Jean-Christophe Rufin: Globalia

Eine Rezension von Rob Randall

Mit Globalia legte Jean-Christophe Rufin 2004 einen beeindruckenden Roman vor – und setzt sich in diesem mit der Teilung der Welt in Arm und Reich, in westliche Industrienationen und Dritte Welt auseinander. Sein durchaus bemerkenswerter Lebenslauf dürfte ihn zur literarischen Verarbeitung dieses aktuellen Problems als Roman geführt haben: Von Beruf aus Arzt gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Organisation Ärzte ohne Grenzen, zeitweise war er Vizepräsident der französische Sektion. Seine Reisen führten ihn immer wieder in die dritte Welt. Nach Arbeiten für die französische Regierung wurde  er 2007 Botschafter im Senegal und 2008 das jüngste Mitglied der Académie francaise. Globalia ist sein vierter Roman und – wie ich finde – ein wirklich guter.

Aristotels schrieb einmal: Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave. In Rufins Roman Globalia hat die vergreiste Gesellschaft gewählt. Entstanden ist so eine totalitäre Demokratie, in der die totale Überwachung die vollkommene Sicherheit und Wohlstand garantiert. Vor allem den Älteren.  Beschützt werden muss die globalisierte Gemeinschaft dabei vor allem gegen das Einsickern von Terroristen aus den Non-Zonen, jenen Gebieten, die außerhalb der weltweit schützenden gläsernen Kuppeln Globalias liegen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen, die das völlig geordnete und ruhige Leben Globalias stören – und aus diesem ständigen Bedrohungsszenario leitet auch die immer gleiche Regierung ihre  – zugegebenermaßen durch die greise Mehrheit bestätigte – unter anderem ihre Legitimation ab.

Nach langen Vorreden, die Marguerite bereits aufhorchen ließen, teilten sie ihr mit, das das letzte jahr demografisch ungünstig gewesen sei. Es hatte zu viele Tote gegeben, und diese Tendenz hierlt seit drei Jahren an. Die Quote hatte die gesellschaftliche Harmonie alamiert. Eine gesunde Lenkung verlangte, die Fruchtbarkeit für ein paar Wochen zu steigern. Deshalb würden bis zum Jahresbeginn keine Schwangerschaften mehr unterbrochen werden.

Geburt und Tod sind in der Kuppelwelt selten geworden: Erst wenn jemand stirbt, wird jemand anderem die Erlaubnis erteilt, ein Kind zu bekommen. Die Familienplanung ist demzufolge gänzlich in den Händen des Staates. Und die Menschen werden dank des Fortschritts in Medizin und Technik immer älter. 200 Jahre sind da keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass gesellschaftliche Veränderungen in einer Welt, in der auch alle Kulturen unterschiedslos miteinander verschmolzen sind und das Stadtbild in jeder Kuppel Globalias mit einer beliebigen anderen austauschbar ist, einfach ausbleiben – deshalb kann auch alle 60 Jahre die Zeitrechnung wieder auf Null gestellt werden. Und dennoch muss sich die Herrschaft der Mächtigen irgendwie legitimieren, auch wenn sich die Einwohner ein anderes Leben als das unter den Kuppel nicht mehr vorstellen können und nur noch wenig über die Welt außerhalb wissen.

Eine Frau bekam bei dem Anblick dieser Landschaft nervöse Zustände und jammerte, ihr sei schwindlig. Umstehende mussten sie beruhigen: Wie alle anderen auch, hatte sie der offene Raum und das natürliche Licht verwirrt. Man wies auf die Glaswände hin, die den Saal von allen Seiten umgaben und hoch über den Köpfen ein riesiges Gewölbe bildeten. Das waren die gleichen Wände, die auch die Stadt umschlossen und zu einer gesicherten Zone machten. Die Frau entspannte sich allmählich.

