Dmitry Glukhovksy: Metro 2033

Das Phänomen Metro 2033:

2007 sorgte Dmitry Glukhovksy mit seinem postnuklearen Endzeitroman Metro 2033 für Aufmerksamkeit: Hatte das Erstlingswerk des damals 26-Jährigen zuerst keinen Verleger gefunden und war deshalb während des Entstehungsprozesses im Internet kostenlos veröffentlicht worden, so erreichten die Downloadzahlen – und später auch die Verkaufszahlen schnell die Millionengrenze. Möglicherweise auch deshalb, weil Glukhovsky publikumswirksam den Onlinelesern die Möglichkeit gegeben hatte, aktiv an der Gestaltung der Handlung und der Welt des Romans mitzuwirken. Das Vorgehen hat sich wohl ausgezahlt: Mittlerweile ist ein Computerspiel unter gleichem Namen produziert und der ebenfalls erfolgreiche Nachfolgeroman Metro 2034 veröffentlicht worden. Doch damit nicht genug: In Russland sind außerdem zwei weitere im Metro-2033-Universum verortete Romane anderer Autoren (Metro 2033: Die dunklen Tunnel von Sergey Antonov und Metro 2033: Reise-Zeichen von Vladimir Berezin) erschienen, ein weiterer Hinweis dafür, dass der Roman etwas Besonderes ist – aber was macht dieses Werk nur so erfolgreich?

Die Gefahr kam nämlich durchaus nicht immer aus Norden oder Süden. Sie konnte sich über ihnen verbergen, in den Belüftungsschächten, links oder rechts, in den unzähligen Verzweigungen, hinter den verriegelten Türen ehemaliger Betriebsräume und geheimer Ausgänge.

Das Setting ist genial: Nach einem verheerenden Nuklearkrieg im Jahre 2013 ist die Oberfläche des Planeten aufgrund von Strahlung und mutierten Lebewesen unbewohnbar geworden. Der von seiner Spitzenstellung in der Evolution verdrängte Homo sapiens fristet vielmehr sein (Über-)leben in den gefährlichen Tunneln und Stationen der Moskauer Untergrundbahn. Dort haben sich die verschiedensten Gesellschaften und Überlebensstrategien entwickelt, beides wurde vom Autor liebevoll sowie detail- und abwechslungsreich ausgestaltet (Vergleiche mit dem Herrn der Ringe erscheinen mir allerdings sehr übertrieben). Es existieren einerseits sich einander bekämpfende faschistische und kommunistische Gemeinschaften, andererseits Bündnisse, die sich am Bild der mittelalterlichen Hanse orientieren wollen, sowie Stationen, die eher einem gescheiterten Staat entsprechen. Es gibt einige, die gerade wirtschaftlich zu prosperieren beginnen und andere, deren Stern gerade aufgrund äußerer oder innerer Einflüsse im Sinken begriffen ist.

Natürlich bestand immer die Möglichkeit zurückzuweichen und sich ins Zentrum zurückzuziehen, die Tunnel zu sprengen. Doch dann würde ihr Lebensraum immer enger werden – bis sich auch die Überlebenden schließlich auf einem winzigen Fleck zusammendrängten und sich gegenseitig an die Kehle gingen.

Die Hauptfigur, der zwanzigjährige Artjom, lebt in genau einer solchen Station: Die WDNCh erlebt gerade aufgrund ihres Pilzteeexportes einen wirtschaftlichen Aufschwung, sie liegt allerdings am nördlichen Rande der bewohnten Metro – und muss sich unter hohen Verlusten gegen die seit kurzem von außerhalb der Metro eindringenden rätselhaften Schwarzen zur Wehr setzen. Es scheint absehbar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie die Station den neuen evolutionären Konkurrenten preisgeben müssen. Ein geheimnisvoller Fremder beschließt, das Übel für alle Male zu beseitigen und erteilt Artjom für den Fall seines Scheiterns den Auftrag, sich zur Polis – dem sagenumwobenen intelektuellen Zentrum der Metro durchzuschlagen und dort Bericht zu erstatten. Nachdem Hunter von seiner Mission nicht zurückgekehrt ist, beschließt Artjom sich alleine auf den langen und gefährlichen Weg zur Polis zu machen, um seine Station – und möglicherweise auch den Rest der Metro – vor dem Verderben zu bewaren. Insgesamt also ein vielversprechender Plot.

Wer war das? Artjom sieh nach! Unwillig erhob sich Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu

Der Anfangssatz enthält vieles in nuce. Die Hauptfigur des Romans, der junge Artjom, muss auf seiner beschwerlichen Reise in die dunkle Welt der Metro nicht nur viele Abenteuer bestehen. Er erhält auch nach und nach tiefere Einblicke in das innere Wesen des Lebensraum “Metro’ und ist dessen Rätsel auf der Spur – nicht zuletzt auch aufgrund der vielen verschiedenen zeitweiligen Weggefährten und Helfer. Allerdings muss man feststellen, dass Artjom insgesamt keine großen Fortschritte in seiner Persönlichkeitsentwicklung macht.Und wie im ersten Satz des Romans schon deutlich wird – er ist beständig Objekt des Geschehens, selten agiert er in vollem Bewusstsein oder souverän – und das bis zum Ende der Geschichte. Eigentlich liegt hier ein Werk in der Tradition des Bildungsromans vor, dessen Potential vom Autor jedoch aus nicht nachvollziehbaren Gründen in dieser Richtung nicht ausgeschöpft wird.

