George Orwell: 1984

MEINE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG MIT EINEM KLASSIKER

Ich kann mich noch genau an diesen späten Nachmittag erinnern. Ich war 17 und nahm ein Buch, dessen Titel mir so gar nichts sagte, aus dem Bücherregal meiner Eltern: 1984 von George Orwell. Ich wusste zwar, dass Orwell ein berühmter Autor war und dass er Die Farm der Tiere geschrieben hatte, aber was ich mir da für einen Klassiker vorgenommen hatte, ahnte ich nicht.

12 Stunden später, als ich völlig übernächtigt mit dem Bus in die Schule fuhr, wusste ich es: Das war das beeindruckendste Buch, das ich bis dato gelesen hatte. Ich hatte es nicht aus den Händen legen können. Und überrscht stellte ich zudem fest, dass ich an diesem Morgen die Welt mit schläfrigen Augen anders sah. Etwas hatte sich verändert – mein Blick auf die Dinge hatte sich verändert. Und schuld war das Buch. DAS Buch.

Ein solch einschneidendes Erlebnis ist mir übrigens nur einmal noch zuteil geworden und zwar nicht bei  der Lektüre des zweiten paradigmatischen Werk des Genres, Huxleys Brave New World – zu dem ich niemals einen persönlichen Zugang gefunden habe – sondern bei Houllebecqs Ausweitung der Kampfzone. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Geschichte und Rezeption des Romans

Meine eigene Leseerfahrungen zeigen mir – gleich was Kritiker und Literaturwissenschaftler über dieses Werk behaupten wollen – der in den Jahren 1946/47 entstandene Roman ist ein Meisterwerk. Tatsächlich nahe ich mich ihm nur mit gewisser Ehrfurcht. Er hat sowohl in der motivischen Ausgestaltung, den inhaltlichen Themen, dem Charakter der dystopischen Gesellschaft, der Figuren als auch der Erzählstruktur das Paradigma geliefert, an dem sich die nachfolgenden Romane entweder orientieren oder zumindest messen lassen. Denn aufgrund der Rezeptionsgeschichte ist es nicht Semjatins 15 Jahre zuvor erschienener Roman Wir gewesen, der das Muster bereitgestellt hat, sondern Orwells Text, der vermutlich nicht durch die Lektüre des Vorgängers beeinflusst worden ist, wie man aufgrund der strukturellen Ähnlichkeiten lange vermutet hat. Und beinahe 70 Jahre nach seinem Erscheinen nehmen aktuelle Romane noch immer Bezug auf diesen Klassiker. Als Beispiel kann hier Haruki Murakamis Werk 1Q84 aus diesem Jahr genannt werden. Und beinahe kein Verlag lässt es sich nehmen, einen dystopischen Roman mit Orwells 1984 zu vergleichen,  ob dieser nun (wie P.D. James Im Land der Leeren Häuser) dem Subgenre der klassischen Dystopie zugerechnet werden kann oder (wie Doris Lessings Die Memoiren einer Überlebenden) auch nicht. Deshalb möchte ich mich in mehreren Posts damit auseinandersetzen, welche  Merkmale 1984 eigentlich zum paradigmatischen Text des Genres der klassischen Dystopie machen. Dabei werde ich nach einer kurzen Inhaltsangabe in der hier angegebenen Reihenfolge folgende Punkte betrachten: Den besonderen dystopischen Charakter der Gesellschaft, die Figuren, die Handlungsstruktur und zuletzt die wichtigsten Motive und Themen, insofern sie genretypisch geworden sind.

