Dmitry Glukhovksy: Metro 2034

Eine Rezension von Rob Randall

2009 erschien im Heyne-Verlag Dmitry Glukhovskys Nachfolgeroman des erfolgreichen postapokalyptischen Werkes Metro 2033 – einfallslos Metro 2034 genannt. Da zu erwarten war, dass das Setting ähnlich gut gemacht sein würde wie in seinem literarischen Debüt und der Autor zudem die hier besprochenen Fehler in der Handlungsführung bestimmt nicht wiederholen würde, war ich sehr auf dieses Werk gespannt.

Glukhovsky hat aus seinen Fehlern gelernt: Machte sich in Metro 2033 der Umstand unangenehm bemerkbar, dass die Schilderung einer fiktiven Welt in epischer Breite bei konsequent linearer Handlungsführung nicht befriedigend gelingen wollte, so arbeitet der Autor in diesem Buch mit mehreren Handlungsstängen, die er im Laufe der Zeit zusammenführt.  War Metro 2033 aus der alleinigen Perspektive der Hauptfigur Artjom geschrieben, so bieten sich in Metro 2034 dem Leser dementsprechend mehrere Perspektiven. Darunter sogar die einer weiblichen Hauptfigur (das Fehlen von Frauen in Metro 2033 war ja von vielen bemängelt worden).

Der Roman lebt weniger von der Handlung als von seinen Hautfiguren: Über weite Strecken wird der Roman aus der Sicht Homers erzählt, eines ehemaligen Lokführers, der beschlossen hat sich und einigen Personen durch die Erschaffung eines literarischen Mythos Unsterblichkeit zu verleihen und der an der Sewastopolskaja lebt. Er bricht mit dem schon aus dem letzten Roman bekannten Hunter als letzte Rettung der Station zur Hanse auf, da die anderen Stoßtrupps, die losgeschickt wurden, aus den Tunneln nicht mehr zurückgekehrt sind – und die Zeit drängt: Unheimliche Mutanten greifen ununterbrochen die Sewastopolskaja an. Auf ihrem Weg müssen sie nicht nur feststellen, dass die Tunnel ausgesprochen gefährlich sind, sondern dass die hermetischen Tore an der Tulskaja verschlossen sind. Es bleibt ihnen also nicht übrig, als einen anderen weg zu nehmen, der teilweise durch schon eingestürzte Tunnel und teilweise oberirdisch verläuft.

Unterwegs befreien sie das junge Mädchen Sascha, das nach dem Tode seines Vaters versucht aus dem jahrelangen Exil in einem abgeschnittenen Streckenabschnitt an der Kolomenskaja heraus wieder zurück in die Metro zu gelangen. Eine zeitlang reisen sie gemeinsam, bis sich herausstellt, dass an der Tulskaja eine verheerende Seuche ausgebrochen ist. Nun trennen sich die Wege: Hunter will zwecks Rettung der gesamten Metro versuchen zur Polis zu gelangen, um mit einer Kampfgruppe des Ordens alle an der Tulskaja (noch) lebenden Personen zu töten – Sascha hingegen möchte die Menschen durch ein Gegenmittel retten, das nach Aussagen des jungen Musikers Leonid – der Sascha natürlich nachstellt – in der sagenhaften smaragdenen Stadt existiert. Für Sascha beginnt ein Rennen gegen die Zeit – bzw. gegen den immer rücksichtloser vorgehenden und seine Menschlichkeit nach und nach verlierenden Hunter.

Auch Artjom hat einen Platz in diesem Buch gefunden, und zwar als Funker an der verseuchten Tulskaja, allerdings hat er in dieser Handlung nur eine unwichtige Nebenrolle.

Zuerst das Gute:

1. Das Buch ist mit seinen knapp 500 Seiten um einiges kürzer als sein Vorgänger.

2. Die Figuren sind liebevoller gestaltet als im letzten Roman, sie entwickeln sich tatsächlich weiter, wobei die psychischen Vorgänge ausreichend motiviert erscheinen.

Nun zum Fragwürdigen:

1. Die Charaktere erscheinen mir sehr konstruiert, darunter fällt das zentrale psychische Leiden Hunters an der Vernichtung der Schwarzen (siehe: Metro 2033) ebenso wie das Vorhaben Homers, Hunter zu folgen, um seine Geschichte literarisch verarbeiten zu können.

2. Die Handlung ist, wie auch oben deutlich geworden sein sollte, dünn.

3. Die phantasievoll gräuselig gestalteten Mutanten, die mich persönlich schon im ersten Teil etwas störten, fallen hier nun sehr unangenehm auf.

