Jean-Christophe Rufin: Globalia

Mit Globalia legte Jean-Christophe Rufin 2004 einen beeindruckenden Roman vor – und setzt sich in diesem mit der Teilung der Welt in Arm und Reich, in westliche Industrienationen und Dritte Welt auseinander. Sein durchaus bemerkenswerter Lebenslauf dürfte ihn zur literarischen Verarbeitung dieses aktuellen Problems als Roman geführt haben: Von Beruf aus Arzt gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Organisation Ärzte ohne Grenzen, zeitweise war er Vizepräsident der französische Sektion. Seine Reisen führten ihn immer wieder in die dritte Welt. Nach Arbeiten für die französische Regierung wurde  er 2007 Botschafter im Senegal und 2008 das jüngste Mitglied der Académie francaise. Globalia ist sein vierter Roman und – wie ich finde – ein wirklich guter.

Aristotels schrieb einmal: Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave. In Rufins Roman Globalia hat die vergreiste Gesellschaft gewählt. Entstanden ist so eine totalitäre Demokratie, in der die totale Überwachung die vollkommene Sicherheit und Wohlstand garantiert. Vor allem den Älteren.  Beschützt werden muss die globalisierte Gemeinschaft dabei vor allem gegen das Einsickern von Terroristen aus den Non-Zonen, jenen Gebieten, die außerhalb der weltweit schützenden gläsernen Kuppeln Globalias liegen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen, die das völlig geordnete und ruhige Leben Globalias stören – und aus diesem ständigen Bedrohungsszenario leitet auch die immer gleiche Regierung ihre  – zugegebenermaßen durch die greise Mehrheit bestätigte – unter anderem ihre Legitimation ab.

Nach langen Vorreden, die Marguerite bereits aufhorchen ließen, teilten sie ihr mit, das das letzte jahr demografisch ungünstig gewesen sei. Es hatte zu viele Tote gegeben, und diese Tendenz hierlt seit drei Jahren an. Die Quote hatte die gesellschaftliche Harmonie alamiert. Eine gesunde Lenkung verlangte, die Fruchtbarkeit für ein paar Wochen zu steigern. Deshalb würden bis zum Jahresbeginn keine Schwangerschaften mehr unterbrochen werden.

Geburt und Tod sind in der Kuppelwelt selten geworden: Erst wenn jemand stirbt, wird jemand anderem die Erlaubnis erteilt, ein Kind zu bekommen. Die Familienplanung ist demzufolge gänzlich in den Händen des Staates. Und die Menschen werden dank des Fortschritts in Medizin und Technik immer älter. 200 Jahre sind da keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass gesellschaftliche Veränderungen in einer Welt, in der auch alle Kulturen unterschiedslos miteinander verschmolzen sind und das Stadtbild in jeder Kuppel Globalias mit einer beliebigen anderen austauschbar ist, einfach ausbleiben – deshalb kann auch alle 60 Jahre die Zeitrechnung wieder auf Null gestellt werden. Und dennoch muss sich die Herrschaft der Mächtigen irgendwie legitimieren, auch wenn sich die Einwohner ein anderes Leben als das unter den Kuppel nicht mehr vorstellen können und nur noch wenig über die Welt außerhalb wissen.

Eine Frau bekam bei dem Anblick dieser Landschaft nervöse Zustände und jammerte, ihr sei schwindlig. Umstehende mussten sie beruhigen: Wie alle anderen auch, hatte sie der offene Raum und das natürliche Licht verwirrt. Man wies auf die Glaswände hin, die den Saal von allen Seiten umgaben und hoch über den Köpfen ein riesiges Gewölbe bildeten. Das waren die gleichen Wände, die auch die Stadt umschlossen und zu einer gesicherten Zone machten. Die Frau entspannte sich allmählich.

Peter Sloterdjk sagte einmal: “Der ‘war on terror’ besitzt die ideale Eigenschaft, nicht gewonnen werden zu können – und daher nie beendet werden zu müssen.” Für Globalia gilt dieser Satz allerdings nicht mehr, denn aufgrund der übermächtigen Möglichkeiten der Kuppelhüllenkultur gibt es in den Non-Zonen keine wirklich ernsthaften Gegner mehr. Wo sich reale oder auch nur vermeindliche Gegener in den wilden Einöden zeigen, beseitigen medienwirksame Bombardements von Siedlungen bzw. Einsätze von Elitekampfgruppen gegen die Einwohner der Non-Zonen jeden möglichen Widerstand, worauf stets die humanitären Einsätze der Globalen Hilfsarmee folgen (diese Maßnahmen haben mich im Übrigen sehr an den Krieg in Afghanistan erinnert). Deshalb wird auch der junge Globalier Baikal , der aus Unzufriedenheit über sein Leben unter der Käseglocke versucht hat, in die Non-Zonen zu gelangen, von der Regierung in diese mit dem Hintergedanken geschickt, einen organsierteren Widerstand gegen Globalia aufzubauen. Denn der Staat, der seine Bürger gläsern halten will, braucht nicht nur für die Neueinschränkungen der Privatssphäre, sondern auch für die Aufrechterhaltung der geheimdienstlichen Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung immer wieder die Legitimation durch ein potentielles Bedrohungsszenario – das merkt man beispielsweise, wenn Angela Merkels Sätze Äußerungen vom 12.08.2009 betrachtet, die man so zusammenfassen kann: Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung [Quelle: Heise.de]. Und die Mächtigen von Globalia wissen: So kannman keine totalitäre Demokratie aufrecht erhalten, geschweige denn einführen.Dazu bedarf es mehr.Und damit Behauptungen wie die von Jürgen Gehb, dem rechtspolitischen Sprecher der CDU – welche aber auch genauso gut von einem Repräsentanten der Regierung Globalias hätte geäußert werden können – erst überhaupt glaubhaft werden (“Der Schutz der Privatsphäre ist zu einem Schutzschild für Verbrecher geworden, das Deutschland zu einem Biotop für Terroristen… macht”) bedarf es sogar eines inneren Bedrohungsszenarios. Deshalb hoffen die Regenten Globalias auch darauf, dass es Baikal gelingen wird, mit seiner in den Non-Zonen aufgebauten Organisation den Kuppelstaat zu infiltrieren. Dann bräuchten sie nicht die Anschläge in den belebten Einkaufsstraßen durch ihre eigenen Geheimdienste zu organisieren. Altman, der Kopf hinter diesem Plan sagt dazu:

Wir sind in gewisser Weise die Opfer unseres Erfolges. Der Gesellschaftsschutz hat gut gearbeitet. Alles ist unter Kontrolle, und wir haben keinen Feind mehr, der diesen Namen verdient. Wo kann man heute noch hoffen, eine ernsthafte Bedrohung zu finden? Künftig müssen wir die Non-Zonen stärken, hervorragende Männer hineinschicken, in der Hoffnung, dass sie die elenden Massen zusammenführen.

