James Herbert: 48

Was wäre wenn: Die „Vergeltungswaffe“ des Dritten Reiches

In seinem kontrafaktischen Roman’48, der  mit seinem Titel ohne Zweifel auf die Orwell’sche Dystopie 1984 anspielenden soll, entwirft der englische Bestsellerautor James Herbert eine Welt des Grauens: Was wäre gewesen, wenn Adolf Hitler wirklich die wirksamen Vergeltungswaffen besessen hätte, auf die seine Anhänger in den letzten Tagen des Weltkrieges gehofft haben? Was der Roman über seinen Titel dem Leser so unterschwellig nahelegt – irgendwie eine Homage an die Orwell’sche Vision zu sein – hält er aber weder im Setting noch im Plot, in der Handlung und in der Qualität ein:

[…] Opfer des Bluttodes, die nicht begriffen hatten, was mit ihren Körpern geschah, warum ihre Arterien sich plötzlich verhärteten und anschwollen und unter der Haut erstarrten, warum ihre Hände sich dunkel verfärbten, warum sich in ihren Extremitäten das Blut staute, ihre kleinen Blutgefäße platzten, das Blut aus jeder Körperöffnung rann, aus ihren Ohren, ihren Augen, ihren Nasenlöchern, ihrem Mund, ihren Genitalien, ihrem After […]

An dieser Stelle breche ich die genau Wiedergabe der Folgen des Bluttodes, welcher als das Ergebnis einer deutschen biologischen Waffe am 24. März 1945 erst über die Londoner und später über die Bewohner der ganzen Welt hereinbricht, erst einmal ab – die Beschreibung zieht sich nämlich noch ein wenig unappetitlich weiter. Schließlich ist ja auch die Hauptfigur des Romans, wie einige wenige andere Menschen ebenfalls, aufgrund seiner seltenen Blutgruppe (AB) von der Seuche verschont geblieben. Deshalb sieht sich Eugene Nathaniel Hoke auch der anspruchsvollen Aufgabe gegenüber, alleine in der Metropole London zu überleben und diese von den verschrumpelten Londoner Bevölkerung zu befreien. Ganz allein? Nicht ganz, denn noch existieren einige dutzend englischer Faschisten mit ihm – aber leider helfen sie Hoke nicht bei seinen beiden Unternehmungen, sondern sind – in der Hoffnung, dass es ihr Leben retten kann – hinter Hokes Blut (AB) her wie sein Hund Cagney hinter den Bockwürstchen.

Innerhalb der von Autos verstellten Straßen Londons, das hin und wieder immer noch von einem offensichtlich unermüdlichen deutschen Bomberpiloten als Gegenstand seiner nächtlich wiederkehrenden Verbitterung missbraucht wird, retten drei Personen Hoke auf der Flucht vor den englischen Faschisten das Leben: Wilhelm, ein deutscher Kriegsgefangener, den Hoke auch vom ersten Moment an gerne meucheln würde, Muriel, ein überlebendes weibliches Exemplar der englischen High Society, und Cissie, eine proletarische Engländerin mit teilweise jüdischen Wurzeln. Auf ihrer langwierigen Flucht vor den Molotov-Cocktail werfenden „Schwarzhemden“ durch den Londoner Underground begegnen sie zudem dem ehemaligen Luftschutzwart Potter, der irgendwie verwirrt, aber immer noch gewissenhaft, seinen schon lange überflüssig gewordenen Dienst versieht. Gemeinsam suchen sie Unterschlupf im Savoy-Hotel, einem der luxuriösen Verstecke, die Hoke für sich im Laufe der letzten drei Jahre vorbereitet hat. Doch auch da spüren die Verfolger sie auf – weil ein Verräter unter ihnen ist.

Wie schon deutlich geworden sein sollte: Mir hat der Roman nicht gefallen. Die erste Verfolgungsjagd erstreckt sich von Seite 1 bis Seite 120. Das begann mich spätestens ab Seite 20 zu langweilen und ich gebe zu: Ich habe viele Seiten davon  nur überflogen. Insgesamt umfasst der Roman in meiner Ausgabe ungefähr 390 Seiten. Schätzungsweise 250 davon beschäftigen sich mit wilden Schießereien, schnellen Verfolgungsjagden oder sexuellem Gerangel. Der Klappentext verkündet auf dem Umschlage: Ein nervenzerfetzendes Drama von ungeheurer Intensität entwickelt sich zwischen diesen fünf Menschen (der Hund verschwindet zwischendurch immer wieder spurlos). Davon habe ich nichts gespürt. Etwas Tiefgang hat vielleicht die Beziehung zwischen dem vielleicht bösen Wilhelm und Hoke, der zwar weiß, dass er Opfer von Propaganda geworden ist, aber trotzdem dem arroganten Deutschen gerne mal ein paar Luftlöcher in den abgewetzten Anzug schießen würde.

