Dmitry Glukhovksy: Metro 2034

2009 erschien im Heyne-Verlag Dmitry Glukhovskys Nachfolgeroman des erfolgreichen postapokalyptischen Werkes Metro 2033 – einfallslos Metro 2034 genannt. Da zu erwarten war, dass das Setting ähnlich gut gemacht sein würde wie in seinem literarischen Debüt und der Autor zudem die hier besprochenen Fehler in der Handlungsführung bestimmt nicht wiederholen würde, war ich sehr auf dieses Werk gespannt.

Glukhovsky hat aus seinen Fehlern gelernt: Machte sich in Metro 2033 der Umstand unangenehm bemerkbar, dass die Schilderung einer fiktiven Welt in epischer Breite bei konsequent linearer Handlungsführung nicht befriedigend gelingen wollte, so arbeitet der Autor in diesem Buch mit mehreren Handlungsstängen, die er im Laufe der Zeit zusammenführt.  War Metro 2033 aus der alleinigen Perspektive der Hauptfigur Artjom geschrieben, so bieten sich in Metro 2034 dem Leser dementsprechend mehrere Perspektiven. Darunter sogar die einer weiblichen Hauptfigur (das Fehlen von Frauen in Metro 2033 war ja von vielen bemängelt worden).

Der Roman lebt weniger von der Handlung als von seinen Hautfiguren: Über weite Strecken wird der Roman aus der Sicht Homers erzählt, eines ehemaligen Lokführers, der beschlossen hat sich und einigen Personen durch die Erschaffung eines literarischen Mythos Unsterblichkeit zu verleihen und der an der Sewastopolskaja lebt. Er bricht mit dem schon aus dem letzten Roman bekannten Hunter als letzte Rettung der Station zur Hanse auf, da die anderen Stoßtrupps, die losgeschickt wurden, aus den Tunneln nicht mehr zurückgekehrt sind – und die Zeit drängt: Unheimliche Mutanten greifen ununterbrochen die Sewastopolskaja an. Auf ihrem Weg müssen sie nicht nur feststellen, dass die Tunnel ausgesprochen gefährlich sind, sondern dass die hermetischen Tore an der Tulskaja verschlossen sind. Es bleibt ihnen also nicht übrig, als einen anderen weg zu nehmen, der teilweise durch schon eingestürzte Tunnel und teilweise oberirdisch verläuft.

Unterwegs befreien sie das junge Mädchen Sascha, das nach dem Tode seines Vaters versucht aus dem jahrelangen Exil in einem abgeschnittenen Streckenabschnitt an der Kolomenskaja heraus wieder zurück in die Metro zu gelangen. Eine zeitlang reisen sie gemeinsam, bis sich herausstellt, dass an der Tulskaja eine verheerende Seuche ausgebrochen ist. Nun trennen sich die Wege: Hunter will zwecks Rettung der gesamten Metro versuchen zur Polis zu gelangen, um mit einer Kampfgruppe des Ordens alle an der Tulskaja (noch) lebenden Personen zu töten – Sascha hingegen möchte die Menschen durch ein Gegenmittel retten, das nach Aussagen des jungen Musikers Leonid – der Sascha natürlich nachstellt – in der sagenhaften smaragdenen Stadt existiert. Für Sascha beginnt ein Rennen gegen die Zeit – bzw. gegen den immer rücksichtloser vorgehenden und seine Menschlichkeit nach und nach verlierenden Hunter.

Auch Artjom hat einen Platz in diesem Buch gefunden, und zwar als Funker an der verseuchten Tulskaja, allerdings hat er in dieser Handlung nur eine unwichtige Nebenrolle.

Zuerst das Gute:

1. Das Buch ist mit seinen knapp 500 Seiten um einiges kürzer als sein Vorgänger.

2. Die Figuren sind liebevoller gestaltet als im letzten Roman, sie entwickeln sich tatsächlich weiter, wobei die psychischen Vorgänge ausreichend motiviert erscheinen.

Nun zum Fragwürdigen:

1. Die Charaktere erscheinen mir sehr konstruiert, darunter fällt das zentrale psychische Leiden Hunters an der Vernichtung der Schwarzen (siehe: Metro 2033) ebenso wie das Vorhaben Homers, Hunter zu folgen, um seine Geschichte literarisch verarbeiten zu können.

2. Die Handlung ist, wie auch oben deutlich geworden sein sollte, dünn.

3. Die phantasievoll gräuselig gestalteten Mutanten, die mich persönlich schon im ersten Teil etwas störten, fallen hier nun sehr unangenehm auf.

4. Das Spannung lebt über weite Strecken nur von Gewaltexessen – dieser platten Vorgehensweise bediente sich der Autor auch schon im ersten Teil – wenn auch nicht in so starkem Maße.

5. Die Tunnel beginnen mich endgültig zu nerven: Ja, in jedem Tunnel ist es gefährlich und ja, die Mutanten werden immer größer und gefährlicher.

6. Die Namen der Stationen wurden wie auch schon im ersten Teil nicht eingedeutscht. Dieses kommt dem Moskauer Lokalkolorit zugute, erschwert aber auch das Verständnis: Ohne die vom Verlag dankenswerterweise abgedruckten Karte hätte ich der Handlung so nicht folgen können.

7. Auf die amourösen Gedanken der siebzehnjährigen und in Sachen Männern (Hunter und Leonid) völlig unerfahrenen Sascha hätte ich gerne verzichtet.

Fazit:

Glukhovskys zweites Werk bleibt weit hinter dem ersten zurück. Die platte und teilweise einfallslose Handlung einschließlich der immer wiederkehrenden Gewaltexesse zeugen davon, dass man es hier mit einem weit unterdurchschnittlichen (Mach-)Werk zu tun hat. Schade eigentlich: Die postnukleare Moskauer Metro hatte mir gut gefallen, aber angesichts des hier vorliegenden Erzählstils werde auf eine weitere Lektüre von Werken aus der Feder des Autors Glukhovsky verzichten.

Robert Harris: Vaterland

Es gibt erfolgreiche ausländische Romane, deren Inhalte so „gefährlich“ oder „problematisch“ zu sein scheinen, dass sich manche deutschen Verlage nicht trauen, sie hierzulande zu veröffentlichen. Der dystopische Roman Vaterland von Robert Harris war ein solcher – bis der Heyneverlag sich 1992 dazu entschloss, ihn mit wenigen Monaten Verspätung auch in Deutschland erscheinen zu lassen. Und siehe da: Das Unglück bliebt aus. Über 6 Millionen Mal verkaufte sich der Roman bisher weltweit  und wurde zudem unter gleichem Titel 1994 verfilmt. Doch was bewog die deutschen Verlage erst dazu, einen so gewinnversprechenden Kriminalroman abzulehnen?