Was Rufin geschaffen hat, ist eine detaillierte literarische Analyse der heutigen Entwicklungen  – und viele Eigenschaften der Rufin’schen Welt glauben einige schon heute im Ist-Zustand der Welt zu erkennen. Rufins Kuppelwelt Globalia entspricht in vielen Details den Ergebnissen dessen, was Peter Sloterdjk jetzt schon unserer globalisierten Treibhauswelt zuschreibt. Denn Rufin liefert in der Tradition von Orwells 1984 mit seinem gelungenen Roman eigentlich nicht eine eindrucksvolle Vision dessen, was unsere Zukunft sein könnte, sondern projeziert das Heute in das Morgen – und das wirkt um so verstörender, als die Motive der Mächtigen eigentlich rechtschaffen sind:

Ihr hattet dieselben Träume bei der Gründung Globalias: Eine Demokratie zu schaffen, die von der Geschichte verschont würde; die Menschen vom ewigen Rückfall in ihre Utopien zu befreien; ein für alle mal Schluss zu machen mit der mörderischen Geografie der Völker und ihrer kleinen Länder.

Mein Fazit ist: Auch wenn mich das Ende des Romans – auf das ich hier bewusst nicht eingegangen bin – literarisch etwas enttäuscht hat und dieser insgesamt das künstlerische Niveau der von vielen Rezensenten beschworenen Werke Brave New World und 1984 nicht erreicht: Globalia ist ein beeindruckender, lehrreicher, spannender und unterhaltsamer Roman, der weit entfernt von den Stereotypen ‘Gut’ und ‘Böse’ eine Zustandsbeschreibung unserer Welt unternimmt  und – wenn ich eine Prognose wagen darf – noch lange ein Buch bleiben wird, das man unbedingt gelesen haben sollte.

Michal Hvorecky: City. Der unwahrscheinlichste aller Orte

Pepsi-Carola oder: Wie wahrscheinlich ist eigentlich das Absurde?

Ratlosigkeit. Das ist der Begriff, mit dem sich mein Gefühl nach der Lektüre des 2006 im Berliner Taschenbuchverlag erschienen Romans City. Der unwahrscheinlichste aller Orte von Michael Hvorecky am besten beschreiben ließe. Und zwar absolute Ratlosigkeit. Was soll man zu so einem Buch sagen? War das pubertäres literarisches Gesabber eines Digital Natives? War das geniales Erzählen im Stile der Postmoderne mit kalkuliertem Tabubruch? Und wieso konnte ich kein Urteil fällen?

Ich bin Irvin Mirsky“, sagte ich.

Ich bin Starbucks“, antwortete einer.

Ich heiße Ikea. Entdecke die Möglichkeiten“, meldete sich eine Zweite zu Wort.

Freut mich, Levi’s. Create your own jeans“, sagte ein Teenager.

Der in der Ich-Form geschriebene Roman spielt in einer gar nicht so fernen Zukunft und extrapoliert vor allem moderne wirtschaftliche Entwicklungen und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Dazu gehört auch, dass junge Ehepaare, die in finanziellen Nöten sind, Werbeverträge mit Konzernen abschließen und ihre Kinder nach deren Produkten benennen. Dem slovakischen Protagonisten des Romans, Irvan Mirsky, ist dieses Schicksal erspart geblieben, dafür leider nicht ein anderes: Irvan leidet seit seiner Internatszeit, in der er Opfer von sexuellen Übergriffen seitens der männlichen Pädagogen wurde ,unter einer Störung seines Sexualverhaltens.

Ich musste endlich von dieser Abhängigkeit loskommen. Also ging ich auf Reisen. Ich war vierundzwanzig und meine Personalakte über vierhundert Seiten lang. Nicht gerade die Art Entspannungslektüre , die man an langen Winterabenden gern mit ins Bett nimmt.

Mit seinen 24 Jahren immer noch Jungfrau verbringt er seine Tage und Nächte damit, im Internet pornografische Filme und Bilder zu betrachten. Tagelang isst und schläft er nicht, und aus diesem Grunde ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass er in gar nicht so langer Zeit an seiner Abhängigkeit sterben wird. Fremd- und selbstverordnete Entzugsversuche bleiben über längere Sicht immer wieder erfolglos, die Sucht bestimmt sein ganzes Leben. Selbst eine Reise in die entlegensten Winkel dieser Erde, in denen er keinen Zugriff auf das World Wide Web hat, ist nur eine Phase, in der sich sein physischer Zustand etwas stabilisieren kann. Psychisch bleibt er abhängig und wird nach seiner Rückkehr in die Zivilisation – er reist nach Deutschland, in die neuerrichtete Musterstadt City, weil er auf seltsamen Wegen ein Stipendium gewonnen hat – sofort wieder abhängig. Dort trifft er Lina, die unter dem Namen Erica Erotica eine Sex-Kolumne in einer Zeitschrift hat und – wie sich später herausstellen wird – ebenfalls abhängig ist. Und die beiden sind nicht alleine: In City gibt es tausende Abhängige:

Babys, die direkt aus dem Kreißsaal zum Detox mussten. Wegen ihnen war auf unserer Abteilung auch ein Raum voller Inkubatoren eingerichtet worden. Dann wurden die Säuglinge eine Tür weiter gebracht, wo ähnlich behinderte Kinder aufwuchsen, die jahrelang zwischen den Füßen der Ärzte herumwuselten. Siebenjährige Alkoholiker. Vierjährige Anorektiker. Neunjährige notorische Online-Poker-Spieler. Einmal lernte ich ein Kind kennen, dass seit sechs Jahren kokainabhängig war – und genauso alt war es auch.