Der Inhalt in Kürze

Teil I: Der im Londoner Ministerium für Wahrheit arbeitende und dort die historischen Dokumente ‘überarbeitende’ Winston Smith beginnt heimlich ein Tagebuch zu führen, was in dem von totaler Kontrolle geprägten Staat nicht nur ein schweres Verbrechen darstellt, sondern auch angesichts der Videoüberwachung in seinen eigenen vier Wänden schwer zu verbergen ist. Er begegnet bei seiner Arbeit Julia, die ihn interessiert, er aber für eine Mitarbeiterin der Gedankenpolizei hält. Bei einem seiner Ausflügen in die Welt der Proles (der Unterschicht) erhält er die Möglichkeit, ein Zimmer ohne überwachenden Teleschirm zu mieten, er sieht jedoch aufgrund der Gefährlichkeit davon ab.

Teil II: Die beim Vorübergehen strauchelnde Julia steckt Winston nach einer weiteren Begegnung, aufgrund derer er sich fast sicher ist, dass sie für den Geheimdienst arbeitet, auf der Arbeit heimlich einen Zettel zu, auf dem sie ihm ihre Liebe gesteht. Um die überall präsente Überwachung zu umgehen, treffen sie sich erst außerhalb der Stadt und später in dem Wiston bekannten Zimmer im Viertel der Proles. Damit begehen sie ein Verbrechen, denn auch die Sexualität ist einer Kontrolle unterworfen. Julia stellt zudem einen Kontakt zu O’Brian her, der angeblich Mitglied einer Geheimgesellschaft ist. Dieser ermöglicht ihm die Lektüre eines von ihm mitferfassten verbotenen Buches, in dem das staatliche System einer kritischen Analyse unterworfen wird. Während Julia und Winston kurz darauf in ihrem geheimen Unterschlupf über ihre voneinander abweichenden Zukunftspläne diskutieren, werden sie von den Polizei umstellt und später verhaftet.

Teil III: Nach seiner Verhaftung leidet Wiston nicht nur unter den ständigen Verhören, sondern auch unter dem wenigen Essen und dem ewig grellen Licht, das seine kleine Zelle ausleuchtet. Nachdem unter physischer Folter von ihm Geständnisse erpresst worden sind, wird er einer Gehirnwäsche unterzogen, an dessen Ende seine gelungene Umerziehung im Sinne des Systems stehen soll. Winston akzeptiert diese Hilfe dankbar – doch obwohl er sich in den Techniken übt, die ihm helfen sollen, im Sinne des Systems zu denken, kann er emotional nicht von Julia lassen. Als O’Brian dies erfährt, wird Winston in den berüchtigten Raum 101 gebracht. Dort wird er einer speziell für seine Person ausgearbeiten Folter unterworfen, die ihn dazu bringt, Julia zu verraten. Nach der Entlassung leben die beiden von Folter gezeichneten Figuren ohne Kontakt zueinander, obwohl sie sich noch einmal begegnen. Der Sieg das Staates ist vollkommen: Nicht nur, dass die beiden nichts mehr für einander empfinden, Winston reagiert auf die Propaganda des Systems im erwünschten Sinne und ist in einem visionären Tagtraum, der den Roman schließt, sogar glücklich, mit schneeweißer Seele exekutiert zu werden.

Dirk C. Fleck: Das Tahiti Projekt

Die Mausefalle schnappt nicht zu: Dirk C. Flecks Utopie „Das Tahiti Projekt“. Eine Rezension von Rob Randall

Der Roman Das Tahiti Projekt von Dirk C. Fleck, welcher 2009 mit dem deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, gehört eigentlich nicht in die Gruppe der Romane, die ich hier üblicherweis rezensiere. Denn im Zentrum der Darstellung steht eine geradezu utopische Vision eines nach der Theorie des Equilibrismus umgestalteten Tahitis. Der Vorgängerroman, Go! – Die Ökodiktatur, der 1994 ebenfalls mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, würde da viel besser hinein passen. Und dennoch trägt die von Fleck – wenn auch nur als Schattenriss –  entworfene und dem musterhaften Beispiel Tahitis gegenüber gestellte Welt dystopische Züge:

