George Orwell: 1984

MEINE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG MIT EINEM KLASSIKER

Ich kann mich noch genau an diesen späten Nachmittag erinnern. Ich war 17 und nahm ein Buch, dessen Titel mir so gar nichts sagte, aus dem Bücherregal meiner Eltern: 1984 von George Orwell. Ich wusste zwar, dass Orwell ein berühmter Autor war und dass er Die Farm der Tiere geschrieben hatte, aber was ich mir da für einen Klassiker vorgenommen hatte, ahnte ich nicht.

12 Stunden später, als ich völlig übernächtigt mit dem Bus in die Schule fuhr, wusste ich es: Das war das beeindruckendste Buch, das ich bis dato gelesen hatte. Ich hatte es nicht aus den Händen legen können. Und überrscht stellte ich zudem fest, dass ich an diesem Morgen die Welt mit schläfrigen Augen anders sah. Etwas hatte sich verändert – mein Blick auf die Dinge hatte sich verändert. Und schuld war das Buch. DAS Buch.

Ein solch einschneidendes Erlebnis ist mir übrigens nur einmal noch zuteil geworden und zwar nicht bei  der Lektüre des zweiten paradigmatischen Werk des Genres, Huxleys Brave New World – zu dem ich niemals einen persönlichen Zugang gefunden habe – sondern bei Houllebecqs Ausweitung der Kampfzone. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Geschichte und Rezeption des Romans

Meine eigene Leseerfahrungen zeigen mir – gleich was Kritiker und Literaturwissenschaftler über dieses Werk behaupten wollen – der in den Jahren 1946/47 entstandene Roman ist ein Meisterwerk. Tatsächlich nahe ich mich ihm nur mit gewisser Ehrfurcht. Er hat sowohl in der motivischen Ausgestaltung, den inhaltlichen Themen, dem Charakter der dystopischen Gesellschaft, der Figuren als auch der Erzählstruktur das Paradigma geliefert, an dem sich die nachfolgenden Romane entweder orientieren oder zumindest messen lassen. Denn aufgrund der Rezeptionsgeschichte ist es nicht Semjatins 15 Jahre zuvor erschienener Roman Wir gewesen, der das Muster bereitgestellt hat, sondern Orwells Text, der vermutlich nicht durch die Lektüre des Vorgängers beeinflusst worden ist, wie man aufgrund der strukturellen Ähnlichkeiten lange vermutet hat. Und beinahe 70 Jahre nach seinem Erscheinen nehmen aktuelle Romane noch immer Bezug auf diesen Klassiker. Als Beispiel kann hier Haruki Murakamis Werk 1Q84 aus diesem Jahr genannt werden. Und beinahe kein Verlag lässt es sich nehmen, einen dystopischen Roman mit Orwells 1984 zu vergleichen,  ob dieser nun (wie P.D. James Im Land der Leeren Häuser) dem Subgenre der klassischen Dystopie zugerechnet werden kann oder (wie Doris Lessings Die Memoiren einer Überlebenden) auch nicht. Deshalb möchte ich mich in mehreren Posts damit auseinandersetzen, welche  Merkmale 1984 eigentlich zum paradigmatischen Text des Genres der klassischen Dystopie machen. Dabei werde ich nach einer kurzen Inhaltsangabe in der hier angegebenen Reihenfolge folgende Punkte betrachten: Den besonderen dystopischen Charakter der Gesellschaft, die Figuren, die Handlungsstruktur und zuletzt die wichtigsten Motive und Themen, insofern sie genretypisch geworden sind.

Der Inhalt in Kürze

Teil I: Der im Londoner Ministerium für Wahrheit arbeitende und dort die historischen Dokumente ‘überarbeitende’ Winston Smith beginnt heimlich ein Tagebuch zu führen, was in dem von totaler Kontrolle geprägten Staat nicht nur ein schweres Verbrechen darstellt, sondern auch angesichts der Videoüberwachung in seinen eigenen vier Wänden schwer zu verbergen ist. Er begegnet bei seiner Arbeit Julia, die ihn interessiert, er aber für eine Mitarbeiterin der Gedankenpolizei hält. Bei einem seiner Ausflügen in die Welt der Proles (der Unterschicht) erhält er die Möglichkeit, ein Zimmer ohne überwachenden Teleschirm zu mieten, er sieht jedoch aufgrund der Gefährlichkeit davon ab.

Teil II: Die beim Vorübergehen strauchelnde Julia steckt Winston nach einer weiteren Begegnung, aufgrund derer er sich fast sicher ist, dass sie für den Geheimdienst arbeitet, auf der Arbeit heimlich einen Zettel zu, auf dem sie ihm ihre Liebe gesteht. Um die überall präsente Überwachung zu umgehen, treffen sie sich erst außerhalb der Stadt und später in dem Wiston bekannten Zimmer im Viertel der Proles. Damit begehen sie ein Verbrechen, denn auch die Sexualität ist einer Kontrolle unterworfen. Julia stellt zudem einen Kontakt zu O’Brian her, der angeblich Mitglied einer Geheimgesellschaft ist. Dieser ermöglicht ihm die Lektüre eines von ihm mitferfassten verbotenen Buches, in dem das staatliche System einer kritischen Analyse unterworfen wird. Während Julia und Winston kurz darauf in ihrem geheimen Unterschlupf über ihre voneinander abweichenden Zukunftspläne diskutieren, werden sie von den Polizei umstellt und später verhaftet.

Teil III: Nach seiner Verhaftung leidet Wiston nicht nur unter den ständigen Verhören, sondern auch unter dem wenigen Essen und dem ewig grellen Licht, das seine kleine Zelle ausleuchtet. Nachdem unter physischer Folter von ihm Geständnisse erpresst worden sind, wird er einer Gehirnwäsche unterzogen, an dessen Ende seine gelungene Umerziehung im Sinne des Systems stehen soll. Winston akzeptiert diese Hilfe dankbar – doch obwohl er sich in den Techniken übt, die ihm helfen sollen, im Sinne des Systems zu denken, kann er emotional nicht von Julia lassen. Als O’Brian dies erfährt, wird Winston in den berüchtigten Raum 101 gebracht. Dort wird er einer speziell für seine Person ausgearbeiten Folter unterworfen, die ihn dazu bringt, Julia zu verraten. Nach der Entlassung leben die beiden von Folter gezeichneten Figuren ohne Kontakt zueinander, obwohl sie sich noch einmal begegnen. Der Sieg das Staates ist vollkommen: Nicht nur, dass die beiden nichts mehr für einander empfinden, Winston reagiert auf die Propaganda des Systems im erwünschten Sinne und ist in einem visionären Tagtraum, der den Roman schließt, sogar glücklich, mit schneeweißer Seele exekutiert zu werden.

Dirk C. Fleck: Das Tahiti Projekt

Die Mausefalle schnappt nicht zu

Der Roman Das Tahiti Projekt von Dirk C. Fleck, welcher 2009 mit dem deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, gehört eigentlich nicht in die Gruppe der Romane, die ich hier üblicherweis rezensiere. Denn im Zentrum der Darstellung steht eine geradezu utopische Vision eines nach der Theorie des Equilibrismus umgestalteten Tahitis. Der Vorgängerroman, Go! – Die Ökodiktatur, der 1994 ebenfalls mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde, würde da viel besser hinein passen. Und dennoch trägt die von Fleck – wenn auch nur als Schattenriss –  entworfene und dem musterhaften Beispiel Tahitis gegenüber gestellte Welt dystopische Züge:

Im Jahre 2022 haben die Großkonzerne ihre Macht gegenüber der Politik beträchtlich ausbauen können. Sie lenken zudem die weitgehend monopolisierten Medien entweder direkt aus den Firmenzentralen oder indirekt durch ihren Werbeetat. Die Wirtschaft der Welt befindet sich im Niedergang. Den schwindenden Ressourcen der Welt steht der gewachsene Hunger der großen Volkswirtschaften gegenüber, denen die Rezession droht, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, sich Zugang zu neuen Lagerstätten von Rohstoffen und Energieträgern zu verschaffen. Während diese Vorausagen des Autors  durchaus wahrscheinlich erscheinen, wirken andere eher befremdlich: In Deutschland gehört die Vision des  sozialen Friedens der Vergangenheit an. Arbeitlose werden außerhalb der Städte in ghettoähnlichen Vierteln zusammengefasst und am Betreten der Stadtzentren gehindert. Polizeikontrollen an den Stadtgrenzen sollen sicherstellen, dass die Erwerbstätigen unter sich bleiben.

Dieser kurzen Beschreibung einer dystopischen Gesellschaft  steht ein umfassender Entwurf der utopischen Gesellschaft Tahitis gegenüber. Dort hat Omar, der neue Präsident der Inselentgegen aller inneren und äußeren Widerstände mit der ökologischen und politischen Umgestaltaltung des Landes begonnen.   Der deutsche Journalist Cording, der mit Omar befreundet ist, wird mit einer Reportage über die Erfolge (oder eher Misserfolge)  der Insulaner beauftragt und reist deshalb nach Tahiti und erhält so einen umfassenden Einblick in die vom Präsidenten durchgeführten Reformen. Wurde er nach Tahiti noch von Steve begleitet, einem jungen Mann, der bisher eher in der digitalen als in der realen Welt gelebt hat, so führt ihn auf  der Insel selbst die schöne Schwester des Präsidenten herum. Die Idylle ist natürlich wirkungsmächtig: Cording verliebt sich in die ihm schon von seinem letzten Aufenthalt bekannte Tahitianerin während das Paradies und seine surfenden Bewohner Steve von seinem Computerspiel trennen können.

