Cyril M. Kornbluth: Nicht in diesem August

Am 14. August 1955 gelang es dem amerikanische Autor Cyril M. Kornbluth mit seinem gerade frisch veröffentlichten Roman Nicht in diesem August eine seitenlange Besprechung in der New York Sunday zu ergattern – einer Zeitung, die sich normalerweise weniger mit Literatur auseinandersetzte. Grund hierfür dürfte die  geradezu panische Stimmung in den U.S.A. gewesen sein: 1955 stabilisiert sich die Teilung der Welt in zwei Machtblöcke. Mit dem Inkrafttreten der Pariser Verträge endete die Besatzungszeit und die Bundesrepublik Deutschland wurde Mitglied der NATO. Jenseits des Eisernen Vorhanges wurde der Warschauer Pakt gegründet und Chruschtschow verkündete seine Zwei-Staaten-Theorie. Die letzten Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges kehrten zwar aus den Lagern der UDSSR nach Deutschland zurück, aber  in den U.S.A. suchte noch immer der amerikanische Senator McCarthy in Hexenprozessen nach der Fünften Kolonne, jenen amerikanischen Kommunisten, die nur darauf warten würden,  im Falle eines Krieges ihr Heimatland für die UDSSR zu verraten. Und dass der Kalte Krieg ein heißer – besonders aufgrund des zu vermutenden Einsatzes von thermonuklearen Waffen – werden würde, war die wahrscheinlichste aller möglichen Zukünfte. Der früh im Alter von 34 Jahren verstorbene Kornbluth konnte nicht voraussehen, dass die ideologische Teilung der Welt nach 40 Jahren gegenseitiger waffenstarrender Belagerung einfach so friedlich enden würde. Sein Roman gestaltet deshalb auch eine aus der Perspektive der damaligen Zeit doch wahrscheinliche und für die Amerikaner auch schreckliche Vision aus: Die Niederlage der U.S.A. nach einer chinesisch-sowjetischen Invasion mit anschließender Besatzung unter stalinistisch-maoistischen Vorzeichen.

Am Tag der bedingungslosen Kapitulation setzt Kornbluths Erzählung ein. Der Protagonist des Romanes ist der ehemalige Grafikdesigner und nun aufgrund eines aus der Not geborenen Gesetzes (Bauer oder Soldat) auf seinem kleinen Bauernhof lebende Billy Justin. In der ländlichen Idylle des Chiunga County scheint das Leben auch nach der Erschießung des amerikanischen Präsidenten und die Übernahme der Exekutivgewalt im Westen durch die SMRE, die Sowjetische Militärregierung, in gewohnten und geordneten Bahnen zu verlaufen – und die durch den langen Krieg recht miserable Versorgungslage scheint sich sogar zu bessern: Die Stromzuteilungen werden länger, in den Regalen finden sich wieder Antibiotika, Milchkannen werden auch wieder auf dem Markt angeboten. Nur die Abgabenormen, die das neu geschaffene, aber von netten Beamten vertretene, Landwirtschaftsministerium festgesetzt hat, trüben das Bild ein wenig – aber die anfänglichen Befürchtungen haben sich nicht erfüllt, denn die Quoten sind recht niedrig festgesetzt. Zu Beginn jedenfalls, denn nach einiger Zeit werden diese beständig erhöht, so dass die amerikanischen Farmer die Abgabenormen  mit einer maschinenlosen und technisch weit hinter den Vorkriegsjahren hinterherhinkenden Produktionsweise nicht mehr erreichen können. Und wenn sie die Quoten tatsächlich erfüllen können, reichen die ihnen verbleibenden Reste an Getreide, Milch und Fleisch nicht mehr zum Leben. Und auf die Nichterfüllung der Quoten drohen Sanktionen, Folter und Erschießung. Hinrichtungen nach dem unter Stalin üblichen Prinzip der Sippenhaft (Paragraph 58 des Strafgesetzbuches der UDSSR)  fallen auch ganze Familien mit Kindern und auswärtig lebenden Verwandten zum Opfer, von denen es ein Mitglied gewagt hat, das zum Überleben Notwendige zurückzubehalten (Paragraph 58: antikommunistische Verschwörung und Sabotage). Immer mehr sehen sich die freiheitsliebenden Amerikaner mit der Realität konfrontiert: Das sich etablierende sowjetische totalitäre System reduziert sie gesellschaftlich auf den Stand mittelalterlicher Leibeigener ohne persönliche Freiheit und Rechte (z.B. Schollenbindung) sowie zahlenmäßig gegenüber den vermutlich in den nächsten Jahren im Westen eintreffenden russischen und im Osten zu erwartenden chinesischen Siedlern. Die Zeit drängt.

Billy Justin bleibt in seiner Lage nur, das beste aus der Situation zu machen – obwohl er angesichts der ihm und seinem Volk drohenden langsamen Auslöschung verzweifelt ist. Doch dann bittet ihn eine Bekannte, eine n verwirrten alten Mann namens Gribble als Arbeitskraft bei sich aufzunehmen. Billy erklärt sich widerwillig bereit dazu und muss feststellen: Gribble ist nicht der, für den er sich ausgibt. Er war der Leiter des kostspieligsten militärischen Projektes der U.S.A., dessen Ergebnis – ein mit 36 Atomraketen und 2 Kobaltbomben bestückter Tarnkappensatellit – fast startklar in einer nahegelegenen  geheimen Anlage auf seine Fertigstellung wartet. Billy Justin, der aufgrund eines Botendienstes für den Widerstand über Kontakte zur amerikanischen Untergrundarmee verfügt, muss sich auf eine gefährliche Reise durch das Land machen, um die Organisatoren des Widerstandes von dieser zu Verfügung stehenden Waffe zu informieren.

Der Roman ist keine große Literatur aber wirklich unterhaltsam zu lesen. Er entwirft keine phantastische Welt, sondern schafft ein – aus dem Blickwinkel der 50er Jahre – glaubhaftes und realistisches Szenario (Dass die UDSSR eine Abkehr vom stalinistischen System vollziehen würde, war ja im Westen auch noch nicht zu vermuten). Positiv ist auch zu bemerken, dass die Beschreibung der sowjetischen Soldaten und Verwaltungsbeamten nicht stereotyp ausfällt: Der Russe ist keine Bestie – obwohl er ständig singt. Selbst die amerikanischen Kommunisten sind nette Menschen und Nachbarn, die sich zwar kritikwürdigerweise auf das Eintreffen der Roten Armee freuen, aber eigentlich nur das Beste für ihr Land wollen. Leider fallen sie den beginnenden Säuberungen als erste zum Opfer – ein nach der großen Säuberung in den 30er Jahren gar nicht mal so unwahrscheinliches Szenario – Kornbluths pädagogischer Anspruch beschränkt sich aber Gott-sei-dank auch auf dieses Detail. Leider fällt das Ende dann in einer Weise aus, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, aber das schmälert den Unterhaltungswert der vorangegangenen Seiten nicht mehr.

Wem der 200-Seiten- Roman einmal begegnen sollte, der kann ihn getrost lesen, ohne sich nachher ärgern zu müssen – aber gezielt suchen braucht man ihn in den Antiquariaten nicht.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel

Das Altern. Die Einsamkeit. Das unerfüllte Dasein. Die Sexualität. Auch in seinem 2005 veröffentlichten Roman Die Möglichkeit einer Insel bleibt der französische Skandal- und Bestsellerautor Michel Houellebecq seinen schon aus Ausweitung der Kampfzone oder Elementarteilchen bekannten Themen treu. Und dennoch: Der Roman ist im Werke Houellebecqs etwas Neues.

Aufbau

Die Anlage des Textes ist interessant. In der fernen Zukunft setzt sich der Neo-Mensch Daniel24, der schon bald von Daniel25 abgelöst wird, mit den autobiografischen Aufzeichnungen des Komikers und erstem Glied der Kette von Klonen –  Daniel – auseinander. Insofern besteht der Roman aus zwei Zeitebenen, von denen die Erinnerungen Daniels den größeren und die „Erlebnisse“ von Daniel24 und Daniel25 den kleineren Teil ausmachen. Während die Ebene der Jetzt-Zeit im epischen Präteritum erzählt wird, ist die in der Zukunft spielende Handlung vor allem zu Beginn im Präsens gehalten. Hierdurch wird beim Leser der Eindruck verstärkt, dass die tatsächliche Erzählergegenwart in der Zukunft – hier nach dem Jahre 4000 – liegt, denn immer wieder wird zudem die Feststellung getroffenen, dass es sich bei der Erzählung von Daniel1 um historische Dokumente handele.