Aber nicht nur scheint der Verlag bei der Formulierung des Klappentexes beide Augen zugedrückt zu haben, sondern auch der deutsche Lektor. Zwar kann man bei dem verwirrenden Gemetzel und zwischen den fliegenden Kugeln und Körperteilen durchaus einmal die Übersicht verlieren, aber dass die Beine eines Plünderers, der völlig geschockt dastand, auf den Schultern eines anderen landeten hätte durchaus auffallen können. Auch finde ich es ungewöhnlich, dass im Savoy Radios stehen, die nie wieder senden werden. Da fallen die unschönen  Sätze, die der schlechten Übersetzung geschuldet sind, gar nicht mehr so stark ins Gewicht: Eine leichte Brise,  die den Hauch des Verfalls mit sich trug, wehte mit dem Lichtschimmer herein.

Manchmal jedoch – und viel zu selten- senkt sich  zwischen und jenseits der endlosen Kämpfe im verlassenen London dann doch eine bedrückende apokalyptische Stimmung auf die menschenleeren Straßenzüge: […] und von meinem Standort konnte ich Schwärme silbriger Fische sehen, die, offenbar unberührt von der Seuche, in ihrem Element schwamen, das nicht mehr von menschlichen Abwässern verunreinigt war. Hier wehte eine frische und irgendwie beruhigende Brise, welche die Furcht vertrieb, die mich in den vergangenden Stunden begleitet hatte. Nur die geschrumpfen Sperrballons, die träge über dem Wasser schwebten, erinnerten mich daran, dass in Wahrheit nicht alles in Ordnung war mit der Welt. Mir reicht das aber für einen 390-Seiten-Roman nicht. Aus ihm könnte man möglicherweise einen ganz passablen Actionfilm machen, den würde ich mir dann vielleicht auch angucken – aber den Roman sollte man nun wirklich nicht lesen.

Ernst Jünger: Gläserne Bienen

Reiter und Roboter: Das Leiden an der Zeit

Er ist einer der großen deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts gewesen, der 1998 im Alter von 103 Jahren verstorbene Ernst Jünger. Das ist genügend Zeit, um ein vielseitiges Werk zu schaffen und an vielen Stellen anzuecken – und beides hat er getan. Was für erbitterte Kontroversen wurden und werden über ihn geführt: Jünger, der Träger des Eisernen Kreuzes und ehemaliger Soldat des ersten Weltkrieges, sei mit seiner Verherrlichung des Krieges und männlicher Tapferkeit in dem autobiografischen Werk In Stahlgewittern ein intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus gewesen, habe abertausenden von jungen deutschen Männern den Wunsch eingepflanzt, sich ebenfalls mit der Waffe in der Hand in der Extremsituation des Krieges unter fallenden Bomben und Kameraden beweisen zu wollen. Andere betonen hingegen seine frühe Abkehr vom Nationalsozialismus Anfang der dreißiger Jahre, eine Distanzierung, die auch in der als Kritik am System verstandenen Erzählung Auf den Marmorklippen deutlich wird, sein in der autobiografischen Schrift Strahlungen deutlich spürbares und glaubhaftes Entsetzen über jene Verbrechen, die SS, Wehrmacht und Sondereinsatzgruppen auf der Krim und im Kaukasus begangen haben – von denen er auf seinen Reisen im Auftrage Carl-Heinrich von Stülpnagels erfuhr – sowie seine Mitwisserschaft vom Attentat des 20. Juni. Gleich, wie man zu Jüngers politischen Aussagen und seiner Haltung gegenüber Krieg und Nationalsozialismus stehen mag – wer eines seiner Werke in die Hand nimmt und zu lesen beginnt, merkt: Das ist ein unglaublicher Umgang mit Sprache, ein beeindruckendes Ausdrucksvermögen, ein fantastischer Stil.

Weniger bekannt als die drei oben genannte namenhaften Werke ist seine oft als Roman gehandelte dystopische Erzählung Gläserne Bienen, die schon 1957 erschien und in der sich der geniale Jünger’sche Umgang mit der Sprache ebenso zeigt, wie seine Neigung, die „bewusst wahrgenommenen Seinsvorgänge“ auf ein Minimum zugunsten der „Bewusstseinsvorgänge“ (1) zu reduzieren. Und eben weil diesem Werk der Anspruch auf Totalität – wie es dem Roman gemeinhin zugeschrieben wird – fehlt, muss man hier meiner Ansicht nach auch von einer Erzählung – und zwar einer gar nicht so langen, denn in meiner Ausgabe umfasst sie gerade 105 Seiten – sprechen.

Die Äußere Handlung zeigt uns den Weltkriegsteilnehmer und ehemaligen Dragoner Richard, dessen Karriere aufgrund eines Mangel an einigen für die nach dem Kriege heraufdämmernde Zeit notwendigen charakterlichen Eigenschaften an ein Ende gekommen ist. Wir erleben ihn, wie er abgebrannt und wenig hoffnungsvoll als gescheiterter Panzerinspekteur im Büro seines alten Kameraden Twinning sitzt, der aufgrund seiner guten Kontakte eine Art Arbeitsvermittlung führt und Richard eine Stelle bei dem Großindustriellen Zapparoni anbietet, ihm aber nicht sagen kann, welche Aufgaben er bei der Annahme der Stelle zu erfüllen hätte. Richard erfährt nur, dass sein Vorgänger spurlos verschwunden sei und dass der letzte Bewerber sich nun in einem Irrenhaus befinde.