Doch das Paradies ist bedroht: Der Wissenschaftler Thorwald Rasmussen, der gleich zu Beginn nur knapp einem Anschlag auf sein Leben entgeht, eröffnet Cording und Omar, dass amerikanische Industrielle im Schulterschluss mit Politikern der U.S.A. ohne Wissen ihrer Staatsführung planen, innerhalb der Hoheitsgewässer Tahitis Rohstoffe abzubauen. Da dieses eine ökologische Katastrophe für die Insel darstellen würde, muss sie als David den Kampf gegen Goliath aufnehmen – auf eine ihrem Wesen entsprechenden Weise.

Der Spagat, den Fleck in diesem Roman unternimmt, ist meiner Ansicht nach nicht gelungen. Der Autor, der angeblich einmal in der taz als Vater des Ökothrillers bezeichnet worden ist [Quelle: Wikipedia], versucht dem Leser eine doch recht aufdringlich präsentierte weltverbesserische Utopie im verführerischen, aber ziemlich dünnen Gewande eines Thrillers zu verkaufen. Besonders deutlich macht diese Intention des Autors auch das Glossar, welches den Leser immer wieder darauf hinweist, dass diese oder jene technische Entwicklung schon zu Verfügung stünde, dass diese oder jene politische oder wirtschaftliche Reform schon theoretisch begründet entwickelt worden wäre. Das kann man in gesellschaftlicher Hinsicht lobenswert finden, literarisch jedoch ist damit nichts gewonnen.

Hinzu kommt, dass der Roman, wie ich finde, sich der bekannten Topoi des primitiven Inselbewohners, wenn auch mit guten Absichten, zu stark und zu unreflektiert bedient. Die Figuren der Tahitianer – sei es nun die schöne Insulanerin, der surfende Jüngling oder der von allen verehrte Tätowierer – sie wirken stereotypenhaft bis zum Klischee. Deutlich wird dabei: Es geht dem Autor ‘nur’ um den Entwurf einer Utopie und nicht um die Schaffung eines literarisch anspruchsvollen Werkes.

An diesem Roman lässt sich zeigen, warum positive Utopien auf literarischem Felde immer mehr an Boden gegenüber der Dystopie verlieren: Innerhalb eines bis zur Ermüdung des Lesers entfalteteten utopischen Gemeinwesens sind kaum spannende Handlungen denkbar, ist der flache Plot nur Mittel zum Zweck – der Konflikt, der Mord an Abel ist das Ende eines jeden Paradieses. Die Bedrohung muss von außen kommen. Wenn diese aber als Mausefalle, um es einmal mit Dürrenmatt zu sagen, nur dazu dienen soll, den Leser zur Rezeption eines  der heutigen Gesellschaft kritisch gegenüber stehenden, Werkes zu verleiten, dann sollte der Käse schon etwas schmackhafter ausfallen als es in Das Tahiti Projekt von Fleck der Fall ist.

Doris Lessing: Die Memoiren einer Überlebenden

Rätselhaft: Eine feministischer Text im dystopischen Gewand

Um es gleich am Anfang zu sagen: Der 1974 erschienene dystopische Roman Die Memoiren einer Überlebenden der englischen Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing hat mich stark beeindruckt. Das 1981 unter dem gleichen Titel von David Gladwell verfilmteWerk schildert in einer Mischung aus noch realistisch wirkendem und deutlich phastastischem Erzählen den langsamen Zerfall unserer alten Gesellschaft und den Anbruch einer jungen Welt.

Wir könnten böse mit der Ich-Erzählerin sein, die uns angeblich aus ihrem Leben erzählt: Wir erfahren nicht ihren Namen, wir kennen nicht ihr Alter, wir können die Großstadt in der  sie den langsamen Zerfall der Gesellschaft aus ihrer kleinen Wohnung heraus beobachtet, nicht identifizieren noch nicht einmal das Land, in dem sie lebt. Sie verschweigt uns zudem absichtlich, welche Katastrophe die Welt eigentlich getroffen hat, warum immer mehr Menschen nomadisierend ihre Stadt verlassen, um dann plündernd in eine andere einzufallen. Sie informiert sich nicht, warum die 12-jährige Emily Cartright plötzlich in ihre Obhut gegeben wird, ja,  sie fragt sich noch nicht einmal sehr lange, wie der fremde Mann, der ihr das Mädchen übergibt, plötzlich in ihre Wohnung gekommen ist. Sie kann noch nicht einmal entscheiden, ob das beinahe menschlich wirkende Haustier Hugo, das Emiliy mitgebracht hat, ein hässlicher Hund oder eine unförmige Katze ist. Und nicht zuletzt lässt sie uns im Unklaren, was für eine parallele Welt das ist, in die sie durch die Wand ihres Wohnzimmer hinübertreten kann, um dort unter anderem Bilder aus der Kindheit Emilys zu sehen. Auf der anderen Seite jedoch beweist sie in ihrer höchst distanziert und kühl wirkenden Schilderung der von ihr beobachteten gesellschaftlichen Prozesse geradezu überdurchschnittliche analytische Fähigkeiten. Sie lässt uns an der Geburt neuer Gesellschaften teilhaben, wenn sie aus dem Fenster blickt und die gruppendynamischen Prozesse genau beschreibt, die sie auf der Straße beobachten kann, wenn sich dort die jungen Menschen unterhalten, entscheiden, und zum Aufbruch sammeln. Sie gibt uns eine genaue Vorstellung davon, mir welchen Problemen und Widerständen das Mädchen Emily, während es langsam zur Frau wird, zu kämpfen hat, welche Erlebnisse das Kind geprägt haben und wieso es sich am Ende gerade dazu entscheidet, mit dem jungen Gerald und seiner verwahrlosten und kannibalistischen Mörderbande von Kindern in die andere Welt aufzubrechen.

Man merkt: Das ist kein ganz leicht zu lesender Roman. Das ist auch ein nicht leicht zu interpretierender Text, denn die teilweise höchst surrealen Beschreibungen der Ich-Erzählerin lassen sich stellenweise als Parabeln auf das realistisch geschilderte Geschehen ihrer ‘wirklichen’ Welt lesen. Dabei stolpert der Leser zudem beständig über Textsignale, die durchaus nahelegen, dass die Ich-Erzählerin und Emily ein und dieselbe Person sind: Emily sah in mir nichts weiter als eine nüchterne, beherrschte, distanzierte ältere Frau. Ich machte ihr Angst, weil ich für sie das Unvorstellbare repräsentierte, das Alter. Aber was mich anbelangte, so war sie, ihre Situation, mir genauso nahe wie meine eigenen Erinnerungen […]

Hier wird zumindest deutlich, womit sich Doris Lessing in diesem Roman zentral auseinandersetzt: Mit den prägenden Erfahrungen, die beide Figuren in ihrem Frau-Sein gemacht haben, wobei Emily als Projektionsfigur fungiert. An ihr beobachtet die Erzählerin – teils in dieser Welt, teils in der anderen – wie das Kind zur Ordnung und Sauberkeit erzogen wird, wie Mädchen ihren eigenen Unwert erfahren und in ihrer körperliche Unterlegheit dem Mann ausgeliefert sind – auch als sexuelles Objekt. An der Beziehung zwischen Emily und Gerald beobachtet sie auch, wie Liebe Frauen ihre eigenen Ambitionen zugunsten der Ziele des Mannes opfern lässt, nicht zuletzt auch auf der Basis des sofort nach der Geburt einsetzenden Lernprozesses. Wobei Gerald auch emotional Gewalt über Emily hat, vor allem wenn sie aufgrund seiner sexuellen Eskapaden Zurückweisung erfährt.

Diesen im Roman deutlich negativ konnotierten Sozialisationsprozessen, die zum Erlernen der Rolle ‘Frau’ führen, stellt Lessing die verwahrlosten Kinderbanden gegenüber, die zuletzt auch nicht vor Kannibalismus zurückschrecken. In ihrem Verhalten erscheinen sie eher Tieren zu ähneln denn  Menschen – es ist eben doch die Sozialisation, die uns letztenendes zu solchen macht. Ein Ausweg aus dieser Aporie gelingt der Autorin am Ende des Romanes auch nur durch die Aufhebung der Grenze zwischen der ‘wirklichen’ und der Welt hinter der Wohnzimmerwand. Wenn wir auch nicht mehr erfahren, wie dieses utopische Ziel einer besseren Gesellschaft tatsächlich erreicht werden kann oder welche Züge die Struktur der Gemeinschaft tragen wird – es soll ein Hoffnungsschimmer sein. Aber irgendwie befriedigend wirkt das Ende auf den Leser nicht – eher ziemlich schwach.

Interessant ist insgesamt auch die Bedeutung der dystopischen Gesellschaft für den Roman. Die Erzählerin wäre bei ihren Beobachtungen zu typisch männlichen und weiblichen Verhaltensweisen wahrscheinlich auch zu den gleichen Ergebnissen gekommen, wenn sie einen Schulhof beobachtet hätte und die Gesellschaft nicht zerfiele. Die zunehmende Auflösung der bisherigen Ordnung dient vielmehr als Folie, auf der die Alternative einer fehlenden Sozialisation gezeigt und gleichzeitig verworfen wird. Zudem ermöglicht sie letzten Endes das Versprechen einer kommenden (vielleicht) besseren Welt.

