Dirk C. Fleck: Das Tahiti Projekt

Die Mausefalle schnappt nicht zu

Der Roman Das Tahiti Projekt von Dirk C. Fleck, welcher 2009 mit dem deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, gehört eigentlich nicht in die Gruppe der Romane, die ich hier üblicherweis rezensiere. Denn im Zentrum der Darstellung steht eine geradezu utopische Vision eines nach der Theorie des Equilibrismus umgestalteten Tahitis. Der Vorgängerroman, Go! – Die Ökodiktatur, der 1994 ebenfalls mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, würde da viel besser hinein passen. Und dennoch trägt die von Fleck – wenn auch nur als Schattenriss –  entworfene und dem musterhaften Beispiel Tahitis gegenüber gestellte Welt dystopische Züge:

Im Jahre 2022 haben die Großkonzerne ihre Macht gegenüber der Politik beträchtlich ausbauen können. Sie lenken zudem die weitgehend monopolisierten Medien entweder direkt aus den Firmenzentralen oder indirekt durch ihren Werbeetat. Die Wirtschaft der Welt befindet sich im Niedergang. Den schwindenden Ressourcen der Welt steht der gewachsene Hunger der großen Volkswirtschaften gegenüber, denen die Rezession droht, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, sich Zugang zu neuen Lagerstätten von Rohstoffen und Energieträgern zu verschaffen. Während diese Vorausagen des Autors  durchaus wahrscheinlich erscheinen, wirken andere eher befremdlich: In Deutschland gehört die Vision des  sozialen Friedens der Vergangenheit an. Arbeitlose werden außerhalb der Städte in ghettoähnlichen Vierteln zusammengefasst und am Betreten der Stadtzentren gehindert. Polizeikontrollen an den Stadtgrenzen sollen sicherstellen, dass die Erwerbstätigen unter sich bleiben.

Dieser kurzen Beschreibung einer dystopischen Gesellschaft  steht ein umfassender Entwurf der utopischen Gesellschaft Tahitis gegenüber. Dort hat Omar, der neue Präsident der Inselentgegen aller inneren und äußeren Widerstände mit der ökologischen und politischen Umgestaltaltung des Landes begonnen.   Der deutsche Journalist Cording, der mit Omar befreundet ist, wird mit einer Reportage über die Erfolge (oder eher Misserfolge)  der Insulaner beauftragt und reist deshalb nach Tahiti und erhält so einen umfassenden Einblick in die vom Präsidenten durchgeführten Reformen. Wurde er nach Tahiti noch von Steve begleitet, einem jungen Mann, der bisher eher in der digitalen als in der realen Welt gelebt hat, so führt ihn auf  der Insel selbst die schöne Schwester des Präsidenten herum. Die Idylle ist natürlich wirkungsmächtig: Cording verliebt sich in die ihm schon von seinem letzten Aufenthalt bekannte Tahitianerin während das Paradies und seine surfenden Bewohner Steve von seinem Computerspiel trennen können.

Doch das Paradies ist bedroht: Der Wissenschaftler Thorwald Rasmussen, der gleich zu Beginn nur knapp einem Anschlag auf sein Leben entgeht, eröffnet Cording und Omar, dass amerikanische Industrielle im Schulterschluss mit Politikern der U.S.A. ohne Wissen ihrer Staatsführung planen, innerhalb der Hoheitsgewässer Tahitis Rohstoffe abzubauen. Da dieses eine ökologische Katastrophe für die Insel darstellen würde, muss sie als David den Kampf gegen Goliath aufnehmen – auf eine ihrem Wesen entsprechenden Weise.

Der Spagat, den Fleck in diesem Roman unternimmt, ist meiner Ansicht nach nicht gelungen. Der Autor, der angeblich einmal in der taz als Vater des Ökothrillers bezeichnet worden ist [Quelle: Wikipedia], versucht dem Leser eine doch recht aufdringlich präsentierte weltverbesserische Utopie im verführerischen, aber ziemlich dünnen Gewande eines Thrillers zu verkaufen. Besonders deutlich macht diese Intention des Autors auch das Glossar, welches den Leser immer wieder darauf hinweist, dass diese oder jene technische Entwicklung schon zu Verfügung stünde, dass diese oder jene politische oder wirtschaftliche Reform schon theoretisch begründet entwickelt worden wäre. Das kann man in gesellschaftlicher Hinsicht lobenswert finden, literarisch jedoch ist damit nichts gewonnen.

Hinzu kommt, dass der Roman, wie ich finde, sich der bekannten Topoi des primitiven Inselbewohners, wenn auch mit guten Absichten, zu stark und zu unreflektiert bedient. Die Figuren der Tahitianer – sei es nun die schöne Insulanerin, der surfende Jüngling oder der von allen verehrte Tätowierer – sie wirken stereotypenhaft bis zum Klischee. Deutlich wird dabei: Es geht dem Autor ‘nur’ um den Entwurf einer Utopie und nicht um die Schaffung eines literarisch anspruchsvollen Werkes.

An diesem Roman lässt sich zeigen, warum positive Utopien auf literarischem Felde immer mehr an Boden gegenüber der Dystopie verlieren: Innerhalb eines bis zur Ermüdung des Lesers entfalteteten utopischen Gemeinwesens sind kaum spannende Handlungen denkbar, ist der flache Plot nur Mittel zum Zweck – der Konflikt, der Mord an Abel ist das Ende eines jeden Paradieses. Die Bedrohung muss von außen kommen. Wenn diese aber als Mausefalle, um es einmal mit Dürrenmatt zu sagen, nur dazu dienen soll, den Leser zur Rezeption eines  der heutigen Gesellschaft kritisch gegenüber stehenden, Werkes zu verleiten, dann sollte der Käse schon etwas schmackhafter ausfallen als es in Das Tahiti Projekt von Fleck der Fall ist.

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