Cyril M. Kornbluth: Nicht in diesem August

Am 14. August 1955 gelang es dem amerikanische Autor Cyril M. Kornbluth mit seinem gerade frisch veröffentlichten Roman Nicht in diesem August eine seitenlange Besprechung in der New York Sunday zu ergattern – einer Zeitung, die sich normalerweise weniger mit Literatur auseinandersetzte. Grund hierfür dürfte die  geradezu panische Stimmung in den U.S.A. gewesen sein: 1955 stabilisiert sich die Teilung der Welt in zwei Machtblöcke. Mit dem Inkrafttreten der Pariser Verträge endete die Besatzungszeit und die Bundesrepublik Deutschland wurde Mitglied der NATO. Jenseits des Eisernen Vorhanges wurde der Warschauer Pakt gegründet und Chruschtschow verkündete seine Zwei-Staaten-Theorie. Die letzten Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges kehrten zwar aus den Lagern der UDSSR nach Deutschland zurück, aber  in den U.S.A. suchte noch immer der amerikanische Senator McCarthy in Hexenprozessen nach der Fünften Kolonne, jenen amerikanischen Kommunisten, die nur darauf warten würden,  im Falle eines Krieges ihr Heimatland für die UDSSR zu verraten. Und dass der Kalte Krieg ein heißer – besonders aufgrund des zu vermutenden Einsatzes von thermonuklearen Waffen – werden würde, war die wahrscheinlichste aller möglichen Zukünfte. Der früh im Alter von 34 Jahren verstorbene Kornbluth konnte nicht voraussehen, dass die ideologische Teilung der Welt nach 40 Jahren gegenseitiger waffenstarrender Belagerung einfach so friedlich enden würde. Sein Roman gestaltet deshalb auch eine aus der Perspektive der damaligen Zeit doch wahrscheinliche und für die Amerikaner auch schreckliche Vision aus: Die Niederlage der U.S.A. nach einer chinesisch-sowjetischen Invasion mit anschließender Besatzung unter stalinistisch-maoistischen Vorzeichen.

Am Tag der bedingungslosen Kapitulation setzt Kornbluths Erzählung ein. Der Protagonist des Romanes ist der ehemalige Grafikdesigner und nun aufgrund eines aus der Not geborenen Gesetzes (Bauer oder Soldat) auf seinem kleinen Bauernhof lebende Billy Justin. In der ländlichen Idylle des Chiunga County scheint das Leben auch nach der Erschießung des amerikanischen Präsidenten und die Übernahme der Exekutivgewalt im Westen durch die SMRE, die Sowjetische Militärregierung, in gewohnten und geordneten Bahnen zu verlaufen – und die durch den langen Krieg recht miserable Versorgungslage scheint sich sogar zu bessern: Die Stromzuteilungen werden länger, in den Regalen finden sich wieder Antibiotika, Milchkannen werden auch wieder auf dem Markt angeboten. Nur die Abgabenormen, die das neu geschaffene, aber von netten Beamten vertretene, Landwirtschaftsministerium festgesetzt hat, trüben das Bild ein wenig – aber die anfänglichen Befürchtungen haben sich nicht erfüllt, denn die Quoten sind recht niedrig festgesetzt. Zu Beginn jedenfalls, denn nach einiger Zeit werden diese beständig erhöht, so dass die amerikanischen Farmer die Abgabenormen  mit einer maschinenlosen und technisch weit hinter den Vorkriegsjahren hinterherhinkenden Produktionsweise nicht mehr erreichen können. Und wenn sie die Quoten tatsächlich erfüllen können, reichen die ihnen verbleibenden Reste an Getreide, Milch und Fleisch nicht mehr zum Leben. Und auf die Nichterfüllung der Quoten drohen Sanktionen, Folter und Erschießung. Hinrichtungen nach dem unter Stalin üblichen Prinzip der Sippenhaft (Paragraph 58 des Strafgesetzbuches der UDSSR)  fallen auch ganze Familien mit Kindern und auswärtig lebenden Verwandten zum Opfer, von denen es ein Mitglied gewagt hat, das zum Überleben Notwendige zurückzubehalten (Paragraph 58: antikommunistische Verschwörung und Sabotage). Immer mehr sehen sich die freiheitsliebenden Amerikaner mit der Realität konfrontiert: Das sich etablierende sowjetische totalitäre System reduziert sie gesellschaftlich auf den Stand mittelalterlicher Leibeigener ohne persönliche Freiheit und Rechte (z.B. Schollenbindung) sowie zahlenmäßig gegenüber den vermutlich in den nächsten Jahren im Westen eintreffenden russischen und im Osten zu erwartenden chinesischen Siedlern. Die Zeit drängt.

Billy Justin bleibt in seiner Lage nur, das beste aus der Situation zu machen – obwohl er angesichts der ihm und seinem Volk drohenden langsamen Auslöschung verzweifelt ist. Doch dann bittet ihn eine Bekannte, eine n verwirrten alten Mann namens Gribble als Arbeitskraft bei sich aufzunehmen. Billy erklärt sich widerwillig bereit dazu und muss feststellen: Gribble ist nicht der, für den er sich ausgibt. Er war der Leiter des kostspieligsten militärischen Projektes der U.S.A., dessen Ergebnis – ein mit 36 Atomraketen und 2 Kobaltbomben bestückter Tarnkappensatellit – fast startklar in einer nahegelegenen  geheimen Anlage auf seine Fertigstellung wartet. Billy Justin, der aufgrund eines Botendienstes für den Widerstand über Kontakte zur amerikanischen Untergrundarmee verfügt, muss sich auf eine gefährliche Reise durch das Land machen, um die Organisatoren des Widerstandes von dieser zu Verfügung stehenden Waffe zu informieren.

Der Roman ist keine große Literatur aber wirklich unterhaltsam zu lesen. Er entwirft keine phantastische Welt, sondern schafft ein – aus dem Blickwinkel der 50er Jahre – glaubhaftes und realistisches Szenario (Dass die UDSSR eine Abkehr vom stalinistischen System vollziehen würde, war ja im Westen auch noch nicht zu vermuten). Positiv ist auch zu bemerken, dass die Beschreibung der sowjetischen Soldaten und Verwaltungsbeamten nicht stereotyp ausfällt: Der Russe ist keine Bestie – obwohl er ständig singt. Selbst die amerikanischen Kommunisten sind nette Menschen und Nachbarn, die sich zwar kritikwürdigerweise auf das Eintreffen der Roten Armee freuen, aber eigentlich nur das Beste für ihr Land wollen. Leider fallen sie den beginnenden Säuberungen als erste zum Opfer – ein nach der großen Säuberung in den 30er Jahren gar nicht mal so unwahrscheinliches Szenario – Kornbluths pädagogischer Anspruch beschränkt sich aber Gott-sei-dank auch auf dieses Detail. Leider fällt das Ende dann in einer Weise aus, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, aber das schmälert den Unterhaltungswert der vorangegangenen Seiten nicht mehr.

Wem der 200-Seiten- Roman einmal begegnen sollte, der kann ihn getrost lesen, ohne sich nachher ärgern zu müssen – aber gezielt suchen braucht man ihn in den Antiquariaten nicht.

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