Fazit

Der nicht ganz leicht zu lesende Roman zeichnet sich durch einen auch sprachlich gelungen gestalteten psychischen Inneraum aus, wie er für viele Texte der siebziger Jahre typisch ist. Und obwohl es sich hier eindeutig um einen  feministischen Text handelt, ist auch darüber hinaus lesenswert – zumal Lessing die geschlechterspezifischen Verhaltensmuster meiner Ansicht nach auf eine Weise untersucht, die ihn für männliche wie weibliche Leser interessant machen (Obwohl hier natürlich die männliche Perspektive fehlt). Auch die besonderen Verfremdungseffekte und der eigenartig rätselhafte Charakter der dystopischen Gesellschaft machen den Roman lesenswert. Ich vermute zudem – auch wenn mir bisher nicht genügend Texte dieses Subgenres bekannt sind – dass der Roman Die Memoiren einer Überlebenden kein typischer Vertreter der feministischen Dystopie sein dürfte.

Matthew Phipps Shiel: Die purpurne Wolke

Er gehört zu den Klassikern, der Roman Die purpurne Wolke von Matthew Phipps Shiel aus dem Jahre 1901, und gleichzeitig zu den wenigen Werke des frühen Science Fiction der Jahrhundertwende, die nicht dem Vergessen anheim gefallen sind. Er setzt das aus der Romantik entspringende postapokalyptische Genre des Letzten Menschen, zu dem auch Mary Shelleys Werk Verney aus dem Jahre 1826 gehört, fort und ist mit diesem zum Prototyp einer ganzen Reihe von erfolgreichen Nachfolgern geworden, auch indem er indirekt Autoren dazu inspirierte, sich literarisch mit dem dystopischen Genre einer sterbenden Welt auseinanderzusetzen. Hier sei als Beispiel nur eines, Stephen Kings Das letzte Gefecht (The Stand) aus dem Jahre 1978, genannt. 1958 wurde der Roman mit Harry Belafonte in der Hauptrolle unter dem Titel Die Welt, das Fleisch und der Teufel (wohl stark verändert) verfilmt. Eine englische Onlineversion des erst 1982 in deutscher Sprache erschienen Romanes ist übrigens kostenlos verfügbar.

Der Inhalt in Kürze

Dem jungen Arzt Adam Jefferson verschafft der Mord seiner ruhmsüchtigen und egoistischen Verlobten Clodagh an einem Forscher die unerhoffte Möglichkeit, an einer geplanten Polarexpedition teilzunehmen. Demjenigen, der als erster den Pol erreicht, winkt eine dreistellige Millionensumme. Jefferson  gelingt dieses  durch einen ‘Trick’ tatsächlich, er macht sich nacht alleine auf und schafft es bis zum Nordpol, dort entdeckt  er ein geradezu fremdartig und mystisch wirkendes Artefakt. Auf dem Rückweg macht er jedoch einen rätselhaften purpurnen Nebel (Zyangas) aus, von dem er später feststellen muss, dass er offensichtlich die gesamte Menschheit getötet hat. Weder in Skandinavien noch in England kann er Überlebende entdecken – und so macht sich der an seiner Einsamkeit leidende und langsam dem Wahnsinn anheimzufallen scheinende Protagonist auf, die anderen Kontinente des leblosen Planeten zu erkunden. Die vorbeiziehenden Jahre verbringt er einerseits damit, sich einen geradezu unwirklichen Palast zu errichten, andererseits mit dem Niederbrennen der menschenleeren Städte, was ihn zwar nicht von seiner Einsamkeit heilt, ihn aber von seinen Schuldgefühle angesichts der möglicherweise von ihm ausgelösten Vernichtung der Menschheit ablenkt. Dennoch beschließt der englische Adam  nach dem unvermeidlichen Fund seiner Eva , der Berufung zum Stammvater einer neuen Menschheit nicht folge zu leisten,  denn eine scheint ihm schon schlimm genug – eine Entscheidung, die  seine junge Eva aber  so nicht akzeptieren will.

Dem ganzen geht  – wie auch den Romanen The Last Miracle (1906) und The Lord of the Sea (1901) – ein an den Autor gerichtetes einleitendes Schreiben eines fiktiven Arztes voraus. Dieses weist den folgenden Roman als visionäre, aber – aufgrund angeblicher Beweise für die besonderen Fähigkeiten der hypnotisierten Patientin – auch glaubhafte Beschreibung zukünftiger Ereignisse aus. Somit ist The Purple Cloud, wie Dawid Hartwell feststellt, Teil einer Trilogie, die das Ende der uns bekannten Menscheit und den Anfang einer neuen ‘Rasse’ bechreibt.

Beurteilung

Ich muss es gleich zu Beginn gestehen: Mir ist es nicht gelungen, den Roman am Stück zu lesen. Grund hierfür dürften nicht nur der ausschweifende Erzählstil des Autors, sondern auch das Fehlen einer das Werk verklammernden Spannungskurve sein. Ersteres erklärt sich – wie ich dem Nachwort David Hartwell entnehmen konnte – auch aus der Tatsache, dass die englischen Journalisten der Jahrhundertwende nach der Anzahl der Wörter bezahlt und so zu einem wenig straffen Stil ‘erzogen’ wurden. Der Grund dafür, dass zwar Interesse am Fortgang der Handlung aufkommen mag, aber leider keine wirkliche Spannung entsteht, lässt sich auch hierin sehen: Es sind die zahlreichen, teilweise übrigens beeindruckend düster wirkenden, Beschreibungen der mit Leichen übersähten Städte und Dörfer, die das Werk unverhältnismäßig in die Länge ziehen. Hinzu kommt, dass sie von Anfang an den Charakter der Wiederholung tragen – die Beschreibung von drei oder vier Geisterstädten hätte gereicht, Shiel belässt es dabei aber leider nicht. Es sollte hier aber nicht der Eindruck aufkommen, das Buch sei schlecht geschrieben, sprachlich hat es mir – von seiner teilweise barocken Fülle einmal abgesehen – ganz gut gefallen.

Teilweise erscheint mir aber der zentrale Konflikt in der Psyche des Helden, wie auch einige seiner Taten,  nicht sehr sinnvoll motiviert zu sein. Möglicherweise liegt dieses aber  an dem zeitlichen Abstand, der zwischen dem heutigen Leser und dem Entstehungszeitpunkt des Werkes liegt. So ist es mir beispielsweise wenig einsichtig, dass Adam seine Eva derart schlecht zu Beginn behandelt. Der zwischen Gut und Böse ausgetragene Konflikt in der Seele des Protagonisten, welcher sich aber letztendlich auf die Frage beschränkt, ob dieser der ‘göttlichen’ Bestimmung, Stammvater einer neue ‘Rasse’ von Menschen sein, nachkommen soll, ist wenig tiefgehend. Die um ihn herum errichtete Dramaturgie der Verweigerung wirkt an einigen Stellen heute geradezu lächerlich. Und, um es zudem einmal platt zu sagen, nach beinahe 2 Jahrzehnten zöllibatären Daseins erwartet man zudem bei dem Fund einer 20-jährigen orientalischen Dame etwas anderes – selbst wenn der Protagonist ein romantischer Engländer oder  vagabundierender Halbirrer ist.

Fazit

In seinem Nachwort weist David Hartwell darauf hin, dass die anderen Werke Shiels aufgrund ihrer mangelnden Qualität eher zur Literaturgeschiche als zur Literatur gehören würden. Ich würde meinen, dass dieses für Die purpurne Wolke schon ebenfalls giltFür den an der Geschichte des Genres interessierten Leser mag sie mit Genuss noch lesbar sein – der ‘durchschnittliche’ Leser wird an dem Werk aber vermutlich wenig Freude haben. Angesichts der mit Abstrichen qualitativ doch gelungenen Sprache sowie der immerhin noch streckenweise den Leser interessierenden, wenn auch nicht fesselnden Handlung: Höchstens literarisches Mittelfeld.

P. D. James: Im Land der leeren Häuser

Und wie würdet ihr handeln?

Auf den Roman Im Land der leeren Häuser war ich wirklich gespannt – nicht weil ich die berühmte Krimiautorin P.D. James gekannt hätte (Schande über mein Haupt), sondern weil mir die Verfilmung Children of Men von Alfonso Cuarón so gefallen hatte.

Der 1992 erschienene und im Jahre 2021 spielende Roman besteht aus zwei Teilen: Omega und Alpha. Im ersten schildert der Ich-Erzähler Theodore Faron, seines Zeichens Geschichtsprofessor in Oxford, anhand von längeren Tagebucheinträgen die Situation in England, nachdem 1995 weltweit die letzten Kinder geboren worden sind, da alle Männer aus unerklärlichen Gründen unfruchtbar sind. Eine Vision, die angesichts des zunehmenden Bevölkerungsrückganges in den westlichen Industrienationen und den heute nachweisbar immer stärker auf die Fertilität einwirkenden Umweltgiften gar nicht so gewagt erscheint.

Das gesellschaftliche System, das James hier für das aussterbende England des beginnenden 21. Jahrhunderts entwirft, entspricht durchaus dem der klassischen Dystopie. Die Herrschaft ist an den Cousin des Ich-Erzählers,  Xan Lyppiatt, gefallen , der als Warden of England mithilfe eines Rates in diktatorischer Form regiert. Eine mit Folter und Wahrheitsdrogen arbeitende Geheimpolizei (SSP) verfolgt die Gegner der sich gegen den Zusammenbruch des Landes stemmenden Despotie. Die in zweifelhaften Gerichtsverfahren abgeurteilten Kriminellen und Gegner werden auf die Isle of Man transportiert, um dort unter entsetzlichen Bedingungen weitgehend sich selbst überlassen zu werden. Die älteren Bürger werden nach feierlichen Zeremonien mehr oder minder freiwillig an abgelegenen Küstenorten auf dem offenen Meer ‘entsorgt’, was recht unauffällig geschehen kann, da angesichts des deutlich spürbaren Bevölkerungsrückganges die ländlichen Bereiche langsam aber sicher geräumt werden – denn nur in ausgewiesenen Ballungszentren wird die Versorgung der Einwohner in Zukunft noch sichergestellt werden können.