Im Jahre 2022 haben die Großkonzerne ihre Macht gegenüber der Politik beträchtlich ausbauen können. Sie lenken zudem die weitgehend monopolisierten Medien entweder direkt aus den Firmenzentralen oder indirekt durch ihren Werbeetat. Die Wirtschaft der Welt befindet sich im Niedergang. Den schwindenden Ressourcen der Welt steht der gewachsene Hunger der großen Volkswirtschaften gegenüber, denen die Rezession droht, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, sich Zugang zu neuen Lagerstätten von Rohstoffen und Energieträgern zu verschaffen. Während diese Vorausagen des Autors  durchaus wahrscheinlich erscheinen, wirken andere eher befremdlich: In Deutschland gehört die Vision des  sozialen Friedens der Vergangenheit an. Arbeitlose werden außerhalb der Städte in ghettoähnlichen Vierteln zusammengefasst und am Betreten der Stadtzentren gehindert. Polizeikontrollen an den Stadtgrenzen sollen sicherstellen, dass die Erwerbstätigen unter sich bleiben.

Dieser kurzen Beschreibung einer dystopischen Gesellschaft  steht ein umfassender Entwurf der utopischen Gesellschaft Tahitis gegenüber. Dort hat Omar, der neue Präsident der Inselentgegen aller inneren und äußeren Widerstände mit der ökologischen und politischen Umgestaltaltung des Landes begonnen.   Der deutsche Journalist Cording, der mit Omar befreundet ist, wird mit einer Reportage über die Erfolge (oder eher Misserfolge)  der Insulaner beauftragt und reist deshalb nach Tahiti und erhält so einen umfassenden Einblick in die vom Präsidenten durchgeführten Reformen. Wurde er nach Tahiti noch von Steve begleitet, einem jungen Mann, der bisher eher in der digitalen als in der realen Welt gelebt hat, so führt ihn auf  der Insel selbst die schöne Schwester des Präsidenten herum. Die Idylle ist natürlich wirkungsmächtig: Cording verliebt sich in die ihm schon von seinem letzten Aufenthalt bekannte Tahitianerin während das Paradies und seine surfenden Bewohner Steve von seinem Computerspiel trennen können.

Doch das Paradies ist bedroht: Der Wissenschaftler Thorwald Rasmussen, der gleich zu Beginn nur knapp einem Anschlag auf sein Leben entgeht, eröffnet Cording und Omar, dass amerikanische Industrielle im Schulterschluss mit Politikern der U.S.A. ohne Wissen ihrer Staatsführung planen, innerhalb der Hoheitsgewässer Tahitis Rohstoffe abzubauen. Da dieses eine ökologische Katastrophe für die Insel darstellen würde, muss sie als David den Kampf gegen Goliath aufnehmen – auf eine ihrem Wesen entsprechenden Weise.

Der Spagat, den Fleck in diesem Roman unternimmt, ist meiner Ansicht nach nicht gelungen. Der Autor, der angeblich einmal in der taz als Vater des Ökothrillers bezeichnet worden ist [Quelle: Wikipedia], versucht dem Leser eine doch recht aufdringlich präsentierte weltverbesserische Utopie im verführerischen, aber ziemlich dünnen Gewande eines Thrillers zu verkaufen. Besonders deutlich macht diese Intention des Autors auch das Glossar, welches den Leser immer wieder darauf hinweist, dass diese oder jene technische Entwicklung schon zu Verfügung stünde, dass diese oder jene politische oder wirtschaftliche Reform schon theoretisch begründet entwickelt worden wäre. Das kann man in gesellschaftlicher Hinsicht lobenswert finden, literarisch jedoch ist damit nichts gewonnen.

Hinzu kommt, dass der Roman, wie ich finde, sich der bekannten Topoi des primitiven Inselbewohners, wenn auch mit guten Absichten, zu stark und zu unreflektiert bedient. Die Figuren der Tahitianer – sei es nun die schöne Insulanerin, der surfende Jüngling oder der von allen verehrte Tätowierer – sie wirken stereotypenhaft bis zum Klischee. Deutlich wird dabei: Es geht dem Autor ‘nur’ um den Entwurf einer Utopie und nicht um die Schaffung eines literarisch anspruchsvollen Werkes.

