Robert Harris: Vaterland

Es gibt erfolgreiche ausländische Romane, deren Inhalte so „gefährlich“ oder „problematisch“ zu sein scheinen, dass sich manche deutschen Verlage nicht trauen, sie hierzulande zu veröffentlichen. Der dystopische Roman Vaterland von Robert Harris war ein solcher – bis der Heyneverlag sich 1992 dazu entschloss, ihn mit wenigen Monaten Verspätung auch in Deutschland erscheinen zu lassen. Und siehe da: Das Unglück bliebt aus. Über 6 Millionen Mal verkaufte sich der Roman bisher weltweit  und wurde zudem unter gleichem Titel 1994 verfilmt. Doch was bewog die deutschen Verlage erst dazu, einen so gewinnversprechenden Kriminalroman abzulehnen?

Sie hatten das Ende der großen Allee erreicht und fuhren auf den Adolf-Hitler-Platz. Zur linken begrenzte den Platz das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht, zur Rechten die neue Reichskanzlei und der Palast des Führers. Davor lag die Halle…

An der dem Roman zugrundeliegende und auf kontrafaktischer Geschichte basierenden Vision des britischen Journalisten Harris kann es nicht gelegen haben, denn diese ist durchaus nicht neu: Das Deutsche Reich hat seine Kriegspläne erfolgreich umgesetzt, die Staaten des westlichen Europas unter deutscher Hegemonie vereint und ist 1964 neben den aus dem Krieg ausgeschiedenen U.S.A. die einzig verbliebene Großmacht. Polen ist ebenso von der Landkarte verschwunden wie die baltischen und süd-osteuropäischen Staaten. Das riesige Territorium des Dritten Reiches erstreckt sich bis zum Ural, hinter dem noch immer gegen den verbliebenen Rest der U.D.S.S.R. gekämpft wird. Deutsche Siedlerfamilien haben den weitgehend geleerten „Lebensraum“ im Osten aufgefüllt. Die überlebenden slavischen Völker dienen ihnen als billige und illiterate Arbeitskräfte. Die Gesellschaft des Reiches selbst ist bis auf wenige Ausnahmen nazifiziert und uniformiert.

Von hier aus gingen haushohe Züge auf 4 Meter breiten Gleisen nach den Außenposten des Deutschen Reiches ab – nach Gotenland (früher Krim) und Theoderichshafen (früher Sewastopol); ins Generalkommisariat Taurien und dessen Hauptstadt Melitopol…

Was Harris’ Vision von den schon bekannten unterscheidet, ist ihre sagenhafte Plastizität. Diese resultiert zum einen aus den sprachlich gelungenen Beschreibungen, mit denen es dem Autor gelingt, das von Speer und Hitler geplante Berlin facettenreich lebendig zu machen, zum anderen aber auch aus der Tatsache, dass er nicht im leeren Raume herumfantasiert, sondern sich – als studierter Historiker – konsequent an den nachweislich vorhandenen Plänen der Eliten des Dritten Reiches orientiert. Und das gelingt ihm hervorragend nicht nur im Großen, sondern überzeugend auch im Detail: So existierten beispielsweise nicht nur Planungen für den im Roman eher beiläufig erwähnten und oben genannten monströsen Zug mit einer Spurweite von 40000 mm (die gigantomanischen Pläne stammen übrigens von Adolf Hitler selbst), sondern die Umbenennung Sewastopols in Theoderichshafen entspricht auch den nicht mehr umgesetzten Vorhaben Reichskommissariates Ukraine aus dem Jahre 1942 (wenn auch eigentlich von Alfred Rosenberg ein Generalbezirk Taurien innerhalb des Generalkommissariates Krim anstatt eines Generalkommissariates Taurien vorgesehen war). Harris gelingt es  so, aus den vorhandenen Dokumenten eine Welt auferstehen zu lassen, die im Jahre 1941 in den Augen vieler Deutschen vermutlich nicht nur die wünschenswerteste, sondern auch wahrscheinlichste war. Ist das vielleicht der Grund für die Ablehnung gewesen?

„Lass den Jungen zufrieden“. Verschwinde. Lass uns in Ruhe.“ Sie schnappte sich den Hund und zerrte ihn an seinem Halsband zurück. Die Tür knallte in sein Jaulen hinein. Später, als er nach Berlin zurückfuhr, dachte März über den Hund nach. Dabei wurde ihm klar, dass der Hund die einzige lebende Kreatur in dem ganzen Haus war, die keine Uniform trug. Wenn er sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte er schallen gelacht.

