Jean-Christophe Rufin: Globalia

Mit Globalia legte Jean-Christophe Rufin 2004 einen beeindruckenden Roman vor – und setzt sich in diesem mit der Teilung der Welt in Arm und Reich, in westliche Industrienationen und Dritte Welt auseinander. Sein durchaus bemerkenswerter Lebenslauf dürfte ihn zur literarischen Verarbeitung dieses aktuellen Problems als Roman geführt haben: Von Beruf aus Arzt gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Organisation Ärzte ohne Grenzen, zeitweise war er Vizepräsident der französische Sektion. Seine Reisen führten ihn immer wieder in die dritte Welt. Nach Arbeiten für die französische Regierung wurde  er 2007 Botschafter im Senegal und 2008 das jüngste Mitglied der Académie francaise. Globalia ist sein vierter Roman und – wie ich finde – ein wirklich guter.

Aristotels schrieb einmal: Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave. In Rufins Roman Globalia hat die vergreiste Gesellschaft gewählt. Entstanden ist so eine totalitäre Demokratie, in der die totale Überwachung die vollkommene Sicherheit und Wohlstand garantiert. Vor allem den Älteren.  Beschützt werden muss die globalisierte Gemeinschaft dabei vor allem gegen das Einsickern von Terroristen aus den Non-Zonen, jenen Gebieten, die außerhalb der weltweit schützenden gläsernen Kuppeln Globalias liegen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen, die das völlig geordnete und ruhige Leben Globalias stören – und aus diesem ständigen Bedrohungsszenario leitet auch die immer gleiche Regierung ihre  – zugegebenermaßen durch die greise Mehrheit bestätigte – unter anderem ihre Legitimation ab.

Nach langen Vorreden, die Marguerite bereits aufhorchen ließen, teilten sie ihr mit, das das letzte jahr demografisch ungünstig gewesen sei. Es hatte zu viele Tote gegeben, und diese Tendenz hierlt seit drei Jahren an. Die Quote hatte die gesellschaftliche Harmonie alamiert. Eine gesunde Lenkung verlangte, die Fruchtbarkeit für ein paar Wochen zu steigern. Deshalb würden bis zum Jahresbeginn keine Schwangerschaften mehr unterbrochen werden.

Geburt und Tod sind in der Kuppelwelt selten geworden: Erst wenn jemand stirbt, wird jemand anderem die Erlaubnis erteilt, ein Kind zu bekommen. Die Familienplanung ist demzufolge gänzlich in den Händen des Staates. Und die Menschen werden dank des Fortschritts in Medizin und Technik immer älter. 200 Jahre sind da keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass gesellschaftliche Veränderungen in einer Welt, in der auch alle Kulturen unterschiedslos miteinander verschmolzen sind und das Stadtbild in jeder Kuppel Globalias mit einer beliebigen anderen austauschbar ist, einfach ausbleiben – deshalb kann auch alle 60 Jahre die Zeitrechnung wieder auf Null gestellt werden. Und dennoch muss sich die Herrschaft der Mächtigen irgendwie legitimieren, auch wenn sich die Einwohner ein anderes Leben als das unter den Kuppel nicht mehr vorstellen können und nur noch wenig über die Welt außerhalb wissen.

Eine Frau bekam bei dem Anblick dieser Landschaft nervöse Zustände und jammerte, ihr sei schwindlig. Umstehende mussten sie beruhigen: Wie alle anderen auch, hatte sie der offene Raum und das natürliche Licht verwirrt. Man wies auf die Glaswände hin, die den Saal von allen Seiten umgaben und hoch über den Köpfen ein riesiges Gewölbe bildeten. Das waren die gleichen Wände, die auch die Stadt umschlossen und zu einer gesicherten Zone machten. Die Frau entspannte sich allmählich.