4. Das Spannung lebt über weite Strecken nur von Gewaltexessen – dieser platten Vorgehensweise bediente sich der Autor auch schon im ersten Teil – wenn auch nicht in so starkem Maße.

5. Die Tunnel beginnen mich endgültig zu nerven: Ja, in jedem Tunnel ist es gefährlich und ja, die Mutanten werden immer größer und gefährlicher.

6. Die Namen der Stationen wurden wie auch schon im ersten Teil nicht eingedeutscht. Dieses kommt dem Moskauer Lokalkolorit zugute, erschwert aber auch das Verständnis: Ohne die vom Verlag dankenswerterweise abgedruckten Karte hätte ich der Handlung so nicht folgen können.

7. Auf die amourösen Gedanken der siebzehnjährigen und in Sachen Männern (Hunter und Leonid) völlig unerfahrenen Sascha hätte ich gerne verzichtet.

Fazit:

Glukhovskys zweites Werk bleibt weit hinter dem ersten zurück. Die platte und teilweise einfallslose Handlung einschließlich der immer wiederkehrenden Gewaltexesse zeugen davon, dass man es hier mit einem weit unterdurchschnittlichen (Mach-)Werk zu tun hat. Schade eigentlich: Die postnukleare Moskauer Metro hatte mir gut gefallen, aber angesichts des hier vorliegenden Erzählstils werde auf eine weitere Lektüre von Werken aus der Feder des Autors Glukhovsky verzichten.

Robert Harris: Vaterland

Eine Rezension von Rob Randall

Es gibt erfolgreiche ausländische Romane, deren Inhalte so „gefährlich“ oder „problematisch“ zu sein scheinen, dass sich manche deutschen Verlage nicht trauen, sie hierzulande zu veröffentlichen. Der dystopische Roman Vaterland von Robert Harris war ein solcher – bis der Heyneverlag sich 1992 dazu entschloss, ihn mit wenigen Monaten Verspätung auch in Deutschland erscheinen zu lassen. Und siehe da: Das Unglück bliebt aus. Über 6 Millionen Mal verkaufte sich der Roman bisher weltweit  und wurde zudem unter gleichem Titel 1994 verfilmt. Doch was bewog die deutschen Verlage erst dazu, einen so gewinnversprechenden Kriminalroman abzulehnen?

Sie hatten das Ende der großen Allee erreicht und fuhren auf den Adolf-Hitler-Platz. Zur linken begrenzte den Platz das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht, zur Rechten die neue Reichskanzlei und der Palast des Führers. Davor lag die Halle…

An der dem Roman zugrundeliegende und auf kontrafaktischer Geschichte basierenden Vision des britischen Journalisten Harris kann es nicht gelegen haben, denn diese ist durchaus nicht neu: Das Deutsche Reich hat seine Kriegspläne erfolgreich umgesetzt, die Staaten des westlichen Europas unter deutscher Hegemonie vereint und ist 1964 neben den aus dem Krieg ausgeschiedenen U.S.A. die einzig verbliebene Großmacht. Polen ist ebenso von der Landkarte verschwunden wie die baltischen und süd-osteuropäischen Staaten. Das riesige Territorium des Dritten Reiches erstreckt sich bis zum Ural, hinter dem noch immer gegen den verbliebenen Rest der U.D.S.S.R. gekämpft wird. Deutsche Siedlerfamilien haben den weitgehend geleerten „Lebensraum“ im Osten aufgefüllt. Die überlebenden slavischen Völker dienen ihnen als billige und illiterate Arbeitskräfte. Die Gesellschaft des Reiches selbst ist bis auf wenige Ausnahmen nazifiziert und uniformiert.

Von hier aus gingen haushohe Züge auf 4 Meter breiten Gleisen nach den Außenposten des Deutschen Reiches ab – nach Gotenland (früher Krim) und Theoderichshafen (früher Sewastopol); ins Generalkommisariat Taurien und dessen Hauptstadt Melitopol…