Sie hatten das Ende der großen Allee erreicht und fuhren auf den Adolf-Hitler-Platz. Zur linken begrenzte den Platz das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht, zur Rechten die neue Reichskanzlei und der Palast des Führers. Davor lag die Halle…

An der dem Roman zugrundeliegende und auf kontrafaktischer Geschichte basierenden Vision des britischen Journalisten Harris kann es nicht gelegen haben, denn diese ist durchaus nicht neu: Das Deutsche Reich hat seine Kriegspläne erfolgreich umgesetzt, die Staaten des westlichen Europas unter deutscher Hegemonie vereint und ist 1964 neben den aus dem Krieg ausgeschiedenen U.S.A. die einzig verbliebene Großmacht. Polen ist ebenso von der Landkarte verschwunden wie die baltischen und süd-osteuropäischen Staaten. Das riesige Territorium des Dritten Reiches erstreckt sich bis zum Ural, hinter dem noch immer gegen den verbliebenen Rest der U.D.S.S.R. gekämpft wird. Deutsche Siedlerfamilien haben den weitgehend geleerten „Lebensraum“ im Osten aufgefüllt. Die überlebenden slavischen Völker dienen ihnen als billige und illiterate Arbeitskräfte. Die Gesellschaft des Reiches selbst ist bis auf wenige Ausnahmen nazifiziert und uniformiert.

Von hier aus gingen haushohe Züge auf 4 Meter breiten Gleisen nach den Außenposten des Deutschen Reiches ab – nach Gotenland (früher Krim) und Theoderichshafen (früher Sewastopol); ins Generalkommisariat Taurien und dessen Hauptstadt Melitopol…

Was Harris’ Vision von den schon bekannten unterscheidet, ist ihre sagenhafte Plastizität. Diese resultiert zum einen aus den sprachlich gelungenen Beschreibungen, mit denen es dem Autor gelingt, das von Speer und Hitler geplante Berlin facettenreich lebendig zu machen, zum anderen aber auch aus der Tatsache, dass er nicht im leeren Raume herumfantasiert, sondern sich – als studierter Historiker – konsequent an den nachweislich vorhandenen Plänen der Eliten des Dritten Reiches orientiert. Und das gelingt ihm hervorragend nicht nur im Großen, sondern überzeugend auch im Detail: So existierten beispielsweise nicht nur Planungen für den im Roman eher beiläufig erwähnten und oben genannten monströsen Zug mit einer Spurweite von 40000 mm (die gigantomanischen Pläne stammen übrigens von Adolf Hitler selbst), sondern die Umbenennung Sewastopols in Theoderichshafen entspricht auch den nicht mehr umgesetzten Vorhaben Reichskommissariates Ukraine aus dem Jahre 1942 (wenn auch eigentlich von Alfred Rosenberg ein Generalbezirk Taurien innerhalb des Generalkommissariates Krim anstatt eines Generalkommissariates Taurien vorgesehen war). Harris gelingt es  so, aus den vorhandenen Dokumenten eine Welt auferstehen zu lassen, die im Jahre 1941 in den Augen vieler Deutschen vermutlich nicht nur die wünschenswerteste, sondern auch wahrscheinlichste war. Ist das vielleicht der Grund für die Ablehnung gewesen?

„Lass den Jungen zufrieden“. Verschwinde. Lass uns in Ruhe.“ Sie schnappte sich den Hund und zerrte ihn an seinem Halsband zurück. Die Tür knallte in sein Jaulen hinein. Später, als er nach Berlin zurückfuhr, dachte März über den Hund nach. Dabei wurde ihm klar, dass der Hund die einzige lebende Kreatur in dem ganzen Haus war, die keine Uniform trug. Wenn er sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte er schallen gelacht.

Zu den verdienten Uniformträgern des Reiches gehört eigentlich auch die Hauptfigur des Romans, der geschiedene Berliner Kriminalbeamte und SS-Stumbannführer Xaver März, der am Morgen des 14. April 1964  damit beauftragt wird, den Tod eines alten Mannes zu untersuchen, der nackt am Ufer eines Sees gefunden wird. Der Roman erzählt vom siebentägigen Bemühen des Kriminalisten, den rätselhaften Fall trotz massiven Widerständen von Gestapo, SiPo und SD  zu lösen. Und der Fall wird immer mysteriöser,  als März feststellen muss, dass der Tote nicht nur Blutordensträger und Staatssekretär war, sondern nur ein Fall einer ganzen Reihe von toten Bürokraten ist, die offenbar eines miteinander gemeinsam haben: Sie haben am 20 Januar 1942 an einer Konferenz unter Vorsitz von Reinhard Heydrich teilgenommen.

Es gab Tabellen: „Eine Übersicht über die Zulässigkeit von Eheschließungen zwischen Ariern und Nichtariern“, „Das Überwiegen von Mischligen ersten Grades. Für Xaver März war das alles unverständliches Kauderwelsch. Fiebes sagte: „Die meisten davon sind heute veraltet. Vieles bezieht sich auf Juden, und die Juden sind, wie wir wissen – er zwinkerte – „alle in den Osten gegangen.“

Die systematische Vernichtung der europäische Judendurch Organisationen des nationalsozialistischen Deutschlands sowie das Verhalten der – zwar uniformierten, aber zivilen – deutschen Bevölkerung in der Shoa sind die eigentliche Themen des Buches, die sich beide aus der spürbaren Leere ergeben: Weil die deutschen Juden nicht mehr da sind – spurlos auch aus den Akten verschwunden sind;  und weil keiner zu wissen scheint, wo sie eigentlich sind, die 11 Millionen europäischen Juden, weil keiner fragen will – oder wagt, was mit ihnen bei der Umsiedlung eigentlich zugestoßen ist, weil es keinen  interessiert, weil es nur Juden waren – außer Xaver März. Und auch er muss sich nachher mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit auch er mit Schuld an dem trägt, was in Auschwitz, Sobibor und Belzek geschehen ist.

