seltene Situationskomik, wenn der nicht sehr clever wirkende Protagonist mal wieder mit seiner Umwelt überfordert erscheint:

Danke, Magda!
Und Roduulf wartet in seinem Zimmer!
Wah! Wer? Was? Wer?
Hm,hm,hm!
Was ist denn, mein Gatte?
Ja, das Koma…
Scheiße!
…fühle mich so schwach
Scheiße!
…der Schwindel…
Arschloch Scheiße!
Dann geh später zu Deinem Sohn
Sohn! Nein! Wah! Nicht Sohn!

Dabei wird die Sprache – wie übrigens für viele Bereiche der deutschen Literatur der Gegenwart konstatiert wird, – endgültig der Mündlichkeit angenähert. In Kombination mit dem das äußere Geschehen konsequent gestaltenden Bewusstseinsstrom führt dieses dazu, dass sie manchmal beinahe als Comicsprache, auch in Verwendung lautmalerischer Mittel erscheint – eine Tatsache, der sich der Text, wie die Betrachtung des Helden beim Konsum von seinen geliebten KITO-Comics während einer Unterhaltung deutlich macht, durchaus bewusst ist:

…noch nie leiden kon…
SCHRUUNKK Ah! Blutiger Biss! Top-Model-Vampir. Athletin. Athletik-Vampirin!

Deshalb erscheint es auch nur konsequent, wenn die attraktive Heldin aus seinen Comicheften ihm auch als lebende Ratgeberin in der Parallelwelt erscheint, womit das Zeichenspiel und die damit verbundene Anzahl fiktiver Welten übrigens in postmoderner Manier um eine weitere intertextuelle Dimension erweitert wird.

Aus der für den Leser deutlich konstatierbaren Fragmentierung der Weltwahrnehmung im Bewusstseinsstrom der Erzählinstanz resultiert insgesamt die für postmoderne Anti-Utopien typische Fragmentierung der dystopischen Welt für den Rezipienten, weil diese in ihrer Gesamtheit über den hierzu (auch intellektuell) gar nicht fähigen Protagonisten nicht mehr dargestellt werden kann. Dieser Zersplitterung von kohärentem Geschehen und linearen Abläufen entspricht auch die Fragmentierung des Textes und der Handlung in Form sehr kurzer Kapitel, denen jeweils eine den Plot kurz zusammenfassende Überschrift (Held flieht aus Untersuchungshaft) beigegeben ist.

Einer der wenigen festen Orientierungspunkte im Roman sind die den fiktiven Welten zugrunde liegenden Wertesysteme, wobei hier durch die Überzeugungen des Helden und seine Ablehnung der nationalsozialistischen Werte der Parallelwelt auch deutlich eine Wertung durch den Autor vorgenommen wird, was eigentlich der postmodernen Erzählhaltung widerspricht. Für postmoderne Dystopien ist dieses Erscheinung allerdings geradezu typisch, da in ihnen die Wirkungsabsicht des Genres selbst den Grundannahmen der Postmoderne zuwiderläuft, so dass der Roman nicht auf eine klares Urteil betreffs der herrschenden Wertevorstellungen verzichten kann. Dennoch ist die Positionierung des Autors, die  sich natürlich vor allem aus der  Wahl des nationalsozialistischen Gesellschaftssystems als Gegenstand des Romanes ergibt, in diesem Werk so deutlich, dass es eher an eine traditionelle klassische Dystopie erinnert. Postmodern erscheint hier vielmehr, dass dieses auf eine hochgradig ironisierende Weise geschieht, welche die Vertreter des NS-Systems beißenden Spott aussetzt, ohne die Schrecken selbst zu verharmlosen. Als harmloses Beispiel sei die häufige thematische Auseinandersetzung mit Sprache (hier der Lingua Tertii Imperii) als Zeichen von Herrschaft genannt – spätestens seit Orwell ein Merkmal der klassischen Dystopie.

Fazit

Ich halte den Roman für einen streckenweise sehr unterhaltsames und manchmal auch sehr witziges Buch, das in interessanter Weise die Möglichkeiten postmodernen Erzählens erfolgreich auslotet und hier tatsächlich neuen Raum für das Spiel der Zeichen gewinnt., indem er in überwiegend postmoderner Manier, aber immer noch deutlich der klassischen Dystopie verpflichtet, einen Parallelraum erschafft. Dass die Auseinandersetzung dabei manchmal nicht sehr tiefgehend – dafür aber höchst kurzweilig – ausfällt, sollte man nicht zu stark kritisieren. Da man vermutlich nicht mehr als 2 Stunden für die Lektüre des Romanes benötigen wird, empfehle ich jedem, der Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, sich auf Wierziochs Experiment Doch Dunkel einmal einzulassen.

