Lawrence Schoonover: Der rote Regen

Es wirkt eigenwillig, wenn man höflich sein will. Obskur, wenn man ehrlich ist, das Machwerk Der roter Regen von Lawrence Schoonover aus dem Jahre 1962. Mir fiel es in einem Antiquariat in die Hände und ich dachte: Für eine kleine unterhaltsame Bettlektüre dürfte das 1964 bei Goldmann erschienene 175-Seiten-Büchlein genügen.  Und Schoonover enttäuschte meine Erwartungen nicht:  Man erfährt  in seinem Büchlein aus erster Hand, welche Inhalte und Motive bei den Lesern des atomaren Zeitalters so beliebt waren. Und das kann auch nur der einzige Grund dafür sein, es zu lesen.

Zum Inhalt: Ein Satellitenstaat der UDSSR unter Führung eines vom Endsieg des Kommunismus überzeugten Politikers entfacht den Weltenbrand, indem dieser die ihm von der Sowjetunion gelieferten Atombomben modifiziert und in zwei Schiffen zu Detonation bringt. Die eine in Panama, auf us-amerikanischen Territorium, die andere in Russland. Der sogenannte 20-Minuten-Krieg löscht alle Großstädte der Welt einschließlich der kompletten Mittelamerikanischen Landbrücke aus. Damit ist der Krieg – auch ohne Friedensvertrag- auch schon beendet. Nun könnte man ja erwarten, dass ein postnukleares Zeitalter einsetzt, in dem die Strahlung den Fortbestand der Menschheit bedroht – doch weit gefehlt. Die Folgen sind nämlich folgende: Durch den geballten Einsatz von Atombomben in (bzw. auf) Panama, hat das Atomfeuer die gesamte Materie in einer Kettenreaktion entweder aufgefressen oder in die Luft geschleudert. Letzteres ist ja als Folge des Einsatzes von Kernwaffen bekannt, doch die Annahme, dass herkömmlicher Materie durch die Einleitung eines nuklearen Prozesses derart aufgelöst werden könnte, war schon um 1960 veraltet. Das in die Stratosphäre geschleuderte Material bewirkt nun einen nuklearen Winter und kommt als rötlicher (aufgrund von darin gelösten Eisenionen ) Niederschlag auf die Erde zurück. Doch nicht die direkte Folge des in die Atmosphäre geschleuderten Material ist das eigentliche Problem, sondern die Richtungsänderung des die Nordhalbkugel wärmenden Golfstromes, der nun ungehindert mit dem kühlen Humboldtstrom im Pazifik zusammenfließen kann. Die frierenden Kriegsgegner begraben deshalb ihr Kriegsbeil – und wie alle anderen Völker ihre Nationalität – und versuchen mit einem menschlichen Bauwerk die klaffende Lücke zwischen dem südamerikanischen und dem nordamerikanischen Kontinent zu schließen. Als absehbar wird, dass dieses innerhalb von wenigen Jahren nicht gelingen kann, werden hunderte von kleinen Atombomben eingesetzt, die, gleichzeitig zur Detonation gebracht, im Stile des großen Hans Dominik Milliarden von Tonnen Meeresboden auffalten und die Menschheit retten. Damit könnte sich die Menschheit gerade noch in letzter Sekunde vor dem Untergang bewahrt haben, wenn nicht jene Kinder, die während des nuklearen Schlagabtauschs geboren worden sind, übermenschliche körperliche, intellektuelle und teilweise esoterische Fähigkeiten besäßen und sich anschickten, nach einem Marsch durch die  wieder errichteten Bildungsinstitute der Welt die Herrschaft über die ihnen weit unterlegenen Heloten zu übernehmen. Doch die Geheimdienste der Welt arbeiten daran, dieses mit allen Mitteln zu verhindern.