Harris entwirft in gewisser Weise ein Bild von der Gesellschaft, das den Vorstellungen des Durchschnittsdeutschen zuwiderlaufen dürfte: Opa hat nicht nichts gewusst, er hat nur weggesehen – und wo die vielen günstigen Möbel herkommen, hat er auch willendlich nicht wissen wollen. Aber profitiert hat er. Gerne. Und das häufig nicht zu knapp. Opa hatte nur seine dunklen Ahnungen, aber konkretisiert hat er sie bewusst nicht. Weil er wie jeder andere wusste, was die Antwort gewesen wäre.

Xaver März allerdings beginnt Fragen zu stellen und sich aus der ideologischen Umklammerung zu lösen. Insofern ist er Sypathieträger und Identifikationsfigur des Romans – und mit ihm zusammen führt Harris den Leser über die (überwiegend) historischen Dokumenten zu einem grundlegenden Verständnis der nicht ganz unkomplizierten Vorgänge, die zur „Endösung“ führten – einschließlich Fahrplänen der Reichsbahn, Aktennotizen der beteiligten Ministerien, Ausbauplänen von SS und IG Farben, Reden Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers und dem Protokoll der Wannseekonferenz. Die typischen Charakterzüge der Täterpersönlichkeiten (z.B. Odilo Globocnik und Arthur Nebe) werden dabei ebenso vorgeführt wie die beteiligten Organisationen und Ministerien. Die Fragen, die für Xaver März offen bleiben, entsprechen dabei den auch unter Historikern zweifelhaften Punkten: Wer hat den Anstoß gegeben? Gab es einen mündlichen Führerbefehl? Was genau waren die Ursachen dafür, dass man 1940 zur Vernichtung unter industriellen Vorzeichen überging?

Gleich unter welchem Gesichtswinkel man das Buch betrachtet, ein wirklich guter Roman. Er ist spannend geschrieben und auch in der Übersetzung sprachlich gelungen. Die nationalsozialistische Welt ist erschreckend wirklich. Zudem werden die historischen Vorgänge des Holocaustes anschaulich dargestellt, wobei diese Vorgänge, so wie sie hier beschrieben werden, im Kern dem Stand der Forschung der neuziger Jahre entsprechen und nur an der Peripherie der fiktiven Narratio des Romans in vertretbarer Weise angepasst werden.  Lesen!

Dmitry Glukhovksy: Metro 2033

Das Phänomen Metro 2033:

2007 sorgte Dmitry Glukhovksy mit seinem postnuklearen Endzeitroman Metro 2033 für Aufmerksamkeit: Hatte das Erstlingswerk des damals 26-Jährigen zuerst keinen Verleger gefunden und war deshalb während des Entstehungsprozesses im Internet kostenlos veröffentlicht worden, so erreichten die Downloadzahlen – und später auch die Verkaufszahlen schnell die Millionengrenze. Möglicherweise auch deshalb, weil Glukhovsky publikumswirksam den Onlinelesern die Möglichkeit gegeben hatte, aktiv an der Gestaltung der Handlung und der Welt des Romans mitzuwirken. Das Vorgehen hat sich wohl ausgezahlt: Mittlerweile ist ein Computerspiel unter gleichem Namen produziert und der ebenfalls erfolgreiche Nachfolgeroman Metro 2034 veröffentlicht worden. Doch damit nicht genug: In Russland sind außerdem zwei weitere im Metro-2033-Universum verortete Romane anderer Autoren (Metro 2033: Die dunklen Tunnel von Sergey Antonov und Metro 2033: Reise-Zeichen von Vladimir Berezin) erschienen, ein weiterer Hinweis dafür, dass der Roman etwas Besonderes ist – aber was macht dieses Werk nur so erfolgreich?

Die Gefahr kam nämlich durchaus nicht immer aus Norden oder Süden. Sie konnte sich über ihnen verbergen, in den Belüftungsschächten, links oder rechts, in den unzähligen Verzweigungen, hinter den verriegelten Türen ehemaliger Betriebsräume und geheimer Ausgänge.

Das Setting ist genial: Nach einem verheerenden Nuklearkrieg im Jahre 2013 ist die Oberfläche des Planeten aufgrund von Strahlung und mutierten Lebewesen unbewohnbar geworden. Der von seiner Spitzenstellung in der Evolution verdrängte Homo sapiens fristet vielmehr sein (Über-)leben in den gefährlichen Tunneln und Stationen der Moskauer Untergrundbahn. Dort haben sich die verschiedensten Gesellschaften und Überlebensstrategien entwickelt, beides wurde vom Autor liebevoll sowie detail- und abwechslungsreich ausgestaltet (Vergleiche mit dem Herrn der Ringe erscheinen mir allerdings sehr übertrieben). Es existieren einerseits sich einander bekämpfende faschistische und kommunistische Gemeinschaften, andererseits Bündnisse, die sich am Bild der mittelalterlichen Hanse orientieren wollen, sowie Stationen, die eher einem gescheiterten Staat entsprechen. Es gibt einige, die gerade wirtschaftlich zu prosperieren beginnen und andere, deren Stern gerade aufgrund äußerer oder innerer Einflüsse im Sinken begriffen ist.

Natürlich bestand immer die Möglichkeit zurückzuweichen und sich ins Zentrum zurückzuziehen, die Tunnel zu sprengen. Doch dann würde ihr Lebensraum immer enger werden – bis sich auch die Überlebenden schließlich auf einem winzigen Fleck zusammendrängten und sich gegenseitig an die Kehle gingen.

Die Hauptfigur, der zwanzigjährige Artjom, lebt in genau einer solchen Station: Die WDNCh erlebt gerade aufgrund ihres Pilzteeexportes einen wirtschaftlichen Aufschwung, sie liegt allerdings am nördlichen Rande der bewohnten Metro – und muss sich unter hohen Verlusten gegen die seit kurzem von außerhalb der Metro eindringenden rätselhaften Schwarzen zur Wehr setzen. Es scheint absehbar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie die Station den neuen evolutionären Konkurrenten preisgeben müssen. Ein geheimnisvoller Fremder beschließt, das Übel für alle Male zu beseitigen und erteilt Artjom für den Fall seines Scheiterns den Auftrag, sich zur Polis – dem sagenumwobenen intelektuellen Zentrum der Metro durchzuschlagen und dort Bericht zu erstatten. Nachdem Hunter von seiner Mission nicht zurückgekehrt ist, beschließt Artjom sich alleine auf den langen und gefährlichen Weg zur Polis zu machen, um seine Station – und möglicherweise auch den Rest der Metro – vor dem Verderben zu bewaren. Insgesamt also ein vielversprechender Plot.

