Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Vielversprechend.

Faserland! Für mich das Werk, mit dem die neue Popliteratur in Deutschland 1995 wirklich Einzug gehalten hat. Und was für einen – einfach großartig! Und dann: 1979! Niemals wieder habe ich in den Erscheinungen der letzten Jahre eine so bedrückende Landschaftsbeschreibung gefunden, nie wieder ein so entsetzendes Ende wie in diesem Roman. Und was sich mit 1979 langsam andeutete, ist tatsächlich geschehen: Christian Krachts dritter Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten hat nichts mehr mit der verflachenden deutschen Popliteratur gemein und ist – auch wenn es niemand zu sagen wagt – ein kontrafaktischer Science Fiction Roman. Wie war ich auf diesen Roman gespannt!

Die Ausgangspunkt der alternativen historischen Entwicklung ist die allseits bekannte  Reise Lenins ins Russische Zarenreich im Jahre 1917 (Man erinnert sich: Dem sonst eher nicht aufgrund seiner erfolgreichen Vorhaben  bekannten Deutschen Kaiser Wilhelm II. gelingt ein sagenhafter Coup: Er stattet den radikalen Kommunisten Lenin mit Geld aus und ermöglicht ihm in einem Sonderzug die Reise aus  dem Schweizer Exil  in seine kriegsmüde Heimat – in der Lenin respektive Wladimir Iljitsch Uljanow innerhalb weniger Wochen auch prompt die Macht an sich reißt, den Zaren erschießen lässt und den Krieg mit dem Reich beendet). In Krachts Vision findet diese Reise aber nicht statt. Die Folge: Die Schweiz wird eine Räterepublik. Und führt ab diesem Zeitpunkt Krieg gegen das Deutsche Reich. Und das seit über 90 Jahren.

Gewagt.

Man muss den Autor für die Wahl seines Ausgangspunktes loben, denn selten hat ein so kleines Ereignis den Lauf der Geschichte so massiv beeinflusst. Ohne Lenin wäre die UDSSR wohl nicht denkbar gewesen und die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre vollständig anders verlaufen, als wir sie kennen. Aber die von Kracht konstruierte Entwicklung…  Eine Schweizer Sowjetrepublik , die SSR… die sich im Krieg mit dem Deutschen Reich und später auch mit der Kolonialmacht England befindet… die sich 90 Jahre behaupten kann und auch noch große Teile Afrikas erobert hat, um daraus die zur Kriegsführung notwendigen Ressourcen zu schöpfen… ohne dass eine nennenswerte technische Entwicklung stattgefunden hätte…  Das ist, wenn man es äußerst positiv formulieren will, ‘gewagt’.

Provokant.

Man bemerkt es erst nach einigen Seiten: Der Ich-Erzähler des Romans, der Parteikommissär von Neu-Bern ist ein Farbiger. Und im Laufe des Romans stellt man fest: Die Mehrzahl der Einwohner der SSR, vor allem die Mwanas (Kinder),  ebenfalls. Während die uns bekannte Schweiz nicht gerade für Aufnahmewilligkeit ausländischer Arbeitswilliger und Flüchtlinge oder ihre offene multikulturelle Gesellschaft bekannt ist, wirkt die Schweiz Krachts wie ein Schmelztiegel, in dem die autochtonen Bewohner nach und nach zu verschwinden scheinen.

Überraschenderweise scheint die technische Entwicklung aufgrund des Krieges zu stagnieren (es gibt Luftschiffe und Raketen existieren nur als Idee), was eher ungewöhnlich erscheint, ist doch nur allzu häufig gerade die blutige Auseinandersetzung mit dem nächsten Nachbarn der Ansporn zu technischem Fortschritt gewesen. Nicht umsonst wird mit Blick auf die wissenschaftliche und waffentechnische Entwicklung die militärische Konkurrenzsituation auf unserem Kontinent immer wieder als Ursache für den europäischen Sonderweg gesehen.

Mysteriös.

Was aber vor allem den Schweizer bedrücken könnte: Die Kultur befindet sich in einem seltsamen Wandel. Selbst der Ich-Erzähler, der zu den Wenigen gehört, die noch schreiben, bringt nur ein paar Wörter ohne grammatischen Zusammenhang zu Papier – und die neuesten Wandmalereien im Réduit, dem tatsächlich existierenden Tunnelsystem in den schützenden Alpenbergen, in die der Politkommissär den geheimnisvollen polnischen Juden Brazhinsky verfolgt, erinnern  ihn an die primitiven Höhlenmalereien seiner Vorfahren in Afrika. Das lässt sich durchaus als Niedergang interpretieren, wobei sich dann die Frage stellt, ob der Autor tatsächlich meint, was er uns hier so nahelegt.

Eine seltsame Atmosphäre besitzt der Roman. Die verschneite Schweiz, durch die der Ich-Erzähler seine Verfolgungsjagd aufnehmen muss, wirkt aufgrund der afrikanischen Einflüsse stark verfremdet. Langstreckenartilleriegeschosse kreuzen beständig den Himmel und verschiedenste Minen lauern unter der Schneedecke. Das schafft eine äußerst bedrohliche Stimmung, die erst nachlässt, nachdem der Politkommissar das weitgehend autonomen Réduit erreicht und Brazhinsky, der den dort lebenden Menschen wie ein Guru die von ihm neu entwickelte Raum-Sprache lehrt, gefunden hat.

Die Atmosphäre des Geheimnisvollen, des Rätselhaften wird nicht zuletzt auch durch den beeindruckenden sprachlichen Stil Krachts hervorgerufen. In den sehr detaillierten Umgebungs- und sehr knappen Vorgangsbeschreibungen findet sich kein Wort, das zuviel wäre – aber auch kaum eines, das die Sätze kausal, lokal oder temoral verknüpfen würde. Es wird dem Leser überlassen, aus den wie gemeißelt wirkenden Satzfolgen die notwendige Kohäsion herzustellen.

Die Wirkung, die aus einem solchen Verzicht auf adverbiale oder präpositionalen Satzverbindungen in Kombination mit den oben beschriebenen Verfremdungseffekten und einer äußerst sachlichen, geradezu humorlosen bzw. emotionsfeindlichen Erzählhaltung erzielt wird, ist bemerkenswert.  Wenn aber der Autor erklärungslos nach dem Tode Brazhinskys alle Menschen afrikanischer Herkunft  in ihre Heimat zurückkehren lässt und sich die Augen der Hauptfigur blau zu färben beginnen und der Roman so endet, dann wird, wenn der schweizerische oder nichtschweizerische Leser die gesamte Handlung noch einmal rekapituliert, ein ganz bestimmter Punkt erreicht:

Der, an dem er sich fragt: Auf wessen Kosten geht der Witz eigentlich?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s