Inhalt der ersten Zeitebene

In diesen Dokumenten schildert der Franzose Daniel seinen Lebensweg, der nach seinem beruflichen Durchbruch überwiegend der sehnsuchtsvollen Suche nach Liebe und körperlicher Befriedigung gewidmet ist. Doch sowohl die gleichaltrige Reporterin Isabelle als auch später die 20 Jahre jüngere Schauspielerin Esther können ihn nicht von der Sinnlosigkeit des Seins in der Einsamkeit erlösen: Die Beziehung zu ersterer scheitert, weil Isabelle aufgrund ihres Alterns keine sexuellen Bedürfnisse mehr verspürt, und die Beziehung zu letzterer, weil schon der Altersunterschied eine dauerhafte Befriedigung Esthers durch Daniel1 unwahrscheinlich – wenn nicht unmöglich macht. Dabei wird auch deutlich, dass Daniel einen Unterschied zwischen den aufeinander folgenden Generationen ausmacht: Die Bedeutung der Liebe nehme schon seit Jahrzehnten immer mehr ab und vergeblich suche er dort Zuneigung, wo die Fähigkeit dazu endlich gar nicht mehr existiere. Auch wenn er selbst noch zu den Menschen gehöre, die wenigsten ein oder zwei Mal geliebt hätten – den meisten Menschen widerfahre dieses im Leben gar nicht mehr – und sie vermissten es auch nicht.

Während eines mehrmonatigen Aufenthaltes auf seinem luxuriösen Anwesen in Spanien macht Daniel unterdessen die Bekanntschaft zweier Nachbarn, die Mitglieder einer ihm von Beginn an obskuren Sekte sind. Die Elohimiten glauben, dass die Menschen von Außerirdischen – den Elohim – geschaffen worden wären. Immer mehr bekommt der zu Beginn noch an der Sinnhaftigkeit der Pläne zweifelnde Daniel Einblick in die Vorhaben der religiösen Gemeinschaft und muss entdecken: Eigentlich glauben die Gründer selbst nicht an die religiösen Aspekte ihrer Lehre – eigentlich geht es ihnen darum, einen neuen Menschen, den Neo-Menschen, zu erschaffen, der frei von der Aporie zwischen Liebe und sexuellem Verlangen leidenschaftslos auf den Homo sapiens sapiens folgen soll. Mit Hilfe der Klontechnik versprechen sie zudem ihren Anhängern Unsterblichkeit erreichen zu können, wobei autobiografische Aufzeichnungen den Fortbestand der Persönlichkeit sichern sollen. Daniel1 erlebt noch mit eigenen Augen, wie sich mittels geschickter medialer Selbstpräsentation die Sekte zu einer echten Konkurrenz für die bestehenden Konfessionen entwickelt, bevor er sich im Bewusstsein, dass das Leiden des Menschen einst enden und er erneuert wiederauferstehen wird, wie eine zunehmend steigende Zahl von Menschen das Leben nimmt.

Inhalt der zweiten Zeitebene

Mit diesen für die religiöse Gemeinschaft so wichtigen Aufzeichnungen müssen sich also Daniel24 und Daniel25 auseinandersetzten, als sie aus Central City, in das gut abgesicherte und hermetisch nach außen abgeschirmte Anwesen von Daniel1 kommen, wenige Stunden, nachdem ihr jeweiliger Vorgänger gestorben ist. Ziel dieser Beschäftigung mit den Aufzeichnungen ihrer Ahnen ist eine Annäherung an ihre eigene Identität, obwohl sie kaum noch mit den alten Menschen vergleichbar sind: Neben der weitgehend evolutionär entstandenen bzw. der Klontechnik geschuldeten Emotionslosigkeit  haben die Gentechniker der Elohimiten zudem Veränderungen an der Physiologie der Neo-Menschen vorgenommen. So benötigen diese keine Nahrung mehr, sondern verfügen über Zellen zur Photosynthese. Allenfalls Mineralien und Wasser benötigen sie noch in regelmäßigen Abständen. Deshalb waren sie auch zufälligerweise den neuen Umweltbedingungen angepasst, als sich plötzlich die Erdachse verlagerte und eine ökologische Katastrophe über den Planeten hereinbrach. Mit Daniel24 lebt nur der dutzende Male neu geklonte Hund Fox zusammen, der jeweils trotz des Eintreffens des Nachfolgers von Daniel – für diesen in immer stärkerem Maße emotional nicht nachvollziehbar – an Kummer stirbt. Denn die Neo-Menschen leben in völliger Isolation von den anderen Individuen ihrer Art, während sie auf Ankunft und Rückkehr der Gemeinschaft der Elohim warten. Kontakt halten sie untereinander nur über das Internet, wobei dieser auch nach dem Tode üblicherweise durch die folgenden Klone aufrecht erhalten wird. So steht Daniel25 in Kontakt mit Marie22, der bald auch Marie23 folgt – diese jedoch verabschiedet sich über Bildtelefonie von Daniel25 und unterbricht die Kette der ewigen Wiedergeburt und macht sich auf die Suche nach  einer angeblich in der Gegend des ehemaligen Lanzarote lebenden Gemeinschaft von Neo-Menschen. Und so beschließt Daniel25 ebenfalls, gemeinsam mit seinem treuen Hund Fox, dem unendlichen, einsamen und  bis in alle Ewigkeit eintönigen Leben zu entkommen, obwohl er vermutet, dass dort draußen außer den in die Steinzeit zurückgefallenen Resten einer dem langsamen Untergange geweihten Sorte Mensch und einer nach Klimakatastrophe und Atomkrieg lebensfeindlichen Umwelt nichts existieren wird.

Bewertung

Wie schon deutlich geworden  ist, bringt der Roman, der wie die meisten von Houellebecqs Werken um Sex, männliche Begierden und das im Alter immer deutlicher werdende Scheitern von Lebensentwürfen geht, auf den ersten Blick wenig Neues – allenfalls lässt sich feststellen, dass das Altern selbst zunehmend ins Zentrum der Betrachtung rückt, und damit auch die Unmöglichkeit, bei attraktiven Partnern im fortgeschrittenen Alter zu landen. Aber auch das ist nicht wirklich neu und schon in Ausweitung der Kampfzone Grund für einige psychische Aussetzer beim Protagonisten und dessen Arbeitskollegen. Wenn man dem Autoren übel wollen würde, könnte man behaupten, er befände sich wohl in einer Midlife Crisis – und auch ein 600 SL (der Protagonist Daniel1 besitzt einen solchen) hätte nicht geholfen. Und trotzdem bleibt es unterhaltsam.

Zudem schreibt der Roman im Gewand eines Science Fiction in gewisser Weise nur die schon in Elementarteilchen angelegten Ideen, ein überindividualisiertes emotionsloses und ewiges Wesen zu schaffen, das durch Klontechnik vom Leidensdruck befreit ist, welcher sich durch das Verlangen nach körperlicher, emotionaler und sozialer Vereinigung ergibt, fort. Es sind die Anlagen des Menschen, die diesen für Houellebecq stets zu einem ewig leidenden Wesen machen – und deshalb kann keine gesellschaftliche Veränderung seiner Ansicht nach Erlösung bringen. Nicht einmal der Rücksturz ins Paläolithikum, wie eine Betrachtung der vagabundierenden Menschenhorden durch Daniel25 beweist. Das ist nicht nur ein äußerst pessimistischer Ansatz,  er ist vermutlich auch wahr. Aber muss man ihn immer wieder wiederholen?

Also: Was führt uns der Autor hier eigentlich vor? Eine Alternative zum gegenwärtigen Dasein, die er uns in Daniel24 und Daniel25 – zugegebenermaßen höchst unterhaltsam – anschaulich ausmalt: ein eher pflanzliches Leben ohne emotionale Höhen und Tiefen, ohne Mühen, in ewiger Eintönigkeit? Eine Utopie, die in ihrer Umsetzung aber scheitert und für das vereinsamte Individuum sich ins Dystopische verkehrt? Iris Radisch schreibt dazu in ihrer vernichtenden Kritik Der geklonte Roman in der Zeitung Die Welt vom 1.9. 2005, in der sie die Wiederkehr des immer Gleichen kritisiert:

Doch auch im Paradiesgärtlein der Gentechnologie hat die liebe Techno-Seele keine Ruh, eine nie verglimmende Restsehnsucht nach Körperlichkeit treibt den Neo-Menschen doch um und aus dem verkabelten Gehäuse. Das geht nicht gut, denn die Vereinigung von Natur und Geist, das große romantische Projekt, ist definitiv missglückt, Liebe auf ewig unmöglich. Freude finden Mensch und Neo-Mensch nur noch bei ihrem treuen Hund. Das in etwa hat mein Onkel Erwin auch schon immer behauptet.

Vielleicht muss man an anderer Stelle suchen, um zu verstehen, was Houellebecq uns da in seinem geübt wirkenden und altbewährtem halb pornografischen Stil und mit sicherem sexistischem Blick über die schon von ihm bekannte Kritik an unserer Gesellschaft hinaus in Daniel24 und Daniel25 zeigt:Das durchaus romantische Scheiternder noch zuvor in seinem Werk als  Alternative entworfenen Vision eines Ausweges. Denn so wie Daniel25 auf seiner Wanderung durch die postnuklearen Einöden und die verdunsteten Meere bewusst wird, dass ihn der Rückfall in die als Atavismus betrachtete Gemeinschaftlichkeit ebenso wenig erlösen wie sich wohl das elohimitische Heilsversprechen erfüllen wird, wählt er den Weg seines Unterganges: …allein die Tatsache zu leben ist schon ein Unglück. Da ich aus freien Stücken den Zyklus von Tod und Wiedergeburt verlassen hatte, ging ich dem simplen Nichts entgegen, der reinen Inhaltslosigkeit. Nur den Zukünftigen würde es vielleicht gelingen, in das Reich der unzähligen Möglichkeiten zu gelangen. Und weil er seinen Nietzsche gelesen hat weiß er, ebenso wie Houellebecq, dass er kein Übergang sein kann, und dass er nicht mehr aus der Wiederkehr des ewig Gleichen heraus handelt – sondern dass er der letzte Mensch ist, von dem Zarathustra verwerfend sagt:

Seht! Ich zeige euch den l e t z t e n M e n s c h e n.
„Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

Im Zarathustra rufen sie darauf: „Zeige ihn uns!“ Das ist nicht viel. Aber Houellebecq hat es  getan.