Peter Sloterdjk sagte einmal: “Der ‘war on terror’ besitzt die ideale Eigenschaft, nicht gewonnen werden zu können – und daher nie beendet werden zu müssen.” Für Globalia gilt dieser Satz allerdings nicht mehr, denn aufgrund der übermächtigen Möglichkeiten der Kuppelhüllenkultur gibt es in den Non-Zonen keine wirklich ernsthaften Gegner mehr. Wo sich reale oder auch nur vermeindliche Gegener in den wilden Einöden zeigen, beseitigen medienwirksame Bombardements von Siedlungen bzw. Einsätze von Elitekampfgruppen gegen die Einwohner der Non-Zonen jeden möglichen Widerstand, worauf stets die humanitären Einsätze der Globalen Hilfsarmee folgen (diese Maßnahmen haben mich im Übrigen sehr an den Krieg in Afghanistan erinnert). Deshalb wird auch der junge Globalier Baikal , der aus Unzufriedenheit über sein Leben unter der Käseglocke versucht hat, in die Non-Zonen zu gelangen, von der Regierung in diese mit dem Hintergedanken geschickt, einen organsierteren Widerstand gegen Globalia aufzubauen. Denn der Staat, der seine Bürger gläsern halten will, braucht nicht nur für die Neueinschränkungen der Privatssphäre, sondern auch für die Aufrechterhaltung der geheimdienstlichen Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung immer wieder die Legitimation durch ein potentielles Bedrohungsszenario – das merkt man beispielsweise, wenn Angela Merkels Sätze Äußerungen vom 12.08.2009 betrachtet, die man so zusammenfassen kann: Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung [Quelle: Heise.de]. Und die Mächtigen von Globalia wissen: So kannman keine totalitäre Demokratie aufrecht erhalten, geschweige denn einführen.Dazu bedarf es mehr.Und damit Behauptungen wie die von Jürgen Gehb, dem rechtspolitischen Sprecher der CDU – welche aber auch genauso gut von einem Repräsentanten der Regierung Globalias hätte geäußert werden können – erst überhaupt glaubhaft werden (“Der Schutz der Privatsphäre ist zu einem Schutzschild für Verbrecher geworden, das Deutschland zu einem Biotop für Terroristen… macht”) bedarf es sogar eines inneren Bedrohungsszenarios. Deshalb hoffen die Regenten Globalias auch darauf, dass es Baikal gelingen wird, mit seiner in den Non-Zonen aufgebauten Organisation den Kuppelstaat zu infiltrieren. Dann bräuchten sie nicht die Anschläge in den belebten Einkaufsstraßen durch ihre eigenen Geheimdienste zu organisieren. Altman, der Kopf hinter diesem Plan sagt dazu:

Wir sind in gewisser Weise die Opfer unseres Erfolges. Der Gesellschaftsschutz hat gut gearbeitet. Alles ist unter Kontrolle, und wir haben keinen Feind mehr, der diesen Namen verdient. Wo kann man heute noch hoffen, eine ernsthafte Bedrohung zu finden? Künftig müssen wir die Non-Zonen stärken, hervorragende Männer hineinschicken, in der Hoffnung, dass sie die elenden Massen zusammenführen.

Was Rufin geschaffen hat, ist eine detaillierte literarische Analyse der heutigen Entwicklungen  – und viele Eigenschaften der Rufin’schen Welt glauben einige schon heute im Ist-Zustand der Welt zu erkennen. Rufins Kuppelwelt Globalia entspricht in vielen Details den Ergebnissen dessen, was Peter Sloterdjk jetzt schon unserer globalisierten Treibhauswelt zuschreibt. Denn Rufin liefert in der Tradition von Orwells 1984 mit seinem gelungenen Roman eigentlich nicht eine eindrucksvolle Vision dessen, was unsere Zukunft sein könnte, sondern projeziert das Heute in das Morgen – und das wirkt um so verstörender, als die Motive der Mächtigen eigentlich rechtschaffen sind:

Ihr hattet dieselben Träume bei der Gründung Globalias: Eine Demokratie zu schaffen, die von der Geschichte verschont würde; die Menschen vom ewigen Rückfall in ihre Utopien zu befreien; ein für alle mal Schluss zu machen mit der mörderischen Geografie der Völker und ihrer kleinen Länder.

Mein Fazit ist: Auch wenn mich das Ende des Romans – auf das ich hier bewusst nicht eingegangen bin – literarisch etwas enttäuscht hat und dieser insgesamt das künstlerische Niveau der von vielen Rezensenten beschworenen Werke Brave New World und 1984 nicht erreicht: Globalia ist ein beeindruckender, lehrreicher, spannender und unterhaltsamer Roman, der weit entfernt von den Stereotypen ‘Gut’ und ‘Böse’ eine Zustandsbeschreibung unserer Welt unternimmt  und – wenn ich eine Prognose wagen darf – noch lange ein Buch bleiben wird, das man unbedingt gelesen haben sollte.