Was Harris’ Vision von den schon bekannten unterscheidet, ist ihre sagenhafte Plastizität. Diese resultiert zum einen aus den sprachlich gelungenen Beschreibungen, mit denen es dem Autor gelingt, das von Speer und Hitler geplante Berlin facettenreich lebendig zu machen, zum anderen aber auch aus der Tatsache, dass er nicht im leeren Raume herumfantasiert, sondern sich – als studierter Historiker – konsequent an den nachweislich vorhandenen Plänen der Eliten des Dritten Reiches orientiert. Und das gelingt ihm hervorragend nicht nur im Großen, sondern überzeugend auch im Detail: So existierten beispielsweise nicht nur Planungen für den im Roman eher beiläufig erwähnten und oben genannten monströsen Zug mit einer Spurweite von 40000 mm (die gigantomanischen Pläne stammen übrigens von Adolf Hitler selbst), sondern die Umbenennung Sewastopols in Theoderichshafen entspricht auch den nicht mehr umgesetzten Vorhaben Reichskommissariates Ukraine aus dem Jahre 1942 (wenn auch eigentlich von Alfred Rosenberg ein Generalbezirk Taurien innerhalb des Generalkommissariates Krim anstatt eines Generalkommissariates Taurien vorgesehen war). Harris gelingt es  so, aus den vorhandenen Dokumenten eine Welt auferstehen zu lassen, die im Jahre 1941 in den Augen vieler Deutschen vermutlich nicht nur die wünschenswerteste, sondern auch wahrscheinlichste war. Ist das vielleicht der Grund für die Ablehnung gewesen?

„Lass den Jungen zufrieden“. Verschwinde. Lass uns in Ruhe.“ Sie schnappte sich den Hund und zerrte ihn an seinem Halsband zurück. Die Tür knallte in sein Jaulen hinein. Später, als er nach Berlin zurückfuhr, dachte März über den Hund nach. Dabei wurde ihm klar, dass der Hund die einzige lebende Kreatur in dem ganzen Haus war, die keine Uniform trug. Wenn er sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte er schallen gelacht.

Zu den verdienten Uniformträgern des Reiches gehört eigentlich auch die Hauptfigur des Romans, der geschiedene Berliner Kriminalbeamte und SS-Stumbannführer Xaver März, der am Morgen des 14. April 1964  damit beauftragt wird, den Tod eines alten Mannes zu untersuchen, der nackt am Ufer eines Sees gefunden wird. Der Roman erzählt vom siebentägigen Bemühen des Kriminalisten, den rätselhaften Fall trotz massiven Widerständen von Gestapo, SiPo und SD  zu lösen. Und der Fall wird immer mysteriöser,  als März feststellen muss, dass der Tote nicht nur Blutordensträger und Staatssekretär war, sondern nur ein Fall einer ganzen Reihe von toten Bürokraten ist, die offenbar eines miteinander gemeinsam haben: Sie haben am 20 Januar 1942 an einer Konferenz unter Vorsitz von Reinhard Heydrich teilgenommen.

Es gab Tabellen: „Eine Übersicht über die Zulässigkeit von Eheschließungen zwischen Ariern und Nichtariern“, „Das Überwiegen von Mischligen ersten Grades. Für Xaver März war das alles unverständliches Kauderwelsch. Fiebes sagte: „Die meisten davon sind heute veraltet. Vieles bezieht sich auf Juden, und die Juden sind, wie wir wissen – er zwinkerte – „alle in den Osten gegangen.“

Die systematische Vernichtung der europäische Judendurch Organisationen des nationalsozialistischen Deutschlands sowie das Verhalten der – zwar uniformierten, aber zivilen – deutschen Bevölkerung in der Shoa sind die eigentliche Themen des Buches, die sich beide aus der spürbaren Leere ergeben: Weil die deutschen Juden nicht mehr da sind – spurlos auch aus den Akten verschwunden sind;  und weil keiner zu wissen scheint, wo sie eigentlich sind, die 11 Millionen europäischen Juden, weil keiner fragen will – oder wagt, was mit ihnen bei der Umsiedlung eigentlich zugestoßen ist, weil es keinen  interessiert, weil es nur Juden waren – außer Xaver März. Und auch er muss sich nachher mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit auch er mit Schuld an dem trägt, was in Auschwitz, Sobibor und Belzek geschehen ist.

Harris entwirft in gewisser Weise ein Bild von der Gesellschaft, das den Vorstellungen des Durchschnittsdeutschen zuwiderlaufen dürfte: Opa hat nicht nichts gewusst, er hat nur weggesehen – und wo die vielen günstigen Möbel herkommen, hat er auch willendlich nicht wissen wollen. Aber profitiert hat er. Gerne. Und das häufig nicht zu knapp. Opa hatte nur seine dunklen Ahnungen, aber konkretisiert hat er sie bewusst nicht. Weil er wie jeder andere wusste, was die Antwort gewesen wäre.