Giorgio Scerbanenco: Mailand wird wieder aufgebaut

So positiv der Titel Mailand wird wieder aufgebaut auch klingen mag – eine trostlose Welt ist es, die Giorgio Scerbanenco in seinem 126 Seiten umfassenden Roman aus dem Jahre 1963 geschaffen hat.  Und das obwohl 40 oder auch 50 Generationen nach einem Atomkrieg ganze Völkerschaften aus Europa nach Mailand ziehen , weil sie der Ruf ereilt hat, an dem Aufbau der Stadt mitzuwirken, in der es wieder Recht, Ordnung, Schutz und Wohlstand geben soll.

Nach Mailand zieht auch Pietro mit seiner „Gefährtin“ Ida und der vermutlich nicht gemeinsamen Tochter Giovanna. Pietro stammt eigentlich aus Afrika, wo die Schwarzen nach der Errichtung ihres Königreiches Jagd auf alle Weißen gemacht haben. Auf der Flucht hat er Ida getroffen, die er über alles liebt und deshalb auch erträgt, dass er ihr wohl nichts bedeutet, dass sie lange Zeiten einfach verschwunden ist, ihn und Giovanna alleine lässt, sich alleine in der verwahrlosten  Welt herumtreibt und immer wieder mit anderen Männern, die ihr über den Weg laufen, schläft. So vergnügt sie sich auch mit Marino, einem Arzt, der am Ufer des Ticino auf seine ehemalige Frau wartet, um sie zu töten: weil sie – alkoholkrank wie sie ist – für den Tod von 19 Kindern verantwortlich zeichnet, die er behandelt hat. Gemeinsam befreien Pietro, Ida und Marino Mathilde, eine schwerkranke und in der Nähe zur Prostitution gezwungene Frau aus den Händen ihres alten Peinigers. Obwohl Marino aufgrund seines Rachwunsches eigentlich nicht nach Mailand will, begleitet er die Gruppe, um die Versorgung Mathildes bis zum Erreichen der Stadt sicherzustellen. Doch der Weg ist gefährlich, und die Stadt möglicherweise nicht der Ort, um ein besseres Leben zu beginnen, so scheint es zumindest nach den Worten mailändischen Soldaten Paolo, der ihnen helfen will, in die Stadt zu gelangen, weil er Mathilde liebt.

„Ich habe nicht auf sie geschossen. Es sind noch zwei andere draußen; sie sind es gewesen.“ „Das ist jetzt egal.“ Daraufhin ging er zur Tür und rief Pietro und Ida zu, sie sollten hereinkommen, dann kehrte er wieder zurück, um sich neben das Mädchen zu kauern. „Ich war es nicht. Sie sind es gewesen“, sagte er und deutete auf Ida, die neben ihnen stand. „Das ist jetzt egal.“ „Komm ins Freie. Du bist so lange nicht mehr hinausgegangen.“

Es ist nicht der eigentliche Plot, der den Roman so endlos deprimierend macht, es ist – wie schon aus der Zusammenfassung deutlich geworden sein sollte, der Umgang der Menschen miteinander. Und nicht wenig trägt dazu  die nüchterne und sachliche Art bei, in der die Figuren von ihrem beklagenswerten Leben erzählen – ohne es tatsächlich als ein solches zu betrachten, weil sie es nicht anders kennen. So berichtet Pietro beispielsweise über seine erste Begegnung mit der Frau, die er über alles liebt, nüchtern:

…Das sagte mir ein Mulatte vom Schiff, als wir sie fanden, Ida, verlassen in einem lecken Boot, sie hat mir nie erzählt, woher sie kam und warum sie alleine in jenem Boot war, obwohl ich es mir denken kann, weil sie zwei Revolver hatte und unten im Boot ein Männerschuh lag, den sie zu spät ins Meer warf, sie wird mit einem Mann zusammengewesen sein, der ihr lästig geworden war und von dem sie sich befreit hatte…

Es ist der Verrohung der Menschen, die einen beim Lesen aufstöhnen lässt und es ist nur an den sich durch Zeile und Zeile windenden Satzgebilden zu ahnen, dass die Menschen selbst angesichts des Erlebten atemlos sind. Durch die Worte selbst werden ihre Gefühle nie deutlich. Wenn sie solche überhaupt noch besitzen. So wie Ida ihre Tochter immer wieder alleine lässt, bringt sie ihr auch keinerlei Emotionen entgegen. Kein Wunder also, dass dieser auch nur Männer etwas bedeuten – zumindest das, was Männer einem jungen Mädchen bedeuten können – und ihre Mutter ihr gleichgültig ist. Nur manchmal bricht in dieser dunklen Welt etwas Licht durch, so wie das mitleidvolle Umsorgen der Kranken und Kinder durch Marino – wenn sie ihm nicht gerade umgebracht werden -, oder die Liebe Paolos zu Mathilde, für deren Rettung er nachher auch heroisch sein Leben lässt – auch weil sein Leben in Mailand kein Leben mehr ist.

Der Roman ist, wie auch der vergleichbare Roman AmerysDer Untergang der Stadt Passau, eine düstere Vision von Zukunft des Menschen – und wie in dieser besteht hier wenig Hoffung darauf, dass die Welt, die die Menschen nach dem Neubeginn erbauen werden, besser als die alte sein könnte. Weil sie sich im Wesen nicht verändert haben, weil sie in der Grube beim Fraß der Würmer erst zuhause sind. Allerdings hat Scerbanencos Text mich weitaus mehr beeindruckt: weil er den Figuren auf subtile und vorsichtige Weise eine  (auch abgründige) Tiefe verleiht, die man ihnen als normal fühlender Leser eigentlich gar nicht mehr zugestehen möchte – und zudem deutlich die Bereitschaft des Menschen bloßlegt, das Auskommen der eigenen Person über alles zu stellen – selbst über die eigene Freiheit.

Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau

Wenn einem der Name Carl Amery heute nichts mehr zu sagen vermag, so kann dieses an zwei Dingen liegen: Zum einen ist er das Pseudonym des deutschen Autors Christian Anton Mayer (Amery ist übrigens ein aus seinem Nachnamen gebildetes Anagramm), der immerhin Mitglied der Gruppe 47 um Hans Werner Richter und eine ganze Weile der Präsident des deutschen PEN-Zentrums war. Zum anderen ist der 1975 erschienene  Roman Der Untergang der Stadt Passau, den der selbst aus Passau stammende Mayer im Vorwort als reine Fingerübung bezeichnet, schon sein bekanntestes literarisches Werk. Nun kann ein solcher Kommentar eines Autors zu dem eigenen Kunstwerk ja durchaus Understatement sein – und man muss nicht gleich damit rechnen, bloßes ‘Geschreibsel’ vor sich zu haben, zumal dieser hier betont, dass Walter M. Millers Lobgesang auf Leibowitz ihn zur Fertigstellung und Veröffentlichung des Romans im Heyne-Verlag bewogen habe. Insofern war am Anfang zumindest noch alles möglich.

Endzeit: Deutschland nach der Seuche

Der Roman spielt im Jahre 31 APP – das will sagen: Im Jahre 2013 und somit im einundreißigsten anno post pestilentiam, im Jahr nach der schrecklichen Seuche, welche die Erde in kürzester Zeit entvölkert hat. Zwei Rosenheimer Gesandte befinden sich auf den Weg zu der anscheinend prosperierenden Stadt Passau, da sie das Gerücht gehört haben, dass dort auf den Mauern wieder elektrisches Licht brenne. Während Luis, der Ältere der beiden, so etwas noch aus der Zeit DAVOR kennt, sind Marte, seinem Ziehsohn, sowohl das urbane Leben als auch technische Geräte (von Waffen einmal abgesehen) gänzlich unbekannt. So ist es auch kein Wunder, dass er sowohl von der Stadt, als auch von der Schönheit der jungen Adda geblendet ist. In Passau empfängt sie der wie ein Monarch regierendeBergmannssohn Erich Schymnanski, nun von allen nur Scheff genannt, der seit Jahren versucht mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln, Teile der zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit zu retten. Dazu gehört leider auch, dass die Passauer nicht nur die noch nicht gänzlich verlassenen Siedlungen in der Umgebung zerstören und die Einwohner auffordern, nach Passau zu kommen. Zudem muss sich Passau, wie jede größere Siedlung, von den in der Nähe erzeugten landwirtschaftlichen Produkten ernähren – doch auf die Bauern, die Bauernfünfer, blicken sie nur überheblich herab. Dieses gilt besonders für Hasso, den Sohn des Scheffs und somit  Prinz von Passau. So ist es nur allzu verständlich, dass sich die Stadt mit ihrer arroganten Haltung im Umland viele Feinde gemacht hat. Luis, der noch in der Zeit DAVOR viele Disziplinenstudiert hat und mehrere Sprachen spricht- und eben kein tumber Bauer ist –  wird sich darüber, was er von der Stadt und ihrem Scheff halten soll, irgendwie nicht sicher. Aber immer mehr gewinnt der gewitzte heimliche Anführer der Rosenheimer den Eindruck, dass der freundliche Empfang und die überreichliche Bewirtung nur davon ablenken sollen, dass Passau etwas gegen seine Leute im Schilde führt – und dann geraten auch noch Marte und Hasso in einem für einen der Kontrahenten tödlich endenden Streit um die begehrenswerte Adda aneinander.