Es ist eine durchaus glaubhaft wirkende Apokalypse im Zeitraffer, die uns James hier vorführt. Sie verzichtet dabei weitgehend auf die dramatische Effekthascherei einer um sich schlagenden tyrannischen Exekutive – denn die absolute Herrschaft Xans wird angesichts der bedrohlichen Situation von der Bevölkerung wie auch vom vereinsamten Ich-Erzähler weitgehend akzeptiert, die Deportation der Kriminellen sogar befürwortet. Nur eine kleine Gruppe von Dissidenten hält die Zustände für untragbar und wendet sich deshalb an den Protagonisten, um über ihn Zugang zu Xan zu erhalten. Nachdem sein Versuch, den Warden of England davon zu überzeugen, dass die Missstände behoben werden müssen, scheitert, wird ihm zwar bewusst, dass einiges im Argen liegt, aber zu den gewaltsamen Aktionen der Gruppe kann er sich nicht durchringen. Der eher ruhige und immer noch an der Schuld für den Tod seiner jungen Tochter leidende Theodore hält Widerstand gegen das System für zwecklos. Nach einem warnenden Besuch der SSP in seinem wohligen Zuhause läuft er der doch irgendwie wahrgenommenen Verantwortung durch eine mehrmonatige Europareise davon.

Der Roman gewinnt vor allem stark durch  Beschreibung der Vorkommnisse aus der nachvollziehbaren Perspektive Theodores – auch im weitgehend personal erzählten zweiten Teil. Seine inneren Konflikte, Gedanken und  (fehlenden) Entscheidungen sind – auch wenn diese manchmal nur zwischen den von ihm verfassten Zeilen spürbar sind – durchweg gelungen und wirken glaubhaft. Zumal Theodore alles andere als eine aktive, geschweige denn heldenhafte Figur ist. Den ganzen Roman über scheint er durch die Ereignisse um ihn herum fremdgesteuert zu werden., sein Einsatz für die Ziele der Dissidentengruppe ist immer halbherzig, sein Leben grundsätzlich angepasst, seine Position stehts ein Kompromiss. Auch als  im zweiten Teil des Romanes das Unglaubliche geschieht – ein weibliches Mitglied der ‘Rebellen’, das es dem rationalen Theodore besonders angetan hat,  wird schwanger – versucht er einen Mittelweg zu finden: Einerseits sieht er sich aufgrund seiner Gefühle gezwungen, der Gruppe, die das Kind als Mittel zum Sturze der Regierung verwenden will, zu helfen, andererseits würde er lieber den Behörden das für die ganze Welt bedeutsame Ereignis melden und nicht in die Illegalität abtauchen. Erst die Flucht durch die weigehend verlassenen Landstriche Englands entwickelt sich zu seiner wirklichen quest, auf der er zum ersten Mal Verantwortung für andere zu übernehmen beginnt bzw. übernehmen muss.

Fazit

James ist es in diesem Roman  gelungen, den inneren Konflikt zwischen gesellschaftlicher und menschlicher Verantwortung auf der einen Seite sowie anpassungsbereiter Rationalität und bürgerlichem Stillehalten auf der anderen in ihrer Hauptfigur glaubhaft zu gestalten. Dabei verzichtet sie insgesamt auf die deutlichen Überzeichnungen, die Samjatins Wir kennzeichnen, sowie auf die deutliche Präsentation von Herrschaft, wie sie für Orwells 1984 charakteristisch ist. Tatsächlich kann sich der Leser in der Hauptfigur, ihrem Wunsch nach Ruhe und bürgerlichem Dasein nicht nur wiederfinden, sondern er sieht sich mit dem durchaus sympathischen Helden zusammen im gar nicht so unrealistisch wirkenden Gedankenexperiment Im Land der stillen Häuser vor die Frage gestellt, ob er diese Existenz zugunsten der eigenen moralischen Überzeugung aufzugeben bereit wäre. Das ist eine große Leistung, die filmisch kaum umgesetzt werden kann. So verwundert es auch nicht, dass von der eigentlichen Handlung des Romanes, der Zeichnung der Figuren und dem geradezu  ‘ruhigen’ Wesen der Diktatur Xans im Film Children of Men kaum etwas erhalten geblieben ist. Das braucht man hier aber keineswegs zu bedauern – denn beide sind auf ihre jeweils eigene Weise gelungen.

Frank Herbert: Die weiße Pest

Preisverdächtig? Ein Lesebericht.

Unter den 1983 für den besten Science-Fiction-Roman nominierten Texten des Locus-Awards befand sich auch Die weiße Pest (The white Plague) von Frank Herbert. Der eher für sein Werk Dune – Der Wüstenplanet bekannte (oder besser: berühmte) Autor verlor letztendlich aber in der Leserabstimmung des Magazins gegen Isaac Asimovs Buch Foundation’s Edge. Das konnte ich dem entsprechenden Wikipedia-Artikel vor Beginn der Lektüre des Buches entnehmen. Aber was sagte mir das über die Qualität des Buches? Ich nahm es als ein gutes Omen, denn eine Nominierung deutet üblicherweise schon auf eine gewisse Güte hin. Außerdem kann es keine Schande sein, gegen einen Autoren dieses Formates in einem Wettbewerb zu verlierenalso schlug ich voller Erwartung das Buch auf.

Phase 1: Kurze Spannung

Herbert geht in den ersten drei Kapiteln gleich blutig in die Vollen. Ein detailliert beschriebenes Bombenattentat der IRA ‘zerlegt’, so muss man wohl sagen, die Familie des amerikanischen Molekularbiologen John R. O’Neill. Als diesem im Krankenhaus bewusst wird, dass sein Leben von Terroristen zerstört worden ist, schwört er feierlich tödliche Rache. Die Verantwortlichen werden bezahlen müssen. In Kapitel 3 ist es auch beinahe schon so weit. Drohbriefe gehen bei verschiedenen Regierungen ein. In ihnen kündigt der sich selbst als „Der Verrückte“ bezeichnende Verfasser seine Vergeltung an: Ein durch gentechnische Methoden geschaffenes Virus wird in Irland, England und Lybien, den für die Ermordung seiner Familie vor einem Jahr verantwortlichen Staaten, freigelassen werden – und sollten die anderen Länder deren Staatsangehörige zu schützen versuchen, so werde sich seine Wut auch gegen deren Bevölkerung richten. Tatsächlich beginnt die Seuche nun gezielt alle Frauen des ganzen Planeten zu töten, weil Mikroben vielleicht Geschlechter, aber keine Grenzen kennen. Und so bahnt sich in schnelles Ende aller weiblichen und ein langsames, sehr einsames Dahinsiechen aller männlichen menschlichen Wesen an.

Phase 2: Anhaltende Irritation

Vom schnellen Auftakt über die ersten 50 Seiten kann sich der Leser dann erst einmal langsam wieder erholen, denn hier konzentriert sich der Autor auf die sich anbahnende Liebesgeschichte eines angehenden Mediziners mit einer jungen Krankenschwester. Trotzdem verstört die Beschreibung des turtelnden Pärchens auf überraschende Weise den Leser. Dafür verantwortlich sind vor allem Dialoge und innere Monologe wie dieser:

„Hast du denn keinen Hunger?“ „Also wenn du schon so fragst, ein Sandwich wäre ganz köstlich.“ Und billiger, dachte er. Bei Kate setzte offenbar der gesunde Menschenverstand nie aus. Das war ein Zug an ihr, den er bewunderte. Zweifellos würde sie eine gute Hausfrau sein.

Ich habe an dieser Stelle noch einmal nachgeguckt: Wann ist das Buch doch gleich geschrieben worden – 1960? Nein, tatsächlich 1983. Allerdings soll es ja in Irland spielen – vielleicht wollte der alternde Autor ja das konservative katholisch geprägte Milieu besonders hervorheben. Das würde auch Abschnitte wie diesen erklären:

Er hielt ihr ein Präservativ unter die Nase, das einer seiner Studienkollegen in England erworben hatte. Kates Gesicht wurde puterrot, sie riß ihm das Ding aus der Hand und schleuderte es quer durchs Zimmer. „Stephen, was wir machen ist schon sündhaft genug, aber eine solche Schweinerei will ich nicht auf meiner Seele haben.“

Angesichts der drohenden Auslöschung ihrer weiblichen Bevölkerung setzen die Staaten dieser Erde auf eine Mehrfachstrategie. Zum einen beginnen sie vergeblich nach O’Neill, der unter falschem Namen untergetaucht ist, zu suchen. Diesem ist es allerdings gelungen, nach Irland einzureisen, um sein Rachewerk mit eigenen Augen zu begutachten. Zum anderen riegeln sich die noch verschonten Gebiete hermetisch von den befallenen ab. Mit dem Einsatz von Atombomben wird Istanbul ‘gesäubert’, Rom zerstört, ein strahlender Gürtel aus Kobalt soll die afrikanische Bevölkerung auf ihrem Kontinent halten, nachdem Israel nach Brazilien verlegt worden ist. Für wen das jetzt übertrieben und an den Haaren herbeigezogen klingt, der lasse sich gesagt sein: Das ging mir genauso. Das ganze Szenario, das Verhalten der Regierungen, die sich gegenseitig die totale Vernichtung androhen, sollte der Virus die jeweilige Bevölkerung befallen, erscheint mir – man verzeihe den Ausdruck – hirnrissig.