 Der rote Regen ist paradoxer Weise ein Musterbeispiel für den technischen Optimismus des nuklearen Zeitalters. Beständig träumt Schoonover vom sauberen und nützlichen Einsatz von Kernwaffen. Die Wirkung der emittierten sichtbaren und unsichbtaren Strahlung ignoriert er vollständig. Kein einziger Mensch erblindet beispielsweise, wie lange er auch in das atomare Feuer sehen mag. Auch der rote Niederschlag ist nicht radioaktiv. Möglicherweise steht der Autor auch noch unter dem Eindruck des am 6 Juli 1962 von den U.S.A.  während der Arbeiten am Petschora-Kolwa-Kanal zur Explosion gebrachten 100kT-Sprengsatzes (siehe Bild links). Tatsächlich wurde die Nutzung von atomaren Explosionen für zivile Projekte also erprobt, aber aufgrund der radioaktiven Verseuchung der umgebenden Gebiete auch schnell wieder aufgegeben. Nicht so bei Schoonover.

Dem Zeitgeist geschuldet ist ebenso die Angst vor einer Eiszeit. Die uns allen bekannte Angst vor einer klimatischen Veränderung des Planeten durch Menschenhand existiert nämlich nicht erst seit den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts. Allerdings ging man in den 60er Jahren von einer drohenden Abkühlung der Welt aus. So ist wohl auch dieser Aspekt des Romans als Kniefall vor den Leseerwartungen zu verstehen. Schon Hans Dominik übrigens spielt in seinen Romanen mit der Verlaufsrichtung dieser Meeresströmung herum.

Die Angst der McCarthy-Ära vor einer fünften Kolonne innerhalb der eigenen Bevölkerung spiegelt sich bekanntlich auch im Science-Fiction-Roman bzw. Film wieder. Allerdings sind es nun nicht Kommunisten, sondern boshafte Außerirdische bzw. arrogante Übermenschen, welche die Herrschaft der Homo sapiens sapiens über diesen Planeten in Frage stellen und  sich unter der einheimischen Bevölkerung geschickt verbergen. Offenbar an dem phantastisch gruseligen Film  Das Dorf der Verdammten aus dem Jahre 1960 orientiert verpasst Schoonhover seinen 20-Minuten-Krieg-Kindern eine besondere Art von Augen, eine übermenschliche Fähigkeit zur Gedankenkontrolle, die Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation und ein völlig unmenschliches Gefühlsleben (falls man das noch so nennen kann).

Man sieht, der Autor hat den seinen Roman konsequent auf die Erwartungen des Leser hin zugeschnitten und das Werk spiegelt so den Zeitgeist der Epoche überdeutlich und komprimiert wieder. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit ihm tatsächlich interessant – aber bestimmt nicht aufgrund seiner literarischen Qualität. Die persönlichen – und wohl zur Aufrechterhaltung der Spannung gedachten – Geschichten der Protagonisten des Romans, nämlich der Väter zweier 20-Minuten-Kriegs-Kinder, wären auch beinahe gänzlich zu vernachlässigen (ich habe es bei der Wiedergabe des Inhaltes zumindest getan), wenn sich die Erzählung nicht als getreuer Bericht aus der Perspektive dieser beiden gerieren würde. Die sich deshalb im Verlaufe der Geschichte dem Leser langsam stellende Frage, wie dieser erzähltechnische Sachverhalt eigentlich möglich ist – was die Erklärung dafür ist, dass jemand über diese Protokolle verfügt, beantwortet sich erst am Ende des Romans. Dieser Abschluss war wohl als gruselige Pointe gedacht, er hat bei mir aber irgendwie nicht funktioniert, da der Autor hier ein letztes Mal patzt, indem er eine Situation konstruiert, die einfach an den Haaren herbeigezogen erscheint.

Fazit:  Der rote Regen ist ein literarisches Machwerk, aus dem sich viel über den Zeitgeist der frühen 60er Jahre und die Erwartungshaltung des Publikums lernen lässt.

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