Michal Hvorecky: City. Der unwahrscheinlichste aller Orte

Pepsi-Carola oder: Wie wahrscheinlich ist eigentlich das Absurde? Michal Hvoreckys Roman „City. Der unwahrscheinlichste aller Orte“. Eine Rezension von Rob Randall

Ratlosigkeit. Das ist der Begriff, mit dem sich mein Gefühl nach der Lektüre des 2006 im Berliner Taschenbuchverlag erschienen Romans City. Der unwahrscheinlichste aller Orte von Michael Hvorecky am besten beschreiben ließe. Und zwar absolute Ratlosigkeit. Was soll man zu so einem Buch sagen? War das pubertäres literarisches Gesabber eines Digital Natives? War das geniales Erzählen im Stile der Postmoderne mit kalkuliertem Tabubruch? Und wieso konnte ich kein Urteil fällen?

Ich bin Irvin Mirsky“, sagte ich.

Ich bin Starbucks“, antwortete einer.

Ich heiße Ikea. Entdecke die Möglichkeiten“, meldete sich eine Zweite zu Wort.

Freut mich, Levi’s. Create your own jeans“, sagte ein Teenager.

Der in der Ich-Form geschriebene Roman spielt in einer gar nicht so fernen Zukunft und extrapoliert vor allem moderne wirtschaftliche Entwicklungen und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Dazu gehört auch, dass junge Ehepaare, die in finanziellen Nöten sind, Werbeverträge mit Konzernen abschließen und ihre Kinder nach deren Produkten benennen. Dem slovakischen Protagonisten des Romans, Irvan Mirsky, ist dieses Schicksal erspart geblieben, dafür leider nicht ein anderes: Irvan leidet seit seiner Internatszeit, in der er Opfer von sexuellen Übergriffen seitens der männlichen Pädagogen wurde ,unter einer Störung seines Sexualverhaltens.

Ich musste endlich von dieser Abhängigkeit loskommen. Also ging ich auf Reisen. Ich war vierundzwanzig und meine Personalakte über vierhundert Seiten lang. Nicht gerade die Art Entspannungslektüre , die man an langen Winterabenden gern mit ins Bett nimmt.

Mit seinen 24 Jahren immer noch Jungfrau verbringt er seine Tage und Nächte damit, im Internet pornografische Filme und Bilder zu betrachten. Tagelang isst und schläft er nicht, und aus diesem Grunde ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass er in gar nicht so langer Zeit an seiner Abhängigkeit sterben wird. Fremd- und selbstverordnete Entzugsversuche bleiben über längere Sicht immer wieder erfolglos, die Sucht bestimmt sein ganzes Leben. Selbst eine Reise in die entlegensten Winkel dieser Erde, in denen er keinen Zugriff auf das World Wide Web hat, ist nur eine Phase, in der sich sein physischer Zustand etwas stabilisieren kann. Psychisch bleibt er abhängig und wird nach seiner Rückkehr in die Zivilisation – er reist nach Deutschland, in die neuerrichtete Musterstadt City, weil er auf seltsamen Wegen ein Stipendium gewonnen hat – sofort wieder abhängig. Dort trifft er Lina, die unter dem Namen Erica Erotica eine Sex-Kolumne in einer Zeitschrift hat und – wie sich später herausstellen wird – ebenfalls abhängig ist. Und die beiden sind nicht alleine: In City gibt es tausende Abhängige:

Babys, die direkt aus dem Kreißsaal zum Detox mussten. Wegen ihnen war auf unserer Abteilung auch ein Raum voller Inkubatoren eingerichtet worden. Dann wurden die Säuglinge eine Tür weiter gebracht, wo ähnlich behinderte Kinder aufwuchsen, die jahrelang zwischen den Füßen der Ärzte herumwuselten. Siebenjährige Alkoholiker. Vierjährige Anorektiker. Neunjährige notorische Online-Poker-Spieler. Einmal lernte ich ein Kind kennen, dass seit sechs Jahren kokainabhängig war – und genauso alt war es auch.