Xaver März allerdings beginnt Fragen zu stellen und sich aus der ideologischen Umklammerung zu lösen. Insofern ist er Sypathieträger und Identifikationsfigur des Romans – und mit ihm zusammen führt Harris den Leser über die (überwiegend) historischen Dokumenten zu einem grundlegenden Verständnis der nicht ganz unkomplizierten Vorgänge, die zur „Endösung“ führten – einschließlich Fahrplänen der Reichsbahn, Aktennotizen der beteiligten Ministerien, Ausbauplänen von SS und IG Farben, Reden Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers und dem Protokoll der Wannseekonferenz. Die typischen Charakterzüge der Täterpersönlichkeiten (z.B. Odilo Globocnik und Arthur Nebe) werden dabei ebenso vorgeführt wie die beteiligten Organisationen und Ministerien. Die Fragen, die für Xaver März offen bleiben, entsprechen dabei den auch unter Historikern zweifelhaften Punkten: Wer hat den Anstoß gegeben? Gab es einen mündlichen Führerbefehl? Was genau waren die Ursachen dafür, dass man 1940 zur Vernichtung unter industriellen Vorzeichen überging?

Gleich unter welchem Gesichtswinkel man das Buch betrachtet, ein wirklich guter Roman. Er ist spannend geschrieben und auch in der Übersetzung sprachlich gelungen. Die nationalsozialistische Welt ist erschreckend wirklich. Zudem werden die historischen Vorgänge des Holocaustes anschaulich dargestellt, wobei diese Vorgänge, so wie sie hier beschrieben werden, im Kern dem Stand der Forschung der neuziger Jahre entsprechen und nur an der Peripherie der fiktiven Narratio des Romans in vertretbarer Weise angepasst werden.  Lesen!

Friedrich Dürrenmatt: Der Winterkrieg in Tibet

Der Minotaurus mit dem Maschinengewehr: Friedrich Dürrenmatts postapokalyptische Groteske ‚Der Winterkrieg in Tibet‘

Eine Besprechung von Rob Randall

Friedrich Dürrenmatts labyrinthische Version einer Menschheit nach dem Atomkrieg findet sich eingebettet in seiner späten Sammlung Stoffe, welche 1981 erstmals erschien. Wer schon das berühmte Stück Die Physiker des Schweizer Dramatikers für stark grotesk hält, den dürfte die gleichnishafte Erzählung Der Winterkrieg in Tibet erst recht an seine Grenzen führen:

Nach dem 3. Weltkrieg kämpfen unter dem Gasherbrum III (welcher sich bekanntlich in Pakistan befindet) Söldner aus allen Teilen der Erde im Auftrage der Verwaltung gegen den Feind. In den endlosen dunklen Tunneln und schäbigen Bordellen ermorden sich die nicht voneinander zu unterscheidenden Söldner beider Seiten in einem Krieg, dessen Sinn genauso zweifelhaft ist wie die Existenz eines Gegners. Der Ich-Erzähler trifft hier seinen im Rollstuhl sitzenden und mit Maschinengewehren anstatt Armen ausgestatteten ehemaligen Vorgesetzten aus dem Dritten Weltkrieg, dessen Position und Erscheinung er ein- bzw. annimmt, nachdem er diesen auf einer Prostituierten liegend erlöst hat. In Rückblenden berichtet der zuletzt allein in seinen unterirdischen Reich gegen den allgegenwärtigen Feind kämpfende Ich-Erzähler vom Verlauf des Dritten Weltkriegs, dessen Ende und seiner Entscheidung, im Namen der neu entstandenen Weltverwaltung (die in ihren Atombunkern gefangenen Regierungen wurden nirgendwo befreit) gegen den Feind zu kämpfen. Die Ausführungen des Protagonisten werden dabei zunehmend von editorischen Notizen unterbrochen, welche in der Herausgeberfiktion deutlich machen, dass die Erinnerungen in Höhlenwände geritzt aufgefunden wurden und als wichtiges, wenn auch in einigen Punkten zweifelhaftes, historisches Dokument der Nachkriegszeit angesehen werden.

Im Labyrinth des Textes

Das für das Dürrenmatt’sche Werk zentrale Bild des Labyrinthes ist für den Winterkrieg in Tibet von besonderer Bedeutung. So wenig wie der im Labyrinth Gefangene die Folgen seiner Wegwahl abschätzen kann – denn hinter jeder Kehre könnte das griechische  Ungeheuer lauern – so wenig Orientierung hat der Mensch in einer hochkomplexen modernen Welt, deren Zusammenhänge der einzelne nicht mehr durchschauen kann. Auch Jahrzehnte nach der Formulierung des Gleichnisses vom im Labyrinth lauernden Minotauros ist Dürrenmatts Bild im Angesicht  technischer Entwicklungen, die unabsehbare Folgen zeitigen, und der Wirtschaftskrise, die so hochkomplex ist, dass keiner der Verantwortlichen die Konsequenzen der getroffenen politisch Entscheidungen durchblicken dürfte, mehr als aktuell.