Eine ebensolche Bezeichnung haben auch die internationalen Dialoge der an der Erforschung des Virus beteiligten Wissenschaftler bei ihrem ersten Planungsgespräch verdient. So gibt die von Herbert in ihrer überdurchschnittlichen Körpergröße genau beschriebene amerikanische Wissenschaftlerin gegenüber ihrem leicht schüchternen russischen Kollegen von sich: „Es ist mir durchaus bewusst, dass ich das größte Exemplar von einer Baby Doll im ganzen Universum bin.“ Und Herbert führt weiter aus: […] Danach beglückte sie ihn mit einer detaillierten Beschreibung dessen, was sie mit seinen höchstpersönlichen Attributen zu tun beabsichtige, falls er es sich noch einmal erlauben würde, sie auf derart ungezogene Weise anzustarren.

Man kann sich als Leser irgendwie des Eindruckes nicht erwehren, dass der 60-jährige Herbert an der realistischen  Darstellung von zeitgenössischen Frauen scheitert – und das ist um so überraschender, als die meisten Frauen ja schon von ihm literarisch ‘entsorgt’ worden sind. Außerdem scheint Herberts Frauenbild sonderbare Züge zu tragen. Nicht nur, dass Kate schnell ihre prüde Ablehnung gegenüber ihrem fürsorglich mit Kautschuk aufwartenden Arzt fallen lässt, als sie mit diesem aus Schutz vor dem Virus in einem luftdichten Tank eingesperrt wird (was menschlich verständlich ist), nach dem Sieg über die Seuche ‘jubeln’ die Frauen innerlich über die die sich ihnen nun bietenden Möglichkeiten (was mithin vorstellbar ist – erkläre einer die Frauen!). Aber wenn alle dargestellten Überlebenden ihren Ehemännern telefonisch mitteilen, sie seien von ihrem neuen Zweit- oder Drittehemann schwanger oder – wie Kate – angesichts hakennasiger französischer Admiräle so weiche Knie bekommen, dass sie sich lüstern und selig zugleich bereit erklären, Geburtsmaschinen für uniformierte Alphamännchen zu spielen, dann muss man vermuten, dass Herbert irgendwo in den langen Fünfzigern den Anschluss verpasst hat.

Phase 3: Bleibende Langeweile

Eigentlich ist das ganz nett gedacht: O’Neill reist durch das in Chaos versinkende Irland und dem Leser eröffnen sich damit Einblicke in die apokalyptische Szenerie. Damit es nicht zu langweilig wird, vermutet die IRA, dass es sich bei O’Neill um O’Neill handelt und gibt diesem mehrere seltsame, sich ständig streitende Begleiter mit, die herausfinden sollen, ob O’Neill tasächlich O’Neill ist. Damit es noch spannender wird, ist einer der Begleiter O’Neills der Mörder der o’neillschen family. So weit – so gut. Allerdings diskutieren die beiden Begleiter ununterbrochen in ausgesprochen oberflächlicher Weise über Gott, die Kirche und das alte Irland – wobei Herbert hier aus den Mündern seiner Figuren eine geradezu ‘völkisch’ wirkende Vorstellung Irlands preisgibt (Zudem halten sich die spannenden Erlebnisse O’Neills – und damit auch des Lesers  – in Grenzen). Das mag man noch hundert Seiten ertragen, wenn man ein sehr geduldiger Mensch ist, vielleicht auch noch zweihundert, weil gerade Sonntag ist – aber diese Karikatur von der quest eines sein verdrängtes O’Neill-Ich suchenden Protagonisten über 400 Seiten lesen zu müssen, ist eine beinahe unmöglich zu ertragende Tortur. Ich bin zumindest mehrere Abende lang nach höchstens 10 Seiten eingeschlafen.

Mein lang anhaltendes Leiden veranlasste mich auch dazu, mal genauer nachzusehen, auf welchem Platz dieser für einen Preis vorgeschlagene Text eigentlich gelandet war. Er belegte bei 25 nominierten Romanen Rang 19, und ich versprach mir selbst in Zukunft bei meiner der Lektüre der Werke vorangehenden Recherche etwas sorgfältiger zu sein.

Und der erste Preis für das schlechteste Cover geht an…

…den Heyne Verlag. Den unwissenden  Käufer mag es noch täuschen, aber kommt der Roman nach seinem Aufprall gegen die Wand zufällig mit dem Cover nach oben zum Liegen und fällt der wütende Blick des Leser darauf, so wird diesem sofort bewusst: Das haarige einäugige Etwas auf drei Beinen im dunstigen Wolkenmeer, das einen Totempfahl (?) bewacht (?), einem Flugzeugabsturz (?) den Rücken (?) kehrt, hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dem eben angedeuteten Inhalt des Romans zu tun.

Meine Vermutung, wie es dazu kam, ist folgende: Für diesen drittklassigen Roman wurde noch verwendet, was gerade auf Halde lag. Vielleicht kennt ja jemand ein Werk, in dem dieses Wesen tatsächlich eine Rolle spielt? Für die ersten Hinweise, die zur Klärung dieses Sachverhaltes führen, wird mein Exemplar von Die Weiße Pest zur Belohnung ausgesetzt. Bitte meldet euch!

Elena Zeißler: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

In ihrer 2007 verfassten Dissertation Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert untersucht Elena Zeißler die Veränderungen, die das Genre der Dystopie seit der Auflösung der kommunistischen Welt erfahren hat.

Die 11 Kapitel des Buches zerfallen in zwei Teile: Im ersten Teil unternimmt die Autorin den Versuch einer an der Geschichte und an den für das Genre als paradigmatisch aufgefassten Texten 1984 und Brave New World orientierten Begriffsdefinition und gibt einen Überblick über die Entwicklung der Dystopie bis 1990. Im zweiten Teil wendet sie sich dann exemplarischen Vertretern postmoderner, wissenschaftlich-technischer, postkolonialer, feministischer bzw. ökofeministischer und russischsprachiger Dystopien zu, um diese hinsichtlich der für das Genre relevanten Merkmale im Vergleich mit den klassischen Dystopien zu untersuchen. In einer Zusammenfassung stellt sie dann über ein dutzend Merkmale fest, in denen die nach 1990 verfassten Dystopien von den klassischen abweichen.

Deutlich wird dabei, dass Zeißler den Begriff der Dystopie sehr eng – vielleicht zu eng – fasst. In der Konzentration auf die als Prototypen aufgefassten Texte ergeben sich als typische Merkmale des Genres zwangsläufig der zentrale Konflikt zwischen Protagonisten und Gesellschaft, in welchem die individualistisch-bürgerlichen Werte den kollektivistischen und totalitären Ansprüchen eines mächtigen durch Vernunft legitimierten, die Privatsphäre negierenden Systems gegenüberstehen und diesem üblicherweise zum Opfer fallen. Zeißler umgeht es auf diese Weise, die Dystopie selbst zu definieren, vielmehr konkretisiert sie den Typus der klassischen Dystopie. Werke wie Jeffries Roman Der Wald kehrt zurück (After London) von 1895, Wells Zeitmaschine (Time Maschine) von 1895 oder Döblins Berge, Meere und Giganten 1924 lassen sich aber eben nicht in diese Kategorie – alleine schon aufgrund des von der Autorin für den klassischen Typus ausgemachten dreiteiligen Aufbaus – einordnen, zumal sie auf eine griffige Definition des klassischen Typus verzichtet.

So lässt der später mit zahlreichen als beispielhaft aufgefassten Texten aus den Jahren nach 1990 durchgeführte Vergleich auch nur den Schluss zu, inwiefern diese  irgendwie noch vergleichbaren Romane vom vorher alleine konkretisierten Typus des Genres, dem sogenannten klassischen, unterscheiden, aber nicht, inwieweit sich das Genre insgesamt weiterentwickelt. Der Titel und die Untersuchung selbst suggerieren hier zumindest die zeitweilige Identität der sogenannten klassischen Dystopie mit dem ganzen Genre – was meiner Ansicht nach aber nicht der Fall ist. Man kann durchaus zugestehen, dass die dem sogenannten klassischen Typus zugrunde liegenden Texte paradigmatischen Charakter  – für die nachfolgenden Vertreter dieses Subgenres – haben, eingestehen muss man dann aber auch, dass für die spezifische Auswahl der Vergleichstexte aus den 1990er Jahren einzig die subjektive Ähnlichkeit mit dem klassischen Typus ausschlaggebend ist – und nicht die alleinige Zuordnung zum Genre ‘Dystopie’. Folglich bleibt es meiner Ansicht nach fraglich, inwieweit die Untersuchung von Zeißler Rückschlüsse für das gesamte Genre der Dystopie zulässt – selbst wenn man die methodische Frage, wie weit sich eigentlich die als vergleichbar aufgefassten dystopischen Texte von dem engen Typus der klassischen Dystopie unterscheiden dürfen, bevor sie hierzu nicht mehr geeignet sind, außer acht lässt. Wie weit darf die konstatierte Öffnung der in den klassischen Dystopien üblicherweise geschlossenen Gesellschaften eigentlich gehen? Und inwieweit ließen sich failed societies überhaupt noch als Dystopie beschreiben? Dürfte man Cormac McCarthys Die Straße (The Road) tatsächlich noch zum Vergleich heranziehen? Und wenn nicht, was sagt dieses über die Aussagekräftigkeit der Ergebnisse für das hier ausgemachte Genre ‘Dystopie’ aus?