Zu den verdienten Uniformträgern des Reiches gehört eigentlich auch die Hauptfigur des Romans, der geschiedene Berliner Kriminalbeamte und SS-Stumbannführer Xaver März, der am Morgen des 14. April 1964  damit beauftragt wird, den Tod eines alten Mannes zu untersuchen, der nackt am Ufer eines Sees gefunden wird. Der Roman erzählt vom siebentägigen Bemühen des Kriminalisten, den rätselhaften Fall trotz massiven Widerständen von Gestapo, SiPo und SD  zu lösen. Und der Fall wird immer mysteriöser,  als März feststellen muss, dass der Tote nicht nur Blutordensträger und Staatssekretär war, sondern nur ein Fall einer ganzen Reihe von toten Bürokraten ist, die offenbar eines miteinander gemeinsam haben: Sie haben am 20 Januar 1942 an einer Konferenz unter Vorsitz von Reinhard Heydrich teilgenommen.

Es gab Tabellen: „Eine Übersicht über die Zulässigkeit von Eheschließungen zwischen Ariern und Nichtariern“, „Das Überwiegen von Mischligen ersten Grades. Für Xaver März war das alles unverständliches Kauderwelsch. Fiebes sagte: „Die meisten davon sind heute veraltet. Vieles bezieht sich auf Juden, und die Juden sind, wie wir wissen – er zwinkerte – „alle in den Osten gegangen.“

Die systematische Vernichtung der europäische Judendurch Organisationen des nationalsozialistischen Deutschlands sowie das Verhalten der – zwar uniformierten, aber zivilen – deutschen Bevölkerung in der Shoa sind die eigentliche Themen des Buches, die sich beide aus der spürbaren Leere ergeben: Weil die deutschen Juden nicht mehr da sind – spurlos auch aus den Akten verschwunden sind;  und weil keiner zu wissen scheint, wo sie eigentlich sind, die 11 Millionen europäischen Juden, weil keiner fragen will – oder wagt, was mit ihnen bei der Umsiedlung eigentlich zugestoßen ist, weil es keinen  interessiert, weil es nur Juden waren – außer Xaver März. Und auch er muss sich nachher mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit auch er mit Schuld an dem trägt, was in Auschwitz, Sobibor und Belzek geschehen ist.

Harris entwirft in gewisser Weise ein Bild von der Gesellschaft, das den Vorstellungen des Durchschnittsdeutschen zuwiderlaufen dürfte: Opa hat nicht nichts gewusst, er hat nur weggesehen – und wo die vielen günstigen Möbel herkommen, hat er auch willendlich nicht wissen wollen. Aber profitiert hat er. Gerne. Und das häufig nicht zu knapp. Opa hatte nur seine dunklen Ahnungen, aber konkretisiert hat er sie bewusst nicht. Weil er wie jeder andere wusste, was die Antwort gewesen wäre.

Xaver März allerdings beginnt Fragen zu stellen und sich aus der ideologischen Umklammerung zu lösen. Insofern ist er Sypathieträger und Identifikationsfigur des Romans – und mit ihm zusammen führt Harris den Leser über die (überwiegend) historischen Dokumenten zu einem grundlegenden Verständnis der nicht ganz unkomplizierten Vorgänge, die zur „Endösung“ führten – einschließlich Fahrplänen der Reichsbahn, Aktennotizen der beteiligten Ministerien, Ausbauplänen von SS und IG Farben, Reden Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers und dem Protokoll der Wannseekonferenz. Die typischen Charakterzüge der Täterpersönlichkeiten (z.B. Odilo Globocnik und Arthur Nebe) werden dabei ebenso vorgeführt wie die beteiligten Organisationen und Ministerien. Die Fragen, die für Xaver März offen bleiben, entsprechen dabei den auch unter Historikern zweifelhaften Punkten: Wer hat den Anstoß gegeben? Gab es einen mündlichen Führerbefehl? Was genau waren die Ursachen dafür, dass man 1940 zur Vernichtung unter industriellen Vorzeichen überging?

Gleich unter welchem Gesichtswinkel man das Buch betrachtet, ein wirklich guter Roman. Er ist spannend geschrieben und auch in der Übersetzung sprachlich gelungen. Die nationalsozialistische Welt ist erschreckend wirklich. Zudem werden die historischen Vorgänge des Holocaustes anschaulich dargestellt, wobei diese Vorgänge, so wie sie hier beschrieben werden, im Kern dem Stand der Forschung der neuziger Jahre entsprechen und nur an der Peripherie der fiktiven Narratio des Romans in vertretbarer Weise angepasst werden.  Lesen!

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