In Dürrenmatts etwas zu gedrechselt wirkender postapokalyptischer Erzählung verwandelt sich nun der gegen den Feind kämpfende Held selbst in das Menschen verzehrende Monster – derjenige, der einen Feind zum Leben benötigt, ist sein eigener bzw. des Menschen Feind. Auch das ist nicht ganz neu: Schon in Dürrenmatts Ballade Minotauros heißt es von dem im Spiegellabyrinth lauernden Ungeheuer: „Es befand sich in einer Welt voller kauernder Wesen, ohne zu wissen, daß es selber das Wesen war.“ In einer Welt aber, die durch den Atomkrieg einmal an ihr Ende gekommen ist, werden die Vertreter eines bestimmten Menschentyps unter den vermeintlichen Gebirgen Tibets aufeinander gehetzt, mithin von der neu entstandenen Weltverwaltung entsorgt. Deutlich wird dieses besonders, wenn der Ich-Erzähler wild um sich schießend in eine Kammer seines Labyrinthes rollt und plötzlich im Ausstellungssaal eines Museums Touristen, die sich über die Söldnerkriege nach dem Atomkrieg informieren wollen, niederknallt. Als Relikt der Vorzeit konnte und kann er keinen Anteil mehr an der Zukunft haben. Insofern lässt sich der Text auch als Dürrenmatt’scher Kommentar zum Vorgehen der Regierungen im Kalten Krieg lesen, wenn auch nicht hierauf begrenzen – denn dazu ist er zu vielschichtig angelegt.

Fazit

Dürrenmatt gelingt es auch in Der Winterkrieg in Tibet den Leser in einer Groteske von bedrückenden Bildern und merkwürdiger Situationskomik den Leser zum Nachdenken über sich selbst und seine (polititsche) Haltung zu bewegen – allerdings wohl nicht bei der ersten Lektüre. Es wird vermutlich mindestens einer zweiten bedürfen, um sich als Rezipient im Textlabyrinth zurechtzufinden und als Theseus bzw. Minotauros selbst wiederzuerkennen.

Dmitry Glukhovksy: Metro 2033

Das Phänomen Metro 2033. Eine Rezension von Rob Randall

2007 sorgte Dmitry Glukhovksy mit seinem postnuklearen Endzeitroman Metro 2033 für Aufmerksamkeit: Hatte das Erstlingswerk des damals 26-Jährigen zuerst keinen Verleger gefunden und war deshalb während des Entstehungsprozesses im Internet kostenlos veröffentlicht worden, so erreichten die Downloadzahlen – und später auch die Verkaufszahlen schnell die Millionengrenze. Möglicherweise auch deshalb, weil Glukhovsky publikumswirksam den Onlinelesern die Möglichkeit gegeben hatte, aktiv an der Gestaltung der Handlung und der Welt des Romans mitzuwirken. Das Vorgehen hat sich wohl ausgezahlt: Mittlerweile ist ein Computerspiel unter gleichem Namen produziert und der ebenfalls erfolgreiche Nachfolgeroman Metro 2034 veröffentlicht worden. Doch damit nicht genug: In Russland sind außerdem zwei weitere im Metro-2033-Universum verortete Romane anderer Autoren (Metro 2033: Die dunklen Tunnel von Sergey Antonov und Metro 2033: Reise-Zeichen von Vladimir Berezin) erschienen, ein weiterer Hinweis dafür, dass der Roman etwas Besonderes ist – aber was macht dieses Werk nur so erfolgreich?

Die Gefahr kam nämlich durchaus nicht immer aus Norden oder Süden. Sie konnte sich über ihnen verbergen, in den Belüftungsschächten, links oder rechts, in den unzähligen Verzweigungen, hinter den verriegelten Türen ehemaliger Betriebsräume und geheimer Ausgänge.

Das Setting ist genial: Nach einem verheerenden Nuklearkrieg im Jahre 2013 ist die Oberfläche des Planeten aufgrund von Strahlung und mutierten Lebewesen unbewohnbar geworden. Der von seiner Spitzenstellung in der Evolution verdrängte Homo sapiens fristet vielmehr sein (Über-)leben in den gefährlichen Tunneln und Stationen der Moskauer Untergrundbahn. Dort haben sich die verschiedensten Gesellschaften und Überlebensstrategien entwickelt, beides wurde vom Autor liebevoll sowie detail- und abwechslungsreich ausgestaltet (Vergleiche mit dem Herrn der Ringe erscheinen mir allerdings sehr übertrieben). Es existieren einerseits sich einander bekämpfende faschistische und kommunistische Gemeinschaften, andererseits Bündnisse, die sich am Bild der mittelalterlichen Hanse orientieren wollen, sowie Stationen, die eher einem gescheiterten Staat entsprechen. Es gibt einige, die gerade wirtschaftlich zu prosperieren beginnen und andere, deren Stern gerade aufgrund äußerer oder innerer Einflüsse im Sinken begriffen ist.

