Nick Harkaway: Die gelöschte Welt

Normalerweise schreibt man eine Rezension idealerweise zu einem Zeitpunkt, der nicht so lange von dem Moment entfernt ist, an dem man das zu besprechende Buch ausgelesen hat. Das hat eine Menge Vorteile: Die Handlung ist noch präsent, der Eindruck noch frisch und man ist stark zum Schreiben motiviert. Mit dem Debüt Nick Harkaways aus dem Jahre 2008, er ist übrigens ein Sohn des berühmten John le Carré, ist mir dieses nicht gelungen: Weil ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich dieses Buch bewerten sollte. Die gelöschte Welt musste ich erst ein mal verdauen – in kleinen konsumierbaren Happen.

„Ihr wisst sicher, dass am Jorgemund-Rohr ein Brand ausgebrochen ist… Es ist aber noch viel schlimmer. Es handelt sich nämlich um ein Pumpwerk, sogar ein großes. Da lagern tausende Barrel FOX, das so explosiv wie Kerosin ist und jederzeit ein Loch in diese Scheißwelt brennen könnte.

Der Anfang des Romans stellt den Leser vor ein Rätsel, auf dessen Lösung er lange warten muss. Irgendetwas ist mit der Welt passiert, irgendwie ist nur noch Leben am Rande eines Rohrsystems möglich, irgendwer lauert außerhalb der sicheren Zonen in den verfluchten Landstrichen, die man nur mit schwerbewaffneten Konvois durchfahren kann. Die Hauptfigur und der Ich -Erzähler des Romans, hat genau dieses Abenteuer vor sich. Der Ich-Erzähler ist Teil eines erfahrenen Teams, welches unter Gonzo Lubischs Leitung steht und das engagiert wird, jenes gefährliche Feuer am Jorgemund-Rohr zu löschen.

Mit dem zweiten Kapitel setzt nun eine Rückblende ein, in welcher der Leser weit in der Vergangenheit der Hauptfigur und Gonzo Lubischs blickt und die deutlich macht, dass der Autor Spaß am Erzählen hat. Der Leser erfährt von der Annahme des Ich-Erzählers durch die Familie Gonzos, seine Jugend, sein Kampfsporttraining bei Meister Wu, seine ersten Liebeleien, seinen Schulabschluss und Studium, seine erste Verhaftung durch dem Heimatschutz, seine Beteiligung an einem geheimen militärischen Forschungsprojekt, aus dem eine neuartige Waffe hervorgeht, über die die U.S.A. als einzige Macht zu verfügen scheinen, – und von deren Einsatz im nächsten Krieg. Als die neuartige Bombe das erste Mal die Informationen zerstört, welche die Materie überhaupt in jene Formen bringt, wie wir sie kennen, als sie den Stoff, aus dem die Dinge bestehen, einfach auflöst, zeigt sich:  Die Nemesis folgt der Hybris auf dem Fuße und mit der Welt zu spielen, wenn man nicht alle Regeln kennt, ist gefährlich. Grauenhaftes erwächst an den Orten aus der Leere, welche die Bombe hinterlässt – und da nicht nur die U.S.A., sondern auch eine ganze Reihe anderer Mächte im Besitz der Bombe sind, wandelt sich der lokale Konflikt zu einem Weltkrieg und nach dem interkontinentalen Schlagabtausch auch von einem Moment zum anderen das Angesicht der Erde – ein Ort, an dem die wenigen Menschen, die den Weltkrieg überlebt haben, um ihr nacktes Überleben und gegen ihre schlimmsten Albträume kämpfen müssen. Dabei ist auch Gonzo Lubitsch oft der der Verzweiflung nahe:

Die meisten Leute haben beim Beten eine klare Vorstellung, wohin sie ihre Worte richten müssen. Sie denken an Gott den Bärtigen, Gott den wallend Gewandeten oder Gott den abwesenden Vater, der irgendendwoauf einer Wolke sitzt und seine Post durchsieht. Mein Gebet kommt in einen leeren Umschlag, den ich einfach an einer Bushaltestelle liegen lasse. Jeder, der sich dafür interessiert, kann ihn nehmen und öffnen. Jeder, der Gott sein will – so stellt es sich jedenfalls für mich dar – kann den Daumen zwischen Umschlag und Hülle schieben und das Siegel lösen, um meinen einzigen feierlichen Wunsch zu lesen: Lieber Gott, ich will nach Hause. Um in meinen persönliches Pantheon zu gelangen, müssen sie nur noch das passende Wunder liefern.