Gerade die gehäuften starken Überzeichnungen der extrapolierten Entwicklungen lassen den Leser seine Stirn runzeln – aber wie ist denn gerade der Ist-Zustand? Wie wahrscheinlich und möglich – mir ist bewusst, dass dieses nicht unbedingt ein ästhetisches Kriterium zur Beurteilung eines literarischen Werkes darstellt – sind denn die von Hvorecky beschrieben „Probleme“ eigentlich?

Als erstes zu der Namensgebung. Tatsächlich benennen Eltern ihre Kinder nach Produkten und deutsche Standesämter scheinen diese Namen auch in Ausnahmefällen oder geistiger Umnachtung zu genehmigen: z.B. Pepsi-Carola. Aber wahrscheinlich wird dieses Kind nicht wie die Bewohner von City unter Androhung einer Konventionalstrafe den zugehörigen Slogan ein Leben lang repetieren müssen.

Als nächstes  zu den abhängigen Kindern. In den U.S.A. entwickelt sich seit der zunehmenden Verbreitung der Droge Meth tatsächlich ein solches Problem. Ganze Familien einschließlich der Kleinkinder sind abhängig. Darüber berichtet unter anderem der Focus in einem Artikel. Auch Essstörungen von Grundschulkindern scheinen nicht unwahrscheinlich, kontrollieren doch heutzutage auch schon 8-jährige Mädchen ihr Essverhalten, um „ihren Idolen nachzueifern“.

Was also an Hvoreckys Vision auf den Leser zuerst so unwahrscheinlich wirkt, ist es nicht. Unwahrscheinlicher ist eher das, was dann in City geschieht: Ein Stromausfall bewirkt bei den meisten Abhängigen einen Zwangsentzug, so dass aus der vermeintlichen Katastrophe  die Chance eines Neubeginns erwächst – wenn der Strom weiterhin weg bleibt. Tatsächlich erscheinen die nun folgenden Szenen: Sexorgien in verschmutzten Straßenzügen bei Nennung des Codewortes  „Plüsch“ unter der Führung von Irvin Mirsky und dem Fenster der wie eine Erlöserin von den Massen verehrten Erica Erotica völlig irreal und grotesk. Und – wenn man wohlwollend urteilt – ist das genau so gewollt. Und ein tiefsinniger Hinweis darauf, dass den geradezu wahnwitzigen Abhängigkeiten der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts kaum noch etwas beizukommen vermag. Insofern wäre City dann wirklich der unwahrscheinlichste aller Orte.

Lori Andrews: Epidemie

Eine Rezension von Rob Randall

In ihrem neuen Roman Epidemie, der schon 2007 unter dem Titel The Silent Assassin in den U.S.A. erschien, lebt die bekannte Biologin und Genetikerin Lori Andrews ihre Phantasien auf einem ihr vertrauten Terrain aus: Eine rätselhafte Krankheit, die an eine Autoimmunreaktion erinnert, beginnt hunderte von Menschen in benachbarten Bundesstaaten auf schreckliche Weise zu töten – und das anscheinend immer samstags.

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Cormac McCarthy: Die Straße

Eine Rezension von Rob Randall

Lange ist es her, dass ich einen so eindringlich geschriebenen Roman gelesen habe wie das 2006 erschienene und 2007 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Werk  Die Straße von Cormac McCarthy – und noch seltener hat mich die Atmosphäre einer literarischen Welt so erschüttert und gefangen genommen:

Er lag da und lauschte den im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus der Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre.