Bericht vom Glaubenskrieg

Der Roman verfügt über drei erzählerische Ebenen. Die wichtigste und umfangreichste davon ist mit Abstand diejenige, der auch der oben wiedergegebene Inhalt angehört. Diese durchgehend auktorial erzählte Handlung des Jahres 31 post pestilentiam wird immer wieder unterbrochen von einer – in Fraktur abgedruckten – Chronik des Egid, welche über eine im Jahre 131 post pestilentiam, also 2112 n.Chr, geschlagene Schlacht zwischen der ‘sündigen’ Stadt Passau und den Rosenheimern sowie den mit ihnen verbündeten Ungarn des Imre berichtet. Zudem lässt es sich Mayer nicht nehmen, in einer dritten Ebene Hintergrundinformationen einfließen zu lassen, die in unterhaltsamer Weise das Leben der Hauptfiguren in der Zeit DAVOR beleuchten. Auf diese Weise erfährt der Leser auch, dass Luis durchaus ein belesener Mann ist und dass Erich Schymnanski aus einfachsten Verhältnissen stammt.

Postapokalyptischer Sprachwandel

Diese Erzählstruktur ist schon ungewöhnlich – aber sie erfüllt ihren Zweck: Die Erzählung des Egid ist zwar aufgrund der deutlich an mittelalterlichen Chroniken orientierten Sprache manchmal nicht ganz mühelos zu lesen, aber sie baut mit der Vorausdeutung, dass es nach dem Besuch der beiden Gesandten ewige Feindschaft zwischen den Passauern und den Rosenheimern gegeben hat, Spannung auf – wenn auch nicht gerade viel. Die sprachlichen Veränderungen, welche die Chronik des Egid dabei aufweist, deuten sich auch schon in der Sprache der auf der Haupterzählebene handelnden Figuren an. Nicht nur, dass Mayer hier die lokalen Dialekte aus der Zeit DAVOR parodierend imitiert, er gestaltet die Sprache auch teilweise bis zum Misslingen der Kommunikation der Menschen untereinander aus: „Wir san kein Dorf. Wir san Rosnemer. Wir haben – sagte er gestelzt – von der Herrlichkeit der Stadt gehört.“ […] „Von weither, was?“, fragte er, jetzt etwas freundlicher. „Na schön. Was ist das – Rosnem?“ Das ist – das muss man zugeben –  für einen Norddeutschen manchmal nicht ganz angenehm zu lesen. Zudem kostet es auch Mühe, sich durch längere Dialoge jenseits der anscheinend schon im ‘Niedergang’ befindlichen deutschen Standardsprache zu lesen. Amüsant ist es aber trotzdem.

Fazit

Die Fingerübung Carl Amerys, ist tatsächlich kein Meisterwerk, sie bietet aber mit ihren 128 Seiten einen Nachmittag lang unterhaltsame Kurzweil, wenn sie auch zu konstruiert erscheint.

Lawrence Schoonover: Der rote Regen

Es wirkt eigenwillig, wenn man höflich sein will. Obskur, wenn man ehrlich ist, das Machwerk Der roter Regen von Lawrence Schoonover aus dem Jahre 1962. Mir fiel es in einem Antiquariat in die Hände und ich dachte: Für eine kleine unterhaltsame Bettlektüre dürfte das 1964 bei Goldmann erschienene 175-Seiten-Büchlein genügen.  Und Schoonover enttäuschte meine Erwartungen nicht:  Man erfährt  in seinem Büchlein aus erster Hand, welche Inhalte und Motive bei den Lesern des atomaren Zeitalters so beliebt waren. Und das kann auch nur der einzige Grund dafür sein, es zu lesen.

Zum Inhalt: Ein Satellitenstaat der UDSSR unter Führung eines vom Endsieg des Kommunismus überzeugten Politikers entfacht den Weltenbrand, indem dieser die ihm von der Sowjetunion gelieferten Atombomben modifiziert und in zwei Schiffen zu Detonation bringt. Die eine in Panama, auf us-amerikanischen Territorium, die andere in Russland. Der sogenannte 20-Minuten-Krieg löscht alle Großstädte der Welt einschließlich der kompletten Mittelamerikanischen Landbrücke aus. Damit ist der Krieg – auch ohne Friedensvertrag- auch schon beendet. Nun könnte man ja erwarten, dass ein postnukleares Zeitalter einsetzt, in dem die Strahlung den Fortbestand der Menschheit bedroht – doch weit gefehlt. Die Folgen sind nämlich folgende: Durch den geballten Einsatz von Atombomben in (bzw. auf) Panama, hat das Atomfeuer die gesamte Materie in einer Kettenreaktion entweder aufgefressen oder in die Luft geschleudert. Letzteres ist ja als Folge des Einsatzes von Kernwaffen bekannt, doch die Annahme, dass herkömmlicher Materie durch die Einleitung eines nuklearen Prozesses derart aufgelöst werden könnte, war schon um 1960 veraltet. Das in die Stratosphäre geschleuderte Material bewirkt nun einen nuklearen Winter und kommt als rötlicher (aufgrund von darin gelösten Eisenionen ) Niederschlag auf die Erde zurück. Doch nicht die direkte Folge des in die Atmosphäre geschleuderten Material ist das eigentliche Problem, sondern die Richtungsänderung des die Nordhalbkugel wärmenden Golfstromes, der nun ungehindert mit dem kühlen Humboldtstrom im Pazifik zusammenfließen kann. Die frierenden Kriegsgegner begraben deshalb ihr Kriegsbeil – und wie alle anderen Völker ihre Nationalität – und versuchen mit einem menschlichen Bauwerk die klaffende Lücke zwischen dem südamerikanischen und dem nordamerikanischen Kontinent zu schließen. Als absehbar wird, dass dieses innerhalb von wenigen Jahren nicht gelingen kann, werden hunderte von kleinen Atombomben eingesetzt, die, gleichzeitig zur Detonation gebracht, im Stile des großen Hans Dominik Milliarden von Tonnen Meeresboden auffalten und die Menschheit retten. Damit könnte sich die Menschheit gerade noch in letzter Sekunde vor dem Untergang bewahrt haben, wenn nicht jene Kinder, die während des nuklearen Schlagabtauschs geboren worden sind, übermenschliche körperliche, intellektuelle und teilweise esoterische Fähigkeiten besäßen und sich anschickten, nach einem Marsch durch die  wieder errichteten Bildungsinstitute der Welt die Herrschaft über die ihnen weit unterlegenen Heloten zu übernehmen. Doch die Geheimdienste der Welt arbeiten daran, dieses mit allen Mitteln zu verhindern.

 Der rote Regen ist paradoxer Weise ein Musterbeispiel für den technischen Optimismus des nuklearen Zeitalters. Beständig träumt Schoonover vom sauberen und nützlichen Einsatz von Kernwaffen. Die Wirkung der emittierten sichtbaren und unsichbtaren Strahlung ignoriert er vollständig. Kein einziger Mensch erblindet beispielsweise, wie lange er auch in das atomare Feuer sehen mag. Auch der rote Niederschlag ist nicht radioaktiv. Möglicherweise steht der Autor auch noch unter dem Eindruck des am 6 Juli 1962 von den U.S.A.  während der Arbeiten am Petschora-Kolwa-Kanal zur Explosion gebrachten 100kT-Sprengsatzes (siehe Bild links). Tatsächlich wurde die Nutzung von atomaren Explosionen für zivile Projekte also erprobt, aber aufgrund der radioaktiven Verseuchung der umgebenden Gebiete auch schnell wieder aufgegeben. Nicht so bei Schoonover.

Dem Zeitgeist geschuldet ist ebenso die Angst vor einer Eiszeit. Die uns allen bekannte Angst vor einer klimatischen Veränderung des Planeten durch Menschenhand existiert nämlich nicht erst seit den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts. Allerdings ging man in den 60er Jahren von einer drohenden Abkühlung der Welt aus. So ist wohl auch dieser Aspekt des Romans als Kniefall vor den Leseerwartungen zu verstehen. Schon Hans Dominik übrigens spielt in seinen Romanen mit der Verlaufsrichtung dieser Meeresströmung herum.

Die Angst der McCarthy-Ära vor einer fünften Kolonne innerhalb der eigenen Bevölkerung spiegelt sich bekanntlich auch im Science-Fiction-Roman bzw. Film wieder. Allerdings sind es nun nicht Kommunisten, sondern boshafte Außerirdische bzw. arrogante Übermenschen, welche die Herrschaft der Homo sapiens sapiens über diesen Planeten in Frage stellen und  sich unter der einheimischen Bevölkerung geschickt verbergen. Offenbar an dem phantastisch gruseligen Film  Das Dorf der Verdammten aus dem Jahre 1960 orientiert verpasst Schoonhover seinen 20-Minuten-Krieg-Kindern eine besondere Art von Augen, eine übermenschliche Fähigkeit zur Gedankenkontrolle, die Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation und ein völlig unmenschliches Gefühlsleben (falls man das noch so nennen kann).