Eric L. Harry: Gegenschlag

„Die Lebenden werden die Toten beneiden.“

(Nikita Chruschtschow am 20. Juli 1963 in einer durch die Prawda veröffentlichten Adresse an die Volksrepublik China)

Wurden die russisch-chinesischen Kämpfe am Fluss Ussuri im Jahre 1969, bei denen sowohl territoriale Aspekte als auch die Frage nach dem Führungsanspruch in der kommunistischen Welt im Hintergrund standen, noch ausschließlich konventionell geführt und blieben bis zuletzt lokal begrenzt, so entwirft Eric L. Harry in seinem 1994 erschienen WWIII-Roman Gegenschlag ein viel erschreckenderes aber  auch sehr viel verwirrenderes Szenario.

Die Handlung!

Nach einem eigentlich schon beendeten bewaffneten Konflikt mit China beschließt die politische Führung Russlands einen begrenzten nuklearen Erstschlag gegen seinen aufstrebenden Nachbarn zu führen. Auslöser ist hierfür der Angriff nordkoreanischer Truppen auf den südlichen Teil des Landes. Der moralisch integere amerikanischer Präsident Livingston, der über das Vorhaben der befreundeten russischen Nation informiert wird, will sich nicht durch Mitwisserschaft schuldig machen und teilt deshalb dem ideologischen Gegner China den bevorstehenden Angriff mit. So kommt es, dass sich nach der russischen Salve auch eine chinesische aus den Raketensilos erheben kann. In Moskau hat zu diesem Zeitpunkt jedoch ein Militärputsch kurzfristigen Erfolg – und der verantwortliche General Zilov geht von einem amerikanischen Überraschungsangriff aus. Nachdem Livingston deutlich gemacht wird, dass Russland die U.S.A. nuklear angreift, schlagen auch die U.S.A. umfassend zurück. Nach mehrstündigem konventionellen und nuklearen Schlagabtausch will Livingston, der von einem Versehen seitens der Russen ausgeht, alles tun, um einen Waffenstillstand zu erreichen. Doch der auf Rache sinnende Kongress beschließt eine Kriegserklärung, welche der Präsident aber nicht umsetzen will…

Schon bei oberflächlicher Betrachtung des Plots merkt man: Harry verlangt dem Leser einiges abEin Krieg, der eigentlich ein Versehen ist, ein Krieg, den erst eigentlich keiner führen will, ein Krieg, zu dem die teilweise miteinander engbefreundeten Figuren aufgrund der politischen Umstände und der strategischen Zwangslagen irgendwie gezwungen sind – und ein moralischer US-Präsident. Hinzu kommt, dass nicht nur die Beteiligung Russlands an einem eskalierenden Stellvertreterkrieg in Korea auch 1994 eher unwahrscheinlich war, sondern zudem die politische Lage zwischen China und Russland seit dem Zerfall des Ostblockes und den 4+1-Gespächen eher entspannt ist, so dass das Szenario mir nicht nur verworren, sondern insgesamt höchst unrealistisch erscheint.

Die Sprache!

Unsere Satelliten sind allesamt unversehrt geblieben. Auf dem Boden ist von der BMEWS-Linie – dem Frühwarnsystem der ICBMs – noch Flyingdale übrig; im Norden sind die alten DEW- und Pine-Tree-Linien erhalten und im Osten, Westen und Süden die vier Pave-Paws-SLBM-Systeme…

Die Amerikaner sind ein akronymfreudiges Völkchen – das wissen wir spätestens seit dem USA PATRIOT ACT (Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism). Harry treibt diese Leidenschaft zu ökonomischer Kürze (oft als Bezeichnung für amerikanische Waffensysteme) aber enervierend auf die Spitze: NORAD, AWAC, ADACC, F-15C, F-4, F-106, CF-18 Hornet, CNO, SONUS, FB-111, B-1B, NATO. Wörter wie NATO und AWAC mögen ja noch geläufig sein, aber die Liste ist alleine die Ausbeute an Akronymen der Seiten 192-193. Das überfordert nicht nur den Präsidenten der USA, wenn dieser in seiner VC-25A ( das ist die USAF-Bezeichnung für die Airforce One) von den Generälen über die militärische Lage gebrieft wird, das E.R.M.Ü.D.E.T nach und nach auch den Leser – vor allem, wenn diese Akkumulation überwiegend Selbstzweck zu sein scheint. Vielleicht versucht Harry dadurch auch so etwas wie Authentizität zu vermitteln, aber dafür hätte die Hälfte seines Buchstabensalates auch gereicht – eine typische WIMM-Situation also (Weniger Ist Manchmal Mehr).