Gerade die gehäuften starken Überzeichnungen der extrapolierten Entwicklungen lassen den Leser seine Stirn runzeln – aber wie ist denn gerade der Ist-Zustand? Wie wahrscheinlich und möglich – mir ist bewusst, dass dieses nicht unbedingt ein ästhetisches Kriterium zur Beurteilung eines literarischen Werkes darstellt – sind denn die von Hvorecky beschrieben „Probleme“ eigentlich?

Als erstes zu der Namensgebung. Tatsächlich benennen Eltern ihre Kinder nach Produkten und deutsche Standesämter scheinen diese Namen auch in Ausnahmefällen oder geistiger Umnachtung zu genehmigen: z.B. Pepsi-Carola. Aber wahrscheinlich wird dieses Kind nicht wie die Bewohner von City unter Androhung einer Konventionalstrafe den zugehörigen Slogan ein Leben lang repetieren müssen.

Als nächstes  zu den abhängigen Kindern. In den U.S.A. entwickelt sich seit der zunehmenden Verbreitung der Droge Meth tatsächlich ein solches Problem. Ganze Familien einschließlich der Kleinkinder sind abhängig. Darüber berichtet unter anderem der Focus in einem Artikel. Auch Essstörungen von Grundschulkindern scheinen nicht unwahrscheinlich, kontrollieren doch heutzutage auch schon 8-jährige Mädchen ihr Essverhalten, um „ihren Idolen nachzueifern“.

Was also an Hvoreckys Vision auf den Leser zuerst so unwahrscheinlich wirkt, ist es nicht. Unwahrscheinlicher ist eher das, was dann in City geschieht: Ein Stromausfall bewirkt bei den meisten Abhängigen einen Zwangsentzug, so dass aus der vermeintlichen Katastrophe  die Chance eines Neubeginns erwächst – wenn der Strom weiterhin weg bleibt. Tatsächlich erscheinen die nun folgenden Szenen: Sexorgien in verschmutzten Straßenzügen bei Nennung des Codewortes  „Plüsch“ unter der Führung von Irvin Mirsky und dem Fenster der wie eine Erlöserin von den Massen verehrten Erica Erotica völlig irreal und grotesk. Und – wenn man wohlwollend urteilt – ist das genau so gewollt. Und ein tiefsinniger Hinweis darauf, dass den geradezu wahnwitzigen Abhängigkeiten der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts kaum noch etwas beizukommen vermag. Insofern wäre City dann wirklich der unwahrscheinlichste aller Orte.

Lori Andrews: Epidemie

In ihrem neuen Roman Epidemie, der schon 2007 unter dem Titel The Silent Assassin in den U.S.A. erschien, lebt die bekannte Biologin und Genetikerin Lori Andrews ihre Phantasien auf einem ihr vertrauten Terrain aus: Eine rätselhafte Krankheit, die an eine Autoimmunreaktion erinnert, beginnt hunderte von Menschen in benachbarten Bundesstaaten auf schreckliche Weise zu töten – und das anscheinend immer samstags.

Die Pathologin Alexandra soll eines Tages den Leichnam eines möglicherweise seinem Drogenkonsum zum Opfer gefallenen Polizisten obduzieren. Leider kann sie ihre Untersuchungen zu keinem Ende bringen, denn unter mysteriösen Umständen verschwindet die Leiche. Rätselhaft! Gemeinsam mit Castro, einem Undercover-Agenten der Heimatschutzbehörde und gutem Freund des Opfers, der seinen Kollegen von allen Vorwürfen reinwaschen will, beginnt sie mehr oder weniger auf eigene Faust zu ermitteln. Außerdem ist ihr der Mann nicht unsympathisch und fesselt immer wieder ihre weibliche Aufmerksamkeit. Die Untersuchungen der beiden fördern Schreckliches zu Tage: Es gibt Dutzende von weiteren Opfern. Alex beginnt nun eine Seuche oder einen allergischen Schock aufgrund chemischer Substanzen zu vermuten, doch da die Todesfälle immer nur samstags auftreten, muss sie auf jeden Fall von einem terroristischen Anschlag mit möglicherweise auch ansteckenden Erregern ausgehen. Verdächtige gibt es genug: Da wäre zum einen der Pharmakologe Renfrew, bei dessen Beschattung das erste Opfer ums Leben gekommen ist, eine radikale Indianerorganisation, die sich die  Bekämpfung der Weißen und die Rückkehr zu den alten Lebensgewohnheiten ihrer Vorfahren auf die Fahnen geschrieben hat, als auch das allgegenwärtige Heimatschutzministerium (das scheinbar einen substantiellen Verlust von Vertrauen bei amerikanschen Romanautoren verbuchen muss).

Ich habe eine Weile überlegen müssen, um zu einer Entscheidung zu kommen, ob ich dieses Buch in diesem Blog überhaupt rezensieren will – zu wenig steht die Katastrophe bzw. die Seuche selbst im Vordergrund. Vonwenigen Einzelfällen abgesehen, konzentriert sich die Handlung auf die medizinischen, genetischen und kriminalistischen Überlegungen bzw. Ermittlungen der  Pathologin Alexandra – von den vielen manchmal auch irritierenden Nebenhandlungen einmal abgesehen. Letzenendes habe ich mich doch dafür entschieden: Erstens bleibt eine Seuche immer noch eine Seuche, auch wenn sie im Buch überwiegend nur als Bericht durch Dritte in Erscheinung tritt, und zweitens ist das Buch ein solider, gar nicht mal so schlechter Thriller – den man aber auch eben nicht unbedingt gelesen haben muss, und das aus verschiedenen Gründen:

Alle Figuren bleiben ohne Tiefe. Dieses gilt selbst für die Hauptfigur Alexandra, aus deren Perspektive der Roman überwiegend personal erzählt wird. Ich bin mit den Figuren jedenfalls nicht warm geworden (zu Beginn wird  übrigens – weil die Hauptfigur noch gar nicht eingeführt wurde – auch personal aus Castros Perspektive berichtet. Einen solchen Wechsel betrachte ich immer noch, wenn er nicht gerade zu einem Gestaltungsprinzip des Werkes gemacht wird – wie beispielsweise bei Der Schwarm von Frank Schätzing  – immer noch als Indiz für eine mangelhafte Konstruktion einer Erzählungs).