An diesem Roman lässt sich zeigen, warum positive Utopien auf literarischem Felde immer mehr an Boden gegenüber der Dystopie verlieren: Innerhalb eines bis zur Ermüdung des Lesers entfalteteten utopischen Gemeinwesens sind kaum spannende Handlungen denkbar, ist der flache Plot nur Mittel zum Zweck – der Konflikt, der Mord an Abel ist das Ende eines jeden Paradieses. Die Bedrohung muss von außen kommen. Wenn diese aber als Mausefalle, um es einmal mit Dürrenmatt zu sagen, nur dazu dienen soll, den Leser zur Rezeption eines  der heutigen Gesellschaft kritisch gegenüber stehenden, Werkes zu verleiten, dann sollte der Käse schon etwas schmackhafter ausfallen als es in Das Tahiti Projekt von Fleck der Fall ist.

Doris Lessing: Die Memoiren einer Überlebenden

Rätselhaft: Eine feministischer Text im dystopischen Gewand

Um es gleich am Anfang zu sagen: Der 1974 erschienene dystopische Roman Die Memoiren einer Überlebenden der englischen Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing hat mich stark beeindruckt. Das 1981 unter dem gleichen Titel von David Gladwell verfilmteWerk schildert in einer Mischung aus noch realistisch wirkendem und deutlich phastastischem Erzählen den langsamen Zerfall unserer alten Gesellschaft und den Anbruch einer jungen Welt.

Wir könnten böse mit der Ich-Erzählerin sein, die uns angeblich aus ihrem Leben erzählt: Wir erfahren nicht ihren Namen, wir kennen nicht ihr Alter, wir können die Großstadt in der  sie den langsamen Zerfall der Gesellschaft aus ihrer kleinen Wohnung heraus beobachtet, nicht identifizieren noch nicht einmal das Land, in dem sie lebt. Sie verschweigt uns zudem absichtlich, welche Katastrophe die Welt eigentlich getroffen hat, warum immer mehr Menschen nomadisierend ihre Stadt verlassen, um dann plündernd in eine andere einzufallen. Sie informiert sich nicht, warum die 12-jährige Emily Cartright plötzlich in ihre Obhut gegeben wird, ja,  sie fragt sich noch nicht einmal sehr lange, wie der fremde Mann, der ihr das Mädchen übergibt, plötzlich in ihre Wohnung gekommen ist. Sie kann noch nicht einmal entscheiden, ob das beinahe menschlich wirkende Haustier Hugo, das Emiliy mitgebracht hat, ein hässlicher Hund oder eine unförmige Katze ist. Und nicht zuletzt lässt sie uns im Unklaren, was für eine parallele Welt das ist, in die sie durch die Wand ihres Wohnzimmer hinübertreten kann, um dort unter anderem Bilder aus der Kindheit Emilys zu sehen. Auf der anderen Seite jedoch beweist sie in ihrer höchst distanziert und kühl wirkenden Schilderung der von ihr beobachteten gesellschaftlichen Prozesse geradezu überdurchschnittliche analytische Fähigkeiten. Sie lässt uns an der Geburt neuer Gesellschaften teilhaben, wenn sie aus dem Fenster blickt und die gruppendynamischen Prozesse genau beschreibt, die sie auf der Straße beobachten kann, wenn sich dort die jungen Menschen unterhalten, entscheiden, und zum Aufbruch sammeln. Sie gibt uns eine genaue Vorstellung davon, mir welchen Problemen und Widerständen das Mädchen Emily, während es langsam zur Frau wird, zu kämpfen hat, welche Erlebnisse das Kind geprägt haben und wieso es sich am Ende gerade dazu entscheidet, mit dem jungen Gerald und seiner verwahrlosten und kannibalistischen Mörderbande von Kindern in die andere Welt aufzubrechen.