Die Handlung, die sich immerhin über mehr als 700 Seiten ersteckt, ist insgesamt spannend. Artjom schliddert von Station zu Station und Tunnel zu Tunnel in immer neue Abenteuer. Allerdings hat man den Eindruck, als würden sich bestimmte Ereignisse und Schilderungen wiederholen: In den Tunneln lauert immer die (teilweise übernatürliche) Gefahr, die Zugangs- und Zollkontrollen zu den einzelnen Stationen sind immer eine rhetorische oder militärische Herausforderung, die anfangs noch spannenden und interessanten Schilderungen der russischen U-Bahnstationen verlieren nach und nach ihren Reiz.

An der Figurenwelt des Romans wurde von einigen Rezensenten Kritik geübt:  Frauen spielten in dem Roman keine Rolle tatsächlich erlebe man sie nur einmal – beim Kochen. Der Autor hätte so eine patriachalische Welt erschaffen und zudem Probleme mit dem eigenen Setting bewiesen. Es ist aber zu konstatieren: Es wäre sehr leicht gewesen, Artjom von Liebesabenteuer zu Liebesabenteuer taumeln zu lassen und auch weibliche Figuren in Führungspositionen zu befördern. Meiner Ansicht nach liegt hier  ein bewusster Verzicht auf weibliche Figuren vor, der sich eben auch auf die Führungseliten der Stationen erstreckt. Es ist weiterhin festzustellen, dass Glukhovsky mit seinem Verzicht auf weibliche Figuren überhaupt bzw. auf den heutzutage anscheinend sofort schmerzhaft vermissten Handlungsstrang der Liebesgeschichte einer erzähltechnischen Tradition folgt, die spätestens mit Lovecraft beginnt – nicht umsonst droht der Roman an einigen Stellen zum Genre das Mystery-Science-Fiction zu tendieren. Wie Michelle Houllebecq in seinem Essay Gegen die Welt, gegen das Leben in Bezug auf das Lovecraft’sche Universum und dem überraschende Fehlen von Frauen, Liebe und pekuniären „Umständen“ in diesem festhält, führt gerade der Verzicht auf das eigentlich unbedingt Erwartbare nicht nur zum bemerkbar eigentümlichen Charakter der geschilderten fiktiven (Schreckens-)Welt, sondern kanalisiert gleichzeitig die „Kaftströme“ der Erzählung in die vom Autor gewünschte Richtung. Insgesamt bietet der Roman überhaupt  keine Nebenstränge, in denen sich die Kraft der Handlung verlieren könnte: Die Bewältigung der Aufgabe durch Artjom und die Rettung des vom Aussterben bedrohten Homo sapiens in einer beängstigenden und gefährlichen Welt hat absolute Priorität. Dieses mag auch der Grund dafür sein, dass die Reise Artjoms den Leser an einigen Stellen zu ermüden beginnt: Die vom Autor sich selbst gestellte Aufgabe, eine detailreiche Welt in (epischer) Breite bei strikt linearem Handlungsverlauf zu schildern, wurde nicht ganz gelöst. Gelitten hat darunter vor allem letzterer.

Aber auch die Schilderungen bieten Anlass zum genaueren Hinsehen: Die vom Autor in dem Roman entworfene und den Leser an einigen Stellen (immerhin!) tatsächlich schaudern lassenden Welt ist mit ihren technischen und physikalischen Bedingungen zwar insgesamt schlüssig, aber Fragezeichen bleiben: Wieso ist die Radioaktivität nicht in die gesamte Metro eingedrungen, wenn der unterirdische Komplex an so vielen Stellen gefährlich offen ist? Wieso ist immer noch Gas in den Rohren der U-Bahn, wenn gerade das fehlende Brennmaterial eine so große Herausforderung ist? Ich persönlich konnte bei der Lektüre des Romans mit diesen Lücken bzw. Widersprüchen allerdings leben.

Wieso, muss man sich abschließend noch einmal fragen, ist dem insgesamt doch eher mittelmäßigen Buch so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden und wieso ist es – auch mit Blick auf die Nachfolgeromane – so erfolgreich? Meine Antwort ist: Weil das vom Autor geschilderte Universum in der Moskauer Metro durchaus gelungen und eindrucksvoll ist und weil die Fehler des Autoren in der Handlungsführung für die weiteren in dieser unterirdischen Welt spielenden Romane keine Bedeutung mehr haben. Und das macht durchaus Hoffnung – ich werde mir den Nachfolgeroman auf jeden Fall in den nächsten Tagen zulegen.

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