Die Handlung des 253 Seiten starken Romans ist schnell erzählt. Ein namenloser Mann und sein noch junger namenloser Sohn kämpfen auf ihrer aus Verzweiflung geborenen Reise an die Küste der U.S.A. in einer weitgehend entvölkerten postapokalyptischen Welt um das nackte Überleben. Immer wieder gehen in dem sich stetig stärker verdunkelnden nordamerikanischen Kontinent ihre Lebensmittelvorräte zur Neige, immer wieder drohen sie zu erfrieren oder zu verhungern und immer wieder müssen sie auf den geschmolzenen Straßen oder in den toten Wäldern jenen Personengruppen ausweichen, die beschlossen haben, ihr Überleben durch kannibalistische Ernährung sicherzustellen. Was die beiden Protagonisten in einem Universum aus Mangel, Gefahr, Betrug und Misstrauen am Leben erhält, ist der jeweils andere: Weil in dieser Schreckensexistenz der eine  die ganze Welt des anderen ist – und somit erzählt der Roman nicht nur, wie der Klappentext verlautbart, die Geschichte der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, sondern auch – vor allem gegen Ende des Romans hin, nachdem sie das Meer erreicht haben – die der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater. Denn nachdem die Mutter sich auf  ihrer Odyssee durch die verheerten Vereinigten Staaten das Leben genommen hat, ist die liebevolle Sorge des Vaters um seinen Sohn, sowie dessen Angst um seinen Beschützer, wenn dieser auf Beutezug wieder einmal in einen wahrscheinlich verlassenen Bauerhof einbricht und damit rechnen muss, dass er schon von gefährlichen Clans, die im Keller ihre menschlichen Nahrungsvorräte gefangen halten, besetzt worden ist. Und trotzdem schwebt über beiden immer wieder die Gefahr, in der bedrückend beschriebenen und von der Katastrophe gezeichneten öden Landschaft die Hoffnung zu verlieren.

Im grauen Licht trat er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte unerbitterliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Die erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtete schwarze Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.

Im Verlaufe des überwiegend aus der Perspektive des Vaters personal erzählten Romans erfährt der Leser nirgendwo Genaueres über die Ursache der Katastrophe, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Nur in einer Rückblende des Mannes werden Reihen von Lichtblitzen in der Nacht erwähnt, so dass hier ein vorausgegangener Atomkrieg vermutet werden kann. Sicher ist dieses aber nicht. Die Frage, was zum Aussterben aller Flora und Fauna und der immer weiter fortschreitenden Verdunkelung der Welt geführt hat, spielt für das Leben der Protagonisten aber auch wirklich keine Rolle mehr – wichtiger ist für sie vielmehr, woher sie das nächste Paar passende Schuhe oder die nächste Konservendose bekommen (Im Übrigen – man sehe mir diesen Vergleich hier nach – fühlte ich mich, während ich über die selten erfolgreichen Beutezüge des Vaters in verlassenen Häuser, Geschäften und Schiffen las, ein wenig an Fallout 3 erinnert…).

Dort draußen war der graue Strand, an den unter fernen Rauschen stumpf und bleiern die langsamen Brecher heranrollten. Wie die Ödnis einer fremdartigen See, die sich an den Ufern einer unbekannten Welt bricht. Draußen im Watt lag ein Tanker auf der Seite . Dahinter der Ozean, weit, kalt und in schwerfälliger Bewegung, wie ein Fass voll langsam wogender Schlacke, dann die graue Kaltfront aus Asche.

Erinnert hat mich der Roman zudem auch an ein apokalyptisches Gedicht Byrons (Darkness), das von einer Welt in plötzlicher Dunkelheit handelt:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space
[…]
Ships sailorless lay rotting on the sea,
And their masts fell down piecemeal: as they dropp’d
They slept on the abyss without a surge–
The waves were dead; the tides were in their grave,
The moon their mistress had expir’d before;
The winds were withered in the stagnant air,
And the clouds perish’d; Darkness had no need
Of aid from them–She was the Universe.

Der Vergleich mit Byrons Gedicht zeigt, dass, obwohl McCarthy „nur“ Prosa schreibt, es ihm gelingt, durch Wortwahl und Syntax eine Atmosphäre zu evozieren, die der des Gedichtes kaum nachsteht. Es ist gerade dieser Stil, der das Buch noch vor dessen Inhalt selbst so lesenswert macht. Obwohl ich normalerweise eher kein Freund von langen Landschaftsbeschreibungen bin, war ich von diesen begeistert  – und obwohl sich diese oft gleichen und die Handlungen zudem häufig ähneln, kam keine Langeweile auf. Dass dieses alles in der deutschen Fassung immer noch gelingen kann, ist wohl das Verdienst des Übersetzers, den ich hier nun abschließend auch einmal loben will.

Meiner abschließendes Urteil kann nur lauten: Den Roman sollte man mal an einem trüben und verregneten Sonntagnachmittag unbedingt zur Hand nehmen.