Man merkt: Das ist kein ganz leicht zu lesender Roman. Das ist auch ein nicht leicht zu interpretierender Text, denn die teilweise höchst surrealen Beschreibungen der Ich-Erzählerin lassen sich stellenweise als Parabeln auf das realistisch geschilderte Geschehen ihrer ‘wirklichen’ Welt lesen. Dabei stolpert der Leser zudem beständig über Textsignale, die durchaus nahelegen, dass die Ich-Erzählerin und Emily ein und dieselbe Person sind: Emily sah in mir nichts weiter als eine nüchterne, beherrschte, distanzierte ältere Frau. Ich machte ihr Angst, weil ich für sie das Unvorstellbare repräsentierte, das Alter. Aber was mich anbelangte, so war sie, ihre Situation, mir genauso nahe wie meine eigenen Erinnerungen […]

Hier wird zumindest deutlich, womit sich Doris Lessing in diesem Roman zentral auseinandersetzt: Mit den prägenden Erfahrungen, die beide Figuren in ihrem Frau-Sein gemacht haben, wobei Emily als Projektionsfigur fungiert. An ihr beobachtet die Erzählerin – teils in dieser Welt, teils in der anderen – wie das Kind zur Ordnung und Sauberkeit erzogen wird, wie Mädchen ihren eigenen Unwert erfahren und in ihrer körperliche Unterlegheit dem Mann ausgeliefert sind – auch als sexuelles Objekt. An der Beziehung zwischen Emily und Gerald beobachtet sie auch, wie Liebe Frauen ihre eigenen Ambitionen zugunsten der Ziele des Mannes opfern lässt, nicht zuletzt auch auf der Basis des sofort nach der Geburt einsetzenden Lernprozesses. Wobei Gerald auch emotional Gewalt über Emily hat, vor allem wenn sie aufgrund seiner sexuellen Eskapaden Zurückweisung erfährt.

Diesen im Roman deutlich negativ konnotierten Sozialisationsprozessen, die zum Erlernen der Rolle ‘Frau’ führen, stellt Lessing die verwahrlosten Kinderbanden gegenüber, die zuletzt auch nicht vor Kannibalismus zurückschrecken. In ihrem Verhalten erscheinen sie eher Tieren zu ähneln denn  Menschen – es ist eben doch die Sozialisation, die uns letztenendes zu solchen macht. Ein Ausweg aus dieser Aporie gelingt der Autorin am Ende des Romanes auch nur durch die Aufhebung der Grenze zwischen der ‘wirklichen’ und der Welt hinter der Wohnzimmerwand. Wenn wir auch nicht mehr erfahren, wie dieses utopische Ziel einer besseren Gesellschaft tatsächlich erreicht werden kann oder welche Züge die Struktur der Gemeinschaft tragen wird – es soll ein Hoffnungsschimmer sein. Aber irgendwie befriedigend wirkt das Ende auf den Leser nicht – eher ziemlich schwach.

Interessant ist insgesamt auch die Bedeutung der dystopischen Gesellschaft für den Roman. Die Erzählerin wäre bei ihren Beobachtungen zu typisch männlichen und weiblichen Verhaltensweisen wahrscheinlich auch zu den gleichen Ergebnissen gekommen, wenn sie einen Schulhof beobachtet hätte und die Gesellschaft nicht zerfiele. Die zunehmende Auflösung der bisherigen Ordnung dient vielmehr als Folie, auf der die Alternative einer fehlenden Sozialisation gezeigt und gleichzeitig verworfen wird. Zudem ermöglicht sie letzten Endes das Versprechen einer kommenden (vielleicht) besseren Welt.

