Philip Kindred Dick: Das Orakel vom Berge

Was wäre wenn?
Was der Historiker sich verbieten muss, darf der Literat: 1962 provozierte Philip K. Dick die amerikanische Leserschaft mit einer geradezu empörenden Beantwortung der Frage, was gewesen wäre, wenn die Luftschlacht über England einen anderen Verlauf genommen hätte. Er entwirft auf dieser Basis  in seinem Roman Das Orakel vom Berge einen kontrafaktischen Geschichtsverlauf und schildert  eine Alternativwelt des Erscheinungsjahres:

Europa wird durch den Nationalsozialismus regiert, Japan hat den gesamten Pazifikraum unter Kontrolle gebracht und Italien ist unter deutschem Einfluss stehend eine beinahe bedeutungslose Kolonialmacht am Mittelmeer. Die U.S.A. sind weitgehend besetzt, Japan hat die Westküste seinem Empire zugeschlagen und das Deutsche Reich die Ostküste seinem Reich einverleibt.  In Afrika haben fehlgeschlagene nationalsozialistische Raumordnungspläne zwar zur weitgehenden Vernichtung der schwarzen Bevölkerung geführt – dafür ist aber das deutsche Raumfahrt- und Raketenprogramm – ein Flug zum Mars steht bevor – äußert erfolgreich. Technologisch ist das Deutsche Reich den Japanern um ein Jahrzehnt voraus – das Reich der aufgehenden Sonne verstrickt sich lieber in Eroberungskriege in Südamerika.

Sie sehen nicht den einzelnen Menschen, das einzelne Kind, sondern immer nur Abstraktionen: Rasse. Land. Volk. Blut. Boden. Ehre.

Vor diesem Hintergrund erzählt Dick das Leben von vier Hauptfiguren in den zwei „Besatzungszonen“ auf dem Nordamerikanischen Kontinent  in verschiedenen Handlungssträngen, die insgesamt nur wenig miteinander verknüpft sind. Und das den Leser verstörende an seiner Vision ist: Den zentralen Plot eines amerikanischen Helden, um den sich die verschiedenen Handlungsstränge gruppieren könnten, gibt es nicht – patriotischer Widerstand gegen die Besatzungsmächte findet nicht statt – an keiner Stelle. Die eigentlich zu erwartetende zentrale Frage – wie die U.S.A. wieder unabhängig werden, wie sie die Deutschen und Japaner besiegen – sie stellt sich erst überhaupt nicht. Noch nicht einmal für den nach Operationen nicht mehr als Jude zu erkennenden Feinmechaniker Frink, der vielmehr unter den gegebenen Umständen um sein (finanzielles) Überleben kämpfen muss, auch wenn er am deutlichsten von allen Kritik an den Nazis äußert.

Trotz aller offensichtlichen Nachteile – wir könnten schlimmer dran sein. Eine großartige moralische Lektion. Ja, die Japse haben hier die Macht, und wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Aber daraus entstehen große Dinge.

Und noch an einer weiteren Stelle unterläuft der Autor die Erwartungshaltung des Lesers: Die Figuren haben sich nicht nur mit der Situation abgefunden, sondern blicken zu den jeweiligen Besatzern auf, übernehmen partiell oder ganz deren Ideologie und erkennen die Rechtmäßigkeit der Fremdherrschaft an, so wie der Antiquitätenhändler Childan, der erst ganz am Ende des Buches so etwas wie einen bockigen Nationalstolz entwickelt.

Doch auch die Japaner bleiben von Akkulturationsprozessen nicht verschont:  Die Militärs und Angestellten der Besatzungsmacht haben eine Vorliebe für die native amerikanische Vorkriegskunst und zahlen Unsummen für orginale Bürgerkriegscolts und Mickey-Maus-Uhren. Da sie nicht nur aufgrund ihrer strengen aber gerechten Herrschaft durchaus sympathisch erscheinen und eine ethische Gegenposition zur Ideologie des Nationalsozialismus entwickelt haben, sondern  zudem als einzige eine Leidenschaft für die amerikanische Kultur (der Vorkriegszeit) zeigen, bietet Dick dem Leser gerade einen Vertreter dieser Gruppe als Identifikationsfigur an – nämlich den nachdenklichen und empfindsamen Nobuske Tagomi, der, wenn ihn seine Begeisterung mit sich forteißt, in seinem Büro im Nippon State Building amerikanischen Besuchern anschaulich mit gezückter Waffe den Vorgang der Büffeljagd demonstriert und zum Schluss auch heldenhaft zwei SD-Männer erschießt – und brüskiert den amerikanischen Leser  der sechziger Jahre damit ein drittes Mal.