Wer war das? Artjom sieh nach! Unwillig erhob sich Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu

Der Anfangssatz enthält vieles in nuce. Die Hauptfigur des Romans, der junge Artjom, muss auf seiner beschwerlichen Reise in die dunkle Welt der Metro nicht nur viele Abenteuer bestehen. Er erhält auch nach und nach tiefere Einblicke in das innere Wesen des Lebensraum “Metro’ und ist dessen Rätsel auf der Spur – nicht zuletzt auch aufgrund der vielen verschiedenen zeitweiligen Weggefährten und Helfer. Allerdings muss man feststellen, dass Artjom insgesamt keine großen Fortschritte in seiner Persönlichkeitsentwicklung macht.Und wie im ersten Satz des Romans schon deutlich wird – er ist beständig Objekt des Geschehens, selten agiert er in vollem Bewusstsein oder souverän – und das bis zum Ende der Geschichte. Eigentlich liegt hier ein Werk in der Tradition des Bildungsromans vor, dessen Potential vom Autor jedoch aus nicht nachvollziehbaren Gründen in dieser Richtung nicht ausgeschöpft wird.

Die Handlung, die sich immerhin über mehr als 700 Seiten ersteckt, ist insgesamt spannend. Artjom schliddert von Station zu Station und Tunnel zu Tunnel in immer neue Abenteuer. Allerdings hat man den Eindruck, als würden sich bestimmte Ereignisse und Schilderungen wiederholen: In den Tunneln lauert immer die (teilweise übernatürliche) Gefahr, die Zugangs- und Zollkontrollen zu den einzelnen Stationen sind immer eine rhetorische oder militärische Herausforderung, die anfangs noch spannenden und interessanten Schilderungen der russischen U-Bahnstationen verlieren nach und nach ihren Reiz.

An der Figurenwelt des Romans wurde von einigen Rezensenten Kritik geübt:  Frauen spielten in dem Roman keine Rolle tatsächlich erlebe man sie nur einmal – beim Kochen. Der Autor hätte so eine patriachalische Welt erschaffen und zudem Probleme mit dem eigenen Setting bewiesen. Es ist aber zu konstatieren: Es wäre sehr leicht gewesen, Artjom von Liebesabenteuer zu Liebesabenteuer taumeln zu lassen und auch weibliche Figuren in Führungspositionen zu befördern. Meiner Ansicht nach liegt hier  ein bewusster Verzicht auf weibliche Figuren vor, der sich eben auch auf die Führungseliten der Stationen erstreckt. Es ist weiterhin festzustellen, dass Glukhovsky mit seinem Verzicht auf weibliche Figuren überhaupt bzw. auf den heutzutage anscheinend sofort schmerzhaft vermissten Handlungsstrang der Liebesgeschichte einer erzähltechnischen Tradition folgt, die spätestens mit Lovecraft beginnt – nicht umsonst droht der Roman an einigen Stellen zum Genre das Mystery-Science-Fiction zu tendieren. Wie Michelle Houllebecq in seinem Essay Gegen die Welt, gegen das Leben in Bezug auf das Lovecraft’sche Universum und dem überraschende Fehlen von Frauen, Liebe und pekuniären „Umständen“ in diesem festhält, führt gerade der Verzicht auf das eigentlich unbedingt Erwartbare nicht nur zum bemerkbar eigentümlichen Charakter der geschilderten fiktiven (Schreckens-)Welt, sondern kanalisiert gleichzeitig die „Kaftströme“ der Erzählung in die vom Autor gewünschte Richtung. Insgesamt bietet der Roman überhaupt  keine Nebenstränge, in denen sich die Kraft der Handlung verlieren könnte: Die Bewältigung der Aufgabe durch Artjom und die Rettung des vom Aussterben bedrohten Homo sapiens in einer beängstigenden und gefährlichen Welt hat absolute Priorität. Dieses mag auch der Grund dafür sein, dass die Reise Artjoms den Leser an einigen Stellen zu ermüden beginnt: Die vom Autor sich selbst gestellte Aufgabe, eine detailreiche Welt in (epischer) Breite bei strikt linearem Handlungsverlauf zu schildern, wurde nicht ganz gelöst. Gelitten hat darunter vor allem letzterer.

Aber auch die Schilderungen bieten Anlass zum genaueren Hinsehen: Die vom Autor in dem Roman entworfene und den Leser an einigen Stellen (immerhin!) tatsächlich schaudern lassenden Welt ist mit ihren technischen und physikalischen Bedingungen zwar insgesamt schlüssig, aber Fragezeichen bleiben: Wieso ist die Radioaktivität nicht in die gesamte Metro eingedrungen, wenn der unterirdische Komplex an so vielen Stellen gefährlich offen ist? Wieso ist immer noch Gas in den Rohren der U-Bahn, wenn gerade das fehlende Brennmaterial eine so große Herausforderung ist? Ich persönlich konnte bei der Lektüre des Romans mit diesen Lücken bzw. Widersprüchen allerdings leben.

Wieso, muss man sich abschließend noch einmal fragen, ist dem insgesamt doch eher mittelmäßigen Buch so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden und wieso ist es – auch mit Blick auf die Nachfolgeromane – so erfolgreich? Meine Antwort ist: Weil das vom Autor geschilderte Universum in der Moskauer Metro durchaus gelungen und eindrucksvoll ist und weil die Fehler des Autoren in der Handlungsführung für die weiteren in dieser unterirdischen Welt spielenden Romane keine Bedeutung mehr haben. Und das macht durchaus Hoffnung – ich werde mir den Nachfolgeroman auf jeden Fall in den nächsten Tagen zulegen.

Arthur Herzog: Die Mörderbienen (The Swarm)

Manchen (Mach-)Werken steht man ratlos gegenüber – so auch dem 1974 von Arthur Herzog vorgelegten frühen Ökothriller The Swarm. Der Autor, der am 25. Mai 2010 verstarb und der seinen Lebensunterhalt als Journalist bestritt, ist heute höchstens noch aufgrund zweier Verfilmungen seiner Werke bekannt: Orca und The Swarm. Wobei letzterer, der 1978 in die Kinos kam, selbst für eingefleischtere B-Movie-Liebhaber eine angemessene Herausforderung darstellt.