Fazit

Der nicht ganz leicht zu lesende Roman zeichnet sich durch einen auch sprachlich gelungen gestalteten psychischen Inneraum aus, wie er für viele Texte der siebziger Jahre typisch ist. Und obwohl es sich hier eindeutig um einen  feministischen Text handelt, ist auch darüber hinaus lesenswert – zumal Lessing die geschlechterspezifischen Verhaltensmuster meiner Ansicht nach auf eine Weise untersucht, die ihn für männliche wie weibliche Leser interessant machen (Obwohl hier natürlich die männliche Perspektive fehlt). Auch die besonderen Verfremdungseffekte und der eigenartig rätselhafte Charakter der dystopischen Gesellschaft machen den Roman lesenswert. Ich vermute zudem – auch wenn mir bisher nicht genügend Texte dieses Subgenres bekannt sind – dass der Roman Die Memoiren einer Überlebenden kein typischer Vertreter der feministischen Dystopie sein dürfte.

Matthew Phipps Shiel: Die purpurne Wolke

Eine Rezension von Rob Randall

Er gehört zu den Klassikern, der Roman Die purpurne Wolke von Matthew Phipps Shiel aus dem Jahre 1901, und gleichzeitig zu den wenigen Werke des frühen Science Fiction der Jahrhundertwende, die nicht dem Vergessen anheim gefallen sind. Er setzt das aus der Romantik entspringende postapokalyptische Genre des Letzten Menschen, zu dem auch Mary Shelleys Werk Verney aus dem Jahre 1826 gehört, fort und ist mit diesem zum Prototyp einer ganzen Reihe von erfolgreichen Nachfolgern geworden, auch indem er indirekt Autoren dazu inspirierte, sich literarisch mit dem dystopischen Genre einer sterbenden Welt auseinanderzusetzen. Hier sei als Beispiel nur eines, Stephen Kings Das letzte Gefecht (The Stand) aus dem Jahre 1978, genannt. 1958 wurde der Roman mit Harry Belafonte in der Hauptrolle unter dem Titel Die Welt, das Fleisch und der Teufel (wohl stark verändert) verfilmt. Eine englische Onlineversion des erst 1982 in deutscher Sprache erschienen Romanes ist übrigens kostenlos verfügbar.

Der Inhalt in Kürze

Dem jungen Arzt Adam Jefferson verschafft der Mord seiner ruhmsüchtigen und egoistischen Verlobten Clodagh an einem Forscher die unerhoffte Möglichkeit, an einer geplanten Polarexpedition teilzunehmen. Demjenigen, der als erster den Pol erreicht, winkt eine dreistellige Millionensumme. Jefferson  gelingt dieses  durch einen ‘Trick’ tatsächlich, er macht sich nacht alleine auf und schafft es bis zum Nordpol, dort entdeckt  er ein geradezu fremdartig und mystisch wirkendes Artefakt. Auf dem Rückweg macht er jedoch einen rätselhaften purpurnen Nebel (Zyangas) aus, von dem er später feststellen muss, dass er offensichtlich die gesamte Menschheit getötet hat. Weder in Skandinavien noch in England kann er Überlebende entdecken – und so macht sich der an seiner Einsamkeit leidende und langsam dem Wahnsinn anheimzufallen scheinende Protagonist auf, die anderen Kontinente des leblosen Planeten zu erkunden. Die vorbeiziehenden Jahre verbringt er einerseits damit, sich einen geradezu unwirklichen Palast zu errichten, andererseits mit dem Niederbrennen der menschenleeren Städte, was ihn zwar nicht von seiner Einsamkeit heilt, ihn aber von seinen Schuldgefühle angesichts der möglicherweise von ihm ausgelösten Vernichtung der Menschheit ablenkt. Dennoch beschließt der englische Adam  nach dem unvermeidlichen Fund seiner Eva , der Berufung zum Stammvater einer neuen Menschheit nicht folge zu leisten,  denn eine scheint ihm schon schlimm genug – eine Entscheidung, die  seine junge Eva aber  so nicht akzeptieren will.