Manchmal nehmen auch die Nebenhandlungen für meinen Geschmack einen zu großen Raum ein. Die Ermittlungen Castros bezüglich einiger Männer, die junge Mädchen mit tödlichen Sexdrogen gefügig machen, sowie die Sorgen der Hauptfigur um die Tocher Barbaras, einer befreundeten Juristin, wären überflüssig, wenn es nicht gerade die Nebenhandlungen wären, die den Roman über weite Strecken lesbar machen – denn die eigentliche Haupthandlung dümpelt viele Seiten nur so vor sich hin und kommt nicht richtig in Schwung – und manchmal ermüden auch die sich wiederholenden medizinischen, pathologischen und biologischen Überlegungen der Hauptfigur, die nicht wirklich Spannung aufkommen lassen wollen – wenn wieder einmal an einem Ort in einem anderen Bundesstaat Menschen gestorben sind.

Gestört habe ich mich an den Visionen derAutorin bezüglich der Möglichkeiten künstlicher Intelligenz bzw. ihre Einschätzung des momentanen Forschungsstandes. In einem Roman wie diesen wirkt ein Gen-Computer, der über eine eigene Persönlichkeit verfügt und sich seine harte Mitarbeit bei der Suche nach dem Ursprung der Seuche mit zahlreichen Scherzen auf Kosten der Anwesenden versüßt, wie ein Fremdkörper – selbst wenn er aus einem (verstaubten) Lagerraum des amerikanischen Heimatschutzministerium stammt.

Nchtsdestotrotz: Der Roman war interessant, gerade weil die Autorin genau zu wissen scheint, wovon sie spricht – derart sicher bewegt sie sich auf diesem Terrain. Vor allen Dingen die wissenschaftlichen Zusammenhänge in Verbindung mit einer mäßigen Spannung machen diesen Roman lesbar. Aber ein zweites Mal werde ich ihn nicht mehr zur Hand nehmen.

Cormac McCarthy: Die Straße

Lange ist es her, dass ich einen so eindringlich geschriebenen Roman gelesen habe wie das 2006 erschienene und 2007 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Werk  Die Straße von Cormac McCarthy – und noch seltener hat mich die Atmosphäre einer literarischen Welt so erschüttert und gefangen genommen:

Er lag da und lauschte den im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus der Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre.

Die Handlung des 253 Seiten starken Romans ist schnell erzählt. Ein namenloser Mann und sein noch junger namenloser Sohn kämpfen auf ihrer aus Verzweiflung geborenen Reise an die Küste der U.S.A. in einer weitgehend entvölkerten postapokalyptischen Welt um das nackte Überleben. Immer wieder gehen in dem sich stetig stärker verdunkelnden nordamerikanischen Kontinent ihre Lebensmittelvorräte zur Neige, immer wieder drohen sie zu erfrieren oder zu verhungern und immer wieder müssen sie auf den geschmolzenen Straßen oder in den toten Wäldern jenen Personengruppen ausweichen, die beschlossen haben, ihr Überleben durch kannibalistische Ernährung sicherzustellen. Was die beiden Protagonisten in einem Universum aus Mangel, Gefahr, Betrug und Misstrauen am Leben erhält, ist der jeweils andere: Weil in dieser Schreckensexistenz der eine  die ganze Welt des anderen ist – und somit erzählt der Roman nicht nur, wie der Klappentext verlautbart, die Geschichte der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, sondern auch – vor allem gegen Ende des Romans hin, nachdem sie das Meer erreicht haben – die der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater. Denn nachdem die Mutter sich auf  ihrer Odyssee durch die verheerten Vereinigten Staaten das Leben genommen hat, ist die liebevolle Sorge des Vaters um seinen Sohn, sowie dessen Angst um seinen Beschützer, wenn dieser auf Beutezug wieder einmal in einen wahrscheinlich verlassenen Bauerhof einbricht und damit rechnen muss, dass er schon von gefährlichen Clans, die im Keller ihre menschlichen Nahrungsvorräte gefangen halten, besetzt worden ist. Und trotzdem schwebt über beiden immer wieder die Gefahr, in der bedrückend beschriebenen und von der Katastrophe gezeichneten öden Landschaft die Hoffnung zu verlieren.

Im grauen Licht trat er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte unerbitterliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Die erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtete schwarze Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.

Im Verlaufe des überwiegend aus der Perspektive des Vaters personal erzählten Romans erfährt der Leser nirgendwo Genaueres über die Ursache der Katastrophe, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Nur in einer Rückblende des Mannes werden Reihen von Lichtblitzen in der Nacht erwähnt, so dass hier ein vorausgegangener Atomkrieg vermutet werden kann. Sicher ist dieses aber nicht. Die Frage, was zum Aussterben aller Flora und Fauna und der immer weiter fortschreitenden Verdunkelung der Welt geführt hat, spielt für das Leben der Protagonisten aber auch wirklich keine Rolle mehr – wichtiger ist für sie vielmehr, woher sie das nächste Paar passende Schuhe oder die nächste Konservendose bekommen (Im Übrigen – man sehe mir diesen Vergleich hier nach – fühlte ich mich, während ich über die selten erfolgreichen Beutezüge des Vaters in verlassenen Häuser, Geschäften und Schiffen las, ein wenig an Fallout 3 erinnert…).

Dort draußen war der graue Strand, an den unter fernen Rauschen stumpf und bleiern die langsamen Brecher heranrollten. Wie die Ödnis einer fremdartigen See, die sich an den Ufern einer unbekannten Welt bricht. Draußen im Watt lag ein Tanker auf der Seite . Dahinter der Ozean, weit, kalt und in schwerfälliger Bewegung, wie ein Fass voll langsam wogender Schlacke, dann die graue Kaltfront aus Asche.