Er begibt sich daraufhin in das Haus Zapparonis, das gleich in der Nähe des Werkes liegt, in dem der mächtige Industriemogul seine technischen Kunstwerke – vom lebensecht erscheinenden Androiden bis zum Nanoroboter – produziert (Die Vision stammt von 1957!). Dort unterwirft ihn sein potenzieller neuer Arbeitgeber in einem kurzen Gespräch einer charakterlichen Prüfung, durch die Richard jedoch zu fallen scheint. Zapparoni bittet ihn daraufhin, im Garten der Villa auf ihn zu warten.

Der Aufenthalt im Garten – der sich über Stunden erstrecken soll – wird für Richard ein sonderbares und zugleich furchterregendes Erlebnis, denn neben den seltsamen schwebenden Automaten, die den Garten zu überwachen scheinen, und den großen gläsernen Bienen, die den Nektar effizienter aus den Dolden saugen als ihre natürlichen Vorbilder, entdeckt er Schreckliches.

Diese beinahe minimalistische Äußere Handlung wird immer wieder unterbrochen von den Reflektionen Richards über sein Leben, das in falschen Bahnen verläuft, seine Vergangenheit, nach der er sich immer wieder sehnt, die technischen Veränderungen in der Kriegsführung, die das soldatische Ideal der Zeit obsolet machen, die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Herausforderungen, denen er sich nicht schnell genug anpassen kann, sowie seine Frau, die zuviel von ihm hält und die er nicht enttäuschen will. Insofern scheint das eigentliche Geschehen nur den Anlass zu bieten, über das eigentlich relevante, – das Individuum und seine Zeit – nachzudenken. Diese Innere Handlung macht den weitaus größten Teil der Erzählung aus.

Und man kann nicht anders: Der Krieg, von dem Richard berichtet – auch wenn dieser wie die Staaten zeitlich  und räumlich nicht genau verortet werden kann – , ähnelt dem Ersten Weltkriege und die Lage, in der er Arbeit bei Zapparoni sucht, erinnert an die Situation der Heere von Beschäftigungslosen in der Weimarer Republik. Und deutlich hört man durch die Gedanken Richards auch die aus In Stahlgewittern bekannte Stimme Jüngers, die das Heil des Menschen in der kameradschaftlichen Verbundenheit und dem soldatischen Drill beschwört:

Ich muss zugeben, dass das faule Fleisch verschwand. Die Muskeln wurden wie Stahl, der auf dem Amboss eines erfahrenen Schmiedes von jeder Schlacke gereinigt worden ist. Auch die Gesichter änderten sich. Man lernte Reiten, Fechten, Stürzen und vieles andere. Man lernte es auf Lebenszeit.

Fassungslos berichtet der Ich-Erzähler, von einer zufälligen Begegnung mit einem ehemaligen Ausbilder, dem seine ganze Bewunderung ob seines Schlages bei Frauen, seiner Weise Feste zu feiern und seines Umgangs mit Pferden galt – und der nun Fahrkarten in den Straßenbahnen kontrolliert. Auch dieses findet Entsprechungen in den Lebensläufen der aus den Schützengräben heimkehrenden Soldaten des Ersten Weltkrieges. Die Frage bleibt: An wen verkauft sich Richard, als er Zapparoni und seinen gedrillten „übertierischen“ Bienen begegnet? Richard ist sich jedenfalls völlig bewusst, dass der Industriemagnat Menschen ohne Aufhebens seitens der zuständigen Behörden verschwinden lassen kann und dass eine strafrechtliche Verfolgung wie in alten Zeiten unmöglich ist. Und auch die Mittel, die dem Mächtigen zu Verfügung stehen,  scheinen schrecklich, deutet doch Twinnings an, dass Richards Vorgänger glaubte, von winzigen Maschinen verfolgt zu werden. Lesen lässt sich die Erzählung Gläserne Bienen also ähnlich wie Auf den Marmorklippen als Parabel auf die Zeit zwischen 1914 und 1945 – wenn auch hier die Gleichung nicht ganz aufgeht.

Trotz der eindrucksvollen sprachlichen Gestaltung der Erzählung hat sie mich insgesamt nicht überzeugt. Die Überbetonung der Inneren Handlung führt zwar nicht zu Längen, wie es sonst bei einigen Autoren der Fall ist, aber mir geschieht hier einfach zu wenig. Manchmal hat man den Eindruck, ein Essay über das historisch zwar interessante aber doch problematische Leiden Jüngers in und an der Weimarer Republik bzw. der Nachkriegszeit zu lesen, das in den fünfziger Jahren durchaus auf Resonanz beim Publikum gestoßen sein mag. Das ist mir insgesamt zu wenig – einige mögen dieses aber gerne anders sehen.

(1) Thomas Neuhauser, Der Roman, in: Otto Knörrich [Hg.], Formen der Literatur, Stuttgart, 1991, S.297-312, S. 312.