Natürlich bestand immer die Möglichkeit zurückzuweichen und sich ins Zentrum zurückzuziehen, die Tunnel zu sprengen. Doch dann würde ihr Lebensraum immer enger werden – bis sich auch die Überlebenden schließlich auf einem winzigen Fleck zusammendrängten und sich gegenseitig an die Kehle gingen.

Die Hauptfigur, der zwanzigjährige Artjom, lebt in genau einer solchen Station: Die WDNCh erlebt gerade aufgrund ihres Pilzteeexportes einen wirtschaftlichen Aufschwung, sie liegt allerdings am nördlichen Rande der bewohnten Metro – und muss sich unter hohen Verlusten gegen die seit kurzem von außerhalb der Metro eindringenden rätselhaften Schwarzen zur Wehr setzen. Es scheint absehbar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie die Station den neuen evolutionären Konkurrenten preisgeben müssen. Ein geheimnisvoller Fremder beschließt, das Übel für alle Male zu beseitigen und erteilt Artjom für den Fall seines Scheiterns den Auftrag, sich zur Polis – dem sagenumwobenen intelektuellen Zentrum der Metro durchzuschlagen und dort Bericht zu erstatten. Nachdem Hunter von seiner Mission nicht zurückgekehrt ist, beschließt Artjom sich alleine auf den langen und gefährlichen Weg zur Polis zu machen, um seine Station – und möglicherweise auch den Rest der Metro – vor dem Verderben zu bewaren. Insgesamt also ein vielversprechender Plot.

Wer war das? Artjom sieh nach! Unwillig erhob sich Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu

Der Anfangssatz enthält vieles in nuce. Die Hauptfigur des Romans, der junge Artjom, muss auf seiner beschwerlichen Reise in die dunkle Welt der Metro nicht nur viele Abenteuer bestehen. Er erhält auch nach und nach tiefere Einblicke in das innere Wesen des Lebensraum “Metro’ und ist dessen Rätsel auf der Spur – nicht zuletzt auch aufgrund der vielen verschiedenen zeitweiligen Weggefährten und Helfer. Allerdings muss man feststellen, dass Artjom insgesamt keine großen Fortschritte in seiner Persönlichkeitsentwicklung macht.Und wie im ersten Satz des Romans schon deutlich wird – er ist beständig Objekt des Geschehens, selten agiert er in vollem Bewusstsein oder souverän – und das bis zum Ende der Geschichte. Eigentlich liegt hier ein Werk in der Tradition des Bildungsromans vor, dessen Potential vom Autor jedoch aus nicht nachvollziehbaren Gründen in dieser Richtung nicht ausgeschöpft wird.

Die Handlung, die sich immerhin über mehr als 700 Seiten ersteckt, ist insgesamt spannend. Artjom schliddert von Station zu Station und Tunnel zu Tunnel in immer neue Abenteuer. Allerdings hat man den Eindruck, als würden sich bestimmte Ereignisse und Schilderungen wiederholen: In den Tunneln lauert immer die (teilweise übernatürliche) Gefahr, die Zugangs- und Zollkontrollen zu den einzelnen Stationen sind immer eine rhetorische oder militärische Herausforderung, die anfangs noch spannenden und interessanten Schilderungen der russischen U-Bahnstationen verlieren nach und nach ihren Reiz.