Peter Sloterdjk sagte einmal: “Der ‘war on terror’ besitzt die ideale Eigenschaft, nicht gewonnen werden zu können – und daher nie beendet werden zu müssen.” Für Globalia gilt dieser Satz allerdings nicht mehr, denn aufgrund der übermächtigen Möglichkeiten der Kuppelhüllenkultur gibt es in den Non-Zonen keine wirklich ernsthaften Gegner mehr. Wo sich reale oder auch nur vermeindliche Gegener in den wilden Einöden zeigen, beseitigen medienwirksame Bombardements von Siedlungen bzw. Einsätze von Elitekampfgruppen gegen die Einwohner der Non-Zonen jeden möglichen Widerstand, worauf stets die humanitären Einsätze der Globalen Hilfsarmee folgen (diese Maßnahmen haben mich im Übrigen sehr an den Krieg in Afghanistan erinnert). Deshalb wird auch der junge Globalier Baikal , der aus Unzufriedenheit über sein Leben unter der Käseglocke versucht hat, in die Non-Zonen zu gelangen, von der Regierung in diese mit dem Hintergedanken geschickt, einen organsierteren Widerstand gegen Globalia aufzubauen. Denn der Staat, der seine Bürger gläsern halten will, braucht nicht nur für die Neueinschränkungen der Privatssphäre, sondern auch für die Aufrechterhaltung der geheimdienstlichen Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung immer wieder die Legitimation durch ein potentielles Bedrohungsszenario – das merkt man beispielsweise, wenn Angela Merkels Sätze Äußerungen vom 12.08.2009 betrachtet, die man so zusammenfassen kann: Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung [Quelle: Heise.de]. Und die Mächtigen von Globalia wissen: So kannman keine totalitäre Demokratie aufrecht erhalten, geschweige denn einführen.Dazu bedarf es mehr.Und damit Behauptungen wie die von Jürgen Gehb, dem rechtspolitischen Sprecher der CDU – welche aber auch genauso gut von einem Repräsentanten der Regierung Globalias hätte geäußert werden können – erst überhaupt glaubhaft werden (“Der Schutz der Privatsphäre ist zu einem Schutzschild für Verbrecher geworden, das Deutschland zu einem Biotop für Terroristen… macht”) bedarf es sogar eines inneren Bedrohungsszenarios. Deshalb hoffen die Regenten Globalias auch darauf, dass es Baikal gelingen wird, mit seiner in den Non-Zonen aufgebauten Organisation den Kuppelstaat zu infiltrieren. Dann bräuchten sie nicht die Anschläge in den belebten Einkaufsstraßen durch ihre eigenen Geheimdienste zu organisieren. Altman, der Kopf hinter diesem Plan sagt dazu:

Wir sind in gewisser Weise die Opfer unseres Erfolges. Der Gesellschaftsschutz hat gut gearbeitet. Alles ist unter Kontrolle, und wir haben keinen Feind mehr, der diesen Namen verdient. Wo kann man heute noch hoffen, eine ernsthafte Bedrohung zu finden? Künftig müssen wir die Non-Zonen stärken, hervorragende Männer hineinschicken, in der Hoffnung, dass sie die elenden Massen zusammenführen.

Was Rufin geschaffen hat, ist eine detaillierte literarische Analyse der heutigen Entwicklungen  – und viele Eigenschaften der Rufin’schen Welt glauben einige schon heute im Ist-Zustand der Welt zu erkennen. Rufins Kuppelwelt Globalia entspricht in vielen Details den Ergebnissen dessen, was Peter Sloterdjk jetzt schon unserer globalisierten Treibhauswelt zuschreibt. Denn Rufin liefert in der Tradition von Orwells 1984 mit seinem gelungenen Roman eigentlich nicht eine eindrucksvolle Vision dessen, was unsere Zukunft sein könnte, sondern projeziert das Heute in das Morgen – und das wirkt um so verstörender, als die Motive der Mächtigen eigentlich rechtschaffen sind:

Ihr hattet dieselben Träume bei der Gründung Globalias: Eine Demokratie zu schaffen, die von der Geschichte verschont würde; die Menschen vom ewigen Rückfall in ihre Utopien zu befreien; ein für alle mal Schluss zu machen mit der mörderischen Geografie der Völker und ihrer kleinen Länder.

Mein Fazit ist: Auch wenn mich das Ende des Romans – auf das ich hier bewusst nicht eingegangen bin – literarisch etwas enttäuscht hat und dieser insgesamt das künstlerische Niveau der von vielen Rezensenten beschworenen Werke Brave New World und 1984 nicht erreicht: Globalia ist ein beeindruckender, lehrreicher, spannender und unterhaltsamer Roman, der weit entfernt von den Stereotypen ‘Gut’ und ‘Böse’ eine Zustandsbeschreibung unserer Welt unternimmt  und – wenn ich eine Prognose wagen darf – noch lange ein Buch bleiben wird, das man unbedingt gelesen haben sollte.

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