Die Figuren!

Schwere Geschütze, dachte Chandler beim Anblick der riesigen Rohre, die sich in den grauen Himmel vor ihnen richteten.

Was man von den Figuren bei Harry nicht erwarten kann – ebensowenig wie bei der Handlung übrigens – ist Tiefe. Die vielen Figuren, aus deren Perspektive die  verschiedenen Aspekte des Geschehens erzählt werden, sind äußerst flach, ihre Gedanken nahezu immer banal. Das gilt übrigens sowohl für die Frauen, die sich Sorgen um ihr im Einsatz stehenden Männer machen, als auch für diese selbst, sogar wenn die entsetzlichen Bilder von der Front sie nicht mehr loslassen. Der Autor verausgabt sich viel eher in den technischen Beschreibung der Vorgänge, der Darstellung der Waffensysteme bzw. der militärischen Prozessabläufe und der detaillierten Schilderung der Kampfszenen.

Fazit

Mehrfach steht die Welt auf den 732 Seiten vor dem erneuten Druck auf den roten Knopf, dutzende Male greifen Panzer an oder stürmt die Infantrie die Gräben der Feinde. Diese inhaltlichen Wiederholungen, die flachen Figuren, die verworrene unrealistische Anlage des Konfliktes und die primitiven Kampfszenen lassen irgendwie irgendwann keinen Spaß mehr aufkommen. WIMM (s.o.).

Eigentlich – so alles in allem – ein wirklich schlechter Roman… Aber Spaß, so gestehe ich schuldbewusst, hat er mir auf den ersten 400 Seiten schon gemacht…so irgendwie…

H. G. Wells: Krieg der Welten

Der Mensch und das Andere im Kampf ums Dasein

Schon als ich den Roman las, fragte ich mich: Was kann man zu H.G. Wells Klassiker Krieg der Welten eigentlich noch schreiben, ist er doch seit seinem Erscheinen im Jahre 1898 unentwegt besprochen worden. Und was könnte von seinem Inhalt einem heutigen potentiellen Leser eigentlich noch unbekannt sein? Denn selbst wenn man den Roman (noch) nicht gelesen oder das von Wells selbst inszenierte, seinerzeit Aufsehen erregende, Hörspiel aus dem Jahre 1938 (noch) nicht gehört hat, so dürfte doch die grundlegende Handlung zumindest aus den Verfilmungen von 1953 (unter der Regie von Byron Haskin) oder 2005 (unter der Regie von Stephen Spielberg) bekannt sein: Die Bewohner des Mars eröffnen einen überraschenden Vernichtungskrieg gegen die recht wehrlose Menschheit und werden aber zuletzt selbst unerwartet von den irdischen Mikroben dahingerafft. Was kann daran noch fesselnd sein?

Was den Roman meiner Ansicht nach interessant macht (und was ihn von den Verfilmungen im Übrigen deutlich unterscheidet) ist seine kritische Auseinandersetzung mit der spezifischen Eigen- und Fremdwahrnehmung der  Bevölkerung des damals mächtigsten Staatsgebildes dieses Planeten – dem British Empire. Tatsächlich scheint es Wells nicht primär darum zu gehen, eine möglichst spannende Handlung zu gestalten – obwohl der Roman alles andere als langweilig ist. Indem der seine strikt wissenschaftliche Betrachtungsweise betonende Erzähler schon zu Beginn beim Leser als bekannt voraussetzt, dass die Invasion der Außerirdischen fehlgeschlagen ist, entfällt dieses wichtige spannungsbildende Element. Die kritische Auseinandersetzung des Augenzeugen bzw. Ich-Erzählers mit den fiktiver Äußerungen wissenschaftlicher Autoritäten zur Invasion nähert den ganzen Text zudem selbst einer wissenschaftlichen Darstellung bzw. einer Analyse der Geschehnisse an. Was Wells mit seinem Werk eigentlich intendiert, ist die Präsentation von zeitgenössischen Denkmustern anhand der menschlichen Figuren und deren gewaltsamer Widerlegung durch das über sie herein brechende Verhängnis in Form der Invasoren.

First Contact

„Was für scheußliche Tiere!“ sagte er „Herrgott, was für scheußliche Tiere!“ Er wiederholte das immer wieder. „Haben Sie einen Menschen in der Grube gesehen“ fragte ich ihn; aber er gab mir keine Antwort.