Man sieht, der Autor hat den seinen Roman konsequent auf die Erwartungen des Leser hin zugeschnitten und das Werk spiegelt so den Zeitgeist der Epoche überdeutlich und komprimiert wieder. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit ihm tatsächlich interessant – aber bestimmt nicht aufgrund seiner literarischen Qualität. Die persönlichen – und wohl zur Aufrechterhaltung der Spannung gedachten – Geschichten der Protagonisten des Romans, nämlich der Väter zweier 20-Minuten-Kriegs-Kinder, wären auch beinahe gänzlich zu vernachlässigen (ich habe es bei der Wiedergabe des Inhaltes zumindest getan), wenn sich die Erzählung nicht als getreuer Bericht aus der Perspektive dieser beiden gerieren würde. Die sich deshalb im Verlaufe der Geschichte dem Leser langsam stellende Frage, wie dieser erzähltechnische Sachverhalt eigentlich möglich ist – was die Erklärung dafür ist, dass jemand über diese Protokolle verfügt, beantwortet sich erst am Ende des Romans. Dieser Abschluss war wohl als gruselige Pointe gedacht, er hat bei mir aber irgendwie nicht funktioniert, da der Autor hier ein letztes Mal patzt, indem er eine Situation konstruiert, die einfach an den Haaren herbeigezogen erscheint.

Fazit:  Der rote Regen ist ein literarisches Machwerk, aus dem sich viel über den Zeitgeist der frühen 60er Jahre und die Erwartungshaltung des Publikums lernen lässt.

Sibylle Berg: Ende gut

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht – Ein Pop-Roman zieht Bilanz

Flutwellen, Erdbeben, Seuchen und Terroranschläge: Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat 2005 mit Ende gut einen atemlosen dystopischen Roman abgeliefert, der eine provozierend subjektive und zugleich auch sehr amüsante Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Zustände der Berliner Republik ist. Und an diesem Roman lässt sich auch zeigen, was ein guter Pop-Roman eigentlich tut. Über die eingängige (und leider viel zu oft zu seichte) Unterhaltung des Lesers hinaus archiviert er nämlich die oft kläglichen Schnippsel unserer Alltagskultur, welche verloren gehen würden, wenn nur das erhalten bliebe, was den hohen Ansprüchen der bürgerlichen bzw. auch akademischen Künsten genügen würde. Dieses gelingt Sybille Berg auf drei verschiedene Arten. Da wären zum einen die kritischen Gedanken der jungen Ich-Erzählerin:

Das Jahrzehnt hatte den Körper zum heiligen Dings erklärt, gerade weil keiner mehr Körper brauchte, Männer keine Muskeln mehr benötigten, denn der neue Mittelstand, das neue Mittelmaß, die geistige Elite, hockte vor Computern, während die Frauen jung und straff sein mussten, so waren die 90er auch das Jahrzehnt der Schönheitschirurgie, der Hülle der der Leere. was nun Kommen mochte? Aufräumen oder Neubeginn? O-Ton Kakerlaken: Yes Sir.

Man merkt: Die Kakerlaken sind bereit, das Erbe des Menschen anzutreten – und dennoch warten wir noch etwas mit der Apokalypse. Denn das auch vom Umfange her dieses Werk Bestimmende ist die Auseinandersetzung mit dem Zustand bzw. den Zuständen in der Bundesrepublik kurz nach der Jahrtausendwende.  Und mich überkam beim Lesen ein bedrückendes Gefühl: Die Dystopie findet sich weniger in den Katastrophen, die über das Land, den Kontinent und die Welt hereinbrechen, sie wäre die von der Ich-Erzählerin beschriebene Gegenwart – wenn Dystopien nicht per definitionem fiktiv sein müssten. Seitenlang listet die Popliteratin durch das Sprachrohr der Ich-Erzählerin das Kritikwürdige unser Gesellschaft auf. Ohne Punkt, aber mit vielen Kommata, hastet sie atemlos durch die uniformen Straßenzüge unserer Großstädte, die spießigen und trügerischen Wohngebiete der Dörfer, geifert, würgt und spottet über die Oberflächlichkeiten ihrer Mitbürger, die Lebensentwürfe ihrer Kolleginnen, die Selbstgerechtigkeit der Intellektuellen, die körperliche Unform des deutschen Durchschnittsbürgers, das Spießbürgertum ihrer Nachbarn, den Geschmack der Hausfrauen, die Friseusen, die Werbemanagerinnen, die Sekretärinnen, die Politiker, die Manager, den Arbeiter, die Männer, die Frauen, das Land, die Welt und ihr eigenes Schicksal: Die Einsamkeit, die Sinnlosigkeit und ihre eigene Verzweiflung angesichts der Herausforderungen des Lebens:

Ich, das steht fest, war mir nie ein Freund. Ich habe keinen gefunden, der mich liebt. Die Liebe gab es nur in den Nächten, bevor ich mit dem Menschen war, den ich mir ausgesucht hatte, der mich unglücklich machen sollte. Lag ich in der Nacht, die vor Liebe immer wieder hell war, und habe gedacht: Wie ich ihn halten wollte, den Menschen, meinen Menschen, unter der Bettdecke, mit kleinen Tieren spielen. Und singen wollte ich mit dem Menschen, bis er lacht, und lachen wollte ich mit ihm, bis wir aus dem Bett fielen, ihn wecken, wenn der erste Schnee fällt, und rauslaufen, und dann ihn halten, bis ihm warm würde…

Das Hadern der Heldin mit der Gesellschaft der Bundesrepublik der Jahrtausendwende wird auch durch die überwiegend scheinbar banalen Kapitelüberschriften deutlich, die trotzdem neugierig machen und oft schmunzeln lassen. Sie lauten zum Beispiel: Wie viele unerwünschte Gedanken hat man pro Minute? Die Heldin denkt über Liebe, Sex und Berufe in der Vergangenheit nach. Im Anschluss wird sie ein wenig traurig oder auch Ein Pudding wird gegessen, eine alte Dame gerettet, ein Millennium-Tower gebaut, und es regnet. Dabei betonen die bewusst gerade an den normalen Dingen des Alltags orientierten Kapitelüberschriften den Archivcharakter des Buches – es sind nicht nur die Kästen, in denen die Erzählerin ihr Leben ablegt, sondern auch die Schubladen, in die sie ihre Mitmenschen steckt – und das mit deutlichem Wiedererkennungswert.

Angereichert wird der Text, der ein Bild unserer Gesellschaft liefern soll, aber neben den Gedanken der Ich-Erzählerin, die die eigentliche Handlung vor allem zu Beginn kaum spürbar machen, durch zwei weitere Archive: Erstens zitiert die Ich-Erzählerin aus ihrem Infohaufen,einem fiktiven Zettelberg, den die Autorin dazu nutzt, um dem Leser wichtige Hintergrundinformationen zu bestimmten Sachverhalten zu geben (z.B. zu bestimmten Viren und ihrer Darstellung in den Medien). Zweitens lässt sie die Personen(-gruppen), über die sich sich spöttisch auslässt, oft selbst zu Wort kommen. Und auch dabei kann man nicht umhin, immer wieder zu lächeln: O-Ton Ossi Herbert nach dem Kampf gegen die Fluten im Oderbruch:

Mein Hab und Gut – alles dahin. Vierzig Jahre Arbeit, stückweit umsonst. Erst hat uns die DDR betrogen um unseren gerechten Lohn, und dann kamen die Wessis und die Treuhand und der Teuro. Von Vorne bis hinten beschissen. Ich bin Frührentner […] Ich weiß nicht wie es weitergehen soll. Ohne Auto sind mir die Hände gebunden. Die Einbauküche ist noch nicht abbezahlt. Meine Frau ist ertrunken, als sie versucht hat, die Couch zu retten. Die war erst drei Monate alt.

Und ich kann mir nicht helfen: Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Habe ich nicht tatsächlich schon solche Interviews, damals, als Gerhard Schröder selbst die Deiche inspizierte, gehört?

Aber irgendwann überschlagen sich die Ereignisse: In Hamburg und Berlin brechen Seuchen aus – wohlgemerkt: verschiedene.  Dieses geschieht aber auch irgendwie weltweit – und zudem kommt es in Deutschland zu verheerenden Attentaten und terroristischen Anschlägen. Aber damit nicht genug: Flutwellen brechen über die Küsten Europas herein, der Notstand wird ausgerufen., ganze Städt abgeriegelt. Und da die Ich-Erzählerin auch gerade wieder einmal ihre Arbeit aufgrund von mangelnder Eignung verloren hat, macht sie sich auf den Weg, dem Schrecken zu entkommen. Sie besucht verschiedene Städte, darunter auch ihre eigentliche Heimatstadt Weimar und rastet ein paar Tage später eine zeitlang in einem Gasthaus auf dem Lande. Doch als auch dort die Welt unterzugehen scheint, bricht sie wieder auf. Auf der Straße wird sie von einem stummen Mann mitgenommen, von dem sie später auch eine zeitlang glaubt, er könnte ihr Mensch sein – doch genauso wenig, wie die beiden wissen, was sie miteinander anfangen sollen, haben sie eine Ahnung, wohin sie fahren könnten, da alle Reiseziele, die sie einmal hatten – Amsterdam, Paris, London – im Chaos untergegangen sind:

Dann saß ich neben ihm, meine Tasche zwischen meinen Füßen, und atmete wieder ruhig. Weg nur, irgendwohin, wo vielleicht die Sonne scheint und es keine Gasmasken gibt. Weiter zu denken mag ich nicht. Ich habe den Eindruck, ich bin schon gestorben, und die Hölle ist heiß: jede Tag im Gasthof aufwachen, Ölsardinen essen, die Dorfstraße beobachten. Warten, dass vielleicht ein Huhn kommt, ein Atompilz, ein besseres Fernsehprogramm.