Erinnert hat mich der Roman zudem auch an ein apokalyptisches Gedicht Byrons (Darkness), das von einer Welt in plötzlicher Dunkelheit handelt:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space
[…]
Ships sailorless lay rotting on the sea,
And their masts fell down piecemeal: as they dropp’d
They slept on the abyss without a surge–
The waves were dead; the tides were in their grave,
The moon their mistress had expir’d before;
The winds were withered in the stagnant air,
And the clouds perish’d; Darkness had no need
Of aid from them–She was the Universe.

Der Vergleich mit Byrons Gedicht zeigt, dass, obwohl McCarthy „nur“ Prosa schreibt, es ihm gelingt, durch Wortwahl und Syntax eine Atmosphäre zu evozieren, die der des Gedichtes kaum nachsteht. Es ist gerade dieser Stil, der das Buch noch vor dessen Inhalt selbst so lesenswert macht. Obwohl ich normalerweise eher kein Freund von langen Landschaftsbeschreibungen bin, war ich von diesen begeistert  – und obwohl sich diese oft gleichen und die Handlungen zudem häufig ähneln, kam keine Langeweile auf. Dass dieses alles in der deutschen Fassung immer noch gelingen kann, ist wohl das Verdienst des Übersetzers, den ich hier nun abschließend auch einmal loben will.

Meiner abschließendes Urteil kann nur lauten: Den Roman sollte man mal an einem trüben und verregneten Sonntagnachmittag unbedingt zur Hand nehmen.

Nick Harkaway: Die gelöschte Welt

Normalerweise schreibt man eine Rezension idealerweise zu einem Zeitpunkt, der nicht so lange von dem Moment entfernt ist, an dem man das zu besprechende Buch ausgelesen hat. Das hat eine Menge Vorteile: Die Handlung ist noch präsent, der Eindruck noch frisch und man ist stark zum Schreiben motiviert. Mit dem Debüt Nick Harkaways aus dem Jahre 2008, er ist übrigens ein Sohn des berühmten John le Carré, ist mir dieses nicht gelungen: Weil ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich dieses Buch bewerten sollte. Die gelöschte Welt musste ich erst ein mal verdauen – in kleinen konsumierbaren Happen.

„Ihr wisst sicher, dass am Jorgemund-Rohr ein Brand ausgebrochen ist… Es ist aber noch viel schlimmer. Es handelt sich nämlich um ein Pumpwerk, sogar ein großes. Da lagern tausende Barrel FOX, das so explosiv wie Kerosin ist und jederzeit ein Loch in diese Scheißwelt brennen könnte.

Der Anfang des Romans stellt den Leser vor ein Rätsel, auf dessen Lösung er lange warten muss. Irgendetwas ist mit der Welt passiert, irgendwie ist nur noch Leben am Rande eines Rohrsystems möglich, irgendwer lauert außerhalb der sicheren Zonen in den verfluchten Landstrichen, die man nur mit schwerbewaffneten Konvois durchfahren kann. Die Hauptfigur und der Ich -Erzähler des Romans, hat genau dieses Abenteuer vor sich. Der Ich-Erzähler ist Teil eines erfahrenen Teams, welches unter Gonzo Lubischs Leitung steht und das engagiert wird, jenes gefährliche Feuer am Jorgemund-Rohr zu löschen.

Mit dem zweiten Kapitel setzt nun eine Rückblende ein, in welcher der Leser weit in der Vergangenheit der Hauptfigur und Gonzo Lubischs blickt und die deutlich macht, dass der Autor Spaß am Erzählen hat. Der Leser erfährt von der Annahme des Ich-Erzählers durch die Familie Gonzos, seine Jugend, sein Kampfsporttraining bei Meister Wu, seine ersten Liebeleien, seinen Schulabschluss und Studium, seine erste Verhaftung durch dem Heimatschutz, seine Beteiligung an einem geheimen militärischen Forschungsprojekt, aus dem eine neuartige Waffe hervorgeht, über die die U.S.A. als einzige Macht zu verfügen scheinen, – und von deren Einsatz im nächsten Krieg. Als die neuartige Bombe das erste Mal die Informationen zerstört, welche die Materie überhaupt in jene Formen bringt, wie wir sie kennen, als sie den Stoff, aus dem die Dinge bestehen, einfach auflöst, zeigt sich:  Die Nemesis folgt der Hybris auf dem Fuße und mit der Welt zu spielen, wenn man nicht alle Regeln kennt, ist gefährlich. Grauenhaftes erwächst an den Orten aus der Leere, welche die Bombe hinterlässt – und da nicht nur die U.S.A., sondern auch eine ganze Reihe anderer Mächte im Besitz der Bombe sind, wandelt sich der lokale Konflikt zu einem Weltkrieg und nach dem interkontinentalen Schlagabtausch auch von einem Moment zum anderen das Angesicht der Erde – ein Ort, an dem die wenigen Menschen, die den Weltkrieg überlebt haben, um ihr nacktes Überleben und gegen ihre schlimmsten Albträume kämpfen müssen. Dabei ist auch Gonzo Lubitsch oft der der Verzweiflung nahe:

Die meisten Leute haben beim Beten eine klare Vorstellung, wohin sie ihre Worte richten müssen. Sie denken an Gott den Bärtigen, Gott den wallend Gewandeten oder Gott den abwesenden Vater, der irgendendwoauf einer Wolke sitzt und seine Post durchsieht. Mein Gebet kommt in einen leeren Umschlag, den ich einfach an einer Bushaltestelle liegen lasse. Jeder, der sich dafür interessiert, kann ihn nehmen und öffnen. Jeder, der Gott sein will – so stellt es sich jedenfalls für mich dar – kann den Daumen zwischen Umschlag und Hülle schieben und das Siegel lösen, um meinen einzigen feierlichen Wunsch zu lesen: Lieber Gott, ich will nach Hause. Um in meinen persönliches Pantheon zu gelangen, müssen sie nur noch das passende Wunder liefern.

