H. G. Wells: Krieg der Welten

Der Mensch und das Andere im Kampf ums Dasein

Schon als ich den Roman las, fragte ich mich: Was kann man zu H.G. Wells Klassiker Krieg der Welten eigentlich noch schreiben, ist er doch seit seinem Erscheinen im Jahre 1898 unentwegt besprochen worden. Und was könnte von seinem Inhalt einem heutigen potentiellen Leser eigentlich noch unbekannt sein? Denn selbst wenn man den Roman (noch) nicht gelesen oder das von Wells selbst inszenierte, seinerzeit Aufsehen erregende, Hörspiel aus dem Jahre 1938 (noch) nicht gehört hat, so dürfte doch die grundlegende Handlung zumindest aus den Verfilmungen von 1953 (unter der Regie von Byron Haskin) oder 2005 (unter der Regie von Stephen Spielberg) bekannt sein: Die Bewohner des Mars eröffnen einen überraschenden Vernichtungskrieg gegen die recht wehrlose Menschheit und werden aber zuletzt selbst unerwartet von den irdischen Mikroben dahingerafft. Was kann daran noch fesselnd sein?

Was den Roman meiner Ansicht nach interessant macht (und was ihn von den Verfilmungen im Übrigen deutlich unterscheidet) ist seine kritische Auseinandersetzung mit der spezifischen Eigen- und Fremdwahrnehmung der  Bevölkerung des damals mächtigsten Staatsgebildes dieses Planeten – dem British Empire. Tatsächlich scheint es Wells nicht primär darum zu gehen, eine möglichst spannende Handlung zu gestalten – obwohl der Roman alles andere als langweilig ist. Indem der seine strikt wissenschaftliche Betrachtungsweise betonende Erzähler schon zu Beginn beim Leser als bekannt voraussetzt, dass die Invasion der Außerirdischen fehlgeschlagen ist, entfällt dieses wichtige spannungsbildende Element. Die kritische Auseinandersetzung des Augenzeugen bzw. Ich-Erzählers mit den fiktiver Äußerungen wissenschaftlicher Autoritäten zur Invasion nähert den ganzen Text zudem selbst einer wissenschaftlichen Darstellung bzw. einer Analyse der Geschehnisse an. Was Wells mit seinem Werk eigentlich intendiert, ist die Präsentation von zeitgenössischen Denkmustern anhand der menschlichen Figuren und deren gewaltsamer Widerlegung durch das über sie herein brechende Verhängnis in Form der Invasoren.

First Contact

„Was für scheußliche Tiere!“ sagte er „Herrgott, was für scheußliche Tiere!“ Er wiederholte das immer wieder. „Haben Sie einen Menschen in der Grube gesehen“ fragte ich ihn; aber er gab mir keine Antwort.

Die anfängliche Wahrnehmung der fremden Wesen als Tiere wird schnell durch die Erkenntnis ersetzt, dass es sich wohl  doch um intelligente Wesen handele. Deshalb entsendet man auch eine Abordnung mit weißer Fahne, die allerdings sofort von den Invasoren mithilfe eines unerklärbaren Hitzestrahles in Sekundenbruchteilen vernichtet wird. Keine Gegenwehr ist möglich – und noch geschockt von der Schilderung der entsetzlich verkohlten Leichen muss der Leser zwei Seiten später plötzlich irritiert zur Kenntnis nehmen, dass die Verantwortlichen zwar einen Zusammenstoß ahnten, und […] nach Horsell telegrafiert [hatten], als die Marsleute auftauchten. Sie hatten um die Unterstützung einer Kompanie Soldaten gebeten, welche jene fremdartigen Geschöpfe vor Gewalttätigkeiten schützen sollten. Angesichts dieser Überheblichkeit, mit der man den Eindringlingen gegenüber tritt, erscheint die Zuversicht, mit der die Bewohner der Gegend der ersten bewaffneten Auseinandersetzung entgegen sehen, auch nicht weiter verwunderlich. So berichtet der Erzähler: Mein Nachbar war der Ansicht, dass es den Truppen gelingen würde, die Marsleute während des Tages entweder gefangenzunehmen oder zu vernichten. „Es ist wirklich schade, dass sie sich so unzugänglich machen“, sagte er. „Es wäre doch interessant zu hören, wie man auf anderen Planeten lebt; und wir könnten das eine oder das andere von ihnen erfahren…Diese Bescherung wird den Versicherungsleuten ein schönes Stück Geld kosten, bis alles wieder in Ordnung ist.