An der Figurenwelt des Romans wurde von einigen Rezensenten Kritik geübt:  Frauen spielten in dem Roman keine Rolle tatsächlich erlebe man sie nur einmal – beim Kochen. Der Autor hätte so eine patriachalische Welt erschaffen und zudem Probleme mit dem eigenen Setting bewiesen. Es ist aber zu konstatieren: Es wäre sehr leicht gewesen, Artjom von Liebesabenteuer zu Liebesabenteuer taumeln zu lassen und auch weibliche Figuren in Führungspositionen zu befördern. Meiner Ansicht nach liegt hier  ein bewusster Verzicht auf weibliche Figuren vor, der sich eben auch auf die Führungseliten der Stationen erstreckt. Es ist weiterhin festzustellen, dass Glukhovsky mit seinem Verzicht auf weibliche Figuren überhaupt bzw. auf den heutzutage anscheinend sofort schmerzhaft vermissten Handlungsstrang der Liebesgeschichte einer erzähltechnischen Tradition folgt, die spätestens mit Lovecraft beginnt – nicht umsonst droht der Roman an einigen Stellen zum Genre das Mystery-Science-Fiction zu tendieren. Wie Michelle Houllebecq in seinem Essay Gegen die Welt, gegen das Leben in Bezug auf das Lovecraft’sche Universum und dem überraschende Fehlen von Frauen, Liebe und pekuniären „Umständen“ in diesem festhält, führt gerade der Verzicht auf das eigentlich unbedingt Erwartbare nicht nur zum bemerkbar eigentümlichen Charakter der geschilderten fiktiven (Schreckens-)Welt, sondern kanalisiert gleichzeitig die „Kaftströme“ der Erzählung in die vom Autor gewünschte Richtung. Insgesamt bietet der Roman überhaupt  keine Nebenstränge, in denen sich die Kraft der Handlung verlieren könnte: Die Bewältigung der Aufgabe durch Artjom und die Rettung des vom Aussterben bedrohten Homo sapiens in einer beängstigenden und gefährlichen Welt hat absolute Priorität. Dieses mag auch der Grund dafür sein, dass die Reise Artjoms den Leser an einigen Stellen zu ermüden beginnt: Die vom Autor sich selbst gestellte Aufgabe, eine detailreiche Welt in (epischer) Breite bei strikt linearem Handlungsverlauf zu schildern, wurde nicht ganz gelöst. Gelitten hat darunter vor allem letzterer.

Aber auch die Schilderungen bieten Anlass zum genaueren Hinsehen: Die vom Autor in dem Roman entworfene und den Leser an einigen Stellen (immerhin!) tatsächlich schaudern lassenden Welt ist mit ihren technischen und physikalischen Bedingungen zwar insgesamt schlüssig, aber Fragezeichen bleiben: Wieso ist die Radioaktivität nicht in die gesamte Metro eingedrungen, wenn der unterirdische Komplex an so vielen Stellen gefährlich offen ist? Wieso ist immer noch Gas in den Rohren der U-Bahn, wenn gerade das fehlende Brennmaterial eine so große Herausforderung ist? Ich persönlich konnte bei der Lektüre des Romans mit diesen Lücken bzw. Widersprüchen allerdings leben.

Wieso, muss man sich abschließend noch einmal fragen, ist dem insgesamt doch eher mittelmäßigen Buch so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden und wieso ist es – auch mit Blick auf die Nachfolgeromane – so erfolgreich? Meine Antwort ist: Weil das vom Autor geschilderte Universum in der Moskauer Metro durchaus gelungen und eindrucksvoll ist und weil die Fehler des Autoren in der Handlungsführung für die weiteren in dieser unterirdischen Welt spielenden Romane keine Bedeutung mehr haben. Und das macht durchaus Hoffnung – ich werde mir den Nachfolgeroman auf jeden Fall in den nächsten Tagen zulegen.

Arthur Herzog: Die Mörderbienen (The Swarm)

Eine Rezension von Rob Randall

Manchen (Mach-)Werken steht man ratlos gegenüber – so auch dem 1974 von Arthur Herzog vorgelegten frühen Ökothriller The Swarm. Der Autor, der am 25. Mai 2010 verstarb und der seinen Lebensunterhalt als Journalist bestritt, ist heute höchstens noch aufgrund zweier Verfilmungen seiner Werke bekannt: Orca und The Swarm. Wobei letzterer, der 1978 in die Kinos kam, selbst für eingefleischtere B-Movie-Liebhaber eine angemessene Herausforderung darstellt.

Es gibt verschiedenes, was man im Zusammenhang mit jenem unheilvollen Zwischenfall in Maryville, New York, besonders hervorheben sollte.

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Eine aggressive, aus afrikanischen und südamerikanischen Bienenvölkern entstandene, Hybride ist über die mexikanische Grenze in die U.S.A. eingewandert. Schon beim ersten Angriff auf eine picknickende Familie in Maryland zeigt sich, dass diese Bienen zudem über ein tötliches Gift verfügen, dessen gefährlichster Bestandteil auf vom Menschen verwendeten Insektengift basiert. Zudem zeigt sich im Lauf der Untersuchungen, dass die Art nicht nur aggressiv und tödlich ist, sondern auch einen stärkeren Expanionsdrang bzw. Wandertrieb als andere Arten besitzt, wobei ihre höhere Vermehrungsrate und ihre Anpassungsfähigkeit an neue Umweltbedingungen sie den europäischen Völkern der U.S.A. weit überlegen macht.