Es ist gerade dieser Stil, der das Buch so lesenswert macht: Der Autor nimmt sich nicht nur Zeit für seine Figuren, sondern hat anscheinend auch viel Aufmerksamkeit auf die sprachliche Gestaltung seines Werkes gelegt – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellte – gäbe es nicht so viele schlecht erzählte und zu schnell heruntergeschriebene Romane in diesem Genre. Gleich, wieviel Energie er tatsächlich aufgewendet hat: Schreiben kann Harkaway.

Der Roman gibt dem Leser zudem an vielen Stellen Gelegenheit zum Schmunzeln – und neben den zahlreichen Rätseln, die den Leser immer wieder an das Buch fesseln, ist es gerade das, was dieses Buch für mich so unterhaltsam macht:

Etwas zu spät fällt mir ein, dass es eine Reihe Qigong-Übungen gibt, die man (natürlich vorher) benutzen kann, um den Schmerz auszublenden. Sie heißen die Neun Kleinen Schwestern, was Meister Wu ein wenig erotisch fand. Wenn er die Übungen erklärte, bekam sein Gesicht immer so einen sehnsüchtigen, lüsternen Ausdruck, was mich auf die Idee brachte, dass er in seiner Jugend mindestens drei von ihnen sehr gut gekannt hatte.

Vielleicht waren es gerade die Leichtigkeit und die Unkonventionalität des Stiles in Kombination mit der kreativen Rätselhaftigkeit der Handlung, die mich beim Lesen dazu verlassten zu denken: „Das ist etwas Neues.“ Dabei ist vieles gar nicht so neu, wie es bei der Erstrezeption scheint, Harkaway hat nur äußerst gekonnt Elemente vieler literarischer und cinematographischer Genres gemischt und zu etwas verschmolzen, das durchaus den Eindruck von Orginalität macht.

Da sind beispielsweise zum einen die rätselhaften Wesen, die dem Mystery-Science-Fiction entstammen könnten, und zum anderen die Ausbildung der Hauptfigur durch Meister Wu sowie die immer wiederkehrenden Zweikampfszenen, die ganz offenbar beide stark von Martial-Arts-Filmen beeinflusst sind. Von den unvermeidlichen Ninjas ganz zu schweigen: Bruce Lee und Karate Kid lassen grüßen. Die Kriegsszenen des Buches scheinen, wenn man sie genau betrachtet, sich weniger an Military-Science-Fiction-Romanen als an den klassischen Vietnamfilmen zu orientieren – nebst Ausbildung und Drill Seargent à la Full Metall Jacket. Auch die charakteristischen Züge einzelner Gemeinschaften erinnern an Filme – eine Tatsache, die Harkaway auch zugibt:

Ruth Kemner sitzt auf einem Thron. Verglichen mit anderen macht er nicht viel her. Es handelt sich um den Pilotensitz eines Kampfhubschraubers, den jemand mit Leopardenfellen bedeckt hat, die wahrscheinlich nicht einmal von echten Leoparden stammen. Dieses Bild erinnert mich an die Filme aus dem Siebzigerjahren, in denen Kriegerfrauen, dargestellt von badenden Schönheiten, eine Gruppe männlicher Schiffbrüchiger fangen und hinzurichten drohen, bis sie schließlich in seeligem Vergessen in den Armen der tapferen Männer mit den markanten Gesichtern dahinschmelzen. Echte Männer halten nämlich nichts vom sapphischen Unfug, sondern wissen, dass jedes anständige Mädchen eine feste Hand braucht.

Mich erinnert die hier beschriebene Szenerie  übrigens eher an eine ganz bestimmte Gemeinschaft aus Apocalypse now oder an die entsprechende Siedlung in Joseph Conrads Heart of Darkness. Welchem Werk die Reminiszenzen auch immer gelten mögen, deutlich wird, dass Harkaway sich anstandslos auf eine äußerst kreative Weise beliebter Elemente der Popkultur bedient, um seine eigene fiktive literarische Welt zu gestalten. Dieses ist insgesamt gelungen. Ebenso wie der ganze Roman, den ich – obwohl ich nun weiß, was des Rätsels Lösung ist – bestimmt noch ein weiteres Mal lesen werde.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Vielversprechend.

Faserland! Für mich das Werk, mit dem die neue Popliteratur in Deutschland 1995 wirklich Einzug gehalten hat. Und was für einen – einfach großartig! Und dann: 1979! Niemals wieder habe ich in den Erscheinungen der letzten Jahre eine so bedrückende Landschaftsbeschreibung gefunden, nie wieder ein so entsetzendes Ende wie in diesem Roman. Und was sich mit 1979 langsam andeutete, ist tatsächlich geschehen: Christian Krachts dritter Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten hat nichts mehr mit der verflachenden deutschen Popliteratur gemein und ist – auch wenn es niemand zu sagen wagt – ein kontrafaktischer Science Fiction Roman. Wie war ich auf diesen Roman gespannt!

Die Ausgangspunkt der alternativen historischen Entwicklung ist die allseits bekannte  Reise Lenins ins Russische Zarenreich im Jahre 1917 (Man erinnert sich: Dem sonst eher nicht aufgrund seiner erfolgreichen Vorhaben  bekannten Deutschen Kaiser Wilhelm II. gelingt ein sagenhafter Coup: Er stattet den radikalen Kommunisten Lenin mit Geld aus und ermöglicht ihm in einem Sonderzug die Reise aus  dem Schweizer Exil  in seine kriegsmüde Heimat – in der Lenin respektive Wladimir Iljitsch Uljanow innerhalb weniger Wochen auch prompt die Macht an sich reißt, den Zaren erschießen lässt und den Krieg mit dem Reich beendet). In Krachts Vision findet diese Reise aber nicht statt. Die Folge: Die Schweiz wird eine Räterepublik. Und führt ab diesem Zeitpunkt Krieg gegen das Deutsche Reich. Und das seit über 90 Jahren.

Gewagt.

