Eric L. Harry: Gegenschlag

„Die Lebenden werden die Toten beneiden.“

(Nikita Chruschtschow am 20. Juli 1963 in einer durch die Prawda veröffentlichten Adresse an die Volksrepublik China)

Wurden die russisch-chinesischen Kämpfe am Fluss Ussuri im Jahre 1969, bei denen sowohl territoriale Aspekte als auch die Frage nach dem Führungsanspruch in der kommunistischen Welt im Hintergrund standen, noch ausschließlich konventionell geführt und blieben bis zuletzt lokal begrenzt, so entwirft Eric L. Harry in seinem 1994 erschienen WWIII-Roman Gegenschlag ein viel erschreckenderes aber  auch sehr viel verwirrenderes Szenario.

Die Handlung!

Nach einem eigentlich schon beendeten bewaffneten Konflikt mit China beschließt die politische Führung Russlands einen begrenzten nuklearen Erstschlag gegen seinen aufstrebenden Nachbarn zu führen. Auslöser ist hierfür der Angriff nordkoreanischer Truppen auf den südlichen Teil des Landes. Der moralisch integere amerikanischer Präsident Livingston, der über das Vorhaben der befreundeten russischen Nation informiert wird, will sich nicht durch Mitwisserschaft schuldig machen und teilt deshalb dem ideologischen Gegner China den bevorstehenden Angriff mit. So kommt es, dass sich nach der russischen Salve auch eine chinesische aus den Raketensilos erheben kann. In Moskau hat zu diesem Zeitpunkt jedoch ein Militärputsch kurzfristigen Erfolg – und der verantwortliche General Zilov geht von einem amerikanischen Überraschungsangriff aus. Nachdem Livingston deutlich gemacht wird, dass Russland die U.S.A. nuklear angreift, schlagen auch die U.S.A. umfassend zurück. Nach mehrstündigem konventionellen und nuklearen Schlagabtausch will Livingston, der von einem Versehen seitens der Russen ausgeht, alles tun, um einen Waffenstillstand zu erreichen. Doch der auf Rache sinnende Kongress beschließt eine Kriegserklärung, welche der Präsident aber nicht umsetzen will…

Schon bei oberflächlicher Betrachtung des Plots merkt man: Harry verlangt dem Leser einiges abEin Krieg, der eigentlich ein Versehen ist, ein Krieg, den erst eigentlich keiner führen will, ein Krieg, zu dem die teilweise miteinander engbefreundeten Figuren aufgrund der politischen Umstände und der strategischen Zwangslagen irgendwie gezwungen sind – und ein moralischer US-Präsident. Hinzu kommt, dass nicht nur die Beteiligung Russlands an einem eskalierenden Stellvertreterkrieg in Korea auch 1994 eher unwahrscheinlich war, sondern zudem die politische Lage zwischen China und Russland seit dem Zerfall des Ostblockes und den 4+1-Gespächen eher entspannt ist, so dass das Szenario mir nicht nur verworren, sondern insgesamt höchst unrealistisch erscheint.

Die Sprache!

Unsere Satelliten sind allesamt unversehrt geblieben. Auf dem Boden ist von der BMEWS-Linie – dem Frühwarnsystem der ICBMs – noch Flyingdale übrig; im Norden sind die alten DEW- und Pine-Tree-Linien erhalten und im Osten, Westen und Süden die vier Pave-Paws-SLBM-Systeme…

Die Amerikaner sind ein akronymfreudiges Völkchen – das wissen wir spätestens seit dem USA PATRIOT ACT (Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism). Harry treibt diese Leidenschaft zu ökonomischer Kürze (oft als Bezeichnung für amerikanische Waffensysteme) aber enervierend auf die Spitze: NORAD, AWAC, ADACC, F-15C, F-4, F-106, CF-18 Hornet, CNO, SONUS, FB-111, B-1B, NATO. Wörter wie NATO und AWAC mögen ja noch geläufig sein, aber die Liste ist alleine die Ausbeute an Akronymen der Seiten 192-193. Das überfordert nicht nur den Präsidenten der USA, wenn dieser in seiner VC-25A ( das ist die USAF-Bezeichnung für die Airforce One) von den Generälen über die militärische Lage gebrieft wird, das E.R.M.Ü.D.E.T nach und nach auch den Leser – vor allem, wenn diese Akkumulation überwiegend Selbstzweck zu sein scheint. Vielleicht versucht Harry dadurch auch so etwas wie Authentizität zu vermitteln, aber dafür hätte die Hälfte seines Buchstabensalates auch gereicht – eine typische WIMM-Situation also (Weniger Ist Manchmal Mehr).

Die Figuren!

Schwere Geschütze, dachte Chandler beim Anblick der riesigen Rohre, die sich in den grauen Himmel vor ihnen richteten.

Was man von den Figuren bei Harry nicht erwarten kann – ebensowenig wie bei der Handlung übrigens – ist Tiefe. Die vielen Figuren, aus deren Perspektive die  verschiedenen Aspekte des Geschehens erzählt werden, sind äußerst flach, ihre Gedanken nahezu immer banal. Das gilt übrigens sowohl für die Frauen, die sich Sorgen um ihr im Einsatz stehenden Männer machen, als auch für diese selbst, sogar wenn die entsetzlichen Bilder von der Front sie nicht mehr loslassen. Der Autor verausgabt sich viel eher in den technischen Beschreibung der Vorgänge, der Darstellung der Waffensysteme bzw. der militärischen Prozessabläufe und der detaillierten Schilderung der Kampfszenen.

Fazit

Mehrfach steht die Welt auf den 732 Seiten vor dem erneuten Druck auf den roten Knopf, dutzende Male greifen Panzer an oder stürmt die Infantrie die Gräben der Feinde. Diese inhaltlichen Wiederholungen, die flachen Figuren, die verworrene unrealistische Anlage des Konfliktes und die primitiven Kampfszenen lassen irgendwie irgendwann keinen Spaß mehr aufkommen. WIMM (s.o.).

Eigentlich – so alles in allem – ein wirklich schlechter Roman… Aber Spaß, so gestehe ich schuldbewusst, hat er mir auf den ersten 400 Seiten schon gemacht…so irgendwie…

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