Dem ganzen geht  – wie auch den Romanen The Last Miracle (1906) und The Lord of the Sea (1901) – ein an den Autor gerichtetes einleitendes Schreiben eines fiktiven Arztes voraus. Dieses weist den folgenden Roman als visionäre, aber – aufgrund angeblicher Beweise für die besonderen Fähigkeiten der hypnotisierten Patientin – auch glaubhafte Beschreibung zukünftiger Ereignisse aus. Somit ist The Purple Cloud, wie Dawid Hartwell feststellt, Teil einer Trilogie, die das Ende der uns bekannten Menscheit und den Anfang einer neuen ‘Rasse’ bechreibt.

Beurteilung

Ich muss es gleich zu Beginn gestehen: Mir ist es nicht gelungen, den Roman am Stück zu lesen. Grund hierfür dürften nicht nur der ausschweifende Erzählstil des Autors, sondern auch das Fehlen einer das Werk verklammernden Spannungskurve sein. Ersteres erklärt sich – wie ich dem Nachwort David Hartwell entnehmen konnte – auch aus der Tatsache, dass die englischen Journalisten der Jahrhundertwende nach der Anzahl der Wörter bezahlt und so zu einem wenig straffen Stil ‘erzogen’ wurden. Der Grund dafür, dass zwar Interesse am Fortgang der Handlung aufkommen mag, aber leider keine wirkliche Spannung entsteht, lässt sich auch hierin sehen: Es sind die zahlreichen, teilweise übrigens beeindruckend düster wirkenden, Beschreibungen der mit Leichen übersähten Städte und Dörfer, die das Werk unverhältnismäßig in die Länge ziehen. Hinzu kommt, dass sie von Anfang an den Charakter der Wiederholung tragen – die Beschreibung von drei oder vier Geisterstädten hätte gereicht, Shiel belässt es dabei aber leider nicht. Es sollte hier aber nicht der Eindruck aufkommen, das Buch sei schlecht geschrieben, sprachlich hat es mir – von seiner teilweise barocken Fülle einmal abgesehen – ganz gut gefallen.

Teilweise erscheint mir aber der zentrale Konflikt in der Psyche des Helden, wie auch einige seiner Taten,  nicht sehr sinnvoll motiviert zu sein. Möglicherweise liegt dieses aber  an dem zeitlichen Abstand, der zwischen dem heutigen Leser und dem Entstehungszeitpunkt des Werkes liegt. So ist es mir beispielsweise wenig einsichtig, dass Adam seine Eva derart schlecht zu Beginn behandelt. Der zwischen Gut und Böse ausgetragene Konflikt in der Seele des Protagonisten, welcher sich aber letztendlich auf die Frage beschränkt, ob dieser der ‘göttlichen’ Bestimmung, Stammvater einer neue ‘Rasse’ von Menschen sein, nachkommen soll, ist wenig tiefgehend. Die um ihn herum errichtete Dramaturgie der Verweigerung wirkt an einigen Stellen heute geradezu lächerlich. Und, um es zudem einmal platt zu sagen, nach beinahe 2 Jahrzehnten zöllibatären Daseins erwartet man zudem bei dem Fund einer 20-jährigen orientalischen Dame etwas anderes – selbst wenn der Protagonist ein romantischer Engländer oder  vagabundierender Halbirrer ist.

Fazit

In seinem Nachwort weist David Hartwell darauf hin, dass die anderen Werke Shiels aufgrund ihrer mangelnden Qualität eher zur Literaturgeschiche als zur Literatur gehören würden. Ich würde meinen, dass dieses für Die purpurne Wolke schon ebenfalls giltFür den an der Geschichte des Genres interessierten Leser mag sie mit Genuss noch lesbar sein – der ‘durchschnittliche’ Leser wird an dem Werk aber vermutlich wenig Freude haben. Angesichts der mit Abstrichen qualitativ doch gelungenen Sprache sowie der immerhin noch streckenweise den Leser interessierenden, wenn auch nicht fesselnden Handlung: Höchstens literarisches Mittelfeld.