Es gibt verschiedenes, was man im Zusammenhang mit jenem unheilvollen Zwischenfall in Maryville, New York, besonders hervorheben sollte.

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Eine aggressive, aus afrikanischen und südamerikanischen Bienenvölkern entstandene, Hybride ist über die mexikanische Grenze in die U.S.A. eingewandert. Schon beim ersten Angriff auf eine picknickende Familie in Maryland zeigt sich, dass diese Bienen zudem über ein tötliches Gift verfügen, dessen gefährlichster Bestandteil auf vom Menschen verwendeten Insektengift basiert. Zudem zeigt sich im Lauf der Untersuchungen, dass die Art nicht nur aggressiv und tödlich ist, sondern auch einen stärkeren Expanionsdrang bzw. Wandertrieb als andere Arten besitzt, wobei ihre höhere Vermehrungsrate und ihre Anpassungsfähigkeit an neue Umweltbedingungen sie den europäischen Völkern der U.S.A. weit überlegen macht.

Die Hauptfigur Dr. John Wood ist der erste, in dessen Kopf es zu summen beginnt, als er auf die Vorfälle in Maryland aufmerksam wird – und im Laufe der Zeit bewahrheiten sich seine Befürchtungen: Die in Leichen zurückgelassenen Bienenstachel häufen sich, die geflügelten Einwanderer vergößern ihr Territorium und die ergriffenen Gegenmaßnahmen der einheimischen Behörden erweisen sich als unzureichend. Es scheint zudem absehbar, dass in wenigen Jahren die Bienenspopulationen massenhaft in die an den Küsten gelegenen Großstädte der U.S.A. einfallen werden. Erst jetzt nimmt Woods Vorgesetzter Hubbard die Warnungen ernst. Aus diesem Grund wird in der ehemaligen Forschungsanlage für biologische Kriegsführung Fort Dexter ein ausgefeilter mehrstufiger Schlachtplan entwickelt, um die Bedrohung durch die geflügelten Immigranten doch noch abzuwenden – doch erst am Schluss beantwortet sich die Frage, ob das Team unter Hubbard mit ihren genetischen Methoden Erfolg gehabt hat.

Und während die europäische Biene ihre Angriffslust allmählich eingebüsste, hat sich die afrikanische Biene ihre Angriffslust bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Kritikwürdig an diesem Buch ist weniger die Konzeption der Handlung selbst, als die Lesart, die der Autor zulässt (oder intendiert?): Kann doch ein böswilliger Leser die Bienengeschichte unter rassistischen Vorzeichen durchaus als Parabel auf das „Einwanderungsproblem“ der U.S.A. lesen (Zuletzt deutet Michael Moore 2004 in seinem Dokumentarfilm 9/11 die Existenz einer solchen us-amerikanische Lesart durch die Zusammenschnitte von Polizeijagdten auf  Kriminelle afro-amerikanischer Herkunft und Fernsehberichten über eingewanderte „Killerbienen“ an). Doch die Frage, ob diese Lesart beabsichtigt ist, ist schwer zu beantworten, denn das Problem der durch Kreuzungen entstandenen Killerbienen, die mehrere dutzend Menschenleben im Jahr fordern und ihren Wanderungszügen nach Norden, ist real. Nichtsdestotrotz wundert man sich über die konkrete Ausgestaltung des Grundplots in diesem Roman durch den, ein damals durch die Medien geisterndes Bedrohungsszenario aufgreifenden und extrapolierenden, Journalisten Herzog.

Dass Herzogs Berufung eigentlich der Journalismus ist, merkt man dem Buch deutlich an – und das leider nicht nur aufgrund der wichtigen Rolle, die er realen Zeitungsberichten über Angriffe von Killerbienen bei der Exploration der Gefahr durch die Hauptfigur zugeschrieben hat. Auch die Sprache erscheint journalistisch nüchtern und knapp, die Charaktere der Figuren werden nur in groben Umrissen soweit beschrieben, als es tatsächlich notwendig ist. Für die Handlung unwichtige Beschreibungen fallen, vor allem gegen Ende, immer weiter fort, selbst wenn sie der Illustration des Katastrophenszenarios gedient hätten. Die Stimmung des Lesers bleibt dabei auf der Strecke. Spätestens ab der Hälfte des Buches wird man den Eindruck nicht los, ein Drehbuch vor sich zu haben, zumindest aber ein Werk, das die wichtigsten Ereignisse nur noch zwecks späterer Verfilmung oder reiner Dokumentation zusammenrafft. Dieses lässt sich auch nachweisen: Zählte man die Seiten, würde man entdecken, dass der Roman weitestgehend zeitdeckend geschrieben ist, es dominieren der Innere Monolog oder der Dialog zwischen den Figuren. Dort, wo weite Strecken der erzählten Zeit gerafft werden, geschieht es äußerst knapp und lieblos. Zeitdehnende Verfahren finden nur am Anfang des Werkes, der einen besseren Eindruck als der Rest des Buches macht, stärker Verwendung.

Als Fazit ist zu konstatieren, dass sich der Journalist bei der Recherche der realen Hintergünde und ihrer fiktiven Fortscheibung mehr Mühe gegeben hat, als der sprachlichen und erzähltechnischen Ausgestaltung seines bekanntesten [!] Romans. Das Buch ist literarisch von schlechter Qualität, an vielen Stellen aber durchaus noch spannend und interessant – insgesamt also höchstens Mittelmaß.

William Gibson: Neuromancer

Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war. Das ist der legendäre erste Satz eines Werkes, das Science Fiction Geschichte geschrieben hat und stark zur Bildung des Cyberpunkgenres beitrug. Er stammt aus dem 1984 erschienenen Roman Neuromancer von William Gibson. Das eigentlich Neue an diesem Roman: Das erste Mal wird die Virtuelle Realität, hier auch zum ersten Male Cyberspace genannt, zum Sujet und beginnt dem Real Life zu verschwimmen – und das ist im Kern in diesem Satz schon angelegt.

Der Himmel über dem Neongeflacker der Ninsei hatte einen hässlichen Grauton. Die Luft war schlechter geworden; an diesem Abend schien sie Zähne zu haben. Die Hälfte der Leute trug Atemschutzmasken.