Nick Harkaway: Die gelöschte Welt

Eine Rezension von Rob Randall

Normalerweise schreibt man eine Rezension idealerweise zu einem Zeitpunkt, der nicht so lange von dem Moment entfernt ist, an dem man das zu besprechende Buch ausgelesen hat. Das hat eine Menge Vorteile: Die Handlung ist noch präsent, der Eindruck noch frisch und man ist stark zum Schreiben motiviert. Mit dem Debüt Nick Harkaways aus dem Jahre 2008, er ist übrigens ein Sohn des berühmten John le Carré, ist mir dieses nicht gelungen: Weil ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich dieses Buch bewerten sollte. Die gelöschte Welt musste ich erst ein mal verdauen – in kleinen konsumierbaren Happen.

„Ihr wisst sicher, dass am Jorgemund-Rohr ein Brand ausgebrochen ist… Es ist aber noch viel schlimmer. Es handelt sich nämlich um ein Pumpwerk, sogar ein großes. Da lagern tausende Barrel FOX, das so explosiv wie Kerosin ist und jederzeit ein Loch in diese Scheißwelt brennen könnte.

Der Anfang des Romans stellt den Leser vor ein Rätsel, auf dessen Lösung er lange warten muss. Irgendetwas ist mit der Welt passiert, irgendwie ist nur noch Leben am Rande eines Rohrsystems möglich, irgendwer lauert außerhalb der sicheren Zonen in den verfluchten Landstrichen, die man nur mit schwerbewaffneten Konvois durchfahren kann. Die Hauptfigur und der Ich -Erzähler des Romans, hat genau dieses Abenteuer vor sich. Der Ich-Erzähler ist Teil eines erfahrenen Teams, welches unter Gonzo Lubischs Leitung steht und das engagiert wird, jenes gefährliche Feuer am Jorgemund-Rohr zu löschen.

Mit dem zweiten Kapitel setzt nun eine Rückblende ein, in welcher der Leser weit in der Vergangenheit der Hauptfigur und Gonzo Lubischs blickt und die deutlich macht, dass der Autor Spaß am Erzählen hat. Der Leser erfährt von der Annahme des Ich-Erzählers durch die Familie Gonzos, seine Jugend, sein Kampfsporttraining bei Meister Wu, seine ersten Liebeleien, seinen Schulabschluss und Studium, seine erste Verhaftung durch dem Heimatschutz, seine Beteiligung an einem geheimen militärischen Forschungsprojekt, aus dem eine neuartige Waffe hervorgeht, über die die U.S.A. als einzige Macht zu verfügen scheinen, – und von deren Einsatz im nächsten Krieg. Als die neuartige Bombe das erste Mal die Informationen zerstört, welche die Materie überhaupt in jene Formen bringt, wie wir sie kennen, als sie den Stoff, aus dem die Dinge bestehen, einfach auflöst, zeigt sich:  Die Nemesis folgt der Hybris auf dem Fuße und mit der Welt zu spielen, wenn man nicht alle Regeln kennt, ist gefährlich. Grauenhaftes erwächst an den Orten aus der Leere, welche die Bombe hinterlässt – und da nicht nur die U.S.A., sondern auch eine ganze Reihe anderer Mächte im Besitz der Bombe sind, wandelt sich der lokale Konflikt zu einem Weltkrieg und nach dem interkontinentalen Schlagabtausch auch von einem Moment zum anderen das Angesicht der Erde – ein Ort, an dem die wenigen Menschen, die den Weltkrieg überlebt haben, um ihr nacktes Überleben und gegen ihre schlimmsten Albträume kämpfen müssen. Dabei ist auch Gonzo Lubitsch oft der der Verzweiflung nahe:

Die meisten Leute haben beim Beten eine klare Vorstellung, wohin sie ihre Worte richten müssen. Sie denken an Gott den Bärtigen, Gott den wallend Gewandeten oder Gott den abwesenden Vater, der irgendendwoauf einer Wolke sitzt und seine Post durchsieht. Mein Gebet kommt in einen leeren Umschlag, den ich einfach an einer Bushaltestelle liegen lasse. Jeder, der sich dafür interessiert, kann ihn nehmen und öffnen. Jeder, der Gott sein will – so stellt es sich jedenfalls für mich dar – kann den Daumen zwischen Umschlag und Hülle schieben und das Siegel lösen, um meinen einzigen feierlichen Wunsch zu lesen: Lieber Gott, ich will nach Hause. Um in meinen persönliches Pantheon zu gelangen, müssen sie nur noch das passende Wunder liefern.