Die anfängliche Wahrnehmung der fremden Wesen als Tiere wird schnell durch die Erkenntnis ersetzt, dass es sich wohl  doch um intelligente Wesen handele. Deshalb entsendet man auch eine Abordnung mit weißer Fahne, die allerdings sofort von den Invasoren mithilfe eines unerklärbaren Hitzestrahles in Sekundenbruchteilen vernichtet wird. Keine Gegenwehr ist möglich – und noch geschockt von der Schilderung der entsetzlich verkohlten Leichen muss der Leser zwei Seiten später plötzlich irritiert zur Kenntnis nehmen, dass die Verantwortlichen zwar einen Zusammenstoß ahnten, und […] nach Horsell telegrafiert [hatten], als die Marsleute auftauchten. Sie hatten um die Unterstützung einer Kompanie Soldaten gebeten, welche jene fremdartigen Geschöpfe vor Gewalttätigkeiten schützen sollten. Angesichts dieser Überheblichkeit, mit der man den Eindringlingen gegenüber tritt, erscheint die Zuversicht, mit der die Bewohner der Gegend der ersten bewaffneten Auseinandersetzung entgegen sehen, auch nicht weiter verwunderlich. So berichtet der Erzähler: Mein Nachbar war der Ansicht, dass es den Truppen gelingen würde, die Marsleute während des Tages entweder gefangenzunehmen oder zu vernichten. „Es ist wirklich schade, dass sie sich so unzugänglich machen“, sagte er. „Es wäre doch interessant zu hören, wie man auf anderen Planeten lebt; und wir könnten das eine oder das andere von ihnen erfahren…Diese Bescherung wird den Versicherungsleuten ein schönes Stück Geld kosten, bis alles wieder in Ordnung ist.

Da möchte man als Leser fast auflachen: Dem in seiner sicheren Bürgerlichkeit eingerichteten Briten gelingt es noch nicht einmal, die reine Möglichkeit zu denken, dass ihm auf seiner sicheren Insel im Herzen des Empires eine tatsächliche Gefahr drohen könnte. Auch den auf der Lauer liegenden Soldaten gelingt das  nicht, wenn sie über die moralischen Implikationen ihres Auftrages philosophieren, obwohl vielleicht langsam eine gewisse Unsichheit spürbar wird: „Es ist kein Mord, solche Bestien umzubringen, sagte der erste Sprecher. „Warum diese verfluchten Dinger nicht zusammenschießen und ein Ende mit ihnen machen, meinte der kleine Dunkelhaarige. „Ihr könnt nicht wissen, was sie noch anstellen.“ Aber auch hier: Kein Zweifel daran, dass es der britischen Armee gelingen könnte, den seltsamen Zwischenfall zu einem schnellen Ende zu bringen.

Die Erkenntnis

Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtengehölzes auf der Anhöhe vor mir, so wie sich brüchige Schilfrohre teilen, wenn ein Mann sie durchbricht. Sie brachen kurzweg ab, fielen der Länge nach hin, und ein zweiter Dreifuß tauchte auf, der wie es schien, geradewegs auf mich zuraste. Und ich fuhr ihm eilends entgegen! Aber beim Anblick des zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lamge nachzudenken, riss ich das Pferd herum, und im nächsten Augenblick stand der Wagen über dem gestürzten Tier…

Was den ernüchternden Niederlagen gegen die Marsbewohner folgt, ist zuletzt reine Panik. Ganze Menschenmassen strömen zuerst nur ängstlich, später kopflos und verzweifelt aus den immer zahlreicheren betroffenen Gebieten in Richtung Kanalküste bzw. Richtung HauptstadtDie einen in der irrigen Ansicht, dass es dem Militär spätestens vor den Toren Londons gelingen würde, die Feinde zu stoppen, die anderen in der schon richtigen Vermutung, dass die menschlichen Waffen gegen die überlegene Technik der Außerirdischen keine Chance haben würden. Tatsächlich folgt auf einen überraschenden Zufallserfolg die grauenhafte Schilderung durch den sich in einem beinahe kochenden Fluss versteckenden Erzähler, wie hunderte und tausende Menschen in wenigen Sekunden zu schwarzer Kohle verwandelt werden – wenn auch der Erzähler  durch den Tod des Marsmannes beinahe wie benommen erscheint: Ich sah, wie Leute dem Ufer zustrebten, und hörte ihre jammernden Schreie nur undeutlich neben dem Zischen und Brüllen, das den Zusammenbruch des Marsungeheuers begleitete. Die Erkenntnis des Erzählers, dass die metallenen Vernichtungsmaschinen bzw. deren hässliche Insassen tatsächlich verwundbar sind, gibt ihm neue Hoffnung – während andere – wie der Kurat – sie für die unbesiegbaren Gesandten des HErrn zu betrachten beginnen. Und noch schrecklicher als die Schilderungen des Ich-Erzählers sind die seines Bruders, der in London mit ansehen muss, wie die Invasoren beginnen eine Art von Giftgas (!) gegen die Menschenmassen einzusetzen – denn natürlich ist es dem britischen Militär nicht gelungen sie zu stoppen. Tatsächlich können die waffentechnischen Errungenschaften des britischen Empires den Eindringlingen manchmal erheblichen Schaden zufügen – aber nur in Form des Stolzes der britischen Marine, den schweren dampfbetriebenen Schlachtschiffen. Aber auch ihnen gelingt dieses nur in verzweifelten Rammfahrten, die den eigenen Untergang implizieren. Ironischerweise betont dieses geradezu die Überlegenheit der fremden Wesen: Kamikaze als Verzweiflungstat.