Da möchte man als Leser fast auflachen: Dem in seiner sicheren Bürgerlichkeit eingerichteten Briten gelingt es noch nicht einmal, die reine Möglichkeit zu denken, dass ihm auf seiner sicheren Insel im Herzen des Empires eine tatsächliche Gefahr drohen könnte. Auch den auf der Lauer liegenden Soldaten gelingt das  nicht, wenn sie über die moralischen Implikationen ihres Auftrages philosophieren, obwohl vielleicht langsam eine gewisse Unsichheit spürbar wird: „Es ist kein Mord, solche Bestien umzubringen, sagte der erste Sprecher. „Warum diese verfluchten Dinger nicht zusammenschießen und ein Ende mit ihnen machen, meinte der kleine Dunkelhaarige. „Ihr könnt nicht wissen, was sie noch anstellen.“ Aber auch hier: Kein Zweifel daran, dass es der britischen Armee gelingen könnte, den seltsamen Zwischenfall zu einem schnellen Ende zu bringen.

Die Erkenntnis

Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtengehölzes auf der Anhöhe vor mir, so wie sich brüchige Schilfrohre teilen, wenn ein Mann sie durchbricht. Sie brachen kurzweg ab, fielen der Länge nach hin, und ein zweiter Dreifuß tauchte auf, der wie es schien, geradewegs auf mich zuraste. Und ich fuhr ihm eilends entgegen! Aber beim Anblick des zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lamge nachzudenken, riss ich das Pferd herum, und im nächsten Augenblick stand der Wagen über dem gestürzten Tier…

Was den ernüchternden Niederlagen gegen die Marsbewohner folgt, ist zuletzt reine Panik. Ganze Menschenmassen strömen zuerst nur ängstlich, später kopflos und verzweifelt aus den immer zahlreicheren betroffenen Gebieten in Richtung Kanalküste bzw. Richtung HauptstadtDie einen in der irrigen Ansicht, dass es dem Militär spätestens vor den Toren Londons gelingen würde, die Feinde zu stoppen, die anderen in der schon richtigen Vermutung, dass die menschlichen Waffen gegen die überlegene Technik der Außerirdischen keine Chance haben würden. Tatsächlich folgt auf einen überraschenden Zufallserfolg die grauenhafte Schilderung durch den sich in einem beinahe kochenden Fluss versteckenden Erzähler, wie hunderte und tausende Menschen in wenigen Sekunden zu schwarzer Kohle verwandelt werden – wenn auch der Erzähler  durch den Tod des Marsmannes beinahe wie benommen erscheint: Ich sah, wie Leute dem Ufer zustrebten, und hörte ihre jammernden Schreie nur undeutlich neben dem Zischen und Brüllen, das den Zusammenbruch des Marsungeheuers begleitete. Die Erkenntnis des Erzählers, dass die metallenen Vernichtungsmaschinen bzw. deren hässliche Insassen tatsächlich verwundbar sind, gibt ihm neue Hoffnung – während andere – wie der Kurat – sie für die unbesiegbaren Gesandten des HErrn zu betrachten beginnen. Und noch schrecklicher als die Schilderungen des Ich-Erzählers sind die seines Bruders, der in London mit ansehen muss, wie die Invasoren beginnen eine Art von Giftgas (!) gegen die Menschenmassen einzusetzen – denn natürlich ist es dem britischen Militär nicht gelungen sie zu stoppen. Tatsächlich können die waffentechnischen Errungenschaften des britischen Empires den Eindringlingen manchmal erheblichen Schaden zufügen – aber nur in Form des Stolzes der britischen Marine, den schweren dampfbetriebenen Schlachtschiffen. Aber auch ihnen gelingt dieses nur in verzweifelten Rammfahrten, die den eigenen Untergang implizieren. Ironischerweise betont dieses geradezu die Überlegenheit der fremden Wesen: Kamikaze als Verzweiflungstat.

