Doris Lessing: Die Memoiren einer Überlebenden

Rätselhaft: Eine feministischer Text im dystopischen Gewand

Um es gleich am Anfang zu sagen: Der 1974 erschienene dystopische Roman Die Memoiren einer Überlebenden der englischen Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing hat mich stark beeindruckt. Das 1981 unter dem gleichen Titel von David Gladwell verfilmteWerk schildert in einer Mischung aus noch realistisch wirkendem und deutlich phastastischem Erzählen den langsamen Zerfall unserer alten Gesellschaft und den Anbruch einer jungen Welt.

Wir könnten böse mit der Ich-Erzählerin sein, die uns angeblich aus ihrem Leben erzählt: Wir erfahren nicht ihren Namen, wir kennen nicht ihr Alter, wir können die Großstadt in der  sie den langsamen Zerfall der Gesellschaft aus ihrer kleinen Wohnung heraus beobachtet, nicht identifizieren noch nicht einmal das Land, in dem sie lebt. Sie verschweigt uns zudem absichtlich, welche Katastrophe die Welt eigentlich getroffen hat, warum immer mehr Menschen nomadisierend ihre Stadt verlassen, um dann plündernd in eine andere einzufallen. Sie informiert sich nicht, warum die 12-jährige Emily Cartright plötzlich in ihre Obhut gegeben wird, ja,  sie fragt sich noch nicht einmal sehr lange, wie der fremde Mann, der ihr das Mädchen übergibt, plötzlich in ihre Wohnung gekommen ist. Sie kann noch nicht einmal entscheiden, ob das beinahe menschlich wirkende Haustier Hugo, das Emiliy mitgebracht hat, ein hässlicher Hund oder eine unförmige Katze ist. Und nicht zuletzt lässt sie uns im Unklaren, was für eine parallele Welt das ist, in die sie durch die Wand ihres Wohnzimmer hinübertreten kann, um dort unter anderem Bilder aus der Kindheit Emilys zu sehen. Auf der anderen Seite jedoch beweist sie in ihrer höchst distanziert und kühl wirkenden Schilderung der von ihr beobachteten gesellschaftlichen Prozesse geradezu überdurchschnittliche analytische Fähigkeiten. Sie lässt uns an der Geburt neuer Gesellschaften teilhaben, wenn sie aus dem Fenster blickt und die gruppendynamischen Prozesse genau beschreibt, die sie auf der Straße beobachten kann, wenn sich dort die jungen Menschen unterhalten, entscheiden, und zum Aufbruch sammeln. Sie gibt uns eine genaue Vorstellung davon, mir welchen Problemen und Widerständen das Mädchen Emily, während es langsam zur Frau wird, zu kämpfen hat, welche Erlebnisse das Kind geprägt haben und wieso es sich am Ende gerade dazu entscheidet, mit dem jungen Gerald und seiner verwahrlosten und kannibalistischen Mörderbande von Kindern in die andere Welt aufzubrechen.

Man merkt: Das ist kein ganz leicht zu lesender Roman. Das ist auch ein nicht leicht zu interpretierender Text, denn die teilweise höchst surrealen Beschreibungen der Ich-Erzählerin lassen sich stellenweise als Parabeln auf das realistisch geschilderte Geschehen ihrer ‘wirklichen’ Welt lesen. Dabei stolpert der Leser zudem beständig über Textsignale, die durchaus nahelegen, dass die Ich-Erzählerin und Emily ein und dieselbe Person sind: Emily sah in mir nichts weiter als eine nüchterne, beherrschte, distanzierte ältere Frau. Ich machte ihr Angst, weil ich für sie das Unvorstellbare repräsentierte, das Alter. Aber was mich anbelangte, so war sie, ihre Situation, mir genauso nahe wie meine eigenen Erinnerungen […]

Hier wird zumindest deutlich, womit sich Doris Lessing in diesem Roman zentral auseinandersetzt: Mit den prägenden Erfahrungen, die beide Figuren in ihrem Frau-Sein gemacht haben, wobei Emily als Projektionsfigur fungiert. An ihr beobachtet die Erzählerin – teils in dieser Welt, teils in der anderen – wie das Kind zur Ordnung und Sauberkeit erzogen wird, wie Mädchen ihren eigenen Unwert erfahren und in ihrer körperliche Unterlegheit dem Mann ausgeliefert sind – auch als sexuelles Objekt. An der Beziehung zwischen Emily und Gerald beobachtet sie auch, wie Liebe Frauen ihre eigenen Ambitionen zugunsten der Ziele des Mannes opfern lässt, nicht zuletzt auch auf der Basis des sofort nach der Geburt einsetzenden Lernprozesses. Wobei Gerald auch emotional Gewalt über Emily hat, vor allem wenn sie aufgrund seiner sexuellen Eskapaden Zurückweisung erfährt.

Diesen im Roman deutlich negativ konnotierten Sozialisationsprozessen, die zum Erlernen der Rolle ‘Frau’ führen, stellt Lessing die verwahrlosten Kinderbanden gegenüber, die zuletzt auch nicht vor Kannibalismus zurückschrecken. In ihrem Verhalten erscheinen sie eher Tieren zu ähneln denn  Menschen – es ist eben doch die Sozialisation, die uns letztenendes zu solchen macht. Ein Ausweg aus dieser Aporie gelingt der Autorin am Ende des Romanes auch nur durch die Aufhebung der Grenze zwischen der ‘wirklichen’ und der Welt hinter der Wohnzimmerwand. Wenn wir auch nicht mehr erfahren, wie dieses utopische Ziel einer besseren Gesellschaft tatsächlich erreicht werden kann oder welche Züge die Struktur der Gemeinschaft tragen wird – es soll ein Hoffnungsschimmer sein. Aber irgendwie befriedigend wirkt das Ende auf den Leser nicht – eher ziemlich schwach.

Interessant ist insgesamt auch die Bedeutung der dystopischen Gesellschaft für den Roman. Die Erzählerin wäre bei ihren Beobachtungen zu typisch männlichen und weiblichen Verhaltensweisen wahrscheinlich auch zu den gleichen Ergebnissen gekommen, wenn sie einen Schulhof beobachtet hätte und die Gesellschaft nicht zerfiele. Die zunehmende Auflösung der bisherigen Ordnung dient vielmehr als Folie, auf der die Alternative einer fehlenden Sozialisation gezeigt und gleichzeitig verworfen wird. Zudem ermöglicht sie letzten Endes das Versprechen einer kommenden (vielleicht) besseren Welt.

Fazit

Der nicht ganz leicht zu lesende Roman zeichnet sich durch einen auch sprachlich gelungen gestalteten psychischen Inneraum aus, wie er für viele Texte der siebziger Jahre typisch ist. Und obwohl es sich hier eindeutig um einen  feministischen Text handelt, ist auch darüber hinaus lesenswert – zumal Lessing die geschlechterspezifischen Verhaltensmuster meiner Ansicht nach auf eine Weise untersucht, die ihn für männliche wie weibliche Leser interessant machen (Obwohl hier natürlich die männliche Perspektive fehlt). Auch die besonderen Verfremdungseffekte und der eigenartig rätselhafte Charakter der dystopischen Gesellschaft machen den Roman lesenswert. Ich vermute zudem – auch wenn mir bisher nicht genügend Texte dieses Subgenres bekannt sind – dass der Roman Die Memoiren einer Überlebenden kein typischer Vertreter der feministischen Dystopie sein dürfte.

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