Trotz aller Kritik ist aber festzustellen, dass Zeißlers fundiert wirkende Arbeit spannend und gut zu lesen ist – der Überblick über die Geschichte der Dystopie sowie die Darstellung der durch die Orwell und Huxley vertretenen Richtungen der Manipulation der Bevölkerung durch das System sind hochinteressant. Auch die beschriebenen Charakteristika der untersuchten Untergattungen sind der Lektüre wert. Zudem führt Zeißler eine ganze Reihe von (mir bisher nicht bekannten) Romanen auf, die äußerst lesenswert erscheinen – hierzu zählen für mich vor allem die zahlreichen russischsprachigen Dystopien.

Bastian Wierzioch: Doch Dunkel

Und immer wenn man mal wieder denkt, es gäbe nichts Neues in der Literatur mehr zu entdecken und alle Formen des Schreibens wären bekannt, dann kommt von irgendwo ein kleines Buch daher, das einen darüber belehrt, dass dem nicht so ist und man sich  tunlichst weiterhin auch jenseits der großen Verlagshäuser neugierig umsehen sollte.  In diesem speziellen Fall traf die Belehrung in Form des 2010 erschienen und nur 142 Seiten umfassenden Romans Doch Dunkel von Bastian Wierzioch aus dem Plöttner Verlag von Leipzig aus ein, der freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zu Verfügung stellte.

Zwei fiktive Welten

Die Handlung ist – was sollte einen das auch bei einem so kurzen Werk wundern – schnell erzählt: Im Jahre 2030 lebt der arbeitslose Bauingineur Felix Steiner in einer Stadt, die von zwei geheimnisvollen Rätseln in Angst und Schrecken versetzt wird. Zum einen treibt ein seine Opfer grausam zerstückelnder Massenmörder sein Unwesen und zum anderen verschwinden immer wieder spurlos Menschen. Und auch der Protagonist verschwindet – und erwacht in einer Parallelwelt des Jahres 2030, in welcher die nationalsozialistische Herrschaft nicht durch einen Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beendet worden ist. In dieser alternativen Realität angekommen versucht sich Steiner nach einem schmerzhaften Verhör durch die Staatsorgane trotz einer für ihn grauenvoll faschistischen Familie und stupider Bürokratenarbeit im Importamt irgendwie einzurichten. Aber es gelingt ihm nicht. Mit einer Gruppe Leidensgenossen ersinnt er deshalb eine Möglichkeit, wie es gelingen könnte, der totalitären Welt des kriegsgebeutelten Deutschen Reiches zu entkommen.

So ganz erschließt es sich dem Leser allerdings nicht, warum Wierzioch hier zwei Welten entwirft. Dient die Verlagerung der Handlung in die Zukunft oder in eine Parallelwelt üblicherweise dazu, den Raum für den dystopischen Gesellschaftsentwurf zu schaffen, so werden hier beide Verfahren gleichzeitig angewandt und zwei Welten entworfen. Dabei unterscheidet sich die phantastische Welt, aus der der Protagonist stammt, gar nicht so stark von der unsrigen – die Extrapolation beschränkt sich auf die stärkere Marktbeherrschung durch einzelne Großkonzerne sowie einzelne technische Entwicklungen wie z.B. Hochgeschwindigkeitsschwebebahnen oder private Gleiter. Immerhin bedient sich der Autor damit gleich zweier Verfahren utopischer Werke aus unterschiedlichen Phasen des Genres. Verlegte die klassische Utopie ihre Gesellschaften noch in der Zeit, wie Elena Zeißler festhält, so transferiert der Autor der postmodernen Dystopie aufgrund der Zweifelhaftigkeit kausaler Abläufe seinen Entwurf wieder innerhalb des Raumes, wozu letztendlich auch Parallelweltromane wie Doch Dunkel von Wierzioch gehören. Haben wir es bei diesem also mit einem bewusst als postmodernes Experiment gehaltenen dystopischen Roman zu tun?

Doch Dunkel als postmoderne experimentelle Dystopie?

Man wagt es heute kaum noch, die Begriffe Postmoderne oder postmodernistisch in den Mund zu nehmen – aber anders ließe sich das, was der Leipziger Jounalist und MDR-Moderator Wierzioch als Erstlingswerk da abgeliefert hat, schwerlich beschreiben. Und angesichts der Tatsache, dass man tatsächlich einige Seiten braucht, bis man sich an die Erzählweise gewöhnt hat, war es wohl sinnvoll, für interessierte Leser eine Anleitung voranzustellen, welche diese darauf hinweist, dass in der linken Spalte die sprachlichen Äußerungen der Figuren ständen und in der rechten die Gedanken Steiners. Das Ergebnis ist ein radikal personal erzählter Text im Form eines Gedankenstromes, wie man ihn spätestes seit Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler kennt, welcher hier aber auf zwei Spalten aufgebrochen wird. Und wer Leutnant Gustl schon einmal gelesen hat, wird wissen: Das liest sich nicht so leicht, denn die dem Leser Orientierungshilfen bietenden Kommentare des Erzählers fehlen und beständig muss der Rezipient darauf achten, welche Figurenrede eigentlich da gerade im Kopfe der Erzählinstanz widerhallt. Dazu kommen die Sprunghaftigkeit der Gedanken und die tendenzielle Gleichzeitigkeit des Geschehens, welche in der typischen Linearität von Texten gar nicht abgebildet werden kann – wenn man diese nicht aufbricht, so wie Wierzioch es getan hat. In einer Besinnung auf das Material des Zeichens selbst werden typografisch die Äußerungen Steiners in Kursivschrift von denen der anderen Figuren unterschieden, wobei medial vermittelte Figurenrede wie Telefongespräche oder Inhalte von Zeitungsartikeln noch einmal durch Majuskelschrift in den Gedanken des Protagonisten besonders vom Rest abgehoben werden. Das gelingt insgesamt – wie ich finde – ganz gut, zumal der Leser nichtvollständig  im vorwärtsreißenden stream of consciousness unterzugehen droht. Als Nebeneffekt betont diese Erzählweise die nicht seltene Situationskomik, wenn der nicht sehr clever wirkende Protagonist mal wieder mit seiner Umwelt überfordert erscheint:

Danke, Magda!
Und Roduulf wartet in seinem Zimmer!
Wah! Wer? Was? Wer?
Hm,hm,hm!
Was ist denn, mein Gatte?
Ja, das Koma…
Scheiße!
…fühle mich so schwach
Scheiße!
…der Schwindel…
Arschloch Scheiße!
Dann geh später zu Deinem Sohn
Sohn! Nein! Wah! Nicht Sohn!

Dabei wird die Sprache – wie übrigens für viele Bereiche der deutschen Literatur der Gegenwart konstatiert wird, – endgültig der Mündlichkeit angenähert. In Kombination mit dem das äußere Geschehen konsequent gestaltenden Bewusstseinsstrom führt dieses dazu, dass sie manchmal beinahe als Comicsprache, auch in Verwendung lautmalerischer Mittel erscheint – eine Tatsache, der sich der Text, wie die Betrachtung des Helden beim Konsum von seinen geliebten KITO-Comics während einer Unterhaltung deutlich macht, durchaus bewusst ist:

…noch nie leiden kon…
SCHRUUNKK Ah! Blutiger Biss! Top-Model-Vampir. Athletin. Athletik-Vampirin!

Deshalb erscheint es auch nur konsequent, wenn die attraktive Heldin aus seinen Comicheften ihm auch als lebende Ratgeberin in der Parallelwelt erscheint, womit das Zeichenspiel und die damit verbundene Anzahl fiktiver Welten übrigens in postmoderner Manier um eine weitere intertextuelle Dimension erweitert wird.

Aus der für den Leser deutlich konstatierbaren Fragmentierung der Weltwahrnehmung im Bewusstseinsstrom der Erzählinstanz resultiert insgesamt die für postmoderne Anti-Utopien typische Fragmentierung der dystopischen Welt für den Rezipienten, weil diese in ihrer Gesamtheit über den hierzu (auch intellektuell) gar nicht fähigen Protagonisten nicht mehr dargestellt werden kann. Dieser Zersplitterung von kohärentem Geschehen und linearen Abläufen entspricht auch die Fragmentierung des Textes und der Handlung in Form sehr kurzer Kapitel, denen jeweils eine den Plot kurz zusammenfassende Überschrift (Held flieht aus Untersuchungshaft) beigegeben ist.

Einer der wenigen festen Orientierungspunkte im Roman sind die den fiktiven Welten zugrunde liegenden Wertesysteme, wobei hier durch die Überzeugungen des Helden und seine Ablehnung der nationalsozialistischen Werte der Parallelwelt auch deutlich eine Wertung durch den Autor vorgenommen wird, was eigentlich der postmodernen Erzählhaltung widerspricht. Für postmoderne Dystopien ist dieses Erscheinung allerdings geradezu typisch, da in ihnen die Wirkungsabsicht des Genres selbst den Grundannahmen der Postmoderne zuwiderläuft, so dass der Roman nicht auf eine klares Urteil betreffs der herrschenden Wertevorstellungen verzichten kann. Dennoch ist die Positionierung des Autors, die  sich natürlich vor allem aus der  Wahl des nationalsozialistischen Gesellschaftssystems als Gegenstand des Romanes ergibt, in diesem Werk so deutlich, dass es eher an eine traditionelle klassische Dystopie erinnert. Postmodern erscheint hier vielmehr, dass dieses auf eine hochgradig ironisierende Weise geschieht, welche die Vertreter des NS-Systems beißenden Spott aussetzt, ohne die Schrecken selbst zu verharmlosen. Als harmloses Beispiel sei die häufige thematische Auseinandersetzung mit Sprache (hier der Lingua Tertii Imperii) als Zeichen von Herrschaft genannt – spätestens seit Orwell ein Merkmal der klassischen Dystopie.