Vom Throne verstoßen

Und der Ich-Erzähler muss langsam erkennen, dass hinter dem ganzen ein perfider Plan zu stecken scheint: Sie ergriffen Besitz von dem besiegten Lande. Ihr Ziel schien nicht so sehr die Ausrottung als die völlige Unterjochung und Erstickung jedes Widerstandes. Sie sprengten jede Pulveransammlung in die Luft, schnitten jede Telegraphenlinie ab und zerstörten, wo sie nur konnten, jede Eisenbahn. Was den Menschen droht, kann der Erzähler – eingeschlossen in einer Ruine – beobachten, als die Marswesen seinesgleichen gefangen zu ihrem Lager führen: Der Verzehr als Grundnahrungsmittel. Und während der Mensch zur Nahrungsquelle der Außerirdischen herabsinkt, verwandelt er sich langsam – wie der Erzähler an dem mit ihm eingelossenen Kuraten schon beobachten muss: …unbekannte Schrecken hatten ihn seines Verstandes und seiner Denkfähigkeit beraubt. Er war in Wahrheit schon zum Tier herabgesunken. Das ist es auch, was die Ankunft der Wesen für den Menschen – den Erzähler inbegriffen – tatsächlich bedeutet: Ich …ein Geschöpf, kaum größer als sie, ein niedriges Tier, ein Ding, das die flüchtige Laune unserer Meister jagen und töten konnte. Vielleicht beteten auch jene vertrauensvoll zu Gott. Wahrlich, wenn wir nichts anderes gelernt haben, dieser Krieg hat uns Erbarmen gelehrt, Erbarmen mit jenen vernunftlosen Geschöpfen, die unter unserer Herrschaft leiden.

Kleiner Mann, was nun?

Der Erkenntnisprozess, der hier einsetzt, hat als Voraussetzung: Das Ende  der damals selbstverständlichen Vorstellung vom Menschen als Krone der Evolution – selbst wenn die Außerirdischen am Ende – ironischerweise übrigens von den kleinsten Lebewesen des Planeten – besiegt werden.Wells setzt hier nicht nur den Menschen wieder im Kampf ums Dasein einer neuen Herausforderung aus – sondern auch direkt mit dem im Hintergrund des britischen Imperialismus stehenden sozialdarwinistischen Gedankengut auseinander. Im Nachwort heißt es bei der Diskussion über die Möglichkeit von zukünftigen Kolonien auf fremden Planeten dazu: Und wer kann wissen, ob die Vernichtung der Marsleute nicht nur einen kurzen Aufschub bedeutet? Vielleicht gehört ihnen und nicht uns die Zukunft. Damit kritisiert der Sozialist Wells direkt den  damals weitverbreiteten imperialistischen Kerngedanken von  der Überlegeheit der Weißen Rasse. Und mit ihm die damit untrennbar verknüpften sozialdarwinistischen Theorien, nach denen der Stärke den Schwächeren beim Kampf ums Dasein, um Lebensraum, instrumentalisieren oder auch vernichten muss sowie die aus diesen Gedanken entspringende Legitimation der rohen Gewalt gegenüber anderen Staaten und Ethnien. Wells zeigt hier somit in seinem auf dem Höhepunkt des imperialistischen Zeitalters entstandenen Roman, dass der überhebliche weiße Bürger des mächtigsten Reiches auf diesem Planeten sich seiner tatsächlichen Überlegenheit nicht so sicher sein und seinen Umgang mit dem Anderen und vermeindlich Niederen noch einmal gründlich überdenken sollte – wenn er schon nicht generell die Lehren, welche die vereinfachte Übertragung des survival of the fittest in den zwischenmenschlichen und staatlichen Bereich mit sich bringt, gleich ad acta legt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s