Man muss den Autor für die Wahl seines Ausgangspunktes loben, denn selten hat ein so kleines Ereignis den Lauf der Geschichte so massiv beeinflusst. Ohne Lenin wäre die UDSSR wohl nicht denkbar gewesen und die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre vollständig anders verlaufen, als wir sie kennen. Aber die von Kracht konstruierte Entwicklung…  Eine Schweizer Sowjetrepublik , die SSR… die sich im Krieg mit dem Deutschen Reich und später auch mit der Kolonialmacht England befindet… die sich 90 Jahre behaupten kann und auch noch große Teile Afrikas erobert hat, um daraus die zur Kriegsführung notwendigen Ressourcen zu schöpfen… ohne dass eine nennenswerte technische Entwicklung stattgefunden hätte…  Das ist, wenn man es äußerst positiv formulieren will, ‘gewagt’.

Provokant.

Man bemerkt es erst nach einigen Seiten: Der Ich-Erzähler des Romans, der Parteikommissär von Neu-Bern ist ein Farbiger. Und im Laufe des Romans stellt man fest: Die Mehrzahl der Einwohner der SSR, vor allem die Mwanas (Kinder),  ebenfalls. Während die uns bekannte Schweiz nicht gerade für Aufnahmewilligkeit ausländischer Arbeitswilliger und Flüchtlinge oder ihre offene multikulturelle Gesellschaft bekannt ist, wirkt die Schweiz Krachts wie ein Schmelztiegel, in dem die autochtonen Bewohner nach und nach zu verschwinden scheinen.

Überraschenderweise scheint die technische Entwicklung aufgrund des Krieges zu stagnieren (es gibt Luftschiffe und Raketen existieren nur als Idee), was eher ungewöhnlich erscheint, ist doch nur allzu häufig gerade die blutige Auseinandersetzung mit dem nächsten Nachbarn der Ansporn zu technischem Fortschritt gewesen. Nicht umsonst wird mit Blick auf die wissenschaftliche und waffentechnische Entwicklung die militärische Konkurrenzsituation auf unserem Kontinent immer wieder als Ursache für den europäischen Sonderweg gesehen.

Mysteriös.

Was aber vor allem den Schweizer bedrücken könnte: Die Kultur befindet sich in einem seltsamen Wandel. Selbst der Ich-Erzähler, der zu den Wenigen gehört, die noch schreiben, bringt nur ein paar Wörter ohne grammatischen Zusammenhang zu Papier – und die neuesten Wandmalereien im Réduit, dem tatsächlich existierenden Tunnelsystem in den schützenden Alpenbergen, in die der Politkommissär den geheimnisvollen polnischen Juden Brazhinsky verfolgt, erinnern  ihn an die primitiven Höhlenmalereien seiner Vorfahren in Afrika. Das lässt sich durchaus als Niedergang interpretieren, wobei sich dann die Frage stellt, ob der Autor tatsächlich meint, was er uns hier so nahelegt.

Eine seltsame Atmosphäre besitzt der Roman. Die verschneite Schweiz, durch die der Ich-Erzähler seine Verfolgungsjagd aufnehmen muss, wirkt aufgrund der afrikanischen Einflüsse stark verfremdet. Langstreckenartilleriegeschosse kreuzen beständig den Himmel und verschiedenste Minen lauern unter der Schneedecke. Das schafft eine äußerst bedrohliche Stimmung, die erst nachlässt, nachdem der Politkommissar das weitgehend autonomen Réduit erreicht und Brazhinsky, der den dort lebenden Menschen wie ein Guru die von ihm neu entwickelte Raum-Sprache lehrt, gefunden hat.

Die Atmosphäre des Geheimnisvollen, des Rätselhaften wird nicht zuletzt auch durch den beeindruckenden sprachlichen Stil Krachts hervorgerufen. In den sehr detaillierten Umgebungs- und sehr knappen Vorgangsbeschreibungen findet sich kein Wort, das zuviel wäre – aber auch kaum eines, das die Sätze kausal, lokal oder temoral verknüpfen würde. Es wird dem Leser überlassen, aus den wie gemeißelt wirkenden Satzfolgen die notwendige Kohäsion herzustellen.

Die Wirkung, die aus einem solchen Verzicht auf adverbiale oder präpositionalen Satzverbindungen in Kombination mit den oben beschriebenen Verfremdungseffekten und einer äußerst sachlichen, geradezu humorlosen bzw. emotionsfeindlichen Erzählhaltung erzielt wird, ist bemerkenswert.  Wenn aber der Autor erklärungslos nach dem Tode Brazhinskys alle Menschen afrikanischer Herkunft  in ihre Heimat zurückkehren lässt und sich die Augen der Hauptfigur blau zu färben beginnen und der Roman so endet, dann wird, wenn der schweizerische oder nichtschweizerische Leser die gesamte Handlung noch einmal rekapituliert, ein ganz bestimmter Punkt erreicht:

Der, an dem er sich fragt: Auf wessen Kosten geht der Witz eigentlich?