Gemeinsam gelingt es ihnen, nach Norwegen zu gelangen, wo sie in einem Auffanglager unterkommen, das sich aber nur allzu schnell in eine esoterische Kommune zu verwandeln scheint. Zudem muss die Ich-Erzählerin beobachten, wie der potentielle ihr Mensch sich mit einem anderen Mitglied der Gemeinschaft sexuell vergnügt – deshalb bricht sie auch wieder auf.

Das Katastrophenszenario ist also nicht nur eines. Es sind zahllose. Darunter kann man übrigens auch das bisherige Leben der Protagonistin zählen, das sich durch den Neuanfang nach dem Ende der bisherigen Welt zwar irgendwie zum Besseren wendet, aber doch nicht die letzte Erlösung bringt. Selbst die Hoffnung, in einer religiösen – vielleicht sogar in irgendeiner – Gemeinschaft das Heil zu suchen, wäre trügerisch. Die  zuvor hereinbrechende Apokalypse wird dabei von Berg in einer Art und Weise überzeichnet, dass auch er letzte Leser merkt: Es geht nicht darum, in welche der brennenden Städte genau die Protagonistin geht, in welcher Kommune sie lebt. Es geht hier nicht darum, welche Katastrophe denn nun genau unsere Gesellschaft trifft – verdient hätten eine beliebige apokalyptische Katharsis  unsere Gesellschaft und jede Stadt sowieso (aber irgendwie auch vor allem Weimar, wo Sybille Berg selbst gelebt hat). Wenn man mit den Zuständen nicht ein Ende macht. Und einen Neubeginn wagt, trotz der geringen Aussicht darauf, dass am Ende alles gut wird. Was soll das sonst.

O-Ton Kakerlaken: Yes Sir.

Jewgenij Samjatin: Wir

Liest man einen Roman, dessen Handlung in einem totalitären System aus Überwachung und Kontrolle spielt, so ist ein Vergleich immer schnell zu Hand: Der mit Orwells Bestseller 1984. Dieses Meisterwerk aus dem Jahr 1948 ist die Wassermarke, an der die nachfolgenden Romane ihren Tiefgang messen lassen müssen. Bei dem Werk WIR des russischen Autors und Schiffsbauingineurs Jewgenij Samjatin ist dieses anders, denn er folgt 1984 nicht wie die übrigen im sicheren Kielwasser, sondern lotete das Genre schon vor ihm aus – und das um 28 Jahre, auf eine Weise, die sprachlos macht.

Und noch etwas haben die beiden Werke gemeinsam: Bekanntlicher Weise extrapoliert Orwell in seinem Werk die individuumsfeindlichen Charakterzüge und staatlichen Unterdrückungsmittel der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts, vornehmlich die der stalinistischen Sowjetunion. Samjatin gelingt dieses ebenso – allerdings noch vor der konkreten Ausbildung der stalinistischen Diktatur. Ermöglicht haben dem Autor dieses die Erfahrungen, die er in den auf die Oktoberrevolution 1917 folgenden Jahren unter Lenin im bolschewistischen Russland machte. In WIR liegt also das Bekenntnis eines ehemaligen kommunistischen Revolutionärs der ersten Stunde vor, der selbst aktiv an der Revolution beteiligt war – Samjatin organisierte den Austand auf dem Panzerkreuzer Potemkin mit – und der nun eine Abkehr von seinen ehemaligen politischen Mitstreitern vollzieht, weil er zu ahnen meint, in welchen entsetzlichen  gesellschaftlichen Zustand die Entwicklungen führen werden, wenn die bolschewistische Herrschaft ihre vollkommene Ausformung erlangt. Insofern ist WIR auch einer der großen antikommunistischen und antibolschewitischen Romane – und aus diesem Grunde (und weil ich ihn großartig finde) werde ich ihn auch etwas ausführlicher als die übrigen Werke behandeln.

7 Uhr aufstehen. Durch die gläsernen Wände rechts und links sah ich gleichsam mich selbst, mein Zimmer, meine Kleider, meine Bewegungen – tausendfach wiederholt. Das gab mir neuen Mut, ich empfand mich als Teil eines gewaltigen, einheitlichen Organismus. Und welch exakte Schönheit: keine überflüssige Geste, Neigung, Drehung. Ja, dieser Taylor war zweifellos der genialste Mensch der alten Zeit…

Die Welt, in der der Ich-Erzähler des Romans, Nummer D-503, lebt, hat dem Individualismus ein Ende bereitet. Nicht nur sind die Arbeitsschritte des Werktätigen nach Taylor’scher Manier in die idealen und ökonomischsten Einzelbewegungen zerlegt, sondern auch die privaten Verrichtungen. Wobei das Private und Persönliche eigentlich nicht mehr existiert, denn die Häuser sind wie ihre Türen und ihre Einrichtungsgegenstände aus Glas – und nur wenn man sich zu dem vom Computer aufgrund des eigenen Hormonhaushaltes genehmigten Stell-dich-ein mit einer anderen Nummer trifft, dürfen die Gardinen geschlossen werden. 2 Stunden stehen ihnen am Tage zur persönlichen Verfügung, wobei eine von ihnen üblicherweise durch einen gemeinsamen Spaziergang bei musikalischer Untermalung, wir würden sagen „durch einem Marsch“, durch die Prospekte der von der Außenwelt durch die grüne Mauer abgeschotteten Stadt ausgefüllt wird.

D-503 ist der Ingenieur des Integral, eines neuen Raketenflugzeuges, das die Lebensform des Einzigen Staates auch auf möglichen anderen Welten bekannt machen soll – bevor man mit Gewalt zu ihrer Missionierung schreiten muss. Zu diesem Zwecke beginnt er auch die vorliegenden Aufzeichnungen im Stile des Agitprop, denn der Wohltäter des Einzigen Staates hat eine Ausschreibung angeordnet. Und so beginnt D-503 in lauterer Erfüllung seiner Pflicht als Nummer über das Leben im Einzigen Staat und das Glück, das dieses den Nummern schenkt, zu berichten:

So gibt es nun keinen Grund mehr zum Neid, denn der Nenner des Bruches Zufriedenheit ist Null geworden- und der Bruch wird zur großartigen Unendlichkeit. Das, was bei unseren Vorfahren eine Quelle unzähliger, sinnloser Tragödien war, haben wir zu einer harmonischen, angenehm-nützlichen Funktion gemacht, ebenso wie Schlaf, die körperliche Arbeit, die Nahrungsaufnahme, die Verdauung und alles übrige. Darin zeigt sich, wie die große Kraft der Logik alles reinigt, was sie berührt. Ach, mögen Sie, ferner unbekannter Leser, diese göttliche Kraft erkennen und lernen, ihr in allem zu folgen.

Doch schon zu Beginn des Textes bemerkt man, dass die Ausführungen über die romantische Liebe – denn genau darüber berichtet D-503 hier – etwas geschönt sein müssen, denn als er seine Hände beim mittäglichen Marsch aus den Werkhallen der verführerischen und gleichzeitig rätselhaften I-330 zeigt (dass I-330 eine Frau ist versteht sich von selbst, denn ihre Nummer beginnt mit einem Vokal), flötet die mit D-503 und R-13 die drei Punkte eines Dreiecks bildende O-90Er ist auf mich eingetragen! Und ebenso hat D-503 Schwierigkeiten, in den vom Staate vorgeschriebenen traumlosen Schlafzustand zu kommen, wenn seine O-90 das rosa Billett besitzt, um sich mit seinem Freund und berühmten Dichter R-13 zum Tête-à-tête zu treffen. Und wie soll es anders sein, D-503 verliebt sich in die geheimnisumwitterte I-330. Und er muss feststellen, dass sie regelmäßig die Gesetze bricht: Sie raucht, sie trinkt,  sie beschafft sich Atteste um nicht zur Arbeit erscheinen zu müssen und sie vollzieht den sexuellen Akt ohne staatliche Erlaubnis – und ist zudem: eine Revolutionärin, die ihn braucht, um den Integral zu entführen:

Ich sprang auf: „Das ist ja Wahnsinn! Ist dir nicht klar, dass das, was du planst, eine Revolution ist?“ „Ja, es ist eine Revolution! Und warum soll es Wahninn sein?“ „Weil unsere Revolution die letzte war. Es kann keine neue Revolution mehr geben. Das wissen alle. Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch: „Mein Lieber, du bist doch Mathematiker, mehr noch, du bist Philosoph. Bitte nenne mir die letzte Zahl“

Aber schon die Gefühle für I-330 genügen, um D-503 aus dem Taylor’schen Takt kommen zu lassen – da bedarf es nicht noch des Alkohols oder der Erschütterung seiner Glaubensgrundlagen – woraufhin auch der Arzt des Gesundheitsamtes nicht ohne Augenzwinkern bei  dem verzweifelten und Hilfe suchenden  D-503 die Entwicklung einer ‘Seele’ diagnostiziert. Ratlos und mit einer solchen Krankheit geschlagen, muss sich D-503 letztendlich entscheiden, ob er mithilfe einer neu entwickelten Operationsmethode, die die Phantasie bei allen Nummern beseitigen kann und soll, in die Reihen der Angehörigen des Einzigen Staates zurückkehren oder gegen den Wohltäter stellen will, der seine Widersacher üblicherweise erst unter Gasglocken foltert und dann öffentlich in ihre atomaren Bestandteile auflöst. Und die Zeit drängt, denn der Staat hat eine Großoperation geplant.