Die Hauptfigur Dr. John Wood ist der erste, in dessen Kopf es zu summen beginnt, als er auf die Vorfälle in Maryland aufmerksam wird – und im Laufe der Zeit bewahrheiten sich seine Befürchtungen: Die in Leichen zurückgelassenen Bienenstachel häufen sich, die geflügelten Einwanderer vergößern ihr Territorium und die ergriffenen Gegenmaßnahmen der einheimischen Behörden erweisen sich als unzureichend. Es scheint zudem absehbar, dass in wenigen Jahren die Bienenspopulationen massenhaft in die an den Küsten gelegenen Großstädte der U.S.A. einfallen werden. Erst jetzt nimmt Woods Vorgesetzter Hubbard die Warnungen ernst. Aus diesem Grund wird in der ehemaligen Forschungsanlage für biologische Kriegsführung Fort Dexter ein ausgefeilter mehrstufiger Schlachtplan entwickelt, um die Bedrohung durch die geflügelten Immigranten doch noch abzuwenden – doch erst am Schluss beantwortet sich die Frage, ob das Team unter Hubbard mit ihren genetischen Methoden Erfolg gehabt hat.

Und während die europäische Biene ihre Angriffslust allmählich eingebüsste, hat sich die afrikanische Biene ihre Angriffslust bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Kritikwürdig an diesem Buch ist weniger die Konzeption der Handlung selbst, als die Lesart, die der Autor zulässt (oder intendiert?): Kann doch ein böswilliger Leser die Bienengeschichte unter rassistischen Vorzeichen durchaus als Parabel auf das „Einwanderungsproblem“ der U.S.A. lesen (Zuletzt deutet Michael Moore 2004 in seinem Dokumentarfilm 9/11 die Existenz einer solchen us-amerikanische Lesart durch die Zusammenschnitte von Polizeijagdten auf  Kriminelle afro-amerikanischer Herkunft und Fernsehberichten über eingewanderte „Killerbienen“ an). Doch die Frage, ob diese Lesart beabsichtigt ist, ist schwer zu beantworten, denn das Problem der durch Kreuzungen entstandenen Killerbienen, die mehrere dutzend Menschenleben im Jahr fordern und ihren Wanderungszügen nach Norden, ist real. Nichtsdestotrotz wundert man sich über die konkrete Ausgestaltung des Grundplots in diesem Roman durch den, ein damals durch die Medien geisterndes Bedrohungsszenario aufgreifenden und extrapolierenden, Journalisten Herzog.

Dass Herzogs Berufung eigentlich der Journalismus ist, merkt man dem Buch deutlich an – und das leider nicht nur aufgrund der wichtigen Rolle, die er realen Zeitungsberichten über Angriffe von Killerbienen bei der Exploration der Gefahr durch die Hauptfigur zugeschrieben hat. Auch die Sprache erscheint journalistisch nüchtern und knapp, die Charaktere der Figuren werden nur in groben Umrissen soweit beschrieben, als es tatsächlich notwendig ist. Für die Handlung unwichtige Beschreibungen fallen, vor allem gegen Ende, immer weiter fort, selbst wenn sie der Illustration des Katastrophenszenarios gedient hätten. Die Stimmung des Lesers bleibt dabei auf der Strecke. Spätestens ab der Hälfte des Buches wird man den Eindruck nicht los, ein Drehbuch vor sich zu haben, zumindest aber ein Werk, das die wichtigsten Ereignisse nur noch zwecks späterer Verfilmung oder reiner Dokumentation zusammenrafft. Dieses lässt sich auch nachweisen: Zählte man die Seiten, würde man entdecken, dass der Roman weitestgehend zeitdeckend geschrieben ist, es dominieren der Innere Monolog oder der Dialog zwischen den Figuren. Dort, wo weite Strecken der erzählten Zeit gerafft werden, geschieht es äußerst knapp und lieblos. Zeitdehnende Verfahren finden nur am Anfang des Werkes, der einen besseren Eindruck als der Rest des Buches macht, stärker Verwendung.

Als Fazit ist zu konstatieren, dass sich der Journalist bei der Recherche der realen Hintergünde und ihrer fiktiven Fortscheibung mehr Mühe gegeben hat, als der sprachlichen und erzähltechnischen Ausgestaltung seines bekanntesten [!] Romans. Das Buch ist literarisch von schlechter Qualität, an vielen Stellen aber durchaus noch spannend und interessant – insgesamt also höchstens Mittelmaß.