Ein genialer Zug Dicks war es, die Spiegelwelt des Romans durch eine weitere zu konterkarieren: Für Aufmerksamkeit sorgt nämlich das in den japanischen Gebieten erscheinende, aber auf deutschem Boden verbotene, Buch Die Plage der Heuschrecken von Hawthorne Abendsen, in dem eine fiktive Alternativwelt geschildert wird, in der die Achse den Krieg verliertwobei der in diesem Roman geschilderte historische Verlauf nicht dem uns bekannten entspricht. Dick macht hiermit deutlich: Die uns bekannte Welt ist nur eine der möglichen gewesen und – weil das dort als einzige Großmacht aus dem Krieg hervorgehende britische Empire auch der Menscheit zu Segen gereicht – nicht die beste aller möglichen Welten. Das ist ein weiterer Schlag ins Gesicht des sendungsbewussten amerikanischen Demokraten seiner Zeit.

Du hast den Auftrag Abendsen umzubringen, hab ich recht? Ich weiß, dass ich recht habe. Ich war ganz schön blöd.

Wie sich schon bei den beiden oben angeführten Hauptfiguren zeigt, hat Dick viel Arbeit darauf verwendet, seinen Figuren Glaubhaftigkeit und Tiefgang zu verleihen. Dieses ist ihm insgesamt auch sehr gut gelungen – mit einer Ausnahme: Juliana Frink, die nicht nur von ihrem Mann als relativ dumm empfunden wird und mit Männern für eine Nylonstrumphose auf dereren Hotelzimmer mitgeht,  entwickelt, als sie erkennt, dass ihr Liebhaber Joe Cinadella Mitglied des Sicherheitsdienstes ist und den Autor des Romans Die Plage der Heuschrecken töten will, geradezu überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten und moralisches Pathos. Weil es ihr zudem auch noch gelingt, mit einer Rasierklinge dem trainierten und als Auftragskiller fungierenden SS-Mann in einem Handgemenge die Halsschlagader aufzuschneiden, erscheint mir diese Figur nicht nur inkonsistent, sondern auch eher unglaubwürdig.

Das Buch entwirft am Ende keine Perspektiven – obwohl es der letzten Hauptfigur, dem von der deutschen Abwehr nach Amerika geschickten Agenten Baynes (Rudolf Wegener mit richtigem Namen)gelingt, im Tagomis Büro den aus Japan mit Verstpätung eintreffenden Vertreter des Kaiserhauses vor einem bevorstehenden nuklearen Erstschlag des Deutschen Reiches gegen Japan zu warnen. Dick lässt nämlich offen, ob ein solcher durchgeführt werden wird, nachdem Dr. Goebbels die Nachfolge des verstorbenen Kanzlers Bormann angetreten hat – und ob Goebbels sich gegen seine Widersacher in der Führungselite des Reiches überhaupt durchsetzen werden kann.

Deutlich wird auch im letzten Punkt: Die hier entworfene Dystopieist weniger eine Schilderung der Schreckendie möglich gewesen wären, wenn die Achse aus dem Zweiten Weltkrieg als Sieger hervorgegangen wäre, sondern vielmehr Kritik am Selbstverständnis des amerikanischen Bürgers und des amerikanischen Staates der sechziger Jahre – nur aufgrund dieser so unreflektiert verinnerlichten Haltung kann es Dick nämlich gelingen, die Erwartungen so konsequent und schmerzhaft zu unterlaufen.Gerade das macht denRoman lesenswertauch wenndas Fehlen eines zentralen ordnenden Plots, einer „adäquaten“ Identifikationsfigur und einer Perspektive für die Zukunft den einen oder anderen Leser stören mag.

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