Vom Throne verstoßen

Und der Ich-Erzähler muss langsam erkennen, dass hinter dem ganzen ein perfider Plan zu stecken scheint: Sie ergriffen Besitz von dem besiegten Lande. Ihr Ziel schien nicht so sehr die Ausrottung als die völlige Unterjochung und Erstickung jedes Widerstandes. Sie sprengten jede Pulveransammlung in die Luft, schnitten jede Telegraphenlinie ab und zerstörten, wo sie nur konnten, jede Eisenbahn. Was den Menschen droht, kann der Erzähler – eingeschlossen in einer Ruine – beobachten, als die Marswesen seinesgleichen gefangen zu ihrem Lager führen: Der Verzehr als Grundnahrungsmittel. Und während der Mensch zur Nahrungsquelle der Außerirdischen herabsinkt, verwandelt er sich langsam – wie der Erzähler an dem mit ihm eingelossenen Kuraten schon beobachten muss: …unbekannte Schrecken hatten ihn seines Verstandes und seiner Denkfähigkeit beraubt. Er war in Wahrheit schon zum Tier herabgesunken. Das ist es auch, was die Ankunft der Wesen für den Menschen – den Erzähler inbegriffen – tatsächlich bedeutet: Ich …ein Geschöpf, kaum größer als sie, ein niedriges Tier, ein Ding, das die flüchtige Laune unserer Meister jagen und töten konnte. Vielleicht beteten auch jene vertrauensvoll zu Gott. Wahrlich, wenn wir nichts anderes gelernt haben, dieser Krieg hat uns Erbarmen gelehrt, Erbarmen mit jenen vernunftlosen Geschöpfen, die unter unserer Herrschaft leiden.

Kleiner Mann, was nun?

Der Erkenntnisprozess, der hier einsetzt, hat als Voraussetzung: Das Ende  der damals selbstverständlichen Vorstellung vom Menschen als Krone der Evolution – selbst wenn die Außerirdischen am Ende – ironischerweise übrigens von den kleinsten Lebewesen des Planeten – besiegt werden.Wells setzt hier nicht nur den Menschen wieder im Kampf ums Dasein einer neuen Herausforderung aus – sondern auch direkt mit dem im Hintergrund des britischen Imperialismus stehenden sozialdarwinistischen Gedankengut auseinander. Im Nachwort heißt es bei der Diskussion über die Möglichkeit von zukünftigen Kolonien auf fremden Planeten dazu: Und wer kann wissen, ob die Vernichtung der Marsleute nicht nur einen kurzen Aufschub bedeutet? Vielleicht gehört ihnen und nicht uns die Zukunft. Damit kritisiert der Sozialist Wells direkt den  damals weitverbreiteten imperialistischen Kerngedanken von  der Überlegeheit der Weißen Rasse. Und mit ihm die damit untrennbar verknüpften sozialdarwinistischen Theorien, nach denen der Stärke den Schwächeren beim Kampf ums Dasein, um Lebensraum, instrumentalisieren oder auch vernichten muss sowie die aus diesen Gedanken entspringende Legitimation der rohen Gewalt gegenüber anderen Staaten und Ethnien. Wells zeigt hier somit in seinem auf dem Höhepunkt des imperialistischen Zeitalters entstandenen Roman, dass der überhebliche weiße Bürger des mächtigsten Reiches auf diesem Planeten sich seiner tatsächlichen Überlegenheit nicht so sicher sein und seinen Umgang mit dem Anderen und vermeindlich Niederen noch einmal gründlich überdenken sollte – wenn er schon nicht generell die Lehren, welche die vereinfachte Übertragung des survival of the fittest in den zwischenmenschlichen und staatlichen Bereich mit sich bringt, gleich ad acta legt.