Samjatins Roman hat mich auf verschiedene Weise beeindruckt. Nicht nur, dass er durch die Wahl der Form das den Künstlern der stalinistischen U.D.S.S.R vorgeschriebene Lobpreisen des ersten und einzigen kommunistischen Staates  der Erde im Agitprop auf Korn nimmt, er übernimmt auch das intolerante Sendungsbewusstsein der bolschewistischen Diktatur als Ausgangspunkt seines Werkes, um eine Welt zu gestalten, die den Anspruch und den Zeitgeist konsequent zuende denkt und beständig auch zwischen den Zeilen deutlich das ideologische Selbstverständnis der Bolschewiki thematisiert. Wobei er auch Dinge vorwegnimmt, von denen sich der normalsterbliche Sowjetbürger noch gar nichts träumen ließ, nämlich die Wahlen innerhalb der Volksdemokratien, die diesen Namen gar nicht verdienten. Und schon zu Beginn, beim Arbeiten und darauf folgenden Ausmarsch der Arbeiterkolonnen aus den Werken und Fabriken hat man das Gefühl, man lese das spätere Drehbuch zu Fritz Langs Film Metropolis oder sehe einen Wunschtraum desamerikanischen Monopolkapitalisten Henry Ford, der ja bekannter Weise von Taylor und der deterministischen Effizient-Bewegung bzw. dem (Scientific Management) geradezu hypnotisiert gewesen ist und in dem der Arbeiter mehr Maschine denn Mensch zu sein scheint.

Beachtet man, dass Samjatins Roman dem von Orwell voraus geht, so lassen sich bei Orwell in der Anlage des Überwachungsstaates und er Ausgestaltung des Großen Bruders und seiner Repressionsmittel deutlich Anklänge bemerken – ebenso wie in WIR die Rezeption von Wells Time Maschine spürbar ist, denn neben dem seit 900 Jahren existierenden Einzigen Staat gibt es jenseits der grünen Mauer durchaus noch eine andere Kultur. Dass WIR auch in den nicht-sozialistischen Staaten trotz einiger Veröffentlichungen heute noch so wenig bekannt ist, kann ich mir eigentlich nicht erklären. Es kann nicht an seiner mangelnden literaturhistorischen Bedeutung für dieses Genre oder seiner fehlenden Qualität liegen, denn beides besitzt der Roman zur Genüge. Es gibt also ausreichend Gründe, warum man WIR auf seine Leseliste setzen sollte: Macht es!

James Herbert: 48

Was wäre wenn: Die „Vergeltungswaffe“ des Dritten Reiches

In seinem kontrafaktischen Roman’48, der  mit seinem Titel ohne Zweifel auf die Orwell’sche Dystopie 1984 anspielenden soll, entwirft der englische Bestsellerautor James Herbert eine Welt des Grauens: Was wäre gewesen, wenn Adolf Hitler wirklich die wirksamen Vergeltungswaffen besessen hätte, auf die seine Anhänger in den letzten Tagen des Weltkrieges gehofft haben? Was der Roman über seinen Titel dem Leser so unterschwellig nahelegt – irgendwie eine Homage an die Orwell’sche Vision zu sein – hält er aber weder im Setting noch im Plot, in der Handlung und in der Qualität ein:

[…] Opfer des Bluttodes, die nicht begriffen hatten, was mit ihren Körpern geschah, warum ihre Arterien sich plötzlich verhärteten und anschwollen und unter der Haut erstarrten, warum ihre Hände sich dunkel verfärbten, warum sich in ihren Extremitäten das Blut staute, ihre kleinen Blutgefäße platzten, das Blut aus jeder Körperöffnung rann, aus ihren Ohren, ihren Augen, ihren Nasenlöchern, ihrem Mund, ihren Genitalien, ihrem After […]

An dieser Stelle breche ich die genau Wiedergabe der Folgen des Bluttodes, welcher als das Ergebnis einer deutschen biologischen Waffe am 24. März 1945 erst über die Londoner und später über die Bewohner der ganzen Welt hereinbricht, erst einmal ab – die Beschreibung zieht sich nämlich noch ein wenig unappetitlich weiter. Schließlich ist ja auch die Hauptfigur des Romans, wie einige wenige andere Menschen ebenfalls, aufgrund seiner seltenen Blutgruppe (AB) von der Seuche verschont geblieben. Deshalb sieht sich Eugene Nathaniel Hoke auch der anspruchsvollen Aufgabe gegenüber, alleine in der Metropole London zu überleben und diese von den verschrumpelten Londoner Bevölkerung zu befreien. Ganz allein? Nicht ganz, denn noch existieren einige dutzend englischer Faschisten mit ihm – aber leider helfen sie Hoke nicht bei seinen beiden Unternehmungen, sondern sind – in der Hoffnung, dass es ihr Leben retten kann – hinter Hokes Blut (AB) her wie sein Hund Cagney hinter den Bockwürstchen.

Innerhalb der von Autos verstellten Straßen Londons, das hin und wieder immer noch von einem offensichtlich unermüdlichen deutschen Bomberpiloten als Gegenstand seiner nächtlich wiederkehrenden Verbitterung missbraucht wird, retten drei Personen Hoke auf der Flucht vor den englischen Faschisten das Leben: Wilhelm, ein deutscher Kriegsgefangener, den Hoke auch vom ersten Moment an gerne meucheln würde, Muriel, ein überlebendes weibliches Exemplar der englischen High Society, und Cissie, eine proletarische Engländerin mit teilweise jüdischen Wurzeln. Auf ihrer langwierigen Flucht vor den Molotov-Cocktail werfenden „Schwarzhemden“ durch den Londoner Underground begegnen sie zudem dem ehemaligen Luftschutzwart Potter, der irgendwie verwirrt, aber immer noch gewissenhaft, seinen schon lange überflüssig gewordenen Dienst versieht. Gemeinsam suchen sie Unterschlupf im Savoy-Hotel, einem der luxuriösen Verstecke, die Hoke für sich im Laufe der letzten drei Jahre vorbereitet hat. Doch auch da spüren die Verfolger sie auf – weil ein Verräter unter ihnen ist.

Wie schon deutlich geworden sein sollte: Mir hat der Roman nicht gefallen. Die erste Verfolgungsjagd erstreckt sich von Seite 1 bis Seite 120. Das begann mich spätestens ab Seite 20 zu langweilen und ich gebe zu: Ich habe viele Seiten davon  nur überflogen. Insgesamt umfasst der Roman in meiner Ausgabe ungefähr 390 Seiten. Schätzungsweise 250 davon beschäftigen sich mit wilden Schießereien, schnellen Verfolgungsjagden oder sexuellem Gerangel. Der Klappentext verkündet auf dem Umschlage: Ein nervenzerfetzendes Drama von ungeheurer Intensität entwickelt sich zwischen diesen fünf Menschen (der Hund verschwindet zwischendurch immer wieder spurlos). Davon habe ich nichts gespürt. Etwas Tiefgang hat vielleicht die Beziehung zwischen dem vielleicht bösen Wilhelm und Hoke, der zwar weiß, dass er Opfer von Propaganda geworden ist, aber trotzdem dem arroganten Deutschen gerne mal ein paar Luftlöcher in den abgewetzten Anzug schießen würde.

Aber nicht nur scheint der Verlag bei der Formulierung des Klappentexes beide Augen zugedrückt zu haben, sondern auch der deutsche Lektor. Zwar kann man bei dem verwirrenden Gemetzel und zwischen den fliegenden Kugeln und Körperteilen durchaus einmal die Übersicht verlieren, aber dass die Beine eines Plünderers, der völlig geschockt dastand, auf den Schultern eines anderen landeten hätte durchaus auffallen können. Auch finde ich es ungewöhnlich, dass im Savoy Radios stehen, die nie wieder senden werden. Da fallen die unschönen  Sätze, die der schlechten Übersetzung geschuldet sind, gar nicht mehr so stark ins Gewicht: Eine leichte Brise,  die den Hauch des Verfalls mit sich trug, wehte mit dem Lichtschimmer herein.