Es ist gerade dieser Stil, der das Buch so lesenswert macht: Der Autor nimmt sich nicht nur Zeit für seine Figuren, sondern hat anscheinend auch viel Aufmerksamkeit auf die sprachliche Gestaltung seines Werkes gelegt – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellte – gäbe es nicht so viele schlecht erzählte und zu schnell heruntergeschriebene Romane in diesem Genre. Gleich, wieviel Energie er tatsächlich aufgewendet hat: Schreiben kann Harkaway.

Der Roman gibt dem Leser zudem an vielen Stellen Gelegenheit zum Schmunzeln – und neben den zahlreichen Rätseln, die den Leser immer wieder an das Buch fesseln, ist es gerade das, was dieses Buch für mich so unterhaltsam macht:

Etwas zu spät fällt mir ein, dass es eine Reihe Qigong-Übungen gibt, die man (natürlich vorher) benutzen kann, um den Schmerz auszublenden. Sie heißen die Neun Kleinen Schwestern, was Meister Wu ein wenig erotisch fand. Wenn er die Übungen erklärte, bekam sein Gesicht immer so einen sehnsüchtigen, lüsternen Ausdruck, was mich auf die Idee brachte, dass er in seiner Jugend mindestens drei von ihnen sehr gut gekannt hatte.

Vielleicht waren es gerade die Leichtigkeit und die Unkonventionalität des Stiles in Kombination mit der kreativen Rätselhaftigkeit der Handlung, die mich beim Lesen dazu verlassten zu denken: „Das ist etwas Neues.“ Dabei ist vieles gar nicht so neu, wie es bei der Erstrezeption scheint, Harkaway hat nur äußerst gekonnt Elemente vieler literarischer und cinematographischer Genres gemischt und zu etwas verschmolzen, das durchaus den Eindruck von Orginalität macht.

Da sind beispielsweise zum einen die rätselhaften Wesen, die dem Mystery-Science-Fiction entstammen könnten, und zum anderen die Ausbildung der Hauptfigur durch Meister Wu sowie die immer wiederkehrenden Zweikampfszenen, die ganz offenbar beide stark von Martial-Arts-Filmen beeinflusst sind. Von den unvermeidlichen Ninjas ganz zu schweigen: Bruce Lee und Karate Kid lassen grüßen. Die Kriegsszenen des Buches scheinen, wenn man sie genau betrachtet, sich weniger an Military-Science-Fiction-Romanen als an den klassischen Vietnamfilmen zu orientieren – nebst Ausbildung und Drill Seargent à la Full Metall Jacket. Auch die charakteristischen Züge einzelner Gemeinschaften erinnern an Filme – eine Tatsache, die Harkaway auch zugibt:

Ruth Kemner sitzt auf einem Thron. Verglichen mit anderen macht er nicht viel her. Es handelt sich um den Pilotensitz eines Kampfhubschraubers, den jemand mit Leopardenfellen bedeckt hat, die wahrscheinlich nicht einmal von echten Leoparden stammen. Dieses Bild erinnert mich an die Filme aus dem Siebzigerjahren, in denen Kriegerfrauen, dargestellt von badenden Schönheiten, eine Gruppe männlicher Schiffbrüchiger fangen und hinzurichten drohen, bis sie schließlich in seeligem Vergessen in den Armen der tapferen Männer mit den markanten Gesichtern dahinschmelzen. Echte Männer halten nämlich nichts vom sapphischen Unfug, sondern wissen, dass jedes anständige Mädchen eine feste Hand braucht.

Mich erinnert die hier beschriebene Szenerie  übrigens eher an eine ganz bestimmte Gemeinschaft aus Apocalypse now oder an die entsprechende Siedlung in Joseph Conrads Heart of Darkness. Welchem Werk die Reminiszenzen auch immer gelten mögen, deutlich wird, dass Harkaway sich anstandslos auf eine äußerst kreative Weise beliebter Elemente der Popkultur bedient, um seine eigene fiktive literarische Welt zu gestalten. Dieses ist insgesamt gelungen. Ebenso wie der ganze Roman, den ich – obwohl ich nun weiß, was des Rätsels Lösung ist – bestimmt noch ein weiteres Mal lesen werde.

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