Die Welt ist ein hässlicher Ort geworden. In den zusammenwuchernden Megastädten – Sprawls genannt – kämpft der ehemalige Konsolencowboy (auch: Hacker) Case als Dealer und Auftragskiller um sein nacktes Überleben, nachdem ihm sein letzter Auftraggeber mittels eines gespritzen Myotoxins die Fähigkeit geraubt hat, den Cyberspace zu betreten. Deshalb ist er auch nach Chiba gereist, um die dortigen Ärzte zu konsultieren – doch seine Mühen sind vergeblich gewesen, es gibt keine Hoffnung für ihn. Zudem stehen seine Chancen, innerhalb der nächsten Tage das Leben zu verlieren, gar nicht so schlecht, treibt ihn doch seine selbstzerstörerische Verzweiflung, weil er die Schönheit der Matrix nicht vergessen kann, voran:

Wie ein Origamitrick in flüssigem Neon entfaltete sich die distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, das sich in die Unendlichkeit dehnte. Das innere Auge öffnete sich, und die knallrote Pyramide der Eastern Seaboard Fission Authority ragte leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America auf. Hoch oben und sehr weit weg sah er die Spiralarme militärischer Systeme, auf immer unerreichbar für ihn.

Erst als Molly, ein trotz ihrer verspiegelten Brillen- und gefährlichen Messerimplantate für ihn durchaus attraktiver Straßensamurai, Case im Auftrage des rätselhaften Auftraggebers Armitage kidnappt, eröffnet sich für diesen die Perspektive eines Neubeginns bzw. einer Rückkehr in die Matrix: Seine einstigen Fähigkeiten werden bei einigen Runs benötigt – kein Wunder also, dass Case dem Deal zustimmtDeshalb lässt Armitage, der über eine neue Technologie verfügt, die Auswirkungen des Myotoxins auf Cases Nervensystem rückgängig machen, aber auch angeblich sogleich einige Kapsel mit der gleichen Substanz in dessen Blutbahn deponieren – als Sicherheit dafür, dass Case seinen Job auch zur vollsten Zufriedenheit aller erledigen wird.

Doch das Team ist noch nicht vollständig, deshalb gilt der erste Run der Beschaffung der Flatline, einer ROM-gespeicherten Persönlichkeit, eines berühmten Hackers. Sie endet in einem Blutbad. Zudem muss ein Telepath von Armitages Gruppe dazu „überredet“ werden, sich ihnen anzuschließen.

Im weiteren Verlauf der Ereignisse stellt sich heraus, dass die Künstliche Intelligenz Wintermute Armitage als Marionette benutzt, um nicht nur einen Run auf die in einer riesigen Raumstation liegende Villa Strobelight zwecks Gewinnung ihrer Freiheit zu unternehmen und mit einer weiteren KI – Neuromancer- zu verschmelzen, sondern auch Case dazu ausgewählt hat, dieses zu bewerkstelligen. Dadurch würde Wintermute-Neuromancer das mächtigste Wesen bzw. das Wesen der der Matrix selbst werden.

Gibson hat hier ein äußerst kreatives Werk mit einer sehr düsteren und dichten Atmosphäre geschaffen, die den Leser gefangen nimmt. An einigen Stellen des Romans hatte ich aufgrund der vom Autor nicht ausgefüllten Leerstellen den Eindruck, der manchmal etwas sprunghaft wirkenden Handlung schwerer als in anderen Romanen folgen zu können – doch lösten sich die Fragen im weiteren Verlauf auf. Insgesamt fällt die Bewertung schwer, ich neige jedoch dazu, Michael Nagula zu folgen, der feststellt:  „Als Roman im herkömmlichen Sinne enttäuschend, als Phänomen jedoch faszinierend“ ( in: Wolfgang Jeschke: Das Science Fiction Jahr 1988, Wilhelm Heyne Verlag, München, S. 608). Die Handlung ist teilweise enttäuschend flach und hangelt sich von Anfang an von Gewaltm0ment zu Gewaltmoment, die Steuerung Armitages durch Wintermute so früh durchschaubar, dass hier wenig strukturelle Spannung aufkommt. Die Charaktere erscheinen mir zudem in ihrer starken Ausprägung manchmal sehr übertrieben und wenig glaubwürdig – nichtdestotrotz: Eine interessantes Werk.

Philip Kindred Dick: Das Orakel vom Berge

Was wäre wenn?
Was der Historiker sich verbieten muss, darf der Literat: 1962 provozierte Philip K. Dick die amerikanische Leserschaft mit einer geradezu empörenden Beantwortung der Frage, was gewesen wäre, wenn die Luftschlacht über England einen anderen Verlauf genommen hätte. Er entwirft auf dieser Basis  in seinem Roman Das Orakel vom Berge einen kontrafaktischen Geschichtsverlauf und schildert  eine Alternativwelt des Erscheinungsjahres:

Europa wird durch den Nationalsozialismus regiert, Japan hat den gesamten Pazifikraum unter Kontrolle gebracht und Italien ist unter deutschem Einfluss stehend eine beinahe bedeutungslose Kolonialmacht am Mittelmeer. Die U.S.A. sind weitgehend besetzt, Japan hat die Westküste seinem Empire zugeschlagen und das Deutsche Reich die Ostküste seinem Reich einverleibt.  In Afrika haben fehlgeschlagene nationalsozialistische Raumordnungspläne zwar zur weitgehenden Vernichtung der schwarzen Bevölkerung geführt – dafür ist aber das deutsche Raumfahrt- und Raketenprogramm – ein Flug zum Mars steht bevor – äußert erfolgreich. Technologisch ist das Deutsche Reich den Japanern um ein Jahrzehnt voraus – das Reich der aufgehenden Sonne verstrickt sich lieber in Eroberungskriege in Südamerika.

Sie sehen nicht den einzelnen Menschen, das einzelne Kind, sondern immer nur Abstraktionen: Rasse. Land. Volk. Blut. Boden. Ehre.

Vor diesem Hintergrund erzählt Dick das Leben von vier Hauptfiguren in den zwei „Besatzungszonen“ auf dem Nordamerikanischen Kontinent  in verschiedenen Handlungssträngen, die insgesamt nur wenig miteinander verknüpft sind. Und das den Leser verstörende an seiner Vision ist: Den zentralen Plot eines amerikanischen Helden, um den sich die verschiedenen Handlungsstränge gruppieren könnten, gibt es nicht – patriotischer Widerstand gegen die Besatzungsmächte findet nicht statt – an keiner Stelle. Die eigentlich zu erwartetende zentrale Frage – wie die U.S.A. wieder unabhängig werden, wie sie die Deutschen und Japaner besiegen – sie stellt sich erst überhaupt nicht. Noch nicht einmal für den nach Operationen nicht mehr als Jude zu erkennenden Feinmechaniker Frink, der vielmehr unter den gegebenen Umständen um sein (finanzielles) Überleben kämpfen muss, auch wenn er am deutlichsten von allen Kritik an den Nazis äußert.