Fazit

Ich halte den Roman für einen streckenweise sehr unterhaltsames und manchmal auch sehr witziges Buch, das in interessanter Weise die Möglichkeiten postmodernen Erzählens erfolgreich auslotet und hier tatsächlich neuen Raum für das Spiel der Zeichen gewinnt., indem er in überwiegend postmoderner Manier, aber immer noch deutlich der klassischen Dystopie verpflichtet, einen Parallelraum erschafft. Dass die Auseinandersetzung dabei manchmal nicht sehr tiefgehend – dafür aber höchst kurzweilig – ausfällt, sollte man nicht zu stark kritisieren. Da man vermutlich nicht mehr als 2 Stunden für die Lektüre des Romanes benötigen wird, empfehle ich jedem, der Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, sich auf Wierziochs Experiment Doch Dunkel einmal einzulassen.

Eric L. Harry: Gegenschlag

„Die Lebenden werden die Toten beneiden.“

(Nikita Chruschtschow am 20. Juli 1963 in einer durch die Prawda veröffentlichten Adresse an die Volksrepublik China)

Wurden die russisch-chinesischen Kämpfe am Fluss Ussuri im Jahre 1969, bei denen sowohl territoriale Aspekte als auch die Frage nach dem Führungsanspruch in der kommunistischen Welt im Hintergrund standen, noch ausschließlich konventionell geführt und blieben bis zuletzt lokal begrenzt, so entwirft Eric L. Harry in seinem 1994 erschienen WWIII-Roman Gegenschlag ein viel erschreckenderes aber  auch sehr viel verwirrenderes Szenario.

Die Handlung!

Nach einem eigentlich schon beendeten bewaffneten Konflikt mit China beschließt die politische Führung Russlands einen begrenzten nuklearen Erstschlag gegen seinen aufstrebenden Nachbarn zu führen. Auslöser ist hierfür der Angriff nordkoreanischer Truppen auf den südlichen Teil des Landes. Der moralisch integere amerikanischer Präsident Livingston, der über das Vorhaben der befreundeten russischen Nation informiert wird, will sich nicht durch Mitwisserschaft schuldig machen und teilt deshalb dem ideologischen Gegner China den bevorstehenden Angriff mit. So kommt es, dass sich nach der russischen Salve auch eine chinesische aus den Raketensilos erheben kann. In Moskau hat zu diesem Zeitpunkt jedoch ein Militärputsch kurzfristigen Erfolg – und der verantwortliche General Zilov geht von einem amerikanischen Überraschungsangriff aus. Nachdem Livingston deutlich gemacht wird, dass Russland die U.S.A. nuklear angreift, schlagen auch die U.S.A. umfassend zurück. Nach mehrstündigem konventionellen und nuklearen Schlagabtausch will Livingston, der von einem Versehen seitens der Russen ausgeht, alles tun, um einen Waffenstillstand zu erreichen. Doch der auf Rache sinnende Kongress beschließt eine Kriegserklärung, welche der Präsident aber nicht umsetzen will…

Schon bei oberflächlicher Betrachtung des Plots merkt man: Harry verlangt dem Leser einiges abEin Krieg, der eigentlich ein Versehen ist, ein Krieg, den erst eigentlich keiner führen will, ein Krieg, zu dem die teilweise miteinander engbefreundeten Figuren aufgrund der politischen Umstände und der strategischen Zwangslagen irgendwie gezwungen sind – und ein moralischer US-Präsident. Hinzu kommt, dass nicht nur die Beteiligung Russlands an einem eskalierenden Stellvertreterkrieg in Korea auch 1994 eher unwahrscheinlich war, sondern zudem die politische Lage zwischen China und Russland seit dem Zerfall des Ostblockes und den 4+1-Gespächen eher entspannt ist, so dass das Szenario mir nicht nur verworren, sondern insgesamt höchst unrealistisch erscheint.

Die Sprache!

Unsere Satelliten sind allesamt unversehrt geblieben. Auf dem Boden ist von der BMEWS-Linie – dem Frühwarnsystem der ICBMs – noch Flyingdale übrig; im Norden sind die alten DEW- und Pine-Tree-Linien erhalten und im Osten, Westen und Süden die vier Pave-Paws-SLBM-Systeme…

Die Amerikaner sind ein akronymfreudiges Völkchen – das wissen wir spätestens seit dem USA PATRIOT ACT (Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism). Harry treibt diese Leidenschaft zu ökonomischer Kürze (oft als Bezeichnung für amerikanische Waffensysteme) aber enervierend auf die Spitze: NORAD, AWAC, ADACC, F-15C, F-4, F-106, CF-18 Hornet, CNO, SONUS, FB-111, B-1B, NATO. Wörter wie NATO und AWAC mögen ja noch geläufig sein, aber die Liste ist alleine die Ausbeute an Akronymen der Seiten 192-193. Das überfordert nicht nur den Präsidenten der USA, wenn dieser in seiner VC-25A ( das ist die USAF-Bezeichnung für die Airforce One) von den Generälen über die militärische Lage gebrieft wird, das E.R.M.Ü.D.E.T nach und nach auch den Leser – vor allem, wenn diese Akkumulation überwiegend Selbstzweck zu sein scheint. Vielleicht versucht Harry dadurch auch so etwas wie Authentizität zu vermitteln, aber dafür hätte die Hälfte seines Buchstabensalates auch gereicht – eine typische WIMM-Situation also (Weniger Ist Manchmal Mehr).

Die Figuren!

Schwere Geschütze, dachte Chandler beim Anblick der riesigen Rohre, die sich in den grauen Himmel vor ihnen richteten.

Was man von den Figuren bei Harry nicht erwarten kann – ebensowenig wie bei der Handlung übrigens – ist Tiefe. Die vielen Figuren, aus deren Perspektive die  verschiedenen Aspekte des Geschehens erzählt werden, sind äußerst flach, ihre Gedanken nahezu immer banal. Das gilt übrigens sowohl für die Frauen, die sich Sorgen um ihr im Einsatz stehenden Männer machen, als auch für diese selbst, sogar wenn die entsetzlichen Bilder von der Front sie nicht mehr loslassen. Der Autor verausgabt sich viel eher in den technischen Beschreibung der Vorgänge, der Darstellung der Waffensysteme bzw. der militärischen Prozessabläufe und der detaillierten Schilderung der Kampfszenen.

Fazit

Mehrfach steht die Welt auf den 732 Seiten vor dem erneuten Druck auf den roten Knopf, dutzende Male greifen Panzer an oder stürmt die Infantrie die Gräben der Feinde. Diese inhaltlichen Wiederholungen, die flachen Figuren, die verworrene unrealistische Anlage des Konfliktes und die primitiven Kampfszenen lassen irgendwie irgendwann keinen Spaß mehr aufkommen. WIMM (s.o.).

Eigentlich – so alles in allem – ein wirklich schlechter Roman… Aber Spaß, so gestehe ich schuldbewusst, hat er mir auf den ersten 400 Seiten schon gemacht…so irgendwie…

H. G. Wells: Krieg der Welten

Der Mensch und das Andere im Kampf ums Dasein

Schon als ich den Roman las, fragte ich mich: Was kann man zu H.G. Wells Klassiker Krieg der Welten eigentlich noch schreiben, ist er doch seit seinem Erscheinen im Jahre 1898 unentwegt besprochen worden. Und was könnte von seinem Inhalt einem heutigen potentiellen Leser eigentlich noch unbekannt sein? Denn selbst wenn man den Roman (noch) nicht gelesen oder das von Wells selbst inszenierte, seinerzeit Aufsehen erregende, Hörspiel aus dem Jahre 1938 (noch) nicht gehört hat, so dürfte doch die grundlegende Handlung zumindest aus den Verfilmungen von 1953 (unter der Regie von Byron Haskin) oder 2005 (unter der Regie von Stephen Spielberg) bekannt sein: Die Bewohner des Mars eröffnen einen überraschenden Vernichtungskrieg gegen die recht wehrlose Menschheit und werden aber zuletzt selbst unerwartet von den irdischen Mikroben dahingerafft. Was kann daran noch fesselnd sein?

Was den Roman meiner Ansicht nach interessant macht (und was ihn von den Verfilmungen im Übrigen deutlich unterscheidet) ist seine kritische Auseinandersetzung mit der spezifischen Eigen- und Fremdwahrnehmung der  Bevölkerung des damals mächtigsten Staatsgebildes dieses Planeten – dem British Empire. Tatsächlich scheint es Wells nicht primär darum zu gehen, eine möglichst spannende Handlung zu gestalten – obwohl der Roman alles andere als langweilig ist. Indem der seine strikt wissenschaftliche Betrachtungsweise betonende Erzähler schon zu Beginn beim Leser als bekannt voraussetzt, dass die Invasion der Außerirdischen fehlgeschlagen ist, entfällt dieses wichtige spannungsbildende Element. Die kritische Auseinandersetzung des Augenzeugen bzw. Ich-Erzählers mit den fiktiver Äußerungen wissenschaftlicher Autoritäten zur Invasion nähert den ganzen Text zudem selbst einer wissenschaftlichen Darstellung bzw. einer Analyse der Geschehnisse an. Was Wells mit seinem Werk eigentlich intendiert, ist die Präsentation von zeitgenössischen Denkmustern anhand der menschlichen Figuren und deren gewaltsamer Widerlegung durch das über sie herein brechende Verhängnis in Form der Invasoren.