Manchmal jedoch – und viel zu selten- senkt sich  zwischen und jenseits der endlosen Kämpfe im verlassenen London dann doch eine bedrückende apokalyptische Stimmung auf die menschenleeren Straßenzüge: […] und von meinem Standort konnte ich Schwärme silbriger Fische sehen, die, offenbar unberührt von der Seuche, in ihrem Element schwamen, das nicht mehr von menschlichen Abwässern verunreinigt war. Hier wehte eine frische und irgendwie beruhigende Brise, welche die Furcht vertrieb, die mich in den vergangenden Stunden begleitet hatte. Nur die geschrumpfen Sperrballons, die träge über dem Wasser schwebten, erinnerten mich daran, dass in Wahrheit nicht alles in Ordnung war mit der Welt. Mir reicht das aber für einen 390-Seiten-Roman nicht. Aus ihm könnte man möglicherweise einen ganz passablen Actionfilm machen, den würde ich mir dann vielleicht auch angucken – aber den Roman sollte man nun wirklich nicht lesen.

Ernst Jünger: Gläserne Bienen

Reiter und Roboter: Das Leiden an der Zeit

Er ist einer der großen deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts gewesen, der 1998 im Alter von 103 Jahren verstorbene Ernst Jünger. Das ist genügend Zeit, um ein vielseitiges Werk zu schaffen und an vielen Stellen anzuecken – und beides hat er getan. Was für erbitterte Kontroversen wurden und werden über ihn geführt: Jünger, der Träger des Eisernen Kreuzes und ehemaliger Soldat des ersten Weltkrieges, sei mit seiner Verherrlichung des Krieges und männlicher Tapferkeit in dem autobiografischen Werk In Stahlgewittern ein intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus gewesen, habe abertausenden von jungen deutschen Männern den Wunsch eingepflanzt, sich ebenfalls mit der Waffe in der Hand in der Extremsituation des Krieges unter fallenden Bomben und Kameraden beweisen zu wollen. Andere betonen hingegen seine frühe Abkehr vom Nationalsozialismus Anfang der dreißiger Jahre, eine Distanzierung, die auch in der als Kritik am System verstandenen Erzählung Auf den Marmorklippen deutlich wird, sein in der autobiografischen Schrift Strahlungen deutlich spürbares und glaubhaftes Entsetzen über jene Verbrechen, die SS, Wehrmacht und Sondereinsatzgruppen auf der Krim und im Kaukasus begangen haben – von denen er auf seinen Reisen im Auftrage Carl-Heinrich von Stülpnagels erfuhr – sowie seine Mitwisserschaft vom Attentat des 20. Juni. Gleich, wie man zu Jüngers politischen Aussagen und seiner Haltung gegenüber Krieg und Nationalsozialismus stehen mag – wer eines seiner Werke in die Hand nimmt und zu lesen beginnt, merkt: Das ist ein unglaublicher Umgang mit Sprache, ein beeindruckendes Ausdrucksvermögen, ein fantastischer Stil.

Weniger bekannt als die drei oben genannte namenhaften Werke ist seine oft als Roman gehandelte dystopische Erzählung Gläserne Bienen, die schon 1957 erschien und in der sich der geniale Jünger’sche Umgang mit der Sprache ebenso zeigt, wie seine Neigung, die „bewusst wahrgenommenen Seinsvorgänge“ auf ein Minimum zugunsten der „Bewusstseinsvorgänge“ (1) zu reduzieren. Und eben weil diesem Werk der Anspruch auf Totalität – wie es dem Roman gemeinhin zugeschrieben wird – fehlt, muss man hier meiner Ansicht nach auch von einer Erzählung – und zwar einer gar nicht so langen, denn in meiner Ausgabe umfasst sie gerade 105 Seiten – sprechen.

Die Äußere Handlung zeigt uns den Weltkriegsteilnehmer und ehemaligen Dragoner Richard, dessen Karriere aufgrund eines Mangel an einigen für die nach dem Kriege heraufdämmernde Zeit notwendigen charakterlichen Eigenschaften an ein Ende gekommen ist. Wir erleben ihn, wie er abgebrannt und wenig hoffnungsvoll als gescheiterter Panzerinspekteur im Büro seines alten Kameraden Twinning sitzt, der aufgrund seiner guten Kontakte eine Art Arbeitsvermittlung führt und Richard eine Stelle bei dem Großindustriellen Zapparoni anbietet, ihm aber nicht sagen kann, welche Aufgaben er bei der Annahme der Stelle zu erfüllen hätte. Richard erfährt nur, dass sein Vorgänger spurlos verschwunden sei und dass der letzte Bewerber sich nun in einem Irrenhaus befinde.

Er begibt sich daraufhin in das Haus Zapparonis, das gleich in der Nähe des Werkes liegt, in dem der mächtige Industriemogul seine technischen Kunstwerke – vom lebensecht erscheinenden Androiden bis zum Nanoroboter – produziert (Die Vision stammt von 1957!). Dort unterwirft ihn sein potenzieller neuer Arbeitgeber in einem kurzen Gespräch einer charakterlichen Prüfung, durch die Richard jedoch zu fallen scheint. Zapparoni bittet ihn daraufhin, im Garten der Villa auf ihn zu warten.

Der Aufenthalt im Garten – der sich über Stunden erstrecken soll – wird für Richard ein sonderbares und zugleich furchterregendes Erlebnis, denn neben den seltsamen schwebenden Automaten, die den Garten zu überwachen scheinen, und den großen gläsernen Bienen, die den Nektar effizienter aus den Dolden saugen als ihre natürlichen Vorbilder, entdeckt er Schreckliches.

Diese beinahe minimalistische Äußere Handlung wird immer wieder unterbrochen von den Reflektionen Richards über sein Leben, das in falschen Bahnen verläuft, seine Vergangenheit, nach der er sich immer wieder sehnt, die technischen Veränderungen in der Kriegsführung, die das soldatische Ideal der Zeit obsolet machen, die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Herausforderungen, denen er sich nicht schnell genug anpassen kann, sowie seine Frau, die zuviel von ihm hält und die er nicht enttäuschen will. Insofern scheint das eigentliche Geschehen nur den Anlass zu bieten, über das eigentlich relevante, – das Individuum und seine Zeit – nachzudenken. Diese Innere Handlung macht den weitaus größten Teil der Erzählung aus.

Und man kann nicht anders: Der Krieg, von dem Richard berichtet – auch wenn dieser wie die Staaten zeitlich  und räumlich nicht genau verortet werden kann – , ähnelt dem Ersten Weltkriege und die Lage, in der er Arbeit bei Zapparoni sucht, erinnert an die Situation der Heere von Beschäftigungslosen in der Weimarer Republik. Und deutlich hört man durch die Gedanken Richards auch die aus In Stahlgewittern bekannte Stimme Jüngers, die das Heil des Menschen in der kameradschaftlichen Verbundenheit und dem soldatischen Drill beschwört:

Ich muss zugeben, dass das faule Fleisch verschwand. Die Muskeln wurden wie Stahl, der auf dem Amboss eines erfahrenen Schmiedes von jeder Schlacke gereinigt worden ist. Auch die Gesichter änderten sich. Man lernte Reiten, Fechten, Stürzen und vieles andere. Man lernte es auf Lebenszeit.

Fassungslos berichtet der Ich-Erzähler, von einer zufälligen Begegnung mit einem ehemaligen Ausbilder, dem seine ganze Bewunderung ob seines Schlages bei Frauen, seiner Weise Feste zu feiern und seines Umgangs mit Pferden galt – und der nun Fahrkarten in den Straßenbahnen kontrolliert. Auch dieses findet Entsprechungen in den Lebensläufen der aus den Schützengräben heimkehrenden Soldaten des Ersten Weltkrieges. Die Frage bleibt: An wen verkauft sich Richard, als er Zapparoni und seinen gedrillten „übertierischen“ Bienen begegnet? Richard ist sich jedenfalls völlig bewusst, dass der Industriemagnat Menschen ohne Aufhebens seitens der zuständigen Behörden verschwinden lassen kann und dass eine strafrechtliche Verfolgung wie in alten Zeiten unmöglich ist. Und auch die Mittel, die dem Mächtigen zu Verfügung stehen,  scheinen schrecklich, deutet doch Twinnings an, dass Richards Vorgänger glaubte, von winzigen Maschinen verfolgt zu werden. Lesen lässt sich die Erzählung Gläserne Bienen also ähnlich wie Auf den Marmorklippen als Parabel auf die Zeit zwischen 1914 und 1945 – wenn auch hier die Gleichung nicht ganz aufgeht.

Trotz der eindrucksvollen sprachlichen Gestaltung der Erzählung hat sie mich insgesamt nicht überzeugt. Die Überbetonung der Inneren Handlung führt zwar nicht zu Längen, wie es sonst bei einigen Autoren der Fall ist, aber mir geschieht hier einfach zu wenig. Manchmal hat man den Eindruck, ein Essay über das historisch zwar interessante aber doch problematische Leiden Jüngers in und an der Weimarer Republik bzw. der Nachkriegszeit zu lesen, das in den fünfziger Jahren durchaus auf Resonanz beim Publikum gestoßen sein mag. Das ist mir insgesamt zu wenig – einige mögen dieses aber gerne anders sehen.

(1) Thomas Neuhauser, Der Roman, in: Otto Knörrich [Hg.], Formen der Literatur, Stuttgart, 1991, S.297-312, S. 312.