Trotz aller offensichtlichen Nachteile – wir könnten schlimmer dran sein. Eine großartige moralische Lektion. Ja, die Japse haben hier die Macht, und wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Aber daraus entstehen große Dinge.

Und noch an einer weiteren Stelle unterläuft der Autor die Erwartungshaltung des Lesers: Die Figuren haben sich nicht nur mit der Situation abgefunden, sondern blicken zu den jeweiligen Besatzern auf, übernehmen partiell oder ganz deren Ideologie und erkennen die Rechtmäßigkeit der Fremdherrschaft an, so wie der Antiquitätenhändler Childan, der erst ganz am Ende des Buches so etwas wie einen bockigen Nationalstolz entwickelt.

Doch auch die Japaner bleiben von Akkulturationsprozessen nicht verschont:  Die Militärs und Angestellten der Besatzungsmacht haben eine Vorliebe für die native amerikanische Vorkriegskunst und zahlen Unsummen für orginale Bürgerkriegscolts und Mickey-Maus-Uhren. Da sie nicht nur aufgrund ihrer strengen aber gerechten Herrschaft durchaus sympathisch erscheinen und eine ethische Gegenposition zur Ideologie des Nationalsozialismus entwickelt haben, sondern  zudem als einzige eine Leidenschaft für die amerikanische Kultur (der Vorkriegszeit) zeigen, bietet Dick dem Leser gerade einen Vertreter dieser Gruppe als Identifikationsfigur an – nämlich den nachdenklichen und empfindsamen Nobuske Tagomi, der, wenn ihn seine Begeisterung mit sich forteißt, in seinem Büro im Nippon State Building amerikanischen Besuchern anschaulich mit gezückter Waffe den Vorgang der Büffeljagd demonstriert und zum Schluss auch heldenhaft zwei SD-Männer erschießt – und brüskiert den amerikanischen Leser  der sechziger Jahre damit ein drittes Mal.

Ein genialer Zug Dicks war es, die Spiegelwelt des Romans durch eine weitere zu konterkarieren: Für Aufmerksamkeit sorgt nämlich das in den japanischen Gebieten erscheinende, aber auf deutschem Boden verbotene, Buch Die Plage der Heuschrecken von Hawthorne Abendsen, in dem eine fiktive Alternativwelt geschildert wird, in der die Achse den Krieg verliertwobei der in diesem Roman geschilderte historische Verlauf nicht dem uns bekannten entspricht. Dick macht hiermit deutlich: Die uns bekannte Welt ist nur eine der möglichen gewesen und – weil das dort als einzige Großmacht aus dem Krieg hervorgehende britische Empire auch der Menscheit zu Segen gereicht – nicht die beste aller möglichen Welten. Das ist ein weiterer Schlag ins Gesicht des sendungsbewussten amerikanischen Demokraten seiner Zeit.

Du hast den Auftrag Abendsen umzubringen, hab ich recht? Ich weiß, dass ich recht habe. Ich war ganz schön blöd.

Wie sich schon bei den beiden oben angeführten Hauptfiguren zeigt, hat Dick viel Arbeit darauf verwendet, seinen Figuren Glaubhaftigkeit und Tiefgang zu verleihen. Dieses ist ihm insgesamt auch sehr gut gelungen – mit einer Ausnahme: Juliana Frink, die nicht nur von ihrem Mann als relativ dumm empfunden wird und mit Männern für eine Nylonstrumphose auf dereren Hotelzimmer mitgeht,  entwickelt, als sie erkennt, dass ihr Liebhaber Joe Cinadella Mitglied des Sicherheitsdienstes ist und den Autor des Romans Die Plage der Heuschrecken töten will, geradezu überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten und moralisches Pathos. Weil es ihr zudem auch noch gelingt, mit einer Rasierklinge dem trainierten und als Auftragskiller fungierenden SS-Mann in einem Handgemenge die Halsschlagader aufzuschneiden, erscheint mir diese Figur nicht nur inkonsistent, sondern auch eher unglaubwürdig.

Das Buch entwirft am Ende keine Perspektiven – obwohl es der letzten Hauptfigur, dem von der deutschen Abwehr nach Amerika geschickten Agenten Baynes (Rudolf Wegener mit richtigem Namen)gelingt, im Tagomis Büro den aus Japan mit Verstpätung eintreffenden Vertreter des Kaiserhauses vor einem bevorstehenden nuklearen Erstschlag des Deutschen Reiches gegen Japan zu warnen. Dick lässt nämlich offen, ob ein solcher durchgeführt werden wird, nachdem Dr. Goebbels die Nachfolge des verstorbenen Kanzlers Bormann angetreten hat – und ob Goebbels sich gegen seine Widersacher in der Führungselite des Reiches überhaupt durchsetzen werden kann.

Deutlich wird auch im letzten Punkt: Die hier entworfene Dystopieist weniger eine Schilderung der Schreckendie möglich gewesen wären, wenn die Achse aus dem Zweiten Weltkrieg als Sieger hervorgegangen wäre, sondern vielmehr Kritik am Selbstverständnis des amerikanischen Bürgers und des amerikanischen Staates der sechziger Jahre – nur aufgrund dieser so unreflektiert verinnerlichten Haltung kann es Dick nämlich gelingen, die Erwartungen so konsequent und schmerzhaft zu unterlaufen.Gerade das macht denRoman lesenswertauch wenndas Fehlen eines zentralen ordnenden Plots, einer „adäquaten“ Identifikationsfigur und einer Perspektive für die Zukunft den einen oder anderen Leser stören mag.

William Gibson: Mustererkennung

 Mustererkennung. Oder: Ein Ende der Welt von Morgen

Man muss feststellen: Mit seinem realistischen Roman Mustererkennung aus dem Jahre 2003 vollzieht William Gibson die Abkehr vom Science Fiction und kehrt wieder in die Gegenwart zurück. Von den düsteren Visionen, die NeuromancerBiochipsMono Lisa Overdrive so erfolgreich und William Gibson so berühmt machten, ist hier nichts mehr zu lesen– der futuristische Cyberspace schrumpft zum Internet des Jahres 2003. Pattern Recognition, der immerhin Platz 4 der Bestsellerliste der New York Times erreichte, ist also kein dystopischer Roman, aber erteilt er  diesem gleich eine Absage?