First Contact

„Was für scheußliche Tiere!“ sagte er „Herrgott, was für scheußliche Tiere!“ Er wiederholte das immer wieder. „Haben Sie einen Menschen in der Grube gesehen“ fragte ich ihn; aber er gab mir keine Antwort.

Die anfängliche Wahrnehmung der fremden Wesen als Tiere wird schnell durch die Erkenntnis ersetzt, dass es sich wohl  doch um intelligente Wesen handele. Deshalb entsendet man auch eine Abordnung mit weißer Fahne, die allerdings sofort von den Invasoren mithilfe eines unerklärbaren Hitzestrahles in Sekundenbruchteilen vernichtet wird. Keine Gegenwehr ist möglich – und noch geschockt von der Schilderung der entsetzlich verkohlten Leichen muss der Leser zwei Seiten später plötzlich irritiert zur Kenntnis nehmen, dass die Verantwortlichen zwar einen Zusammenstoß ahnten, und […] nach Horsell telegrafiert [hatten], als die Marsleute auftauchten. Sie hatten um die Unterstützung einer Kompanie Soldaten gebeten, welche jene fremdartigen Geschöpfe vor Gewalttätigkeiten schützen sollten. Angesichts dieser Überheblichkeit, mit der man den Eindringlingen gegenüber tritt, erscheint die Zuversicht, mit der die Bewohner der Gegend der ersten bewaffneten Auseinandersetzung entgegen sehen, auch nicht weiter verwunderlich. So berichtet der Erzähler: Mein Nachbar war der Ansicht, dass es den Truppen gelingen würde, die Marsleute während des Tages entweder gefangenzunehmen oder zu vernichten. „Es ist wirklich schade, dass sie sich so unzugänglich machen“, sagte er. „Es wäre doch interessant zu hören, wie man auf anderen Planeten lebt; und wir könnten das eine oder das andere von ihnen erfahren…Diese Bescherung wird den Versicherungsleuten ein schönes Stück Geld kosten, bis alles wieder in Ordnung ist.

Da möchte man als Leser fast auflachen: Dem in seiner sicheren Bürgerlichkeit eingerichteten Briten gelingt es noch nicht einmal, die reine Möglichkeit zu denken, dass ihm auf seiner sicheren Insel im Herzen des Empires eine tatsächliche Gefahr drohen könnte. Auch den auf der Lauer liegenden Soldaten gelingt das  nicht, wenn sie über die moralischen Implikationen ihres Auftrages philosophieren, obwohl vielleicht langsam eine gewisse Unsichheit spürbar wird: „Es ist kein Mord, solche Bestien umzubringen, sagte der erste Sprecher. „Warum diese verfluchten Dinger nicht zusammenschießen und ein Ende mit ihnen machen, meinte der kleine Dunkelhaarige. „Ihr könnt nicht wissen, was sie noch anstellen.“ Aber auch hier: Kein Zweifel daran, dass es der britischen Armee gelingen könnte, den seltsamen Zwischenfall zu einem schnellen Ende zu bringen.

Die Erkenntnis

Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtengehölzes auf der Anhöhe vor mir, so wie sich brüchige Schilfrohre teilen, wenn ein Mann sie durchbricht. Sie brachen kurzweg ab, fielen der Länge nach hin, und ein zweiter Dreifuß tauchte auf, der wie es schien, geradewegs auf mich zuraste. Und ich fuhr ihm eilends entgegen! Aber beim Anblick des zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lamge nachzudenken, riss ich das Pferd herum, und im nächsten Augenblick stand der Wagen über dem gestürzten Tier…

Was den ernüchternden Niederlagen gegen die Marsbewohner folgt, ist zuletzt reine Panik. Ganze Menschenmassen strömen zuerst nur ängstlich, später kopflos und verzweifelt aus den immer zahlreicheren betroffenen Gebieten in Richtung Kanalküste bzw. Richtung HauptstadtDie einen in der irrigen Ansicht, dass es dem Militär spätestens vor den Toren Londons gelingen würde, die Feinde zu stoppen, die anderen in der schon richtigen Vermutung, dass die menschlichen Waffen gegen die überlegene Technik der Außerirdischen keine Chance haben würden. Tatsächlich folgt auf einen überraschenden Zufallserfolg die grauenhafte Schilderung durch den sich in einem beinahe kochenden Fluss versteckenden Erzähler, wie hunderte und tausende Menschen in wenigen Sekunden zu schwarzer Kohle verwandelt werden – wenn auch der Erzähler  durch den Tod des Marsmannes beinahe wie benommen erscheint: Ich sah, wie Leute dem Ufer zustrebten, und hörte ihre jammernden Schreie nur undeutlich neben dem Zischen und Brüllen, das den Zusammenbruch des Marsungeheuers begleitete. Die Erkenntnis des Erzählers, dass die metallenen Vernichtungsmaschinen bzw. deren hässliche Insassen tatsächlich verwundbar sind, gibt ihm neue Hoffnung – während andere – wie der Kurat – sie für die unbesiegbaren Gesandten des HErrn zu betrachten beginnen. Und noch schrecklicher als die Schilderungen des Ich-Erzählers sind die seines Bruders, der in London mit ansehen muss, wie die Invasoren beginnen eine Art von Giftgas (!) gegen die Menschenmassen einzusetzen – denn natürlich ist es dem britischen Militär nicht gelungen sie zu stoppen. Tatsächlich können die waffentechnischen Errungenschaften des britischen Empires den Eindringlingen manchmal erheblichen Schaden zufügen – aber nur in Form des Stolzes der britischen Marine, den schweren dampfbetriebenen Schlachtschiffen. Aber auch ihnen gelingt dieses nur in verzweifelten Rammfahrten, die den eigenen Untergang implizieren. Ironischerweise betont dieses geradezu die Überlegenheit der fremden Wesen: Kamikaze als Verzweiflungstat.

Vom Throne verstoßen

Und der Ich-Erzähler muss langsam erkennen, dass hinter dem ganzen ein perfider Plan zu stecken scheint: Sie ergriffen Besitz von dem besiegten Lande. Ihr Ziel schien nicht so sehr die Ausrottung als die völlige Unterjochung und Erstickung jedes Widerstandes. Sie sprengten jede Pulveransammlung in die Luft, schnitten jede Telegraphenlinie ab und zerstörten, wo sie nur konnten, jede Eisenbahn. Was den Menschen droht, kann der Erzähler – eingeschlossen in einer Ruine – beobachten, als die Marswesen seinesgleichen gefangen zu ihrem Lager führen: Der Verzehr als Grundnahrungsmittel. Und während der Mensch zur Nahrungsquelle der Außerirdischen herabsinkt, verwandelt er sich langsam – wie der Erzähler an dem mit ihm eingelossenen Kuraten schon beobachten muss: …unbekannte Schrecken hatten ihn seines Verstandes und seiner Denkfähigkeit beraubt. Er war in Wahrheit schon zum Tier herabgesunken. Das ist es auch, was die Ankunft der Wesen für den Menschen – den Erzähler inbegriffen – tatsächlich bedeutet: Ich …ein Geschöpf, kaum größer als sie, ein niedriges Tier, ein Ding, das die flüchtige Laune unserer Meister jagen und töten konnte. Vielleicht beteten auch jene vertrauensvoll zu Gott. Wahrlich, wenn wir nichts anderes gelernt haben, dieser Krieg hat uns Erbarmen gelehrt, Erbarmen mit jenen vernunftlosen Geschöpfen, die unter unserer Herrschaft leiden.

Kleiner Mann, was nun?

Der Erkenntnisprozess, der hier einsetzt, hat als Voraussetzung: Das Ende  der damals selbstverständlichen Vorstellung vom Menschen als Krone der Evolution – selbst wenn die Außerirdischen am Ende – ironischerweise übrigens von den kleinsten Lebewesen des Planeten – besiegt werden.Wells setzt hier nicht nur den Menschen wieder im Kampf ums Dasein einer neuen Herausforderung aus – sondern auch direkt mit dem im Hintergrund des britischen Imperialismus stehenden sozialdarwinistischen Gedankengut auseinander. Im Nachwort heißt es bei der Diskussion über die Möglichkeit von zukünftigen Kolonien auf fremden Planeten dazu: Und wer kann wissen, ob die Vernichtung der Marsleute nicht nur einen kurzen Aufschub bedeutet? Vielleicht gehört ihnen und nicht uns die Zukunft. Damit kritisiert der Sozialist Wells direkt den  damals weitverbreiteten imperialistischen Kerngedanken von  der Überlegeheit der Weißen Rasse. Und mit ihm die damit untrennbar verknüpften sozialdarwinistischen Theorien, nach denen der Stärke den Schwächeren beim Kampf ums Dasein, um Lebensraum, instrumentalisieren oder auch vernichten muss sowie die aus diesen Gedanken entspringende Legitimation der rohen Gewalt gegenüber anderen Staaten und Ethnien. Wells zeigt hier somit in seinem auf dem Höhepunkt des imperialistischen Zeitalters entstandenen Roman, dass der überhebliche weiße Bürger des mächtigsten Reiches auf diesem Planeten sich seiner tatsächlichen Überlegenheit nicht so sicher sein und seinen Umgang mit dem Anderen und vermeindlich Niederen noch einmal gründlich überdenken sollte – wenn er schon nicht generell die Lehren, welche die vereinfachte Übertragung des survival of the fittest in den zwischenmenschlichen und staatlichen Bereich mit sich bringt, gleich ad acta legt.