Philip Kindred Dick: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

Philip Kindred Dick: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

Der Vergleich zwischen einem literarischen Werk und seiner Verfilmung ist so eine Sache: Meistens bleibt doch der Film hinter seinem literarischen Vorgänger zurück – gleich ob man den Roman zuerst liest oder den Film als erstes schaut. Für den 1968 erschienenen Roman Träumen Androiden von elektronischen Schafen und den 1982 veröffentlichten Film Blade Runner gilt dieses aber nicht – zu sehr unterscheiden sie sich voneinander; möglicherweise ist das auch einer der Gründ dafür, dass der Film einen anderen Namen trägt als seine literarische Vorlage (neben der Tatsache, dass der Romantitel wahrscheinlich als Name des Kinofilms wenig Publikum angezogen hätte). Vielleicht ist aber auch gerade die eigene Natur des Filmes der Grund dafür, dass er so gut ist (er ist mein Lieblingsfilm). Tatsächlich sehe ich mich aufgrund der Unterschiede und meiner Begeisterung für Blade Runner außerstande, den Roman an diesem zu messen.  Deshalb werde ich ihn im Folgenden „behandeln“, als gäbe es den Kinofilm nicht (Für den Inhalt des Filmes und seine Beurteilung siehe man hier: http://dukesmovieblog.wordpress.com/2008/09/06/kurz-reingeschaut-blade-runner-usa-1982/)

Man schreibt das Jahr 1992, der WWT, der World War Terminus hat die Erde verwüstet, radioaktiver Staub liegt über den Megastädten, in die sich diejenigen Menschen zurückgezogen haben, die noch nicht zu den Kolonien ausgewandert sind. Aber auch diese werden vermutlich später zu den Sternen aufbrechen, denn die Gefahr, durch die Strahlung irgendwann zu erkranken und dann zu einem aus der Gesellschaft ausgeschlossenen special – womöglich einem halbdebilen chickenhead – zu werden, ist zu groß. Um das Leben in den Kolonien zu vereinfachen, werden immer bessere Modelle von Androiden konstruiert, das letzte, Nexus 6, ist vom Menschen nicht mehr zu unterscheiden, wäre da nicht ein ebenfalls immer weiter verbesserter Empathietest. Tatsächlich sind die Androiden teilweise zudem mit falschen biografischen Informationen ausgestattet, so dass sie selbst nicht einmal wissen, dass sie keine Menschen sind.

„I’m not a cop“. He felt irritiable , now , although he hadn’t dialed for it. „You’re worse“, his wife said, her eyes still shut,“You’re a murderer, hired by the cops.“

Rich Deckard ist ein Kopfgeldjäger, der für das San Francisco Police Department arbeitet und der sich in seiner kalten Ehe zunehmend alleine, verlassen und  mit seinen Problemen von seiner Frau unverstanden fühlt. Deckards Aufgabe ist es, entlaufende Androiden „in den Ruhestand zu schicken“.  Seine Chance bietet sich, als der eigentliche Kopfgeldjäger des Distriktes von einem der sechs Exemplare des Modells Nexus 6, nach denen er auf der Jagd ist,schwer verwundet wird. Und Deckard braucht das Kopfgeld dringend, denn im Gegensatz zu seinen Nachbarn verfügt er als Statussymbol zu seinem Leidwesen nur über ein elektronisches Schaf – und die noch lebenden Überbleibsel der aufgrund der Strahlung weitgehend ausgestorbenen Tierwelt sind teuer. Er macht sich auf zur Zentrale der Rosen Company, dem Hersteller des Nexus 6, um die Funktionalität seines Test sicherzustellen. Dabei lernt er Rachel Rosen kennen, die – wie er beim Teyst entdeckt – ein Nexus 6 ist. Sie bietet ihm ihre Hilfe bei der Jagd an. Deckard lehnt zunächst ab.

Empathy toward an artificial construct? he asked himself. Something that only pretends to be alive? But Luba Luft had seemed genuinely alive…

Bei seinem Versuch, einen als Opernsängerin getarnten Androiden, Lola Luft, auszuschalten, wird Deckard verhaftet und in ein Polizeirevier gebracht, das ihm bisher unbekannt gewesen ist – zu seinem Entsetzen muss er entdecken, dass die entflohenen Androiden eine Organisation geschaffen haben, um miteinander in Kontakt bleiben zu können. Mit Hilfe eines weiteren menschlichen Kopfgeldjägers, den Deckard aber eigentlich für einen Andoiden gehalten hat, kann er entkommen und Lola Luft töten. Spätestens jetzt beginnt er an seiner Aufgabe zu zweifel, denn die Unterscheidung zwischen Mensch und Android ist kaum möglich: Der kalte Charakter des anderen Kopfgeldjägers lässt ihn nachdenklich werden.

Die andere Hauptfigur des Romans  ist J.R. Isidure, ein chickenhead, der zufälligerweise in dem abbruchreifen Appartmenthaus wohnt, in dem die letzten drei gesuchten Nexus-6-Modelle Unterschlupf suchen. Er beschließt ihnen zu helfen.

Do Androids dream, Rick asked himself.

Bevor es zum Showdon in dem leeren Apartementhaus bei J.R. Isildure kommt, ruft Rick Deckard Rachel Rosen an und bittet sie ihm zu helfen – tatsächlich zweifelt er nämlich daran, ob er noch in der Lage sein wird, die Androiden zu töten, denn er beginnt Mitgefühl für seine „Opfer“ zu entwickeln. Auch der vorhergehende Kauf des so lang erträumten Haustieres vom schon ausgezahlten Kopfgeld hat seine Stimmung nicht verbessert. Rachel und er verbringen die Nacht miteinander, doch ist im Gegensatz zu Rick von Rachels Seite aus weniger Gefühl als vielmehr Berechnung dabei, dass sie mit ihm schläft – sie will die anderen Androiden vor ihm schützen, ihn emotional destabilisieren, sodass er seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen kann.

„If I could legally marry you, I would“ […] And in two years he thought, you’ll wear out and die. Because we never solved the problem of cell replacement, as you pointed out. So I guess it doesn’t matter anyhow.

Wie auch der Film stellt der Roman gelungen die immer noch unbeantwortete Frage danach, was den Menschen eigentlich ausmacht, was ihn von der Maschine – und sei sie noch so hoch entwickelt – unterscheidet. Die Antwort des Romans ist das Mitleid, die Zuneigung und die Aufopferungsfähigkeit für andere, sie machen den Unterschied aus, gerade weil die Grenzen zwischen Mensch und Android  zu verschwimmen beginnen, wenn bounty hunter vorschlagen, erst mit der Beute zu schlafen, bevor man sie tötet, wenn auch Rick Deckard eigennützig Rachel Rosen in sein Hotelzimmer bittet, um später emotionslos über ihre nur noch kurze Lebensspanne zu reflektieren und wenn die menschlichen Figuren (I was in an 382 mood) ihre Gefühle für den jeweiligen Tag elektronisch steuern, die Androiden jedoch (möglicherweise) in ihrem Sklavendasein von der Freiheit oder eigenen elektronischen Schafen träumen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s