Es ist gerade dieser Stil, der das Buch so lesenswert macht: Der Autor nimmt sich nicht nur Zeit für seine Figuren, sondern hat anscheinend auch viel Aufmerksamkeit auf die sprachliche Gestaltung seines Werkes gelegt – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellte – gäbe es nicht so viele schlecht erzählte und zu schnell heruntergeschriebene Romane in diesem Genre. Gleich, wieviel Energie er tatsächlich aufgewendet hat: Schreiben kann Harkaway.

Der Roman gibt dem Leser zudem an vielen Stellen Gelegenheit zum Schmunzeln – und neben den zahlreichen Rätseln, die den Leser immer wieder an das Buch fesseln, ist es gerade das, was dieses Buch für mich so unterhaltsam macht:

Etwas zu spät fällt mir ein, dass es eine Reihe Qigong-Übungen gibt, die man (natürlich vorher) benutzen kann, um den Schmerz auszublenden. Sie heißen die Neun Kleinen Schwestern, was Meister Wu ein wenig erotisch fand. Wenn er die Übungen erklärte, bekam sein Gesicht immer so einen sehnsüchtigen, lüsternen Ausdruck, was mich auf die Idee brachte, dass er in seiner Jugend mindestens drei von ihnen sehr gut gekannt hatte.

Vielleicht waren es gerade die Leichtigkeit und die Unkonventionalität des Stiles in Kombination mit der kreativen Rätselhaftigkeit der Handlung, die mich beim Lesen dazu verlassten zu denken: „Das ist etwas Neues.“ Dabei ist vieles gar nicht so neu, wie es bei der Erstrezeption scheint, Harkaway hat nur äußerst gekonnt Elemente vieler literarischer und cinematographischer Genres gemischt und zu etwas verschmolzen, das durchaus den Eindruck von Orginalität macht.

Da sind beispielsweise zum einen die rätselhaften Wesen, die dem Mystery-Science-Fiction entstammen könnten, und zum anderen die Ausbildung der Hauptfigur durch Meister Wu sowie die immer wiederkehrenden Zweikampfszenen, die ganz offenbar beide stark von Martial-Arts-Filmen beeinflusst sind. Von den unvermeidlichen Ninjas ganz zu schweigen: Bruce Lee und Karate Kid lassen grüßen. Die Kriegsszenen des Buches scheinen, wenn man sie genau betrachtet, sich weniger an Military-Science-Fiction-Romanen als an den klassischen Vietnamfilmen zu orientieren – nebst Ausbildung und Drill Seargent à la Full Metall Jacket. Auch die charakteristischen Züge einzelner Gemeinschaften erinnern an Filme – eine Tatsache, die Harkaway auch zugibt:

Ruth Kemner sitzt auf einem Thron. Verglichen mit anderen macht er nicht viel her. Es handelt sich um den Pilotensitz eines Kampfhubschraubers, den jemand mit Leopardenfellen bedeckt hat, die wahrscheinlich nicht einmal von echten Leoparden stammen. Dieses Bild erinnert mich an die Filme aus dem Siebzigerjahren, in denen Kriegerfrauen, dargestellt von badenden Schönheiten, eine Gruppe männlicher Schiffbrüchiger fangen und hinzurichten drohen, bis sie schließlich in seeligem Vergessen in den Armen der tapferen Männer mit den markanten Gesichtern dahinschmelzen. Echte Männer halten nämlich nichts vom sapphischen Unfug, sondern wissen, dass jedes anständige Mädchen eine feste Hand braucht.

Mich erinnert die hier beschriebene Szenerie  übrigens eher an eine ganz bestimmte Gemeinschaft aus Apocalypse now oder an die entsprechende Siedlung in Joseph Conrads Heart of Darkness. Welchem Werk die Reminiszenzen auch immer gelten mögen, deutlich wird, dass Harkaway sich anstandslos auf eine äußerst kreative Weise beliebter Elemente der Popkultur bedient, um seine eigene fiktive literarische Welt zu gestalten. Dieses ist insgesamt gelungen. Ebenso wie der ganze Roman, den ich – obwohl ich nun weiß, was des Rätsels Lösung ist – bestimmt noch ein weiteres Mal lesen werde.