Karl Olsberg: Schwarzer Regen

2009 erschien unter einem zwar nicht ganz neuen, aber sehr vielversprechenden Titel Karl Olsbergs letzter Thriller: Schwarzer Regen. Ebenso wie das berühmte Werk Kuroi ame des japanischen Autors Masuji Ibuse aus dem Jahr 1965 schildert der Roman die schrecklichen Folgen einer Kernexplosion für die Bewohner einer Stadt. Doch diesmal wird die Atombombe nicht von den U.S.A. über Hiroshima abgeworfen, sondern von Terroristen in Karlsruhe zur Detonation gebracht.
Das Buch wurde von Olsberg in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil (t-) führt der Autor seine zahlreichen Figuren ein und schildert ihr alltägliches (erfülltes und unerfülltes) Leben, im zweiten (t0) steht der verheerende Anschlag und das Erleben desselben durch die Figuren im Mittelpunkt. Die hohe Zahl der im Vorfeld eingeführten Personen ermöglicht es Olsberg dabei, die Katastrophe und ihren Ablauf facettenreich, detailliert und eindringlich darzustellen. Im dritten und letzten Abschnitt (t+) werden die drastischen psychischen, physischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Terroranschlages betrachtet. Hier entfaltet sich auch erst die Handlung, die den Roman zu einem Thriller macht.
Trotz der hohen Anzahl von Figuren lassen sich drei ausmachen, die für die Handlung, insbesondere für den Abschnitt t+ von besonderer Bedeutung sind: Zum einen ist dies Corinna Faller, eine Boulevardjournalistin, die – da sie aufgrund eines misslungenen Interviews mit Heiner Benz, Milliardär und bester Werbekunden ihres Magazins, in Ungnade gefallen ist – über die ‚langweiligen‘ Demonstrationen von Muslimen gegen das letzte Urteil des Bundesverfassungsgerichts berichten muss und sich deshalb auch in Karlsruhe befindet. Sie begreift den Anschlag zuerst nur als eine Chance für ihre Karriere – erkennt dann aber ihre eigene schreckliche Opferrolle und ist so in der Lage, die wirklichen Dimensionen des Leidens zu erfassen.
\r\nDie zweite wichtige Figur ist Lennard Pauly, der, da er vor Jahren einen mutmaßlichen Kinderschänder erschossen hat und unehrenhaft aus dem Polizeidienst entlassen wurde, nun als Privatermittler im Bereich der Industriespionage arbeitet. Weil sich aufgrund dieses einschneidenden Erlebnisses und seiner beruflichen und psychischen Folgen auch seine Ehefrau von ihm getrennt hat und er infolge dessen auch keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn Ben hat, führt er nun ein beinahe eremitenhaftes Dasein und verbringt seine arbeitsfreie Zeit mit der irgendwie unmoralischen aber seinem Beruf durchaus angemessenen systematischen Beobachtung seiner Nachbarn. Er selbst lebt zwar selbst nicht in Karlsruhe, verliert dort aber seinen Sohn.
Die dritte Hauptfigur ist die Blumenverkäuferin Fabienne Berger, die zu den von Pauly beobachteten Nachbarn gehört und zu der sich ehemalige Polizist hingezogen fühlt. Sie lebt somit ebenfalls nicht in Karlsruhe, erlebt aber die gesellschaftlichen Folgen des Anschlages, dessen Urheber nach Aussagen der Ermittler islamistische Terroristen gewesen sein sollen, am eigenen Leib: Denn nach der Katastrophe kommt es zu einem Aufschwung rechtsradikaler Parteien, die den günstigen Zeitpunkt trickreich nutzen wollen, und damit einhergehenden fremdenfeindlichen Anschlägen. Sie selbst wird sowohl Opfer von Skinheadattacken als auch von den Racheangriffen türkischer Jugendlicher. Die deutsche Gesellschaft der steht vor der größten Belastungsprobe seit Bestehen der Bundesrepublik.
Sowohl Corinna Faller als auch Lennard Pauly beginnen im Laufe der Zeit den Verdacht zu hegen, dass der Anschlag nicht auf des Konto eines islamistischen Terrornetzwerkes – und schon gar nicht der dafür von den Behörden verantwortlich gemachten einzelnen Terrorzelle – geht. Vielmehr verdächtigen sie eine spezielle skrupellos vorgehenden rechtsradikale Partei bzw. den Milliardär Heiner Benz.
Karl Olsberg gelingt es in unterschiedlichem Maße, den Figuren Plastizität und Glaubhaftigkeit zu verleihen. Vor allem die Hauptfiguren sind natürlich charakterlich liebevoll ausgestaltet, die psychischen Folgen der erschütternden Katastrophe für sie sind nachvollziehbar und lassen den Leser mitleiden – auch wenn dieser Aspekt aufgrund der sich im dritten Teil immer stärker in den Vordergrund schiebenden Thriller-Handlung nach und nach in den Hintergrund tritt. Die weiteren Figuren genießen nicht eine solche Aufmerksamkeit und geraten manchmal etwas dünn – dieses ist beispielsweise bei Lennards Sohn Ben der Fall. Dieses ist aber auch der relativ großen Anzahl von Figuren bei einhergehender Beschränkung des Umfanges des Romans (auf 400 Seiten) geschuldet.
Nicht ganz so insgesamt glaubwürdig erscheinen die von Olsberg geschilderten gesellschaftlichen Folgen – denn leider beschränkt er sich alleine auf den Aspekt des Rachegedankens und die damit einhergehenden oben geschilderten Entwicklungen. Ich habe im dritten Teil eine weitergehende Ausgestaltung der ‚postnuklearen‘ Bundesrepublik – wie eigentlich auch zu erwarten wäre – vermisst. Eine solche Schilderung hätte durchaus zur Glaubwürdigkeit der vom Autor dargestellten Entwicklung beitragen können, denn insgesamt wirkt sie in ihrer Vereinzelung zu platt und oberflächlich. Ich hätte dafür auch eine weniger umfangreiche Thriller-Handlung in Kauf genommen – vermutlich meinte der Autor, den Leseerwartungen seines Publikums so entgegen kommen zu können. Ich bin aber der Ansicht, dass darunter die Qualität des Romanes durchaus gelitten hat.
Völlig ratlos lassen mich einzelne Aspekte der Handlung: Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Fabienne Berger ständig mit Tarotkarten hantiert und eine mit angeblich besonderen Fähigkeiten versehene Großmutter konstruiert wird, um Fabienne Bergers sich in den Karten manifestierenden Befürchtungen und Ängsten Glaubwürdigkeit zu verleihen – oder der Nostradamus-Experte der mit einer neuen Dechiffriermethode aus den Centurien des französischen Sehers Unglaubliches liest und deshalb die Behörden vor dem Anschlag zu warnen versucht. Und obwohl gnädigerweise offen bleibt, ob die beiden Esoteriker tatsächlich in der Lage sind, in die Zukunft zu sehen, wirken die Teile der Handlung einfach wie Fremdkörper in einem Roman wie diesem. Vor allen Dingen tragen sie wirklich nichts zu Handlung bei und hätten außen vor bleiben müssen.
Fazit:
Der 400-Seiten-Roman ist nicht das „Meisterwerk“, wie vom Aufbau Verlag beworben, aber mit den oben gemachten Abstrichen immer noch gut und spannend zu lesen.