Die Ausgangssituation: Zeit und Zeichen

Fünf Stunden Zeitunterschied zwischen New York und London. Cayce Pollard erwacht in Camden Town, belauert von den schaurigen, endlos kreisenden Wölfen der Dysrythmie.

Die Welt des Romans ist die globalisierte Welt des Marketings von heute und der Visionen von gestern: Cayce Pollard, die Protagonistin der Geschichte, ist eine Söldnerin. Für horrende Honorare verdingt sie ihr einzigartiges Talent, sofort zu erkennen, welcher Trend, welches Label und welches Item der Subkulturen auf dem globalen Markt Zukunft haben wird und welches nicht, als Trendscout an die großen Werbeagenturen. Bei ihrer langjährigen erfolgreichen Arbeit hat sie sich jedoch nicht nur den Ruf der Unfehlbarkeit erworben, sondern paradoxerweise auch eine Phobie vor bestimmten Markenlabels: Das feiste Grinsen des schwammigen Michellinmännchens löst bei ihr Schockreaktionen aus,  Zudem hat sie den Eindruck, ihre Seele hinge ihren ständigen First-Class-Flügen um die Welt hinterher – die CPNZ, die Cayce Pollard Normal Zeit, entspricht nie der Zeit der Stadt, in welcher sie sich gerade kurzfristig aufhält.

Cayce Pollard – im Cyberspace unter ihrem Nick CayceP bekannt – ist ein cliphead. Jede freie Minute verbringt sie in den Foren dieser ständig wachsenden Subkultur, die sich sofort herausbildet hat, nachdem sehr mysteriöse und nicht weniger beeindruckende Sequenzen eines mutmaßlichen Films rätselhaften Ursprungs im Internet auftaucht sind. Deshalb lässt sie sich auch von ihrem derzeitigem Arbeitgeber, dem Chef von Blue Ant, welcher ein einzigartiges Marketinggenie hinter dem Urheber der Clips vermutet, dazu überreden, sich auf die Suche nach deren Quelle zu machen. Es wird deutlich: Die reale und die virtuelle Welt sind vornehmlich eine Welt des Konsumes und der Konsumlenkung durch die Mächtigen. Die Gibson’sche Vision der leuchtenden Matrix ist tot, die Vorhersagen waren falsch. So falsch wie Lenins Behauptungen über die Zukunft des Kommunismus – konstatieren die aus dem postkommunistischen Russland stammenden Figuren des Romans teilweise verbittert –  auch wenn seine Aussagen über den Kapitalismus sich ihrer Ansicht nach als nur allzu richtig erwiesen haben.

Die Zeitenwende: Das Ende der Visionen

Oder ist es, überlegt sie, einfach so, dass die Welt selber in dem Moment, als Cayce das Blütenblatt fallen sah, in diesem einschneidenden Augenblick, eine andere Richtung eingeschlagen hat und dass jetzt nichts mehr so ist, wie es vorher war, und dass ihre Erwartungen hinsichtlich der Parameter, wie sich ihr eigenes Leben anfühlen soll, eben nichts weiter als Erwartungen sind, Erwartungen, die immer unhaltbarer werden, je weiter sie sich von diesem Fenster im SoHo Grand entfernt, durch die sie die Türme brennen sah.

Für  CayceP sind die Anschläge auf das Word Trade Center am 11. September 2001, bei denen sie ihren Vater verloren hat, ein einschneidendes Ereignis in ihrem Leben gewordenDoch nicht nur das:  In den gelungenen und wunderschönen Sätzen, in denen Gibson das groteske Grauen dieses Tages zu fassenversucht wird lesbar: Auch für ihn und sein Werkmarkiert 9/11 eine literarische ZeitenwendeEs können keine Visionen mehr entworfen werden, die Zukunft ist völlig unsicher. Dafür ist man in manchen Chefetagen dieser Welt aber auch dankbar: “ Wir haben jetzt vielleicht keine Gegenwart im Sinne einer gemeinsamen Vision“, lässt Gibson des Chef von Blue Ant konstatieren, „aber dafür sind wir wieder in die Realität zurückversetzt worden.“

Apophänie als Schicksal

Licht und Schatten. Die Wangenknochen eines Liebespaars im Vorspiel zum Kuss. Cayce läuft es kalt den Rücken runter. So lange haben sich die beiden noch nie berührt. Um die beiden lockert jetzt eine Textur das Dunkel auf. Beton?

Wo die utopischen und dystopischen Visionen verblassen, bleibt nur der Versuch der Mustererkennung. Das Motiv der Apophänie, des Erkennes von mutmaßlichen Zusammhängen zwischen möglicherweise auch unverbundenen Dingen, wird im Roman in gelungener Weise immer wieder aufgenommen: Wenn CaycePs Mutter im Rauschen der Tonbänder nach den Botschaften ihres verstorbenen Mannes sucht, um zu Antworten zu gelangen, wenn die Protagonistin mithilfe ihres Talentes die zukünftigen Trends zu prophezeien und anhand von Indizien den Einbruch in ihr Apartement zu rekonstruieren versucht, und wenn die Clips nicht nur auf einer aus ihnen selbst extrahierten Karte möglicherweise eine fiktive Welt der Erzählung kartographieren, sondern auch die Frage danach stellen , ob sie selbst  Teil einer kohärenten Erzählung sind – und deren Fortgang aus dem schon bekannten Teilen (?) erschlossen werden kann.

Wie die clipheads, die in Gibsons Roman über die Bedeutung der einzelnen Filmsequenzen rätseln und eine zukünftige zusammenhängende Handlung aus ihnen zu erschließen versuchen, müssen wir im 21. Jahrhundert, das mit 9/11 erst begann, es unternehmen, anhand der uns bekannten Realitätspartikeln den Fortgang der Geschichte und unsere Zukunft zu entschlüsseln. Die Frage, ob der Roman irgendwo verrät, ob dieses nach Gibsons Ansicht überhaupt noch gelingen kann, beantwortet nur: der eigene Versuch von Mustererkennung, das ich zur Lektüre wirklich nur empfehlen kann.